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Bilder aus meinem Leben

Charitas Bischoff: Bilder aus meinem Leben - Kapitel 19
Quellenangabe
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typeautobiography
authorCharitas Bischoff
titleBilder aus meinem Leben
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrunSechsunddreißigstes Tausend
year1922
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correctorreuters@abc.de
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Bei Madame Piepenbrink.

Zitternd folgte ich dem Menschenstrom durch die dunkle, unfreundliche Halle. Ängstlich sah ich mich um, ob ich zwischen all denen, die wartend in der Halle standen, nicht das ersehnte Gesicht der Mutter finden würde. Aber nein! Wie konnte ich es denn auch erwarten?

Unsicher, schüchtern ging ich über den freien Platz. Mechanisch las ich: »Höfers Hotel«. Endlich wagte ich die Frage nach »Stubbenhuk«.

Eigentlich erwartete ich, daß mich die Leute auslachen würden, aber nein, ganz ernst wiesen sie mir die Richtung. Hamburg lag in dichtem Nebel, alles sah verdrossen, grau und freudlos aus. Der Schnee wurde unter den Tritten der Fußgänger zu einer schwärzlichen Suppe. Die Straßen, durch die ich kam, waren zum Teil eng und düster. Die hohen, rauchgeschwärzten Häuser hatten ihre Giebelseite der Straße zugekehrt. Wie fremdartig und seltsam erschienen mir diese Giebel! Da waren hohe, spitze, steife, aber auch kunstvoll geschweifte. Hoch und engbrüstig standen sie beieinander, trotz der Vormittagsstunde sah ich hier und da grünbeschirmtes Licht. Ich ging über kurze Brücken und schaute in stille, gelblichtrübe, uferlose Wasserstraßen. Das Wasser reichte den Häusern bis an den Leib.

Schwerfällige Boote glitten lautlos an der Rückseite der Häuser entlang. Mit ernstem Ausdruck schob ein im Boot stehender Mann das Fahrzeug weiter.

Aber die Bilder wechselten. Hatte ich mich staunend in den Anblick der stillen Wasserstraße vertieft, so bot sich bei der nächsten Wegbiegung ein ganz anderes Bild. Hastig rannten die Menschen aneinander vorüber, ihre Tracht und ihr Hantieren kamen mir seltsam und fremd vor; daß man sich beim Abwaschen der Häuserstufen nicht zu bücken brauchte, sondern die Bürste an einem langen Stock hatte, das sah ich mit Staunen.

Ich sah keinen Tragkorb, umfangreiche Frauen trugen ihre Bürde in kleinen Körben an einer Tracht, sie schrien mit weithin vernehmbarer Stimme: »Fri–i–sche Fi–i–sch! La–ben–di–ge Scho–ollen!«

Was war denn nur da los? Ein dichter Menschenknäuel, – vor einem Tisch, der auf Rädern stand, rief ein Mann in höchster Aufregung: »R–r–rrreine Seide! R–r–rrreine Seide! Söß Schillig dat Stück! Rramsch! Kuddelmuddel! – Söß Schilling!«

Ich kam an Torwegen vorüber und ich sah mit Bangen, wie da, dicht ineinandergeschoben, eingeklemmt, wieder hohe Käufer enge Straßen bildeten, wo an den oberen Stockwerken schlechte Wäschestücke auf schwindelerregenden Balkonen hingen. Unordentliche Frauen und bleiche Kinder trieben in diesen Höfen und Gängen ihr Wesen. Und über dem allen ragte in erhabener Ruh ein grüner Kirchturm gen Himmel. Endlich, endlich war ich am Ziel! Hier war die Straße und Nummer. Vor dem Hause stand eine große, robuste Frau; mit einer ebenso langen Bürste, wie sie mir schon sonst aufgefallen war, scheuerte sie die Stufen.

»Wissen Sie vielleicht,« fragte ich schüchtern, »ob ln diesem Hause eine Frau Dietrich aus Sachsen wohnt?«

Die Frau goß das Wasser in den Rinnstein, stemmte die Arme in die Seiten, betrachtete mich prüfend von Kopf zu Fuß und rief dann lebhaft: »Kann't wull angahn!! Du büst woll de lütt Charitas ut Sachsen?! Wi töwt all lang op di!« Sie nahm Eimer und Scheuertuch und sagte freundlich: »Kumm, min söten Engel, wi will't sehn, ob Mutter to Hus is!« Ich folgte ihr erregt durch einen engen, dunklen Hausflur. Am Ende des Ganges war eine Treppe, die Frau rief hinauf: »Fru Dietrich, sind Se to Hus? Kamen Se man gau mal dal, lütt Charitas is da!«

Oben hörte ich einen Stuhl rücken, einen lauten Freudenruf, – und nun kam auch schon die Mutter die Treppe heruntergeeilt. Mein Bündel warf ich zur Erde, damit auch allen Kummer, alle Angst der Seele, die mich seit langem beschwert hatten, und mit dem Ausruf: »Ach Mutter! – Liebe Mutter! – Endlich!« flog ich meiner Mutter in die Arme.

Die Mutter drückte mich fest an sich, küßte mich und sagte zärtlich: »Du armes, gutes Kind! Hast du denn das ferne, große Hamburg gefunden?«

»Ach Mutter,« sagte ich, »jetzt gehe ich aber nie, nie wieder von dir! Nicht wahr? Nun bleibe ich immer bei dir?«

Als mich die Mutter losließ, nahm mich die große Frau in die Arme, hob mich hoch in die Höhe und gab mir einen schallenden Kuß, stellte mich sanft auf die Diele und sagte, indem sie sich mit dem Rücken der Hand die Augen wischte: »Ja, ja, min ol lütt Göhr, nu hewt wi di jo endlich!«

Fast als ob ihr die Rührung zu lange dauerte, sagte sie zur Mutter in munterem Ton: »Hüt giwt dat witte Bohnen. Mag de Lütt ok witte Bohnen?«

»Wie mögen Sie nur fragen, Madame Piepenbrink! Sie kochen ja so ausgezeichnet!«

Zu mir sagte die Mutter: »Geh mal mit Madame Piepenbrink in die Küche und wasch dich ordentlich nach der langen Reise, dann komm mit herauf und mach' dich oben noch zurecht bei mir.«

Oben war ein geräumiger, düsterer Vorplatz, da hatte die Mutter Tische aufgestellt, die sie alle mit Pflanzen belegt hatte. Ach, wie mich das anheimelte! Unsere Pflanzen vom Forsthof, die ich zum Teil mit gesammelt hatte! Merkwürdig wollte es mir scheinen, daß die lieblichen Blumen des Zellwaldes und die aus dem Muldental hier in Hamburg in einem düsterem Stadthause lagen. »Unsere Pflanzen!« rief ich zärtlich, »Mutter, wie gut, daß ich dir nun helfen kann!«

Ich erzählte mein Mißgeschick mit dem Tragkorb, während wir in das kleine dürftige Stäbchen der Mutter traten.

»Der schöne neue Korb!« sagte die Mutter bedauernd, »der hat doch viel Geld gekostet!«

Während die Mutter an mir herumputzte und bürstete, erzählte ich ihr von Voigtsberg und von der Reise. »Laß nur!« sagt« sie in bezug auf Voigtsberg, »die Hauptsache ist, daß man keinen Schaden an der Seele nimmt! Augenblicklich kannst du noch nicht einsehen, daß du in einer guten Lebensschule gewesen bist. ›Wohl dem, der sein Joch trägt in der Jugend!‹ Es wird dir nach diesen Erfahrungen doch nie in den Sinn kommen, die Menschen nach ihrem Äußern zu beurteilen. Du wirst Respekt und Mitgefühl für die haben, die des Lebens Last tragen. – So, da ruft Madame Piepenbrink zum Essen, das ist gut, denn nach dem Essen gehen wir aus.«

Das niedergesessene Roßhaarsofa in Madame Piepenbrinks Stübchen war schon recht schadhaft, hier und da guckte die Polsterung hindurch, es war aber trotzdem ein sehr gemütliches, altes Möbel und gewährte uns allen dreien Platz. »Du sitzest ja zwischen uns, wie das Dotter im Ei!« sagte die Mutter lachend. Ja, das war ein Mittagessen in dem halbdunklen Stübchen! Ich wurde von beiden Seiten gestreichelt und bekam auf platt- und auf hochdeutsch alle nur erdenklichen Kosenamen. Alle drei waren wir schwer geprüft, hatten die Pein der Einsamkeit durchgekostet und hungerten nach Liebe und Verständnis! – – Nach den weißen Bohnen spendierte Madame Piepenbrink jedem eine Apfelsine. Die Mutter schüttelte mißbilligend den Kopf über diesen Übermut.

»Ik will Se wat seggen,Fru Dietrich,« sagte Madame Piepenbrink, während sie mir die geschälten Apfelsinenscheiben auf den Teller legte und Zucker darüber streute: »Dat duert doch ni so lang, denn wüllt Se wedder reisen, denn laten S' man dat lütt Göhr bi mi bliwen. Dacht hew ik dar all lang an, wenn Se mi von ehr vertellt har'n, abersten ik wull ehr doch irst sehen, ehr ik dorvun snakken wull. Na, ik mag ehr wull liden, un ik will ehr gern behol'n. Se schall hol'n wam as min eegen Kind! Mehr kann keen Minsch vun mi verlangen! Se sünd mi jo all wegstorben, de to mi hürt hebn. Ik stah so alleen. Wenn de Lütt sik god schickt, denn schall dat ehr Schaden nich sin. Wenn uns' Herrgott mi mal to sik röpt, na – denn kriegt se min ganzen Kram! – Willst bi mi bliwen?!«

Ich sah fragend, ängstlich zur Mutter. Madame Piepenbrink war so gut, ich wollte sie so ungern kränken, – aber natürlich wollte ich doch am liebsten bei der Mutter bleiben! Die Mutter gab Madame Piepenbrink die Hand und dankte ihr gerührt, aber sie sagte: über meine Zukunft könne sie noch nicht entscheiden. Über diesen Bescheid war ich unbeschreiblich glücklich, mir war so leicht und so froh zumute, ich hätte die ganze Welt ans Herz drücken mögen.

Nun erhoben wir uns. Die Mutter band mir mein rotes Kopftüchelchen um den Kopf, hing mir das kurze, graue Mäntelchen mit dem schottischen Besatz um, und wollte mit mir fort. »Wat!« rief Madame Piepenbrink, »utgahn willt Se?! Is' ne Sünd un Schand! Nich mal Kaffee trinken!? – Un ick hew so schöne, söte Kokens köft! – Ik meen, wenn de Lütt glücklich hier ankam, denn wullt wi noch naträglich Wihnachten un Nijohr fiern! Un dat lütt Göhr is doch mäud von de Reis'! Na, – nu kann ik mi wull alleen hersetten bi min Kaffee un Koken!«

Sie band sich eine weiße Schürze vor und gab uns ein Stück das Geleit. Draußen nahmen die beiden mich bei der Hand, und an der Straßenecke nahm mich Madame Piepenbrink in die Arme, küßte mich und vermahnte uns, ja bald wieder zu kommen, damit wir noch etwas vom Abend hätten. Auf diese wohlgemeinten Ratschläge meinte die Mutter, Madame Piepenbrink möge ja nicht mit dem Abendessen warten, denn sie könne nicht wissen, ob sie nicht Verhinderung hätte. So schieden wir. Ich sah mich noch einige Male um, da stand noch immer Madame Piepenbrink trotz des regen Verkehrs an der Straßenecke und winkte mit der Hand.

Eigentlich wäre es doch viel gemütlicher gewesen, wenn wir heute nicht mehr ausgegangen wären. Ich hatte die letzte Nacht fast nicht geschlafen, hatte mich seit vielen Tagen abgesorgt, mich viel geängstigt, ich hatte mich freilich auch gefreut, aber jedenfalls hatte ich große seelische Erregungen durchgemacht, die es vielleicht rechtfertigten, daß ich mich nun nach dem Hafen der Ruhe sehnte. Ich sagte das auch der Mutter, als wir durch die schmutzigen Straßen wanderten. »So etwas begreife ich gar nicht!« sagte die Mutter mit starker Mißbilligung, »ausruhen möchtest du dich? Du bist doch mit der Bahn gefahren, das hat dich doch unmöglich angestrengt! Wenn ich viele Meilen gegangen bin und schwere Lasten getragen habe, so habe ich mir in einer fremden Stadt doch nur kurze Rast gegönnt, um mir dann alles Schöne und Gute anzusehen, was die Stadt bietet. Sei doch keine solche Schlafmütze!«

»Hat Hamburg viel Schönes und Gutes?« fragte ich. Ich mußte daran denken, wie ich bei meiner Abreise doch so vielfach gewarnt worden war.

»Na allerdings! Soviel Schönes und Gutes, daß du dein Leben lang daran lernen und davon genießen kannst! Viel, viel mehr als du kleine, dumme Person fassen kannst!«

»Aber warum haben mich denn alle so gewarnt? Sie taten, als müßte ich hier zugrunde gehn.«

Die Mutter schwieg eine Weile, dann sagte sie: »Eine so große Stadt wie Hamburg hat ihre hellen und dunklen Seiten. Gewiß rennen hier viele in ihr Verderben. Aber, und das wirst du vielleicht noch an dir selbst erfahren, wer ernstlich zum Licht hindurch will, wer ordentlich arbeiten will, der findet hier Verständnis und Beistand. Hier weht freie, frische Luft, man sieht weder aufs Kleid noch auf Titel und Rang. Jeder Kraft und jeder Begabung wird Gelegenheit zur Entfaltung geboten. Von dem Glück kannst du dir noch keine Vorstellung machen, wenn einem das Feld angewiesen wird, auf dem man sich schaffensfreudig betätigen kann. O, die Seele weitet sich, man fühlt sich gehoben und getragen, es ist, als wären einem Schwingen gewachsen, man überwindet sein Leid und arbeitet! Gleich sind wir am Hafen, da wirst du einen Begriff bekommen, wie sich die Menschen hier anstrengen und was sie alles unternehmen und erreichen. Man muß aber wissen, wohin man will, und dann stramm auf sein Ziel los! Freilich, du kannst auch bei jeder Schenke stehen bleiben und die rohen Lieder anhören, die die Matrosen singen. In den Läden werden häßliche Bilder ausgestellt. Willst du dich von all dem Niederen locken lassen, so kommst du in die Tiefe. Nun haben die Leute in der Heimat gemeint, weil du noch so jung bist, da hast du keinen Widerstand, deshalb die Sorge und Warnung. Muß ich wohl Angst haben um dich?«

Ich schüttelte energisch den Kopf.

Wir waren während der Reden der Mutter durch stille Anlagen gegangen, jetzt standen wir auf einer Anhöhe, die Mutter sagte: »Das ist der Stintfang.«

Sie erklärte mir, daß der Stint ein kleiner, wohlschmeckender Fisch sei.

Ach, welch ein Anblick! Stumm vor Staunen schaute ich hinunter auf den breiten Elbstrom.

Welch ein Leben! Dieser Wald voll Masten! Dies Gewirr von Tauen. Mit Verwunderung sah ich, wie Neger katzenartig an schwankenden Strickleitern emporkletterten. Große Schiffe lagen dicht am Lande, Waren wurden durch hoch in die Luft ragende eiserne Arme aus dem Schiffskörper geholt und von Männern auf Wagen geladen. Weiterhin drängten sich kleinere Dampfer und Segelboote. Rauch stieg auf, Pfiffe ertönten, und lautes, eintöniges Rufen vernahm man. Die Mutter zeigte auf ein besonders großes Schiff. »Das ist ein Auswandererschiff,« sagte sie, »du mußt mal eins sehen, das ist eine Welt für sich.«

Nicht fassen konnte ich das bunte Bild da unter mir.

Sinnend schaute die Mutter weit weg über die Schiffe, hinaus, wo der Elbstrom breiter wird, und seufzend sagte sie wie zu sich selbst: »Da geht's hinaus! – Aus der Enge in die Weite! – In ferne, unbekannte Erdteile!«

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