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Bilder aus Italien

Charles Dickens: Bilder aus Italien - Kapitel 12
Quellenangabe
typereport
authorCharles Dickens
titleBilder aus Italien
publisherWinkler Verlag
editorSiegfried Schmitz
yearo.J.
translatorJulius Seybt
correctorreuters@abc.de
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Eine flüchtige Umschau

Wir reisen nach Neapel! Und wir überschreiten die Schwelle der Ewigen Stadt am Tore San Giovanni Laterano, wo die beiden letzten Gegenstände, welche die Blicke des Scheidenden auf sich ziehen, und die zwei ersten, welche das Auge des Ankommenden bemerkt, eine stolze Kirche und eine verfallene Ruine sind – gute Embleme Roms!

Unsere Straße führt uns über die Campagna, die unter einem hellen und blauen Himmel wie heute einen feierlicheren Eindruck macht als unter einem trüben, denn die große Ausdehnung der ruinenbedeckten Fläche wird dem Auge deutlicher, und der Sonnenschein, der durch die verfallenen Bogen der Aquädukte bricht, läßt hinter ihnen in der melancholischen Ferne andere verfallene Bogen erblicken. Haben wir sie hinter uns und sehen von Albano auf sie zurück, so liegt ihre dunkle, wellenförmige Oberfläche unten wie ein stiller See oder wie ein breiter Lethestrom, der die Mauern Roms einschließt und es von der übrigen Welt trennt. Wie oft sind die Legionen triumphierend über diese purpurne Einöde gezogen, die jetzt so still und menschenleer ist! Wie oft hat der Zug von Gefangenen mit verzweifelnden Herzen in der Ferne die Stadt erblickt und ihre Bevölkerung herausströmen sehen, um den Sieger zu bewillkommnen! Wie wahnsinnig haben Üppigkeit, Wollust und Grausamkeit in den ungeheuern Palästen geschwelgt, die jetzt Haufen von Ziegeln und zerbrochenem Marmor sind! Wie oft ist die Glut von Feuersbrünsten und das Gebrüll des Volksaufstandes und das Jammern der Pest und Hungersnot über die wüste Ebene gedrungen, wo man jetzt nichts vernimmt als den Wind und wo die einsamen Eidechsen ungestört in der Sonne spielen!

Der Zug von Wagen mit Wein, die nach Rom unterwegs sind, jeder von einem zottigen Bauern gelenkt, der unter einem halbrunden Dach von Schaffellen ruht, ist jetzt vorbei, und die Pferde schleppen mühsam unseren Wagen in eine höher liegende Gegend, wo es Bäume gibt. Den nächsten Tag gelangen wir zu den Pontinischen Sümpfen, unendlich flach und öde, überwachsen mit niederem Gebüsch und überschwemmt von Wasser, aber mit einer schönen Straße, die quer durchgeht und von einer langen, langen Allee beschattet wird. Hier und da kommt man an einem einsamen Wachhaus vorüber, hier und da eine elende Hütte, verlassen und zugemauert. Ein paar Hirten stehen am Rande des Baches neben der Straße, und zuweilen kommt ein Kahn, von einem Mann gezogen, langsam dahergeschwommen. Dann und wann stößt man auf einen Reiter mit einer langen Flinte vor sich auf dem Sattel und begleitet von wilden Hunden. Aber sonst regt sich nichts als der Wind und die Schatten, bis wir Terracina erblicken.

Wie blau und glänzend wogt das Meer unter den Fenstern der in Räubergeschichten so berühmten Schenke! Wie malerisch überhängen die großen Klippen und Felsspitzen unsere enge Straße, die wir morgen befahren werden, wo Galeerensklaven oben in den Steinbrüchen arbeiten und die Soldaten, die sie bewachen, sich unten am Strand sonnen! Die ganze Nacht hindurch Wellengemurmel und Sternenschein; und früh, gerade wenn der Tag erscheint, breitet sich die Aussicht plötzlich weit aus, wie durch ein Wunder, und man erblickt in weiter Ferne dort jenseits des Meeres Neapel mit seinen Inseln und dem feuerspeienden Vesuv. Ehe eine Viertelstunde vergeht, ist alles wieder verschwunden, als wäre es nur ein Wolkengebilde gewesen, und man erblickt nichts als Meer und Himmel.

Nachdem wir die neapolitanische Grenze nach zweistündiger Fahrt überquert und die hungrigsten aller Soldaten und Zollhausbeamten mit Mühe befriedigt haben, betreten wir durch eine offene Pforte die erste neapolitanische Stadt, Fondi. Merkt euch Fondi im Namen von allem, was armselig und bettelhaft ist!

Ein schmutziger Kanal voll Schlamm und Abraum schlängelt sich die Mitte der jämmerlichen Straße hinab, genährt von stinkenden Bächen, die aus den armseligen Häusern hervorsickern. Keine Tür, kein Fenster, kein Laden, kein Dach, keine Wand kein Pfeiler oder Pfahl, kurz nichts in ganz Fondi, was nicht morsch, verfallen und vermodert wäre. Die Unglücksgeschichte der Stadt mit allen Belagerungen und Plünderungen durch Barbarossa und andere hätte im vergangenen Jahr geschehen sein können. Wie die ausgehungerten Hunde, die auf der Straße herumschleichen, lebendig und von den Einwohnern unverzehrt bleiben, ist eines der Rätsel der Schöpfung.

Hohlwangige, tückisch blickende Leute leben hier. Lauter Bettler; aber das bedeutet nichts. Betrachtet sie, wie sie sich versammeln. Einige sind zu träge, um die Treppe herabzukommen, oder vielleicht zu klug, um der Treppe zu trauen, und strecken daher ihre mageren Hände aus den oberen Fenstern heraus und heulen, andere umringen uns, schlagen und stoßen einander und rufen in einem fort: »Erbarmen um der Liebe Gottes! Erbarmen um der heiligen Jungfrau willen! Erbarmen um aller Heiligen willen!«

Eine Schar halbnackter Kinder, welche dieselbe Bitte kreischen, entdecken, daß sie sich in dem lackierten Kutschenkasten spiegeln können, und fangen an zu tanzen und Grimassen zu schneiden, um die Freude zu haben, diese vor sich wiederholt zu sehen. Ein wahnsinniger Krüppel, der eben einen, der seine laute Bitte um Erbarmen überschrien hat, schlagen will, bemerkt sein zürnendes Doppelbild auf der spiegelhellen Fläche, hält plötzlich inne, streckt die Zunge heraus und fängt an, den Kopf zu wiegen und blödsinnig zu schnattern. Der gellende Schrei, den das verursacht, erweckt ein halbes Dutzend wilder Geschöpfe, die in schmutzige braune Mäntel gehüllt auf den Stufen der Kirchtür, Töpfe und Pfannen zum Verkauf feilbietend, liegen; sie springen auf, kommen ebenfalls herbei und betteln trotzig: »Mich hungert. Gebt mir etwas. Hört mich, Herr. Mich hungert!« Dann kommt eine alte Hexe, voll Angst, zu spät anzulangen, die Straße herabgehumpelt, die eine Hand ausgestreckt und sich mit der andern auf dem Kopfe kratzend. Lange ehe man sie hören kann, kreischt sie: »Erbarmen, Erbarmen! Ich will gleich hingehen und für euch beten, schöne Dame! Erbarmen, Erbarmen!« Zuletzt eilen die Mitglieder einer Brüderschaft zur Bestattung der Toten an uns vorüber. Sie sind scheußlich maskiert, tragen schäbige schwarze Kutten mit einem weißlichen Saum von dem Regen vieler Winter und sind von einem schmutzigen Priester und einem gleichgesinnten Kreuzträger begleitet. Umringt von dieser bunten Schar verlassen wir Fondi, während böse feurige Augen aus der Finsternis jeder morschen Wohnung auf uns niederlugen, wie schimmernde Bruchstücke seines Schmutzes und seiner Fäulnis.

Ein schöner Gebirgspaß mit den Ruinen einer Burg auf fester Höhe, von der Sage die Burg Fra Diavolos genannt; die alte Stadt Itri, der Arbeit eines Zuckerbäckers ähnlich, fast senkrecht an einem Hang hinaufgebaut und nur auf langen steilen Treppen zu erreichen; das schöne Molo di Gaëta, dessen Weine wie die von Albano sich seit Horazens Zeiten verschlechtert haben müssen, wenn er nicht ein schlechter Weinkenner war, was nicht leicht möglich ist bei einem, der ihn so sehr liebte und so schön pries; noch eine Nacht auf der Straße von Santa Agata; ein Rasttag in Capua, eine malerische Stadt, welche für den Reisenden jetzt schwerlich so verführerisch ist, wie die Soldaten des prätorianischen Roms die alte Stadt dieses Namens zu finden pflegten; ein ebener Weg zwischen Rebengirlanden hindurch, die sich von Baum zu Baum schlingen, und endlich der Vesuv ganz in der Nähe, sein Kegel und seine Spitze, weiß von Schnee, und sein Rauch wie eine schwere Wolke über ihm hängend. So gelangen wir bergab rollend nach Neapel.

Ein Leichenzug kommt uns entgegen die Straße herauf. Der Tote wird auf einer offenen Bahre in einer Art von Palankin, bedeckt mit einer roten goldbesetzten Decke, getragen. Die Trauernden haben weite weiße Röcke und Masken. Neben dem Tod rührt sich aber auch das Leben, denn man sollte fast meinen, ganz Neapel wäre auf der Straße und jagte in Wagen hin und her. Einige von den letzteren, die gewöhnlichen Vetturinofuhrwerke, werden von drei nebeneinander gespannten Pferden gezogen, die mit buntem Geschirr und einem großen Überfluß von Messingornamenten geschmückt sind und immer sehr schnell fahren. Nicht, daß sie wenig beladen wären, denn das kleinste Gefährt beförderte wenigstens sechs Personen im Innern, vier vorn, vier oder fünf, die hinten hingen, und zwei oder drei in einer Art Netz unter dem Langbaum, wo sie von Schmutz und Staub fast erstickt werden. Polichinelltheater, Buffosänger mit Gitarren, Deklamatoren und Erzähler, eine Reihe billiger Schaubuden mit Hanswürsten und Ausrufern, Trommeln und Trompeten, Aushängeschildern mit den Wundern, die innen zu sehen sind, und bewundernde Menschenmassen davor vermehren noch das Getümmel und den Lärm. Zerlumpte Lazzaroni schlafen unter Torwegen und in Gossen; die Vornehmern fahren geputzt auf der Chiaja oder gehen in den öffentlichen Gärten spazieren; und gesetzte Briefschreiber warten hinter ihren kleinen Pulten und Tintenfässern unter dem Portikus des großen Theaters San Carlo auf Kunden.

Da kommt ein Galeerensklave in Ketten, der einen Brief an einen Freund geschrieben haben will. Er tritt zu einem magisterartig aussehenden Mann unter dem Eckbogen und macht seinen Handel. Er hat von dem ihn bewachenden Soldaten, der dort an der Wand lehnt und Nüsse knackt, die Erlaubnis erhalten. Der Galeerensklave diktiert dem Briefschreiber ins Ohr, was er geschrieben haben will, und da er Geschriebenes nicht lesen kann, forscht er gespannt auf seinem Gesicht, um dort zu lesen, ob er getreulich aufsetzt, was ihm gesagt wird.

Nach einer Weile wird der Galeerensklave redselig und unzusammenhängend. Der Sekretär hält inne und reibt sich das Kinn. Der Galeerensklave spricht schnell und feurig. Endlich erfaßt der Schreiber den Gedanken und schreibt ihn mit der Miene eines Mannes, der weiß, in welche Worte er ihn kleiden soll, nieder und hält von Zeit zu Zeit dabei inne, um seine Arbeit bewundernd anzusehen. Der Galeerensklave schweigt; der Soldat knackt unbekümmert seine Nüsse. »Ist noch etwas zu sagen?« fragt der Briefschreiber. »Nein, nichts mehr.« – »So höre, Freund.« Er liest ihm den Brief vor. Der Galeerensklave ist ganz entzückt. Der Brief wird zusammengefaltet, adressiert und ihm übergeben, und er bezahlt. Der Schreiber lehnt sich wieder in seinen Stuhl zurück und nimmt ein Buch zur Hand. Der Galeerensklave nimmt seinen leeren Sack wieder unter den Arm. Der Soldat wirft eine Hand voll Nußschalen weg, schultert seine Flinte und entfernt sich mit dem Sträfling.

Warum klopfen die Bettler beständig mit der rechten Hand ans Kinn, wenn man sie ansieht? Alles wird in und um Neapel durch Pantomimen ausgedrückt, und dies ist das Zeichen für Hunger. Dort zanken sich zwei Männer. Der eine legt die Fläche seiner rechten Hand auf den Rücken der Linken und bewegt die beiden Daumen hin und her – das soll Eselsohren heißen –, worüber sein Gegner vor Wut in Verzweiflung gerät. Zwei Leute handeln um Fische: der Käufer macht eine Pantomime, als wollte er eine Westentasche ausschütteln, als man ihm den Preis nennt, und geht, ohne etwas zu sagen, weg – er hat dem Verkäufer ganz deutlich zu verstehen gegeben, daß ihn der Preis zu hoch dünkt. Zwei Leute fahren aneinander vorüber. Der eine berührt zwei- oder dreimal seine Lippen, hält die fünf Finger seiner rechten Hand in die Höhe und durchschneidet dann mit der flachen Hand die Luft horizontal. Der andere nickt und fährt weiter. Er ist zu einem freundschaftlichen Mittagessen um halb sechs Uhr eingeladen worden und wird kommen.

Durch ganz Italien drückt ein eigentümliches Schütteln der rechten Hand, vom Gelenk an, mit ausgestrecktem Zeigefinger eine Verneinung aus – die einzige Verneinung, welche die Bettler verstehen wollen. Aber in Neapel sind diese fünf Finger eine reiche Sprache.

Alles dies und jede Art von Straßenleben und Verkehr und das Makkaroni-Essen bei Sonnenuntergang und das Blumenverkaufen den ganzen Tag über und das Betteln und Stehlen überall und zu jeder Stunde sieht man auf dem schönen sonnenhellen Seestrand, wo die Wellen in der Bucht lustig funkeln. Aber, ihr Liebhaber und Jäger des Malerischen, vergeßt nicht allzusehr die entsetzliche Verderbtheit, Verkommenheit und das Elend, mit dem dieses fröhliche italienische Leben unzertrennlich verbunden ist! Es ist nicht recht, Saint Giles so abstoßend und die Porta Capuana so anziehend zu finden. Ein paar nackte Beine und eine zerlumpte rote Schärpe können doch nicht den einzigen Unterschied bilden zwischen dem, was interessant, und dem, was widerwärtig und ekelhaft ist?

Capri – einst berüchtigt durch den vergötterten Wüterich Tiberius – Ischia, Procida und die tausend fernen Schönheiten der Bucht liegen draußen im blauen Meer, zwanzigmal des Tages im Nebel und Sonnenschein wechselnd, jetzt dicht vor uns, jetzt weit, weit in der Ferne, jetzt ganz unsichtbar. Das schönste Land in der Welt breitet sich rings um uns aus. Ob wir uns nach der Misenoküste des herrlichen Meeramphitheaters wenden und über die Grotte des Pausilippo nach der Hundsgrotte und dann nach Bajä gehen, oder den andern Weg zum Vesuv und nach Sorrent einschlagen, überall ist eine ununterbrochene Folge von Herrlichkeiten. In der letzterwähnten Richtung, wo man über den Türen zahllose kleine Bilder des heiligen Januarius erblickt, wie er mit ausgestreckter Kanutshand die Wut des flammenden Berges aufhält, fahren wir mit der Eisenbahn am schönen Seestrand an der Stadt Torre del Greco, die über der Asche der kaum vor hundert Jahren durch einen Ausbruch des Vesuv zerstörten Stadt steht, und dann an Häusern mit flachen Dächern, Kornspeichern und Makkaronifabriken vorbei nach Castellammare, dessen verfallenes Schloß, jetzt von Fischern bewohnt, im Meer auf einer einzelnen Klippe liegt. Hier endigt die Eisenbahn. Aber von hier an kommen wir immerfort an entzückenden Buchten vorbei und durch schöne Landschaften, die sich vom höchsten Gipfel des Sant' Angelo bis zum Rand des Wassers hinabziehen – durch Weinberge, Olivenhaine, Gärten von Zitronenbäumen, Obstwälder, Felsentrümmer, grüne Schluchten an den Hügeln, am Fuße schneebedeckter Höhen vorbei und durch kleine Städte mit schönen schwarzgelockten Frauen vor den Türen und an anmutigen Villen vorüber, nach Sorrent, wo der Dichter Tasso seine Begeisterung aus der Schönheit zog, die ihn rings umgab. Auf dem Rückweg können wir die Höhen von Castellammare übersteigen und zwischen den Zweigen und Blättern hindurch das kräuselnde Meer in der Sonne glänzen oder Gruppen von weißen Häusern aus dem fernen Neapel, kleingeworden wie Würfel, herüberschimmern sehen. Der Rückweg zur Stadt an der Bucht hin, wenn die Sonne untergeht – auf der einen Seite das glühende Meer, auf der andern den immer dunkler werdenden Berg mit seiner Rauch- und Flammensäule –, ist ein erhabener Abschluß des herrlichen Tages.

Jene Kirche an der Porta Capuana, nicht weit von dem alten Fischmarkt im schmutzigsten Viertel des schmutzigen Neapels, wo der Aufstand Masaniellos begann, ist dadurch denkwürdig, daß sie der Schauplatz einer seiner ersten Proklamationen an das Volk war, doch sonst wegen nichts besonders bemerkenswert, außer vielleicht wegen eines wächsernen, mit Juwelen bedeckten Heiligen in einem Glasschrank oder der Unzahl von Bettlern, die hier beständig an ihr Kinn klopfen, einer Batterie Kastagnetten vergleichbar. Die Kathedrale mit dem schönen Portal und den Säulen von afrikanischem und ägyptischem Granit, die einst den Tempel Apollos schmückten, bewahrt das berühmte Blut des heiligen Januarius auf. Es ist in zwei Fläschchen in ein silbernes Tabernakel eingeschlossen und wird wunderbarerweise dreimal im Jahr zum großen Staunen des Volkes flüssig. In demselben Augenblick nimmt der Stein, wo der Heilige den Märtyrertod erlitt – die Stelle ist wohl eine Meile von der Kirche entfernt –, eine schwache rötliche Farbe an. Man behauptet, auch die Priester würden zuweilen, wenn das Wunder geschieht, ein wenig rot.

Die uralten Greise, welche in schlechten Hütten am Eingang der alten Katakomben wohnen und die, so alt und schwach sind sie, hier zu warten scheinen, um selbst begraben zu werden, sind Mitglieder einer merkwürdigen Körperschaft, die man das »Königliche Hospital« nennt und die von Amts wegen jedes Leichenbegängnis begleitet. Zwei dieser alten Gespenster schwanken mit angezündeten Kerzen vor uns her, um uns die Totenhöhlen zu zeigen – so unbekümmert, als ob sie unsterblich wären. Die Höhlen wurden dreihundert Jahre lang als Begräbnisstätte benutzt, und an einer Stelle entdeckt man eine große Grube voll Schädel und Gebeine, die an ein großes Sterben infolge der Pest erinnern. Sonst ist nichts da als Staub. Meistens bestehen sie aus großen geräumigen Korridoren und Gängen, die alle durch den festen Fels gehauen sind. Am Ende einiger dieser langen Galerien bricht unerwartet das Tageslicht von oben herein. Es macht einen seltsamen und unheimlichen Eindruck, als ob es neben den Fackeln, neben dem Gräberstaub und neben den dunklen Gewölben ebenfalls tot und begraben wäre.

Der jetzige Friedhof liegt auf einem Hügel zwischen der Stadt und dem Vesuv. Der alte Campo Santo mit seinen dreihundertundfünfundsechzig Gruben wird nur für solche benutzt, die in den Spitälern und Gefängnissen sterben und von ihren Verwandten nicht abgefordert werden. Der schöne neue Kirchhof, der nicht weit davon liegt, ist zwar noch nicht vollendet, hat aber schon viele Gräber unter seinen Gesträuchen und Blumen und luftigen leichten Arkaden. Mit Grund würde man an anderen Orten rügen können, daß manche Grabmäler zu bunt und flitterhaft aufgeputzt wären; aber der heitere Charakter der ganzen Umgebung scheint es hier zu rechtfertigen, und der Vesuv, der durch einen lieblichen Abhang von ihnen getrennt ist, bringt einen feierlich melancholischen Ton in das Gemälde.

Wenn er sich mit seiner dunklen Rauchsäule am klaren Himmel droben schon von dieser neuen Totenstadt erhaben ausnimmt, wie viel erschütternder und grauenhafter wirkt sein Anblick auf den Beschauer, wenn er unter den öden Trümmern von Herkulanum und Pompeji steht!

Stelle dich auf den großen Marktplatz von Pompeji und sieh die stillen Straßen hinab, durch die verfallenen Tempel Jupiters und der Isis, über die zertrümmerten Häuser, deren innerste Heiligtümer dem Tage offen stehen, nach dem Vesuv, der in friedlicher Ferne hell und schneebedeckt emporragt, und verliere jedes Bewußtsein der Zeit und der Umgebung gänzlich in dem seltsamen und melancholischen Gefühl, das Zerstörte und den Zerstörer in diesem ruhigen, sonnigen Bild vereinigt zu sehen. Dann wandere herum und schaue bei jedem Schritt die tausenderlei kleinen Zeichen vom Dasein der Menschen und vom alltäglichen Verkehr; die Spur des Eimerseiles auf dem steinernen Rande des ausgetrockneten Brunnens; die Geleise der Wagenräder auf dem Straßenpflaster; die Ringe von Trinkgefäßen auf dem steinernen Tisch des Weinladens; die Amphoren in Privatkellern, vor so vielen hundert Jahren aufs Lager gebracht und bis zu dieser Stunde nicht angerührt. Alles dies macht die Einsamkeit und Grabesöde des Ortes zehntausendmal erschütternder, als wenn der Vulkan in seiner Wut die Stadt von der Erde gekehrt und in die Tiefe des Meeres versenkt hätte.

Nach dem Erdbeben, welches dem Ausbruch vorausging, waren Arbeiter beschäftigt gewesen, neue Verzierungen für Tempel und andere Gebäude, die gelitten hatten, in Stein zu hauen. Draußen vor dem Stadttor liegt noch ihre Arbeit, als ob sie morgen zurückkehren wollten.

In dem Keller vor dem Haus des Diomedes, wo man Gerippe zusammengedrängt dicht an der Tür fand, hatte sich die Form ihrer Körper auf der Asche ausgeprägt und war dort verhärtet und geblieben, als von den Körpern nur noch Gebeine übrig waren. So hatte im Theater von Herkulanum eine komische Maske, die auf dem heißen Lavastrom geschwommen war, sich darin abgeprägt, als die flüssige Masse zu Stein wurde; und jetzt sieht sie den Fremden noch mit demselben phantastischen Blick an wie vor zweitausend Jahren das Publikum desselben Theaters.

Nächst dem wunderbaren Eindruck, den das Umherwandeln in den Straßen und in den Häusern und durch die geheimen Gemächer der Tempel einer Religion, welche von der Erde verschwunden ist, und das Auffinden so vieler frischer Spuren des fernen Altertums – als wäre der Lauf der Zeit nach dieser Vernichtung aufgehalten worden und als wären seitdem keine Nächte und Tage, Monate, Jahre und Jahrhunderte vergangen –, hervorbringt, wirkt nichts erschütternder und grauenhafter als die vielen Beispiele von dem unwiderstehlichen Eindringen der Asche, die überall hingelangte, wo nur Luft war, und dadurch jede Flucht unmöglich machte. In den Weinkellern drang sie in die irdenen Gefäße und erstickte den Wein bis zum Rande mit Staub. In den Gräbern drängte sie die Asche der Toten aus der Urne und goß selbst in diese eine neue Vernichtung. Der Mund, die Augen, der Schädel aller Gerippe waren mit diesem schrecklichen Regen angefüllt. In Herkulanum, wo die Flut von anderer und schwererer Beschaffenheit war, wälzte sie sich hinein wie ein Meer. Man denke sich eine auf ihrem Höhepunkt in Marmor verwandelte Wasserflut – das ist, was man hier Lava nennt.

Einige Arbeiter gruben den dunklen Brunnen, an dessen Rande wir jetzt stehen und hinabblicken, als sie auf einige Sitze des Theaters stießen – jene Stufen (denn so sehen sie aus) unten in der Tiefe –, und fanden die begrabene Stadt Herkulanum. Nachdem wir mit brennenden Fackeln hinabgestiegen, setzen uns große Mauern von ungeheurer Dicke in Erstaunen, die zwischen den Sitzen emporstiegen, die Bühne versperrten, ihre formlose Masse an ungehörigen Orten eindrängten, den ganzen Plan verwirrten und ihn zu einem wüsten Traume machten. Wir können es anfangs nicht glauben und uns vorstellen, daß diese Masse sich heranwälzte und die Stadt überschwemmte und daß alles, was nicht mehr da ist, mit der Axt wie festes Gestein weggehauen ist. Aber so wie man sich darüber klarwird, macht der Anblick einen unbeschreiblich grauenhaften und beklemmenden Eindruck.

Viele der Gemälde an den Wänden der dachlosen Häuser in beiden Städten oder in dem Museum von Neapel, wohin man sie gebracht hat, sehen noch so frisch und neu aus, als wären sie gestern gemalt worden. Hier sind Stilleben, die Lebensmittel, Wildpret, Flaschen, Gläser und ähnliches darstellen, bekannte klassische Geschichten oder mythologische Fabeln, immer mit Kraft und Deutlichkeit wiedergegeben, Cupidos, die sich balgen, necken oder allerlei Handwerk verrichten, Theaterproben, Dichter, welche ihre Werke ihren Freunden vorlesen, Inschriften von der Mauer, politische Gassenhauer, Ankündigungen, rohe Skizzen von Schulknaben, kurzum, alles mögliche, um in der Einbildungskraft des staunenden Besuchers die alten Städte zu bevölkern und wiederherzustellen. Auch Hausrat von allerlei Art – Lampen, Tische, Lager, Gefäße zum Essen, Trinken und Kochen, Handwerkszeug, chirurgische Instrumente, Theaterbilletts, Geldstücke, Schmuck, Schlüsselbunde, die man in der Hand von Gerippen gefunden, Helme von Wachen und Kriegern, kleine Klingeln, die noch den alten vertrauten Ton von sich geben.

Der geringste dieser Gegenstände trägt das Seinige dazu bei, um das Interesse des Vesuvs zu erhöhen und ihn mit wahrhafter Zauberkraft auszustatten. Der Blick aus beiden Trümmerstädten geht auf die mit schönen Reben und üppigen Bäumen bewachsene Umgebung, und der Gedanke, daß unter den Wurzeln dieser friedlichen Kultur noch Häuser und Tempel und Straßen versteckt liegen und auf den Tag ihrer Auferstehung warten, hat etwas so Wunderbares, so Geheimnisvolles, für die Phantasie so Verlockendes, daß man meinen sollte, er müsse vorherrschen und sich von nichts verdrängen lassen – von nichts als vom Vesuv. Aber der Berg ist der Genius dieser Szenen. Von jedem Bruchstück der Ruinen, die er geschaffen, blicken wir wieder mit gebanntem Interesse dorthin, wo sein Rauch in den Himmel emporsteigt. Er steht vor uns, wenn wir durch die verfallenen Straßen wandeln, über uns, wenn wir auf der verfallenen Mauer stehen; wir folgen ihm durch jede Perspektive zerbrochener Säulen, wenn wir durch die vereinsamten Höfe der Häuser gehen, und durch die Ranken und die Vergitterung jeder üppigen Rebe. Wenn wir uns nach Pästum hinwenden, um die Tempel zu sehen, deren jüngster mehrere Jahrhunderte vor Christi Geburt erbaut worden ist und die noch in einsamer Majestät auf der öden, tödliche Luft atmenden Ebene stehen, auch dann beobachten wir den Vesuv, wie er aus dem Blickfeld verschwindet, und sehen, wenn wir uns umdrehen, wieder mit demselben schauerlichen Interesse auf ihn, als auf das Verhängnis und das Fatum dieses schönen Landes, harrend der schrecklichen Stunde der Rache.

An diesem zeitigen Frühlingstag, an dem wir von Pästum zurückkehren, ist es sehr warm in der Sonne, aber sehr kalt im Schatten, so kalt, daß, obgleich wir ganz gemütlich mittags im Freien vor dem Tor von Pompeji essen können, der Bach neben uns starkes Eis für unsern Wein hergibt. Aber die Sonne scheint hell; keine Wolke und kein Dunstfleckchen ist am blauen Himmel zu sehen, und der Mond ist heute voll. Was kümmert es uns, daß Schnee und Eis noch dick auf dem Gipfel des Vesuvs liegen oder daß wir den ganzen Tag über in Pompeji auf den Beinen gewesen sind oder daß Unglückspropheten behaupten, Fremde sollten sich zu so ungewöhnlicher Jahreszeit nicht bei Nacht auf den Berg wagen? Laßt uns das schöne Wetter benutzen, so schnell wie möglich nach Resina, dem kleinen Dorfe am Fuße des Berges, gelangen, so gut es geht im Hause des Führers uns zur Reise vorbereiten und ohne weiteres Besinnen hinaufsteigen, daß wir den Sonnenuntergang auf halber Höhe, Mondschein auf der Spitze und Mitternacht zum Abstieg haben.

Um vier Uhr nachmittags ist ein entsetzlicher Aufruhr im kleinen Hofe von Signor Salvatore, dem anerkannten Oberführer mit der goldenen Tresse um den Hut, und dreißig Unterführer, die herumrennen und zu gleicher Zeit schreien, machen ein halbes Dutzend gesattelte Ponys, drei Tragbetten und verschiedene starke Stäbe zur Reise zurecht. Jeder der dreißig zankt sich mit den andern neunundzwanzig und macht die sechs Ponys scheu; und so viel Dorfbewohner, wie sich nur in den kleinen Hof drängen können, nehmen an dem Aufruhr teil und kommen den Pferden unter die Hufe.

Nach heftigem Streit und mehr Lärm, als zur Erstürmung Neapels nötig sein würde, tritt der Zug seine Reise an. Der Oberführer, der reichlich für alle Begleiter bezahlt wird, reitet ein wenig voraus; die anderen dreißig Führer gehen zu Fuß. Acht gehen voran mit den Tragbahren, die erst später gebraucht werden, und die anderen zweiundzwanzig betteln.

Allmählich gelangen wir höher, indem wir eine Zeitlang durch steinige Gänge, gleich roh zusammengeworfenen breiten Stufen, gehen. Endlich verlassen wir diese und die Weinberge zu beiden Seiten und kommen in eine öde, kahle Region, wo überall große Lavablöcke verstreut herumliegen, als ob die Erde durch brennende Donnerkeile aufgepflügt worden wäre. Jetzt machen wir halt, um die Sonne untergehen zu sehen. Die Veränderung, welche die öde Umgebung und der ganze Berg erleiden, wenn das rote Licht verschwindet und die Nacht hereinbricht, und die unbeschreibliche Feierlichkeit, welche ringsum herrscht, kann niemand, der Zeuge davon gewesen ist, vergessen! Es ist schon dunkel, als wir am Fuße des Kegels ankommen, der sehr steil ist und sich fast senkrecht von der Stelle, wo wir absteigen, zu erheben scheint. Das Dunkel wird nur von dem Schimmer des Schnees erhellt, der mit einer starken, harten und weißen Decke den Kegel überzieht. Es ist jetzt sehr kalt, und die Luft ist schneidend. Die Führer haben keine Fackeln mitgenommen, weil sie wissen, daß der Mond aufgeht, ehe wir den Gipfel erreichen. Zwei von den Tragbahren sind für die beiden Damen bestimmt, die dritte für einen etwas beleibten Herrn aus Neapel, den seine Gastfreundlichkeit und Gefälligkeit bewogen haben, an der Partie teilzunehmen. Der beleibte Herr wird von fünfzehn Mann getragen; jede der Damen von einem halben Dutzend. Wir, die wir gehen, greifen zu den Stäben; und so beginnt die ganze Gesellschaft über den Schnee hinaufzuklettern, als ob sie zum Gipfel eines antediluvianischen Dreikönigskuchens emporklimmte.

Wir klettern schon lange; und der Oberführer sieht sich verwundert um, als einer von der Gesellschaft – kein Italiener, obgleich seit vielen Jahren ein häufiger Besucher des Berges, den wir hier Mr. Pickle von Portici nennen wollen – die Meinung äußert, es werde, da es stark friere und der gewöhnliche Aschenboden von Schnee und Eis bedeckt sei, der Abstieg sehr schwer werden. Aber der Anblick der Tragbahren oben, die sich bald mit dem einen, bald mit dem andern Ende in die Höhe richten und bald auf diese, bald auf jene Seite schwanken, wie die Träger beständig ausrutschen und stolpern, zieht unsere Aufmerksamkeit ab, vorzüglich da sich gerade in diesem Augenblick der dicke Herr unsern Blicken beunruhigend verkürzt und mit dem Kopf niederwärts zeigt.

Das baldige Erscheinen des Mondes gibt den Trägern neuen Mut. Sie ermuntern sich mit ihrem gewöhnlichen Ruf: »Mut, Freund! Es gilt Makkaroni, auf!« und schreiten wacker auf den Gipfel los.

Erst färbt der Mond den Schneegipfel über uns nur mit einem Streifen Licht und gießt es in einem Strom durch das Tal unten, während wir im Finstern in die Höhe klimmen. Bald aber erhellt er den ganzen weißen Berghang und das Meer unten und Neapel in der Ferne und jedes Dorf im ganzen weiten Umkreis. Dies Schauspiel genießen wir, indem wir auf die Ebene des Gipfels treten. Das ist ein erloschener Krater, der aus großen Schlackenmassen gebildet wird, die wie ausgebrannte Steinblöcke von einem ungeheuren Wasserfall aussehen; hier steigt aus jedem Spalt und jeder Ritze heißer Schwefeldampf, während aus einem andern kegelförmigen Hügel, dem jetzigen Krater, der sich steil am Ende dieser Fläche erhebt, eine große Feuergarbe emporsteigt, welche die Nacht mit Feuer rötet, mit Qualm schwärzt und mit rotglühenden Steinen und Schlackenstücken überstreut, die wie Federn in die Luft fliegen und wie Blei herabfallen. Worte können Schauer und Größe dieser gewaltigen Szene nicht malen.

Der unebene Boden, der Rauch, das Gefühl des Erstickens vom Schwefel, die Furcht, durch die Spalten in den gähnenden, feurigen Kessel zu stürzen, und das Stillstehen und Umsehen, wenn man jemanden im Dunkel vermißt (denn der dichte Qualm verfinstert jetzt den Mond), der unleidliche Lärm der dreißig und das dumpfe Brausen des Berges verwirren uns so, daß unsere Füße wanken. Wir aber schleppen die Damen durch und über einen zweiten erloschenen Krater, am Fuße des jetzigen Vulkans, dem wir uns an der Windseite jetzt nähern, setzen uns auf die heiße Asche zu seinem Fuße und schauen schweigend hinauf. Dabei gibt uns der Umstand, daß der Kegel jetzt hundert Fuß höher ist als vor sechs Wochen, einen Begriff von der Tätigkeit, die darin herrscht.

Das Feuer und Brausen hat etwas an sich, was ein unwiderstehliches Verlangen erzeugt, näher heranzukommen. Ein Reisegefährte und ich konnten nicht lange sitzen bleiben, ohne einen Versuch zu machen, auf Händen und Knien, begleitet von dem Oberführer, bis an den Rand des brennenden Kraters hinaufzuklimmen und hineinzugucken. Unterdessen schrien die dreißig mit einer Stimme, daß es gefährlich sei, und riefen uns zu umzukehren, wodurch sie die Untenbleibenden vor Furcht fast von Sinnen brachten.

Durch diesen Lärm, durch das Erzittern der dünnen Erdkruste, die sich unter unseren Füßen auftun zu wollen scheint und uns in den brennenden Abgrund zu stürzen droht – die einzige Gefahr, wenn wirklich welche vorhanden ist –, durch die blendende Flamme vor uns und den Regen glühender Asche, der auf uns herabfiel, und den erstickenden Qualm und Schwefel wurde uns schwindlig und wirr, wie Betrunkenen. Aber doch gelingt es uns, den Rand zu erreichen und einen Augenblick in diese siedende Hölle hinabzublicken. Dann rollen wir alle drei wieder hinab, geschwärzt und versengt und verbrannt und schwitzend und schwindlig, die Kleider an einem halben Dutzend Stellen zerrissen.

Ihr habt tausendmal gelesen, daß man gewöhnlich, um hinabzugelangen, auf der Asche hinunterrutscht, die, weil sie eine ständig sich vergrößernde Stufe unter den Füßen bildet, ein zu schnelles Gleiten verhindere. Als wir aber auf dem Rückwege wieder die beiden erloschenen Krater hinter uns hatten und die steile Stelle erreichten, war (wie Mr. Pickle vorausgesagt hatte) keine Spur von Asche zu sehen, denn das Ganze war eine glatte Eisfläche.

In diesem Dilemma reichen sich zehn oder zwölf der Führer vorsichtig die Hände und bilden eine Kette; die vordersten schlagen, so gut es geht, mit ihren Stöcken eine Bahn, der zu folgen wir uns bereit machen. Der Pfad ist fürchterlich steil, und kein einziger der ganzen Gesellschaft, selbst von den Führern, ist imstande, sich sechs Schritte lang auf den Beinen zu erhalten. Daher werden die Damen aus den Tragbahren gehoben und jede von zwei sorgsamen Personen unter die Arme genommen, während verschiedene andere von den dreißig sie bei der Schleppe festhalten, damit sie nicht vorwärts fallen – eine sehr notwendige Vorsichtsmaßregel, die sie aber mit der sofortigen und hoffnungslosen Zerstörung ihrer Kleider bedroht. Den beleibten Herrn beschwören wir, ebenfalls seine Tragbahre zu verlassen und den Versuch zu machen, auf dieselbe Weise hinabzukommen, aber er entschließt sich, hinabgebracht zu werden, wie er heraufgetragen worden ist, in der Überzeugung, daß seine fünfzehn Träger doch nicht alle auf einmal fallen können und daß er, auf fremde Beine gestützt, jedenfalls sicherer als auf seinen eigenen sei.

Auf diese Weise fangen wir an hinabzusteigen, zuweilen gehend, zuweilen kriechend, aber immer bedächtiger und langsamer als beim Heraufsteigen und ständig beunruhigt durch das Fallen eines Hintermannes, der die ganze Gesellschaft umzureißen droht und eine hartnäckige Neigung zeigt, sich an den Füßen anderer Leute festzuhalten. Da erst der Weg gebahnt werden muß, kann die Tragbahre unmöglich vorausgehen, und ihre Erscheinung hinter uns und über unseren Köpfen – einer oder der andere der Träger liegt beständig auf dem Boden, und die Beine des dicken Herrn sind immer gen Himmel gerichtet – ist sehr bedrohlich und schreckenerregend. So sind wir eine sehr kleine Strecke mühselig und ängstlich, aber ganz lustig und sehr zufrieden mit unsern Fortschritten weitergegangen und sind alle verschiedene Male gefallen und im Falle wieder aufgehalten worden als Mr. Pickle von Portici mitten in einer Bemerkung, daß diese ungewöhnlichen Verhältnisse ganz außer dem Bereiche seiner Erfahrungen liegen, stolpert, fällt, sich mit schneller Besonnenheit von seinen Führern losmacht, mit dem Kopf vornüber stürzt und den ganzen Kegel hinabkollert.

Mit demselben gräßlichen Gefühl des Entsetzens und der Hilflosigkeit wie damals sehe ich ihn noch jetzt im Mondlicht – ich habe den Traum oft gehabt –, wie er über das weiße Eis, eine Kanonenkugel ähnlich, dahinschießt. Fast in demselben Augenblick ertönt hinter uns ein Schrei, und ein Mann, der einen Korb mit Mänteln auf dem Kopf getragen hat, kommt mit derselben erschrecklichen Schnelligkeit vorbeigekollert, und dicht hinter ihm folgt ein Knabe. Bei dieser Katastrophe im Kapitel der Reiseunfälle werden die übrigen achtundzwanzig dermaßen laut daß eine Meute heulender Wölfe dagegen Musik sein würde!

Betäubt und blutend und mit ganz und gar zerfetzten Kleidern finden wir Mr. Pickle von Portici unten, wo wir abgestiegen waren und wo die Pferde warten, wieder, aber, dem Himmel sei Dank, mit heilen Knochen. Und schwerlich werden wir jemals froher sein, einen Mann lebendig und wieder auf den Beinen zu sehen, als jetzt, zumal er selber die Sache leicht nimmt, obgleich er gar arg zerstoßen und wund ist. Der Knabe wird mit verbundenem Kopf in die Einsiedelei auf dem Berge gebracht, während wir beim Abendessen sitzen, und von dem Mann erhalten wir ein paar Stunden später Kunde. Auch er ist zerstoßen und betäubt, aber er hat sich nichts gebrochen; zum Glück bedeckte der Schnee die größeren Felsstücke und machte sie unschädlich.

Nach einem erquicklichen Mahle und stärkender Rast vor einem flammenden Feuer steigen wir wieder zu Pferde und setzen unsere Reise talwärts nach Salvatores Hause fort – sehr langsam, weil unser mit Beulen und Schrammen bedeckter Freund sich kaum im Sattel halten oder den ihm durch die Bewegung verursachten Schmerz ertragen kann. Obgleich es so spät in der Nacht oder so früh am Morgen ist, stehen doch, als wir ankommen, alle Bewohner des Dorfes um den kleinen Hof und blicken den Weg hinauf, den wir kommen müssen. Unser Erscheinen wird mit lautem Geschrei begrüßt und erregt ein Aufsehen, das wir uns in unserer Bescheidenheit nicht ganz erklären können, bis wir, im Hofe angekommen, einen der französischen Herren, die mit uns zugleich auf dem Berge waren, mit gebrochenem Bein im Stalle auf dem Stroh liegend finden, bleich wie der Tod und heftige Schmerzen leidend, und erfahren, daß man sicher geglaubt hatte, uns wäre ein noch schlimmerer Unfall zugestoßen.

Also »glücklich zurück und dem Himmel sei Dank«, wie der immer lustige Vetturino, der uns den ganzen Weg von Pisa hierher nicht verlassen hat, von ganzem Herzen beteuert! Und mit den bereitstehenden Pferden zurück in das schlummernde Neapel!

Es erwacht wieder für Polichinells und Taschendiebe, Buffosänger und Bettler, Lumpen, Puppen, Blumen, Glanz, Schmutz in allgemeiner Verkommenheit und sonnt seine Harlekinsjacke in der Mittagsglut des nächsten Tages und aller Tage; singt, darbt, tanzt, spielt am Meeresstrand und überläßt alle Arbeit dem brennenden Berge, der immer und ewig arbeitet.

Unsere englischen Kunstliebhaber würden sehr rührend über die Geschmacksbildung des Volkes werden, wenn sie eine italienische Oper halb so schlecht in England singen hören könnten, wie wir heute abend die »Foscari« in dem prächtigen Theater San Carlo hörten. Aber was staunenerregende Wahrheit und merkwürdigen Geist im Ergreifen und Verkörpern des wirklichen Lebens betrifft, so ist das ärmliche kleine San-Carlino-Theater – das ein Stockwerk hohe wacklige Haus mit dem grellbunten Bild an der Außenseite mitten unter Trommeln, Trompeten und den Seiltänzern und den Taschenspielern – das einzige seiner Art in der Welt.

Eine merkwürdige Seite des Alltagslebens in Neapel, die noch einer Berücksichtigung wert ist, sind die Lotterien.

Sie sind in den meisten Teilen Italiens gebräuchlich, aber hier in ihren Wirkungen und Einflüssen am besten zu verfolgen. Die Ziehungen finden jeden Sonnabend statt. Sie bringen der Regierung einen ungeheuren Gewinn und verbreiten eine Gewohnheit des Glücksspiels unter die Ärmsten der Armen, die der Staatskasse sehr förderlich, für jene aber höchst verderblich ist. Der niedrigste Einsatz ist ein Grano, weniger als ein Farthing. Einhundert Nummern – von 1 bis 100 einschließlich – werden in einen Kasten getan. Fünf werden gezogen. Dies sind die Gewinner. Ich kaufe mir drei Nummern. Wenn eine derselben herauskommt, erhalte ich einen kleinen Gewinn. Kommen zwei heraus, so zahlt man mir das Mehrhundertfache meines Einsatzes. Bei drei gewinne ich dreitausendfünfhundertmal meinen Einsatz. Ich setze auf die Nummern, soviel ich kann, und kaufe die Nummern, die mir belieben. Meinen Einsatz bezahle ich in dem Lottobüro, wo ich das Los kaufe, und die Höhe desselben wird auf dem Los selbst vermerkt.

Jedes Lotteriebüro hat ein gedrucktes Buch, einen »Lottopropheten«, in dem jeder mögliche Zufall und Umstand berücksichtigt ist und seine Nummer hat. Wir wollen zum Beispiel zwei Carlini setzen – ungefähr 7 Pence. Auf dem Weg zum Lottobüro rennen wir gegen einen Neger. Nachdem wir eingetreten sind, sagen wir ganz ernsthaft: »Den Propheten!« Wir suchen das Stichwort »Neger«. Die und die Nummer. »Geben Sie mir die.« Wir suchen: »Gegen jemand auf der Straße rennen.« »Geben Sie uns die.« Wir suchen auch noch den Namen der Straße auf. »Geben Sie uns die.« Nun haben wir unsere drei Nummern.

Wenn das Dach des Theaters San Carlo einstürzen sollte, würden so viele Personen auf die bei einem solchen Unfall im »Propheten« angegebenen Zahlen setzen, daß die Regierung bald diese Nummern sperren und sich weigern müßte, sich der Gefahr, noch mehr zu verlieren, auszusetzen. Das geschieht oft. Vor nicht sehr langer Zeit brach im königlichen Palast Feuer aus, und infolgedessen entstand ein so allgemeines Verlangen nach »Feuer«, »König« und »Palast«, daß ferneres Setzen auf die betreffenden Nummern verboten wurde. In jedem Zufall, in jedem Ereignis glauben diese unwissenden Leute eine Offenbarung in bezug auf das Lotto zu finden. Leute, die das Talent, glücklich zu träumen, besitzen, werden sehr gesucht, und es gibt einige Priester, die beständig mit Visionen glückbringender Nummern heimgesucht werden.

Man erzählte mir, ein Pferd sei mit einem Mann durchgegangen, der an einer Straßenecke gestürzt und gestorben sei. Dem Pferd folgte ein anderer Mann mit so unglaublichem Tempo, daß er unmittelbar nach dem Unfall an Ort und Stelle war. Er warf sich neben dem Verunglückten auf die Knie und ergriff seine Hand mit dem Ausdrucke des verzweifeltsten Schmerzes. »Wenn Ihr noch Leben in Euch habt«, sagte er, »so sprecht nur ein einziges Wort zu mir! Wenn Ihr noch einen Atemzug übrighabt, so nennt mir um des Himmels willen Euer Alter, daß ich diese Nummer im Lotto spielen kann.«

Es ist vier Uhr nachmittags, und wir können jetzt zur Lottoziehung gehen. Sie findet jeden Sonnabend im Tribunal oder Gerichtshof statt – in einem eigentümlich erdig riechenden Zimmer, so dumpfig wie ein alter Keller und so feucht wie ein Kerker. Am obern Ende steht auf einer erhöhten Bühne eine lange hufeisenförmige Tafel, und um diese sitzen ein Präsident und ein Rat alter rechtsgelehrter Richter. Der Mann auf dem kleinen Stuhl hinter dem Präsidenten ist der Capo Lazzarone, eine Art Volkstribun, vom Volke ernannt, um darauf zu sehen, daß alles mit rechten Dingen zugehe; er wird begleitet von ein paar Freunden. Er ist ein zerlumpter brauner Kerl: langes, wirres Haar hängt ihm über das ganze Gesicht herab, und vom Scheitel bis zur Zehe ist er mit unzweifelhaft echtem Schmutz überzogen. Der tieferliegende Teil des Raumes ist angefüllt mit dem gemeinsten Volk Neapels, und zwischen dem Publikum und der Bühne steht ein kleiner Trupp Soldaten, der die zu letzterer führenden Stufen bewacht.

Es dauert etwas, bis die erforderliche Anzahl Richter beisammen ist; mittlerweile ist der Kasten, in den die Nummern gesteckt werden sollen, ein Gegenstand des allgemeinsten und größten Interesses. Wenn der Kasten voll ist, wird der Knabe, der die Nummern ziehen wird, zum Mittelpunkt des ganzen Schauspiels. Er ist bereits für seine Rolle gekleidet, denn er trägt einen eng anliegenden braunen Rock mit nur einem Ärmel (dem linken), der rechte Arm ist bis zur Schulter nackt und bereit, in den geheimnisvollen Kasten zu greifen.

Während der erwartungsvollen, nur von leisem Flüstern unterbrochenen Stille, die im ganzen Saale herrscht, wenden sich aller Augen auf diesen jugendlichen Glücksspender. Man beginnt, schon auf das nächste Los bedacht, nach seinem Alter zu fragen, nach der Zahl seiner Brüder und Schwestern, nach dem Alter seines Vaters und seiner Mutter, und ob er Male oder Warzen am Körper hat und wo und wieviel, als die Ankunft des vorletzten Richters (eines kleinen alten Mannes, allgemein wegen des bösen Blickes gefürchtet) eine kleine Ablenkung bewirkt und eine größere bewirken würde, wenn er als Gegenstand der allgemeinen Teilnahme nicht sofort durch den Priester von seinem Platz verdrängt würde. Der Geistliche geht mit ernster Würde zu seinem Platz, geleitet von einem sehr unsaubern Buben, der die Priestergewänder und ein Gefäß mit Weihwasser trägt.

Nun ist also auch der letzte Richter da und nimmt seinen Platz an der hufeisenförmigen Tafel ein!

Ein Gemurmel ununterdrückbarer Aufregung läßt sich vernehmen. Unterdessen steckt der Geistliche den Kopf in sein Priestergewand und zieht es sich über die Schultern. Dann verrichtet er ein stummes Gebet, taucht einen Wedel in das Weihwasser und besprengt damit den Kasten und den Knaben und erteilt ihnen einen doppelläufigen Segen, zu dessen Entgegennahme der Kasten und der Knabe auf den Tisch gehoben werden. Der Knabe bleibt auf dem Tisch stehen, aber der Kasten wird von einem Aufwärter vor der Bühne vorbeigetragen, während er hoch in die Höhe gehalten und tüchtig geschüttelt wird, wie um mit dem Taschenspieler zu sagen: »Es ist keine Täuschung, meine Herren und Damen; wenden Sie nur kein Auge von mir.«

Endlich wird der Kasten vor den Knaben gesetzt; und der Knabe, nachdem er den nackten Arm und die offene Hand in die Höhe gehalten hat, greift in eine Öffnung und zieht eine Nummer heraus, die um etwas Hartes wie ein Bonbon aufgerollt ist. Diese übergibt er dem ihm zunächst sitzenden Richter, der ein Stückchen davon aufrollt und sie dem Präsidenten hinreicht. Der Präsident rollt sie sehr langsam auf. Der Capo Lazzarone sieht ihm über die Schulter. Der Präsident zeigt den aufgerollten Zettel dem Capo Lazzarone. Der Capo Lazzarone erhascht die Zahl mit einem gierigen Blick und ruft mit gellender lauter Stimme: »Sessanta due« (zweiundsechzig), wobei er die Zwei mit den Fingern bezeichnet, wie er die Zahl ruft. Ach, der Capo Lazzarone hat nicht auf die Zweiundsechzig gesetzt. Sein Gesicht ist sehr lang, und seine Augen rollen verzweifelt.

Da die Zweiundsechzig jedoch zufällig eine Lieblingsnummer ist, so wird sie ziemlich gut aufgenommen, was nicht immer der Fall ist. Alle Nummern werden ganz auf dieselbe Weise gezogen, nur mit Wegfall des Segens. Ein Segen genügt für das ganze Einmaleins. Der einzige neue Zug im Fortgang der Sache ist die allmählich zunehmende Bestürzung des Capo Lazzarone, der offenbar mit all seinen verfügbaren Mitteln spekuliert hat und der, als er die letzte Nummer sieht und findet, daß er nicht darauf gesetzt hat, ehe er sie ausruft, die Hände zusammenschlägt und zur Decke hinaufsieht, als mache er in innerer Verzweiflung seinem Schutzheiligen Vorwürfe wegen dieses Wortbruchs. Ich will nicht befürchten, der Capo Lazzarone werde ihn verlassen und sich einem anderen Kalenderheiligen zuwenden, aber er scheint damit zu drohen.

Wer die Gewinner sein mögen, weiß niemand. Jedenfalls sind sie nicht anwesend; die allgemeine Betrübnis der Enttäuschung muß jeden, der es mit ansieht, mit Mitleid für das arme Volk erfüllen. Als sie an uns unten im Hofe vorübergehen, sehen sie aus, als wären sie ebenso unglücklich und elend wie die Gefangenen im Kerker (der sich in einem Teil des Gebäudes befindet), die zwischen ihren Gittern hindurch auf sie herabblicken, oder wie die Reste von Menschenhäuptern, die noch zur Erinnerung an die alten Zeiten, als ihre Besitzer zur Erbauung des Volks dort einen Platz erhielten, da oben hängen.

Wir verließen Neapel am Morgen, als die Sonne gerade prächtig aufging, und folgten der Straße nach Capua und reisten dann drei Tage lang auf Nebenwegen, um das Kloster Monte Cassino zu sehen, welches auf einem steilen und hohen Felsen über der kleinen Stadt Germano thront und an einem nebligen Morgen sich in den Wolken verliert.

Um so besser ist es dann, daß der tiefe Schall seiner Glocke, als wir auf Maultieren nach dem Kloster hinaufsteigen, geheimnisvoll durch die regungslose Luft dringt, während wir nichts sehen als den grauen Nebel, durch den wir uns langsam und feierlich wie ein Leichenzug bewegen. Endlich erscheint eine schattenhafte Gebäudemasse dicht vor uns mit ihren grauen Mauern und Türmen in unsicheren Umrissen, während der schwere Dunst sich durch die Gänge und Gewölbe wälzt.

In der Vorhalle bei den Bildsäulen des Schutzheiligen und seiner Schwester gehen zwei schwarze Schatten auf und ab, und hinter ihnen hüpft zwischen alten Bogen ein Rabe umher, der der Glocke antwortend krächzt und sich von Zeit zu Zeit im reinsten Toskanisch hören läßt. Wie ähnlich er einem Jesuiten sieht! Nie gab es einen schlaueren und durchtriebeneren Kerl als diesen Raben, der jetzt unter der Tür des Refektoriums sitzt, den Kopf auf eine Seite geneigt und sich stellend, als sähe er woanders hin, während er den Besucher scharf mustert und mit angestrengter Aufmerksamkeit lauscht. Was für ein einfältiger Mönch ist gegen ihn der Pförtner!

»Er spricht wie wir«, sagt der Pförtner, »ebenso deutlich.« Ja, ebenso deutlich, Pförtner. Etwas Ausdrucksvolleres als seine Begrüßung der Bauern, die mit Körben und Lasten ins Tor traten, kann man sich nicht vorstellen. Das schlaue Zwinkern in seinem Auge und das innerliche Lachen in seiner Kehle würden ihn zum Superior eines Rabenordens befähigen. Er weiß über alles Bescheid, »'s ist schon gut«, sagt er. »Wir wissen, was wir wissen. Kommt nur, gute Leute, freut mich, euch zu sehen!«

Wie wurde dieser außerordentliche Bau hier oben in dieser Höhe errichtet, wo die Mühe, den Stein und das Eisen und den Marmor heraufzuschaffen, so entsetzlich gewesen sein muß? »Krah!« sagt der Rabe, die Bauern begrüßend. Wie ist das Kloster, nachdem es durch Plünderung, Feuer und Erdbeben gelitten, wieder aus seinen Ruinen erstanden, daß es sich mit seiner Kirche wieder so herrlich und prachtvoll vor uns erhebt? »Krah!« sagt der Rabe, die Bauern begrüßend. Diese Leute haben ein kümmerliches Aussehen und sind wie gewöhnlich entsetzlich unwissend und betteln alle, während die Mönche in der Kapelle singen. »Krah!« sagt der Rabe; »Kuckuck!«

Wir verlassen ihn, wie er noch immer im Klostertor schlau den Kopf wiegt, und steigen langsam durch die Wolke wieder hinab. Endlich treten wir aus ihr heraus und bekommen das Dorf tief unten und die grüne von Bächen durchschnittene Ebene zu Gesicht, ein angenehmer und erquickender Anblick nach der Dunkelheit und dem Nebeldunst des Klosters – ohne dem Raben oder den ehrwürdigen Brüdern zu nahe treten zu wollen.

Wir setzen unsere Reise fort auf schlammigen Straßen und durch die allererbärmlichsten und armseligsten Dörfer, wo kein ganzes Fenster in den Häusern und kein ganzes Kleid unter den Bauern oder der geringste Schein von etwas Eßbarem in den Hökerladen am Wege zu finden ist. Die Frauen tragen ein hellrotes Mieder, das vorn und hinten zugeschnürt ist, einen weißen Rock und den neapolitanischen Kopfschmuck von viereckig zusammengefaltetem Leinen, ursprünglich bestimmt, etwas Schweres darauf zu tragen. Die Männer und Kinder tragen alles, was sie bekommen können. Die Soldaten sind so schmutzig und habgierig wie die Hunde. Die Schenken sind so spukhafte Orte, daß sie unendlich anziehender und ergötzlicher sind als das beste Hotel in Paris. Da ist eine unweit Valmontone (jene rund ummauerte Stadt auf dem Berge gegenüber), zu der man durch einen fast knietiefen Morast gelangt. Im Erdgeschoß sind ein Säulengang und ein dunkler Hof voll leerer Ställe und Schuppen und eine große lange Küche mit einer großen langen Bank und einem großen langen Tisch, wo eine Gesellschaft Reisender, darunter zwei Priester, sich um das Feuer drängen, während ihr Abendessen bereitet wird. Eine Treppe höher ist eine Galerie mit sehr kleinen Fenstern aus sehr kleinen Glasscheiben. Alle Türen, die sich in den Wänden öffnen (ein oder zwei Dutzend), sind aus den Angeln. Als Tisch dient ein kahles Brett auf hölzernen Böcken, an dem dreißig Leute bequem essen können, und der Kamin ist allein schon groß genug für ein Frühstückszimmer, wo die Reisigbündel, wie sie lodern und knistern und platzen, die häßlichsten Grimassen erleuchten, die frühere Reisende mit Kohle auf die weißgetünchten Kaminwände gemalt haben. Eine flackernde Lampe steht auf dem Tisch, und im Zimmer bewegt sich ein gelbes zwerghaftes Weib, das sich immer in dem dicken schwarzen Haar kratzt, sich auf die Zehenspitzen stellt, um die plumpen Messer zu ordnen, und einen Sprung wagt, um in den Wasserkrug zu sehen. Die Betten in den anliegenden Zimmern sind von der wunderbarsten Art. Kein einziges Stückchen Spiegelglas ist im Hause zu finden, und der Waschapparat ist eins mit dem Kochgeschirr. Aber die gelbe Zwergin setzt eine große Flasche vortrefflichen Wein, mindestens ein Quart, auf den Tisch, und bringt neben einem halben Dutzend anderer Gerichte zwei Drittel von einem gebratenen, rauchend heißen Zicklein. Sie ist übrigens ebenso freundlich wie schmutzig, was viel sagen will. So wollen wir ihr denn aus dieser Flasche Wein zutrinken, daß sie noch lange leben und das Haus gedeihen möge!

Nachdem wir Rom erreicht und wieder hinter uns gelassen hatten und auch die Pilger, die jetzt jeder mit Muschelhut und Stab und um Gotteswillen um Almosen bitten, wieder in ihre Heimat zurückkehren, gelangen wir durch eine schöne Gegend zu den Wasserfällen von Terni, wo sich der ganze Velino von einer felsigen Höhe durch funkelnden Schaum und Regenbogen herabstürzt. Perugia, durch Kunst und Natur auf seinem hohen Felsen, der sich steil aus der Ebene erhebt, wo purpurne Berge sich mit dem fernen Himmel vermischen, stark befestigt, schimmert am Markttag von bunten Farben. Sie heben seine düsteren, aber schönen gotischen Gebäude herrlich hervor. Das Pflaster seines Marktes ist mit allerlei Bodenerzeugnisse bedeckt. Den ganzen steilen Hügel hinab, wo die Straße an der Mauer hin aus der Stadt führt, ist ein lärmender Markt voller Kälber, Lämmer, Schweine, Pferde, Maultiere und Ochsen. Hühner, Gänse und Truthühner flattern ihnen zwischen den Beinen herum, und Verkäufer, Käufer und Zuschauer sperren überall den Weg, als wir schreiend die Straße herabkommen.

Plötzlich klirrt etwas unter den Pferden. Der Kutscher hält sie an. Er sinkt in den Sattel zurück, blickt hinauf gen Himmel und ruft jammernd aus: »O allmächtiger Jupiter! Das Pferd hat ein Eisen verloren!«

Trotz diesem fürchterlichen Unfall und dem gänzlich verzweifelten Blick (wie er nur einem italienischen Vetturino möglich ist), mit dem er uns angekündigt wird, ist ihm doch bald durch einen sterblichen Hufschmied abgeholfen, durch dessen Beistand wir Castiglione an demselben Abend noch und Arezzo am nächsten Tag erreichen.

Natürlich ist Messe in der schönen Kathedrale, wo die Sonne durch bunte Glasfenster zwischen den Pfeilern hindurchscheint und die knienden Gestalten auf dem Fußboden halb zeigt und halb verhüllt und sich Pfade aus buntem Licht durch die langen Gänge bahnt.

Aber wie viel Schönheit anderer Art ist hier zu sehen, wenn wir an einem schönen hellen Morgen von der Spitze eines Hügels auf Florenz herabblicken! Dort liegt es vor uns in dem sonnenhellen Tal, glänzend von dem sich dahinwindenden Arno und eingeschlossen von schwellenden Hügeln, seine Kuppeln, Türme und Paläste in einem schimmernden Haufen aus dem fruchtbaren Lande emporsteigend und in der Sonne glänzend wie Gold!

Erhaben, ernst und düster sind die schönen Straßen von Florenz, und die festen alten Paläste zeichnen so viele Schatten auf den Boden und in den Fluß, daß ständig eine zweite Stadt von den mannigfaltigsten Formen zu unsern Füßen liegt. Ungeheure Paläste, zur Verteidigung gebaut mit kleinen, mißtrauischen und schwer verriegelten Fenstern und dicken Mauern aus großen unbehauenen Steinen, dräuen in grämlicher Pracht auf jede Straße herab. In der Mitte der Stadt – auf der Piazza des Großherzogs, die mit schönen Bildsäulen und dem Neptunsbrunnen geziert ist – erhebt sich der Palazzo Vecchio mit den ungeheuren überhängenden Zinnen und dem großen Turme, der die ganze Stadt überschaut. In seinem Hofe, der durch seine düstere Romantik des Schlosses von Otranto würdig wäre, ist eine Treppe, auf der man mit dem schwersten Wagen und dem kräftigsten Gespann hinauffahren könnte. Drinnen ist ein großer Saal, verblichen in seinem Glanze und langsam zerfallend, aber immer noch in Bildern an den Wänden die Triumphe der Medici und die Kriege des alten florentinischen Volkes verkündend. In einem Nebenhof des Gebäudes ist das Gefängnis – ein häßlicher, unreinlicher Ort, wo einige in kleinen Zellen wie in Öfen stecken und andere durch Gitter sehen und betteln, wo einige Dame spielen oder mit ihren Freunden sprechen, die indessen rauchen, um die Luft zu verbessern, andere Wein und Früchte von den Hökern kaufen und alles schmutzig und häßlich und ekelhaft anzusehen ist. »Sie sind alle ziemlich lustig, Signore«, sagte der Kerkermeister. »Die dort sind alle mit Blut befleckt«, fügte er hinzu und zeigte auf drei Viertel des ganzen Gebäudes. Ehe die Stunde vorbei ist, hat ein alter achtzigjähriger Mann, der bei einem Handel in Zank geraten ist mit einem siebzehnjährigen Mädchen, es mitten auf dem Marktplatz unter glänzenden Blumen erstochen und wird jetzt als Gefangener eingeliefert, um die Zahl zu vermehren.

Eine der vier alten Brücken, die über den Arno führen, nämlich der Ponte Vecchio – jene Brücke, welche mit Juwelier- und Goldschmiedeläden bedeckt ist –, bietet ein wirklich bezauberndes Schauspiel dar. In der Mitte ist der Raum eines Hauses frei gelassen, so daß man die Umgebung wie in einem Rahmen erblickt, und dies kostbare Stück Himmel und Wasser und prächtiger Gebäude, das so ruhig auf die dichtgedrängten Dächer und Giebel der Brücke herabschaut, ist köstlich. Weiter oben spannt sich die Galerie des Großherzogs über den Fluß. Sie wurde erbaut, um die zwei großen Paläste durch einen geheimen Gang zu verbinden, und sie verfolgt ihren mißtrauischen Weg durch Straßen und Häuser mit echtem Despotismus, denn sie geht, wohin sie Lust hat, und wirft jedes Hindernis vor sich nieder.

Der Großherzog hat außerdem einen würdigeren geheimen Gang durch die Straßen: in schwarzer Kutte und schwarzer Kapuze, als Mitglied der Compagnia delle Misericordia, die unter sich Mitglieder aus allen Ständen zählt. Wenn ein Unfall stattfindet, so ist ihr Amt, dem Verunglückten aufzuhelfen und ihn behutsam ins Hospital zu tragen. Wenn ein Feuer ausbricht, so müssen sie sich an Ort und Stelle verfügen und Schutz und Beistand leisten. Auch gehört es zu ihrem Beruf, Kranke zu besuchen und zu trösten, und sie empfangen weder Geld noch Speisen und Getränke in dem Hause, das sie besuchen. Diejenigen, welche gerade Dienst haben, werden durch das Läuten der großen Glocke des Schloßturmes zusammengerufen, und man erzählt, daß man den Großherzog bei diesem Klang schon von der Tafel habe aufstehen und sich zurückziehen sehen, um dem Rufe zu gehorchen.

Auf jener anderen großen Piazza, wo eine Art Markt gehalten wird und altes Eisen und andere kleine Waren in Buden ausgelegt oder auf dem Boden verstreut sind, stehen die Kathedrale mit der großen Kuppel, der schöne italienisch-gotische Turm des Campanile und das Baptisterium mit seinen kunstvollen Erztüren in einer Gruppe. Und hier, dieser kleine unbetretene viereckige Fleck auf dem Fußboden ist der Stein Dantes, wo, wie die Sage erzählt, er seinen Stuhl aufzustellen und in ruhige Betrachtung versenkt zu sitzen pflegte. Ich möchte wohl wissen, ob er sich in der Verbannung durch eine freundliche Rückerinnerung an diesen alten Ruheort und die sanften Gedanken an Beatrice, die ihn hier umschwebt, abhalten ließ, die Steine in den Straßen des undankbaren Florenz zu verfluchen.

Die Kapelle der Medici, der guten und bösen Engel von Florenz, die Kirche Santa Croce, wo Michelangelo begraben liegt und wo jeder Stein in den Säulengängen den Tod großer Männer verkündet, unzählige Kirchen, von außen oft unvollendete und schwerfällige Massen, aber innen feierlich und heiterer Ruhe voll, hemmen unsere zögernden Schritte, während wir durch die Stadt bummeln.

In Harmonie mit den Gräbern in den Kirchen steht das Naturgeschichtliche Museum, das wegen seiner Wachspräparate in der ganzen Welt berühmt ist. Diese fangen mit Nachbildungen von Blättern, Samen, Pflanzen und Tieren niederer Art an und steigen allmählich durch die besondern Organe des menschlichen Körpers den ganzen Bau dieser wunderbaren Schöpfung hinauf, indem sie alles in ausgezeichneter Darstellung wie kaum verstorben zeigen. Wenige Mahnungen an unsere schwache Sterblichkeit können erschütternder und tiefer wirken als die Nachbildungen von Jugend und Schönheit, die hier im letzten Schlummer auf ihren Lagern ruhen.

Jenseits der Mauern breiten sich das liebliche Tal des Arno, das Kloster zu Fiesole, der Turm Galileis, das Haus Boccaccios, alte Villen und Gärten, zahllose, interessante Stellen, die alle in einer vom reichsten Lichte übergossenen Landschaft von unendlicher Schöne glänzen, vor uns aus. Kehrt man aus dieser glänzenden Umgebung zurück, erscheinen einem die Straßen doppelt feierlich und großartig mit ihren hohen, dunklen, trauernden Palästen und vielen Erinnerungen, nicht nur der Belagerung, des Krieges und der eisernen Macht, sondern auch des triumphalen Fortschrittes friedlicher Künste und Wissenschaften.

Welches Licht strömt jetzt noch über die Welt aus diesen grauen Palästen von Florenz! Hier verewigen sich vor aller Augen die alten Bildhauer, Seite an Seite mit Michelangelo, Canova, Tizian, Rembrandt, Raffael, mit Dichtern, Geschichtsschreibern, Philosophen – jenen berühmten Männern der Geschichte, neben denen gekrönte Häupter und geharnischte Krieger sich so klein und armselig ausnehmen und so bald vergessen sind! Hier dauert der unvergängliche Teil hoher Geister ungestört und unversehrt fort, wenn feste, trotzige Wälle zertrümmert sind, wenn die Tyrannei der vielen oder der wenigen oder beider nur ein Märchen ist, wenn Stolz und Macht bloßer Staub geworden sind. Das Feuer, welches die Strahlen des Himmels in den düsteren Straßen und zwischen den hohen Palästen und Türmen entzünden, brennt immer noch hell, wenn die Flamme des Krieges erloschen und der Herd von Generationen erkaltet ist; während Tausende und aber Tausende einst von dem Kampf und der Leidenschaft der Stunde belebte Gesichter von den alten Märkten und Plätzen verschwunden sind, lebt die namenlose florentinische Dame, von eines Malers Hand der Vergessenheit entrissen, in ewiger Schöne und Jugend noch fort.

Laßt uns auf Florenz zurückblicken, solange es uns möglich ist, und wenn wir seine Kuppel nicht mehr schimmern sehen, mit einem lebhaften Erinnern seines Glanzes durch die heitere Toskana reisen; denn Italien wird durch diese Erinnerung nur um so schöner. Die Sommerzeit ist da – Genua, Mailand und der Comer See liegen weit hinter uns, und wir rasten in Faldo, einem Schweizer Dorf neben den grausigen Felsen und Bergen, dem ewigen Schnee und den brüllenden Wasserfällen des großen St. Gotthard und hören die italienische Sprache zum letzten Male auf dieser Reise; so laßt uns denn von Italien mit all seinem Unglück und seinen Leiden liebevoll scheiden, erfüllt von Bewunderung seiner Natur- und Kunstschönheiten und von Liebe zu seiner Bevölkerung, die von Natur so gutmütig und geduldig und herzlich ist. Jahre der Vernachlässigung, der Unterdrückung und schlechter Verwaltung haben zusammengewirkt, ihre Natur zu ermüden und ihren Geist niederzudrücken; elende Eifersüchteleien, genährt von kleinen Fürsten, für welche Einheit der Untergang und Teilung Stärke war, haben an der Wurzel ihres Nationalbewußtseins genagt und ihre Sprache mit Barbarismen erfüllt; aber das Gute, das von jeher in ihr war, steckt noch in ihr, und dereinst kann ein herrliches Volk aus dieser Asche erstehen. Laßt uns diese Hoffnung hegen! Und laßt uns Italiens nicht weniger innig gedenken, weil jedes Trümmerstück seiner verfallenen Tempel und jeder Stein seiner verlassenen Paläste und Kerker uns die Lehre einprägt, daß das Rad der Zeit sich zu einem Zwecke dreht, und daß die Welt mit dem Verlauf der Zeit in allen wesentlichen Dingen besser, milder, duldsamer und hoffnungsreicher wird!

 


 

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