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Bilder aus Italien

Charles Dickens: Bilder aus Italien - Kapitel 9
Quellenangabe
typereport
authorCharles Dickens
titleBilder aus Italien
publisherWinkler Verlag
editorSiegfried Schmitz
yearo.J.
translatorJulius Seybt
correctorreuters@abc.de
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Über Verona, Mantua, Mailand und den Simplonpaß in die Schweiz

Ich scheute mich fast, nach Verona zu reisen, aus Furcht, es könnte mir die Romantik von Romeo und Julia verlorengehen, aber ich war kaum auf den alten Marktplatz getreten, so verschwand diese Besorgnis. Es ist ein so absonderlicher und malerischer Platz, von einer so außerordentlichen Reichhaltigkeit und Mannigfaltigkeit phantastischer Gebäude, daß diese so romantische Stadt, der Schauplatz einer der romantischsten und schönsten Geschichten, kein besseres Herz haben könnte.

Es war natürlich genug, daß ich geradewegs zum Marktplatz, zum Hause der Capulets ging, das jetzt zu einer ganz jämmerlichen, kleinen Schenke herabgesunken ist. Lärmende Vetturini und schmutzige Marktkarren stritten sich um den Besitz des Hofes, wo der Kot knöcheltief lag und eine Herde schmutzbespritzter Gänse herumwatschelte. Im Torweg fletschte ein boshaft aussehender Hund wütend die Zähne und hätte gewiß Romeo, sowie er über die Mauer stieg, beim Bein gepackt, wenn er damals schon vorhanden gewesen wäre. Der Obstgarten kam in andere Hände und wurde schon vor vielen Jahren von dem Gebäude getrennt, aber es gehörte einer zu dem Hause – oder konnte jedenfalls dazu gehört haben –, und der Hut (Capello), das alte Wappen der Familie, ist immer noch, in Stein gehauen, über dem Torweg des Hofes zu erblicken. Die Gänse, die Marktkarren, ihre Fuhrleute und der Hund passen freilich nicht recht zur Geschichte, das muß man gestehen, und es wäre hübscher gewesen, das Haus leer zu finden und durch die verlassenen Räume wandern zu können. Aber der Hut war unsäglich erquicklich und der Fleck, wo vordem der Garten war, kaum weniger. Außerdem war das Haus ein so mißtrauisch und grämlich aussehendes Haus, wie man nur wünschen konnte, obgleich von sehr mäßiger Größe. So war ich denn ganz zufrieden mit ihm, als dem echten Palast des alten Capulet, und äußerte mich entsprechend dankbar gegen eine außerordentlich unsentimentale Frau in mittleren Jahren, die Padrona des Gasthauses, die auf der Schwelle stand und den Gänsen zusah.

Von Julias Wohnung zu Julias Grab ist ein dem Besucher so natürlicher Übergang wie der schönen Julia selbst, der stolzesten Julia, welche jemals die Fackeln geheißen hat, hell zu brennen. So ging ich denn mit einem Führer zu einem alten, alten Garten, der einst zu einem alten, alten Kloster gehörte, glaube ich; und nachdem die munter blickende Frau, welche Kleider wusch, mich durch ein halbzertrümmertes Tor hereingelassen hatte, schritt ich durch ein paar Gänge, wo frische Pflanzen und junge Blumen lieblich um alte Mauertrümmer und mit Efeu bedeckte Steinhaufen herumwuchsen. Hier zeigte man mir einen kleinen Wassertrog, den die Frau mit den klaren Augen, die Arme an ihrem Tuch abtrocknend, »La tomba di Giulietta la sfortunata« nannte. Mit der allerbesten Absicht zu glauben, die es nur geben kann, konnte ich doch weiter nichts glauben, als daß die Frau mit den klaren Augen glaubte; so schenkte ich ihr denn diesen Glauben und den üblichen in barem Geld. Es war mehr eine Freude als eine Täuschung, daß Julias Ruhestätte vergessen war. So tröstlich es auch für Yoricks Geist gewesen sein mag, das Geräusch der Schritte auf dem Fußboden über ihm und zwanzigmal des Tages seinen Namen wiederholen zu hören, so ist es doch für Julia gewiß besser, fern ab von der gewöhnlichen Straße der Touristen zu ruhen und keine anderen Besucher zu haben als solche, die im Lenzregen, in lieblicher Luft und im Sonnenschein die Gräber heimsuchen.

Freundliches Verona mit seinen schönen, alten Palästen und der reizenden Landschaft in der Ferne, die man von Terrassengärten und prunkhaften Galerien herab erblickt! Mit seinen römischen Toren, immer noch die schöne Straße überwölbend und auf das Sonnenlicht von heute den Schatten von vor fünfzehnhundert Jahren werfend! Mit seinen marmornen Kirchen, hochragenden Türmen, seiner reichen Architektur und seinen wunderlich aussehenden alten, ruhigen Straßen, wo einst die Kampfesrufe der Montagues und Capulets erschallten, und

»Veronas graue Bürger
Den ernsten, wohlanständigen Schmuck ablegten
Und alte Hellebarden schwangen.«

Mit seinem schnell dahinfließenden Flusse, seiner malerischen Brücke, seinem großen Schloß, seinen dunklen Zypressen und der so schönen, erquickenden Aussicht. Freundliches Verona!

In der Mitte auf der Piazza di Brá – ein Geist aus alter Zeit mitten unter den alltäglichen Wirklichkeiten des Jetzt – steht das große römische Amphitheater, so schön erhalten und sorgfältig gepflegt, daß jede Sitzreihe noch unversehrt ist. Über einigen Bogen erblickt man noch die alten römischen Nummern, und Korridore sind noch da, und Treppen und unterirdische Gänge für Tiere und über und unter der Erde viel gekrümmte Galerien, als ob die gierige Menge noch hinein- und hinausdrängte, um das blutige Schauspiel in der Arena zu sehen. In ein paar schattigen Winkeln und Nischen der Mauer befinden sich jetzt Schmiede mit ihren Werkstätten und Kleinhändler mit mancherlei Waren, und oben auf dem obersten Rand wachsen grüne Kräuter und Blätter und Gras. Aber sonst ist weniges bedeutend verändert.

Als ich alles mit großem Interesse durchwandert hatte und auf der höchsten Sitzreihe stand und mich von dem lieblichen Panorama mit den Alpen im Hintergrund abwendete und in das Gebäude hinabsah, da erschien es mir wie die innere Seite eines ungeheuren Strohhutes mit einer ungeheuer breiten Krempe und niedrigem Deckel; die einzelnen Flechten sind die vierundvierzig Sitzreihen. Der Vergleich ist nicht sehr poetisch und phantastisch, wenn man ihn nüchtern auf dem Papier ansieht, aber dennoch drängte er sich mir damals auf.

Kurze Zeit vorher hatte eine Kunstreitertruppe darin gespielt – wahrscheinlich dieselbe Truppe, welche der alten Dame in der Kirche von Modena erschienen war – und hatte sich einen kleinen Zirkus an dem einen Ende der Arena ausgewählt, wo man jetzt noch die Hufspuren der Pferde entdecken konnte. Mir drängte sich die Vorstellung der Handvoll Zuschauer in ein paar alten Steinsitzen und eines buntgeschmückten Kavaliers oder drolligen Polichinells auf, während die alten Mauern zuschauten. Vor allem dachte ich mir, wie seltsam diesen römischen stummen Zuschauern die Lieblingsszene des Lustspiels vorkommen mußte, die von den reisenden Engländern, wo ein britischer Adliger (Lord John) mit einem sehr wackligen Bauch und gekleidet in einen blauen, den Staub kehrenden Rock, hellgelbe Hosen und einen weißen Hut auf einem sich bäumenden Pferde erscheint, und neben ihm eine englische Dame (Lady Betsey) im Strohhut und grünen Schleier und grünen Spenzer, und beständig mit einem riesenhaften Strickbeutel und einem nicht aufgespannten Sonnenschirm belastet.

Ich streifte den ganzen übrigen Tag durch die Stadt, und ich glaube, ich könnte jetzt noch darin herumstreifen. An einer Stelle bemerkte ich ein neues, sehr niedliches Theater, wo sie eben die in Verona immer beliebte Oper »Romeo und Julia« aufgeführt hatten. An einer andern, unter einer Kolonnade, befand sich eine Sammlung griechischer, römischer und etruskischer Altertümer, beaufsichtigt von einem alten Mann, der selbst eine etruskische Antiquität hätte sein können, denn er war nicht stark genug, das eiserne Tor zu öffnen, als er es aufgeschlossen hatte, und besaß weder Stimme genug, um sich vernehmbar zu machen, wenn er die Antiquitäten beschrieb, noch Gesicht genug, um sie zu sehen: so uralt war er. An einem andern Ort war eine Bildergalerie, so abscheulich schlecht, daß es eine rechte Freude war, sie vermodern zu sehen. Aber überall in den Kirchen, unter den Palästen, in den Straßen, auf der Brücke oder unten am Fluß war es das liebe Verona und wird es in meiner Erinnerung immer sein.

Ich las an diesem Abend in meinem Zimmer »Romeo und Julia« – natürlich hat es noch kein Engländer dort gelesen –, brach am nächsten Tag mit Sonnenaufgang nach Mantua auf, indem ich im Coupé eines Omnibus neben dem Kondukteur, der die »Geheimnisse von Paris« las, vor mich hin brummte:

»Oh, außerhalb Veronas Mauern gibt
Es keine Welt, nur Fegfeur, Marter, Hölle.
Von hier verbannt, ist aus der Welt verbannt,
Und aus der Welt verbannt sein ist der Tod« –

was mich daran erinnerte, daß Romeo doch eigentlich nur auf fünfundzwanzig englische Meilen verbannt gewesen war, und mein Vertrauen auf seine Kraft und Kühnheit etwas störte.

Ich möchte wissen, ob damals der Weg nach Mantua so schön war wie jetzt! ob er sich hinzog durch ebenso grünes Weideland, glänzend von denselben funkelnden Strömen und geschmückt mit schattenreichen Gruppen zierlicher Bäume! Jene purpurnen Berge ruhten auch damals in der Ferne, und die Tracht der Bauernmädchen, die eine große silberne Nadel mit rundem Knopf am Ende durch das Haar stecken, kann sich kaum sehr verändert haben. Das freudige Gefühl eines so klaren Morgens und eines so prächtigen Sonnenaufgangs kann selbst der Brust eines verbannten Liebenden nicht fremd gewesen sein, und Mantua selbst mit seinen Türmen und Mauern und Wassern muß ihm nicht viel anders als von einem prosaischen Omnibus aus erschienen sein. Vielleicht mußte er dieselben scharfen Wendungen über zwei hohltönende Zugbrücken machen, ging über dieselbe lange, überdachte hölzerne Brücke und nahte, nachdem er an einem sumpfigen Wasser vorüber war, dem verrosteten Tore des stillen Mantua.

Wenn jemals ein Mann zu seinem Wohnort paßte und sein Wohnort zu ihm, so war dies bei dem hagern Apotheker von Mantua der Fall. Vielleicht war damals die Stadt lebhafter. War dies der Fall, so war der Apotheker seiner Zeit voraus und wußte, was Mantua im Jahre 1844 sein würde. Er fastete viel, und das unterstützte seine Weissagungsgabe sehr.

Ich stieg im Gasthof zum Goldenen Löwen ab und entwarf eben mit dem wackeren Kurier den Reiseplan durch die Stadt, als sich ein bescheidenes Klopfen an der Tür vernehmen ließ, die auf eine den Hof umgebende äußere Galerie ging; darauf trat ein unendlich schäbig aussehendes Männchen herein, um zu fragen, ob der Herr eines Cicerone zur Besichtigung der Stadt bedürfe. Sein Gesicht sah so bekümmert und ängstlich gespannt aus, als er in der halbgeöffneten Tür stand, und sein abgeschabter Anzug und der kleine zerdrückte Hut und der abgetragene wollene Handschuh, mit dem er ihn hielt, sprachen so deutlich von Armut – deswegen nicht weniger deutlich, weil es offenbar die hastig übergeworfenen Staatskleider waren –, daß ich ihn eher mit Füßen getreten als wieder entlassen hätte. Ich nahm ihn im Augenblick an, und er trat herein.

Während ich das Gespräch, in welchem ich eben begriffen war, schloß, stand er allein in der Ecke mit strahlendem Gesicht und tat, als ob er meinen Hut mit dem Arm glättete. Wenn sein Lohn ebenso viele Napoleons betragen hätte, wie er Francs betrug, so hätte über die trübe Dämmerung seiner Schäbigkeit kein solcher Sonnenstrahl blitzen können, wie jetzt, da er gemietet war, den ganzen Mann überglänzte.

»Nun«, sagte ich, als ich fertig war, »wollen wir jetzt gehen?«

»Wenn es dem Herrn gefällig ist. Es ist ein schöner Tag heute. Ein wenig kühl, aber reizend, wirklich reizend. Der Herr wird mir erlauben, die Tür zu öffnen. Das ist der Wirtshaushof, der Hof des Goldnen Löwen. Der Herr wird so gefällig sein, sich auf der Treppe in acht zu nehmen.«

Wir waren jetzt auf der Straße.

»Das ist die Straße des Goldnen Löwen. Das ist die Außenseite des Goldnen Löwen. Das interessante Fenster dort oben im ersten Stock, wo die Scheibe zerbrochen ist, ist das Fenster des Herrn!« Nachdem ich alle diese merkwürdigen Gegenstände betrachtet hatte, fragte ich, ob es viel in Mantua zu sehen gäbe.

»Oh, eigentlich nicht. Nicht viel! Soso«, sagte er, entschuldigend mit den Achseln zuckend.

»Viele Kirchen?«

»Nein. Fast alle von den Franzosen geschlossen.«

»Klöster?«

»Nein. Wieder die Franzosen! Fast alle von Napoleon aufgehoben.«

»Viel Verkehr?«

»Sehr wenig Verkehr.«

»Viel Fremde?«

»Ach du meine Güte!«

Ich glaubte, er wolle in Ohnmacht fallen.

»Was werden wir denn tun, wenn wir die beiden großen Kirchen gesehen haben?« fragte ich.

Er blickte die Straße hinauf und hinab und rieb sich schüchtern das Kinn; dann sagte er und sah mich an, als ob ihm plötzlich ein Licht aufgegangen sei, aber doch mit einer bescheidenen Bitte um Nachsicht, die ganz unwiderstehlich war: »Wir können einen kleinen Spaziergang um die Stadt machen, Signore (si può far un piccolo giro della città)

Es war unmöglich, über diesen Vorschlag nicht erfreut zu sein, und so machten wir uns denn in vortrefflicher Laune auf den Weg. In seinem Glück schüttete er mir sein Herz aus und gab über Mantua so viel Auskunft, wie nur ein Cicerone konnte.

»Man muß sein Brot verdienen«, sagte er, »aber ein uninteressanter Ort ist es, das ist wahr.«

So viel, wie nur immer möglich war, machte er aus der Basilika von Santa Andrea, einer schönen Kirche, und aus einer umgitterten Stelle des Fußbodens, um welche Kerzen brannten und ein paar Leute knieten und unter der der heilige Gral aufbewahrt sein soll. Sobald wir mit dieser Kirche und einer zweiten (dem Dom von San Pietro) fertig waren, gingen wir zum Museum, welches verschlossen war.

»Es ist ganz einerlei«, sagte er; »es ist eben nicht viel darin!«

Dann gingen wir zur Piazza del Diavolo, vom Teufel (zu keinem besonderen Zweck) in einer einzigen Nacht gebaut; dann zu der Piazza Virgiliana, dann zur Bildsäule Virgils – unsern Dichter nannte ihn mein kleiner Freund, für einen Augenblick sich stolzer fühlend und den Hut ein klein wenig auf die Seite setzend. Alsdann gingen wir durch eine Art Bauernhof, durch den wir zu einer Gemäldegalerie kamen. Im Augenblick, da das Tor geöffnet wurde, kamen wohl fünfhundert Gänse herausgewatschelt, die mit vorgestreckten Hälsen auf die abscheulichste Weise schnatterten, als ob sie ausriefen: »Oh, hier kommt jemand, um die Bilder zu sehen! Geht nicht hinauf, geht nicht hinauf.«

Während wir hinaufgingen, warteten sie unten an der Tür in dichtgedrängter Schar und schnatterten nur zuweilen leise untereinander; aber kaum erschienen wir wieder, so schossen ihre Hälse heraus wie Teleskope, und sie fingen wieder den alten Lärm an, womit sie ohne Zweifel sagen wollten: »Was, ihr wollt gehen? Was meint ihr dazu? Wie gefällt es euch?« Und damit geleiteten sie uns zur äußeren Pforte und warfen uns mit Verhöhnung auf die Straße hinaus.

Die Gänse, welche das Capitol retteten, standen zu diesen Gänsen in demselben Verhältnis wie die wilden Flöhe zu den industriellen. Welch eine Galerie von Gänseköpfen! Ich hätte ihr Urteil über eine Kunstfrage jedenfalls den Abhandlungen von Sir Joshua Reynolds vorgezogen.

Jetzt, als wir wieder auf der Straße standen, nachdem man uns so schmachvoll dahin geleitet, war mein kleiner Freund wirklich auf den kleinen Spaziergang um die Stadt, den er früher vorgeschlagen, reduziert. Aber mein Vorschlag, den Palazzo Te zu besuchen – ich hatte ihn als einen wunderlich verödeten Ort nennen hören –, flößte ihm neues Leben ein, und wir machten uns auf den Weg.

Das Geheimnis von Midas' langen Ohren wäre viel bekannter geworden, wenn sein Diener, der es dem Schilf anvertraute, in Mantua gewohnt hätte, wo es Schilf und Binsen genug gibt, um es der ganzen Welt bekanntzumachen. Der Palazzo Te steht in einem Sumpf, umwuchert von solchen Pflanzen; und es ist in der Tat ein so wunderbarer Ort, wie ich nur je einen sah.

Nicht wegen seiner Wüstheit, obgleich er sehr wüst ist, nicht wegen der feuchten Grabesluft, die in ihm herrscht, nicht wegen seines verfallenen Zustandes, obgleich er so verfallen und verlassen ist, wie nur ein Haus sein kann, sondern hauptsächlich wegen der unerklärlichen Fiebertraum-Gestalten, mit denen (neben anderen, besseren Bildern) sein Inneres von Giulio Romano geschmückt worden ist. Über einem gewissen Kamin sieht man einen grinsenden Riesen und an den Wänden eines andern Zimmers Dutzende von Riesen (mit Zeus kämpfende Titanen), die so unbegreiflich häßlich und grotesk sind, daß man sich nur wundern kann, wie jemand solche Wesen erfinden konnte. In dem Zimmer, wo diese Ungeheuer mit geschwollenen Gesichtern und jeder denkbaren Verdrehung der Augen und der Glieder zu sehen sind, sind sie dargestellt, wie sie unter der Last fallender Gebäude wanken oder unter Trümmern zusammenstürzen, Felsenmassen in die Höhe heben und sich darunter begraben, vergebens bestrebt, Pfeiler schwerer Dächer, die auf ihre Häupter herabsinken, zu stützen; mit einem Worte, wie sie jeder Art wahnsinniger und dämonischer Zerstörung als Ziel oder Urheber dienen. Die Gestalten sind ungeheuer groß und übertrieben bis zum äußersten Grade der Ungeschlachtheit. Die Färbung ist hart und unangenehm, und die ganze Wirkung gleicht mehr, sollte ich meinen, einem heftigen Blutandrang nach dem Kopf des Beschauers als einem wirklichen Gemälde, das die Hand eines Künstlers geschaffen hat.

Diese apoplektische Schöpfung wurde uns von einer kränklich aussehenden Frau gezeigt, deren Blässe wohl der schlechten Sumpfluft zuzuschreiben war; aber man konnte sich kaum des Gedankens enthalten, die Riesen spukten ihr, die sie ganz allein war in diesem vertrockneten Brunnen von einem Palast, mitten unter Schilf und Binsen und ewigem Nebel draußen, allzusehr vor dem Auge herum und peinigten sie mit ewigem Gespensterschreck.

Unser Spaziergang durch Mantua zeigte uns fast in jeder Straße eine geschlossene Kirche, jetzt entweder als Warenlager oder gar nicht benutzt, alle so entstellt und ruinenhaft, wie sie nur sein konnten, ohne ganz zusammenzustürzen. Die sumpfige Stadt war so trostlos still und öde, daß es sogar schien, als ob nicht einmal der Schmutz auf dem gewöhnlichen Wege hereingekommen wäre, sondern sich auf der Oberfläche, wie auf stehendem Wasser, gesammelt hätte. Und doch ging dort einiger Verkehr vor sich, denn man sah viele Juden unter den Arkaden, die vor ihrem Laden saßen, ihre Vorräte von Stoffen und Schmuck beschauten und in jeder Hinsicht so schlau und geschäftstüchtig aussahen wie ihre Brüder in Houndsditch in London.

Nachdem wir uns unter den Christen in der Nähe einen Vetturino ausgelesen hatten, der sich verpflichtete, uns in zwei und einem halben Tag nach Mailand zu bringen und nächsten Morgen abzufahren, sobald die Tore geöffnet waren, kehrte ich zum Goldenen Löwen zurück und dinierte üppig auf meinem Zimmer in einem engen Gang zwischen zwei Bettstellen, vor mir ein rauchendes Feuer und hinter mir eine Kommode.

Um sechs Uhr am nächsten Morgen klapperten und klingelten wir im Dunkeln durch den feuchten und kalten Nebel, der die Stadt einhüllte, und vor Mittag noch fing der Kutscher (er war in Mantua geboren und etwa sechzig Jahr alt) schon an, sich nach dem Wege nach Mailand zu erkundigen.

Er führte durch Bozzolo, ehedem eine kleine Republik und jetzt eine der verlassensten und armseligsten Städte, wo der Wirt der elenden Schenke (Gott segne ihn, er tat es allwöchentlich] unaussprechbar kleines Geld unter eine laute Schar von Frauen und Kindern austeilte, deren Lumpen draußen vor seiner Tür, wo sie sich, um sein Almosen zu empfangen, gesammelt hatten, im Regen und Winde flatterten. Durch den Nebel, Schmutz und Regen und auf dem Boden kriechende Reben ging der Weg diesen und den nächsten Tag. Der erste Rastort für die Nacht war Cremona, merkwürdig wegen seiner dunklen Kirche aus Ziegelsteinen und des unermeßlich hohen Turmes, des Torrazzo, ohne die Violinen zu erwähnen, die es in unsern entarteten Tagen gewiß gar nicht mehr hervorbringt; der zweite war Lodi. Dann ging es weiter durch noch mehr Schmutz, Nebel und Regen und morastigen Boden: durch einen Nebel, wie ihn Engländer im starken Glauben an ihre heimischen Übelstände nur im eigenen Lande zu finden erwarten, bis wir endlich in die gepflasterten Straßen von Mailand einfuhren.

Der Nebel war hier so dicht, daß der Turm der weitberühmten Kathedrale ebensogut hätte in Bombay sein können, so wenig war von ihm zu entdecken. Doch da wir damals einige Tage, um zu rasten, in Mailand blieben und im Sommer nochmals zurückkehrten, hatte ich Gelegenheit genug, den prächtigen Bau in seiner ganzen Schönheit und Erhabenheit zu sehen.

Die Verehrung aller Christen gilt dem Heiligen, der darin wohnt! Es gibt viele gute und echte Heilige im Kalender, aber meine ganze Liebe hat, um mit Mrs. Primrose zu reden, San Carlo Borromeo; den Kranken ein barmherziger Arzt, den Armen ein freigebiger Freund, und dies alles nicht aus Bigotterie, sondern als kühner Widersacher der ungeheuren Mißbräuche der Römischen Kirche, verdient sein Gedächtnis geehrt zu werden. Ich ehre ihn deshalb nicht weniger, weil er fast ermordet wurde von einem Priester, den Priester gedungen hatten, ihn zum Dank für seine Bemühungen, eine heuchlerische Brüderschaft von Mönchen zu reformieren, am Altar zu erschlagen. Der Himmel schütze alle Nachahmer des San Carlo Borromeo, wie er ihn schützte! Ein reformfreudiger Papst würde selbst jetzt ein wenig des Schutzes bedürfen.

Die unterirdische Kapelle, in welcher der Leichnam San Carlo Borromeos aufbewahrt wird, bietet einen so auffallenden und schauerlichen Kontrast dar, wie vielleicht nur ein Ort zeigen kann. Die Kerzen, welche hier unten ewig brennen, funkeln und leuchten auf erhabene Arbeiten von Gold und Silber, kunstreich ausgeführt von geschickten Händen und die hauptsächlichsten Ereignisse aus dem Leben des Heiligen darstellend. Juwelen und edle Metalle blitzen auf allen Seiten. Eine Vorrichtung öffnet langsam die Vorderseite des Altars; in ihm erblickt man in einem prächtigen Schrein von Gold und Silber durch Alabaster eine vertrocknete und zusammengeschrumpfte Leiche in Priesterkleidern, strahlend von Diamanten, Smaragden, Rubinen und andern kostbaren Edelsteinen. Dieses Häufchen Erde in der Mitte dieses großen Glanzes nimmt sich armseliger aus, als ob es auf einem Dunghaufen läge. Jeder Strahl eingeschlossenen Lichtes in der Pracht und Glut der Juwelen scheint der staubigen Höhlen, wo einst Augen waren, zu spotten. Jeder Seidenfaden der reichen Kleider scheint nur geschaffen zu sein von Würmern, die für Würmer, wie sie in Grabmälern hausen, spinnen.

In dem alten Refektorium Santa Maria della Grazia ist das vielleicht bekannteste Kunstwerk zu sehen; ich meine das Abendmahl von Leonardo da Vinci, durch welches die gescheiten Dominikaner eine Tür gebrochen haben, um besser in die Kirche gelangen zu können.

Ich besitze keine praktische Kenntnis der Malkunst und kann nur über ein Gemälde urteilen, insoweit es die Natur nachahmt und sie veredelt und anmutige Kombinationen von Gestalten und Farben zeigt. Ich bin daher durchaus keine Autorität über den Pinsel dieses oder jenes Meisters, obgleich ich recht gut weiß (wie es jeder wissen kann, der über die Sache nachdenkt), daß wenige sehr große Meister im Verlauf ihrer Lebenszeit nur die Hälfte der Bilder haben malen können, die ihren Namen tragen und die von manchen, die sich Kenner nennen, als unbezweifelte Originale anerkannt werden. Doch dies nur nebenbei.

Von dem Abendmahl will ich nur bemerken, daß es in seiner schönen Anordnung und Komposition, wie es jetzt in Mailand ist, ein wunderbares Bild ist und daß es in seiner ursprünglichen Farbgebung oder in dem ursprünglichen Ausdruck jedes einzelnen Gesichtes nicht mehr existiert. Ungerechnet diesen Schaden, den es durch Feuchtigkeit, durch allmähliches Verderben und Vernachlässigung erlitten, ist es so vielfach und ungeschickt retuschiert und übermalt worden, daß viele Köpfe wahre Mißgeburten sind, auf denen Flecken von Farbe und Kalk wie Warzen hängen und den Ausdruck ganz und gar verzerren. Wo der ursprüngliche Künstler das Gepräge seines Genies, das ihn durch eine Linie oder einen Pinselstrich von gewöhnlichen Malern schied und ihn zu dem machte, was er war, auf ein Gesicht drückte, sind spätere Stümper, welche Risse und Spalten ausfüllten oder übermalten, seine Hand nachzuahmen ganz und gar unfähig gewesen und haben mit Fratzen und Falten eigener Erfindung das ganze Werk verdorben. Das ist als historisches Faktum so außer allen Zweifel gestellt, daß ich es aus Furcht, langweilig zu werden, gar nicht wiederholen würde, wenn ich nicht einen Engländer vor dem Bild bemerkt hätte, der sich alle mögliche Mühe gab, über die Einzelheiten des Ausdrucks, die nicht mehr vorhanden sind, in gelinde Konvulsionen zu fallen. Jedenfalls wäre es für Reisende und Kritiker sehr vernünftig, wenn sie zu dem allgemeinen Einverständnis kämen, daß es ein Werk von außerordentlichen Vorzügen gewesen sein müsse, da jetzt, wo so wenig von seiner ursprünglichen Schönheit übriggeblieben, die Großartigkeit der allgemeinen Anlage genügt, es zu einem Bilde voller Interesse und Wert zu machen.

Wir wurden in gehöriger Zeit mit den andern Sehenswürdigkeiten Mailands fertig, und es ist jedenfalls eine schöne Stadt, wenn auch nicht so unzweifelhaft italienisch, um die charakteristischen Eigenschaften vieler anderer, an sich viel unwichtigerer Städte zu besitzen.

Der Corso, wo die Mailänder Vornehmen auf und ab fahren und lieber halb verhungern würden, als daß sie es unterlassen sollten, ist eine sehr schöne öffentliche Promenade, beschattet von langen Baumreihen. In dem prächtigen Theater della Scala wurde nach der Oper ein pantomimisches Ballett, »Prometheus«, gegeben. Zu Anfang desselben stellten ein- oder zweihundert Männer und Frauen das Menschengeschlecht dar, wie es war, ehe die Verfeinerungen der Wissenschaften und Künste und der Liebe und Anmut auf Erden herabkamen. Ich sah nie etwas Effektvolleres. Im allgemeinen ist die Pantomime der Italiener mehr durch ihren raschen und ungestümen Charakter als durch ihren zarten Ausdruck bemerkenswert; aber hier wurde die einschläfernde Eintönigkeit, das armselige, interesselose, langweilige Leben, die kleinlichen Leidenschaften und Begierden von Menschen, denen alle jene erhebenden Einflüsse fremd waren, denen wir so viel verdanken und deren Urhebern wir so wenig von unserer Schuld zahlen, auf eine in der Tat wirkungsreiche und ergreifende Weise ausgedrückt. Ich hätte es fast für unmöglich gehalten, auf der Bühne einen solchen Gedanken ohne Hilfe der Worte so deutlich auszudrücken.

Um fünf Uhr morgens lag Mailand hinter uns; und ehe das goldene Standbild auf der Spitze des Doms sich im blauen Himmel verlor, türmten sich die Alpen, ein erhabenes Gewirr von Gipfeln und Graten, Wolken und Schnee, vor uns auf.

Bis zum Anbruch der Nacht näherten wir uns ihnen immerfort, und den ganzen Tag lang zeigten die Berggipfel wunderbar wechselnde Gestalten, wie der Weg sie uns aus verschiedenen Blickwinkeln zeigte. Der schöne Tag neigte sich eben seinem Ende zu, als wir den Lago Maggiore mit seinen lieblichen Inseln erreichten; denn so bizarr und phantastisch auch die Isola Bella sein mag, sie ist und bleibt schön. Mag aus diesen blauen Wogen und mit dieser Umgebung ringsum hervorsteigen, was da wolle, schön muß es sein.

Es war zehn Uhr nachts, als wir nach Domo d'Ossola am Fuße des Simplonpasses kamen; aber da der Mond hell schien und keine Wolke am sternenglänzenden Himmel zu entdecken war, hatten wir weiter nichts zu tun, als weiterzureisen. So bekamen wir denn nach geringem Verzug einen kleinen Wagen und fingen an die Alpen hinaufzusteigen.

Es war tief im November, und da der Schnee vier oder fünf Fuß hoch auf der gebahnten Straße lag (an andern Stellen waren die frischen Schneewehen viel tiefer), war die Luft schneidend kalt. Aber die helle ruhige Nacht und die Großartigkeit der Straße mit ihrem undurchdringlichen Schatten und tiefen Düster und den plötzlichen Übergängen des Mondscheins und das unaufhörliche Getöse fallender Gewässer machten die Reise mit jedem Schritt erhabener.

Bald verließ die Straße die unten in der Tiefe im Mondlicht schlummernden italienischen Dörfer, wand sich erst zwischen düsteren Bäumen hindurch und führte nach einiger Zeit in eine kahlere Region, wo der Weg sehr steil und mühsam war und der Mond hoch und hell am Himmel stand. Allmählich wurde das Tosen der Wasser lauter und lauter, und die Straße, nachdem sie den Gebirgsbach auf einer Brücke überschritten, lief zwischen zwei hohen senkrechten Felswänden hin, welche den Mondschein gar nicht hereingelangen und nur noch ein paar Sterne in dem schmalen Streifen des Himmels oben erblicken ließen. Dann verschwand selbst dies in der dichten Finsternis einer Felsenhöhle, durch welche die Straße gebrochen war; der Wasserfall brüllte und donnerte grauenerregend dicht darunter, und sein Schaum hing in einem Nebel um den Eingang. Als der Weg wieder aus dieser Höhle und in den Mondschein hinaustrat, ging er über eine schwindelnde Brücke und wand sich aufwärts durch die Schlucht von Gondo, die mit ihren glatten, zu beiden Seiten in die Höhe steigenden und oben fast zusammenstoßenden Wänden über alle Begriffe wild und erhaben ist. So stiegen wir die ganze Nacht hindurch unsern rauhen Weg höher und höher, ohne einen Augenblick Müdigkeit zu fühlen, verloren in der Anschauung der schwarzen Felsen, der schauerlichen Höhen und Abgründe, der glatten Schneefelder, die in den Klüften und Spalten lagen, und der wilden Bäche, die sich donnernd in den Abgrund stürzten.

Gegen Tagesanbruch gelangten wir an eine Stelle, wo ein scharfer Wind heftig wehte. Nachdem wir mit einiger Mühe die Bewohner eines hölzernen Hauses in dieser Einöde – um welches der Wind unheimlich heulte und den Schnee aufwühlte und vor sich her jagte – geweckt hatten, nahmen wir unser Frühstück in einem Zimmer ein, das aus unbehauenen Balken gebaut, aber von einem Ofen gut erwärmt und ganz geeignet war, vor dem kalten Wind zu schützen. Mittlerweile war ein Schlitten fertig gemacht und vier Pferde vorgespannt worden, und wir fuhren durch den tiefen Schnee weiter, immer höher hinauf, aber jetzt im kalten Licht des Morgens und die große weiße Wüste, auf der wir reisten, deutlich und klar vor uns ausgebreitet.

Wir befanden uns jetzt auf der Höhe des Berges und erblickten das kunstlose hölzerne Kreuz, das den höchsten Gipfel bezeichnet, als das Licht der aufgehenden Sonne plötzlich die Schneewüste traf und sie in ein dunkles Rot verwandelte. Die öde Erhabenheit der Szene erreichte ihren Höhepunkt.

Während wir weiterfuhren, kamen aus dem von Napoleon gegründeten Hospiz mehrere Bauern mit Reisestab und Bündel, die dort übernachtet hatten, begleitet von einem oder zwei Mönchen, ihren gastlichen Wirten, die der Gesellschaft wegen ein Stück mit ihnen gingen. Es war angenehm, ihnen einen guten Morgen zu wünschen, und hübsch, wie wir ihnen lange nachblickten, sie auch umschauen und zögernd stehenbleiben zu sehen, als eines unserer Pferde stolperte und fiel, ob sie nicht umkehren und uns helfen sollten. Aber es war mit dem Beistand eines Fuhrmannes, dessen Wagen ebenfalls steckengeblieben war, bald in die Höhe gebracht, und als wir auch ihm herausgeholfen hatten, ließen wir ihn langsam seines Weges jenen nachpflügen, während wir selbst am Rande eines steilen Abgrundes unter uralten Tannen schnell weiterglitten.

Bald darauf bedienten wir uns wieder der Räder und eilten noch schneller bergab durch gewölbte Galerien, die mit Bündeln tropfender Eiszacken behangen waren, unter ewigen Gletschern hinweg. Unter oder über schäumenden Wasserfällen, an Rettungsplätzen und Schutzgattern gegen plötzliche Gefahr vorbei, durch Höhlen, über deren gewölbte Dächer im Frühling die Lawinen gleiten und sich in dem undurchforschten Schlund darunter begraben. In die Tiefe hinab über hoch gespannte Brücken und durch fürchterliche Schluchten, ein kleiner wandelnder Punkt in der unermeßlichen Einöde von Eis und Schnee und Granitfelsen, durch die tiefe Schlucht der Saltine, betäubt von dem Wasserfall, der durch die zerrissenen Felsblöcke in wilder Wut der Ebene tief unten entgegentost. Allmählich hinunter auf Zickzackwegen, über uns und unter uns einen Abgrund, wärmerem Wetter, ruhigerer Luft und sanfterer Umgebung entgegen, bis im Tau und Sonnenschein, wie Gold und Silber glänzend, die metallbedeckten roten, grünen und gelben Dächer und Kirchturmspitzen einer Schweizer Stadt vor uns lagen.

Da diese Erinnerungen es mit Italien zu tun haben und es daher mein Beruf ist, so schnell wie möglich wieder dorthin zurückzukehren, so will ich nicht erzählen (obgleich es mich hart ankommt), wie die Schweizer Dörfer, um den Fuß der Riesenberge gruppiert, wie Spielzeug aussahen oder wie verwirrt die Häuser übereinandergehäuft waren oder wie wir dort sehr enge Straßen fanden, um den heulenden Wind abzuhalten, und zertrümmerte Brücken, welche die ungestümen Gebirgsbäche, die der Frühling plötzlich entfesselt, weggerissen hatten. Auch will ich nicht erzählen von den Bauernweibern mit großen runden Pelzmützen, die, wenn sie aus den Fenstern schauten, daß man nur ihre Köpfe sehen konnte, sich wie eine Einwohnerschaft von Schwertträgern des Lord Mayor von London ausnahmen oder wie schön die Stadt Vevey am glatten Genfer See war, oder wie das Standbild des heiligen Petrus in der Straße von Freiburg den größten Schlüssel, den man jemals gesehen, in der Hand hält oder wie Freiburg berühmt ist wegen seiner zwei Hängebrücken und der großen Orgel seines Domes.

Oder wie zwischen dieser Stadt und Basel die Straße sich durch blühende Dörfer mit hölzernen Bauernhäusern windet, alle mit weit überhängenden Schindeldächern und kleinen hervorspringenden Fenstern mit kleinen runden Glasscheiben, wie Kronenstücke, oder wie jede kleine Schweizerhütte mit dem daneben aufgefahrenen Wagen oder Karren, dem kleinen Garten, dem Federvieh und den Gruppen rotwangiger Kinder, einen Charakter der Behäbigkeit aufwies, der nach Italien sehr neu und angenehm war, oder wie die Trachten der Frauen sich wieder veränderten und keine Schwertträger mehr zu sehen waren und dafür schöne weiße Schürzen und große, schwarze, fächerförmige Mützen mit Spitzengrund vorherrschten.

Oder wie schön die Gegend an den Juragebirgen war, hier und da mit Schnee bedeckt und vom Mond erhellt und tönend von rauschendem Wasser; oder wie unter dem Fenster des großen Hotels zu den drei Königen in Basel der angeschwollene Rhein schnell und grün dahinschoß, oder wie er in Straßburg ebenso schnell, aber nicht so grün war; und wie er weiter abwärts sehr nebelig sein sollte und wie er zu so später Jahreszeit eine viel unsicherere Reisestraße war als die Poststraße nach Paris.

Oder wie uns Straßburg selbst mit seinem prächtigen gotischen Dom und seinen alten Häusern mit ihren spitzen Dächern und Giebeln eine kleine Galerie von wunderlichen und interessanten Ansichten lieferte; oder wie sich mittags ein Gedränge im Dom versammelt hatte, um die berühmte mechanische Uhr zwölf schlagen zu sehen; wie mit dem Schlag zwölf ein ganzes Heer von Puppen viele wunderbare Bewegungen vollführte und unter ihnen ein großer Hahn oben auf der Spitze laut und vernehmlich zwölfmal krähte. Oder wie wunderbar es anzusehen war, als der Hahn sich große Mühe gab, mit den Flügeln zu schlagen und die Kehle anzustrengen, aber offenbar ganz und gar nichts zu tun hatte mit seiner Stimme, die tief, tief unten in der Uhr steckte.

Oder wie der Weg nach Paris ein Meer von Schlamm war, aber von da an nach der Küste etwas besser wurde durch einen harten Frost. Oder wie anmutig die Klippen von Dover aussahen und wie wunderbar adrett England war – obgleich düster und farblos an jenem Wintertag, das muß man zugeben.

Oder wie es ein paar Tage später, als wir wieder über den Kanal zurückfuhren, kalt war und wir Eis auf dem Deck hatten und ziemlich tiefen Schnee in Frankreich.

Oder wie die Mallepost durch den Schnee stolperte, in hügeligen Gegenden von einer Unzahl starker Pferde im Galopp gezogen, oder wie vor dem Posthof in Paris vor Tagesanbruch seltsame Leute in Lumpen mit kleinen Rechen den tiefen Schnee in den Straßen durchstöberten.

Oder wie zwischen Paris und Marseille, wo der Schnee sehr tief lag, Tauwetter eintrat und der Postwagen die nächsten sechzig Meilen mehr schwamm als fuhr; wie eines Sonntags nachts Federn brachen und die zwei Passagiere, um sich zu wärmen und zu erfrischen und die Reparatur abzuwarten, in elenden Billardzimmern ausgesetzt wurden, wo eine reichbehaarte Gesellschaft, um den Ofen versammelt, Karten spielte; und wie ähnlich die Karten den Spielern sahen – ausnehmend schmutzig und schmierig.

Oder wie wir in Marseille wegen schlechten Wetters liegenbleiben mußten; und wie Dampfschiffe abreisen sollten, die nie abreisten; und wie endlich das gute Dampfschiff »Charlemagne« den Hafen verließ und draußen solches Wetter fand, daß es jetzt drohte, in Toulon anzulegen und dann in Nizza, aber, da der Wind sich legte, keines von beiden tat, sondern in den Hafen von Genua einlief, wo die wohlbekannten Glocken freundlich in mein Ohr klangen.

Oder wie eine Reisegesellschaft an Bord war, von der einer in der Kajüte neben mir krank lag, üble Laune hatte und deshalb das Wörterbuch nicht hergeben wollte, welches er unter dem Kopfkissen hatte; wodurch er seine Gefährten nötigte, ständig zu ihm hinabzukommen und zu fragen, was auf italienisch »ein Stückchen Zucker«, »ein Glas Grog«, »wieviel Uhr ist es?« usw. heiße. Und immer bestand er darauf, dies selbst mit seinen seekranken Augen aufzusuchen, und wollte das Buch keinem andern Menschen anvertrauen.

Wie Grumio hätte ich euch alles dies und noch einiges andere ausführlich erzählen können – aber ebensosehr am unrechten Orte –, hätte mich nicht der Gedanke abgehalten, daß ich es mit Italien zu tun habe. Daher soll es, wie Grumios Geschichte, »in Vergessenheit sterben«.

 

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