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Bilder aus der deutschen Vergangenheit

Gustav Freytag: Bilder aus der deutschen Vergangenheit - Kapitel 44
Quellenangabe
typetractate
booktitleBilder aus der deutschen Vergangenheit Band I
authorGustav Freytag
firstpub1859-67
yearca. 1980
publisherBertelsmann Verlag
addressGütersloh
titleBilder aus der deutschen Vergangenheit
created20040829
sendergerd.bouillon
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XXVII
Die Stillen im Lande

Richtungen im Protestantismus bis 1618. – Folgen des Krieges. – Gleiches Herzensbedürfnis bei allen Konfessionen. – Älterer Pietismus, Spener. – Wundersucht. – Haß gegen weltliche Ergötzlichkeit. – Hochmut. – Die Frauen. – Selbstbeobachtung. – Gesellschaftlicher Verkehr. – Gute Einwirkung auf die Sittlichkeit. – Die Erweckung. – Bibeldeutung. – Petersen und Frau, Charakteristik. – Erzählung von Johanna Eleonora Petersen, darauf: Erzählung von Dr. Johann Wilhelm Petersen. – Schicksale der Gatten und ihre Offenbarungen. – Der spätere Pietismus und seine Verwirrungen. – Opposition. – Fortschritt des Volkes durch den Pietismus

Der Gegensatz zwischen der epischen Zeit des Mittelalters und einer neuen Periode, welche hier bereits öfter die lyrische genannt wurde, ist auf jedem Gebiet des deutschen Lebens sehr kenntlich, nicht am wenigsten im Reiche des Glaubens.

Die katholische Kirche des Mittelalters hatte das Leben jedes einzelnen durch eine Menge von frommen Bräuchen geweiht und in einen aristokratischen geistlichen Staat eingeschlossen, in dem das Individuum in starrer Gebundenheit mit geringer Selbsttätigkeit festgebannt lebte. Die Reformation zerschlug für den größten Teil Deutschlands diese Fesseln des Volksgeistes, sie setzte freie Selbstbestimmung dem äußeren Zwang, innerliche Tätigkeit des einzelnen dem glänzenden Mechanismus der alten Kirche gegenüber. Der Protestantismus war aber sowohl ein System von Lehren, als eine Befreiung und Vertiefung des deutschen Gemütes. In der großen Seele Luthers waren beide Richtungen des neuen Glaubens im Gleichgewicht; je leidenschaftlicher er für seine Erklärung der Heiligen Schrift und die Dogmen seiner Lehre kämpfte, desto stärker und origineller wurden auch die Gemütsprozesse, durch welche er auf eigenen Wegen in freiem Gebet seinen Gott suchte. Es ist jedoch klar, daß der große Fortschritt, der für das Menschengeschlecht durch seine Lehre dargestellt wurde, sehr bald die Folge haben mußte, zwei entgegengesetzte Richtungen im Protestantismus herauszubilden. Die beiden Pole jeder Religion, das Wissen und das Sehnen, das verständige Umgrenzen der religiösen Erkenntnis und das gemütvolle Hingeben an das Göttliche mußten sich je nach dem Bedürfnis des Individuums und der Bildung der Zeit in den Seelen mit verschiedener Gewalt geltend machen; bald mußte das eine, bald das andere überwiegen, es konnte die Zeit kommen, wo beide Richtungen in Gegensatz und Streit gerieten. Zunächst war der Protestantismus auf Krieg gegen die alte Kirche angewiesen und gegen die Parteien, welche in ihm selbst auflebten, als notwendige Folge größerer Freiheit und Selbstbestimmung. Erbittert war der Kampf für die neubegrenzten Dogmen, vorzugsweise nach dieser Richtung wurde die Seele der Protestanten in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gezogen. Die unterscheidenden Lehrsätze der einzelnen Kirchen wurden mit einem Scharfsinn und einer Streitlust, welche uns oft bedauernswert erscheint, immer subtiler und spitzfindiger herausgebildet. Es war nicht natürlich, daß derjenige seinen Parteigenossen für den besten Christen galt, der mit den Feinheiten der neuen Definitionen vertraut, vorzugsweise in ihnen das Wesen seiner Kirche suchte. Und die unvermeidliche Folge dieser Richtung war, daß gerade in den Theologen, welche sich für die gewissenhaftesten Nachfolger der großen Reformatoren hielten, am wenigsten von dem reichen Gemütsleben zu finden war, welches die Stifter der neuen Lehre in der Tat zu Aposteln ihrer Zeit gemacht hat. Denn der Haß war in ihnen größer geworden als die Liebe; und während die Selbsttätigkeit der Geistlichen und Laien vorzugsweise für dialektische Prozesse und für sophistische Spielereien in Anspruch genommen wurde, verödete das Gemüt, verschlechterte sich die Sittlichkeit. Dagegen kam die Reaktion. Sie begann schon bei Luthers Leben in Wittenberg selbst, sie regte sich in den Seelen einzelner Universitätsgenossen, welchen die Ansprüche der neuen Theologie peinlich wurden, z. B. in den beiden Schurf, den alten Freunden Luthers, welche mit ihm zerfielen. Sie ist nach den Händeln der Flazianer und der Ausbreitung des Jesuitenordens in Deutschland überall erkennbar. Das letzte Drittel des 16. Jahrhunderts und die ersten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts bis zu den Verwüstungen des großen Krieges erhalten dadurch eine eigentümliche Bedeutung. Die streitsüchtigen Theologen beherrschen die Höfe und die Landesregierungen, aber durchaus nicht mehr souverän das Gemüt des Volkes. Schon vor 1600 ist bei wohlwollenden und patriotischen Männern fast guter Ton, über das widerwärtige Gezänk der Geistlichen zu klagen, unterrichtete Laien sehen darin das Verderben der Nation. Wer über die Zustände Deutschlands spricht, verrät gern, daß er Unterschiede in den Dogmen nicht für die Hauptsache halte. In den zahllosen Karikaturen und Satiren des Dreißigjährigen Krieges wird dieselbe Stimmung sehr auffallend; zwar der Haß gegen die Jesuiten und der Groll gegen den fanatischen Kaiser ist bei zwei Dritteln des Volkes sehr lebendig, aber das Interesse an der eigenen Kirche keineswegs mehr eine Herzenssache, wie hundert Jahre früher; mit bitterer Laune werden einigemal lutherische, kalvinistische und katholische Eiferer nebeneinander verspottet. – Aber auch würdige Geistliche der protestantischen Kirche mahnten zum Frieden, immer wieder wurde eine Vereinigung der getrennten Konfessionen versucht, immer lauter wurde von frommen Schwärmern innigere selbsttätige Hingabe an Gott gefordert und ein göttliches Leben in der Natur und der Menschenseele gelehrt, welches mit den orthodoxen Lehren im innersten Gegensatz stand. In der Tat wurde diese Uneinigkeit und der beginnende Liberalismus die Schwäche des Protestantismus gegenüber seinen eifrigen Gegnern. Denn der Spott der Weltleute, die stille Arbeit der Naturforscher und der Glaube der Gemütvollen wirkten zunächst noch mehr zersetzend als neubildend und erhebend auf die Seele des Volkes.

Es ist schwer zu sagen, wohin solche liberale und versöhnliche Richtung des Protestantismus die Nation geführt hätte, wenn nicht das Elend über sie hereingebrochen wäre. Der große Krieg aber brachte eine eigentümliche Abspannung in viele der besten Seelen. Fast jede der kriegführenden Parteien trug ein Glaubenszeichen auf ihrer Fahne, jede brachte unendliches Unglück über das Volk, an jeder wurde sichtbar, wie wenig Taufe und Abendmahl hinreiche, die Bekenner einer Konfession zu guten Menschen zu machen. Als das Kriegsfeuer niederbrannte, war man sehr geneigt, den konfessionellen Streitigkeiten einen Hauptanteil an dem eigenen Elend und dem des Landes zuzuschreiben. So war natürlich, daß die kälteren Weltkinder von aller Religion wenig hielten und sich achselzuckend abwendeten, als das alte Gezänk der Geistlichen, das während des Krieges niemals ganz geschwiegen hatte, jetzt wieder auf den Kanzeln und den Märkten zu toben begann. In vielen Landschaften aber war durch Dragonaden und die äußeren Zwangsmittel auch die Masse des Volkes drei-, viermal gezwungen worden, die Konfession zu wechseln, auch ihr waren die Bekenntnisformeln deshalb nicht werter geworden, weil sie mehrere derselben herzusagen gelernt hatte. So war eine innere Leere und Verödung in das kirchliche Leben gekommen, die mit der Roheit und den Lastern, die der lange Krieg in die Menschen gebracht hatte, dem ersten Jahrzehnt nach dem Kriege ein so besonders trostloses Ansehen gibt. Es gab wenig zu lieben, sehr wenig zu ehren auf Erden.

Und doch hatte gerade in dieser Zeit, wo der einzelne immer wieder von Todesgefahren umgeben war, ein günstiges Geschick so oft vor dem äußersten Verderben bewahrt. Überraschend und furchtbar wie die Gefahren, ebenso überraschend und wunderbar erschien die Rettung. Daß die Kraft des Menschen nichts sei in diesem ungeheuren Spiel übergewaltiger Kräfte, war jedem tief in die Seele geschrieben worden. Wenn die Mutter sich mit ihren Kindern, während ein Reiterhaufen in der Nähe vorüberzog, zitternd im hohen Getreide barg und in den Momenten der Todesgefahr die Gebete des Glaubens murmelte, so war natürlich, daß sie ihre Rettung dem besonderen Schutz ihres gnädigen Gottes zuschrieb. Wenn der zerschlagene Bürger in seinem Waldversteck die Hände faltete und feurig betete, daß die Kroaten, welche die Stadt plünderten, seinen letzten versteckten Taler nicht finden möchten, und wenn es ihm später gelang, aus den Kohlen des verbrannten Hauses die Silberstücke herauszuscharren, so war natürlich, daß auch er an besonderen göttlichen Schutz glaubte, welcher die gierigen Augen der Feinde abgelenkt hatte. Überall, wo ungeheure Schicksale in raschem Wechsel über den einzelnen hereinbrechen, bildet sich der Glaube an Ahnungen, Vorbedeutungen, natürliche Warnungen. Während die Menge auf Nordlichter und Sternschnuppen, auf Gespenster, den Schrei des Käuzchens, ein unerklärbares Anschlagen der Glocken mit banger Furcht achtete, suchte der feinere Geist die Weisungen des Herrn aus Träumen und himmlischen Offenbarungen zu erkennen. Es ist wahr, der lange Krieg hatte die Seelen gegen das Elend anderer verhärtet, aber er hatte ihnen die sichere gleichmäßige Kraft zu sehr genommen, und das gedankenlose Starren in eine öde Welt und die kalte Gleichgültigkeit wurde in den meisten durch Anfälle von plötzlicher Weichheit unterbrochen, die vielleicht bei unbedeutender Veranlassung hervorbrachen und einen rücksichtslosen Sünder wie plötzlich in Schmerz und Zerknirschung auflösten. Es ist wahr, das Leben war sehr arm an Liebe und Größe, aber das Bedürfnis zu lieben und zu ehren, welches so tief in deutscher Natur begründet ist, suchte nach dem Frieden angstvoll ein Imponierendes, Hohes, Festes, um dem eigenen verarmten und wankenden Dasein einen Inhalt und Interesse zu geben. So klammerte sich der Sinn an die heiligen Bilder des Glaubens, die man sich wieder in stiller Andacht herzlich, hold, vertraulich herzurichten bemüht war.

Aus solchen Herzensbedürfnissen des Volkes entwickelte sich ein neues Leben in der christlichen Kirche. Nicht bei den Nachfolgern Luthers allein, ebensosehr bei den Reformierten, fast ebensosehr bei den Katholiken, auch nicht mehr in Deutschland allein und in den Ländern, welche damals in Abhängigkeit von deutscher Bildung waren: Dänemark, Schweden, dem slawischen Osten und Ungarn, fast gleichzeitig in England, sogar früher in Frankreich und Holland, wo religiöse und politische Parteiung durch fast hundert Jahre die Seelen in scharfen Gegensätzen auseinandergezogen hatte. Ja bis in die Ordenshäuser der Jesuiten wirkte dasselbe Bedürfnis eines neuen Idealismus im freudenarmen Leben. In der Geschichte der christlichen Kirche ist dieser Pietismus – wie die neue Richtung von den Gegnern seit 1674 genannt wird – ein vorübergehendes Moment, dessen Aufblühen und Hinwelken sich in wenig mehr als hundert Jahren vollendet. Die Einwirkungen aber, welche er auf Kultur, Sitte und Gemüt der Deutschen ausgeübt hat, sind zum Teil noch heute erkennbar. Einzelnes davon ist Erwerb der Nation geworden, und von dieser Einwirkung soll hier kurz die Rede sein.

Da der Pietismus oder der Glaube der »Pietät«, wie seine Anhänger ihn zuweilen nannten, keine neue Lehre war, welche von einem großen Reformator verkündet wurde, sondern eine Richtung des Gemütes, welche zu gleicher Zeit in vielen Tausenden aufbrach, so blieb die große Mehrzahl seiner Bekenner in der ersten Zeit fest in den Dogmen ihrer Kirche stehen. In der Tat sprach er anfänglich nur weitverbreitete Überzeugungen aus, welchen die Besten schon vor dem Dreißigjährigen Krieg Ausdruck gegeben hatten: daß nicht die abweichenden Lehrmeinungen, sondern die Übereinstimmungen der religiösen Parteien die Hauptsache des Glaubens sei; daß das persönliche Verhältnis zu Gott unabhängig sei von den Dogmen; es nütze wenig die Predigt zu hören, das Sakrament zu nehmen, in der Beichte zu erzählen, daß man ein großer Sünder sei, seine Hoffnung auf das Verdienst Christi und nicht auf die eigenen Werke zu setzen, sich allenfalls vor groben Sünden zu hüten und zu bestimmten Stunden ein gedankenloses Gebet zu sprechen. Und doch sei dies das gewöhnliche Christentum der Geistlichen und Laien, ein toter Glaube, ein äußerlicher Gottesdienst, Buchstabe ohne Geist. Wenig bedeute die Taufe des Kindes ohne die Bekehrung der Erwachsenen, wenig bedeute ein kirchliches Leben, bei welchem der Laie die Güter des Heils fast nur passiv empfange, jeder einzelne müsse in seinem Herzen das Priestertum des Lammes aufrichten. So empfanden Tausende.

Von den vielen aber, welche diesem Zug des Herzens folgten, hat in Deutschland durch mehrere Jahrzehnte keiner so großen Einfluß ausgeübt als Philipp Jakob Spener (von 1635–1705). Im Elsaß geboren, wo seit mehr als hundert Jahren die Lehre Luthers und der schweizerischen Reformatoren einander bekämpften und zusammenflossen, wo die Gelehrsamkeit der Niederländer, ja die frommen Bücher der Engländer geschätzt wurden, war sein frommes Herz durch ernste Schulbildung unter dem Schutz, welchen ihm vornehme Frauen in schwerer Zeit gewährten, früh im Glauben fest geworden. Schon als Knabe war er streng gegen sich selbst gewesen; als er einmal gewagt hatte zum Tanz anzutreten, mußte er aus Gewissensangst den Reihen verlassen. Dann war er Erzieher an einem Fürstenhof gewesen, hatte zu Basel weiterstudiert, zu Genf mit Bewunderung gesehen, wie Jean de Labadie durch seine Bußpredigten die Weinhäuser leerte, die Spieler veranlaßte, ihren Gewinn zurückzugeben und die Lehre von der inneren Heiligung und der rücksichtlosen Nachfolge Christi den verwilderten Kindern Calvins in die Herzen schlug. Von da war Spener nach Frankfurt am Main als Seelsorger gegangen und hatte dort seit 1666 eine segensreiche Wirkung geübt, welche immer größere Verhältnisse annahm und ihm bald Anhänger durch ganz Deutschland verschaffte. In glücklicher Ehe, in günstigen äußeren Verhältnissen, friedliebend und vorsichtig, von ruhigem Gleichgewicht und zarter Empfindung, ein liebevolles, bescheidenes Gemüt, war er vorzugsweise gemacht, Ratgeber und Vertrauter bedrängter Herzen zu werden. Zumal auf weibliche Naturen übte der feine, gutherzige, würdevolle Mann eine sehr große Anziehungskraft. Er richtete in einer Privatwohnung Versammlungen frommer Christen ein, die vielbesprochene Collegia pietatis, in denen Bücher der Heiligen Schrift erklärt und von den Männern besprochen wurden; die Frauen hörten in besonderem Raum schweigend zu. Als er diese Vorträge später in die Kirche verlegen mußte, verloren sie für Eifrige die Anziehungskraft, welche das Stille, Gewählte der geschlossenen Gesellschaft ausgeübt hatte, es entstanden Parteien, ein Teil seiner Schüler trennte sich von der Kirchengemeinde. Er selbst wurde nach zwanzigjähriger Tätigkeit von Frankfurt nach Dresden, bald darauf nach Berlin gerufen.

Spener selbst war allem Sektiererwesen abhold, schon die Mystik Joh. Arndts, noch mehr die von Jacob Böhme stieß ihn innerlich ab; er mißbilligte, wenn einzelne seiner Freunde die Gemeinschaft der Kirche verließen, er kämpfte durch sein ganzes Leben gegen die Feinde, welche ihn aus der Kirche herausdrängen wollten, und in der letzten Hälfte seines Lebens einen stillen Kampf gegen die eigenen Anhänger, welche die Dogmen der Kirche öffentlich mit Nichtachtung behandelten. Er selbst war durchaus kein Schwärmer; daß die christliche Religion eine Lehre der Liebe sei, daß man Christi Leben durch das eigene Leben nachahmen und die vergänglichen Freuden der Welt gering achten müsse, daß man nach dem Beispiel des Erlösers seinen Mitmenschen Liebe beweisen müsse, das blieb immer der edle Kern seiner Lehre. Und doch wurde schon durch einiges in seinem Wesen, ohne daß er es wollte, die Isolierung und der Separatismus begünstigt, in welchem das religiöse Leben der Pietisten im nächsten Jahrhundert verkümmern sollte. Das Gewicht, welches er auf Privaterbauung und auf das einsame Ringen der Seele nach Gott legte, und vor allem das kritische Mißtrauen, mit welchem er das Weltleben betrachtete, das mußte seine Anhänger sehr bald in einen Gegensatz zu dem Leben der Menge bringen. Bei der inneren Armut und Dürftigkeit vieler Anspruchsvollen, welche sehnsüchtig sich an ihn klammerten, konnte nicht fehlen, daß die gleichmäßige Methode zu empfinden und das Leben zu beurteilen in kurzem zur Manier wurde, welche sich in Sprache, Haltung, Tracht darstellte.

Immer noch war Gott der liebevolle Vater, welcher durch die Kraft des Gebetes bestürmt und wohl bewogen werden konnte zu erhören. Aber das lebende Geschlecht hatte Resignation gelernt, und ein leises Flüstern zu Gott war an die Stelle des starken Gebetkampfes getreten, in welchem Luther seinem Herrgott »den Sack vor die Füße geworfen hatte«. Die Unerforschlichkeit der Vorsehung war durch furchtbare Lehren tief in die Seele geprägt, und die Fortschritte der Wissenschaft ließen bereits so viel von der Größe der Weltordnung ahnen, daß die Schwäche und Kleinheit des Menschen stärker betont werden mußte. Der Sünder war seinem Gott gegenüber schüchterner geworden, die naive Unbefangenheit der Reformationszeit verloren. Dafür hatte sich in dem lebenden Geschlecht die Wundersucht gesteigert; eifrig bemühte man sich, auf Umwegen hinter den Willen des Herrn zu kommen. Träume wurden gedeutet, Vorzeichen erkannt, jede schöne Empfindung der eigenen Seele, jeder schnelle Fund, welchen der kombinierende Geist machte, wurde sehnsüchtig als eine direkte Eingebung Gottes betrachtet. Es war ein volkstümlicher Glaube, zufällige Worte, welche von außen in die Seele fielen, als bedeutsam zu betrachten; dieser Glaube ward jetzt in ein System gebracht. Wie der Jütländer Steno – jener katholische Bischof zu Hannover, der Bekannte von Leibniz – plötzlich zum katholischen Fanatiker wurde, weil eine Dame aus dem Fenster einige gleichgültige Worte herunterrief, die der Vorübergehende für einen Befehl des Himmels hielt, ganz ebenso beherrschte das zufällige Wort auch den deutschen Pietisten. Der uralte Aberglaube, welcher schon im Jahre 506 auf dem Konzilium von Agde den Christen verboten wurde, kam wieder in Aufnahme: man schlug die Bibel oder das Gesangbuch auf, um aus zufälligem Wortlaut die Entscheidung bei innerer Unsicherheit zu finden – der Spruch, auf welchen der rechte Daumen traf, war der bedeutsame – ein Brauch, der noch heute fest in unserm Volk haftet und von den Gegnern schon um 1700 als »Däumeln« verhöhnt wurde. Kam von außen ein Ruf, ein Anerbieten, so war Methode, ein erstesmal abzulehnen; wiederholte sich die Aufforderung, dann rief der Herr. Es ist leicht einzusehen, daß die gläubige Seele, ohne sich dessen bewußt zu werden, bereits in der Form der ersten Ablehnung einer stillen Neigung des Herzens folgen konnte, welches heimlich ein Ja oder Nein empfahl.

Daß in einer zügellosen Zeit auch die Reaktion der Besseren gegen das Gemeine und Wilde das Maß überschreitet, ist natürlich. Nach dem Krieg war ein wahnsinniger Kleiderluxus eingetreten, schamlos liebten die Frauen ihre Reize zu zeigen, frivol waren auch die Tänze, roh die Trinkgelage, die Komödien und Romane oft nur eine Sammlung von Unsauberkeiten. Da war natürlich, daß solche, die sich ärgerten, einfache, dunkle, verhüllende Gewänder wählten, und daß die Frauen sich nonnenhaft von Tanz und Lustbarkeiten zurückzogen, das Weintrinken in Verruf kam, die Komödie nicht besucht wurde und jeder Tanz für eine gefährliche Frivolität galt. Aber der Eifer ging noch weiter. Auch die laute fröhliche Unterhaltung erschien bedenklich, die Menschenseele sollte immer beweisen, daß sie die vergänglichen Freuden der Welt gering achte. Selbst das harmloseste, was die Natur dem offenen Sinn des Menschen entgegentrug, ihre lachenden Blüten, das Singen der Vögel, das durfte nur mit Vorsicht bewundert werden, es galt für unerlaubt, wenigstens am Sonntag, Blumen zu pflücken oder sie gar an Brust und Haar zu stecken. Daß auch ehrenwerte Leistungen der schönen Künste vor solcher Richtung wenig Gnade fanden, ist natürlich. Malerei und weltliche Musik wurden ebenso gering geachtet, als die Arbeiten der Dichter, in denen die Sorgen einer irdischen Liebe anschaulich dargestellt wurden. Man sollte die Welt nicht dem Erlöser gleichstellen. Die nicht »der Pietät« folgten, lebten in »Gleichstellung der Welt«.

Wer sich in solcher Weise gegen die Mehrzahl der Menschen abschließt, der mag sich selbst täglich sagen, daß er in Demut und Resignation seinem Gott lebe, er wird nur selten geistlichen Hochmut von sich fernhalten. Es war natürlich, daß die »Stillen im Land«, wie sie sich schon früh selbst nannten, ihr Leben für das bessere und würdigere hielten, aber es war ebenso natürlich, daß sich dabei eine geheime Eitelkeit und selbstgefälliges Wesen großzog. Sie hatten so oft den Versuchungen der Welt widerstanden, sie hatten so oft große und kleine Opfer gebracht, dafür erleuchtete sie die Gnade des Herrn, sie waren seine Auserwählten. Ja, ihr Glaube war menschenfreundlich, Christenpflicht üben, andern Gutes tun in der Wüste des Lebens, wie jener Samariter dem Reisenden. Aber es war doch natürlich, daß sie Teilnahme und Wohlwollen zumeist solchen zuwandten, welche dieselbe Glaubensrichtung hatten. Und ihr Zusammenhang wurde durch mehrere Umstände merkwürdig fest. Es waren zuerst nicht vorzugsweise gelehrte Geistliche, welche der Pietät anhingen, im Gegenteil die große Mehrheit der Theologen stand bis etwa um 1700 vom orthodoxen Standpunkt gegen sie in Waffen. Sie aber lebten mehr dem Evangelium als dem Gesetz, sie suchten sorgfältig den Schein zu vermeiden, als dürfe der Prediger eine Herrschaft über das Gewissen der Gemeinde ausüben. Das fesselte vorzugsweise die Laien, strenge Geister und warme Herzen aus allen Ständen, Gelehrte, Beamte, Bürger, und wieder nicht wenige Vornehme, auch vom hohen Adel, vor allem aber die Frauen.

Zum erstenmal seit der deutschen Urzeit – eine kurze Periode des ritterlichen Frauendienstes ausgenommen – wurden die deutschen Frauen über den Kreis der Familie und des Hauses herausgeführt, zum erstenmal nahmen sie selbsttätig als Mitglieder einer großen Gesellschaft teil an den höchsten Interessen der Menschheit. Gern wurde von den frommen Theologen der Pietät hervorgehoben, daß sich in ihren Gemeinden fast mehr Frauen als Männer befanden, wie fleißig und eifrig die Frauen alle Übungen der Gottseligkeit durchmachten, daß die Frauen schon am Kreuz stehengeblieben waren, als die Apostel alle davonliefen. Ihr inneres Leben, ihr Kampf mit der Welt, ihr Ringen nach Christi Liebe und Erleuchtung von oben wurde von den Vertrauten mit herzlicher Teilnahme beobachtet, sie fanden treue Berater, liebevolle Freunde unter feinfühlenden und ehrenwerten Männern. Die neue Auffassung des Glaubens, welche viel weniger die Buchgelehrsamkeit betonte als die Empfindung eines reinen Herzens, mußte gerade auf sie wie ein Zauber wirken. Auch das Stille, Abschließende, Aristokratische der Richtung zog sie mächtig an, ja ihre größere Weichheit, die Energie ihrer unmittelbaren Empfindung und ein reizbares nervöses Leben machte sie besonders geeignet, Rührung, Begeisterung und die wunderbaren Einwirkungen der Gottheit zu empfinden. Schon war die geniale Anna Maria von Schurmann zu Utrecht, wohl das gelehrteste aller Mädchen, lange Zeit die Bewunderung der Reisenden, durch Jean Labadie von der Kirche gelöst worden, und das fromme und liebenswürdige Herz hatte (1670) alle ihre Schriften – die doch nichts Unchristliches enthielten – in heiligem Eifer widerrufen. Wie sie, suchten auch andere Frauen ihr Priestertum vor dem Volk zu vertreten, mehrere der frommen Theologen durften sich starker Gattinnen rühmen, welche an ihrer Seite beteten, trösteten, sie selbst bei Widerwärtigkeiten im Glauben stärkten und wie sie teil an den Erleuchtungen hatten. So kam es, daß Frauen aus allen Ständen die eifrigsten Parteigänger der Pietät wurden. Kaum eine erlauchte oder reiche Familie, welche nicht unter den Damen ihres Hauses eine Fromme zählte und durch das gehaltene Wesen und die moralischen Ermahnungen derselben zuerst geärgert, allmählich beeinflußt wurde. Gerade für solche vornehme Frauen hatte es einen großen Reiz, den Talenten ihrer Gemeinde Protektion zu gewähren. Sie wurden die eifrigsten Gönnerinnen, unermüdliche Proselytenmacher, zuverlässige Vertraute und Helfer bei Bedrängnissen anderer. Während sie aber für die Interessen ihres Glaubens arbeiteten, erfuhr auch ihr eigenes Leben manche Einwirkung. Sie kamen in Verbindung mit Männern aus verschiedenen Ständen, sie gewöhnten sich mit den Abwesenden zu korrespondieren, sie lernten sich über Geheimnisse des Herzens, über zarte Empfindungen der Seele aussprechen. Geschah das oft in den banalen Ausdrücken der Gemeinde, es war doch für viele eine Vertiefung des innern Lebens. Ja, es wurde dadurch einiges Neue herausgebildet in dem Gemüt des Volkes.

Die Gewöhnung, über die eigenen Zustände zu reflektieren, auch noch bei starker innerer Bewegung sich selbst zu beobachten, war der deutschen Seele etwas ganz Neues. Oft rührt uns die kindliche Freude, mit welcher jene Frommen die Prozesse ihrer geistigen Tätigkeit, die Regungen ihres Herzens beobachten. Vieles ist ihnen erstaunlich und überraschend, was wir bei größerer Gewandtheit, das Leben in uns und andern zu beobachten, nur gewöhnlich finden. Jeder Kreis von Vorstellungen, welche schnell zu einem Bild, einem Gedanken, einer Idee zusammenschießen, jedes schnelle Aufblitzen eines Gefühls, dessen leitende Fäden sie nicht übersehen, erscheint ihnen wunderbar. Der Bibelspruch, dessen Sinn sie nach längerem Grübeln verstehen, »wird ihnen aufgeschlossen«. Ihre Traumbilder, welche bei der emsigen Beschäftigung mit der Schrift häufig biblische Gestalten zeigen, werden von ihnen nach dem Erwachen sorglich in verständigen Zusammenhang gebracht und ohne daß sie sich der erfindenden Zutat bewußt werden, zu einer kleinen Dichtung abgerundet. Ihre lyrischen Stimmungen formen auch die Tagebücher um, welche bis dahin in der Regel nur ein Verzeichnis der zufälligen Vorfälle gewesen waren, die vertrauten Blätter werden von jetzt mit unbehilflichen Versuchen, durch prächtige Worte ein leidenschaftliches Gefühl auszudrücken, und mit Betrachtungen über das eigene Herz gefüllt. Wenn eine Pietistin kurz nach 1700 schreibt: »Es waren so viele tiefe Gedanken in meinem Herzen, daß ich's nicht ausdrücken kann«, oder »Ich hatte große Empfindungen über diese Gedanken«, so klingt dergleichen für uns wie eine Äußerung der jüngstvergangenen Zeit, etwa von Bettina Arnim, welche allerdings in mancher Hinsicht ein Nachklang jener erregten Frauen ist, die einst am Main unter Speners Leitung beteten. Aus dem Leben drang dieselbe Fertigkeit einer staunenden Selbstbetrachtung in die Poesie: die Lyrik, später auch die Romane.

Ferner begann mit dem Pietismus in Deutschland auch ein neuer gesellschaftlicher Verkehr. Selten war den Häuptern der frommen Gemeinden ein ruhiges Leben beschieden, sie wurden hin und her versetzt, verjagt, umhergetrieben. Die Jüngeren, welche Lehre, Trost, Erleuchtung suchten, taten deshalb Reisen oft in entfernte Landschaften. Überall fanden sie verwandte Seelen, Gönner, Bekannte, oft gute Aufnahmen und Protektion auch von Fremden. Wer nicht selbst reiste, liebte doch an Geistesverwandte über seine Stimmungen, über Versuchung und Erleuchtung zu schreiben. Auch das war neu. Solche Briefe wurden herumgetragen, abgeschrieben, weit verschickt. Es war der Anfang des Briefkultus. So entstand ein stiller Zusammenhang der frommen Seelen durch ganz Deutschland, eine neue menschliche Verbindung, welche zuerst die Vorurteile des Standes durchbrach, die Frauen zu angesehenen Mitgliedern einer geistigen Genossenschaft machte, ein Verkehr, dessen Hauptinteresse das innere Leben der einzelnen war. Und dieses gesellschaftliche Treiben der Frommen aus der Zeit von Spener hat noch hundert Jahre später Form und Methode des Verkehrs der schönen Seelen bestimmt; ja das menschliche Verhältnis unserer großen Dichter zu deutschen Fürsten und vornehmen Frauen ist vielleicht nur möglich geworden, weil die Stillen im Lande in ähnlicher Weise an den Höfen gelebt haben. Auch die Methode blieb dieselbe, die Besuche der Reisenden, die Briefe, die stillen Gemeinden der Feinfühlenden. Und die Empfindsamkeit der Wertherperiode ist nur eine Stieftochter von der Gefühlsseligkeit des alten Pietismus.

Auch die segensreiche Einwirkung, welche die Pietisten auf Sitte und Zucht des Volkes ausübten, ist nicht niedrig anzuschlagen; sie wurde allerdings dadurch beeinträchtigt, daß sie sehr geneigt waren, sich von der Menge abzuschließen. Überall aber, wo die Tätigkeit, welche Spener als Seelsorger geübt hatte, Nachahmung fand, vollends wo der Pietismus in der Landeskirche zur Anerkennung kam, wurde das praktische Christentum der neuen Lehre erkennbar. Wie Spener brachten seine Nachfolger die Kinderlehren in Ansehen, gern benutzten sie diese Stunden, wo die jungen Seelen der Gemeinde und die Herzen der Älteren sich ihnen aufschlossen, um bedeutsame Tagesereignisse zu beurteilen und praktische Anwendungen ihrer Lehre zu machen. Sie waren es, welche zuerst nach dem verwüstenden Krieg mit warmem Herzen für die Volksschulen sorgten, auf sie müssen die ersten Anfänge einer geordneten städtischen Armenpflege in größeren Städten zurückgeführt werden. Es ist bekannt, wie die deutschen Waisenhäuser durch sie eingerichtet wurden; dem Beispiel Franckes in Halle folgte man in vielen andern Städten, die großen Institute wurden von den Zeitgenossen wie ein Wunder angestaunt. Und für alle Zeit soll unser Volk mit besonderem Interesse auf diese Stiftungen unserer frommen Vorfahren sehen. Denn sie sind die ersten gemeinnützigen Unternehmungen, welche durch freie Privatbeiträge einzelner aus ganz Deutschland gegründet wurden. Zum erstenmal wurde durch sie dem Volk in das Bewußtsein gebracht, wie Großes durch das Zusammenwirken vieler Kleinen geschaffen werden könne. Daß diese Erfahrung dem Volk damals wie ein Märchen erschien, ist nicht auffallend, wenn man erwägt, daß durch die Stillen in den Jahrzehnten vor und nach 1700 aus den Ländern deutscher Zunge weit mehr als eine Million Taler für Waisenhäuser und ähnliche wohltätige Institute zusammengebracht worden sein muß – allerdings nicht nur aus Privatkassen –; aber in dem armen noch dünn bevölkerten Land haben solche Summen eine Bedeutung.

So bereitete der Pietismus nach vielen Richtungen große Fortschritte vor, und das Beste, was er seinen Gläubigern bot, eine Steigerung des Pflichtgefühls und eine größere Innigkeit der Empfindung, das ging aus den stillen Gemeinden auch in die Seelen von vielen tausend Weltkindern über; er trug kaum weniger als die Wissenschaft der beginnenden Aufklärungsperiode dazu bei, das wilde und rohe Treiben, welches in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts überall abstößt, zu mildern und dem Familienleben der Deutschen wenigstens in den Städten größere Einfachheit, Ordnung und Zucht zu geben. Die Familien, aus denen unsere großen Gelehrten und Dichter herausgewachsen sind, das Vaterhaus von Goethe, Schiller und Kant, zeigen die Einwirkungen, welche die Pietät auf die letzten Generationen der Vorfahren ausgeübt hatte.

Daß viele der Pietisten sich schnell in Wunderlichkeiten und auf gefährlichen Abwegen verlieren mußten, ist freilich begreiflich.

Es war natürlich, daß denen, welche nach inneren Kämpfen und langem Ringen die Kraft zu einem gottseligen Leben gewonnen hatten, die Erhebung des sündigen Menschen zur Hauptsache wurde; und da man überall sehnsüchtig eine direkte Einwirkung Gottes auf das eigene Leben suchte, so lag nahe, auch diese Erweckung einer besondern Begnadigung des Herrn zuzuschreiben und den Moment, in welchem die Erleuchtung und Heiligung des eigenen Wesens durch Offenbarung des Göttlichen stattfand, angstvoll zu erflehen, und wenn nach starker Spannung der Seele die Exaltation eintrat, diese als den Anfang eines neuen gottbegnadigten Lebens zu betrachten. Auch Luther hatte nach der Erleuchtung gerungen, auch er hatte das Entzücken der Erhebung, innern Frieden, Ruhe, Klarheit, Gefühl der Überlegenheit über die Welt empfunden. Aber es war bei ihm und den Kräftigen seiner Zeitgenossen ein immerwährender Kampf und ein häufig wiederholter Sieg gewesen, ein gemütlicher starker Prozeß, der ihm selbst zwar zuweilen wundervoll erschien, der aber bei seiner gesunden kräftigen Natur nichts Kränkliches hatte und dessen besondere Formen, die Kämpfe mit dem Teufel, nur die natürliche Folge des naiven und treuherzigen Volksglaubens waren, welcher die alten Hausgeister und Kobolde unserer heidnischen Ahnen in christliche Engel und Teufel verwandelt hatte. Die neuen Frommen dagegen lebten in einer Zeit, in welcher das Leben der Natur und des Menschen bereits viel verständiger nach Ursache und Wirkung aufgefaßt wurde, wo eine Menge von wissenschaftlichen Vorstellungen populär war, wo ein praktischer weltlicher Sinn, der sich wenig Illusionen machte, überwog, wo Begeisterung und große Ideen selten das Menschenherz erhoben. Schon lagen die Anfänge des Nationalismus in den Seelen der Zeitgenossen. In solcher Zeit war die Wiedergeburt, der Moment der Erweckung keine Stimmung, welche leicht kam, kein Zustand, in den man sich bei gesundem Nervenleben ohne eine gewisse Gewaltsamkeit versetzen konnte. Man mußte lange darauf warten, sich angestrengt vorbereiten, Körper und Seele dazu forcieren; mit einer Selbstbeschaulichkeit, in der schon etwas Ungesundes lag, belauerte man ängstlich die eigene Seele, ob der Moment nahe sei, ob man die Erweckung habe. Und dieser Moment der Erweckung selbst sollte ein durchaus von aller andern menschlichen Stimmung verschiedener sein. Um die Überzeugung hervorzubringen, daß er gekommen sei, reichte den meisten Naturen auch nicht mehr die Stimmung aus, welche die kräftigen Reformatoren nach schweren Gewissenskämpfen beglückt hatte und welche zu allen Zeiten auf dem Menschenantlitz wie ein Abglanz des Göttlichen ruhen wird: der Friede und die Heiterkeit, wie sie nach starker schöpferischer Arbeit des Geistes, nach dem siegreichen Ende eines Kampfes zwischen Pflicht und Neigung kommen. Jener Durchbruch der Gnade bei den Pietisten war wenigstens häufig von Entzückungen, Visionen und ähnlichen pathologischen Erscheinungen begleitet, welche zu keiner Zeit gefehlt haben, die man aber damals als die höchsten Momente des Erdenlebens mit Leidenschaft aufsuchte, mit Bewunderung berichtete. Es sollte in kurzem klar werden, daß gerade die Erweckung die Klippe war, an welcher der Pietismus zugrunde ging.

Auch die Lektüre der Schrift mußte bei solcher Richtung allerlei besondere Gefahren bereiten. Wer die heiligen Bücher deutete und die Überzeugung hatte, daß Gott ihn mit direkten Einwirkungen begnadigte, der war in der unglücklichen Lage, jeden zufälligen Einfall, der ihm bei einer Stelle kam, für eine unfehlbare Offenbarung zu halten. Nun machte aber die Sehnsucht der schwachen Zeit nach besseren Zuständen und die besondere Neigung der Frommen nach Erleuchtung die prophetischen Bücher des Alten und Neuen Testaments besonders lockend. So kam es, daß die Pietisten aus ihnen eine Menge von Enthüllungen und Prophezeiungen herauslasen. Es ist fast zufällig und nicht von Wichtigkeit, zu welchen Resultaten sie gerade kamen. Die Beschäftigung aber mit den dunkleren Stellen der Propheten und vollends mit der Offenbarung Johannes, welche noch Luther eine Zeitlang vertraulich für ein verworrenes und unangenehmes Buch erklärt hatte, trug nicht dazu bei, ihr Urteil klarer und ihre wissenschaftliche Bildung tüchtiger zu machen, denn noch hatte ihre Zeit den Schlüssel zum Verständnis dieser Aufzeichnungen nicht gefunden. Dazu kam, daß die Sprachkenntnisse auch der Gelehrten in der Regel ungenügend waren, obgleich nach dem Vorbild der Schurmann bereits hier und da ein frommes Fräulein Hebräisch lernte. Nicht lange, und der Mehrzahl erschien alle weltliche Wissenschaft unnütz und schädlich.

So drohten dem Pietismus sofort nach seinem Aufkommen in Deutschland große Gefahren. Aber das Leben der älteren Pietisten, welche von Frankfurt aus sich über Deutschland verbreiteten, ist doch noch einfacher und harmloser, als das spätere Treiben zu Halle und unter den Separatisten des achtzehnten Jahrhunderts.

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