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Bilder aus Italien

Charles Dickens: Bilder aus Italien - Kapitel 2
Quellenangabe
typereport
authorCharles Dickens
titleBilder aus Italien
publisherWinkler Verlag
editorSiegfried Schmitz
yearo.J.
translatorJulius Seybt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20140926
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Durch Frankreich

An einem schönen Sonntagmorgen im hohen Sommer und im hochsommerlichen Wetter des Jahres 1844 war es, mein guter Freund, als – erschrecken Sie nicht – nicht als man zwei Reisende langsam durch jene malerische und hindernisreiche Gegend schreiten sah, durch welche das erste Kapitel eines mittelalterlichen Romans gewöhnlich erreicht wird, sondern als man einen englischen Reisewagen von stattlicher Größe, ganz frisch angekommen aus den schattigen Hallen des Pantechnikons unweit Belgrave Square in London, zum Tore des Hotels Maurice in der Rue Rivoli in Paris herausfahren sah – dieser »man« war nämlich ein sehr kleiner französischer Soldat; denn ich sah, wie er den Wagen anguckte.

Ich bin nicht mehr verpflichtet zu erklären, warum die englische Familie, die in und auf diesem Wagen reiste, von allen guten Tagen in der Woche gerade am Sonntag aufbrach, als ich gehalten bin, einen Grund dafür anzuführen, warum alle kleinen Leute in Frankreich Soldaten und alle großen Leute Postillione sind: das ist eine unfehlbare Regel. Daß sie aber für das, was sie taten, irgendeinen Grund hatten, bezweifle ich nicht; und wie Sie wissen, war ihr Grund, überhaupt so zu erscheinen, der, daß sie in dem schönen Genua ein Jahr lang leben wollten und daß das Haupt der Familie sich vorgenommen hatte, während der Zeit herumzureisen, wo seine Wanderlust ihn hintrieb.

Und es wäre mir ein kleiner Trost gewesen, der Bevölkerung von Paris im allgemeinen zu erklären, daß ich dieses Familienhaupt sei und nicht jene freudestrahlende Verkörperung von guter Laune, die neben mir saß in der Person eines französischen Kuriers, des besten aller Diener und des freundlichsten aller Menschen! Die Wahrheit zu gestehen, er sah viel patriarchalischer aus als ich, der im Schatten seiner stattlichen Gegenwart zu völliger Bedeutungslosigkeit zusammenschrumpfte.

Natürlich zeigte sich sehr wenig in dem Aussehen von Paris, als wir an der unheimlichen Morgue vorüber und über den Pontneuf rollten, was uns über unsere Sonntagsreise hätte Vorwürfe machen können. In den Weinschenken (ein Haus um das andere) herrschte geräuschvollster Verkehr; Zeltdächer wurden ausgebreitet und Tische und Stühle geordnet vor den Cafés, als Vorbereitung auf den Verzehr von Eis und kühlen Getränken, in der späteren Zeit des Tages. Schuhputzer waren geschäftig auf den Brücken; Läden waren offen; Karren und Wagen rasselten auf und ab; die engen, steilen, trichterförmigen Straßen über dem Fluß waren ebenso viele Perspektiven von Menschengedränge und Lärm, von bunten Nachtmützen, Tabakspfeifen, Blusen, großen Stiefeln und zottigen Köpfen; nichts zeigte den Tag der Ruhe an; außer etwa hier und da das Erscheinen einer Familie, die, auf einer Landpartie begriffen, in einen alten und schwerfälligen Einspänner eingepfercht war; oder der Anblick eines beschaulichen Feiertagmachers im ungeniertesten Negligé, der sich aus dem niedern Dachfenster herauslehnte und in ruhiger Erwartung das Trocknen seiner neugewichsten Schuhe auf dem kleinen Fensterbrett (wenn es ein Herr war) oder das Trocknen ihrer Strümpfe in der Sonne (wenn es eine Dame war) beobachtete.

Ist man einmal über das nie zu vergessende oder nie zu vergebende Pflaster hinaus, welches Paris umgibt, so sind die ersten drei Reisetage nach Marseille recht ruhig und einförmig. Nach Sens. Nach Avallon. Nach Chalons. Eine Skizze von den Erlebnissen eines Tages ist eine Skizze von allen dreien; und hier ist sie.

Wir haben vier Pferde und einen Postillion, der eine sehr lange Peitsche hat und der seinen Postzug etwa wie der Kurier von St. Petersburg im Zirkus von Astley oder Franconi fährt; nur daß er auf seinem Pferde sitzt, anstatt zu stehn. Die ungeheuern Kanonenstiefel, welche diese Postillione tragen, sind zuweilen ein oder zwei Jahrhundert alt und stehen in so lächerlichem Mißverhältnis zu dem Fuße ihres Trägers, daß der Sporn, welcher am Absatz angebracht ist, zuweilen auf die Mitte der Wade des Postillions zu stehen kommt. Der Mann tritt oft aus dem Stall mit der Peitsche in der Hand und in Schuhen und trägt mit beiden Händen einen Stiefel nach dem andern heraus und setzt sie mit großem Ernst auf die Erde neben das Pferd, bis alles fertig ist. Wenn das der Fall ist – und, o Himmel, welchen Lärm sie dazu machen! –, steigt er mit seinen Schuhen in die Stiefel oder läßt sich von ein paar Freunden hineinheben; dann ordnet er die Zugstricke des Geschirrs, mit erhabener Arbeit verziert – durch die Bemühungen der zahllosen Tauben in den Ställen –, bringt alle Pferde zum Bäumen und Ausschlagen, klatscht mit der Peitsche wie ein Verrückter; schreit »en route – hi!« und fort geht es. Man kann darauf rechnen, daß er sich mit seinem Pferde veruneinigt, ehe wir sehr weit sind; und dann nennt er es Dieb, Räuber, Schwein und was sonst alles, und schlägt es um den Kopf, als ob es von Holz wäre.

In den ersten zwei Tagen zeigt sich wenig mehr als eine lustige Abwechslung in der Landschaft. Aus einer öden Ebene kommt man in eine endlose Allee und aus der endlosen Allee wieder in die öde Ebene. Eine Menge Reben sieht man auf freiem Felde, aber von niedrigem Wuchs und nicht in Girlanden, sondern an geraden Stöcken gezogen. Unzählige Bettler gibt es überall, aber eine außerordentlich dünne Bevölkerung und weniger Kinder, als ich irgendwo getroffen. Ich glaube nicht, daß wir hundert Kinder zwischen Paris und Chalons sahen. Wunderliche alte Städte mit Zugbrücken und Mauern; mit seltsamen kleinen Türmchen an den Ecken, gleich fratzenhaften Gesichtern, als ob die Mauer eine Maske aufgesetzt hätte und in den Graben hinabstarrte; andere sonderbare kleine Türme in Gärten und Feldern und am Ende von Heckengängen und in Bauernhöfen: immer alleinstehend und stets rund mit einem spitzen Dach und niemals zu irgendeinem Zweck benutzt; verfallene Gebäude aller Art; zuweilen ein Rathaus, zuweilen eine Wache, zuweilen ein Wohnhaus, zuweilen ein Château mit einem von Unkraut überwucherten Garten, reich an Löwenzahn und überwacht von Türmen mit Kerzenhütchen-Dächern und kleinen blinzelnden Fenstern. Das sind die immer wiederkehrenden Gegenstände, die das Auge sieht. Zuweilen kommen wir an einer Dorfschenke vorüber mit einer dazu gehörenden verfallenen Mauer und einer vollständigen Stadt von Nebengebäuden, und über dem Tore steht: »Stallungen für sechzig Pferde«; ja, sechzig Dutzend könnten hier Stallungen finden, wären nur überhaupt Pferde vorhanden, die einen Stall suchten, oder jemand, der hier rastete, oder nur etwas, was sich regte, außer dem weinverkündenden Busch da oben. Der Busch, der langsam im Winde schwankt, in träger Harmonie mit der ganzen Umgebung, und gewiß nie im grünen Jugendalter, sondern immer so alt ist, daß er in Stücke fällt. Und den ganzen Tag lang fahren seltsame kleine schmale Wagen in Reihen von sechs oder acht, mit Käse aus der Schweiz beladen und oft alle nur von einem Mann oder sogar nur einem Knaben beaufsichtigt – und der sitzt oft schlafend auf dem ersten –, klingelnd vorüber: schläfrig läuten die Pferde die Glocken an ihrem Geschirr und sehen geradeaus, als ob sie glaubten – und gewiß tun sie es –, ihre großen blauen wollenen Decken von ungeheurer Schwere und Dicke mit ein Paar wunderlichen Hörnern auf dem Kummet wären viel zu warm für das Hochsommerwetter.

Dann kommt die Diligence zwei- oder dreimal des Tages, mit den staubigen Außenpassagieren in blauen Blusen gleich Fleischern und den Drinsitzenden mit weißen Nachtmützen, mit dem Kutscherhäuschen auf dem Dach, das nickt und schwankt wie der Kopf eines Wahnsinnigen, und den Jung-Frankreich-Passagieren, aus dem Fenster schauend mit Bärten bis auf die Brust und blauen Brillen, die gar grausig ihre kriegerischen Augen bedecken, und sehr dicken Stöcken, fest von der nationalen Faust umschlossen. Dann die Mallepost mit nur zwei Passagieren, die mit einer wirklichen Teufelsschnelle dahinrast und in einem Nu uns aus den Augen ist. Dann und wann stolpern behäbige alte Curés vorbei in so wunderlichen, rostigen, moderigen, klappernden Kutschen, wie ein Engländer sich gar nicht denken kann. Und knochige Frauen wanken an öden Orten herum, eine weidende Kuh am Strange haltend oder grabend und hackend oder mit Feldarbeit gröberer Art beschäftigt, oder als echte Schäferinnen mit ihren Herden – und um einen gehörigen Begriff von dieser Beschäftigung und diesen Leuten zu erlangen, braucht man nur ein Hirtengedicht oder ein Hirtenbild herzunehmen und sich das zu denken, was dieser Darstellung am allerausgesuchtesten und entschiedensten unähnlich ist.

Ihr seid abgestumpft genug, wie gewöhnlich auf der letzten Wegstrecke des Tages, dahingefahren; und die sechsundneunzig Glocken der Pferde – vierundzwanzig bei jedem – haben euch einschläfernd eine halbe Stunde lang ins Ohr geläutet; und es ist eine sehr alltägliche, einförmige und langweilige Geschichte geworden; und ihr habt schon ernstlich darüber nachgedacht, was man euch wohl auf der nächsten Station vorsetzen werde, wenn hinten am Ende der langen Allee, durch welche ihr fahrt, die erste Andeutung einer Stadt in Gestalt einiger zerstreuter Hütten erscheint und der Wagen über ein entsetzlich unebenes Pflaster zu rasseln beginnt. Als ob der Wagen ein großes Feuerwerk wäre und der bloße Anblick eines rauchenden Schornsteins es angezündet hätte, geht jetzt ein Lärm los, als säße der leibhaftige Teufel darin. Klack, klack, klack. Klack-klack-klack. Klick-klack. Klick-klack. Hallo! Hallo! Vite! Voleur! Brigand! Hi hi hi! En r-r-r-r-r-route! Peitsche, Kutscher, Steine, Bettler, Kinder; klack, klack, klack; heda! hallo! Charité pour l'amour de Dieu! Klick-klack-klick-klack; klick, klick klick; bums, puff, krach, puff, klick-klack; um die Ecke, die enge Straße hinauf, den gepflasterten Berg hinab auf der andern Seite; in die Gosse; bums, bums; puff, klick, klick, klick; klack, klack, klack; in die Ladenfenster auf der linken Seite der Straße und dann erst mit weiter Wendung in den hölzernen Torweg zur Rechten; rumpel, rumpel, rumpel; trapp, trapp, trapp; klick, klick, klick; und hier sind wir im Hof vom Hôtel de l'Ecu d'Or; abgenutzt, verloschen, rauchend, erschöpft, tot, doch manchmal noch ganz unerwartet auffahrend und aufblitzend, aber ohne daß etwas weiter daraus wird – wie ein Feuerwerk bis zuletzt!

Die Wirtin des Hôtel de l'Ecu d'Or ist da; und der Wirt des Hôtel de l'Ecu d'Or ist da; und das Zimmermädchen des Hôtel de l'Ecu d'Or ist da; und ein Herr mit einer lackierten Mütze und einem roten Bart, der im Hôtel de l'Ecu d'Or wohnt, ist da; und Monsieur le Curé geht in einer Ecke des Hofes allein auf und ab, mit einem dreieckigen Hut auf dem Kopf, einem schwarzen Mäntelchen auf dem Rücken und einem Buch in der einen und einem Regenschirm in der andern Hand; und alle, außer Monsieur le Curé, sperren Mund und Augen auf in Erwartung der Öffnung der Kutschentüre. Der Wirt des Hôtel de l'Ecu d'Or liebt den Kurier so sehr, daß er es kaum erwarten kann, bis er vom Bock steigt, und seine Beine und Stiefelabsätze umarmt, während er herabkommt. »Mein Kurier! Mein wackerer Kurier! Mein Freund! mein Bruder!« Die Wirtin liebt ihn, das Zimmermädchen segnet ihn, der Kellner verehrt ihn. Der Kurier fragt, ob sein Brief angekommen ist. Natürlich, natürlich. Sind die Zimmer bereit? Natürlich, natürlich. Die besten Zimmer für meinen wackern Kurier; die Staatszimmer für meinen braven Kurier; das ganze Haus steht meinem besten Freund zu Diensten! Seine Hand verläßt den Wagenschlag noch nicht, und er stellt noch eine Frage, um die Erwartung zu steigern. Über den Rock trägt er eine grünlederne Tasche an einem Riemen. Die Herumstehenden betrachten sie; einer berührt sie. Sie ist ganz angefüllt mit Fünf-Franc-Stücken. Ein Gemurmel der Bewunderung rauscht durch die Schar der Knaben. Der Wirt fällt dem Kurier um den Hals und drückt ihn an die Brust. Er ist viel dicker geworden, sagt er. Er sieht so frisch und gesund aus!

Der Schlag geht auf. Atemlose Erwartung. Die Dame der Familie steigt aus! Ah, die liebe Dame! Die schöne Dame! Die Schwester der Dame der Familie steigt aus. Großer Gott, Mamsell ist reizend! Erster kleiner Knabe steigt aus. Oh, was für ein hübscher kleiner Junge! Erstes kleines Mädchen steigt aus. Ach, das reizende Kind! Zweites kleines Mädchen steigt aus. Die Wirtin, dem schönsten Trieb unserer gemeinsamen Menschennatur nachgebend, hebt es in ihren Armen in die Höhe! Zweiter kleiner Knabe steigt aus. Oh, der liebe Junge! Ach, die niedlichen kleinen Leute! Das Wickelkind wird herausgereicht. Das Engelskind! Das Wickelkind hat alles übertroffen. Das ganze Entzücken richtet sich auf das Wickelkind! Dann steigen die beiden Kindermädchen heraus; die Begeisterung steigert sich bis zum Wahnsinn, und die ganze Familie wird die Treppe hinaufgetragen, wie auf einer Wolke; während die Müßiggänger unten im Hofe sich um den Wagen drängen und hineingucken und um ihn herumgehen und ihn anfühlen. Denn es ist schon etwas, einen Wagen anzufühlen, in dem so viele Leute gesessen haben. Das ist eine Hinterlassenschaft für Kinder und Kindeskinder.

Die Zimmer sind im ersten Stock, außer der Kinderstube für die Nacht, einem großen öden Saale mit vier oder fünf Betten darin! Durch einen dunklen Gang, zwei Stufen hinauf, vier hinab, an einem Brunnen vorüber, über einen Balkon und in die Tür neben dem Stall. Die andern Schlafzimmer sind groß und luftig; jedes mit zwei kleinen Bettstellen, geschmackvoll wie die Fenster mit roten und weißen Vorhängen geziert. Der Salon ist prächtig. Der Tisch ist schon für drei gedeckt, und die Servietten sind wie dreieckige Hüte. Der Fußboden besteht aus roten Ziegeln, Teppiche fehlen, und von den Möbeln ist nicht viel zu sagen; aber Überfluß herrscht an Spiegeln, und große Vasen mit künstlichen Blumen unter Glasglocken und eine Menge Uhren sind vorhanden. Die ganze Reisegesellschaft ist in Bewegung. Vorzüglich der wackere Kurier ist überall; er sieht nach den Betten, muß sich von seinem lieben Bruder, dem Wirt, Wein die Gurgel hinabgießen lassen und findet Gurken – immer Gurken; weiß der Himmel, wo er sie findet –, mit denen er herumgeht, eine in jeder Hand, wie einen Marschallstab.

Es ist serviert. Wir bekommen eine sehr dünne Suppe; sehr große Brote, eins für jeden; einen Fisch; dann vier Gänge; dann Geflügel; dann Nachtisch; und keinen Mangel an Wein. In den Schüsseln ist nicht viel; aber die Gerichte sind sehr gut und immer sogleich fertig. Wenn es fast dunkel ist, tritt der wackere Kurier, nachdem er die beiden Gurken, in den Inhalt einer ziemlich großen Ölflasche und in den einer Weinflasche geschnitten, verzehrt hat, aus seinem Versteck unten heraus und schlägt einen Besuch des Domes vor, dessen mächtiger Turm auf den Hof des Gasthauses herabsieht. Wir machen uns auf den Weg; und sehr feierlich und großartig nimmt sich die Kirche aus in der Dämmerung; so dämmerhaft zuletzt, daß der höfliche alte Sakristan mit dem Totenkopfgesicht einen winzigen Kerzenstummel anbrennt, um zwischen den Gräbern herumzustolpern – und er sieht unter den düstern Säulen aus wie ein verirrtes Gespenst, das sein eigenes Grab sucht. Als wir zurückkehren, sehen wir die niedere Dienerschaft des Gasthofes unter dem Balkon im Freien an einem großen Tisch zu Abend essen; das Gericht ist ein Ragout aus Fleisch und Gemüse, rauchend in dem eisernen Kessel, in dem es gekocht, aufgetragen. Sie haben einen Krug mit dünnem Wein und sind sehr lustig, lustiger als der Herr mit dem roten Bart, der Billard spielt in dem lampenerhellten Zimmer, links im Hofe, wo Schatten mit Queues in der Hand und Zigarren im Munde beständig vor den Fenstern vorbeischweben. Immer noch geht der hagere Curé mit Buch und Regenschirm auf und ab, immer noch allein. Und da geht er noch, und dort klicken die Billardbälle, nachdem wir lange schon schlafen.

Um sechs Uhr schon am andern Morgen sind wir auf den Beinen. Herrliches Wetter, den Schmutz des gestrigen Tages am Wagen beschämend, wenn irgend etwas einen Wagen in einem Lande beschämen könnte, wo Wagen niemals gewaschen werden. Alles ist munter und rührig; und während wir unser Frühstück beendigen, kommen die Pferde aus dem Posthaus in den Hof geklingelt. Alles, was aus dem Wagen genommen worden ist, wird wieder hineingetan. Der wackere Kurier meldet, daß alles bereit sei, nachdem er durch jedes Zimmer gegangen und sich überall umgesehen, um sich zu überzeugen, daß nichts zurückbleibt. Alles steigt ein; alles, was zum Hôtel de l'Ecu d'Or gehört, ist wieder entzückt. Der wackere Kurier läuft ins Haus, um ein Päckchen mit kaltem Geflügel, Schinkenschnitten, Brot und Keksen zum Lunch zu holen, reicht es in die Kutsche und eilt wieder zurück.

Was hat er jetzt in der Hand? Wieder Gurken? Nein. Einen langen Zettel. Es ist die Rechnung.

Der wackere Kurier hat an diesem Morgen zwei Gürtel: der eine trägt die Geldtasche, der andere eine tüchtige Lederflasche, bis zum Stöpsel gefüllt mit dem besten leichten Bordeaux des Hauses. Er bezahlt niemals die Rechnung eher, als bis diese Flasche voll ist. Dann macht er seine Ausstellungen.

Er macht jetzt seine Ausstellungen, und zwar mit Lebhaftigkeit. Er ist immer noch des Wirtes Bruder, aber von einem andern Vater und einer andern Mutter. Er ist ihm nicht mehr so nahe verwandt wie gestern abend. Der Wirt kratzt sich hinter den Ohren. Der wackere Kurier zeigt auf gewisse Ziffern in der Rechnung und gibt zu verstehen, daß, wenn sie so blieben, das Hôtel de l'Ecu d'Or von jetzt an und in alle Ewigkeit ein Hôtel de l'Ecu de Cuivre sein werde. Der Wirt geht in ein kleines Kontor. Der wackere Kurier folgt ihm, zwingt ihm die Rechnung und eine Feder in die Hand und spricht schneller und eifriger als je. Der Wirt nimmt die Feder. Der Kurier lächelt. Der Wirt ändert etwas. Der Kurier reißt einen Witz. Der Wirt ist zärtlich, aber nicht mit Schwäche. Er trägt es wie ein Mann. Er schüttelt seinem wackern Bruder die Hand, aber umarmt ihn nicht. Aber dennoch liebt er seinen Bruder; denn er weiß, daß er in guter Zeit diese Straße mit einer andern Familie zurückkommen wird, und sieht voraus, daß sein Herz sich wieder nach ihm sehnen wird. Der wackere Kurier geht noch einmal um den Wagen herum, besieht den Hemmschuh, untersucht die Stricke, steigt hinauf, gibt das Zeichen, und fort geht's!

Es ist Markttag. Der Markt wird auf dem kleinen Platz vor dem Dom gehalten. Er ist gedrängt voll von Männern und Weibern in Blau, in Rot, in Grün, in Weiß, von leinwandüberdachten Ständen und flatternden Waren. Das Landvolk steht herum, vor sich die reinlichen Körbe. Hier die Spitzenverkäufer; dort die Butter- und Eierverkäufer; hier die Obstweiber; da die Schuhmacher. Der ganze Platz sieht aus, als wäre er die Bühne eines großen Theaters, als wäre der Vorhang eben aufgegangen zum Beginn eines malerischen Balletts. Und da ist auch noch der Dom: wie eine Dekoration, ganz ernst, gebräunt, zernagt und kalt, auf das Pflaster dort ein paar blutrote Tropfen streuend, als die Morgensonne, durch ein kleines Fenster auf der Ostseite sich hereinstehlend, durch ein paar gemalte Scheiben auf der Westseite bricht.

In fünf Minuten sind wir an dem eisernen Kreuz mit einem Stückchen Rasen zum Knien und an den letzten Häusern der Stadt vorüber und wieder auf der Straße.

 

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