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Bilder aus meinem Leben

Charitas Bischoff: Bilder aus meinem Leben - Kapitel 21
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authorCharitas Bischoff
titleBilder aus meinem Leben
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrunSechsunddreißigstes Tausend
year1922
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An der Alster 24a

Als wir aus der Apotheke auf die Straße traten, waren bereits die Gaslaternen angezündet. Ein elegant gekleideter, hübsch aussehender Herr begegnete uns, er nahm den Hut ab und grüßte die Mutter ehrerbietig.

»Mutter!« rief ich erstaunt, »hat er dich gegrüßt?«

Die Mutter nickte gleichmütig. Mich regte die Sache sehr auf, und ich fragte weiter: »Kennst du ihn denn? Ist es ein Apotheker?«

Die Mutter lachte belustigt und sagte: »I bewahre, er denkt nicht dran! Aber willst du dich mal nicht umsehen! Das schickt sich nicht!«

»Aber wer ist denn nur der feine, hübsche Herr?«

»Ich weiß nur seinen Vornamen, und der kann dir ja gleichgültig sein!«

Seinen Vornamen? Das war ja erst recht sonderbar, und ich wollte gerade weiter fragen, aber da traten wir aus der Straße heraus, und was ich da vor mir sah, ließ mich den hübschen Herrn mit seinem geheimnisvollen Namen vergessen.

Vor uns lag eine breite Wasserfläche, die durch eine Brücke, auf deren Mitte malerisch eine Windmühle stand, begrenzt wurde.

»Das ist die Alster, und da weiterhin siehst du die Lombardsbrücke.«

Staunend bewunderte ich.

»Hier, wo wir sind, das heißt der Jungfernstieg.«

Ich schaute in die Tiefe des Wassers. Wie ein unendlich großer, geheimnisvoller Saal erschien mir das große Wasserbecken, kühl, weit, rund herum geschmückt mit zitternden Feuersäulen. Wie schauerlich tief senkten sie sich hinab. War der Saal belebt? Wer hauste da unten? Kühl, vornehm war es, und doch lockte es.

Ich war so versunken in diesen Anblick, daß die Mutter mich am Arm nehmen mußte, um mich weiter zu bringen.

Wir gingen eine Strecke am Jungfernstieg entlang, und ich sah in die hellerleuchteten Läden. Alle Pracht der Welt schien mir hier zusammengedrängt. Diese Lichtfülle! In kleinem, dichtgedrängtem Raume blühten hier mitten im Winter Blumen von märchenhafter Schönheit. Daneben waren Früchte so üppig und farbensatt, daß man sich ins Morgenland versetzt glaubte. Nun kamen funkelnde Juwelen in Gold gefaßt. Der Mutter machte mein Verwundern und Entzücken Spaß, aber sie mahnte zum Weitergehen.

Nachdem wir eine Strecke gegangen waren, sagte sie: »Dies ist das Ferdinandstor. Wir müssen aufpassen, daß wir vor zehn Uhr zurückkommen, sonst ist es geschlossen, und wir müssen einen Schilling bezahlen, wenn wir wieder in die Stadt wollen.«

»Dann sind wir doch längst zurück,« sagte ich, »hier ist ja nichts mehr zu sehen, hier sind ja keine Läden mehr.«

Ja, hier war's still, zur Linken hatten wir die Alster, und zur Rechten standen stille, vornehme Häuser, denen sorgsam gepflegte Anlagen vorgelagert waren. Zielbewußt durchschritt jetzt die Mutter diese Anlagen und steuerte auf eins der Häuser los. Erleuchtete Fenster, gerade wie ich sie in Berlin gesehen hatte, lagen zum Teil in gleicher Höhe mit dem Erdboden, zum Teil reichten sie in die Tiefe. Keine Gardine wehrte uns den Einblick, und die Mutter schlug vor, ich möge mir das Treiben da unten doch mal ansehen. Ich hatte aber mit dieser Art Fenster böse Erfahrungen gemacht, und ängstlich zupfte ich die Mutter am Rock und sagte: »Durch solche Fenster darf man nicht gucken, die Leute schicken zur Polizei, und man wird eingesperrt!«

Da lachte die Mutter und sagte: »Warum nicht gar! Was hast du denn für Räubergeschichten im Kopf? Guck' du ruhig da hinunter, es geschieht dir nichts. Nur sei ein bißchen leise, sie brauchen uns ja nicht gerade zu sehen!«

Ich kauerte mich ganz dicht ans Fenster, die Mutter stand daneben und erklärte in leisem Flüstertone: »Das ist eine Hamburger Küche in einem vornehmen Hause. Der weiße Fußboden ist aus Marmorfliesen. Die leuchtenden, weißen Wände sind aus Kacheln hergestellt. Sieh das blitzende Kupfergeschirr! Die Ältere der beiden weiblichen Gestalten ist die Köchin. Ja, hübsch ist die weiße Mütze mit den bunten Seidenbändern. Die andere im hellen Kattunkleid ist das Kleinmädchen.«

»Aber sie ist doch nicht klein,« flüsterte ich.

»Sie heißt wohl Kleinmädchen, weil sie so hunderterlei verschiedene kleine Arbeiten im Hause verrichten muß,« antwortete die Mutter.

»Und der feine Herr vor dem großen silbernen Teebrett, der so schön die Fruchtschale schmückt?« fragte ich und zeigte mit ausgestrecktem Finger auf einen schwarzgekleideten Herrn, dessen Gesicht vom Fenster abgekehrt war. Die Mutter gab mir einen Klaps und sagte: »Wer zeigt denn mit Fingern auf die Leute!«

Jetzt drehte sich der Herr um – und – – fast hätte ich laut aufgeschrien vor Überraschung. »Mutter!« sagte ich aufgeregt, »siehst du es? Das ist ja der hübsche Herr, der dich vorhin grüßte!«

»Na,« sagte die Mutter, »dann hast du ja alles gesehen, nun komm nur, wir wollen weiter.«

Zu meinem Staunen erstieg die Mutter die Stufen, die zu dem Hause führten. Verwundert sah ich mich in der Halle um. Lebensgroße, weiße Figuren standen in Nischen und wurden von einer bunten Ampel magisch beleuchtet. An der großen Glastür klingelte die Mutter, und noch ehe ich alle Einzelheiten betrachtet hatte, stand der hübsche Herr aus der Küche, in Frack und weißer Halsbinde vor uns, das silberne Teebrett mit der Fruchtschale balancierte er geschickt auf der einen Hand, während er uns mit der andern die Tür öffnete.

Ich war ganz Ergebenheit und Ehrfurcht und knixte und dienerte. Daß ein so vornehmer Herr das nicht beachtete, wunderte mich nicht.

»Die Herrschaften sind noch bei Tisch, aber ich bringe schon den Nachtisch herauf. Wollen Sie nur bitte so lange in der Bibliothek Platz nehmen!« Er öffnete eine Tür, wir traten in einen matt erleuchteten Raum, und der Herr verschwand. Die matte Beleuchtung dämpfte unwillkürlich unsere Stimmen. Wir setzten uns, und ich fragte beklommen: »Wo sind wir denn?«

»An der Alster 24a,« flüsterte die Mutter. Ich sah mich staunend um. Ein geräumiges, hohes Zimmer, in der Mitte ein großer, mit grünem Tuch bezogener Tisch, an der Wand rechts riesige Glasschränke, die bis an die Decke reichten, angefüllt mit Büchern. Vor uns am Fenster ein großer Globus, links mehrere Türen und an der Wand ein Ölgemälde. Aus breitem Goldrahmen schauten ernst aber gütig ein Paar große, braune Augen auf uns; der Blick war so lebendig, daß ich fast verlegen wurde. Ich wollte gerade fragen, wer der Herr sei, als ich hörte, daß oben eine Tür geöffnet wurde. Dann vernahm ich heiteres Lachen und Plaudern. Die Tür wurde auseinandergeschoben, und im Rahmen derselben erschien ein bildschönes Paar. Da war ja auch unser bekannter Herr! – Er schraubte an der Lampe, und zu meinem Schreck war der Raum plötzlich taghell erleuchtet. Gut, daß ich so weit im Hintergrunde saß! Jetzt trat das Paar näher und sah sich suchend um. Die Mutter stand auf und begrüßte die beiden als: »Herr und Frau Doktor.« Ich hörte zu meinem Staunen, wie die Dame fragte: »Aber liebe Frau Dietrich, haben Sie denn noch immer keine Nachricht von Ihrer Tochter?«

»Sie ist hier, Frau Doktor. Kind, komm her,« sagte sie zu mir, »und sag' Herrn und Frau Doktor guten Tag!«

Ach, ich sollte herzu, und ich hätte mich am liebsten hinter der Mutter versteckt! In Reichtum, Schönheit und Jugend erstrahlte das Paar, das da vor mir stand. Geblendet, im Gefühl gänzlicher Nichtigkeit stand ich vor den beiden. Freundlich reichten sie mir die Hand, und die Dame fragte nach meinem Namen.

»Das ist ja ein schöner Name,« sagte sie freundlich, »jetzt setz' dich mal ein Weilchen in dieses Zimmer.«

Sie deutete nach dem angrenzenden Raum, ich zögerte, – ohne die Mutter? Die nickte mir schweigend zu, ich merkte, daß ich gehorchen sollte. Sie sandte mir einen langen, ernsten Blick nach.

Kaum hatte ich das bezeichnete Zimmer betreten, als hinter mir die breite Tür mit einem eigentümlichen Geräusch zusammenrollte. Ich befand mich in einem nicht großen, aber märchenhaft prächtigen Räume, wo es hell und warm war. Ich wagte nicht, mich zu rühren. Träumte ich? Ein warmes, sattes Blau umgab mich. Blau war die prächtige, dicke Decke, auf der ich stand, blau waren die schweren Vorhänge an der Tür neben mir, und mit dickem, blauem Rips waren die Möbel bezogen. Ein Fenster war hier nicht, statt dessen führte eine breite, offene Glastür in einen märchenhaft beleuchteten kleinen Palmengarten. Eine große, bunte Glaslaterne brachte die wunderbarsten Lichtwirkungen hervor. In einem goldglänzenden Käfig schaukelte sich ein farbenprächtiger, ausländischer Vogel. An den Wänden hingen große Bilder, deren Sinn ich mir nicht deuten konnte. Ich hatte reichlich Zeit, mir alles in Ruhe zu betrachten. Da – der rollende Laut hinter mir, – Herr und Frau Doktor traten ein und schlossen hinter sich die Tür. – Wie sonderbar, daß die Mutter und ich getrennt wurden? Ich heftete meine Blicke fragend auf die Tür. Durfte ich denn nicht zu ihr hinein?

»Du stehst noch?« sagte Frau Doktor, »nimm dir einen Stuhl und setz' dich mit hier an den Tisch!«

Ich tat verwirrt, was mir geheißen war. Herr Doktor sagte: »Na, nun erzähl' uns mal etwas aus deinem Leben.«

Ich krampfte die Hände ineinander vor innerer Pein. Was sollte ich denn erzählen?

»Konntest du denn leicht wegkommen von den Leuten, wo du zuletzt warst?« fragte Frau Doktor.

Mit dieser bestimmten Frage warf sie mir das Seil zu, mit dessen Hilfe ich mich weitertasten konnte. Ich erzählte von meinem Erlebnis in der Scheune, von Lehmanns und von meinen Abschiedsbesuchen, und ich schloß: »Nun muß ich nur Mutter bitten, daß ich gleich morgen zu Pastor Meinel darf, das habe ich versprochen.«

Herr Doktor sagte freundlich aber ganz bestimmt: »Nein, dahin gehst du nicht!«

Hörte ich recht? Das konnten Doktors ja gar nicht hindern, was ich morgen mit der Mutter tat. Aber ich wagte nicht zu widersprechen.

»Siehst du den weißen Knopf an der Wand? Zieh mal dran,« sagte Frau Doktor.

Kaum saß ich wieder, da erschien der hübsche Herr im Frack und mit der weißen Krawatte.

»Bitte, Johann,« sagte Frau Doktor, »bringen Sie doch dem Kinde ein gestrichenes Rundstück und eine Tasse Tee.«

Ich horchte hoch auf. »Ich bin nicht krank,« sagte ich eilig, denn der Herr war schon im Hinausgehen.

Alle drei lachten, und Frau Doktor sagte: »Machen Sie nur gleich alles zurecht.«

Johann, jetzt wußte ich also auch seinen Vornamen, brachte bald das Gewünschte, und ich fand das süße Getränk sehr wohlschmeckend. Als ich fertig mit Essen und Trinken war, erhob ich mich und sagte voller Unruhe mit einem fragenden Blick auf die Tür ins Nebenzimmer: »Darf ich nun nicht wieder zu meiner Mutter? Sie wird warten!«

»Dachtest du, deine Mutter sei noch hier? Die ist längst fort.« Ja? Was nun?

»Ich muß fragen,« sagte ich beklommen, »wenn nun aber das Ferdinandstor geschlossen ist, dann muß ich einen Schilling bezahlen, und ich habe gar kein Geld!«

»Dann mußt du wohl lieber bei uns bleiben. Komm!«

Nein, wie konnte ich wohl! Frau Doktor trat mit mir auf die Vordiele und rief: »Fräulein Elise!« Ein Fräulein erschien, und Frau Doktor sagte: »Bitte, liebes Fräulein, bringen Sie dieses Kind zu Bett!«

Sprachlos stand ich am Fuß der Treppe. Frau Doktor war ins blaue Zimmer zurückgekehrt, und die junge Dame wartete, daß ich ihr die Treppe hinauf folgen sollte.

»Ich kann doch nicht hier bleiben,« sagte ich, »meine Mutter und Madame Piepenbrink warten auf mich.«

»Komm nur, die warten nicht! Deine Mutter weiß, daß du hier bleibst. Dein Bett ist zurecht.«

»Aber – wo bin ich denn hier?«

»An der Alster 24a!« sagte das Fräulein lächelnd.

Wie im Traum stieg ich die mit Teppichen belegten Treppen hinauf, – drei zählte ich. In einem einfachen Zimmer, das mir aber sehr schön schien, stand ein weiß bezogenes Bett, ein kleines Sofa mit einem Tisch davor. darauf stellte das Fräulein das Licht, gab mir freundlich die Hand und verließ mich.

Sobald Fräulein Elise hinaus war, löschte ich das Licht. Es war doch schade um die schöne Kerze, und ich war gewohnt, im Dunkeln zu Bett zu gehen. Sinnend setzte ich mich noch ein Weilchen aufs Fensterbrett. Da, tief unter mir, liegt eine neue, unbekannte Welt. Über mir aber wölbt sich derselbe Himmel, blinken dieselben Sterne, wie über der sächsischen Heimat, wenn auch der Nebel sie verhüllt. Über Bekanntem und Unbekanntem regiert derselbe Gott. »Ich will dich nicht verlassen noch versäumen,« die Zuverlässigkeit dieser Verheißung hat er bewiesen. Er hat mich aus dem stillen Dörfchen sicher in die große Weltstadt geleitet, – sollte er nicht weiter helfen?

Im Bett führen Müdigkeit und Aufregung noch einen harten Kampf miteinander. So viele Rätsel drängen nach Lösung. Noch nach dem Abendgebet wogen die verschiedensten Bilder kaleidoskopartig an der Seele vorüber. Schon halb im Traum sehe ich mich in einer qualmigen Stube auf der Ofenbank sitzen. Aber das ist ja schon lange, lange her! Laß sehen! – Heute früh um vier erst! War es denn möglich, daß man an einem einzigen Tage soviel erleben konnte? Ach, die gute Madame Piepenbrink! »En söte Deern! Wenn se bi mi bliest, schall se min beten Kram kregen.«

Ob es wohl noch einmal wieder so schön wird wie heute mittag? Die lange, kalte Reise hinter mir, das Bündel weggeworfen, das Herz so leicht und froh, ja soviel Liebe auf einmal, auf plattdeutsch und auf hochdeutsch! – Ach, so schön kommt es gewiß nicht wieder, Etwas ganz, ganz Schönes, das dauert immer nur sehr kurze Zeit, dafür habe ich doch längst Erfahrung! Oder sollte morgen? Warum ich wohl in diesem fremden, vornehmen Hause bin? Gleich morgen früh will ich zur Mutter, ich habe ihr soviel zu erzählen, soviel zu fragen. Und meine Geschenke will ich mir holen.

Mutter! – Du wolltest mir an diesem ersten Tage in Hamburg keinen Kummer machen, aber – du hast mir nicht »gute Nacht« gesagt. Gute Nacht, liebe, liebe Mutter! –

Ein langgezogener, schriller Pfiff weckt mich. Der Morgen dämmert, erschrocken fahre ich in die Höhe, – ach, ich habe sicher die Zeit verschlafen, das kommt von den verworrenen Träumen! Auf dem Huthause muß das Glöckchen schon lange zur Schicht gerufen haben. – Aber, – wo bin ich denn? – ! Ja so! Schnell das kurze, rot und gelb gestreifte Flanellröckchen über. Ich sehe mich prüfend und ratlos um. Nichts anderes habe ich bei mir als meine besten Sachen. Es wäre doch Übermut, gleich in aller Frühe, an einem gewöhnlichen Werktag, die weißen Strümpfe und das Konfirmationskleid anzuziehen. Erst arbeiten! Aber was? Ich schaue prüfend auf die Diele, sie erstrahlt in bräunlich mattem Glanze, und es steigen Zweifel in mir auf, ob die mit dem Strohwisch und Sand bearbeitet werden darf; sie hat auch keine Bearbeitung nötig, denn kein Stäubchen ist zu entdecken. Ich mache mein Bett und sehe mir mit scheuer Bewunderung den eleganten Tisch mit der Marmorplatte und dem schönen Porzellangeschirr an. Damasttücher liegen dabei, die glänzen wie Seide. Ansehen darf ich wohl alles, – nur nichts anfassen! Hier ist der weiße Kachelofen, ich öffne die Ofentür, da hat Feuer gebrannt, da liegen Schlacken, da ist Asche, – damit weiß ich umzugehen. Ich ziehe die Schieblade heraus und packe sie mit beiden Händen hübsch voll. Das krause Haar fällt mir im Eifer der Arbeit ins Gesicht, ich streiche es mit den schwarzen Kohlenhänden zurück. Nun aber, – wohin mit der Asche?! Ich öffne mit unsicherer Hand die Tür, das Treppenhaus ist noch ganz dunkel, – gut, daß Zündhölzer und Licht da sind. Ich nehme Licht und Asche und begebe mich auf Entdeckungsreisen. Hinunter, – immer hinunter, bis dahin, wo die weißschimmernde Küche ist. Hier unten war doch gestern abend soviel Leben und Bewegung, da mußte doch die Köchin sein, und die würde auch Arbeit für mich haben. Ach, aber alles war so fremd, so dunkel und still. Eine Angst überkommt mich, als ich die leere Küche betrete. Im unsicheren Morgengrauen hatte der Raum ein ganz anderes Aussehen. In einem der dunklen Gänge wird vorsichtig eine Tür geöffnet, die alte Köchin kommt, aber ohne die weiße Mütze mit den lila Seidenbändern.

Ich halte ihr höflich bittend den Aschekasten entgegen, aber wie erschrecke ich, als sie entsetzt die Hände zusammenschlägt und scheltend ruft: »– Na, nun habe ich doch in meinem ganzen Leben nie dergleichen gesehen! Bist du denn ganz verrückt? –! Nicht viel mehr als ein Hemdchen hast du an! –? Barfuß läufst du hier auf den Marmorfliesen herum! – Den Tod wirst du dir holen! – Nein, und wie du aussiehst! – Alle Asche hast du dir ins Gesicht gewischt! Konntest du denn nicht im Bett bleiben, bis ihr da oben aufsteht? Was willst du? Wo du dich waschen sollst? Kennst du etwa keinen Waschtisch? Er steht dicht beim Ofen! Helfen willst du mir?! – Ach du meine Güte! Kannst ja mit dir selber nicht fertig werden. Laß doch nur die Aschschieblade! Mach' lieber, daß du schnell wieder hinaufkommst. Nimm dich ja in acht, daß dir Johann nicht begegnet in dem Aufzug!«

Aufgeregt, klopfenden Herzens huschte ich ängstlich die Treppen hinauf. Als ich den zweiten Absatz erreiche, höre ich zitternd, wie leise eine Tür geöffnet wird, und o Schrecken! Vor mir steht eine Gestalt in schneeweißem, langem Gewande. Sprachlos starre ich die Erscheinung an, das Licht zittert in meiner Hand. Ein Gespenst! Aber dieses Gespenst hat eine sanfte Stimme, es nennt mich bei Namen! Ein Paar große, gute Augen gleiten staunend über meine dürftig bekleidete Gestalt, und die Stimme sagt in ernst verweisendem Ton: »Aber Charitas! – Wie siehst du denn aus? – Wer geht denn in diesem Aufzug aus seinem Zimmer! Denk' mal, wenn Johann dich so sähe! Geh sofort hinauf, und wenn du wirklich schon aufstehen willst, dann zieh' dich sorgfältig an, in einer halben Stunde komme ich zu dir.«

Das war kein Gespenst, es war Fräulein Elise!

Ich sollte also tatsächlich trotz des Werktags schon in aller Frühe meinen besten Staat anziehen! Bis Fräulein Elise mit dem Kaffee kommt, setze ich mich ans Fenster und sehe mir die Alster bei Tagesgrauen an. Nichts hat den Zauber vom vorigen Abend, trotzdem stolze Schwäne über die leicht gekräuselte Fläche gleiten. Der Kopf ist mir dumpf, mich friert trotz des Kleides. Alles ist so unwirklich, fremd und einsam. Leute, von dieser Höhe gesehen, nehmen sich aus wie Puppen. Da bringt Fräulein Elise das Frühstück, sie trinkt mit mir, ich fühle mich aber ängstlich und befangen.

Nach dem Kaffee gehen wir eine Treppe tiefer in ein helles, großes Zimmer. »Das ist das Zimmer von Hans; setze dich hierher, Hans wird bald selbst kommen.« Ich schaue mich verwundert um, – wer mochte »Hans« sein? Wahrscheinlich ein gelehrter junger Herr, ein Student vielleicht, denn an der Decke war ein gewaltiger Sternenhimmel, und an den Wänden hingen Landkarten und Papptafeln allerart, die bildlich die verschiedenen Teile des menschlichen Körpers darstellten. Da war das Herz, der Blutumlauf, Lunge, Leber und dergleichen mehr. ›Er wird wohl Arzt sein,‹ dachte ich bei mir selbst und schaute mit einer Art Grauen auf die deutlichen Darstellungen. Da öffnete sich die Tür, Frau Doktor – ach, wie war sie doch jung, schön und vornehm – tritt herein, sie führt an der Hand einen siebenjährigen hübschen Knaben. – War das etwa Hans? Hans, dem dieses gelehrt aussehende Zimmer gehörte? Richtig! Frau Doktor reichte mir freundlich die Hand, während ihr prüfender Blick meine Gestalt überflog.

»Hans,« sagt sie, »dies ist Charitas. Zeig' ihr mal deine Sachen, und nachher gib ihr eins deiner Hefte und eine Feder; wenn Herr Krus kommt, mag sie unter seiner Aufsicht schreiben. Ich erwarte, daß du dich durch Charitas nicht beim Unterricht stören läßt.«

Ich faßte mir ein Herz und fragte, ob ich nun nicht zur Mutter dürfe. Frau Doktor sagte: »Ich fürchte, die wirst du kaum zu Hause treffen; wenn sie Zeit hat, wird sie dich wohl besuchen.«

Als Frau Doktor gegangen war, schloß Hans seine Schränke auf. – Wie ich staunte! Wie war es nur möglich, daß ein Kind so viele und so schöne Bücher hatte. Alle waren sie so schön gebunden und so gut erhalten, – ach und Bilder waren darin! Wie mußte es köstlich sein, darin nach Herzenslust lesen zu dürfen! Ich vertiefte mich sofort in eins der Bücher, Hans lachte, nahm es mir aus der Hand und sagt«: »Gib her! Das muß alles wieder hübsch in Reih und Glied. Es ist häßlich, wenn eine Lücke entsteht. – Hast du auch viele Bücher?«

»Ich nicht, aber mein Vater hat einen ganzen Schrank voll, in vielen kann ich aber nicht lesen, es sind botanische Werke.«

»Hast du selber denn keine?«

»Ja, ich habe drei Bücher: die Bibel, das Freiberger Gesangbuch und Joseph, das sind aber Gedichte.«

»Sind die Gedichte alle von Joseph? Wer ist Joseph?«

»O, du weißt doch, wer Joseph ist! Der Sohn von Jakob, der von seinen Brüdern verkauft wurde!«

»Sind Bilder in dem Buche?«

»Nur eins, wie Joseph dem Pharao die Träume deutet.«

»Zeig' mal!«

»Ich habe es bei Madame Piepenbrink. Geh mal mit hin, da will ich es dir zeigen. Aber du mußt nicht denken, daß es ein schönes Buch ist. Der Einband ist lose, und es hat häßliche Flecken.«

»Na, du! Wenn das Papa und Mama sähen! Ich darf kein fleckiges und kaputtes Buch haben, und du bist doch schon so groß!«

»Ich hab' immer daraus gelernt,« sagte ich leise.

»Wer gab es dir auf?«

»Niemand, ich lernte die schönen Verse, weil ich sie gern mochte.«

»Sag' doch mal was auf, wenn es so schön ist.«

»Ja!« sagte ich erfreut, »sehr gern! Soll ich dir mal die Vorrede aufsagen?«

»Lernt man die auch? Ich will mal Herrn Krus fragen, ob man auch Vorreden lernt.«

»Hör' mal diese, die mußt du mögen! Du siehst es alles vor dir, paß mal auf: ›An Philippine!‹ Das ist nämlich die Freundin, an die Katharine die Gedichte schickt, weißt du?«

Hans nickte, und ich sagte mit viel Gefühl auf: »Gewiß erinnerst du, liebes Herz, dich noch ebensogern wie ich der fröhlichen Kinderzeit, da wir zusammentrafen in dem schiefergedeckten Schulhause am kleinen Hügel. Es war ein freundlicher Punkt in unserm schönen Tal, grüner Rasen und duftender Thymian deckten seinen sanften Rücken – –«

Hans gähnte und sagte: »Hör', doch nur auf! Steht nichts anderes in dem Buche, dann geh ich nicht mit dir, ich will gar nichts mehr davon hören,« und er fing plötzlich an zu singen:

»Schleswig, Holstein, stammverwandt,
Wanke nicht, mein Vaterland!«

Dann sagte er: »Kannst du weben?«

»Weben?« fragte ich erstaunt, »nein, wie sollte ich wohl weben können?«

»Aber ich!« sagte Hans. Er ging in die Nähe des Fensters und setzte sich tatsächlich vor einen allerliebsten kleinen Webstuhl. Er warf geschickt das Schiffchen von einer Seite zur andern und zeigte mir, daß er schon ein ganz großes Stück von einem breiten, bunten Bande hatte.

»Den hat mein Papa selbst erfunden!« sagte er stolz, »oben auf dem Boden haben wir viele, viele Webstühle. Und oben ist auch eine Hobelbank, daran tischlere ich. Soll ich dir mal was tischlern?«

»Ach nein,« sagte ich verschämt, »was sollte das denn auch sein?«

»O, ich kann dir einen Nähkasten tischlern. Schade, daß Weihnachten gerade gewesen ist, sonst würde ich dir ganz was Schönes machen.«

Ich war sehr gerührt und bedankte mich.

»Ich kann auch pappen, ich pappe oft mit Herrn Krus, und hier habe ich eine kleine Druckerpresse, damit kann ich drucken.«

Ich staunte! Was der kleine Hans doch alles konnte, und er war sieben Jahr! Ich konnte nichts, und ich war vierzehn!

Nun kam der viel erwähnte Herr Krus, und die Stunde begann. Ich sollte ja auch mit schreiben. Hans war durchaus korrekt, er saß so gerade, er hielt seine Feder tadellos, und die Buchstaben gestalteten sich unter seinen kleinen Händen sauber und regelmäßig. Aber die meinen! – Ach! –

Daß ich die Feder gar nicht mehr halten konnte! Ein Buchstabe purzelt über den andern, sie sehen dick und plump aus, unsicher stolpern sie auf der Linie einher. Ich schämte mich, legte den Kopf auf den Tisch und weinte. Ich möchte sie aufrichten und fahre mit der nassen Hand über die feuchten Buchstaben. So, nun wird's erst ganz hübsch! Ich sehe nach Herrn Krus hinüber und erwarte ein tüchtiges Donnerwetter, der bleibt aber ganz ruhig und sagt: »Gott, Herrjeh! Das solltest du doch lieber lassen, wenn sich nachher Frau Doktor das Heft ansieht, wird's ihr nicht gerade gefallen!«

Frau Doktor sollte das Heft sehen?!

»Reg' dich doch nur nicht so auf!« sagte Herr Krus, »deine Hände sind ja so geschwollen, du kannst ja keinen Federhalter halten, aber das gibt sich mit der Zeit.«

Welche Rätsel! Sollte ich denn hier weiter Schreibübungen machen?

Dann ging's zu Tisch. Wieder ein neues Zimmer! Hier war alles grün. Frau Doktor und Fräulein Elise, Hans und ich setzten uns. Johann bediente. – Es machte mir einige Mühe, die schweren, silbernen Gabeln zu handhaben, und mit Verlegenheit sah ich, daß man zum Essen beide Hände brauchte.

Später fragte ich Hans, weshalb sein Papa nicht mit äße.

»Papa und Mama essen erst um sieben Uhr zu Mittag, solange hat Papa in der Fabrik oder auf dem Kontor zu tun. Dies ist Mamas zweites Frühstück.«

Am Nachmittag holte mich Fräulein Elise in ein rotes Zimmer, sie nannte es das Ankleidezimmer. Hier lagen allerhand Kleidungsstücke, die mir anprobiert wurden. Da ging eine wunderliche Metamorphose mit mir vor sich. Passen tat nichts. Einen langen Wintermantel, der auf eine weite Krinoline berechnet war, bekam ich an, auf den Kopf setzten sie mir einen Kapothut mit breiten, grünen Bindebändern, und über die dicken Hände zwängte ich mir Glacéhandschuhe an. Eine wunderliche kleine Person sah mir aus dem Spiegel entgegen. Frau Doktor und Fräulein Elise hatten großen Spaß an der Verkleidung.

Frau Doktor trat dann an die Wand und öffnete einen kleinen Deckel, man sah nun in ein Loch, hier hinein rief Frau Doktor: »Bitte, Johann, einen Wagen!« Mein Blick hing wie gebannt an dem Loch in der Wand. Hier geschahen ja die wunderbarsten Dinge! Würde vielleicht Herr Johann durch irgendwelchen Zauber da herausspazieren? Ich war auf alles gefaßt! Es geschah aber diesmal nichts anderes, als daß unten eine Kutsche vorfuhr.

»Neue Burg 13!« sagte Frau Doktor zum Kutscher, sie stieg in den Wagen, dessen Tür Johann geöffnet hatte, dann sagte sie zu mir: »Komm!« als sei es die selbstverständlichste Sache von der Welt, daß ich in der Kutsche ausfuhr. Als ich so großartig auf dem Rücksitz saß, dachte ich: ›Was wohl Gustel und Fritz jetzt sagen würden, wenn sie mich so fein in der Kutsche fahren sähen!‹

Nun hielt der Wagen. Frau Doktor zeigte auf eine kolossale, dunkle Masse und sagte: »Sieh, da wird eine wunderschöne Kirche gebaut, wenn sie fertig ist, wird sie eine der schönsten Kirchen in ganz Deutschland sein.« Es war die Nikolaikirche.

Wir stiegen eine Treppe hinauf. Frau Doktor sagte: »Nun hör' gut zu, ich frage dich nachher und werde sehen, ob du gut aufgepaßt hast!«

Was nun wohl vor sich ging?

Wir traten in einen erleuchteten Saal, wo an einem langen Tische viele erwachsene junge Mädchen saßen. Alle erhoben sich bei unserm Eintritt und begrüßten Frau Doktor mit größter Ehrerbietung. Ich durfte mich dicht zu ihr setzen. Mir gegenüber, an der Wand, stand eine Büste, sie stellte einen alten Mann dar, sein Haar war lang und in der Mitte gescheitelt. Unter der Büste las ich die Worte:

»Kommt, laßt uns unsern Kindern leben!«

Wie wunderbar war es hier! Die vielen fremden Gesichter, deren aller Blicke mit gespanntester Aufmerksamkeit an Frau Doktors Lippen hingen. Und das war das, was ich am besten verstehen konnte. Auch meine ganze Seele war völlig in ihrem Bann! Wie schön sie war! Meine Phantasie war geschäftig, sie auszuschmücken mit all den Diamanten, die ich im Laden gesehen hatte, für wen war denn so etwas, wenn nicht gerade für sie? Gerade als ich am besten Herausputzen war, traf mich ein langer Blick der braunen Augen. Ich schrak heftig zusammen. Ich sollte doch aufpassen! Wenn sie meine Gedanken hätte lesen können! – Ein klares, schönes Deutsch sprach sie, und doch verstand ich nichts von dem, was sie da sagte.

»Haben Sie Ihre Faltschulen mit?« fragte sie jetzt gerade. Ich sah mich unwillkürlich hastig um, denn nun war doch sicher wieder etwas ganz Wunderbares in Sicht. Unter einer »Schule« konnte ich mir nur viele Kinder vorstellen, und so schaute ich jetzt mit Spannung nach der Tür, durch welche sie alle kommen mußten. Aber nichts dergleichen! Die jungen Mädchen öffneten große Mappen, die sie vor sich hinlegten.

»Fräulein Lühring, können Sie mir die drei Punkte wiederholen, die ich Ihnen das letztemal über das Falten gesagt habe?«

Mein äußeres Ohr hörte die Worte, aber ich konnte durchaus keinen Sinn damit verbinden. Frau Doktor stand auf und sah sich die Mappen an. Ich schaute in die Mappe meiner Nachbarin, konnte aber aus den viereckigen, weißen Papierdingern, die auf blaues, steifes Papier geklebt waren, nicht klug werden. »Aber,« hörte ich jetzt Frau Doktor sagen, »soll das vielleicht eine Schönheitsform sein? Durchaus nicht sauber und akkurat gearbeitet! – Sehen Sie,« sagte sie zu einer anderen, »es fehlt wieder an der guten Grundform! Merken Sie sich doch endlich, das findet auch auf die Erziehung im allgemeinen seine Anwendung: wenn Sie nicht schon bei den frühesten Anfängen einen guten Grund legen, so werden Sie mit Ihren Zöglingen nichts erreichen!« Sie bog korrigierend an verschiedenen Blättchen herum, dann wurden die Mappen geschlossen, und Frau Doktor sprach nun in zusammenhängender Rede sehr eindringlich auf die jungen Mädchen ein.

Gewisse Ausdrücke kehrten im Lauf der Rede wieder. Ich merkte, daß darauf besonderes Gewicht gelegt wurde. Ab und zu kam auch ein Schimmer des Verständnisses. Während meine Gedanken aber dabei verweilten, ging Frau Doktor schon wieder zu anderen Fragen über, die mich gänzlich verwirrten. »Schon von seinem ersten Erscheinen an muß das Kind erzogen werden. Das Haupterziehungsmittel ist die Liebe. Das ist so selbstverständlich, daß ich darüber wohl kein Wort mehr zu sagen brauche. Alle Erziehung muß lückenlos vorwärts schreiten, die eine Stufe muß sich ganz naturgemäß aus der vorhergegangenen entwickeln. Nur keine Sprünge! Das beste, greifbare Beispiel für dieses Gesetz bietet Ihnen gerade das Fröbelsche Faltblatt. Die schönsten Erfolge halten Sie in der Hand. Sie erreichen diese überraschende Wirkung aber nur durch das stetig stufenmäßige Welterentwickeln der Grundform. Ich kann es nicht genug wiederholen: auf eine gute Grundlage kommt alles an, ebensoviel wie auf die Vermittelung der Gegensätze. Sie wissen, wieviel Gewicht Fröbel auf die Vermittelung der Gegensätze legte!«

Das war wieder alles so neu und rätselhaft! Ich hatte nur das von der Liebe begriffen, aber die lückenlose Entwickelung und die Vermittelung der Gegensätze machten mir noch viel zu schaffen.

»Nun,« sagte Frau Doktor, als wir wieder im Wagen saßen, »hast du gut zugehört, und kannst du mir etwas wiedererzählen von dem, was ich mit den jungen Mädchen durchgenommen habe?«

Ich wagte nicht mit meinen paar zusammenhangslosen Brocken herauszukommen.

»Hast du dir die Büste angesehen, die da stand?«

Ja, angesehen hatte ich sie.

Frau Doktor sagte: »Das ist Fröbel! Hast du den Namen schon einmal gehört?«

Nein, das hatte ich nicht.

»Er hat die Kindergärten begründet. Weißt du, was ein Kindergarten ist?«

»Ja,« sagte ich erfreut, endlich antworten zu können. »Ein Kindergarten ist ein Garten, in dem Kinder sind.«

»Du bist fix fertig! Ganz so ist es nicht. In nächster Zeit sollst du einmal einen sehen, und dann kannst du dir mal überlegen, ob du wohl Kindergärtnerin werden möchtest. Dann mußt du alles das lernen, was du heute abend bei den jungen Mädchen gesehen hast.«

Ehe ich darauf antworten konnte, hielt der Wagen, Johann öffnete den Schlag und sprach zu Frau Doktor, darauf wandte sie sich zu mir und sagte: »Nun lauf aber mal schnell auf dein Zimmer, es ist Besuch für dich da!«

Das verstand ich, das konnte nur die Mutter sein! Nun ade, Fröbel – Grundformen, Schönheitsformen und Vermittelungen der Gegensätze! Nun mußten sich viele Rätsel lösen! Atemlos kam ich oben an.

In höchster Aufregung betrat ich das Stübchen, in dem ich letzte Nacht geschlafen hatte. Die Mutter stand mit ausgebreiteten Armen an der Tür, sie drückte mich nun leidenschaftlich an sich, dann hielt sie mich in Armeslänge von sich und betrachtete mich ernst, als sei ich ihr ganz neu und fremd, dann wischte sie sich die Augen und seufzte tief. Ich legte Hut und Mantel auf einen Stuhl, und wir setzten uns.

»Mutter!« rief ich, »was bedeutet dies alles? – Wo bin ich eigentlich? Niemand sagt mir das, was ich frage. Bei wem bin ich denn nur hier? – Weshalb schlief ich hier und nicht bei dir? – Warum gingst du denn so heimlich fort? – Ich horchte immer und sah auf die Tür, ich wunderte mich, daß du nicht auch mit in die blaue Stube kamst! Kennst du sie? Sie ist wunderschön! Mir ist hier so feierlich zumute, es ist, als ob ich das alles träume, ich denke immer, ob ich plötzlich in Voigtsberg wieder aufwache!«

»Nicht wahr?« sagte die Mutter lebhaft, »in dieser Umgebung und mit diesen Menschen ist man in einer andern Welt. Ich verstehe, wie es dich erregt, geht es mir doch selbst nicht anders. Vermutet man wohl, in einem so abgeschlossenen, vornehmen Hause soviel Teilnahme und Verständnis für Not und Kampf zu finden? Man meint, daß Menschen, die so leben, sich doch keine Vorstellung machen können, wie es unsereinem zumute ist.«

»Ja, ja,« fuhr die Mutter fort, »diese Häuser haben eben auch ihre Geschichte. Hast du unten das große Ölbild gesehen? Es stellt den Vater von Herrn Doktor vor. Siehst du, der ist in seiner Jugend auch arm gewesen, er hat sich auch hindurchringen müssen. Der Sohn hat Verständnis für den Kampf mit der Not des Lebens, er hat es sich förmlich zur Aufgabe gemacht, arbeitswilligen Menschen freie Bahn zu schaffen. – Ich bin doch viel in der Welt herumgekommen, habe viel Kränkungen und Mißverständnisse erfahren, zwischendurch allerdings auch, – und das erkenne ich dankbar an, – habe ich Liebe und Teilnahme gefunden. Beides hast du ja mit erlebt, denk' mal an Herrn Richter in der Salomonisapotheke und an Eshuys in Rotterdam! Nichts aber kommt dem gleich, was ich in diesem Hause erlebt habe! Zunächst fand ich das, was ich allerdings vermutete, – ein lebhaftes Interesse für die Naturwissenschaft. Die Botanik hat uns zusammengeführt. Dabei blieben sie aber nicht stehen. Sie fragten mich auch nach meinen persönlichen Verhältnissen. Nun, da habe ich ihnen vertrauensvoll alles erzählt. Selbstverständlich habe ich auch von dir gesprochen. Ach, was für Pläne sind in dem blauen Zimmer geschmiedet! Jetzt will ich nur hoffen, daß ich ihr Vertrauen nie täusche!«

Die großen, blauen Augen der Mutter schimmerten feucht, sie hatte in heller Begeisterung gesprochen, und ich betrachtete sie staunend und verständnislos, sie kam mir anders – größer vor. Was bedeuteten ihre Reden? – Von Aufgaben sprach sie?! Ich wurde unruhig und ängstlich. – Mit Spannung sah ich der Mutter in das erregte Gesicht. Sie reichte mir schweigend ein großes zusammengefaltetes Dokument. Meine Hände zitterten, verständnislos irrte der Blick über die Schrift. Ich sah nur, daß am Ende des Blattes zwei Namen standen. Der zu oberst stehende, in kühn geschwungenen Zügen geschriebene, war für mich unleserlich, desto bekannter war der zweite, denn das war in eckiger, altmodischer Handschrift der Name der Mutter.

»Was ist das?« fragte ich beklommen und legte das Papier neben die übrigen Schriften.

»Es ist der Kontrakt zwischen dem Kaufhaus Cäsar Godeffroy und mir, wonach ich mich verpflichte, auf zehn Jahre als Botanikerin nach Australien zu gehen.«

Weit riß ich die Augen auf, während es mir war, als griffe eine kalte Hand nach meinem Herzen.

»Du?« rief ich, »und nimmst du mich mit?«

»Nein, ich nehme dich nicht mit!« Als die Mutter sah, daß ich sprechen wollte, streckte sie, Schweigen gebietend, die Hand aus: »Laß!« sagte sie, »davon verstehst du nichts! Jede Reise hast du mir durch dein Jammern extra schwer gemacht! Glaubst du etwa, daß nur du leidest? – Du bist ja noch zu jung, als daß du einen Begriff haben könntest von Kämpfen, die mir auferlegt sind. – Ich konnte ja nicht zu Hause bleiben, und das was mich immer so niederdrückte, das war, daß ich trotz der größten Anstrengung nichts für deine Erziehung tun konnte. Das ist von nun an anders! Ich bin fest angestellt, habe eine bestimmte Einnahme, und das kommt in erster Linie jetzt dir zugute. – Du hast immer den Wunsch gehabt, etwas zu lernen, ich biete dir jetzt die Möglichkeit! Leichter wäre es mir, dich mitzunehmen, richtiger aber ist es auf alle Fälle, daß du hier bleibst. Das kannst du ja heute noch nicht einsehen, ich verlange es auch nicht. – Hier ist ein Brief vom Vater, er billigt alles, was geschieht. – Weine dich später aus, jetzt verdirb uns nicht die kostbaren Stunden kurzen Beisammenseins!«

»Und wo bleibe ich?«

»Vorläufig hier. Auch dein Geschick ist hier reiflich beraten. Ehe Doktors dich nicht gesehen hatten, sollte ich dir nichts von den Plänen verraten. Jetzt wirst du auf kurze Zeit hier bleiben, damit sie dich kennen lernen, dann wollen sie mir die Sorge abnehmen und bestimmen, wohin du zu deiner Ausbildung kommen sollst. Wenn du danach bist, wirst du hier immer dein Heim und an ihnen beiden treue Führer und Ratgeber finden. Siehst du das nicht als ein großes Glück an? Wenn du etwas gelernt hast, wirst du deine Kenntnisse als Erzieherin verwerten. Na, das sollte mir jemand geboten haben! Wir setzen jetzt die Leiter an, klettern mußt du selbst!«

»Wenn ich es nun nicht kann?«

»Was?«

»Mich hier hineinfinden, ich fühle mich doch so allein, so fremd. Und das Lernen! – Ich habe die Schule so unregelmäßig besucht. Ich bin sehr zurück!«

»Du bist kleinlich und feige!« sagte die Mutter streng. »Schrecke doch nicht vor Schwierigkeiten zurück! Diese tausenderlei albernen Bedenken! Dir sowohl wie mir wird ein Ziel gezeigt, dem wir nachstreben sollen, dürfen! Richte den Blick auf das Ziel! Scheue nicht die Dornen, die auf dem Weg liegen. Aufgaben haben wir beide zu erfüllen! Auch ich habe noch viel zu lernen. Meine Tätigkeit erweitert sich. Mit der Botanik ist's nicht mehr allein getan. Alles, was die Natur bietet, soll ich sammeln. Aber siehst du, große Aufgaben entwickeln die Kräfte, da wächst der Mut, und Freudigkeit durchströmt das Herz, wenn wir siegreich die Hindernisse überwinden. Werde nicht mutlos, wenn ich auch von dir gehe, suche Trost und Halt bei Gott! Ohne Leiden wird er dich nicht lassen; die gehören zur Erziehung, laß sie dir aber zur Stärkung und Abhärtung dienen! – Vor der großen Reise sehen wir einander noch wieder. Ich reise erst nach Holland und Sachsen, um sowohl von Eshuys wie vom Vater Abschied zu nehmen. Ich hoffe, er kommt nach, wenn er hört, daß Aussicht auf ein Fortkommen ist. Also unverzagt vorwärts! Immer aufwärts! Einem großen Ziel entgegen!«

 

»Wenn du dich danach hältst, darfst du vorläufig hier bleiben,« so hatte die Mutter gesagt, ehe sie abgereist war. Daß ich sie nun gerade in den ganz neuen Verhältnissen nicht bei mir hatte, um sie nach jedem, was mich in Zweifel und Unruhe versetzte, zu fragen, das kam mir sehr schwer an.

Ich ging unsicher und ängstlich in dem schönen, großen Hause umher. Es war kein Verbot an mich ergangen, aber ich fühlte, da waren Räume, die durfte ich nicht betreten; ich sah nicht, daß die Türen geöffnet wurden. Neugierig, atemlos lauschend stand ich davor, ich hörte von drinnen keinen Laut. Ob ich mal ein wenig öffnete? Aber wer weiß, was mir da passieren konnte! Pastors Hermine in Siebenlehn hatte uns einmal eine grausige Geschichte vom Ritter Blaubart erzählt; da war die, welche fürwitzig die Tür geöffnet hatte, schrecklich bestraft worden. Fräulein Elise stand so hoch über mir, die wagte ich nicht zu fragen. Wie oft sagte sie zu Hans: »Nun laß doch dein ewiges Fragen!« Hans stand mir in dieser Beziehung am nächsten, und als wir einmal allein da vorbeigingen, da fragte ich ihn, was wohl hinter diesen Türen sei?

»Das,« sagte Hans, »das ist der große Gesellschaftssaal, und daneben sind zwei Salons. Wenn ich sie dir auch zeigen wollte, du würdest nichts weiter sehen. Die Läden sind geschlossen, die Möbel sind zugedeckt, auch die Kandelaber und Kronleuchter sind ganz verhüllt. Aber wenn Gesellschaft ist! – Hm! – Dann solltest du mal sehen, was für eine Pracht da drinnen ist! Dann brennen die Kronleuchter, und die vielen Glaszapfen funkeln und blitzen, und dann hat Mama ein langes Samtkleid an, sie sieht dann aus wie eine Königin.«

Staunend horchte ich.

Hans plauderte weiter: »Aber auf Flighty sieht Mama auch ganz famos aus! Hast du sie noch gar nicht auf Flighty gesehen?«

Ich schüttelte verständnislos den Kopf. Es war merkwürdig, wie schwer ich die Menschen hier verstand, und dabei sprachen sie doch ein so schönes, reines Deutsch.

»Siehst du, Flighty«, fuhr Hans belehrend fort, »das ist Mamas Reitpferd. Ein feines Tier, sein Fell glänzt wie Moiré. Papa hat es Mama zum Geburtstag geschenkt. Ich ruf' dich, wenn sie ausreiten; vom Ankleidezimmer aus kann man sie fein sehen. Schneidig sieht Mama aus in ihrem langen Reitkleid, Zylinder auf dem Kopf und in der Hand die kleine Reitpeitsche!«

Hans hielt Wort, er holte mich zum Ausgucken.

Wie vielgestaltig, wie verwandlungsfähig war die Persönlichkeit von Frau Doktor! Wenn ich meinte, nun hätte ich ein festes Bild, eine bestimmte Vorstellung von ihr, da trat sie plötzlich in ganz neuer, reizvoller Erscheinung vor mein Auge.

Räumlich war ich durch drei Treppen von Doktors geschieden, innerlich, so schien es mir, waren wir durch Welten getrennt. Ob mir all das Unverständliche in meinem neuen Leben wohl jemals klar werden würde?

Es kam mir in meinem hochgelegenen Stübchen vor, als sei ich auf einen fernen, hohen Berg gezaubert, wo mich nichts Irdisches mehr berühre. Wenn noch wirkliches Leben in der Welt war, dann spielte es sich in unerreichbarer Ferne ab. Zum größten Teil führte meine Seele ein staunendes Traumleben. Selbst wenn ich herunterstieg und wir mit Fräulein Elise spazieren gingen, hatte ich der wirklichen Welt gegenüber dies Gefühl des Ferngerücktseins. Ruhig, ohne Ringen und Kämpfen, ohne ermüdet zu werden, ging man weiter; aber man trat unterwegs auch zu keinem Menschen in Beziehung, alle gingen sie kalt, grußlos aneinander vorüber. Wenn ich forschend an den hohen Fenstern hinaufschaute, so nickte niemand, es winkte auch keine Hand, Teilnahme in Freud und Leid von uns heischend. Hätte man mich in diesen Tagen gefragt, ob ich glücklich sei, dann hätte ich geantwortet: »Ja, natürlich!« Es fehlte mir doch an nichts, und niemand tat mir etwas; und doch war ein Hungern und Sehnen in mir, wofür ich mir selbst keine Erklärung geben konnte. Was suchte ich denn? Es war der innere Anschluß, die Lebensgemeinschaft, das Weiterspinnen der früheren Beziehungen, was mir fehlte. Von dem Alten war ich abgeschnitten, und in das Neue noch nicht hineingewachsen.

Ganz verwirrend war mir in den neuen Verhältnissen, wie verschieden man mein Tun hier und in Sachsen beurteilte. Ich riß eines Tages beim Aufstehen die Tinte um und verdarb eine Tischdecke. Ich zitterte, meine Angst war unbeschreiblich. Wenn mir das in Voigtsberg passiert wäre, dann wäre ich geschlagen worden. Ich ging zu Fräulein Elise und gestand stotternd meine Schuld, sie schüttelte bedauernd den Kopf und sagte: »Da muß ich nur gleich versuchen, ob die Flecke wieder herausgehen. Du aber mußt es Frau Doktor sagen.«

Ich stand lange zögernd vor der Tür des blauen Zimmers und wagte nicht hineinzugehen. Endlich aber stand ich vor Frau Doktor und gestand ihr meine Schuld. Wie erstaunte ich aber, als sie nur gleichmütig sagte: »Nun, solange du so unachtsam bist, ist es wohl richtiger, du bekommst keine Tischdecke.« Ich wartete, das konnte doch unmöglich meine verdiente Strafe sein. Es kam aber wirklich nichts mehr, und als ich gar nicht ging, weil ich das dunkle Gefühl hatte, es sei der Gerechtigkeit noch nicht Genüge getan, da sagte sie: »Worauf wartest du denn noch? Geh an deine Arbeit!«

Ich war aber gerade so erstaunt, als Frau Doktor bald darauf bei Tisch sehr scharf sagte: »Wie schrecklich, Charitas! Du steckst ja das Messer in den Mund! Laß mich das nicht wieder sehen! Sieh doch mal, wie anständig der kleine Hans ißt! Du mußt dich ja vor ihm schämen!«

Dafür hatte ich nun gar kein Verständnis, ich hatte nicht das mindeste Schuldbewußtsein, denn so hatte ich stets gegessen und damit hatte ich bis dahin noch niemanden gekränkt. Ebenso schlimm war es, wenn ich vergaß, Handschuhe anzuziehen, oder wenn mein Scheitel schief saß. Daß ich damit jemand erzürnen konnte, dafür fehlte mir lange jegliches Verständnis und innerlich lehnte ich mich dagegen auf.

Zunächst nahm ich mit teil an Hans' Unterricht bei Herrn Krus. Die Aufgaben dafür machte ich allein in meinem Stübchen. Die Bücher waren vorläufig noch meine kleinen Widersacher, mit denen ich einen stillen Kampf focht: Lehrbuch der deutschen Sprache, Rechenaufgaben, Schönschreiben! Der reine Hohn! Meine Schrift Schönschreiben zu nennen! Manchmal schob ich die Bücher verzweifelt seufzend beiseite und schlich mich leise hinunter auf die nächste Treppe. Ich wollte hören, ob in dem großen Hause Menschen seien. Gedämpft, ganz in der Ferne, höre ich klingeln, – jetzt kommt Johann, – ich stecke den Kopf durchs Treppengeländer, – da – nun kommt Frau Doktor heraus, – herzliche Begrüßung eines Besuches, – da ganz unten umarmen und küssen sie einander. Auf der Straße so kalt und fremd, im Hause aber viel mehr Liebe und Zärtlichkeit als in Sachsen. – Nun wird Klavier gespielt, – jemand singt wunderschön! – Horch!

»Herr, den ich tief im Herzen trage, Sei du mit mir!«

So tönt es wie von Engelsstimmen gesungen zu mir herauf. Entzückt lausche ich, das Gesicht ans Treppengeländer gedrückt. Wie wunderbar schön! Die Augen werden mir feucht, ich wage mich noch ein paar Stufen tiefer. Da öffnet sich über mir eine Tür. Wohin soll ich? Die Schamröte steigt mir ins Gesicht. Es ist Fräulein Elise, die sieht sehr überrascht aus und fragt: »Aber, – was ist denn das? Wer setzt sich denn auf die Treppe? Bist du denn schon mit all deinen Arbeiten fertig? Geh schnell hinauf an deine Arbeit.«

 

Einmal kam Fräulein Elise mit einer fein gekleideten Dame in mein Zimmer. Welch ein Ereignis! Ich lasse mich sehr gern stören und warte mit Spannung, was die Dame wohl bei mir will. Sie legt Hut und Mantel ab. In der großen Krinoline und dem schönen Kleid sieht sie sehr stattlich aus, sie wird mir aber besonders interessant durch das große Medaillon, das sie an langem Samtband um den Hals trägt.

»Komm, Charitas!« sagt Fräulein Elise, »laß dir mal von Madame Freudental Maß nehmen.«

Ich lasse schweigend an mir vornehmen, was Madame Freudental braucht, und nun sehe ich deutlich, daß das in Gold gerahmte Bild einen hübschen, bärtigen Herrn darstellt. Ich spinne schnell eine Geschichte um Madame Freudental. Schade, daß ich mich gar nicht mit ihr unterhalten kann. Sie ist sehr blaß, das macht wohl die große Stadt mit dem ewigen Nebel. Feine Leute sehen auch wohl meist blaß aus.

Nicht lange danach forderte Fräulein Elise mich auf, mit ihr zu kommen. Wir verließen bald die schönen, breiten Straßen. Wir bogen in Gänge ein, wie ich sie am ersten Tag meiner Ankunft gesehen hatte.

Eng, häßlich, dunkel war es hier. Fräulein Elise öffnete eine Haustür, da standen wir unmittelbar vor einer engen, steilen Treppe. Hier stiegen wir hinauf. Oben an der Tür war ein kleines Porzellanschild, darauf stand: »Fernando Freudental, Dekorateur.« Darunter auf einer Visitenkarte: »Wendula Freudental. Damenkonfektion.« Auf Fräulein Elises Klopfen wurde geöffnet, und eine Frau in dürftigster Kleidung stand vor uns. Gesicht und Stimme gehörten Frau Freudental, sonst erinnerte nichts an die Dame in der Krinoline, mit dem schönen Medaillon.

Die Umgebung war trostlos! Das beste Stück in der kahlen Stube war eine Nähmaschine. Madame Freudental hatte rote, verweinte Augen, ein wehes Lächeln glitt über ihre blassen Züge, als sie von der Freude sprach, Fräulein Elise zu sehen. Sie erzählte vom Gerichtsvollzieher, von ihrem Mann, der nicht an die Arbeit zu kriegen sei, der jeden Schilling für Branntwein ausgab. Sie dankte Fräulein Elise, daß sie bei Frau Doktor ein gutes Wort für sie eingelegt habe. Da sie nun die schönen Sachen habe, könne sie doch zu ihren Kunden gehen, und nun gar die prachtvolle Nähmaschine zu Weihnachten! Sie bat Fräulein Elise, Herrn und Frau Doktor noch tausendmal zu danken.

Also das war die wirkliche Madame Wendula Freudental! Ach, ich hatte mir etwas ganz anderes vorgestellt. Aber ich fühlte, es spannen sich Fäden von der Alster nach dem elenden Gange.

Und nun hatte ich zwei kurze, grün- und blaukarierte, schottische Kleider, fast so wie Meta und Lulu in der Apotheke. – Eines Tages sagte Fräulein Elise, wir möchten unsere Bälle nehmen und in den Garten gehen, sie sei heute verhindert, mit uns spazieren zu gehen. Der kleine Hintergarten mit den entlaubten Sträuchern und den hohen schwarz geteerten Planken, die jeden freien Ausblick absperrten, gefiel mir gar nicht. Wir rannten sinnlos ein paarmal um den kleinen Rasenplatz, wir fingen auch an, mit unsern Bällen zu spielen, aber es wollte keine rechte Spielstimmung aufkommen, und nach kurzer Zeit warf Hans seinen Ball an die Erde und kletterte plötzlich an der schwarzen Planke hinauf. An dem dicken Pfosten, der der Planke zur Stütze diente, mußte er Anhaltspunkte haben, oben angelangt, hielt er sich mit dem einen Händchen fest, während er mit dem anderen in die Tasche seines Überziehers fuhr. Zu meinem Staunen sah ich, wie er seine Apfelsine, die er sich vom Mittagessen aufbewahrt hatte, hinüberwarf. Mir war, als hörte ich ein vielfüßiges Getrampel und verworrene Laute von jenseits der Planke.

»Aber Hans! Was machst du denn da?« fragte ich, »war denn deine Apfelsine nicht gut, daß du sie da hinüberwirfst?«

Er bog seinen Kopf ein wenig herunter zu mir und sagte: »Hier sind viele, viele Kinder! Ich werfe ihnen manchmal eine Apfelsine hinüber, das macht ihnen viel Spaß.«

»Kinder?!« – sagte ich erregt, »Kinder sind da? Ich will auch da hinauf, ich möchte sie auch sehen! Wie schade, daß wir gar nicht zu ihnen können! Komm du herunter, und laß mich nun mal hinauf.«

»Das darfst du doch nicht. Mädchen dürfen nicht klettern, und du hast dein neues Kleid an, hier sind Nägel, ich weiß Bescheid damit, – aber du! – du würdest dir Löcher in das neue Kleid reißen, und was würde dann Fräulein Elise sagen!«

Das überzeugte mich, aber ich bat Hans, er möge mir von ihnen erzählen. Er sagte: »Sie sind alle taubstumm, sie haben einen Lehrer bei sich, und jetzt turnen viele von ihnen, andere gehen durch den Garten; täglich um diese Zeit sind sie draußen; von meinem Zimmer aus kannst du sie sehen.« – Viele Kinder – aber alle taubstumm!

Hans kam wieder herunter, wir waren aber beide sehr still und gedrückt. Was war es nur, was mir das Herz so beklommen machte? Die bleiche Wintersonne kämpfte mit dem Dunst und Nebel der Großstadt, es war ein milder Tag, der schon etwas von Frühlingsahnen an sich hatte. Weshalb waren wir eigentlich auf diesem eingeschlossenen Erdenfleckchen? Weshalb waren wir nicht an der anderen Seite des Hauses, da wo die schöne Alster, wo die Freiheit war? –

»Komm,« sagte ich freiheitsdurstig, »komm, laß uns doch nur hier heraus! Nur durch diesen kleinen Gang an der Küche vorüber, und draußen sind wir!«

»Wohin willst du denn?«

»Ja, wohin wollen wir mal? Weißt du was? – Wir gehen an den Hafen!«

»Nachher könnten wir ja Herrn Krus bitten, daß der uns heute frei gibt und mit uns geht.«

»Nein, bewahre! Das dauert zu lange, bis dahin können wir ja wieder hier sein! Und Herrn Krus brauchen wir gar nicht dazu, es ist ja viel schöner, wenn wir allein gehen, da kann man doch auch einmal stehen bleiben und das besehen, was einem gefällt!« sagte ich überredend.

»Junge noch mal! Wollen wir wirklich? Famos! Ja, laß uns! Spaß!«

Hans' hübsche, braune Augen funkelten vor Unternehmungslust, und – hast du nicht gesehen! draußen waren wir, in der Freiheit!

»Aber wenn wir uns nun verlaufen? Wenn wir den Hafen gar nicht finden?« meinte Hans etwas besorgt. – In wortreicher Rede setzte ich ihm nun auseinander, daß ich in Sachsen überall allein herumgewandert sei, wenn ich für den Vater Pflanzen gesammelt habe. Ich sei wohl nicht gerade zu der ausgemachten Zeit nach Hause gekommen, aber darauf komme es ja auch weiter nicht an, wenn man sich nur wieder überhaupt nach Hause fände. Er solle doch bedenken, daß ich mich ganz allein von Sachsen nach Hamburg gefunden habe, freilich, viel länger habe es gedauert, als es gemeint war, aber angekommen sei ich doch. Er möge ganz ruhig sein, wir würden schon an den Hafen kommen, man müsse nur immer fragen.

So, da lag das ganze große Hamburg unbegrenzt vor uns, niemand hinderte uns oder beschränkte uns in unseren Wünschen! Wie köstlich, wie berauschend war dieses Gefühl der Freiheit! – Ich hatte nicht zu viel versprochen, wir kamen durch allerlei Fragen an den Hafen. Die Sonne hatte sich in einen blutroten Ball verwandelt. Diesem herrlichen Schauspiel widmeten wir aber nur flüchtiges Interesse, uns fesselten die Schiffe und das lebhafte Treiben der Matrosen. Erst als Hans über kalte Füße klagte, traten wir den Rückweg an. Meine Unternehmungslust war aber noch keineswegs zu Ende, ich war mir nur nicht sicher, wohin mein Herz mich am meisten zog. Sollten wir nach Stubbenhuk zu der guten Madame Piepenbrink, oder zu den liebenswürdigen Kindern in der Elefantenapotheke! Ich hätte doch gar zu gern Madame Piepenbrink den kleinen, hübschen Hans gezeigt. Na, wie sie den wohl erst abküssen würde! Die Kinder und die zurückgelassenen Schätze lockten aber doch am stärksten. Zu Madame Piepenbrink konnte ich ja auch noch ein andermal gehen. Also auf nach der Elefantenapotheke!

Heller Kinderjubel empfing uns.

»Mama ist eben einen kleinen Weg ausgegangen,« sagten sie, »aber wie schön, daß du wiederkommst! Was hast du denn da für einen kleinen, süßen Bengel bei dir? An der Alster bist du jetzt? Du, darfst du denn so ohne Hut und Handschuhe in die Stadt? Wundervoll bist du! Willst du deine Sachen mithaben? Ja? Warte, Papa gibt uns eine große, starke Tüte dafür. Laß uns nur ja deine Adresse hier, wir besuchen dich mal. Du kannst uns nur mal einladen, sonst läßt uns die Mama nicht fort. – So, hier ist die große Tüte. – Nun macht aber, daß ihr nach Hause kommt, sonst wird's dunkel und ihr bekommt Schelte!« Von allen fünf Kindern wurden wir unter lebhaftem Plaudern, Küssen und Umarmungen bis vor die Haustür gebracht, und nun ging's im Sturmschritt nach Hause. »Wir gehen wieder unten durch,« entschied ich. – Aber – aber! Als wir an der Küchentür vorüber wollten, wurde dieselbe hastig geöffnet, und wie es zuging, wurde mir gar nicht klar, aber jemand schob uns in die Küche, die mir einen merkwürdig ungewohnten Anblick bot. Hier standen, außer dem Küchenpersonal, noch Frau Doktor, Herr Krus und Fräulein Elise! Alle Gesichter zeigten große Erregung, die sich ausschließlich auf mich entlud: »Da seid ihr endlich! Wo wart ihr? Wie darfst du es wagen, ohne Erlaubnis das Haus zu verlassen? Was denkst du dir denn, wie es in einer großen Stadt zugeht? Ihr konntet doch verloren gehen!? Man konnte euch ein Leid antun! Wie habt ihr euch dahin gefunden? – Gefragt? – Du darfst nicht mit fremden Leuten anbinden! Was hast du in der großen Tüte? Wie? Was? Aus der Apotheke? Was habt ihr denn in der Apotheke zu suchen? Pack' mal aus!«

Ich kramte schluchzend meine Schätze auf einen Stuhl. Banges Schweigen – endlich das herzliche Lachen von Fräulein Elise. Frau Doktor sagte zwischen Ärger und Lachen: »Ein solcher Plünnenmajor! Die schleppt mir einen schönen Kram ins Haus! Jetzt merke dir, niemals darfst du Leute aufsuchen, die wir nicht kennen und wozu wir dir nicht die Erlaubnis geben. Nie – niemals! Vergiß das nicht und tu das nie wieder! Dieses Zeug gehört wohl eigentlich in den Ascheimer!«

Sie nahmen Hans zwischen sich und ließen mich mit meinen Sachen und meinen Tränen allein. – Nein, ganz allein doch nicht, denn am Herde stand Lisette, die Köchin, die fürchtete ich, ich hatte die Schelte vom ersten Morgen noch nicht vergessen. »Kinder, das is 'n Schilling wert!« hörte ich sie sagen und wunderte mich, daß sie mit sich selber sprach. Ich sah mich scheu nach ihr um und wollte gerade hinausgehen, da geschah etwas ganz Unbegreifliches. Lisette vertrat mir den Weg, aber anstatt zu schelten, wie ich erwartet hatte, streichelte sie ganz sanft meine Backen und sagte weich: »Du armes, dummes Katalischen mußt ja furchtbar hungrig sein! Ihr habt um eins zu Mittag gegessen, seid sonstwo herumgeströmert, und keiner hat euch wohl was angeboten. Komm mit in mein Stübchen, da setz' dich an den Tisch, ich bring dir gleich 'ne Kumme Kaffee, en süßen Kringel und n' bißchen Reispudding mit Fruchtsauce.«

Als sie die verheißenen Dinge auf den Tisch gestellt hatte, fiel ich ihr laut weinend um den Hals und küßte und streichelte das gute Gesicht.

»Ja, ja, mein klein Katalischen, das ist gut, daß wir einander lieb haben, aber laß es man nicht Johann sehen, er könnte es den Herrschaften sagen, und dann darfst du nicht.«

So blieb das Liebesverhältnis zu der pockennarbigen, guten Lisette eine beglückende Heimlichkeit zwischen uns.

 

»Laß sehen, ob du ganz ordentlich bist,« sagte Fräulein Elise eines Abends, »bürste dir dein Haar noch einmal über, wasch dir die Hände, räum' deine Bücher fort, und dann geh hinunter in die blaue Stube!«

»Jetzt schon?« rief ich verwundert, »es ist doch noch nicht Bettgehzeit?«

»I bewahre, du hast ja noch nicht zu Abend gegessen.«

»Was soll ich denn unten?« fragte ich gespannt.

»Na geh nur, das wirst du ja bald sehen.«

Was konnte es sein? Meine Mutter würde es sein, natürlich, die mußte es sein! O, die Freude! Erregt öffnete ich die Tür. Schnell überflog mein Blick das Zimmer, aber wie maßlos erstaunt war ich, als anstatt meiner Mutter ein kleiner Herr mir mit gewandter Liebenswürdigkeit entgegentrat und mir zum Gruß die Hand reichte.

»Nun Herr Professor, das ist Charitas!« sagte Doktor Meyer.

Der Herr schob ritterlich einen Stuhl neben sich an den Tisch und ließ einen scharfen, prüfenden Blick durch seine goldberänderte Brille über meine Gestalt gleiten. – Also nicht die Mutter! – Wer war dieser bewegliche, elegante Herr mit den schwarzen Glacéhandschuhen an den Händen? Jedes Wort kam so gewichtig, so klar und so rein heraus. Es machte den Eindruck, als spräche er zu einer großen Versammlung, und doch wandte er sich vorläufig nur an mich. Er mochte mir meine große Befangenheit, meine Unsicherheit und Angst ansehen, denn er legte beschwichtigend seine Hand auf meinen Arm und sagte gütig: »Liebes Kind, sei doch nicht so ängstlich, es geschieht dir kein Leid, ich möchte nur einige Fragen an dich richten, und die wirst du mir ja gern und bereitwillig beantworten, nicht wahr?«

Ich lauschte dem Ton seiner Stimme, sie war so melodiös, er legte soviel Ausdruck in jedes Wort; meine Spannung steigerte sich womöglich nur noch mehr.

»Ich setze den Fall,« sagte er jetzt, »du wolltest nach Amerika, wie würdest du das anfangen? – Was würdest du tun? – Wohin würdest du dich wenden? – Nun? – Besinne dich!«

Was? – Nach A–me–ri–ka? – Sollte –! – wollte ich denn nach Amerika?! Davon war doch nie die Rede gewesen. Die Mutter wollte nach Australien, das war gerade schlimm genug. Was plante man denn mit mir? Ich wußte nichts, mir verging überhaupt das Denken. Die Lampe bekam einen so bunten Dunstkreis, und die blauen Möbel tanzten vor meinen Augen. Ich blickte hilfesuchend zu Doktors hinüber, in der Schule war meist die Nachbarin so gefällig gewesen, in größten Nöten durch vorsichtiges Zuflüstern ein wenig aufzuhelfen – aber deren Blicke ruhten nur erwartungsvoll an meinem Munde. Sollte ich wohl hier wieder weg?! Da wurde der Herr Professor dringender.

»Wohin mußt du denn, wenn du nach Amerika willst?«

»Ich will doch lieber nicht nach Amerika,« sagte ich ganz leise.

»Nun, wenn du aber wolltest? Wohin müßtest du?«

»Ins Meer,« sagte ich schaudernd.

»Na, – aber bestimmter, bitte, bestimmter! Wie würdest du das Meer denn näher bezeichnen?«

»Das Schwarze,« sagte ich tonlos.

Der Herr fuhr ganz entsetzt zurück. War der Blick, der mich jetzt traf, bedauernd oder strafend? Ich schaute verstohlen zu Doktors, mir schien, es lag Verachtung in ihren Mienen. – Lange, peinliche Pause. – – Endlich räusperte sich der Herr und fragte: »Wie heißt die Stadt, in der du landen würdest?«

War es nicht New York? Aber alle sehen so entsetzt aus, daß ich lieber schweigen will. Ich mache im Geiste meine Irrfahrten auf dem Schwarzen Meer weiter, da fängt mein Quälgeist wieder an: »Du kannst mir doch gewiß sagen,« meint er freundlich überredend, »wieviel anderthalb mal anderthalb dividiert durch drittehalb ist?«

Keine Ahnung! Ich mache gar nicht erst den Versuch, denn ich weiß, es nützt doch nichts.

Da höre ich, wie scheinbar aus der Ferne eine Stimme in strengem Tone sagt: »Sofort nimm dich zusammen und antworte Herrn Professor!« Es ist Frau Doktor Meyer, die gesprochen hat.

Ach liebe Frau Doktor! Sie konnten freilich nicht wissen, mit welcher Täuschung das Kind da vor Ihnen zu kämpfen hat, daß seine ganze Seele sich in äußerster Spannung befindet, in einer großen Angst, – ob es wieder hinaus muß in eine unbestimmte Zukunft!

Jetzt kommen Fragen in Naturgeschichte. Der Kopf wird klarer, die Fragen interessieren mich, – ich finde Freude am Antworten, ich möchte, daß ich noch viel gefragt würde, ich weiß die Pflanzen gut in Klassen und Ordnungen unterzubringen, ich kenne auch ihre lateinischen Namen.

Nun kommt Religion. Mir fällt ein, daß ich darin beim Kantor in Nossen »mangelhaft« hatte, aber so sehr ängstlich bin ich nicht, und merkwürdig, alles geht wie am Schnürchen. All die eingepaukten Antworten aus dem Tagebuch bringe ich an, ich sage auch Sprüche, Psalmen und Liederverse her, und da ich merke, daß es mir gut geht, würde ich darin sehr gern noch viel mehr geprüft, aber der Herr wehrt lachend mit der Hand ab, und ich sehe, daß alle drei einander ansehen, und daß auch auf Doktors Gesichtern ein belustigtes Lächeln spielt. Ich bin ganz lebendig und mutig geworden.

Jetzt wird nach Französisch und Englisch gefragt. Nun antwortet Frau Doktor, daß ich in den Fächern Privatstunden bekommen würde.

Ach, trotzdem ich im großen und ganzen so schlecht bestanden habe, ist doch der Herr so sehr liebenswürdig, er schüttelt mir herzlich die Hand und öffnet mir ritterlich die Tür. – Ich bin entlassen.

Oben empfängt mich Fräulein Elise mit warmer Teilnahme und der brennenden Frage, wie das Examen verlaufen ist. Viel Gutes kann ich ihr leider nicht berichten. Sie küßt mich liebevoll und sagt tröstend: »Laß den Mut nicht sinken! Durch Fallen und wieder Aufstehen lernen Kinder das Gehen. Verfolg' du nur mit ernstem Willen das Ziel, das dir gesteckt ist!«

An einem der nächsten Tage bekam ich einen Schulranzen mit allem Zubehör, und Fräulein Elise ging mit mir über die Lombardsbrücke, ein Stück den Jungfernstieg entlang, bog in ein paar Straßen ein und ermahnte mich, ja gut auf den Weg zu achten, da ich ihn täglich zur Schule machen müßte.

Ich ging bei Herrn Professor Celarius in die Schule. Ich erstaunte, wie freundlich die Kinder zu mir waren, alle die Kinder, die doch so gut gekleidet waren. Hatten Hamburger Kinder keinen Dünkel? Oder – sollte es wohl daher kommen, daß ich jetzt auch ein ordentliches Kleid anhatte?!

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