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Bilder aus Italien

Charles Dickens: Bilder aus Italien - Kapitel 7
Quellenangabe
typereport
authorCharles Dickens
titleBilder aus Italien
publisherWinkler Verlag
editorSiegfried Schmitz
yearo.J.
translatorJulius Seybt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Durch Bologna und Ferrara

Ein so schmucker Aufseher war angestellt auf dem Kirchhof, wo der kleine Cicerone seine Kinder begraben hatte, daß, als der kleine Cicerone mir zuflüsterte, dieser Aufseher werde sich nicht beleidigt fühlen, wenn ich ihm für einen kleinen Extradienst ein paar Paoli (etwa zehn Pence in englischem Geld) gäbe, ich ungläubig den dreieckigen Hut und die waschledernen Handschuhe, die gutsitzende Uniform und die strahlenden Knöpfe ansah und dem kleinen Cicerone mit einem ernsten Kopfschütteln sein Ansinnen verwies. Denn im Glanz der Erscheinung kam er mindestens dem Untertürsteher mit dem schwarzen Stab gleich, und der Gedanke, daß er zehn Pence annehmen werde, erschien empörend. Er nahm sie jedoch ganz gutmütig an, als ich so frei war, sie ihm zu geben, und nahm den dreieckigen Hut mit einem Schwung ab, der für das doppelte Geld billig gewesen wäre.

Es schien sein Amt zu sein, den Leuten die Denkmäler zu beschreiben – jedenfalls tat er es, und als ich ihn gleich Gulliver in Brobdignag »mit den Institutionen meines geliebten Vaterlandes verglich, konnte ich mich der Tränen des Stolzes und der Wonne nicht enthalten«. Was laufen hieß, wußte er ganz und gar nicht, ebensowenig wie eine Schildkröte. Er stand still, wenn die Leute stillstanden, damit sie ihre Neugier befriedigen konnten, und gestattete ihnen – wahrhaftig, es ist so –, manchmal sogar die Inschriften auf den Gräbern zu lesen. Er war weder schäbig noch unverschämt noch grob noch unwissend. Er sprach seine Sprache ganz richtig und schien sich in seiner Weise als eine Art Lehrer des Volkes zu betrachten und vor ihm und sich selbst die gehörige Achtung zu haben. Man würde ebensowenig einen solchen Mann als Kastellan in der Westminsterabtei anstellen, wie man dort die Leute (wie man es in Bologna tut) umsonst hereinlassen würde.

Wieder eine alte düstere Stadt unter dem glänzenden Himmel mit schwerfälligen Arkaden an beiden Seiten der älteren Straßen und leichteren und heiterern Bogengängen in den neuern Teilen der Stadt. Wieder gebräunte Massen heiliger Gebäude mit vielen Vögeln, welche in den Spalten der Steine aus und ein flogen, und vielen grinsenden Ungeheuern als Sockel der Pfeiler. Wieder reiche Kirchen, einschläfernde Messen, dampfender Weihrauch, klingelnde Glocken, Priester in prächtigem Schmuck, Gemälde, Kerzen, gestickte Altartücher, Kreuze, Heilige und künstliche Blumen.

Ein ernstes und gelehrtes Wesen schwebt um die Stadt, und ein wohltuendes Düster ruht darauf, so daß sie schon unter der Masse von Städten einen besonderen Eindruck in der Seele zurücklassen würde, wäre sie nicht noch ferner in des Reisenden Erinnerungen durch die zwei schiefen Türme (an und für sich genügend unansehnliche Dinger, das muß man gestehen) ausgezeichnet. Sie stehen gegeneinander geneigt, als ob einer dem andern eine steife Verbeugung machte, und bilden einen höchst seltsamen Hintergrund in der Perspektive von einigen dieser engen Straßen. Auch die Kollegiengebäude und Kirchenpaläste und vor allem die Kunstakademie, mit einer Unzahl interessanter Gemälde, vorzüglich von Guido, Dominichino und Ludovico Caracci, geben ihr eine besondere Stelle im Gedächtnis. Ja, und wäre alles dieses nicht, und hätte sie sonst kein anderes Merkmal, so würde ihr der große Meridian auf dem Fußboden der Petroniuskirche, wo die Sonne die Zeit mitten unter den knienden Betern anzeigt, ein besonderes und anziehendes Interesse geben.

Bologna war voller Touristen, die von einer die Straße nach Florenz ungangbar machenden Überschwemmung aufgehalten wurden, und ich war hoch oben in einem Hotel einquartiert, in einem abgelegenen Zimmer, welches ich nie finden konnte, und mit einem Bett, groß genug für eine Pensionsschule, in dem ich nie einschlafen konnte. Der vornehmste unter den Kellnern, welche diesen abgelegenen Zufluchtsort heimsuchten, wo ich keine andere Gesellschaft hatte als die Schwalben in den breiten Dachrinnen über dem Fenster, hatte eine fixe Idee in bezug auf die Engländer, und der Gegenstand dieser harmlosen Monomanie war Lord Byron. Ich machte diese Entdeckung durch die zufällige Bemerkung beim Frühstück, daß die Matten, mit denen der Fußboden bedeckt war, in dieser Jahreszeit sehr wohl täten, worauf er sofort antwortete, daß »Milor Byron« diese Matten sehr gern gehabt habe. Als er zu gleicher Zeit bemerkte, daß ich keine Milch nahm, rief er mit Begeisterung aus, daß »Milor Byron« niemals Milch angerührt habe. Zuerst nahm ich es in meiner Unschuld für ausgemacht an, daß er einer von des Lords Bedienten gewesen sei; aber nein, er sagte nein, er habe nur die Gewohnheit, mit Engländern von Milor zu sprechen, weiter nichts. Er kenne ihn durch und durch, sagte er. Um dies zu beweisen, brachte er ihn mit allem möglichen, vom Monte-Pulciano-Wein beim Mittagessen, der auf einer seiner Besitzungen gebaut worden, bis zu dem großen Bett, ganz das Ebenbild des seinigen, in Verbindung. Als ich das Haus verließ, verband er mit seinem Abschiedsgruß im Hofe die Versicherung, daß der Weg, den ich einschlage, Milor Byrons Lieblingsspazierritt gewesen sei. Und ehe der Hufschlag des Pferdes noch recht auf dem Pflaster erklang, lief er rasch die Treppe hinauf, gewiß um einem andern Engländer in einem andern einsamen Zimmer zu erzählen, daß der eben abgereiste Gast Lord Byrons Ebenbild sei.

Ich war in Bologna in der Nacht, fast um Mitternacht, angekommen, und auf dem ganzen Weg von unserm Eintritt in das päpstliche Gebiet an – welches in keinem Teile besonders gut regiert wird, denn Sankt Peters Schlüssel sind jetzt etwas rostig geworden – hatte der Kutscher so viel von der Gefahr von Räubern nach eingebrochener Dunkelheit gesprochen, und der wackere Kurier war so sehr davon angesteckt worden, und die beiden hatten so oft angehalten und waren auf- und abgestiegen, um nach dem hinten befestigten Mantelsack zu sehen, daß ich mich fast dem, der die Güte gehabt hätte, ihn abzuschneiden, verpflichtet hätte fühlen können. Daher wurde ausgemacht, daß wir von Bologna um eine Stunde aufbrechen müßten, die uns gestattete, Ferrara nicht später als um acht oder neun Uhr zu erreichen; und die Nachmittags- und Abendreise war sehr angenehm, obgleich sie durch eine sehr flache Gegend ging, die durch das Austreten der Bäche und Flüsse von dem neulichen Regen immer morastiger wurde.

Abends, als ich allein spazierenging, während die Pferde rasteten, kam ich in eine kleine Landschaft, die durch eine jener eigentümlichen Bewegungen des Geistes, die wir alle kennen, mir vollkommen bekannt zu sein schien und die ich jetzt deutlich vor mir sehe. Es war nicht viel darin. Im blutroten Licht lag eine melancholische Wasserfläche, leise bewegt vom Abendwind, an ihrem Rande ein paar Bäume. Im Vordergrund lehnte eine Gruppe schweigender Bauernmädchen über das Seitengeländer einer kleinen Brücke und sah jetzt zum Himmel hinauf, jetzt ins klare Wasser hinab. In der Ferne eine dumpfhallende Glocke. Der Schatten der nahenden Nacht auf der ganzen Gegend. Wenn ich hier in einem früheren Leben ermordet worden wäre, so hätte ich mich des Orts nicht deutlicher oder mit größerm innerem Schauer erinnern können; und die wirkliche Erinnerung, die mir in jener Minute geworden, wird durch die visionäre so verstärkt, daß ich kaum glaube, das Schauspiel je vergessen zu können.

Du altes Ferrara, einsamer, entvölkerter, verlassener als eine andere Stadt der ganzen trüb-ernsten Gemeinde! Das Gras wächst so dicht in den öden Straßen, daß man hier tatsächlich Heu machen könnte, solange die Sonne scheint. Aber die Sonne scheint in Ferrara mit verminderter Heiterkeit, und der Leute, die man in den Straßen sieht, sind so wenig, daß das Fleisch seiner Bewohner wirklich Gras sein und auf dem Markt wachsen könnte.

Ich möchte wissen, warum der erste Kupferschmied in einer italienischen Stadt stets neben dem Hotel oder ihm gegenüber wohnt, so daß er in den Reisenden die Empfindung hervorbringt, als ob die klopfenden Hämmer sein eigenes, mit tödlicher Energie zuckendes Herz wären. Ich möchte wissen, warum sich Korridore eifersüchtig auf allen Seiten um das Schlafzimmer drängen und es mit unnötigen Türen anfüllen, die nicht geschlossen werden können und nicht aufgehen und in pechdunkle Nacht führen. Ich möchte wissen, warum es noch nicht genügt, daß diese argwöhnischen Gespenster sich die ganze Nacht hindurch über unsere Träume wundern, sondern daß auch noch hoch oben in der Wand runde Öffnungen sein müssen, so daß einem, wenn eine Maus oder eine Ratte hinter dem Getäfel raschelt, immer der Gedanke kommt, es kratze jemand mit den Zehen an der Wand, in dem Bemühen, eine dieser Öffnungen zu erreichen und hereinzugucken. Ich möchte wissen, weshalb die Reisigbündel so beschaffen sind, daß sie nichts hervorzubringen wissen als eine marternde Glut, wenn sie eben angebrannt sind, und marternde Kälte und Erstickung zu allen andern Zeiten! Ich möchte vor allen Dingen wissen, warum es ein Hauptcharakterzug der Architektur der italienischen Gasthöfe ist, daß das ganze Feuer zur Esse hinausgeht, nur der Rauch nicht.

Auf die Antwort kommt wenig an. Kupferschmiede, Türen, runde Öffnungen, Rauch und Reisigbündel sind mir willkommen. Gebt mir das freundliche Gesicht des Aufwärters oder der Aufwärterin, das höfliche Benehmen, das liebenswürdige Verlangen, sich angenehm zu machen und es angenehm zu finden, das leichtherzige, heitre, einfache Wesen – lauter Juwelen im Schmutz –, und ich bin morgen wieder der Ihrige!

Ariostos Haus, Tassos Gefängnis, ein schöner, alter, gotischer Turm und natürlich mehrere Kirchen sind die Sehenswürdigkeiten Ferraras. Aber die langen, öden Straßen und die verfallenen Paläste, wo Efeu weht anstatt der Banner und wo üppig aufgeschossenes Unkraut langsam die seit langer Zeit unbetretenen Treppen hinaufkriecht, sind die besten Sehenswürdigkeiten von allen.

Der Anblick dieser öden Stadt, eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang an einem schönen Morgen, als ich sie verließ, war so malerisch, wie er traumhaft und gespenstisch erschien. Es tat nichts, daß die Leute noch nicht aus dem Bett waren, denn wenn sie auch wach und geschäftig gewesen wären, so hätte das nur einen geringen Unterschied in dieser Wüste von einem Orte gemacht. Am besten mußte sie sich ausnehmen ohne eine einzige Gestalt im Gemälde, eine Stadt der Toten ohne einen einzigen Überlebenden. Die Pest konnte die Straßen, die Plätze verödet und Belagerung und Plünderung die alten Häuser zertrümmert, ihre Türen und Fenster eingeschlagen und Breschen in die Dächer gerissen haben. An einer Stelle erhob sich ein großer Turm in die Luft, der einzige Haltepunkt für das Auge in der düsteren, schweigsamen Umgebung. An einer andern stand ein gewaltiges Schloß mit einem Graben ringsherum, abgelegen von allen andern: eine finster dräuende Stadt für sich allein. In den schwarzen Kerkern dieser Burg wurden Parisina und ihr Geliebter in tiefer Nacht enthauptet. Der rote Schimmer, der am Himmel erschien, als ich darauf zurücksah, färbte seine Wälle außen, wie sie vor alters viele Male innen gefärbt gewesen sind; aber so wenig entdeckte man ein Lebenszeichen, daß das Schloß und die Stadt von allen menschlichen Wesen gemieden sein konnten von dem Augenblick an, da das Beil auf den letzten der beiden Liebenden niederfiel, und niemals einen andern Klang hätten widerhallen können,

»seit jenem Schlag, der bis zum Block
mit dumpfem, schwerem Falle schnitt.«

An dem Po, der sehr angeschwollen und sehr reißend war, angekommen, überschritten wir denselben auf einer Schiffbrücke und kamen so in österreichisches Gebiet und setzten unsere Reise fort durch ein Land, welches einige Meilen weit großenteils unter Wasser stand. Der wackere Kurier und die Soldaten hatten sich wohl erst eine halbe Stunde wegen unseres Passes herumgezankt. Aber das war eine tägliche Erquickung für den Wackeren, der stets stocktaub wurde, wenn schäbig gekleidete Beamte in Uniform wie gewöhnlich aus hölzernen Kästen hervorstürzten, um den Paß zu sehen – oder mit andern Worten, um zu betteln –, und der, stocktaub gegen meine Bitten, dem Manne etwas zu geben, damit wir unsere Reise in Frieden fortsetzen könnten, gewöhnlich den Beamten in gebrochenem Englisch ausschimpfte, während des unglücklichen Mannes Angesicht durch das vollkommene Nichtverstehen dessen, was gegen seine Ehre gesagt wurde, zu einem Porträt der Seelenqual im Kutschenfenster eingerahmt wurde.

Im Laufe dieses Tages bekamen wir einen Postillion, der ein so wild und doch so gutmütig aussehender Vagabund war, wie man sich nur wünschen konnte. Es war ein schlanker, kräftig gebauter, dunkelfarbiger Kerl mit einem Überfluß von zottigen, schwarzen Haaren, die ihm über das ganze Gesicht hingen, und einem großen, schwarzen Schnurrbart, der bis unter das Kinn herabhing. Er trug einen zerrissenen, jägergrünen Rock, hier und da mit Rot besetzt, einen spitzen Hut, dem die Bürste seine Unschuld noch nicht geraubt, mit einer zerknickten und verwirrten Feder darauf, und ein brennend rotes Tuch, das ihm über die Schultern hing. Er saß nicht im Sattel, sondern lag ganz bequem auf einer Art niedrigem Fußbrett vorn am Wagen, unten zwischen den Pferdeschwänzen, ein Platz, vortrefflich geeignet, sich jeden Augenblick den Kopf zerschmettern zu lassen. Dieser Räubergestalt sagte der wackere Kurier, als wir gerade ganz anständig dahintrabten, daß es wohl gut sei, etwas schneller zu fahren. Er erwiderte diese Erinnerung mit einem wahren Geheul des Hohnes, schwang die Peitsche um den Kopf (so eine Peitsche! sie glich vielmehr einem selbst verfertigten Bogen), warf die Absätze in die Höhe, viel höher als die Pferde, und verschwand in einem Paroxysmus in der Gegend der Achsen. Ich erwartete nichts anderes, als ihn hundert Yards hinter uns auf der Straße liegen zu sehen, aber in der nächsten Minute erschien der spitze Hut plötzlich wieder, und der Kerl saß ruhig auf seinem Platz wie auf einem Sofa, sich mit dem Gedanken beschäftigend, dem er mit den Rufen Ausdruck gab: »Haha, was weiter. O der Teufel! Noch schneller! Schu – hu – uh – hu!« Dieser letzte Ausruf war ein unaussprechlich herausforderndes Geheul.

Da ich unser nächstes Ziel diesen Abend noch erreichen wollte, wagte ich bald den Versuch, jene Erinnerung auf eigene Rechnung zu wiederholen. Das brachte ganz die gleiche Wirkung hervor. Mit dem gleichen höhnischen Schwunge flog die Peitsche durch die Luft, wieder tauchten die Absätze empor und der spitze Hut unter, und wieder war er gleich darauf da, ruhig wie vorher und für sich sagend: »Haha! was weiter! O der Teufel! Noch schneller! Sch – hu – uh – hu!«

 

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