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Bilder aus meinem Leben

Charitas Bischoff: Bilder aus meinem Leben - Kapitel 20
Quellenangabe
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typeautobiography
authorCharitas Bischoff
titleBilder aus meinem Leben
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrunSechsunddreißigstes Tausend
year1922
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correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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In der Elefantenapotheke

Als wir dem Hamburger Hafen den Rücken kehrten, meinte ich natürlich, daß wir nun zu unserer guten Madame Piepenbrink zurückgehen würden. Auf eine Bemerkung meinerseits sagte die Mutter: »Laß nur! Heute gehören wir einander, heute ist auch für mich Festtag, da arbeite ich nicht. Frag' mich auch heute nicht nach der Zukunft, ich möchte dir jetzt nicht weh tun!«

Die Mutter mir weh tun? Was hieß das? Was konnte sie meinen?

Nach einigem Wandern im Mittelpunkte der Stadt ging die Mutter mit mir in eine Apotheke.

»Na,« sagte sie zu dem ältesten der Herren, »da ist sie!« und sie zeigte lächelnd auf mich.

Nicht nur der alte Herr, auch die jungen, sogar der Lehrling, hielten mit ihrer Arbeit inne und sahen lächelnd zu mir herüber. Der ältere Herr trat freundlich zu uns, gab uns die Hand und führte uns durch einen schmalen, dunklen Gang in ein großes, behaglich erwärmtes Zimmer, dessen breite Flügeltüren weit geöffnet waren und den Blick in ein anderes Zimmer gestatteten, wo eine Schar munterer Kinder fröhlich spielte. Auf dem Sofa saß eine große, schlanke Dame mit einem feinen, blassen Gesicht. Sie war sehr freundlich und fragte mit warmer Teilnahme nach meiner Reise. Sie rief die Kinder herein und sagte: »Hier habt ihr einen Kuchen. Wenn die kleine Charitas ihren Kaffee getrunken hat, nehmt sie mit zu euch und zeigt ihr eure Spielsachen.«

Ein Mädchen in meinem Alter band mir mein rotes Kopftuch ab, hakte den Mantel los und führte mich freundlich ins Nebenzimmer. Fünf Kinder, und so viele schöne Spielsachen! Die Kinder waren sehr lebhaft, eines nach dem andern nannte mir seinen Namen. Sie sahen so flott aus, die schottischen Kleider trugen sie kurz, die schlanken Hälschen waren frei, und der Ausschnitt war mit feinen, weißen Spitzen besetzt. Wie waren sie gewandt, wie anmutig waren ihre Bewegungen, und wie konnten sie erzählen und fragen! Wie schwerfällig und plump fühlte ich mich ihnen gegenüber. Wo blieb ich nur mit meinen roten, geschwollenen Händen? Ich wunderte mich, daß sie so freundlich zu mir waren. Bald vergaß ich auch das Vergleichen und gab mich ganz dem Zauber hin, der mich umgab. Sie führten mich an ein niedliches Glasschränkchen, sie öffneten Schubladen und zeigten mir viele schöne Dinge, und je mehr ich darüber staunte und sie bewunderte, desto mehr holten sie heran. Ich war wie in einem Taumel!

Jedes der Kinder wetteiferte, mir etwas zu schenken.

»Sieh mal!« rief Meta eifrig, »magst du diese Papeterie leiden? Ich schenk' sie dir! Du willst sie nicht? Ach, nimm sie doch! Ich geb' sie dir so gern! Bitte, bitte!«

Und dann rief mich Lulu und schenkte mir Oblaten, und als ich einen Apfel aus Glas bewunderte, den man öffnen konnte, da lachten sie und sagten: »Wenn du den leiden magst, dann bitte, behalte ihn, es ist eine leere Pomadendose, und sieh mal, magst du diese bunten Kotillonorden leiden? Hier hast du sie – und hier – ein ganz kleines Thermometer, paß auf, wenn du deine warme Hand daran hältst, dann steigt es, versuch' mal! Diese niedlichen Sachen haben wir neulich auf der Kindergesellschaft gewonnen. Magst du gern in Kindergesellschaften gehen? Tanzt ihr da in Sachsen auch? Bekommt ihr auch so hübsche Sachen?«

Ach, das war ja eine ganz neue Welt, in die ich da kam. Sie brauchten Ausdrücke, von denen mir jede Vorstellung fehlte. Diesmal warteten sie sogar auf Antwort, und noch fühlte ich mich verwirrt und verlegen.

»Hast du denn nie auf Kindergesellschaften getanzt?« wiederholten sie ihre Frage.

»Kindergesellschaften?« fragte ich zögernd, »ich weiß nicht, wir haben jedes Jahr ein Schulfest gefeiert, da haben wir auf der Schützenwiese Kaffee und Kuchen bekommen, und dann haben wir gespielt.«

»Nicht getanzt? Magst du denn nicht tanzen?«

»Ich darf nicht,« sagte ich leise.

»Du darfst nicht?« fragten sie erstaunt, »aber warum denn nicht? Hast du einen Schaden?«

»Einen Schaden? Nein! – Aber der Pastor wünscht es nicht,« sagte ich leise und zögernd.

»Das muß aber ein komischer Pastor sein!«

Ganz erschrocken rief ich: »Ko–misch?! Ach, nein, das ist er gar nicht! Im Gegenteil, er ist doch grade so ernst!«

Es entstand eine verlegene Pause, dann sagte Meta: »Wie ist es denn in Sachsen? Sprechen denn da alle Leute so gediegen wie du?«

»Spreche ich denn gediegen?« fragte ich, dem Worte nachsinnend.

»Ja, ganz gediegen! Aber es ist famos! Wir hören es zu gern! Nun erzähl' aber wie es in deiner Heimat ist.«

Und ich erzählte von der »Alten Hoffnung Gottes«, von den Bergleuten und vom Auffinden des Silbers in den Gruben. Da ich eine Grube aus der Anschauung noch nicht kannte, so ließ ich meiner Phantasie freien Lauf, ich erzählte in geheimnisvoller Weise vom Peter und Andreasgang, und wie die verborgenen Silberadern den Bergleuten entgegenglänzten.

Die Augen meiner Zuhörer leuchteten, und Meta rief lebhaft: »O, himmlisch muß es in Sachsen sein!«

War es denn möglich, daß ich nicht mehr mit dem Wagen nach Siebenlehn mußte? Ging ich wirklich nicht mehr zu den guten Lehmanns? Aber da drinnen saß die Mutter, und die verknüpfte mich noch mit der Heimat, sie sprach wie ich, und ich hörte ihre muntere, vergnügte Stimme und fühlte mich geborgen. Ich mußte ihr einmal zunicken, sie erschien mir als das einzig Wirkliche in dieser Wunderwelt. Nein, und die vielen Geschenke! Hochaufatmend sah ich nach dem Stuhlsitz, der ganz bedeckt war von den schönen Sachen. Ich hatte Angst um mein Besitztum und fragte, ob die Mama es auch erlaube, daß sie mir so viel schenkten?

Sie lachten und sagten mit viel Ausdruck: »Na– tür–lich! Du kennst unsere Mama nur nicht! Die freut sich, wenn wir gern abgeben! Du gibst doch auch gern ab?«

Ich sah sie sinnend an und überlegte, was ich ihnen aus meinem Bündel wohl anbieten könnte.

Sie fragten schon weiter: »Kommst du nun recht bald wieder? Dann spielen wir wieder so schön zusammen.«

Spielen? Ich schrak zusammen. Sagte nicht eine keifende Stimme hinter mir: »Mach', mach'! Steh ni so faul rum!«

Nein, da war die Mutter! Niemand trieb mich, niemand schalt mich. Aber ich sagte doch: »Spielen darf ich doch nicht mehr. Ich will nun der Mutter helfen. Ich bin ja konfirmiert, ich bin doch nun erwachsen.«

»Ach!? Du wärst erwachsen? Köstlich! Du bist ja kleiner als Meta, miß dich mal! Und die wird erst Ostern konfirmiert. Nur das alte, gräßliche Kleid darfst du nicht tragen! Pfui, wie kannst du ein so langes, schwarzes Kleid anziehen! Ist denn das in Sachsen Mode?«

Ich erschrak, ich sah wieder nach der Mutter hinüber. Hoffentlich hatte sie das nicht gehört, ich hörte sie bei Gläß-Malchen sagen: »Es ist ein guter Tibet, meine Mutter hat ihn vor sechzehn Jahren selbst bei der Bierrasten geholt.«

Nun trat die Mutter herein und sagte, wir müßten gehen. Beglückt führte ich sie an den Stuhl, wo meine Geschenke lagen, aber zu meinem Schrecken sagte sie ganz gleichmütig: »Nun sieh mal an! Aber das kannst du heute nicht mitnehmen, ich will noch weiter mit dir, da würde es uns im Wege sein.«

»Ach, ich will es ja so gern tragen!« bettelte ich.

Die Mutter schüttelte energisch den Kopf, und ich dachte an die Koboldchen in der »Alten Hoffnung Gottes«. Nahmen sie nicht die Schätze wieder weg, wenn man sie zeigte oder darüber sprach?

Meta band mir das rote Tuch um den Kopf und sagte, indem sie mir einen Kuß gab: »Dieses rote Tuch sieht zu süß aus! Meine Puppe soll ein solches haben.« Sie hakte mir mein Mäntelchen zu und sagte: »So Rotkäppchen! Nun komm bald wieder und hol' dir deine Sachen, und dann erzähl' wieder von dem schönen Sachsen. Adjüs! Adjüs!«

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