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Bilder aus Italien

Charles Dickens: Bilder aus Italien - Kapitel 5
Quellenangabe
typereport
authorCharles Dickens
titleBilder aus Italien
publisherWinkler Verlag
editorSiegfried Schmitz
yearo.J.
translatorJulius Seybt
correctorreuters@abc.de
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Genua und seine Umgebung

Die ersten Eindrücke eines solchen Ortes wie Albaro, der Vorstadt von Genua, wo ich jetzt wohne, können, sollte ich meinen, kaum anders als traurig und voller Enttäuschung sein. Es gehört ein wenig Zeit und Gewohnheit dazu, um das Gefühl der Niedergeschlagenheit zu überwinden, welches der Anblick des Verfalls und der Vernachlässigung ringsum zuerst verursacht. Neuheit, die den meisten Leuten angenehm ist, macht, glaube ich, mir besondere Freude. Ich bin nicht so leicht entmutigt, wenn ich imstande bin, meine eigenen Pläne und Beschäftigungen zu verfolgen; und ich glaube, ich besitze einiges natürliche Geschick, mich in die Umstände zu fügen. Aber bis jetzt streife ich hier herum in allen Höhlen und Winkeln der Nachbarschaft, verloren in verwirrtes Erstaunen; und wenn ich in meine Villa zurückkehre, in die Villa Bagnerello (das klingt romantisch, aber Signor Bagnerello ist ein Fleischer gleich neben mir), dann habe ich genug zu tun, um über meine neuen Erfahrungen nachzudenken und sie sehr zu meinem eigenen Ergötzen mit meinen Erwartungen zu vergleichen, bis ich wieder hinauswandere.

Die Villa Bagnerello oder das rosenrote Gefängnis, ein viel bezeichnenderer Name für das Gebäude, hat eine der schönsten Lagen, die man sich denken kann. Die herrliche Bucht von Genua mit dem tiefblauen Mittelländischen Meer breitet sich unweit vor uns aus; große alte verödete Häuser und Paläste sind überall ringsum verstreut; hohe Berge, ihre Gipfel oft in die Wolken hineinstreckend und mit festen Schlössern hoch droben an ihrem felsigen Abhang, stehen dicht zur Linken, und vor uns von den Mauern des Hauses bis an eine verlassene Kapelle, die auf den steilen und malerischen Felsen der Meeresküste steht, sind grüne Weinberge, wo man den ganzen Tag lang wandern kann in teilweisen Schatten durch unabsehbare Rebenalleen, die an einem kunstlosen Gitterwerk über den schmalen Pfad gezogen sind.

Man gelangt zu diesem abgelegenen Haus durch Gäßchen, die so außerordentlich schmal sind, daß wir bei unserer Ankunft am Zollhaus erfuhren, die Leute hätten das engste dieser Gäßchen gemessen und warteten hier, um das Maß an den Wagen zu legen. Das geschah auch mit großem Ernst mitten auf der Straße, während wir alle in atemloser Erwartung dabeistanden. Man fand, daß es sehr knapp zuging, aber gerade noch möglich war, und nicht mehr – woran mich jeden Tag von neuem der Anblick verschiedener großer Löcher erinnert, die der Wagen bei Durchfahren in die Mauern zu beiden Seiten des Weges gestoßen hat. Wir seien glücklicher, sagte man mir, als eine alte Dame, die vor nicht sehr langer Zeit in dieser Gegend ein Haus mietete und mit ihrem Wagen in einem Gäßchen steckenblieb, und da es unmöglich war, eine der Türen zu öffnen, mußte sie sich die Schmach gefallen lassen, sich wie Harlekin zu einem der kleinen Vorderfenster herausziehen zu lassen.

Habt ihr diese engen Gäßchen hinter euch, so gelangt ihr zu einem Torweg, unvollkommen geschlossen von einer alten rostigen Tür – meiner Tür. An dieser rostigen alten Tür ist eine Klingel von gleicher Beschaffenheit, die ihr läuten könnt, wenn ihr Lust habt, und auf deren Ruf niemand kommt, da sie nicht in der geringsten Verbindung mit dem Hause steht. Aber auch ein alter verrosteter Klopfer ist da – sehr locker, so daß er sich in der Hand herumdreht, wenn man ihn anfaßt –, und wenn ihr ihn erst festzuhalten gelernt habt und lange genug klopft, dann kommt jemand. Der wackere Kurier kommt und läßt euch ein. Ihr tretet in einen armseligen kleinen Garten, ganz verwildert und mit Unkraut verwachsen, neben dem der Weinberg anfängt; ihr geht hindurch, tretet in eine viereckige Vorhalle gleich einem Keller, geht eine Treppe mit Marmorstufen, von denen keine ohne Sprünge ist, hinauf und kommt in ein außerordentlich großes Gemach mit gewölbter Decke und geweißten Wänden, einer großen Methodistenkapelle nicht unähnlich. Das ist die Sala. Sie hat fünf Fenster und fünf Türen und ist ausgeschmückt mit Gemälden, welche das Herz eines jener Londoner Bilderreiniger erfreuen würde, die als Firmenschild ein halbgeteiltes Gemälde heraushängen, das den Beschauer immer in Ungewißheit läßt, ob der geschickte Professor die eine Hälfte gereinigt oder die andere mit Schmutz angestrichen hat. Die Vorhänge dieser Sala sind von einer Art rotem Brokat, die Stühle sind alle unbeweglich, und das Sofa wiegt mehrere Tonnen.

In demselben Stock und aus diesem selben Zimmer zugänglich sind der Speisesaal, das Besuchszimmer und verschiedene Schlafzimmer, jedes mit vielen Türen und Fenstern versehen. Eine Treppe höher sind mehrere andere unheimliche Kammern und eine Küche, und eine Treppe tiefer ist eine andere Küche, die mit den wunderlichen Vorrichtungen, um Holzkohle zu brennen, wie das Laboratorium eines Alchimisten aussieht. Außerdem sind etwa noch ein halbes Dutzend kleine Gemächer vorhanden, in welche die Dienerschaft bei diesem heißen Juliwetter sich vor der Hitze des Feuers flüchten kann und wo der wackere Kurier den ganzen Abend lang alle möglichen musikalischen Instrumente eigener Fabrikation spielt. Es ist ein so wunderbar altes, labyrinthisches, spukhaftes, widerhallendes, unheimliches, kahles Haus, wie ich es nur je gesehen habe oder hätte träumen können.

Vor dem Besuchszimmer ist eine kleine, mit Reben überdachte Terrasse, und unter dieser Terrasse, die eine Seite des kleinen Gartens bildend, ein Haus, das früher ein Pferdestall war. Jetzt stehen drei Kühe darin, so daß wir frischgemolkene Milch eimerweise bekommen. Es ist keine Weide in der Nähe, und sie kommen deshalb nie aus dem Stall, sondern liegen beständig auf dem Boden, füllen sich den Bauch mit Weinblättern – echt italienische Kühe – und genießen das dolce far niente den ganzen lieben langen Tag hindurch. Ihre Pfleger und zugleich Schlafkameraden sind ein alter Mann namens Antonio und sein Sohn, zwei ockerbraune Kerle mit nackten Beinen und Füßen, bekleidet mit einem Hemd, einer weiten kurzen Hose und einer roten Schärpe, und sie tragen eine Reliquie oder ein Amulett gleich einem Bonbon um den Hals. Der Alte ist sehr bemüht, uns zum katholischen Glauben zu bekehren, und ermahnt mich sehr eifrig. Manchmal sitzen wir des Abends auf einem Stein neben der Tür, wie Robinson Crusoe und Freitag in umgekehrten Rollen, und er erzählt gewöhnlich zum Zwecke meiner Bekehrung eine Abkürzung der Geschichte St. Peters – hauptsächlich, glaube ich, wegen der unaussprechlichen Freude, die ihm seine Nachahmung des Hahnes macht.

Die Aussicht ist, wie ich sagte, reizend, aber am Tage müßt ihr die Jalousien dicht verschlossen lassen, sonst würde die Sonne euch wahnsinnig machen; und wenn die Sonne untergegangen ist, müßt ihr alle Fenster dicht zumachen, sonst könnten die Moskitos euch in Versuchung führen, Selbstmord zu begehen. So genießt ihr denn in dieser Jahreszeit im Zimmer wenig von der Aussicht. Um die Fliegen bekümmert ihr euch nicht, auch nicht um die Flöhe, deren Größe wunderbar und deren Name Legion ist und die den Wagenschuppen so zahlreich bevölkern, daß ich jeden Tag erwarte, den Wagen davonfahren zu sehen, gezogen von Myriaden kunstreicher Flöhe in Geschirr. Die Ratten werden ganz bequem von einem Schock dürrer Katzen ferngehalten, die zu diesem Zweck im Garten herumstreifen. Um die Eidechsen kümmert sich natürlich niemand, sie spielen in der Sonne und beißen nicht. Die kleinen Skorpione sind nur merkwürdig; die Käfer kommen etwas spät und haben sich noch nicht gezeigt. Die Frösche sind Gesellschaft. Wir haben einen Froschteich in dem Garten der nächsten Villa, und nach Sonnenuntergang sollte man meinen, daß Scharen von Frauen in Klappschuhen, ohne einen Augenblick Unterbrechung, auf einem nassen steinernen Fußboden auf und ab gingen. Geradeso klingt das Geräusch, das sie machen.

Die verfallene Kapelle an dem malerischen und schönen Strand war einst Johannes dem Täufer geweiht worden. Ich glaube, eine Legende erzählt, St. Johanni Gebeine wären dort mit verschiedenen Feierlichkeiten in Empfang genommen worden, als sie zuerst nach Genua kamen, denn Genua besitzt sie noch heutigen Tages. Wenn auf dem Meere ein ungewöhnlich heftiger Sturm ist, bringt man sie an den Strand und stellt sie vor der wütenden See aus, welche sie unfehlbar beruhigen. Infolge dieser Verbindung St. Johannis mit der Stadt sind eine große Menge Leute Giovanni Battista getauft, ein Name, dessen letzte Hälfte im genuesischen Dialekt »Batschitscha« ausgesprochen wird, gerade wie ein Niesen. An einem Sonn- oder Festtage, wo die Straßen gedrängt voll sind, jedermann von jedermann »Batschitscha« nennen zu hören ist für einen Fremden nicht wenig auffällig und ergötzlich.

In den engen Gäßchen stehen große Villen, deren Wände (ich meine die Außenwände) verschwenderisch mit allerlei Gegenständen, heiligen und greulichen, bemalt sind. Aber die Zeit und die Seeluft haben sie fast ganz verwischt, und sie sehen aus wie der Eingang in die Vauxhall-Gärten an einem sonnigen Tage. Die Höfe dieser Häuser sind mit Gras und Unkraut überwachsen. Alle Arten häßlicher Flecken bedecken die Sockel der Standbilder, als litten sie an einer Hautkrankheit; die äußeren Tore sind mit Rost bedeckt, und die Eisen vor den unteren Fenstern sind alle im Niederfallen begriffen. Brennholz liegt in Hallen, wo man kostbare Schätze bergehoch aufhäufen könnte. Wasserfälle sind ausgetrocknet und verstopft; Fontänen, zu schläfrig, um zu spielen, und zu faul, um zu springen, haben in ihrem Schlummer gerade noch so viel Erinnerung an ihre Identität, daß sie die Umgebung feucht machen; und der Schirokko weht oft über alle diese Dinge tagelang, wie ein Riesenofen, der einen Ferienspaziergang macht.

Vor nicht langer Zeit war ein Festtag zu Ehren der Mutter Gottes, an dem die jungen Leute der Nachbarschaft, noch von einer Prozession her mit grünen Rebengirlanden geschmückt, zu Dutzenden mit ihnen badeten. Es sah sehr seltsam und hübsch aus. Zwar muß ich gestehen (ich wußte damals von dem Feste nichts), daß ich glaubte und mich dabei beruhigte, sie trügen sie zu demselben Zweck wie die Pferde – um die Fliegen wegzujagen.

Kurz darauf war wieder ein Festtag, zu Ehren eines heiligen Nazaro. Einer von den jungen Leuten aus Albaro brachte kurz nach dem Frühstück zwei große Blumensträuße und kam selbst in den Salon herauf, um sie uns mit eigener Hand zu übergeben. Das war eine höfliche Weise, um einen Beitrag zu den Kosten der Musik, zu Ehren des Heiligen, zu bitten. So gaben wir ihm denn etwas, und der Bote entfernte sich wieder, sehr befriedigt. Um sechs Uhr abends gingen wir in die Kirche dicht neben uns, ein sehr bunt aufgeputzter Ort, über und über mit Girlanden und hellfarbigen Tüchern behangen und vom Altar bis an die Haupttüre angefüllt mit Frauen, die alle saßen. Sie tragen hier keine Hüte, sondern nur einen langen weißen Schleier, den Mezzero, und es war die gazenreichste und ätherischst aussehende Versammlung, die mir je vorgekommen ist. Die Mädchen sind im allgemeinen nicht hübsch zu nennen; aber sie haben einen bemerkenswert schönen Gang und zeigen in ihrem persönlichen Anstand und im Tragen ihrer Schleier viel angeborene Anmut. Auch einige Männer waren anwesend – nicht sehr viele –, und ein paar von ihnen knieten in den Seitenschiffen, wo jedermann über sie stolperte. Unzählige Kerzen brannten in der Kirche. Der Silber- und Zinnflitter an den Heiligen, vorzüglich im Halsband der Madonna, funkelte hell. Die Priester saßen um den Hauptaltar; die Orgel spielte lustig darauflos, und ein vollständiges Orchester tat das nämliche, während ein Dirigent auf einer kleinen Galerie, dem Orchester gegenüber, mit einer Rolle auf dem Pulte vor sich herumhämmerte und ein Tenor ohne alle Stimme sang. Das Orchester spielte eine Weise, die Orgel eine andere, der Sänger sang eine dritte, und der unglückliche Dirigent hämmerte und hämmerte und schwang seine Rolle nach einem ihm eigentümlichen Prinzip, allem Anschein nach mit der ganzen Aufführung sehr zufrieden. Ich habe nie einen so ohrenzerreißenden Lärm gehört. Die Hitze war die ganze Zeit über entsetzlich.

Die Männer mit roten Mützen und weite Röcke über den Schultern tragend (sie ziehen sie nie an) spielten unmittelbar vor der Kirche Kegel und kauften Zuckerwerk. Wenn ein halbes Dutzend von ihnen ein Spiel beendigt hatte, traten sie in die Kirche, bekreuzigten sich mit Weihwasser, sanken einen Augenblick lang auf ein Knie und gingen wieder hinaus, um ein neues Spiel anzufangen. Sie sind merkwürdig geschickt im Kegeln und können in steinigen Gäßchen und Straßen und auf dem unebensten und zu dem Zweck ungeeignetsten Boden mit so viel Genauigkeit wie auf einem Billardtisch spielen. Am beliebtesten aber ist das Nationalspiel »Mora«, welches sie mit erstaunlicher Leidenschaft treiben und bei dem sie alles wagen können, was sie besitzen. Es ist ein sehr gefährliches Hazardspiel, wozu man weiter nichts braucht als die zehn Finger, welche immer – ich will kein Wortspiel machen – bei der Hand sind. Je zwei spielen zusammen. Der eine nennt eine Zahl – wir wollen die höchste nehmen, die Zehn –; er bezeichnet einen beliebigen Teil davon, indem er drei oder vier oder fünf Finger ausstreckt; und sein Gegner muß in demselben Augenblick aufs Geratewohl und ohne die Hand zu sehen so viel Finger ausstrecken, wie noch an der genannten Zahl fehlen. Ihre Augen und Hände werden daran so sehr gewöhnt und bewegen sich dabei mit so erstaunlicher Schnelligkeit, daß es einem uneingeweihten Zuschauer sehr schwer, wenn nicht unmöglich ist, dem Gange des Spieles zu folgen. Die Eingeweihten jedoch, von denen immer eine eifrige Gruppe zusieht, nehmen mit leidenschaftlicher Heftigkeit an dem Spiel teil; und da sie immer bereit sind, im Falle eines Streites auf die eine oder andere Seite zu treten, und dabei häufig in Parteien zerfallen, so geht es oft sehr lärmend dabei zu. Es ist keineswegs das ruhigste Spiel von der Welt, denn die Zahlen werden immer mit lauter, scharfer Stimme ausgerufen und folgen so schnell aufeinander, wie sie nur gezählt werden können. Wenn man an einem Feiertag abends am Fenster steht, oder in einem Garten spaziert oder durch die Straßen geht oder an irgendeinem ruhigen Ort in der Nähe der Stadt umherschlendert, hört man gewiß die Mora in einem Dutzend Weinschenken auf einmal spielen; und sieht man über eine Weinbergmauer oder geht man um eine Ecke herum, so stößt man fast immer auf einen Haufen Spieler in voller lärmender Beschäftigung. Die meisten Menschen strecken ihre besondere Zahl öfter als eine andere aus; und die Aufmerksamkeit, mit der zwei scharfblickende Spieler sich gegenseitig bemühen, diese Schwäche zu entdecken und ihr Spiel danach einzurichten, ist sehr merkwürdig und unterhaltend. Der Effekt gewinnt bedeutend durch die allgemeine Lebhaftigkeit des Gebärdenspieles, denn zwei Männer spielen um einen halben Dreier mit einer verzehrenden Leidenschaft und einem Feuer, als sollte es den Verlierenden das Leben kosten.

Nicht weit von uns ist ein großer Palazzo, ehedem im Besitz eines Brignole, aber gegenwärtig von einer Jesuitenschule als Sommerquartier gemietet. Ich trat neulich abends kurz nach Sonnenuntergang in seine verfallenden Räume und konnte mich nicht enthalten, kurze Zeit darin auf und ab zu wandeln, mit träger Beschaulichkeit die trümmerhafte Umgebung genießend, die sich hier in allen Richtungen wiederholt.

Ich ging langsam auf und ab unter einer Kolonnade, die zwei Seiten eines mit Unkraut überwucherten Hofes umgibt, während das Haus die dritte Seite einnimmt und eine niedrige Terrasse, mit einer Aussicht auf den Garten und die benachbarten Hügel, die vierte. Ich glaube nicht, daß im ganzen Hofe eine einzige unzerbrochene Steinplatte war. In der Mitte stand eine melancholische Bildsäule, so scheckig in ihrem Verfall, daß sie gerade aussah, als wäre sie mit Heftpflaster überklebt und dann gepudert worden. Die Ställe, Wagenschuppen und Wirtschaftsräume waren alle leer, verfallen und ganz und gar verödet.

Türen waren angellos und hingen nur noch in ihren Klinken; Fenster waren zerbrochen, bunter Gips war abgebröckelt und lag in Klumpen auf dem Boden; Hühner und Katzen hatten die Wirtschaftsgebäude dermaßen in Besitz genommen, daß ich mich nicht erwehren konnte, an die Märchen zu denken und sie mit Mißtrauen als verwandeltes Hofgesinde zu betrachten, das der Entzauberung harrte; vornehmlich ein alter Kater – ein knochiges mageres Tier mit einem hungrigen grünen Auge (ehedem ein armer Verwandter, bin ich geneigt zu glauben) – umkreiste mich schnurrend, als ob er einen Augenblick glaube, ich sei der Held, der die Herrin befreien und alles entzaubern wollte, aber als er seinen Irrtum entdeckte, ließ er plötzlich ein grimmiges Fauchen vernehmen und schlich fort mit einem so fürchterlich gesträubten Schwanz, daß er nicht in das kleine Loch kommen konnte, in welchem er wohnte, sondern außen warten mußte, bis sich sein Gemüt und sein Schwanz wieder geglättet hatten.

In einer Art Sommerhaus in diesem Säulengang, oder was es sonst sein mochte, hatten einige Engländer gewohnt, wie Maden in einer Nuß, aber die Jesuiten hatten ihnen gekündigt, und sie waren ausgezogen, und auch dies Haus war verschlossen. Der Palazzo war ein labyrinthisches, echoreiches, barackenartiges Gebäude. Die Fenster im Erdgeschoß waren zugenagelt, wie gewöhnlich; aber die Tür stand weit offen, und ich zweifle nicht, ich hätte hineingehen, mich zu Bett legen und sterben können, und niemand hätte etwas davon erfahren. Nur eine einzige Reihe Zimmer in einem oberen Stockwerk war bewohnt, und aus einem schallte laut die Stimme einer jungen Sängerin, die eine Bravourarie übte, in die stille Abendluft hinaus.

Ich ging in den Garten hinab, der schmuck und zierlich sein sollte, mit Alleen und Terrassen und Orangenbäumen und Bildsäulen und Wasser in steinernen Bassins; und alles war grün, kümmerlich, von Unkraut überwachsen, wuchernd, verbuttet oder geil, vom Meltau befallen, dumpfig, duftend nach allerlei schwammigem, modrigem und unheimlichem Leben. Nichts Lichtes war in der ganzen Umgebung als ein Johanniswürmchen – ein einsames Johanniswürmchen –, welches zwischen den dunklen Büschen aussah wie der letzte kleine Rest von dem entschwundenen Glanz des Hauses; und selbst das fuhr in scharfen Winkeln hin und her, verließ jetzt diese eine Stelle rasch wie ein Pfeil, beschrieb dann einen unregelmäßigen Kreis und kehrte wieder zur selben Stelle zurück wie ein Blitz, daß es einen erschreckte, als suche es nach der Ruhestätte des Glanzes und frage verwundert, was aus ihm geworden sei.

*

Im Verlauf von zwei Monaten klärten sich die phantastischen Gestalten und Schatten meines trübseligen Einzugstraumes allmählich zu vertrauten Formen und Dingen ab; und ich fing schon an zu denken, daß, wenn nach einem Jahre die Zeit kommen werde, wo ich den langen Feiertag beschließen und nach England zurückkehren mußte, ich von Genua mit nichts weniger als fröhlichem Herzen scheiden werde.

Es ist ein Ort, der einem mit jedem Tage näher ans Herz wächst; immer scheint etwas darin zu entdecken zu sein. Man stößt auf die wunderlichsten Gäßchen und Schlupfwinkel zum Herumlaufen. Man kann sich (welch eine Lust das ist, wenn man nichts zu tun hat!) wohl zwanzigmal am Tage verirren, wenn man will, und sich unter den unerwartetsten und überraschendsten Schwierigkeiten wieder zurechtfinden. Es ist reich an den seltsamsten Gegensätzen; Gegenstände, die malerisch, häßlich, gemein, prächtig, entzückend und widerwärtig sind, zeigen sich auf jeder Seite dem Blick.

Wer wissen will, wie schön die Gegend in der nächsten Umgebung von Genua ist, sollte bei klarem Wetter den Gipfel des Monte Faccio besteigen oder wenigstens die Stadtmauern umreiten, was leichter ist. Keine Aussicht kann mannigfaltiger und lieblicher sein als die auf die wechselnden Bilder des Hafens und der Täler der beiden Flüsse, Polcevera und Bizagno, von den Höhen, auf deren Rücken die starken Mauern entlanglaufen, eine chinesische Mauer en miniature. In dem nicht am wenigsten malerischen Teile dieser Partie befindet sich eine gute Probe einer echten genuesischen Schenke, wo der Besucher sich erfreuen kann an echten genuesischen Gerichten, wie Tagliarini, Ravioli, Würstchen, die stark mit Knoblauch gewürzt und in Scheibchen mit frischen grünen Feigen gegessen werden, Hahnenkämme und Schafsnieren, mit Schöpsenfleisch und Leber zusammengehackt, kleine Stückchen von einem mir unbekannten Teil des Kalbes, zusammengedreht und in Butter gebraten und in einer großen Schüssel aufgetragen, und andere Merkwürdigkeiten der Art. Man bekommt in diesen vorstädtischen Trattorien oft Wein aus Frankreich und Spanien und Portugal, den Kapitäne kleiner Kauffahrteischiffe herüberbringen. Sie kaufen ihn zu soundso viel die Flasche, ohne zu fragen, was es ist, und ohne Sorge zu tragen, sich den Namen zu merken, wenn sie ihn erfahren, und teilen die Flaschen gewöhnlich in zwei Partien, die eine etikettieren sie Champagner, die andere Madeira. Wie mancherlei Arten von Blume, Feuer, Lage, Alter und Gewächs der entgegengesetztesten Beschaffenheit unter diesen beiden Namen begriffen werden, ist in der Tat erstaunlich. Nach vorsichtiger Schätzung geht die Reihe von kaltem Haferschleim bis zu Marsala und wieder hinab bis zu Apfeltee.

Die meisten der Straßen sind so schmal, wie nur Straßen sein können, wo Leute (selbst Italiener) wohnen und gehen sollen, denn es sind bloße Gäßchen, in denen sich hier und da eine Art Brunnen oder ein Loch zum Atmen befindet. Die Häuser sind unermeßlich hoch, mit allen möglichen Farben bemalt und in allen möglichen Graden von Beschädigung, Schmutz und Verfallenheit. Gewöhnlich werden sie etagenweise vermietet, wie die Häuser in der alten Stadt Edinburgh oder wie viele Häuser in Paris. Nur wenig Haustüren sind geschlossen; die Eingangshallen werden meistens als allgemeines Eigentum betrachtet, und ein leidlich unternehmender Grubenräumer könnte sich ein schönes Vermögen erwerben, wenn er sie dann und wann räumte. Da Kutschen nicht in diese Straßen gelangen können, kann man auf verschiedenen Plätzen vergoldete und buntbemalte Portechaisen mieten. Viele von den Vornehmeren halten sich auch selbst solche Portechaisen; und abends kann man sie in allen Richtungen hin und her tragen sehen und vor ihnen Leute mit großen Laternen, die aus einem mit Leinwand bespannten Gestell bestehen. Die Portechaisen und Laternen sind die legitimen Nachfolger der langen Reihen der geduldigen und vielgeschmähten Maultiere, die den ganzen Tag lang mit ihren kleinen Schellen durch diese engen Straßen klingeln. Sie folgen ihnen so regelmäßig, wie die Sterne der Sonne folgen.

Nie werde ich die Straßen mit den Palästen vergessen: die Strada nuova und die Strada Balbi! Oder wie die erstere an einem Sommertage aussah, als ich sie zuerst erblickte unter dem klarsten und dunkelsten Blau eines Sommerhimmels, den die schmale Perspektive riesenhafter Häuser zu einem dünnen und höchst kostbaren Streifen von Glanz verkümmerte, der auf den dichten Schatten unten herabsah! Eine Klarheit, die selbst im Juli und August nicht allzu häufig ist; denn die Wahrheit muß heraus, wir hatten nicht acht blaue Himmel in ebenso vielen Sommerwochen, außer zuweilen ganz frühmorgens; und wenn man da auf das Meer hinaussah, da verschmolz Wasser und Himmel zu einem Meer des dunkelsten und glänzendsten Blaus. Zu andern Zeiten gab es Wolken und Nebel genug, um einen Engländer in seinem eigenen Land brummen zu machen.

Die endlosen Einzelheiten all dieser reichen Paläste, einige von ihnen in ihren innern Räumen verschwenderisch bedeckt mit Meisterwerken van Dycks! Die großen schweren steinernen Balkone, einer über dem andern und Reihe über Reihe; und hier und dort einer größer als die übrigen, hoch emporgetürmt, eine große marmorne Plattform; die türlosen Eingangshallen, die festverriegelten unteren Fenster, die ungeheuren öffentlichen Treppen, dicke Marmorpfeiler, feste, kerkergleiche Bogen und öde, träumerische, widerhallende, gewölbte Gemächer, durch die das Auge immer und immer wieder streift, wie ein Palast auf den andern folgt – die Terrassengärten zwischen den Häusern mit grünen Rebenlauben und Zitronenhainen und errötendem Oleander in voller Blüte, zwanzig, dreißig, vierzig Fuß über der Straße die gemalten Hallen verbleichend, verschimmelnd und vermodernd in den feuchten Ecken, aber noch in schöner Farbe und üppigen Gestalten glänzend, wo die Mauern trocken sind – die verwaschenen Figuren an den Außenwänden der Häuser, Kränze haltend oder Kronen und auswärts oder niederwärts fliegend und in Nischen stehend und hier und da noch verblichener scheinend als irgend anderswo, denn daneben sind ein paar frische kleine Cupidos, die auf einem später gemalten Teil der Front etwas herausstrecken, was wie ein Laken aussieht, aber eigentlich eine Sonnenuhr ist – die steilen, bergauf führenden Straßen mit kleinen Palästen (aber bei alledem sehr große Paläste) und marmornen Terrassen, die in fadenartige Gäßchen hineinsehen – die prächtigen und zahllosen Kirchen; und der schnelle Übergang aus einer Straße mit stattlichen Gebäuden in ein Labyrinth voll des abscheulichsten Schmutzes, wo ungesunde Gerüche herrschen und Schwärme von halbnackten Kindern und Scharen von schmutzigem Volk sich drängen – alles das zusammen bildet eine so wunderbare, so märchenhafte Welt, so lebhaft und doch so tot, so lärmend und doch so ruhig, so aufdringlich und doch so scheu und düster, so hellwach und doch so fest im Schlafen, daß es eine Art Rausch für den Fremden ist, hier weiter und weiter zu gehen und sich umzuschauen. Eine verwirrende Phantasmagorie, mit der ganzen Zusammenhanglosigkeit eines Traumes und mit all der Qual und mit all der Freude ausschweifender Wirklichkeit!

Die verschiedenartige Weise, auf welche man zu gleicher Zeit diese Paläste verwendet, ist charakteristisch. So hat zum Beispiel der englische Bankier (ein vortrefflicher und gastlicher Freund) sein Kontor in einem geräumigen Palazzo in der Strada nuova. In der Vorhalle (jeder Zoll derselben ist kunstreich bemalt, aber sie ist so schmutzig wie eine Polizeistation in London) verkauft ein habichtsnasiger Sarazenenkopf mit einem Wald von schwarzen Haaren (es gehört ein Mann dazu) Spazierstöcke. Auf der andern Seite des Einganges steht eine Frau mit einem grellbunten Taschentuch als Kopfputz (die Frau des Sarazenenkopfes, glaub ich) und verkauft Strickarbeiten ihrer eigenen Hand und zuweilen Blumen. Ein wenig tiefer hinein betteln gewöhnlich zwei oder drei Blinde. Zuweilen werden sie von einem Mann ohne Beine besucht, der sich auf einem Wägelchen fährt, aber ein so rotes munteres Gesicht und einen so stattlichen wohlkonditionierten Körper hat, daß es aussieht, als wäre er bis an die Hüften in die Erde gesunken oder als guckte er mit halbem Leibe eine Kellertreppe herauf, um mit jemandem zu sprechen. Noch weiter in der Tiefe liegen ein paar Kerle und schlafen am hellen Mittag, oder ein paar Chaisenträger warten auf den, den sie getragen haben. In diesem Falle haben sie ihre Portechaisen mitgebracht, und diese stehen dann auch da. Auf der linken Seite der Halle ist ein kleines Gemach, ein Hutmacherladen. Im ersten Stock ist die englische Bank. Ferner ist im ersten Stock eine ganze Familienwohnung, und zwar eine sehr geräumige. Der Himmel weiß, was wieder darüber sein mag; aber wenn ihr dort seid, habt ihr erst angefangen hinaufzukommen. Und doch, wenn man wieder, mit diesem Gedanken beschäftigt, die Treppe hinabkommt und durch eine große gebrechliche Tür hinten in der Halle hinausgeht, anstatt sich auf die andere Seite zu wenden, um wieder auf die Straße zu gelangen, da donnert sie mit dem schauerlichsten und wüstesten Echo hinter euch zu, und ihr steht in einem Hofe (in dem Hofe desselben Hauses), der seit hundert Jahren von keinem menschlichen Fuß betreten worden zu sein scheint. Kein Ton stört seine Ruhe; kein Kopf, durch eines der gespenstischen, dunklen, mißtrauischen Fenster schauend, macht es dem Unkraut auf dem zerspaltenen Steinpflaster schwach ums Herz, indem es ihm den Gedanken an die Möglichkeit einflößt, es seien Hände da, es auszurotten. Gerade euch gegenüber ruht eine riesige Steinfigur mit einer Urne auf einem hohen künstlichen Felsen, und aus der Urne guckt das abgebrochene Ende einer Bleiröhre heraus, die vor langer, langer Zeit einmal einen kleinen Wasserfall die Felsen hinabschickte. Aber die Augenhöhlen des Riesen sind nicht trockner als jetzt diese Brunnen. Er scheint seiner Urne, die fast umgestürzt ist, einen letzten Stoß gegeben zu haben und, nachdem er gerufen: »Alles leer!«, in versteinertes Schweigen versunken zu sein.

In der Straße der Läden sind die Häuser viel kleiner, aber doch noch groß und sehr hoch. Sie sind sehr unreinlich, ohne alle Abzugskanäle, wenn ich mich auf meine Nase irgendwie verlassen kann, und strömen einen eigentümlichen Duft aus, wie der Geruch von schlechtem Käse, eingeschlagen in sehr warme Decken. Trotz der Höhe der Häuser scheint in der inneren Stadt noch Mangel an Platz gewesen zu sein, denn neue Häuser sind überall eingeschoben. Wo nur eine Ecke in der Mauer einer Kirche oder eine Spalte in einer Umfassungsmauer ist, da könnt ihr sicher sein, eine Wohnung irgendeiner Art zu finden, welche aussieht, als ob sie dort hervorgewachsen wäre wie ein Schwamm. An das Regierungshaus, an das Senatshaus, um jedes große Gebäude drängen sich kleine Läden, wie schmarotzendes Gewürm um eine große Leiche. Und bei alledem mögt ihr hinblicken, wohin ihr wollt, Stufen hinab, Stufen hinauf, dahin oder dorthin, überall sind unregelmäßige Häuser, zurückweichend, sich vorwärts drängend, überhängend, auf ihre Nachbarn gestützt, sich oder ihre Nachbarn auf der einen oder der andern Weise einengend, bis eines, unregelmäßiger als die übrigen, den Weg versperrt und ihr nicht weiter sehen könnt.

Einer der verkommensten Stadtteile liegt, glaube ich, beim Landungsplatz, obgleich es auch sein mag, daß er sich meiner Seele tiefer eingeprägt hat, weil er sich am Abend unserer Ankunft mit dem Gedanken an außerordentliche Verkommenheit verknüpft hat. Auch hier sind die Häuser sehr hoch und von unendlich verschiedener Mißgestalt; und wie bei den meisten Häusern hängt hier etwas aus vielen Fenstern heraus und teilt seinen schmutzigen Geruch der Luft mit. Zuweilen ist es ein Vorhang, zuweilen ein Teppich, zuweilen ein Bett, zuweilen eine ganze Leine voll Kleider, aber immer ist es etwas. Vor dem Erdgeschoß dieser Häuser ist das Pflaster von einer Arkade überdeckt, sehr schwer, dunkel und niedrig wie eine alte Krypta. Ihre Steinwand oder der Bewurf derselben ist ganz schwarz geworden, und um jeden dieser schwarzen Pfeiler scheinen sich Schmutz und Abfall aller Art von selbst zu sammeln. Unter einigen dieser Bogen haben die Verkäufer von Makkaroni und Polenta ihre Stände, die keinesweges einladend sind. Der Abfall eines nahen Fischmarktes in einem Nebengäßchen, wo die Leute auf dem Boden und in alten Verschlägen und Buden sitzen und Fische verkaufen, wenn sie welche haben, und der Abfall eines Gemüsemarktes, der nach demselben Prinzip gebaut ist, tragen zu der Verschönerung dieses Viertels bei; und da hier alle kaufmännischen Geschäfte gemacht werden und es den ganzen Tag gedrängt voll ist, so ist es mit einem sehr entschiedenen Geruch begabt. Der Porto Franco oder Freihafen (wo Einfuhren aus dem Ausland zollfrei lagern können, bis sie verkauft und wieder herausgenommen werden, wie in einer königlichen Niederlage in England) befindet sich auch hier; und zwei majestätische Beamte mit dreieckigen Hüten stehen an der Tür, um die Besucher zu visitieren, wenn sie Lust haben, und Mönche und Damen fernzuhalten. Denn man weiß, daß sowohl Heiligkeit als auch Schönheit der Versuchung des Schmuggelns nachgegeben hat, und zwar auf eine und dieselbe Weise; nämlich indem sie die geschmuggelte Ware unter den weiten Falten ihres Kleides verbarg. Daher dürfen Heiligkeit und Schönheit um keinen Preis hier eintreten.

Die Straßen von Genua würden um vieles verschönert werden durch die Einfuhr von einigen Priestern von einnehmendem Äußern. Jeder vierte oder fünfte Mann auf der Straße ist ein Priester oder ein Mönch, und man kann ziemlich sicher darauf rechnen, in jeder Landkutsche auf den benachbarten Straßen wenigstens einen wandernden Geistlichen zu finden. Ich kenne keine abstoßenderen Gesichter, als ich unter diesen Leuten gesehen habe. Wenn die Handschrift der Natur überhaupt leserlich ist, so kann man schwerlich in irgendeiner andern Klasse von Menschen auf der Welt größere Mannigfaltigkeit an Trägheit, Heuchelei und geistiger Erstarrung beobachten.

Pepys hörte einst einen Geistlichen in seiner Predigt zum Beweis seiner Achtung vor dem Priesterstand behaupten, daß er, wenn er einen Priester und einen Engel zu gleicher Zeit träfe, zuerst den Priester begrüßen würde. Ich bin mehr der Meinung Petrarcas, der, als ihm sein Schüler Boccaccio in großer Seelenangst schrieb, daß er von einem Karthäuser, der ein Bote des Himmels zu sein behauptet habe, besucht und wegen seiner Schriften ermahnt worden sei, zur Antwort gab, daß er für seinen Teil sich die Freiheit nehmen würde, die Wahrheit des Vorgebens durch persönliche Beobachtung des Gesichtes, der Augen, der Stirn, des Benehmens und der Rede des Boten zu prüfen. Auf ähnliche Beobachtungen gestützt, kann auch ich nur der Meinung sein, daß manche unbeglaubigten Himmelsboten durch die Straßen Genuas schleichen oder ihr Leben in andern italienischen Städten verfaulenzen.

Vielleicht sind die Kapuziner, obgleich keine gelehrte Körperschaft, als Orden betrachtet, die besten Freunde des Volkes. Sie scheinen als Berater und Tröster der einfachen Leute unmittelbarer mit ihnen zu verkehren, sie häufiger zu besuchen, wenn sie krank sind, und sich weniger als einige andere Orden in die Geheimnisse der Familie zu drängen, um einen schädlichen Einfluß auf den schwächeren Teil derselben zu gewinnen, und von einem weniger fanatischen Verlangen beherrscht zu sein, Konvertiten zu machen und sie dann, einmal bekehrt, mit Leib und Seele dem Verderben anheimfallen zu lassen. Man sieht sie in ihren groben Röcken zu allen Zeiten und in allen Teilen der Stadt und am frühesten Morgen bettelnd auf den Märkten. Auch die Jesuiten sind zahlreich in den Straßen und schleichen paarweise geräuschlos umher, wie schwarze Katzen.

In einigen dieser engen Gassen sammeln sich bestimmte Gewerbe. Es gibt eine Juwelierstraße und eine Buchhändlergasse; aber selbst an Orten, wohin man niemals mit einem Wagen gelangen kann oder konnte, erheben sich mächtige alte Paläste, eingeschlossen zwischen düsteren Mauern und fast von der Sonne abgesperrt. Sehr wenig Kaufleute denken daran, ihre Waren im Laden auszustellen. Wenn man als Fremder etwas kaufen will, muß man gewöhnlich sich im Laden umsehen, bis man es erblickt hat, dann es ergreifen, wenn es im Bereich der Hand ist, und fragen: »Wie teuer?« Alles wird am unwahrscheinlichsten Orte verkauft. Braucht man Kaffee, so geht man in einen Zuckerbäckerladen, will man Fleisch haben, so findet man es wahrscheinlich hinter einem alten gewürfelten Vorhang, ein halbes Dutzend Stufen hinab, in einem abgelegenen Winkel, der so schwer zu finden ist, als wäre die Ware Gift und als bestraften die Gesetze Genuas den Verkäufer mit dem Tode.

Die meisten Apothekerläden sind gewissermaßen öffentliche Treffpunkte. Hier sitzen gravitätische Männer mit Stöcken stundenlang im Schatten, lassen eine dürftige genuesische Zeitung von Hand zu Hand gehen und besprechen schläfrig und wortkarg die Neuigkeiten. Zwei oder drei derselben sind arme Ärzte, bereit, in dringenden Fällen Dienste zu leisten und mit dem ersten besten Boten über Hals und Kopf davonzueilen. Man kann sie an der Weise erkennen, mit der sie den Kopf vorstrecken, wenn man eintritt, und an dem Seufzer, mit dem sie wieder in ihre dunkle Ecke zurücksinken, wenn sie finden, daß man nur eine Arznei braucht. Wenige Leute lungern in den Barbierläden, obgleich diese sehr zahlreich sind, da kaum einer sich selbst rasiert. Aber der Apothekerladen hat seine Gäste, welche hinten unter den Flaschen sitzen, die Hände über den Knauf ihrer Stöcke gefaltet, so regungslos und ruhig, daß man sie entweder in dem dunklen Laden gar nicht bemerkt oder sie – wie es mir einmal mit einem melancholisch aussehenden Mann in flaschengrünem Rock und einem Hut wie ein Stöpsel erging – für eine riesenhafte Medizinflasche hält.

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An Sommerabenden drängen die Genuesen sich, wie ihre Vorfahren die Häuser, in jeden verfügbaren Raum innerhalb und außerhalb der Stadt. In allen Gassen und Gäßchen, jeden kleinen Abhang hinauf, auf jeder niedrigen Mauer und jeder Treppe schwärmen sie wie die Bienen. Währenddessen (und vorzüglich feiertags) läuten die Glocken unaufhörlich; nicht in Akkorden oder in irgendeiner andern bekannten Tonform, sondern mit gräßlichem, verwirrtem, unharmonischem Geklingel, mit einer plötzlichen Pause bei jedem fünfzehnten Klingkling, das einen zum Wahnsinn bringen könnte. Dieses Kunststück verrichtet ein Knabe oben im Kirchturm, der den Klöppel oder den herabhängenden Strick in die Hand nimmt und lauter zu lärmen versucht als jeder seiner Nebenbuhler. Der Lärm soll den bösen Geistern besonders zuwider sein; aber wenn man in diese Kirchtürme hinaufblickt und diese jungen Christen so beschäftigt sieht (und hört), dann könnte man sie sehr natürlich für den bösen Feind halten.

Die Festtage sind im Frühherbst sehr zahlreich. Alle Läden waren zweimal die Woche wegen dieser Feiertage geschlossen, und eines Abends waren alle Häuser in der Nachbarschaft einer gewissen Kirche illuminiert, und die Außenseite der letztern war mit Fackeln erleuchtet; auf einem freien Platze vor einem der Stadttore stand ebenfalls eine Gruppe brennender Fackeln. Dieser Teil des Festes nimmt sich noch schöner und eigentümlicher aus, wenn man weiter ins offene Land hinauskommt, wo man die illuminierten Hütten den steilen Abhang von unten bis zu seiner Spitze hinauf verfolgen kann und wo man an Reihen von Kerzen vorüberkommt, die vor einer alleinstehenden Hütte an der Straße in der Sternennacht einsam verbrennen.

An solchen Tagen putzen sie die Kirche des Heiligen, dem zu Ehren das Fest gefeiert wird, gar schmuck heraus. Goldgestickte Behänge von verschiedenen Farben verbinden die Bogen miteinander; die Altargeräte sind ausgestellt, und zuweilen sind sogar die hohen Pfeiler von oben bis unten in dichtanschließende Draperien gehüllt. Der Dom ist dem heiligen Lorenz gewidmet. Am St.-Lorenz-Tage ging ich hinein, gerade als die Sonne unterging. Obgleich die Ausschmückung gewöhnlich nicht im besten Geschmack ist, war die Wirkung doch gerade jetzt wirklich sehr prächtig. Denn das ganze Gebäude war mit Rot ausgeschlagen, und die sinkende Sonne, deren Strahlen durch den großen roten Vorhang und das Hauptportal hereinströmten, machte alle die Pracht zu ihrer eignen. Als die Sonne unterging und allmählich drinnen alles dunkel wurde, außer ein paar Kerzen, die noch auf dem Hauptaltar glimmten, und einigen kleinen silbernen Hängelampen, da nahm sich die Kirche sehr geheimnisreich und effektvoll aus. Aber in einer dieser Kirchen gegen Abend zu sitzen ist wie eine gelinde Dosis Opium.

Mit dem bei dem Fest gesammelten Gelde werden gewöhnlich die Ausschmückung der Kirche, die Musik und die Kerzen bezahlt. Wenn etwas übrigbleibt (was, glaube ich, selten geschieht), wird es zum Besten der Seelen im Fegfeuer verwendet. Man hält auch dafür, es kämen ihnen die Anstrengungen gewisser kleiner Knaben zugute, welche Geldbüchsen vor rätselhaften kleinen Häuschen – anzusehen wie kleine Chausseehäuschen – schütteln, die (gewöhnlich fest verschlossen) an roten Kalendertagen auffliegen und drinnen ein Bild und einige Blumen enthüllen.

Dicht vor dem Stadttor auf dem Wege nach Albaro steht ein kleines Haus mit einem Altar darin und einer Geldbüchse draußen: auch zum Besten der Seelen im Fegfeuer. Um das Mitleid noch mehr anzuregen, ist auf jeder Seite der Gittertür ein häßliches Gemälde angebracht, das eine auserlesene Gesellschaft von Seelen im Fegfeuer darstellt. Eine derselben hat einen grauen Schnurrbart und einen kunstreich frisierten grauen Kopf, als hätte man ihn aus dem Ladenfenster eines Friseurs genommen und in den Ofen geworfen. Da steht er: ein höchst grotesker und abscheulich burlesker alter Kerl, ewig in der wirklichen Sonne schmorend und im künstlichen Feuer schmelzend behufs der Erbauung (und der Beiträge) der ärmeren Genuesen.

Sie sind eben kein sehr lustiges Volk, und nur selten sieht man sie an ihren Feiertagen tanzen; die vornehmsten Zerstreuungsorte für die Frauen sind die Kirchen und die öffentlichen Spaziergänge. Die Frauen sind alle sehr gutmütig, gefällig und fleißig. Der Fleiß hat sie nicht reinlich gemacht, denn ihre Wohnungen sind sehr schmutzig, und ihre gewöhnliche Beschäftigung an schönen Sonntagmorgen ist, vor der Türe zu sitzen und auf der Nachbarin Kopf eine Jagd anzustellen. Aber ihre Häuser sind so überfüllt und der frischen Luft beraubt, daß es wenigstens eine Wohltat unter so vielem Unglück gewesen wäre, wenn diese Teile der Stadt zur Zeit der Blockade von Massena dem Erdboden gleichgemacht worden wären.

Die Bauernweiber sind so beständig beschäftigt, in den öffentlichen Teichen und in jedem Bach und Graben Kleider zu waschen, daß man sich inmitten dieses allgemeinen Schmutzes nur wundern kann, wer denn eigentlich die Kleider trägt, wenn sie rein sind. Beim Waschen wird das zu reinigende Leinen naß auf einen glatten Stein gelegt und mit einem hölzernen Schlegel darauf herumgehämmert. Sie dreschen es so wütend, als wollten sie sich an der Kleidung im allgemeinen dafür rächen, daß sie mit dem Sündenfall in Verbindung steht.

Nicht selten sieht man zu solchen Zeiten am Rande des Teiches oder auf einem zweiten flachen Steine ein unglückliches Kindlein, mit Armen, Beinen und allem fest eingeschnürt in eine Unmasse Zeug, so daß es weder Finger noch Zehe rühren kann. Dieser Brauch (den wir oft auf alten Bildern dargestellt sehen) ist unter dem einfachen Volk allgemein. So ein Kind kann überall liegen gelassen werden, ohne daß es ihm möglich ist wegzukriechen, man kann es irgendwo hinlegen, es kann ohne Gefahr aus dem Bett purzeln oder man kann es an einem Haken aufhängen, wie eine Puppe in einem Spielzeugladen, ohne daß für jemanden Unannehmlichkeiten entstehen.

Eines Sonntags, kurz nach meiner Ankunft, saß ich in der kleinen Dorfkirche von San Martino, vielleicht eine halbe Meile von der Stadt, während dort eine Kindtaufe stattfand. Ich sah den Priester und einen Kirchendiener mit einer großen Kerze und einen Mann und eine Frau und noch ein paar andere Leute, aber ich dachte vor dem Schluß der Feierlichkeit ebensowenig daran, daß dies eine Taufe sei, oder daß das sonderbare kleine steife Päckchen, welches während der Feierlichkeit beim Griff – wie ein kurzes Schüreisen – von einem zum andern gereicht wurde, ein Kind sei, wie ich bei meiner eigenen Taufe anwesend zu sein glaubte. Ich ließ mir hernach das Kind einen Augenblick geben – man hatte es auf den Taufstein gelegt – und bemerkte, daß es sehr rot im Gesicht, aber vollkommen ruhig und unter keiner Bedingung aus seiner steifen Lage zu bringen war. Die große Menge Krüppel auf den Straßen hörte jetzt bald auf, mich in Verwunderung zu setzen.

Natürlich gibt es eine Anzahl von Nischen mit Heiligen und Madonnen, gewöhnlich an den Straßenecken. Das Lieblingsandachtsbild der Gläubigen in Genua ist ein Gemälde, auf dem man einen Bauern mit einem Spaten oder sonst einem Ackerwerkzeug neben sich knien sieht, während die Madonna mit dem kleinen Heiland auf dem Arm in einer Wolke erscheint. Dies ist die Legende der Kirche Madonna della Guardia, einer Kapelle auf einem Berge, wenige Meilen von Genua, welche in hohem Ansehen steht. Wie erzählt wird, lebte dieser Bauer ganz einsam und bearbeitete einen kleinen Acker oben auf dem Berg, wo er als frommer Mann täglich seine Gebete zur Madonna hinaufsandte – in der freien Luft, denn seine Hütte war sehr ärmlich. An einem gewissen Tag erschien ihm die Jungfrau, wie auf dem Bilde, und sagte: »Warum betest du in der freien Luft und ohne Priester?« Der Bauer entschuldigte sich damit, daß kein Priester und keine Kirche in der Nähe seien. Gewiß eine ungewöhnliche Klage in Italien. »So möchte ich«, sagte die himmlische Erscheinung, »hier eine Kapelle gebaut wissen, in der die Gläubigen beten können.« – »Aber, Santissima Madonna«, sagte der Bauer, »ich bin ein armer Mann, und Kapellen können nicht ohne Geld gebaut werden. Auch wollen sie unterhalten sein, Santissima; denn eine Kapelle zu haben und sie nicht freigebig zu unterhalten ist ein Verbrechen – eine Todsünde.« Diese Äußerung gefiel der Erscheinung sehr. »Geh«, sagte sie, »es liegt ein Dorf in dem Tal zur Linken und ein anderes Dorf in dem Tal zur Rechten und ein anderes Dorf woanders (und sie nannte die Orte), welche gern zur Erbauung einer Kapelle beitragen werden. Geh zu ihnen! Erzähle ihnen, was du gesehen, und zweifle nicht, daß Geld genug zusammenkommen wird, um eine Kapelle zu bauen und sie später anständig zu unterhalten.« Alles dies erwies sich (wunderbarerweise) als vollkommen richtig. Und zum Beweise dieser Voraussagung und Erscheinung besteht die Kapelle der Madonna della Guardia reich und blühend noch heutigentags.

Die Pracht und Mannigfaltigkeit der genuesischen Kirchen kann kaum übertrieben werden. Vornehmlich die Kirche der Annunciata, wie die meisten andern auf Kosten einer einzigen adeligen Familie erbaut und jetzt in langsamer Ausbesserung begriffen. Von der äußeren Tür bis zur höchsten Höhe der Kuppel ist sie so verschwenderisch gemalt und mit Gold ausgelegt, daß sie aussieht (wie Sismondi in seinem hübschen Buch über Italien sagt) wie eine große emaillierte Schnupftabaksdose. Die meisten der reicheren Kirchen besitzen einige schöne Gemälde oder andere Kostbarkeiten, die fast alle unmittelbar neben plumpen Konterfeien trübseliger Mönche und dem schlechtesten Flitterwerk, das man nur sehen kann, stehen.

Es mag eine Folge der dem Volksgefühl und den Volksbörsen gegebenen Richtung auf die Seelen im Fegefeuer sein, daß man den Körpern der Toten hier so außerordentlich wenig Beachtung schenkt. Für die ganz Armen befinden sich unmittelbar neben einer Ecke der Mauern und hinter einem hervorspringenden Punkt der Festungswerke nicht weit vom Meere gewisse gemeinschaftliche Gruben – eine für jeden Tag des Jahres welche alle verschlossen bleiben, bis eine nach der andern zur täglichen Empfangnahme ihrer Leichen an die Reihe kommt. Unter den Truppen in der Stadt sind gewöhnlich einige Schweizer, mal mehr, mal weniger. Wenn einer von diesen stirbt, wird er auf Kosten einer Kasse begraben, die seine in Genua wohnenden Landsleute unter sich haben. Daß für diese Leichen Särge gekauft werden, setzt die Behörden in großes Erstaunen.

Gewiß ist die Wirkung dieses unanständigen haufenweisen Hinabstürzens der Leichen in eine Grube sehr schlecht. Es umgibt den Tod mit widerwärtigen Bildern, welche unmerklich auf die übergehen, denen sich der Tod naht. Gleichgültigkeit und Meiden der Sterbenden sind natürliche Folgen; und alle mildernden Einflüsse des großen Schmerzes werden mit rauher Hand verscheucht.

Wenn ein alter Cavaliere oder ein Mann von ähnlichem Range stirbt, so schichtet man im Dom Bänke in Gestalt eines Sarges übereinander, darüber hängt man ein schwarzsamtenes Leichentuch, legt den Hut und Degen des Toten oben darauf, setzt ringsherum einen kleinen Kreis von Stühlen und schickt seinen Freunden und Bekannten Einladungskarten, sich hier zu versammeln und die Messe anzuhören, welche am Hauptaltar gelesen wird, der bei dieser Gelegenheit mit einer Unzahl Kerzen geschmückt ist.

Wenn Leute aus den höheren Ständen sterben oder im Sterben liegen, entfernen sich gewöhnlich alle nächsten Verwandten; sie gehen zur Zerstreuung aufs Land und lassen die Leiche, ohne sich weiter um sie zu bekümmern, zurück. Den Leichenzug bildet gewöhnlich eine Gesellschaft von Leuten, die Confraternità, die als eine Art freiwilliger Buße in regelmäßiger Reihenfolge den Toten diesen Dienst erweisen, die aber, etwas Stolz mit ihrer Demut vermischend, in ein weites, die ganze Gestalt bedeckendes Gewand gehüllt sind und eine das Gesicht verhüllende Kapuze mit Öffnungen zum Atmen und Sehen tragen. Diese Tracht macht eine sehr schauerliche Wirkung, vorzüglich bei einer gewissen blauen Confraternità in Genua, die geradeso aussieht – wenn man plötzlich auf der Straße auf ihren Zug stößt –, als wären es Vampire oder Dämonen, welche die Leiche als ihre Beute davontragen.

Obgleich diese Sitte dem Mißbrauch ausgesetzt sein mag, der viele italienische Sitten begleitet, indem man sie als ein Mittel betrachtet, eine laufende Rechnung mit dem Himmel anzulegen, von der man zu leicht für zukünftige schlechte Handlungen abrechnen kann, oder als eine Sühne für früher getanes Böse, so muß man doch zugeben, daß es eine gute und praktische und eine unzweifelhaft mit guten Werken verbundene Sitte ist. Eine freiwillige Dienstleistung wie diese ist gewiß besser als die befohlene Buße (die gar nicht selten vorkommt), soundsovielmal einen bestimmten Stein vom Fußboden des Domes zu küssen; oder als ein der Madonna geleistetes Gelübde, ein oder zwei Jahre lang nichts als Blau zu tragen. Dies soll droben ganz besondere Freude auslösen, da Blau, wie wohl bekannt ist, die Lieblingsfarbe der Madonna sein soll. Frauen, die sich dieser Glaubenshandlung gewidmet haben, sieht man sehr häufig auf den Straßen gehen.

Die Stadt besitzt drei Theater, außer einem alten, das jetzt selten geöffnet wird. Das bedeutendste – Carlo Felice, das Opernhaus von Genua – ist ein sehr prächtiges, bequem eingerichtetes und schönes Theater. Eine Schauspielergesellschaft spielte dort, als wir ankamen, und nach ihrer Abreise kam ein Opernensemble zweiten Ranges. Die Hauptsaison ist erst in der Karnevalszeit im Frühjahr. Nichts fiel mir bei meinen Besuchen in dem Hause (die sehr zahlreich waren) so sehr auf wie der ungewöhnlich strenge und grausame Charakter der Zuhörerschaft, welche die geringsten Mängel rügt, nichts als einen Spaß nimmt, beständig auf eine Gelegenheit zu zischen lauert und die Schauspielerinnen so wenig wie die Schauspieler schont. Aber da sie sonst nichts Öffentliches haben, worüber sie die mindeste Mißbilligung aussprechen dürften, so sind sie vielleicht entschlossen, diese Gelegenheit so ausgiebig wie möglich zu benutzen.

Man bemerkt auch eine große Anzahl von piemontesischen Offizieren, die das Recht haben, fast umsonst im Parterre zu sitzen; denn einen unentgeltlichen oder billigen Platz für diese Herren fordert der Gouverneur bei allen öffentlichen oder halböffentlichen Schauspielen. Sie sind natürlich sehr strenge Kritiker und viel härter in ihren Forderungen, als wenn sie den unglücklichen Direktor reich machten.

Das Teatro Diurno oder Tagestheater ist eine bedeckte Bühne im Freien, wo bei Tage in den kühlen Stunden des Nachmittags gespielt wird; die Vorstellungen beginnen gewöhnlich um vier oder um fünf Uhr und dauern in der Regel drei Stunden. Es ist eigentümlich, mitten unter der Zuhörerschaft eine schöne Aussicht auf die benachbarten Hügel und Häuser zu haben und die Nachbarn aus ihren Fenstern zuschauen zu sehen und die Glocken der Kirchen und Klöster im vollständigsten Widerspiel mit der Szene läuten zu hören. Außer diesem und der Neuheit, ein Schauspiel in der frischen angenehmen Luft aufführen zu sehen, während die Dämmerung allmählich einbricht, ist an der Aufführung nichts sehr Interessantes oder Charakteristisches. Die Schauspieler sind sehr mittelmäßig, und obgleich sie zuweilen eine von Goldonis Komödien spielen, ist doch ihr Repertoire hauptsächlich französisch. Was nur im mindesten national ist, ist despotischen Regierungen und von Jesuiten umlagerten Königen gefährlich.

Das Puppentheater – eine berühmte Truppe aus Mailand – ist ohne allen Zweifel die drolligste Darbietung, die ich jemals in meinem Leben gesehen. Nie sah ich etwas so vollständig Lächerliches. Man glaubt, die Puppen wären vier oder fünf Fuß hoch, aber sie sind in Wirklichkeit viel kleiner, denn wenn ein Musiker im Orchester zufällig seinen Hut auf die Bühne setzt, so wirkt er beunruhigend riesenhaft und macht einen Schauspieler ganz verschwinden. Sie führen gewöhnlich ein Lustspiel und ein Ballett auf. Der Komiker in dem Lustspiel, welches ich an einem Sommerabend sah, ist Kellner in einem Gasthof; niemals seit Beginn der Welt hat es einen so beweglichen Schauspieler gegeben. Man verwendet große Mühe auf ihn. Er hat Extragelenke in seinen Beinen und ein pfiffiges Auge, mit dem er dem Parterre zuzwinkert, auf eine Weise, die einem Fremden ganz unerträglich ist, welche aber die Eingeweihten, meistens Leute aus dem gemeinen Volke, als eine ganz natürliche Sache aufnehmen und als ob es ein Mensch wäre. Seine Lebhaftigkeit ist wunderbar: Er schüttelt ständig die Beine und zwinkert mit dem Auge. Dann ist ein schwerfälliger Vater da mit grauem Haar, der sich auf die ganz regelrechte herkömmliche Theaterbank setzt und seine Tochter in der regelrechten herkömmlichen Weise segnet, die fürchterlich ist. Niemand wird es für möglich halten, daß etwas anderes als ein wirklicher Mensch so langweilig sein könnte. Das ist der Triumph der Kunst.

Im Ballett entführt ein Zauberer die Braut unmittelbar vor der Hochzeit. Er bringt sie in seine Höhle und bemüht sich, sie zu beruhigen. Sie setzen sich auf ein Sofa (das vorgeschriebene Sofa auf dem vorgeschriebenen Platz, links zweiter Eingang), und ein Zug von Spielleuten kommt herein; einer davon schlägt die Trommel und wirft sich mit jedem Schlage um. Da diese sie nicht erheitern können, erscheinen Tänzer. Erst vier, dann zwei; die zwei, die fleischfarbigen zwei. Der Tanz, den sie aufführen, die Höhe, bis zu der sie springen, die unmögliche und unmenschliche Ausdauer, mit der sie pirouettieren, die Zurschaustellung ihrer wunderbaren Beine, das Niedersetzen des Fußes mit einem Ruck genau auf die Fußspitze, wenn die Musik es verlangt, des Herrn Zurücktreten, wenn die Dame an die Reihe kommt, und der Dame Zurücktreten, wenn die Reihe an dem Herrn ist, das leidenschaftliche Finale eines Pas de deux und der Abgang mit einem Sprunge! – ich werde nie wieder in meinem Leben ein wirkliches Ballett mit ernsthaftem Gesicht sehen können.

Eines Abends ging ich in dieses Puppentheater, um mir das Stück »St. Helena oder der Tod Napoleons« anzusehen. Zuerst zeigte sich Napoleon mit einem ungeheuren Kopf auf einem Sofa in seinem Zimmer auf St. Helena; ein Diener trat herein mit der unverständlichen Meldung: »Sir Ju od si on Lau!«

Sir Hudson – hättet ihr seine Uniform sehen können! – war gegen Napoleon ein vollkommenes Mammut von einem Mann; abscheulich häßlich, mit einem ungeheuer unproportionierten Gesicht und einem großen Klumpen als Unterkinnlade, um seinen tyrannischen und harten Charakter auszudrücken. Er fing sein Foltersystem damit an, daß er seinen Gefangenen »General Bonaparte« nannte, worauf letzterer im Tone tiefster Tragik antwortete: »Sir Ju od si on Lau! nennt mich nicht so. Wiederholt dieses Wort und verlaßt mich! Ich bin Napoleon, Kaiser von Frankreich.«

Sir Ju od si on Lau fuhr unverdrossen fort, ihn mit einer Verordnung der britischen Regierung zu unterhalten, welche die Art und Weise, wie er sein Haus halten sollte, und die Ausstattung seiner Zimmer vorschrieb und seine Bedienung auf vier oder fünf Personen beschränkte. »Vier oder fünf für mich!« sagte Napoleon, »für mich! Einhunderttausend Mann standen vordem unter meinem alleinigen Befehl; und dieser englische Offizier spricht von vier oder fünf für mich!« Während des ganzen Stückes war Napoleon (der in seiner Sprache dem wirklichen Napoleon sehr ähnlich war und ständig kleine Monologe hielt) sehr schlecht auf »diese englischen Offiziere« und »diese englischen Soldaten« zu sprechen, zum großen Ergötzen des Publikums, welches ganz entzückt war, daß Lowe ausgescholten wurde, und welches, sowie Lowe »General Bonaparte« sagte (was er immer tat und worauf immer dieselben Vorwürfe folgten), ihn ganz und gar verwünschte. Es ist schwer zu sagen, warum; denn die Italiener haben weiß Gott wenig Ursache, mit Napoleon zu sympathisieren!

Von einer Intrige mit Napoleon war gar nicht die Rede; nur daß ein französischer Offizier, als Engländer verkleidet, einen Plan zur Flucht vorschlug und, da er entdeckt wurde, aber nicht bevor Napoleon sich großmütig geweigert hatte, seine Freiheit zu stehlen, sofort von Lowe zum Galgen verurteilt wurde. Das tat er mit zwei sehr langen Reden, welche Lowe dadurch denkwürdig machte, daß er sie mit »jas« schloß – um zu zeigen, daß er ein Engländer sei –, was einen donnernden Beifall verursachte. Napoleon ward von dieser Katastrophe so gerührt, daß er auf der Stelle in Ohnmacht fiel und von zwei andern Puppen hinausgetragen wurde. Nach dem zu urteilen, was folgte, mochte er sich von dem Schock noch nicht wieder erholt haben, denn der nächste Akt zeigte ihn in einem reinen Hemd in seinem Bett mit roten und weißen Vorhängen, während eine Dame, vorzeitig in Trauer gekleidet, zwei kleine Kinder herbeiführte, die neben dem Bett niederknieten, als er christlich verschied; das letzte Wort auf seinen Lippen war »Vatterlo«.

Es war unaussprechlich komisch. Bonapartes Stiefel waren so wunderbar ungehorsam und verrichteten nach eigenem Belieben wunderbare Dinge: sie schlugen sich übereinander, verirrten sich unter den Tischen, baumelten in der Luft und rutschten zuweilen weit weg über den Bereich aller menschlichen Wissenschaft hinaus, wenn er mitten im Gespräch war – unglückliche Zufälle, die durch den feststehenden trübseligen Ausdruck seines Gesichtes nicht weniger lächerlich wurden. Um seinem Gespräch mit Lowe ein Ende zu machen, mußte er an einen Tisch treten und in einem Buch lesen. Da war es denn das Schönste, was mir jemals vorgekommen, den Körper wie einen Stiefelknecht über dem Buch hängen zu sehen, während die sentimentalen Augen hartnäckig in das Parterre hinabstarrten. Er war wunderbar schön im Bett, mit einem ungeheuern Hemdenkragen und den kleinen Händchen draußen auf der Bettdecke. Ebenso schön war Dr. Antomarchi, eine Puppe mit langen Haaren, der infolge einer Verwirrung seiner Drähte um das Bett schwebte wie ein Geier und ärztlichen Rat in der Luft gab. Er war fast so gut wie Lowe, obgleich der letztere zu allen Zeiten groß war – ein entschiedener Wüterich und Schurke, durch und durch und unbezweifelbar. Lowe war vorzüglich schön zu Ende, wo er, als der Doktor und der Diener sagten: »Der Kaiser ist tot!«, seine Uhr herauszog und das Stück schloß, indem er mit charakteristischer Brutalität ausrief: »Ha! ha! Elf Minuten vor sechs; der General tot! und der Spion gehängt!« Damit fiel der Vorhang im Triumph.

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In ganz Italien, behauptet man (und ich glaube es), gibt es keine lieblichere Wohnung als den Palazzo delle Peschiere oder den Palast der Fischteiche, wohin wir zogen, sobald unser dreimonatiger Mietvertrag für den rosenroten Kerker in Albaro abgelaufen war.

Er steht auf einer Höhe, innerhalb der Mauern Genuas, aber getrennt von der Stadt, umgeben von seinem eigenen schönen Garten, geschmückt mit Bildsäulen, Vasen, Springbrunnen, Marmorbassins, Terrassen, Alleen von Zitronen- und Orangenbäumen, Gebüschen von Rosen und Kamelien. Alle seine Zimmer sind schön in ihren Proportionen und in ihrer Ausschmückung; aber die große Halle, etwa fünfzig Fuß hoch, mit drei großen Fenstern auf der einen Seite, aus denen man die ganze Stadt Genua, den Hafen und das benachbarte Meer übersieht, gewährt eine der entzückendsten und schönsten Aussichten auf der Welt. Eine gemütlichere und wohnlichere Umgebung, als die Räume drinnen sind, läßt sich schwer denken; und gewiß kann man sich nichts Köstlicheres träumen als die Aussicht draußen im Sonnenschein oder im Mondenlicht. Er gleicht mehr einem verzauberten Palast in einem arabischen Märchen als einer Wohnung in dieser wirklichen, nüchternen Welt. Daß man von Zimmer zu Zimmer wandern kann und nie müde wird der phantastischen Bilder an den Wänden und an der Decke, so frisch und glänzend in ihren muntern Farben, als wären sie gestern gemalt, oder daß ein Stockwerk oder sogar die große Halle, an welche sich acht andere Zimmer anschließen, ein ausgedehnter Spaziergang ist, oder daß oben Korridore und Schlafzimmer sind, welche wir nie benutzen und selten besuchen und durch die wir kaum den Weg zu finden wissen, oder daß auf jeder der vier Seiten des Hauses eine Aussicht von ganz verschiedenem Charakter ist, alles das bedeutet wenig; aber diese Aussicht von der Halle aus ist mir wie ein Traumgebild. Ich kehre zu ihr mit der Phantasie zurück, wie ich es hundertmal des Tages in der ruhigen Wirklichkeit getan habe, und ich stehe dort und sehe hinaus, während die süßen Düfte des Gartens zu mir heraufsteigen, in einem vollkommenen Traum des Glücks.

Dort liegt ganz Genua in schöner Unordnung, mit seinen vielen Kirchen und Klöstern, deren Türme zum sonnigen Himmel hinaufsteigen; und hier unter mir, gerade wo die Dächer beginnen, ein einsames Klosterdach, geformt wie eine Galerie mit einem eisernen Kreuz an dem einen Ende, wo ich zuweilen am frühesten Morgen eine kleine Gruppe dunkel verschleierter Nonnen habe trauervoll auf und ab gleiten sehen und stehenbleiben und hinabblicken in die erwachende Welt, an der sie keinen Teil haben. Dort links der Monte Faccio, der heiterste aller Berge bei gutem Wetter, aber der finsterste, wenn Gewitter nahen. Das Fort innerhalb der Mauern (der gute König baute es, um die Stadt zu beherrschen und den Genuesern die Häuser um die Ohren zu schlagen, wenn seine Untertanen unzufrieden sein sollten) überragt jene Höhe zur Rechten. Dort vor uns liegt das offene Meer; und jene schmale Küstenstrecke, die bei dem Leuchtturm anfängt und in der rosigen Ferne allmählich zu einem bloßen Flecken wird, ist die schöne Küstenstraße, die nach Nizza führt. Der Garten dicht dabei unter den Dächern und Häusern, ganz rot von Rosen und erquickend frisch durch kleine Fontänen, ist die Acqua sola – eine öffentliche Promenade, wo die Militärmusik lustig spielt und die weißen Schleier im dichten Gedränge wehen und der genuesische Adel herum und herum und herum fährt in Staatskleidern und Kutschen wenigstens, wenn auch nicht in unbedingter Weisheit. Anscheinend keinen Steinwurf weit sitzt die Zuhörerschaft des Tagtheaters, ihre Gesichter hierhergekehrt; aber da uns die Bühne verborgen ist, sieht es, wenn man sonst die Sache nicht versteht, wunderlich aus, wie die Gesichter sich so plötzlich aus dem Ernst zum Lachen verkehren, und noch wunderlicher ist es, wenn man das Beifallsklatschen in der Abendluft herüberrauschen hört, sobald der Vorhang fällt. Denn da heute Sonntag ist, spielen sie ihr bestes und anziehendstes Stück. Und jetzt sinkt die Sonne hinab in so prächtigem Schmuck von rotem, grünem und goldenem Licht, wie es weder Feder noch Pinsel schildern kann, und mit dem Läuten der Vesperglocken tritt auf einmal ohne Dämmerung die finstere Nacht ein. Dann fangen an Lichter zu blinken in Genua und auf der Straße ins Freie, und die sich drehende Laterne dort draußen auf der See scheint jetzt einen Augenblick auf den Palast und den Portikus und erleuchtet ihn, als ob der Vollmond hinter einer Wolke hervorträte; dann läßt sie ihn wieder in tiefes Dunkel sinken. Und das ist, soviel ich weiß, der einzige Grund, warum die Genuesen ihn nach Dunkelwerden meiden und glauben, es gehe darin um.

Mein Gedenken wird manche Nacht in spätern Zeiten darin umgehen; aber nicht, daß es dadurch schlimmer würde, das verspreche ich. Der Geist wird dann und wann wegsegeln in die heitere Ferne hinaus und die Morgenluft genießen in Marseille, wie ich es eines schönen Morgens tat.

Der dicke Friseur saß immer noch in Pantoffeln vor seiner Ladentür, aber die sich drehenden Damen im Fenster hatten mit der natürlichen Unbeständigkeit ihres Geschlechtes aufgehört, sich zu drehen, und schmachteten drinnen stockstill, die schönen Gesichter den dunklen Winkeln des Ladens zugewendet, wo kein Bewunderer hindringen konnte.

Der Dampfer war nach einer köstlichen Fahrt von achtzehn Stunden von Genua angelangt, und wir wollten auf der Corniche von Nizza wieder zurückkehren; denn wir begnügten uns nicht damit, nur die Außenseite der schönen Städte zu sehen, die sich in malerischen Gruppen aus den Olivenwäldern und Feldern und Hügeln am Rande der See erheben.

Das Schiff, welches an diesem Abend um acht Uhr nach Nizza fuhr, war sehr klein und so voll Waren, daß man kaum Platz hatte, sich zu bewegen; auch gab es nichts zu essen an Bord außer Brot und nichts zu trinken außer Kaffee. Aber da es etwa um acht Uhr morgens in Nizza eintreffen mußte, so schadete das nichts; so daß, als wir anfingen den hellen Sternen zuzublinken, in unwillkürlicher Erwiderung ihres Herabblinkens, auch wir uns in unsere Kojen in einer gedrängt vollen, aber kühlen Kajüte verloren und fast bis zum Morgen schliefen.

Da das Schiff ein so schläfriges und eigensinniges Schiff war, wie nur jemals gebaut wurde, so fehlte bloß noch eine Stunde an Mittag, als wir im Hafen von Nizza einfuhren, wo wir durchaus nichts anderes erwarteten als das Frühstück. Aber wir hatten Wolle geladen. Wolle darf im Marseiller Zollhaus nicht länger als zwölf Monate hintereinander lagern ohne Zollentrichtung. Um dieses Gesetz zu umgehen, pflegte man unverkaufte Wolle scheinbar auszuführen, sie irgendwo anders hinzubringen, wenn die zwölf Monate fast vorüber sind, sie gleich wieder zurückzuschaffen und als neue Ladung weitere zwölf Monate ins Lager zu bringen. Unsere Wolle war ursprünglich aus einem Ort der Levante gekommen. Als wir in den Hafen kamen, wurde sie als Erzeugnis der Levante erkannt. Sofort wurden die bunten kleinen Sonntagsboote voll feiertäglich gekleideter Leute, welche uns entgegengefahren waren, von den Behörden weggewiesen. Wir verfielen der Quarantäne; und eine große Flagge wurde feierlich an dem Mast auf der Werft hinaufgezogen, um es der ganzen Stadt bekanntzumachen.

Es war ein sehr heißer Tag. Wir hatten uns nicht rasiert, nicht gewaschen, nicht angekleidet und nicht gegessen und konnten kaum an der Albernheit Geschmack finden, schmorend in einem feiertagsstillen Hafen zu liegen, während die Stadt aus achtungsvoller Entfernung zusah und allerlei Leute mit großen Backenbärten und dreieckigen Hüten über unser Schicksal vor einem fernen Wachthaus berieten – mit Gebärden (wir betrachteten sie sehr genau durch Fernrohre), die mindestens eine Gefangenschaft von einer Woche versprachen. Aber selbst in dieser Krisis trug der wackere Kurier einen Sieg davon. Er telegraphierte jemandem (ich sah niemanden), der entweder mit dem Hotel in natürlicher Verbindung stand oder nur für diese Gelegenheit en rapport gesetzt wurde. Der Telegraph erhielt Antwort, und in einer halben Stunde oder weniger ertönte ein lauter Ruf vom Wachthaus. Man verlangte den Kapitän. Alle halfen dem Kapitän in sein Boot. Alle holten ihr Gepäck und sagten, wir gingen ans Land. Der Kapitän ruderte fort und verschwand hinter einer kleinen hervorspringenden Ecke des Galeerensklavengefängnisses und kam gleich wieder zurück mit etwas, aber sehr mürrisch. Der wackere Kurier ging ihm entgegen und empfing das Etwas als sein rechtmäßiges Eigentum. Es war ein großer Korb, in ein Leinentuch eingeschlagen, und darin waren zwei große Flaschen Wein, ein gebratenes Huhn, Salzfisch mit Knoblauch zusammengehackt, ein großer Laib Brot, etwa ein Dutzend Pfirsiche und ein paar andere Kleinigkeiten. Nachdem wir unser Frühstück ausgesucht hatten, lud der wackere Kurier eine auserwählte Gesellschaft ein, an den Erfrischungen teilzunehmen, und versicherte seinen Gästen, daß sie sich nicht durch Rücksichten auf Zartgefühl abhalten lassen sollten, da er einen zweiten Korb auf ihre Kosten bestellen werde. Das tat er denn auch – niemand wußte wie –, und bald wurde der Kapitän wieder abgerufen und kehrte wieder mürrisch mit einem anderen Etwas zurück, welches mein allgemein geliebter Diener unter seine Obhut nahm und mit einem Klappmesser, seinem persönlichen Eigentum, etwas kleiner als ein römisches Schwert, tranchierte.

Die ganze Gesellschaft auf dem Schiff wurde durch diese unerwartete Verproviantierung in sehr heitere Stimmung versetzt; aber niemand mehr als ein geschwätziger kleiner Franzose, der nach fünf Minuten betrunken wurde, und ein handfester Kapuziner, der jedermann außerordentlich eingenommen hatte und, wie ich wahrhaftig glaube, einer der besten Mönche auf der Welt war.

Er hatte ein treuherziges offenes Gesicht und einen vollen braunen wallenden Bart und war ein merkwürdig hübscher Mann von etwa fünfzig Jahren. Er war am frühen Morgen zu uns getreten und hatte gefragt, ob wir auch sicher um elf Uhr in Nizza eintreffen würden; er sei sehr begierig, dies zu erfahren, denn wenn er um diese Zeit einträfe, müsse er Messe lesen und bis zum Genuß des heiligen Brotes fasten; wenn aber keine Aussicht sei, das Reiseziel zur rechten Zeit zu erreichen, wolle er sofort frühstücken. Er machte diese Mitteilung in der Meinung, daß der wackere Kurier der Kapitän sei; und in der Tat sah dieser von allen Personen an Bord am meisten wie ein Kapitän aus. Nachdem ihm versichert worden war, daß wir zur rechten Zeit ankommen würden, fastete er und unterhielt sich fastend mit jedermann in der allerbesten Laune von der Welt, indem er Witze auf Kosten der Mönche mit andern Witzen auf Kosten der Laien beantwortete und sagte, daß er, obgleich er Mönch sei, doch wetten wolle, die zwei stärksten Leute auf dem Schiff nacheinander mit den Zähnen zu fassen und über das ganze Deck zu tragen. Niemand gab ihm Gelegenheit dazu; aber ich glaube, er wäre dazu imstande gewesen; denn er war ein stattlicher, schöner Mann, selbst in seinem Kapuzinerrock, die häßlichste und unkleidsamste Tracht, die es nur geben kann.

Das alles hatte dem geschwätzigen Franzosen so große Freude gemacht, daß er allmählich den Mönch sehr patronisierte und ihn zu bedauern schien als einen Menschen, der nur durch ein unseliges Schicksal abgehalten worden sei, als Franzose geboren zu werden. Obgleich seine Gönnerschaft von der Art war, wie sie etwa eine Maus einem Löwen schenken könnte, hatte er doch eine ungeheure Meinung von seiner Herablassung; und von diesem Gefühl hingerissen, stellte er sich zuweilen auf die Fußspitzen, um den Mönch auf die Schultern zu klopfen.

Als die Körbe ankamen, machte sich der Mönch, da es unterdessen zu spät für die Messe geworden, wacker darüber her, verzehrte erstaunliche Massen von kaltem Fleisch und Brot, trank tiefe Züge von dem Wein, rauchte Zigarren, nahm Prisen, unterhielt ein fortlaufendes Gespräch nach allen Seiten und lief zuweilen an die Reling, um jemand am Strande die Meldung zuzurufen, daß wir auf irgendeine Weise aus dieser Quarantäne herauskommen müßten, da er nachmittags an einer großen Prozession teilzunehmen habe. Danach kam er wieder zurück, herzlich aus bloßer purer Laune lachend, während der Franzose sein kleines Gesicht in zehntausend Fältchen zog und sagte, wie drollig er sei und welch ein braver Bursche dieser Mönch sei! Endlich machte die Sonnenhitze von außen und der Wein von innen den Franzosen schläfrig. Er streckte sich in der Mittagshöhe der Gönnerschaft seines riesigen Schützlings hin und fing an zu schnarchen.

Es war vier Uhr, als wir befreit wurden, und der Franzose, schmutzig, wollig und mit Schnupftabak befleckt, schlief immer noch, als der Mönch ans Land ging. Sobald wir frei waren, eilten wir alle auseinander, um uns zu waschen und anzukleiden, damit wir bei der Prozession anständig erscheinen könnten; und ich sah den Franzosen nicht eher wieder, als bis wir in der Hauptstraße uns aufstellten, wo er sich, sorgfältig aufgeputzt, in einen Vorderplatz drängte, seinen kleinen Rock zurückschlug, um eine breitstreifige, über und über mit Sternen besäte Samtweste zu zeigen und sich und seinen Stock so zur Schau zu stellen, daß er den Mönch, wenn er käme, ganz und gar verwirren und in Erstaunen setzen mußte.

Die Prozession war sehr lang und bestand aus einer Unzahl Leuten, die in kleine Gruppen geteilt waren; jede Gruppe sang in näselndem Ton auf eigene Rechnung, ohne auf die andern Rücksicht zu nehmen, was eine sehr melancholische Wirkung auf die Zuhörer hervorbrachte. Man sah Engel, Kreuze, Madonnen auf Brettern, von Cupidos umgeben, Kronen, Heilige, Meßbücher, Infanterie, Kerzen, Mönche, Nonnen, Reliquien, Würdenträger der Kirche, in grünen Hüten unter purpurnen Sonnenschirmen daherschreitend, und hier und da eine Art heiliger Straßenlaternen an einer langen Stange. Wir erwarteten mit Spannung die Kapuziner, und jetzt sah man auch ihre braunen Kutten und Strickgürtel nahen.

Ich sah den kleinen Franzosen vor sich hin lachen bei dem Gedanken, daß der Mönch, wenn er ihn in der breitstreifigen Weste sähe, innerlich ausrufen werde: »Ist das mein Beschützer, dieser vornehme Mann?« und ganz und gar in Verwirrung geraten werde. Ach, niemals hatte sich der Franzose so getäuscht. Als unser Freund, der Kapuziner, mit übereinandergelegten Armen sich nahte, sah er dem kleinen Franzosen mit einem nicht zu beschreibenden heiteren, ruhigen und in sich versunkenen Blick ins Gesicht. Nicht die mindeste Spur des Erkennens oder der Lustigkeit war auf seinem Antlitz zu entdecken; nicht das mindeste Bewußtsein von Brot und Fleisch, Wein, Schnupftabak oder Zigarren. »C'est lui-même«, hörte ich den kleinen Franzosen mit einigem Zweifel sagen. Ja, o ja, er war es leibhaftig. Es war nicht sein Bruder, nicht sein Neffe, ihm sehr ähnlich. Er war es. Er schritt in großer Stattlichkeit daher, denn er war einer der Oberen des Ordens und nahm sich in seiner Rolle bewundernswert aus. Nie gab es etwas Vollkommeneres in seiner Art wie die Weise, mit der er seinen ruhigen Blick auf uns, seinen Reisegefährten vor einer Stunde, verweilen ließ, als ob er uns in seinem Leben nicht gesehen hätte und als ob er uns jetzt nicht sähe. Der Franzose nahm endlich ganz demütig seinen Hut ab, aber der Mönch ging weiter mit derselben unzerstörbaren Ruhe; und die breitstreifige Weste, im Gedränge verschwindend, wurde nicht mehr gesehen.

Die Prozession schloß mit einer Gewehrsalve, die alle Fenster in der Stadt zittern machte. Am nächsten Nachmittag fuhren wir auf der berühmten Corniche nach Genua.

Der halb französische, halb italienische Vetturino, der uns mit seinem kleinen rasselnden Zweispänner in drei Tagen dorthin zu bringen versprach, war ein sorgloser hübscher Bursche, dessen leichter Sinn und Singlust keine Grenzen kannte, solange es ohne Widerwärtigkeiten hinging. So lange hatte er ein Wort, ein Lächeln und einen Peitschenknall für alle Bauernmädchen und ein Stückchen aus der »Somnambula« für alle Echos. So lange ging es durch jedes kleine Dorf, klingelnd mit den Glocken an den Pferden und den Ringen in seinen Ohren, ein wahres Meteor der Galanterie und Heiterkeit. Aber es war sehr charakteristisch, ihn bei einer kleinen Widerwärtigkeit zu sehen, als wir einmal an eine kleine Stelle des Weges kamen, wo ein Wagen zusammengebrochen war und den Weg versperrte. Seine Hände wühlten augenblicklich in seinen Haaren, als ob eine Vereinigung aller schrecklichsten Unfälle auf Erden plötzlich sein armes Haupt betroffen hätte. Er fluchte französisch, betete italienisch, lief hin und her, die Erde im wahren Wahnsinn der Verzweiflung stampfend. Um den zerbrochenen Wagen standen mehrere Kärrner und Maultiertreiber, und zuletzt schlug ein Mann von einigermaßen originellem Geiste vor, daß man einen gemeinsamen Versuch machen solle, das Ding in Ordnung zu bringen und den Weg frei zu machen – ein Gedanke, der, glaube ich wahrhaftig, unserm Freunde niemals eingefallen wäre, und wären wir bis jetzt dort geblieben. Es geschah mit einem geringen Aufwand von Mühe; aber bei jeder Pause wühlten seine Hände wieder in den Haaren, als ob kein Strahl von Hoffnung sein Unglück zu erhellen imstande wäre. Aber sowie er wieder auf dem Bock saß und munter bergab rasselte, da kehrte er wieder zu den Bauernmädchen und der »Somnambula« zurück, als ob keine Gewalt des Unglücks ihn niederschlagen könnte.

Ein großer Teil der Romantik der schönen Städte und Dörfer an dieser schönen Straße verschwindet, wenn man hineinkommt, denn manche von ihnen sind sehr jämmerlich. Die Straßen sind schmal, finster und schmutzig, die Einwohner halbverhungert und unreinlich, und die welken alten Weiber mit dem langen grauen Haar, oben auf dem Kopfe in einen Knoten geschlungen, wie eine Unterlage für schwere Lasten, sind längs der Riviera und auch in Genua so entsetzlich häßlich, daß sie, wenn man sie in den düstern Torwegen mit ihren Spindeln stehen oder in Ecken miteinander plaudern sieht, sich ausnehmen wie eine Bevölkerung von Hexen – nur daß man sie gewiß nicht im Verdacht haben kann, im Besitz eines Besens oder eines andern Werkzeugs der Reinlichkeit zu sein. Auch sind die Schweinehäute, die allgemein zu Weinschläuchen gebraucht werden und überall in der Sonne hängen, keineswegs ein Schmuck, da sie immer das Ansehen von sehr aufgedunsenen Schweinen behalten, die mit abgeschnittenen Köpfen und Beinen an ihrem Schwanz baumeln. Reizend sind aber diese Städte, wenn man sich ihnen nähert. Mit ihren dicht gedrängten Dächern und Türmen kleben sie oben an steilen Abhängen mitten unter Bäumen oder liegen am Rande schöner Buchten. Die Vegetation ist überall üppig und schön, und die Palme gibt der eigentümlichen Landschaft auch ein eigentümliches Gepräge. In einer Stadt, San Remo – ein ganz merkwürdiger Ort, auf düsteren offenen Bogen erbaut, so daß man unter der ganzen Stadt herumwandern könnte –, sind schöne Terrassengärten; andere Städte sind belebt von den Hammerschlägen der Schiffszimmerleute und dem Bau kleiner Fahrzeuge am Strand. In mancher der geräumigen Buchten könnten die Flotten Europas vor Anker liegen. Jedenfalls zeigt jede kleine Gruppe von Häusern in der Entfernung ein bezauberndes Gewirr von malerischen und phantastischen Formen.

Die Straße selbst – jetzt hoch über der funkelnden See, die sich unten am Fuße des Abgrundes bricht, jetzt landeinwärts sich wendend, um den Strand einer Bucht zu umgehen, jetzt das steinige Bett eines Bergstromes überschreitend, jetzt tief unten auf dem Strand, jetzt zwischen gespaltenen Felsen von allerlei Gestalt und Farbe hindurch, jetzt an einem einsamen und verfallenen Turm vorbei, einem Glied der Turmkette, die ehedem zum Schutz der Küste gegen die Einfälle der Barbaresken-Staaten gebaut wurden – bietet auf jedem Schritt neue Schönheiten dar. Wenn sie diese originellen Umgebungen verläßt und sich durch die lange Reihe einer Vorstadt an der flachen Seeküste hin nach Genua zieht, da gewähren die wechselnden Ansichten der Stadt und des Hafens neues Interesse, das immer wieder aufgefrischt wird durch jedes riesenhafte, ungeschlachte, halb unbewohnte alte Haus in seiner Umgebung und zu seinem Gipfelpunkte gelangt, wenn man die Stadt Genua erreicht und ganz Genua mit seinem schönen Hafen und den angrenzenden Hügeln sich in stolzer Pracht vor dem Auge entfaltet.

 

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