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Besonnte Vergangenheit

Carl Ludwig Schleich: Besonnte Vergangenheit - Kapitel 4
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authorCarl Ludwig Schleich
titleBesonnte Vergangenheit
publisherVier Falken Verlag
printrun466.? 616. Tausend der Gesamtauflage
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Meine Mutter

Kalkofen und die Heimat meiner Mutter

Wenn man die Oder abwärts nach Norden mit einem der noch die Zeit der Schrauben überlebenden Raddampfer oder mit den modernen, schneller die Fluten durchschneidenden Passagierschiffen der »Bräunlichschen Reederei« durchfährt, kommt man auf der Westseite zunächst bis zu der Riesenwerft des Vulkan an den sich längs streckenden Ausläufern der Stadt Stettin und ihren Vorstädten Grabow, Bredow, Züllchow vorbei. In meiner Erinnerung stehen mir diese von bewaldeten Höhen umschlossenen bewohnten Ufer, rechts nur durch flache Wiesen mit Gruppen von Büschen darauf, im Hintergrund von den pommerschen Wäldern flankiert, in der Erinnerungssonne zahlloser Fahrten mit den Eltern immer wie überleuchtet da. Aber nicht so leuchtend wie an jenem denkwürdigen Herbstabend, als sie zu Ehren des alten Kaisers Wilhelm, der zu den Manövern in Stettin eingekehrt war, die Oder auf- und abwärts illuminiert waren mit einer Prachtverschwendung von Lichtgirlanden, Blink- und Pechfeuern, Raketenaufwand und bengalischen Gluten, die mir wie ein Lichtwunder aus Tausendundeiner Nacht erschien, wie ich es in meinem Leben bis zu dem heutigen Tage nicht wiedergesehen habe. Dazu die Tausende von Schiffen und Ruderbooten, bewimpelt und hoch bis in die Mastspitzen mit Lampions und Leuchtkörpern geschmückt, eine Festflottille, die sich langsam wie ein leuchtendes Riesenkrokodil den Fluß hinabwälzte unter ohrenbetäubendem Lärm der Musikkapellen und der jubelnden Menge –, ein seltenes Bild der hingebenden Huldigung an einen greisen Monarchen. Fährt man diese Strecke vom Hafen aus über die genannten Orte hinweg, um dann durch das weite »Achterwasser« in das Haff einzumünden, da, wo die letzten Häuser von Jasenitz, Stepnitz, Ziegenort die Ufer säumen, und wird hier das Haff an kurzer Stelle so breit, daß man vor- und rückwärts wie zur Seite keine Ufer mehr sieht, so bietet sich dem nach Norden ausschauenden Passagier ein Anblick ähnlich wie dem Helgolandfahrer dar. Aus den Fluten taucht eine Insel, nicht so romantisch-grotesk wie die rotfelsige Wand von Helgoland, aber doch ein ungemein überraschend und lieblich von waldigen Höhen und hellen Strandabhängen grüßendes Eiland, die Insel Wollin. Die Wälder werden beim Heranfahren dichter, lockig wie ein Riesennegerhaupt, die zerklüfteten Ufer gelblich licht, in den eingefalteten grünen, buntackrigen Tälern tauchen Häuser auf, und gerade da, wo das Schiff nach Nordwesten einbiegt in die Swine und den breiten Vietziger See, an der Südwestecke der Insel, senkt sich das Bergland derselben einschnittartig nieder, fast bis zum Strand, und aus dieser Talmulde erhebt sich grüßend ein sehr schönes Kirchlein, das einer meiner Oheime erbaut hat und an dem mehrere meiner Anverwandten generationsweise als Seelsorger amtiert haben, das Gotteshaus von Lebbin, in dessen Gewölben die Gebeine meiner Großeltern und der meisten ihrer Kinder ruhen. Hier, von wo aus man über das Haff und die drei Odermündungen hinweg auf die lagunenhaften Inselkanäle des Vietziger Sees, auf Kirche und Dorf, auf Wald und Ackerland ringsum einen der schönsten Fernblicke hat (über die hohen Wälder hinweg leuchtet sogar von Norden her bei hellen Tagen ein Streifen des Meeres auf), hier an dieser Stelle, wo zahlreiche Landzungen sich steil abfallend in das weite Haff senken, auf einer solchen Höhe, wie sie schöner die ganze Erde nicht viele bietet, möchte auch ich begraben sein. In meinem »Es läuten die Glocken« ist sie mit ewigem Heimweh in dem Kapitel: »Tod ist ein Menschenwahn« ausführlich beschrieben. Hinter diesen Höhen nun, tief ins Land hinein, liegt die Heimat meiner Mutter, das uns Schleichs und Küsters unvergeßliche »Kalkofen«, einst eine kleine Ansiedlung von Angestellten meines Großvaters, der hier eine gewaltige Kalkgrube entdeckt, ausgebaut und zur Förderung der schneeweißen Erde große Öfen und Formereien neben einer ausgedehnten Landwirtschaft angelegt hatte, das jetzt ein großes Dorf mit einer ausgedehnten Kalk- und Zementfabrik geworden ist. Damals war es ein trautes, idyllisches Fleckchen von wälderumrauschter, seeumfaßter Traulichkeit und Stille, der die Bergwerksarbeit der Förderung vorzüglicher, reiner, weißer Kalkerde mit der tief in den Leib des Bodens eingewühlten, steilrandigen Grube etwas zauberhaft Romantisches gab. Es war ein riesiger weißer Wundersaal mit kirchhohen, steilen Tempelwänden, schwarzen Quadern am Rande, den ein dunkler Wald krönte, mit einem eigentümlich hellgrünen See in der Tiefe, zu dem wir Kinder natürlich nur mit einem nie ganz geschwundenen Gefühl heiligen Staunens über die Wunder des Erdinnern und ihrer aufgerissenen Flanken hinabschritten. Hier war alles von der gespenstigen Romantik des weißen Kalkstaubes überpudert, bereift, bestaubt wenigstens in unmittelbarer Umgebung der Grube. Alle Werkhallen und Gehöfte, die Riesenschuppen, die Öfen waren überhaucht von diesem Mehl der Erde, was dem ganzen Flecken einen verwunderlichen Ton von porzellanartiger Absonderlichkeit, aber großer Sauberkeit und Keuschheit gab. Jedenfalls drückten diese weißen Bergwerke der Landschaft ihren Stempel viel lieblicher und anmutiger auf, als es ihre schwarzen Zwillinge, die Kohlendistrikte, zu tun pflegen. Es war ein Schmuckkästchen, dieses Kalkofen, wo meine Großeltern wohnten. Hier hatte sich mein tatkräftiger Großvater buchstäblich ein kleines Königtum für seine Sippe gegründet. Man gelangte dahin, da man in dem kleinen Kahnschifferhafen zwischen Vietzig und Lebbin mit Dampfern nicht anlegen konnte, vom Vietziger See her, der vor Misdroy bei der Vietziger Ablage endet. Von hier geht es zu Land durch das Fischerdorf Vietzig in den Bereich jener Kalkwerke, deren Betrieb ich in einem Drama »Um Dorf und Gehöft« sowie in mehreren Dichtungen zu verherrlichen versucht habe. Eine Novelle »Charli« schildert Landschaft und Menschen und ein für mich lebensgefährliches Abenteuer dieses meines eigentlichen Heimatdorfes, denn von dem Gute meines Großvaters väterlicherseits, Zabelsdorf bei Stettin, habe ich nur karge Eindrücke, schon in meiner frühen Jugend ach! kam es unter den Hammer. Kalkofen aber und die Insel Wollin ist meine eigentliche Landheimat, denn alle Eindrücke von Natur, Menschen und Leben wurzeln in seinem Boden, seinen Wäldern, seinen Höhen, Seen und Feldern, seinen Bewohnern. Waren wir aus Stettin doch nicht nur alle Schulferien hier bei Großeltern oder Oheimen wie zu Hause, nein, auch das ganze Jahr hindurch siedelten wir häufig sonnabends nach der Insel über, die in 3 Stunden herrlicher Wasserfahrt zu erreichen war, um über Sonntag dort zu verbleiben. O du himmlische, wundervolle Jugendzeit hier auf dem Insellande, wo wir in den großen Ferien oft zu mehreren Dutzenden von Enkelkindern in Wohnhäusern, Kalkschuppen und Dorfherbergen, alles den Verwandten gehörig, eingepfercht waren! Denn meine Großeltern hatten 13 Kinder erzeugt, alle verheiratet und zum Teil ebenso reichlich dupliziert (wir Schleichs waren »nur« sechse!). Man kann sich keinen Begriff machen von diesem Ameisenhaufen von Jöhren jeden Alters und diesem Gekribbel und Gewimmel aller futternder, jauchzender, tollender und übermütiger Banden, die miteinander eine Freiheit genossen, wie sie wohl wenigen Kindern auf der Welt geboten werden kann. Es war eine richtige Stammeskolonie von »Haffinsulanern« von einer zeitweise völligen Isolation von aller Kultur und Zivilisation. Wir wuchsen auf wie Neger, Indianer oder Zigeuner. Man ließ uns gehen und treiben in der schönen Welt dieser freien Wälder und Felder, wie's Gott gefiel. Da war es denn auch nichts weiter Wunderbares, daß, während unsere Eltern, wie ich mich noch deutlich erinnere, musizierten, eifrig in den Gärten über die Vorrechte von Frau oder Mann debattierten, unendlich viel »Verwandten-Hühnchen« miteinander, oft sehr heftig, zu rupfen hatten, Karten spielten, politisierten, die ganze Rasselbande von einigen dreißig Cousins und Cousinen über das Land gepilgert war, in Wäldern umhertollte und einst sich einem echten Zigeunerlager attachierte, mit ihnen wanderte, futterte, abkochte, ihren Tänzen und Spielen lauschte und bis spät in die Nacht um ihre Herdfeuer hockte und keiner an Eltern, Haus und Nachtruhe dachte. Endlich, spät abends, war es unseren verehrten Eltern eingefallen, daß sie neben ihren streithaften Vergnügungen auch Familienpflichten hätten, aber – hallo! »Wo war denn die ganze Bande?« Da gab's ein Geschrei im Dorf und allen Gehöften, und schließlich rückte eine gemischt männlich-weibliche Expedition mit Fackeln in die Wälder, um das junge Kriegsvolk dieses Indianerstammes zu suchen, was denn auch nach Mitternacht zwischen Mokratz und der Stadt Wollin gelang. Wir schliefen schon alle zwischen Pferden, Zelten und auf Strohbündeln in der himmlischen Illusion, die Angehörigen echter Zigeuner, frei wie alle unsere Stammesbrüder zu sein. Ach! Damals stahlen die Zigeuner uns nicht; wie sie es mit den Gänsen, Hühnern und Eiern gehalten haben, will ich nicht verraten, da wir doch einmal im Leben ihresgleichen waren und wir ihnen eigentlich auch ohne rechtliche Autorisation dazu »schenkten«, was Großmutters Haus, Hof und Keller nur irgend bot. Was Wunder, wenn dieses Volk der Steppe eine große Anhänglichkeit an unser Heimatdorf besaß. Es war auch zu schön, ihren Geigen, Zymbeln und Harfen zu lauschen! Da war ein junger, dunkeläugiger Mann einst bei meinem Onkel Franz, der Amtsvorsteher war, wirklich gefangen unter dem schweren Verdacht vieler Diebstähle. Eine ganz junge Zigeunerin war seine Geliebte, mit der ich oft Hand in Hand durch Wald und Feld gestreift bin und die einmal vor »Jungo« und mir im Walde ohne Scheu im Mondschein splitternackt einen exzentrischen Tanz zu seiner wilden Geigenmusik aufführte (ich habe darüber eine Novelle gedichtet »Die braune Venus«). Dieser half ich mit einer herbeigeschafften Leiter dem gefangenen Jungo seine Geige und Speis und Trank durch das vergitterte Fenster hinaufschmuggeln. Von hier herab klangen oft in die Nächte die wirklich meisterhaft gespielten Zigeunerweisen; das ist der Grund, warum mich Sarasates Spiel dieser Melodien jeder Art ungarischer Musik stets so tief ergriff. Ging doch diese Zigeuneraffäre tragisch aus! Einstmals stieg die braune Venus, von der Labung Jungos zurückkehrend, über die Hecken des Gartens meines Oheims, um auf das freie Feld zu gelangen. Unglücklicherweise ging gerade der Forsteleve meines Oheims durch den Klee auf die Pirsch. Seine frei laufende große Bulldogge Nero sah die Zigeunerin und stürzte mit wildem Gebrüll, auf keinen ängstlichen Zuruf hörend, über sie. Sie fiel zu Boden. Hund und Mädchen ein Knäuel. Der junge Förster riß in wilder Angst – man sagte, er liebe die Braune – die Flinte vom Nacken, legte auf den Hund an, um das Kind vor dem Zerfleischen zu retten, und schoß der Armen drei schwere Rehposten durch das Herz. Sie verendete auf der Veranda meines Onkels Franz, dessen Tränen ich im Mondlicht rinnen sah.

Seit dieser Zeit waren die Zigeuner verschwunden; nur alljährlich kam um die Erntezeit ein weißer, uralter, triefäugiger Zigeunervater mit seiner Harfe. Auf dieser Veranda spielte er dann traurige Weisen, aber auch der Jugend um Geld zum Tanz auf. Der Harfner! Aber Mignon war schon tot. Ob er wohl zu ihrem Gedächtnis alljährlich die Stätte ihres gräßlichen Sterbens aufsuchte? Und ob wohl die Trauerweisen, die er der Tanzmusik, an einer Säule hockend, spät nachts anschloß, ihrem Andenken gewidmet waren? Arme Mignon!

O diese romantischen Jugendexpeditionen in die Wälder, auf die Berge, an die See. Diese Räuber- und Prinzessinspiele, diese Ponyreiterfeste, diese Indianerkämpfe in wallenden Federbüschen, Skalpgurten und fremdländischem Waffenschmuck; diese Schlachten- und Friedenspfeifenberatungen! Wütende Erstürmungen der Bergabhänge, Hochzeitsfeste, Götzenanbetungen, Marterqualen! Wir waren eben tagelang ganz echte Indianer, wie wir auch Zigeuner-, Seeräuber- und Reiterhorden bildeten.

Einst ward ich tief im Walde als »Unkas, der Letzte der Mohikaner«, an einer Eiche schwer gefesselt; die wilden »Sioux«, eine Bande von einigen zwanzig gräßlich mit Ocker, Kalk, Teer und Eigelb tätowierten Bengels, warf mit Pfeilen, Dolchen, Tomahawks nach mir in durchaus nicht lebenschonender Weise. Aber ein Unkas erträgt eben alles mit stoischem Gleichmut! Es erschien mir aber zunächst doch als ein Glück, daß die ganze federgeschmückte Siouxbande durch einen bunten Häher oder so etwas Ähnliches in die Büsche abgelenkt wurde und mich und meine Marterqualen vergaß. Wer weiß, was sie dann weitergelockt hat. Genug, es wurde später und später. Unheimlich fiel der Abend und die Nacht in den Wald. Ich war immer noch Unkas, meine stark gebundenen Glieder schmerzten, von Loskommen war keine Rede, und ich könnte wohl noch dort im Stengower Wald als Skelett zu finden sein, wenn nicht zufällig der Förster des Reviers des Weges gekommen wäre gegen 10 Uhr abends und mich mit ebensoviel staunendem Mitleid wie grausamem Gelächter befreite. Noch gedenke ich des Weges im Dunkeln durch den merkwürdig gespenstisch lebendigen Wald. Bald knackte es hier, bald da, bald schrie ein Vogel, huschte ein Getier durch das Unterholz. Es war mir, als leuchteten hier und da Sprühaugen aus dem Gebüsch. Es war mit einem Male sehr unheimlich, und noch weiß ich, wie ich langsam nach der schwieligen Hand des alten Försters tastete, so bange wurde mir in der undurchdringlichen Dunkelheit. Beim Annähern an das Dorf freilich kamen die Eltern, Onkels und Tanten schon wieder mit Fackeln angezogen, um endlich nach dem kleinen Carl zu sehen. Dieser hatte trotz der Rührung der Wiedersehensstunde jedoch nichts anderes zu tun, als schnurstracks auf den Häuptling der Sioux, Vetter Hermann, zuzuspringen und ihn vor den Augen der Welt gründlichst zu verprügeln! Ich glaube, mich machte weniger die persönliche Rücksichtslosigkeit so wütend als der bewiesene unerhörte Mangel an Spielernst.

O diese Erinnerungen alle, mit denen ich allein ein Buch füllen könnte! Da war uns einst ein Kanarienvogel, unser aller Liebling, gestorben, und wir beschlossen, dem in einem kleinen Sarg liegenden weißbekleideten Sänger ein pompöses Begräbnis, gleich einer Prozession, auszustatten. Jeder der 30 Knaben und Mädchen sollte eine brennende Kerze und einen Kranz tragen. Abzug der Leidtragenden um 6 Uhr früh vom Rosengarten aus. Alle waren da, nur der kleine sechsjährige Paul nicht. Wo war er? Nicht zu finden! Man konnte des Herrn Predigers (mein Vetter Max Alverdes) wegen nicht länger warten, auch waren einige der Damen, in den langen Kleidern ihrer Mütter, der Ohnmacht nahe. Der Zug ging los. Drei von uns spielten Geige, ich gnurpste oder knipste gehend auf dem Cello. Wir kommen an die ausgewählte Begräbnisstätte, eine meilenweite Heide. Wer sitzt da in der riesigen, einsamen Gottesnatur, der einer Armee Raum geboten hätte, mutterseelenallein auf einem Baumstamm mit gefalteten Händchen? Der kleine Paul! Alles stürzt auf ihn zu: »Aber Paulchen, wo steckst du denn? Was ist, warum bist du vorausgelaufen?« Da sagt ganz schüchtern aber pfiffig der Knirps: »Ich wollt' gern 'nen guten Platz hab'n!«

Ein anderes Mal saßen wir alle, Eltern, Großeltern, Großonkels, Onkels, Tanten, Cousinen jeden Jahrgangs an dem unausdenklich großen und wohlgedeckten Morgenkaffeetisch, als sich im Gang der großen Vorhalle des Großelternhauses ein unglaublich jämmerliches Kindergebrüll und dahinter das Krächzen von Kukhahns, des Kuh- und Bullenknechtes, wohlbekannter Stimme vernehmen läßt. Alles horcht mit dem hier bei solchen Gelegenheiten nicht gerade mehr erschütternden Frageblick auf: »Was ist denn nur wieder los?« Da öffnet sich, wie vor einem Parkett, die Tür, und in ihrem Rahmen erscheint wie ein kleiner Ägir, von oben bis unten moosübergossen (es war aber Kuhdreck!), der kleine Eberhard mit weitabgespreizten, schmutzgetünchten Händen und vor grüner Koloratur schwer erkennbarem Antlitz, und Kukhahn hinter ihm in der Tür ohne Rücksicht auf die Schamhaftigkeit so vieler weiblicher Wesen brüllt: »Je! wat hädd hei ok den Bullen von hinten mit 'nen Stock immer an't Gemächt tau klimpern, da hedd de den Schwanz hochnahmen und hedd em kopplings vulldreckt!«Er gebrauchte statt »Gemächt« und »Dreck« viel volkstümlichere Benennungen. Noch sehe ich die jüngeren Tanten und Cousinen mit Servietten und Taschentüchern die Münder verstopfend aufspringen, sich die Seiten halten und auf ihre Zimmer laufen. Selbst »Tante Plinchen«, die äußerst prüde »strenge Römerin« und Älteste der Familie, schüttelte ihren Dogaressaleib fessellos.

Der Erfolg dieses Ereignisses war, daß das tuschierte Unterbauchorgan des stattlichen Bullen – eine uns schon so von seinen Berufspflichten wohlbekannte Persönlichkeit – eine Art historische Sehenswürdigkeit noch am nämlichen Vormittage für alle Mitglieder der Küsterschen Familie wurde, weil doch jeder die corpora delicti noch einmal betrachten wollte.

Dann sommers diese unendlich vergnüglichen Fahrten an die See in Kutschen und Leiterwagen jeden Morgen früh, welche die Ställe unserer Verwandten bis auf die Ackerpferde fast völlig entleerten, denn einige von uns Jungen durften auf Ponys in das ein Stündchen entfernte Seebad Misdroy reiten. Rings in den Dörfern und im Seebade selbst war diese Küstersche Kavalkade berühmt, zumal mein Onkel Franz, immer an der Spitze mit zwei prachtvoll feurigen Rappen einkutschierend, sonst immer in Stulpstiefeln, Sporen und Reitpeitsche einherstolzierend, allbekannt war und geehrt wurde wie der König oder Graf der Insel. Zu den Reunions der Badesaison zogen die Tanzfähigen unter uns gleichfalls in Scharen an, und des Sonntags gab es Ausflüge mit Kind und Kegel meist nach dem wundervollen Jordansee im Norden Misdroys, wo ein siebenbuchtiger mysteriöser Waldsee, mit tief herabhängenden Buchen dunkel umrahmt, bestanden von einer Fülle schönster Mummelblumen, sagenumhüllt neben dem Strande, aber einige hundert Meter höher, ein landschaftliches und geologisches Wunder bildet. Hier im Forsthaus, zwischen See und Mummelteich gelegen, habe ich herrliche Jugendtage verlebt und noch schönere genossen im vollen Mannesalter. Hier ist die Heimat meiner Märchen, hier bei den guten Förstersleuten Knuth wuchs die kleine Else auf, die Schülerin Aldebarans. Hier klangen in der Jugend die Männerchöre meiner sieben Onkels und der schon mannbaren Vettern, hier konzertierten wir an den Ufern des Sees und im Kahne, ein stattlicher Familienmännerchor. Meine Oheime Franz, Hugo und Adolf, der spätere Oberforstmeister in Vorpommern, hatten prachtvolle Tenöre und mein Onkel August, der älteste Küster, einen grandiosen Baß. In späteren Jahren half ich den Tenor verstärken. Da wir fast alles vom Blatt sangen unter Leitung des Musikdirektors Ernst Winter, eines Schwagers meines Großvaters, berühmter Militärkapellmeister in Danzig, so waren diese sangesfrohen Stunden voll schöner musikalischer Erinnerungen. V. Mittelstaedt, der Schwiegersohn Großonkel Winters, hatte einen entzückenden lyrischen Tenor. Hier lernte ich alle die Mendelssohns, Oelschlaegers, Marschners, Kreutzers, Abts für Männerchor gesetzt gut kennen und versuchte schon damals selbständig für Männerquartett zu schreiben.

Das Hauptvergnügen bildete aber natürlich das Schwimmen in der See, allmorgendlich, Rudern und Segeln, was natürlich um so vergnüglicher war, je höher die Wellen gingen. Nicht übel war auch das grandiose Flunderfrühstück bei Onkel Schreckhaase, dem Gatten meiner Tante Ottilie, bei welchem hohe Teller voll dieser schönsten Räucherfische uns freigebigst zur Verfügung gestellt wurden. Schon damals muß diese Liberalität unserer Verwandten in den Sommermonaten ihren Kassen nicht unerhebliche Lücken gerissen haben. Mit wahrer Wehmut aber denke ich zurück an die Krebs-, Aal- und Schinkenfrühstücke im Großelternhause, wo noch eine Badewanne voll Krebse für ein paar Mark zu haben war und der Hof so viel Eier lieferte, daß eine Rühreimahlzeit von hundert Eiern an der Tagesordnung war, gar nicht zu gedenken der besonderen Leckerbissen, die uns an Riesenbretzeln, Napfkuchen, Torten, Schlagsahne usw. noch außerdem geboten wurden.

Was wir aber durch die kleine Fensterluke in der Speisekammer von Großmutters Schätzen, die unter der Aufsicht eines unsterblichen »Fräulein Clara« standen, sonst noch stahlen, wie eine echte Zigeunerbande, an Zucker, Mandeln, Rosinen usw., das übersteigt alle Begriffe. Freilich, unsere Ritter- und Kriegszüge erforderten Proviant und immer wieder Proviant, um die Krieger bei guter Laune zu erhalten, aber es überstieg doch wohl alle gerechten Ansprüche, wenn wir im großen Blechkübel für uns alle dreißig Rüpel aus Gelbei und Zucker jenes goldige Hoppelpoppel zusammenrührten, das so gut für die Stimme sein sollte.

Freilich, mein Großvater, ursprünglich ein einfacher Bauernsohn und Fischer, war ein wohlhabender, ja reicher Mann. Denn er hatte das Glück und Genie gehabt, dem auf seinem kleinen Acker bröckelweise gefundenen Kalk nachzuspüren, ein Lager unter seinem Boden zu entdecken, rings die Äcker aufzukaufen und nun das Bergrecht zu erwerben. Daraus war eine große Schürfgrube geworden, ein Brennofen mit Hunderten von kleinen Feuerluken, aus denen nachts romantisch die hohen Feuersäulen züngelten; unzählige Kalkschuppen, Remisen, Trockenständer reihten sich an; eine Kolonie von Schmieden, Böttchereien, Holzhöfen drang langsam zwischen Scheunen und Ställen vor. Dann, gegen den Vietziger See zu, entstand ein kleiner mit Jachten und Kähnen für den Kalktransport dicht besetzter Hafen, dessen Boote uns alle zur Verfügung standen zu Wettfahrten und Seeschlachten; eine Eisenbahn mit Dutzenden von kleinen Wagen führte aus der Grube an diese Landungsplätze: genug, hier war eine Vereinigung von Werkstätten aller Art, ein wahres Dorado für die beschäftigungswilde Jugend gegründet, wie es idealer gar nicht gedacht werden kann. Dutzende von Typen von Böttchern, Schmieden, Heizern, Knechten, Meistern und allerart Landbewohnern habe ich in der Erinnerung behalten, so daß ich sie greifbar schildern könnte. Da war der Böttcher mit dem ironischen Namen »Kasch«, ironisch, denn er war bucklig und hatte seinen Leib nach dem Tode meinem Onkel Ernst, dem späteren Chef des Augusta-Hospitals und Marburger Chirurgen, bei Lebzeiten schon verkauft, ein weltweiser, spöttischer Gnom; da war der beliebte Böttcher Gehm, der Vater meiner Kindheitsbeschützerin, der so schöne Lieder beim Hobeln sang, da der krummbeinige verwetterte »Kapitän« Pech, der seine Jacht mit der Liebe eines Bräutigams durch die Fluten leitete, der mich Jahrzehnte später auf meine Frage: »Ob er mich noch kenne?« mit der Gegenfrage ignorierte: »Wat mokt de Oll?«, denn er liebte meinen Vater, mit dem er oft auf »Motten- und Entenjagd« fuhr, schwärmerisch. Da war aber vor allem der Dorfschmied Krause, ein Genie, welches die Tat eines Robert Mayer, nämlich das Gesetz von der Erhaltung der Kraft und die aseptische Wundbehandlung Listers und Bergmanns, auf dem Wege genialer Intuition allein gelöst hatte. Und zwar so. Wenn der schwarzbärtige Mann auf seinem Amboß hämmerte, daß nur die Funken so sprühten, dann sagte er mehr als einmal zu mir: »Kick mal an, min Jung, woans hier nur de Füerspritzen fliegen, wil ik up dat heiße Isen rümmer baller mit den Hammer. Dei steigen nu dorch bat apene Finster, etzliche up de Strat un etzliche dor in'n Boden, an't Kurn. Dei moken nu de Wörteln heit, un de Wärm stiegt nu in de Halm' un dat Kun, davon wassen de nu schön prall ut, ehr Mehl kummt denn in min Brot, dat Brot mit seine Kraft in min' Muskel, un von da weder traurügg in den Hammerstiel un up das Gläuhisen. So geiht dat in de Welt immer ringsium, imer vor un taurügg. Allens geiht in'n Kreis!« Wo habe ich doch Ähnliches später mit so viel Emphase als größten deutschen Gedanken preisen gehört? Richtig! Bei Mayer-Helmholtz! und man hat behauptet, der große Helmholtz habe solche Weisheit dem großen Robert weggenommen. O weh! Carl Krause in Kalkofen, der Schmied von Wollin, hat sie längst bei sich getragen. Nur war er kein Publizist und hat nur zu dummen Jungens gepredigt. Auch hat er keinen chirurgisch-biologischen Lehrstuhl eingenommen und fand doch eine Methode, sämtliche Wunden auf den Nachbardörfern auf das allermodernste zu behandeln, zu einer Zeit, als noch niemand an Antisepsis, geschweige denn an Asepsis dachte. Er begoß nämlich die Wunden stets mit Schmiedeeimerwasser, das er durch Eintauchen der heißglühenden Hufe, Spangen und Rungen rationell aseptisch machte. Er war berühmt wegen seiner tadellosen Wundheilungen und wurde von seinen gelehrteren, aber weniger genialen Kollegen auf der Insel deshalb arg verspottet. Das sind zwei Beispiele von einem inneren Begreifen geheimnisvoller Zusammenhänge bei einem einfachen Mann, der damit die unerschöpfliche Erfinderkraft des Volksgenius garantiert.

Die originellste Persönlichkeit des Dorfes war aber unbestreitbar mein Großvater Ludwig Küster selbst, der seinen ganzen großen Wirkungsbereich für mehrere Generationen ganz aus sich allein aufgebaut hatte und bei etwas größerer finanzieller Begabung es leicht zu einem ungeheuren Reichtum hätte bringen können. Übrigens glich er in dieser vorwiegend idealen, streng rechtlichen Gesinnung meinem Großvater Schleich. Beiden genügte es, behaglich leben und ihren Kindern eine tadellose Erziehung angedeihen lassen zu können; für große Kapitalanhäufung hatten sie keinen Blick. Ludwig Küster, den ich bis zu seinem 80. Jahre (er starb 1874) gekannt habe, war ein mittelgroßer Mann mit bartlosem, geradezu klassischem Antlitz, hoher Stirn, gewelltem Haar und großen hellblauen Augen. Neben einer großen Energie und einer Herrennatur schlummerte eine zarte Gutmütigkeit und Kinderliebe, was uns sehr zugute kam, denn wie oft saßen wir Dutzende von Enkeln und Enkelinnen um ihn an dem großen Kachelofen neben Großonkel Johannes' Thron, des blinden Riesen, der hier Gnadenbrot aß, und ließen uns Greuelgeschichten von spurlos verschwundenen Franzosenleutnants, von Spuk und Geisterwesen in Hof und Feld, vorerzählen. Mich hat er besonders in sein Herz geschlossen, wie mir meine Mutter berichtete, denn er meinte: »Du, Constanze! aus dem Jungen wird mal was!«

Er war ein fester Charakter mit bisweilen prometheischen Trotzallüren. So weiß ich mich zu erinnern, daß er einst, nachdem 14 Tage lang der Wind konträr blies, so daß seine Kahnschiffe nicht auslaufen konnten, was einen großen Verlust für ihn bedeutete, wütend die Büchse vom Flurnagel riß und in die Felder stürmte. Wir hinter dem zornig fluchenden Mann mit Staunen und Bangen her, sahen, wie er polternd erst zweimal in die Wetterfahne schoß und dann mit gräßlich verzerrtem Gesicht in die Wolken hielt. Ich glaubte, er wollte den lieben Gott totschießen. Ich fragte ihn auf dem Heimweg schüchtern: »Großvater! nach wem schoßt du da oben?« Grimmig knurrte er: »Nach Ihm!«

Wie stolz sah ich ihn ein andermal bei einem großen Sturm am Kanaleingang des Vietziger Sees uns erwarten. Mehrere Heuboote waren bei einem orkanartigen Sturme umgeschlagen, mit vielen Leuten und Frauen auf den grasüberladenen Heuern. Von allen Seiten des großen Sees stießen Rettungsboote ab. Unseres, eine weiße Schaluppe für acht Ruder, bemannt mit lauter Küsterschen Enkeln, schoß, allen voran, in den See, mit sportgemäßem Elan, und wir retteten einen alten Bauern und zwei seiner Enkelkinder. Die Mädchen ritten auf dem umgeschlagenen Boot, der Alte lag verklammt im Wasser und hielt sich nur noch mit Mühe am Steuer. Als wir so bemannt, eine junge Schar von Rettern, in den Hafen einfuhren, stand Großvater auf der äußersten Spitze der Bohlen, und ich werde niemals das Gefühl von Stolz vergessen, als er unser Hurra! mit einfachem, aber langem Gruß an der Mütze salutierte. Worauf unser ältester Vetter Max Alverdes kommandierte: »Achtung! Präsentiert die Riemen!« Sie flogen steil in die Höhe, während das Boot glatt einfuhr unter unserem: »Hurra! Großvater!« Dann schüttelte er jedem von uns die Hand, sprach aber nicht mehr darüber. Er wollte uns die Selbstverständlichkeit solcher Handlungsweise einprägen. Das Spiel und Treiben von uns Kindern zu beobachten, war seine größte Freude, und unsere Eltern haben es uns oft erzählt, wie ungeduldig er die Kalenderblätter bis zum Ferientermin abzählte, an dem sein ganzes Geschlecht seine Häuser durchkrabbelte, seine Ställe durchspähte, seine Werke durchtobte wie ein kleines Nomadenvolk aus seinem eigenen Blut. Meine Großmama war eine überaus rundliche Dame von einfachster Bildung; eine kluge Bäuerin von großer Menschenkenntnis und scharfem Blick für das Leben, die ihren Großsesselsitz strickend von früh bis spät nur selten verließ und von ihrem kleinen Gartenfenster aus doch all unsere Streiche zu übersehen schien. Wenn wir es in ihrem geliebten Garten zu arg trieben, dann ebnete sie wohl ihr kleines Fenster und schalt ärgerlich heraus: »Jungs, wollt ihr mich woll aus meinem roten Dendron (Rhododendron)!« – oder: »Brecht mich doch meine Natzalien nich entzwei.« Eine ihrer Töchter hieß Natalie, nach ihr glaubte sie die Azaleen benennen zu dürfen. Einige von uns konnte sie nicht lachen hören: »Jesken, Jesken, der Jung mit sin Plärren plärrt mich noch ins Grab!« Sie war strenger mit uns als unser Großpapa. Als er schon kränkelte, wies sie uns häufiger energisch zur Ruhe. Wir hörten Großvater dann sage«: »Laß man, Mudder, de Kinner! Dat is meine Musik!« Sie war manchmal etwas eigensinnig und verschnupft, und bei wirklichem Ärger hatte sie eine ausgezeichnete Methode, von der sie mir etwas vererbt hat. Sie ging, wenn sie zornig war, einfach für mehrere Tage zu Bett, schloß sich ein und ließ sich nicht sprechen. Oftmals haben wir Großvatern, wie einen Pilgrim vor St. Just, vergeblich um Einlaß an der gemeinsamen Schlafstubentür pochen sehen: »Mudder! Mok doch up! Ik möt min Flint halen!« – »Iß mi ganz glik!« – »Mudder, um Gottes willen! Ik möt mal – rin!« – »Goh up'n Hof!«

Einmal war der damalige Kronprinz Friedrich Wilhelm, der spätere Dulder Kaiser Friedrich, der Vater des unglücklichsten aller Kaiser der Welt, Badegast in Misdroy. Derselbe äußerte den Wunsch, die Kalkbergwerke meines Großvaters besichtigen zu dürfen. Ein Nachmittagskaffee ward arrangiert, und Großvater ermahnte seine Alte, dem Sohne des Königs nicht, wie sonst bei festlichen Besuchen, so viel von ihrer Familie vorzuklöhnen. Solche hohen Herrschaften liebten Familienschnack nicht sonderlich. Die Königliche Hoheit kam und wurde gebührend respektvoll empfangen. mein Großvater hatte nicht umsonst gewarnt. Denn als er, wie so oft, von dem Ofenaufseher herausgerufen wurde, um nach irgendeiner Störung im Feuerbetriebe zu sehen, und die Hoheit für zehn Minuten allein bei Großmutter lassen mußte, hörte er zurückkehrend diese eifrigst sagen: »Und was nun meine Dreizehnte ist!« Sie hatte es dem Prinzen nicht ersparen können, ein kurzgefaßtes Repetitorium ihrer Familienhistorie in fünf Minuten zu skizzieren. Was aber den hohen Herrn köstlich amüsiert haben soll. Großvater aber war starr und drohte mit dem Finger.

Ständig im Hause meiner Großeltern wohnte mein alter Großonkel Johann, der 90 Jahre und fast erblindet war, einst Kahnschiffer, dessen einzige Freude im Pfeifenrauchen und Klingelzeichengeben für die Arbeitspausen bestand, der nur einmal in späteren Jahren sich von seinem tiefen Lehnsessel erhob, um zur Grube zu pilgern, als er hörte, daß ich, etwa sechsjährig, auf der hohen Kalkwand zwischen Himmel und Erde hilflos festsäße. Eine Kalkstufe war unter mir und dem mir beim unerlaubten Hinaufklettern folgenden Kutscher Ehlers abgebrochen. In welcher Weise dieser blinde Greis damals mit dem intuitiven Hellblick der Liebe uns das Leben rettete, habe ich in einer Novelle »Charli« ausführlich beschrieben.

Großonkel Johann war ein Original. Von seinem Thronsessel neben dem massiven Kachelofen sah er die Welt, in den gemütlichen Nebel seiner Pfeife gehüllt, und gab in kurzen salomonischen Sprüchen seine Ansicht über alle Ereignisse kund. »Großonkel! ward't hüt noch regnen?« – »Wenn't so bliwwt, denn ward't ja woll nich!« – »Großonkel! was wird morgen für Wetter sein?« – »'Is ne Tid lang immer dat gleiche Wedder. Mirstenteels is't morgen so as hüt. Blot manchmal is't anners!«

»Bruder Ludwig! Du möt'st Kurn infahren laten!« – »Woher willst du dat wissen?« – »Nu! wenn man so dreißig Johr uppaßt, dann merkt man manches mit't Gefäuhl, wat Ji mit de Ogen nich kieken könnt!«

Über Kalkofen und das Haus meines Großvaters und Urgroßvaters waren einst die Franzosen hergezogen und lagen dort im Quartier. Großvater zeigte mir oft die Stelle ihrer Landung am Haff, wo sie an den Abhängen eines wundervollen Buchen- und Eichenwaldes von Wolgast her eindrangen, genau an der Stelle, wo einst Gustav Adolfs Leiche nach der Schlacht von Lützen in schauerlich-traurigem Barkenzuge über Wollin nach Schweden zurückgeführt wurde. Die französischen Offiziere erhielten damals Quartier in dem alten Hause. General Lefèbre hat hier genächtigt, und viele seiner eigenhändig unterzeichneten Armeerepressalien, Befehle und Requisitionsscheine lagen hier noch herum, manchmal an despektierlichen Stellen zu allgemeinem Gebrauch. Hier war einst ein junger Leutnant einquartiert gewesen und am Kaffeetisch nicht wieder erschienen. Er sei dann splitternackt, den Säbel in der Hand, in dem Kleiderschrank seines Zimmers, Geld, Waffen, Montur, alles unversehrt, die Fenster verschlossen, aufgefunden worden. Ich habe selbst den Schein von General Lefèbre und Bürgermeister Haushalter von Wollin unterzeichnet gesehen, worin bescheinigt stand, daß die Verfolgung eines vermeintlichen Verbrechens aufgegeben sei wegen Mangels jeden Anzeichens eines solchen, zumal auch die Obduktion nichts Kriminelles ergeben habe. Dieses Zimmer, versiegelt und vernagelt, durfte nicht betreten werden, was uns Jungen natürlich – ich fürchte, auf mein Anstiften – nicht abhielt, ein Loch in die Tür zu bohren, wodurch ich natürlich Spinngewebe und eine schnell vorgeschobene Skeletthand sah, die ich allen Komplicen aufsuggeriert haben muß, denn jeder sah sie »ganz deutlich«.

Eine eigentümliche Form der Erinnerung an die Franzosenzeit hat sich auf der Insel und in ganz Hinterpommern erhalten in dem Wortlaut eines Zuspruches bei Trinkgelagen. Man sagt dort noch heute beim Zutrunk unter Gläserklingen oder Anstoßen tiefsinnig, ohne daß jemand den Sinn der Worte ahnt: »Prost! General Knusemong!« Meine Mutter kannte den Ursprung der Trinkgewohnheit noch, sie war den Franzosenoffizieren 1807 abgelauscht, die zu ihren Chefs sagten: » Mon général! Ce que nous aimons!« Daraus hatte das Volksohr den Gruß: »General Knusemong« einfach pommeranisiert. Übrigens gab's auf der Insel ein Abzählspiel, worin auch deutliche Reminiszenzen an die Franzosenzeit enthalten sind. Das Franzosenschicksal einer Urahne väterlicherseits hat Wolfgang Goetz in seiner Novelle »Klothilde und ihre Offiziere« meisterhaft nach einer mündlichen Erzählung meinerseits verewigt. (Hyperion-Verlag, München.)

        Lembolo, lemboli.
        Sanfte Mode tipperi,
        Tipperi di Kolibri.
Ong, dong, dreo, katt ( un, deux, trois, quatre),
Katt mokt sich de Näs' nich natt,
Juckt dat Fell und juckt de Leber,
Kümmt Napoleon un Lefèbre!

Wir schwelgten tief in der Romantik unserer Spiele am Herdfeuer auf freiem Felde, bei den Märchenerzählungen der Ofenheizer abends an den großen Feuerluken, um die wir schauerdurchrieselt aneinandergedrückt hockten, wo wir Chemikalien, Pulver und bengalische Lichter aufflammen ließen und gelegentlich erschlagene Vipern und Kreuzottern in ihrem Fette aufprasseln sahen. Ich persönlich arrangierte ärztliche Konsultations- und Operationsstunden, wobei sich Cousins und Cousinen kleine Geschwülste aus aufgetropftem Siegellack und Stearin beibringen mußten, die ich dann als der Herr Doktor mit Großmutters großer Hornbrille bewaffnet und mit den einer alten Instrumententasche meines Vaters entliehenen Werkzeugen entfernte. »Haben Sie nur keine Angst, bei mir geht alles schmerzlos!« In der Tat schälte ich diese Pseudotumoren völlig unästhetisch ab. Lebhaft wurde ich an diese Jugendgepflogenheiten erinnert, als der Graf Zeppelin zu mir einst die Bemerkung fallen ließ: »Sie haben darin ganz recht, unsere Kindersehnsuchten sind entscheidend für unsere späteren sogenannten Großtaten. Ich habe als Junge so viel rote Ballons gekauft, als mir nur irgend erreichbar waren, und habe sie aneinandergebunden und mit Papier belastet, um ein schwebendes Gleichgewicht zu erzielen. Es ist mir nicht geglückt, aber den ›Zeppelin‹; habe ich doch erfunden!«

Noch eines Ereignisses will ich gedenken, ehe ich von dieser wundervollen Kette der Erinnerungen an Kalkofen und alle seine lieben Bewohner Abschied nehme, der Feier der goldenen Hochzeit meiner Großeltern! Da war herbeigeschafft, was Küche und Keller nur tragen konnten, ganze Körbe voll Eßwaren, Geräten, Tellern, Schüsseln und Gläsern passierten ein; wochenlang vorher wurde geschlachtet, gebraten und geräuchert. Galt es doch, für weit über hundert Personen ein Fest, auf mehrere Tage berechnet, herzurüsten. Ein Riesenkalkschuppen, entleert von allen gefächerten Gestellen zum Austrocknen der gebrannten Kalksteine, wurde durch Tannengrün, Girlanden und Blumenvasen in einen Festsaal verwandelt, von dessen Decke mehr als ein Dutzend schwerer Kandelaber mit Hunderten von Stearinflammen Licht spenden sollten. Lange mehrreihige Tische, strahlend von reinster Wäsche, bildeten die Festtafel. Eine große geräumige Bühne mit allem technischen Zubehör für Musikaufführungen und dramatische Leistungen war errichtet. Hier entspann sich ein förmlicher Wettstreit zwischen den beiden Hauptpoeten der Familie, meinem Senioronkel August Küster, dem Landgerichtsrat von Stettin, und meiner Mutter, die wir wegen ihrer poetischen Liebhabereien eigentlich bisher immer ein wenig gehänselt hatten. Wir Jungens behaupteten, unter allen ihren Dichtungen stände stets: »Nur mit bengalischer Beleuchtung vorzutragen.« Sie hatte Humor genug, um über solche Scherze am herzhaftesten selbst zu lachen. Hier aber ging sie strahlend als Siegerin aus dem Konkurrenzkampf hervor. Während die anderen Familienpoeten sich an die herkömmlichen Nixen vom See, Wasserfürsten, Bergbaugeister und anderen abgebrauchten romantischen Figuren hielten, hatte sie die ganz allerliebste Idee, ihrem guten Vater, der das Kartenspiel sehr liebte, und wozu er seine Söhne und Schwiegersöhne und uns Enkel eifrig erzog, damit nur jederzeit irgendein dritter Mann zum Skat vorhanden sei, aus der Fülle seiner Enkelschar ein ganzes kostümiertes Kartenspiel in einer Ballettform mit Deklamation jedes einzelnen der lebendigen Kartenblätter vorzuführen und von jedem Blatt einen sinnigen Vers sprechen zu lassen. Es muß in der Tat ganz reizend gewesen sein, die zweiunddreißig Kinder so gleichsam aufgeschlagen, wie ein Spiel durcheinander gemischt und zu einem Bilde entfaltet, bei offener Szene plötzlich vor sich zu sehen. Die Figuren waren zur Hälfte echt nach König, Königin, Buben, Damen kostümiert, die untere Hälfte durch gleichgroße farbige Tafeln wie im Porträt der Rolle spiegelbildartig abkonterfeit. Über Assen, Neunen und Zehnen usw. lugten sinnig geschmückte Kindsköpfchen hervor. Jedes sprach sein Verslein. Ich war Coeur-König, meine Schwester Klara, die sehr niedlich war, Coeur-Dame. Zum Schluß traten wir alle dicht hintereinander, und in einer mühsam eingeübten Pirouette schwärmten wir unter rauschender Musik sämtlicher Kapellen aus Wollin und Swinemünde wie ein aufgeschlagener Kartenspielfächer auseinander. Nie hat eine Dichterin einen größeren Triumph erlebt als meine Mutter an diesem Abend. Großvater schluchzte unaufhörlich, küßte die Dichterin ein über das andere Mal und sagte: »Du bist doch meine Beste!« Selbst Onkel August erklärte sich glatt für geschlagen. »Ja!« meinte er, »wenn einem auch so etwas Entzückendes einfällt!« Wie verlief dieser Tag so herrlich, der doch daß Schlimmste befürchten ließ; denn am Morgen noch waren wir Jungen durch die Küche getollt, dabei war Ulrich Küster, unser wilder Vetter, unglücklicherweise kopfüber in eine Riesenschüssel, die bis zum Rand mit eben bereiteter Schlagsahne gefüllt war, gepurzelt. Ratlos stand alles, bis der Koch, die Unmöglichkeit einer Rückbeförderung des kostbaren Schnees in die Schüssel angesichts des nicht zweifelsfreien Hautdeckenbefundes unseres geliebten Ulrich einsehend, uns den armen Jungen zu eigenhändiger Säuberung überließ. Dieser suchte sich übrigens selbst die anhaftende Sahne einzuverleiben.

Als Student nach vielen Jahren sah ich Kalkofen wieder. Alles war verändert. Leer. Doch die Schwalbe sang im Dorf wie einst. Nur mein alter Onkel Hugo, der das ganze Anwesen als sein Erbe verkaufen mußte – die Kalkkonjunkturen hatten die Grube scheinbar ganz entwertet, er, der uns Jungen immer so königlich reguliert hatte und eigentlich mit uns tollte, saß noch auf einem einsamen Gehöft. Er ist ein Philosoph geworden. Mein anderer Onkel, Konrad, der bekannte Geheimrat, Reformer auf den verschiedensten Gebieten, Arzt wie sein gelehrter und gefeierter Bruder Ernst, mein Spezialkollege, war mir immer von Herzen wohlgesinnt, und noch heute verbindet mich mit ihm die Sehnsucht, die Menschheit zu bessern. Da er sich bis zu Religionsreformen verstieg, hat ihm mein witziger Vater den Spitznamen ›Jesus Küster‹; verliehen. Auch mit Ernst Küster habe ich längst Frieden geschlossen und hege für ihn die herzlichste Zuneigung, wie sie das gleiche Stammesblut, der gleiche Beruf und ein großer Respekt vor seiner Gelehrtenarbeit erzwingt.

Manchmal noch bin ich von Misdroy oder Swinemünde aus hinausgepilgert zu den Stätten meines Jugendglückes, wo jeder Fleck von herzigen Erinnerungen flüsterte, und zu jener Klippe am Haff gewandert, wo ich einst in der Heimaterde für immer ruhen möchte. Von allen Teuren nur noch der greise Onkel Hugo mit dem Herzen eines jungen Fähndrichs der Ideale, kerndeutsch, der im Hause seines längst verstorbenen Bruders Franz lebt, dessen Hallen einst von Jugend-, Erntefesten und Familienfeiern widerschallten. Verrauscht! Verwittert! Versunken, wie das nicht ferne Vineta, das Paradies der Jugend, im Meer des Unwiederbringlichen! Solche Pilgerfahrten in die Heimat lassen dann die schönen Erinnerungen plötzlich auftauchen wie goldene Bernsteinstücke, die das Meer vom Goldlager des Jugendglückes grüßend heraufreicht.

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