Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Carl Ludwig Schleich >

Besonnte Vergangenheit

Carl Ludwig Schleich: Besonnte Vergangenheit - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/schleich/besonnte/besonnte.xml
typeautobio
authorCarl Ludwig Schleich
titleBesonnte Vergangenheit
publisherVier Falken Verlag
printrun466.? 616. Tausend der Gesamtauflage
year
firstpub1920
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080902
projectid6f8be316
Schließen

Navigation:

Studium beim Vater und das Physikum in Greifswald

Die Hand Carl Ludwig Schleichs mit einem Operationsmesser

Ich kam in einer schweren Depression, wenn auch als Korpsstudent äußerlich sehr stolz, in mein Vaterhaus zurück. Ich konnte es mir und meinen Angehörigen nicht verhehlen, ich war völlig zusammengebrochen und auf dem besten Wege zu jener chronischen Verbummeltheit des ewigen Studenten, aus der sich schon so mancher hoffnungsvolle Jüngling nie wieder erholt hat. Die absolute Freiheit hatte mich nun fast zwei Jahre in einen Taumel und Rausch gepeitscht, dem auch meine großen physischen Kräfte, meine goldene Gesundheit nicht standhalten konnten. Dazu die schwere moralische Depression über ein fast unsinniges Schuldenmachen, zu dem mich die Leiter von Genuß zum Genuß ohne Halt abwärts geführt hatte. Zwar hatte ein guter alter Freund meines Vaters freiwillig meine Schulden bezahlt, Professor Horner, wie mein Vater ein Freund und Schüler Albrecht v. Graefes; aber auch das drückte sehr, und vor allem die unaufschiebbare Beichte an meinen Vater. Übrigens muß ich an dieser Stelle doch des lieben Horner gedenken, denn die Art dieses wahrhaftig nicht minimalen Geldgewährens (es ging in die Tausende von Franken) war so generös und eigenartig, daß ich sie erzählen will. Horner ließ mich einige Tage vor meiner Abreise kommen und empfing mich mit den Worten: »Du mußt heim! Dein Vater bittet flehentlich. Geh! Mach keine Umständ', und auf die Socken!« Ich machte ein bekümmertes Gesicht. »Natürlich, du hast Schulden!« Ich nickte zögernd. »Also basta! Wieviel ist es? Geniere dich nicht, ich bin ein vermögender Mann. Ich habe einmal in Not in Paris einen Millionär anpumpen müssen, weil ich meine gesamte Barschaft auf der Hinreise verloren hatte (das war auch mir passiert!), und wandte mich an einen Fabrikanten, an den ich einen Empfehlungsbrief hatte. Er legte mir 20 Franken auf den Tisch, die ich ihm vor die Füße warf. Also 'raus mit der Summe! So wird es dir nicht ergehen! Aber ehrlich! Es ist die größte Dummheit, wenn man schon Schulden beichtet, zu wenig zu nennen! Merke dir das. Also wieviel?« Ich stotterte etwa zwei Drittel des Sündensolds. »Also sagen wir summa summarum ehrlich soundso viel.« Er traf die wahre Summe auf den Kopf. Er ging an den Geldschrank. »Hier ist sie. Sage deinem Vater nichts von unserem Privathandel. Gib es mir wieder, wenn du zu Gelde kommst. Wenn nicht, laß es bleiben!« Wegen dieser Rückzahlungsaffäre erzähle ich diese Geschichte. Natürlich hatte ich meinem Vater von dieser Generosität Horners doch erzählt, um ihn mit der Großzügigkeit eines Mannes, den er für einen der Bedeutendsten hielt, zu erfreuen. Nach vielen Jahren, als ich in meiner Klinik Einnahmen erzielte, packte ich das Geld zusammen und sandte es an Horner. Zu meinem Erstaunen bekam ich es zurück mit dem Bemerken, mein Vater habe das schon erledigt; ich möchte aber nicht davon sprechen, der gute Alte habe extra darum gebeten, daß die Rückzahlung geheim bleibe. Vater fürchtete wohl, ich würde nie in die Lage kommen, die Summe wiederzuerstatten. Nach vielen Jahren kam es doch einmal zur Sprache. »Was?« rief mein Vater, »allerdings habe ich das Geld für dich seinerzeit geschickt, aber Horner hat es mir zurückgeschickt mit dem Bemerken, du habest ihm die Summe längst erstattet!« Der Gute hatte uns beide auf das liebenswürdigste beschwindelt! Wir wollten ihm gemeinsam danken, aber er war schon tot.

Wie sehr ich nach der Rückkehr aus Zürich zusammengebrochen war, geht am besten daraus hervor, daß, als ich meine gute, geliebte Schwester Gertrud am Bahnhof in Stettin erblickte, ich ihr alsogleich fassungslos weinend an die Brust sank. Ein furchtbares Schuldgefühl übermannte mich, von dem ich mich trotz des freundlichen Empfangs seitens beider Eltern nur nach der Methode meiner alten Großmutter Küster zu erholen vermochte: ich ging etwa auf acht Tage zu Bett. Dann riß mich des Lebens Welle langsam wieder an sich. Die Milde, mit welcher mein Vater mich wieder allmählich zu sich erhob, war so wundervoll, daß ein förmlicher Blumengarten schönster Reue in meinem Busen zu sprießen begann, und bisweilen wurde es schon ganz gemütlich wieder abends um unsern langen Tisch vor Vater, Mutter und sehr viel Bier mit den fünf Geschwistern. Ich begann zu erzählen, die allerdings sehr zahlreich erbeuteten Studentenschnurren, Ulkgedichte, Soloszenen, drollige Lieder zu rezitieren und wußte ganz allmählich alles in eine ausgelassene Heiterkeit zu versetzen, so daß meinem Alten die Augen zu leuchten begannen und meine Schwestern mich wieder freundlich zu liebkosen anfingen, denn Vater hatte schmunzelnd gesagt: »Er ist doch noch ein ganz guter Junge geblieben!«

Nun ging's aber auch mit vollem Dampf an die Arbeit für die langen Wochen von Ferien. Die Bibliothek meines Vaters bot reichlich Gelegenheit, mich in die Elemente der Medizin einzuführen; denn ich kam so leer an Wissen wie »am Beutel« aus Zürich heim, gestand dies meinem Vater, und nun begann er mir systematisch Aufgaben in Tagesdosen zu stellen, die ich mit einem solchen Feuereifer absolvierte, daß er zu einer meiner Schwestern einmal sagte: »Der Junge ist so begabt, der lernt in einem Tag, wozu ich als Student 14 Tage gebraucht habe!« Ich wurde wieder salonfähig; auch die alte Liebe zu jenem kleinen Mädchen, dem ich einst die Schulbücher aus dem Schnee gesammelt hatte, Hedwig Oelschlaeger, tauchte wieder auf und warf ihr läuterndes Licht in meine eben noch so verdüsterte Seele.

Ich war noch Primaner und zu den Ferien in Stettin auf Besuch, als mein Vater mich eines Abends aufforderte, mit zu Onkel Rudolf Oelschlaeger, dem Direktor und Präsidenten der Berlin-Stettiner Eisenbahn, bei dem er als Hausarzt war, zum Abendessen zu kommen. Wir sollten dort musizieren. Da sah ich es wieder, das liebe kleine Wesen von damals, nun eben erblüht zu Fülle und eindringlicher Schönheit, die ich seit jener Zeit unseres ersten Begegnens niemals aufgehört hatte, als mir von Rechtes und Gottes wegen zugeboren zu betrachten. Wenn auch nur meine innere Bindung sich kaum anders als in tiefernsten Rittergrüßen, bewunderndem Stehenbleiben, straßenweitem Nachsteigen und in einer stummen Schwärmerei für etwas unendlich Fernes und Unerreichbares äußerte. Nun stand ich der vollerblühten Geliebten plötzlich gegenüber, und die ganze Elementargewalt einer Unausweichbarkeit der Herzensneigung faßte mein Herz. Wir sangen Duette, sie begleitete mich herrlich zum Violincell, eine entzückende Stimme überwältigte mich vollends. Als wir dann abends hinaus auf den weiten Balkon des Direktorialgebäudes der Stettiner Bahn traten, von wo man weit über die Oder, die Wiesen, die Wälder des Pommerschen Höhenzuges sieht, und nun plötzlich der Mond unsere herrliche Heimat mit Silberlicht übergoß, und ich hingerissen von der Schönheit des Augenblicks zwanglos Goethes unvergleichlich herrliches Gedicht »Füllest wieder Busch und Tal« zu ihr mit allerehrlichster Innigkeit zu sprechen begann, da wußte ich, es war für immer um mein Herz geschehen. Es war unmöglich, daß jemals wieder ein weibliches Wesen so absolut mich durchdringend mit Feuerströmen heldischen Wollens und heiligster Entschlüsse in ihren Lebenskreis zu bannen imstande wäre wie diese. Und dies Jugendgefühl, eigentlich diese Kinderahnung vor meinem kleinen Prinzeßchen Schneeglöckchen hat mich doch wirklich nicht getäuscht. Dieser gute Engel war für mich bestimmt. Damals aber habe ich eine solche Liebesmelancholie durchgemacht, die Nacht durchwacht, die Kissen durchweint und traurig wie ein kranker Kanarienvogel an einem Eckfensterchen am Markt gehockt, daß ich noch heute der Meinung bin, die wirkliche Liebe ist eine sehr seltene metaphysische Seelenverschlingung, eine Amalgamierung des Herzensgoldes zu einem unsichtbaren Schloß, das irgendwo im Heiligland der Seelenschönheit unlösbar einspringt in die Kette unseres Schicksals und treu aufbewahrt wird. Wahre Liebe ist ein übernatürlicher Bindungsprozeß, den Menschenaugen in seinem Urgrund ewig unerkennbar, mit der Logik unerreichbar, durch kein Geschick zerreißbar. Als ich nun als Student in das Haus Oelschlaeger zurückkehrte, war natürlich des Musizierens und Courschneidens kein Ende. Die Brüder meiner späteren Braut waren eminent musikalisch, ebenso die kleine bildhübsche Schwester Hedwigs, Margarete, ein kleines Musikgenie, vor allem aber die schöne, nun schon stark rundlich gewordene »alte Dame«, die urgemütliche »Ria«. Da lebte noch deren herrliche Mutter, Madame Glagau, die Witwe des erwähnten allverehrten Direktors, eine französische Schweizerin, die nie ganz perfekt Deutsch lernte und wohl als erste meine tiefe Bindung an Hedwig witterte, denn sie sagte dieser einmal in ihrer drollig radebrechenden Art: »Klein! ik glaub, der jung Schleich interessiert sich for dir!« Max, jetzt Reichsgerichtsrat in Leipzig, war ein völlig ausgebildeter Musiker schon als Primaner, instrumentierte, komponierte und verstand hinreißend zu improvisieren, so schön, wie ich es von niemand auf der Welt, auch nicht von hochberühmten Musikfreunden, gehört habe. Paul, der ebenso musikalisch, aber nicht so erstaunlich produktiv war, spielte sehr schön Geige, und da Hedwig das Piano meisterhaft beherrschte und alle schönen Lieder sang, so ergaben sich die schönsten Gelegenheiten, förmliche musikalische Orgien zu halten.Damals komponierte Max eine meiner Schauerballaden, »Der nächtliche Ritt«, die ich mit Stentorstimme immer wieder herunterschmettern mußte.

Es war nicht selten, daß wir nachmittags um vier Uhr begannen und morgens um dieselbe Zeit endeten; ein Stoß von Trionoten war wieder einmal erledigt. Dann diese gemütlichen Sonntagnachmittage um den großen Kaffeetisch, wo es so herrlich echte Zigarren gab, die wundervollen Anekdoten des »alten Herrn«, der späteren Schwiegermutter »Ria« höchst originelle Einfälle, meines späteren Schwagers Paul unvergeßlichen Humor. Dazu mußte ich Studentenulke reproduzieren. Der größte Humorist der Welt, der Zufall, sorgte für plötzliche Beiträge. So baten wir den guten alten Onkel Rudolf, ob es nicht Zeit sei, daß einer von uns die zahlreichen Kisten echter Zigarren herbeihole. Er stand, den Kneifer zurechtrückend, auf. »Unsinn! Das kann nur der alte Herr!« Und kam mit einer hohen Pyramide kostbarer Kisten, sie wirklich technisch vollendet balancierend durch die Tür; mit den Worten: »Das will eben gelernt sein, meine Lieben!« drehte er sich in der Türe mit seiner steilen Last, und bautz – ein Windstoß? das Kneiferband? – die ganze künstliche Kolumne »der Echten« klatschte und prasselte zu Boden. Ich habe meinen Schwager Max nie mehr so herzlich lachen hören. Onkel Rudolf aber meinte, den Kneifer wieder richtend: »Ja, ›Jroßer‹;! Pech kann mal jeder haben, aber es so geschickt fallen lassen kann eben doch bloß der alte Herr!«

Ich lebte damals in Stettin etwa in dem Stile Cyrano de Bergeracs, was meiner späteren medizinischen Anerkennung in der Vaterstadt sich nicht gerade als zuträglich erwies und den Kampf um mein Schneeglöckchen nicht gerade erleichterte. Es war wohl eine Folge dieses Rufes meiner unglaublichen Wildheit, die mir später eine schwere wissenschaftliche Niederlage gerade im Stettiner »Ärzte«-Verein eintrug. Ich bin mit meinen neuen Theorien über Schmerz, Leben und Tod nirgends so abgefallen wie in meiner teuren Vaterstadt. Meine Cyrano de Bergerac-Periode hat mich hier wohl für alle Zeit um jede Spur meines wissenschaftlichen Kredits gebracht. Aber das war nicht zu verwundern, alle Hafenstädte gebrauchen ihre Lorbeerblätter weniger zur Verherrlichung ihrer hervorragenden Stadtbürger als zur Konservierung von Kostbarkeiten des Meeres.

Zwischen all den Vergnügungen und dem Auftreten in Gesellschaften als Sänger, Baßgeiger, Improvisator und Versemacher wurde aber immer wieder fleißig beim Vater daheim gearbeitet, wobei mir sehr zustatten kam, daß derselbe soviel gute Freunde unter den Apothekern, Lehrern und Institutsdirektoren der Stadt hatte. So erhielt ich »Repetitorien«, die vielfach völlige Ouvertüren waren, in der Chemie im Laboratorium derselben Apotheke unter den Linden, vor der ich mein Herz an meine kleine Weggenossin zur Schule im Schnee verlor; Physik studierte ich bei einem Professor der Realschule, anatomisch präparieren durfte ich im Leichensaal des Krankenhauses, und Botanik lernte ich, wenn auch etwas einseitig, an den Farnkräutern, welche mein guter Vater für meinen Bruder Ernst, der Botaniker werden sollte, in einem extra in unserer Wohnung angelegten großen heizbaren Glaskasten züchtete. Da las ich so nebenbei die ganze Literatur, auch die großen Atlanten des Grafen Liczynski, die alle der liebende Erzeuger eigentlich für den Bruder, der aber lieber ruderte oder ritt, angeschafft hatte. Das gereichte mir später zu großem Glück. Denn, obwohl ich in Botanik so blank wie ein unbeschriebenes Blatt war, fragte mich der Professor Münter beim Examen einige Monate später, aus einem gewissen Mitleid mit den meist pflanzenunkundigen Medizinern, ob ich mich mit irgend etwas in der Botanik besonders gern beschäftigt habe, was gewöhnlich nur die Brücke war, um irgendeine auswendig gelernte Seite herunterzuleiern. Zu seinem großen Erstaunen sagte ich: »Mit den Farnkräutern!« Ich wußte nicht, daß das sein Spezialgebiet sei. Er riß die Augen weit auf. »Mit den Farnkräutern? Mit meinen Farnkräutern?« »Natürlich«, meinte ich frech, obwohl ich von seinem Eigentumsrecht auf dieses Gotteswunder nichts wußte. »Dann wissen Sie auch wohl von dem unerhörten Diebstahl, der hier, in diesem Institut durch einen Schurken von Grafen an meinem gesamten geistigen Eigentum begangen ist?« »Vom Grafen Liczynski«, sagte ich kühn. »Ich kenne die Sachen!« »Also, zuvörderst, mein Lieber! mein teurer junger Mann! erzählen Sie – was wissen Sie von den Farnkräutern?« Nun kramte ich alles aus, was mir in Vaters Büchern aus der wirklich wundervollen Geschichte der Farnkräuter, die ich in unseren Wolliner Wäldern so liebte, interessant gewesen war, wobei mir sehr detaillierte Bilder aus den Atlanten gegenwärtig blieben, die ich sogar reproduzierte. Nach etwa zehn Minuten eines spielend entworfenen Romans vom Lieben und Leiden, Werden und Vergehen der Farne unterbrach mich Prof. Münter und rief: »Lieber, verehrter junger Freund! Oh, das ist ja herrlich! Seit 40 Jahren examiniere ich mein Fach an dieser Universität. Noch nie ist ein so gelehrter junger Mann vor die Schranke getreten. Und noch dazu ein Mediziner! Welch ein Talent! Welch tiefes Wissen! Hören Sie, ich möchte Sie umarmen. Wollen Sie bei mir nicht Assistent werden? Aber zunächst Ihr Zeugnis!« Er schrieb: ›Vorzüglich gut! Zu großen Hoffnungen berechtigend!‹; »Ich habe dies Prädikat noch nie erteilt. Nun aber kommen Sie. Ich bin Ihnen schuldig, Ihnen die Dokumente des größten historischen Diebstahls vorzulegen!« Nun mußte ich allerdings etwa zwei Stunden lang die Wehklagen eines tatsächlich seiner Forschungsresultate beraubten Gelehrten über mich ergehen lassen, aber die Freude über diesen unerwarteten Erfolg war so groß, daß ich gern noch Schlimmeres erduldet hätte. Wäre mein Glück nicht gewesen, hätte der Professor mich nach der Butterblume oder dem Schachtelhalm gefragt statt nach den Farnen, ich wäre durchgerasselt wie mein Leidensgefährte vor mir im Examen, zu dem Münter sagte: »Nun, mein Lieber! Sie wissen ja rein gar nichts. Können Sie mir denn wenigstens sagen, wie die Kamille, aus der man den Tee bereitet, auf lateinisch heißt?« (Sie heißt bekanntlich »Chamomilla«.) Der Ärmste sagte freudig bewegt: »Die Kamille heißt Camilla!« »Nein, mein Lieber!« sagte Münter, »so mag wohl Ihre Cousine heißen, aber Sie sind durchgefallen!« Das hätte mir wortwörtlich auch passieren können. Oh! Examensglück! Du warst mir stets zur Seite. Schon im Abiturium schien mir seine Sonne. Am Tage vor demselben forderte mich Prof. Rollmann, unser Mathematiker mit wundervollem Generalskopf, auf, den binomischen Lehrsatz an der Tafel zu entwickeln. Ich war immer ein schlechter Mathematiker auf der Schule, hasse auch die mathematische Skelettiererei des Lebens noch heute bis aufs Blut, diese Manie, zu typisieren und das Individuelle zu ermorden in der Natur, aber so wenig wie an diesem Vormittag vor dem Examen wußte ich denn eigentlich doch nicht. Rollmann schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Und Sie wollen morgen das Abitur machen? Mensch! Sie sind des Teufels?« Mit mir wankte der Boden und mein Ich. Niemals bin ich betrübter aus der Schule gegangen, und nie habe ich so mit dem Gefühl des Gehängtwerdensollens eine Stube betreten, als tags darauf das Prüfungszimmer. Rollmann sah mich eintreten. Er winkte mich zur Seite. »Mensch! Kopf oben! Sie sind ja dispensiert! Es hing aber am Faden. Sie Frechdachs haben ja das deutsche Thema auf den Kopf gestellt! (Es lautete: »Warum fesselt Horaz immer wieder von neuem unser Interesse?« Ich hatte aus Übermut unter Belegung mit gereimten Versen nach eigenen Übertragungen aus dem Griechischen zu beweisen versucht, daß Horaz ein schwatzhafter Plagiator, aber kein origineller Dichter sei.) Der Direktor wußte sich nicht zu helfen, der Aufsatz sei an sich gut, aber es sei doch kühn, ein gestelltes Thema, wenn auch mit Aufwand von viel Wissen und Geschmack, einfach umzudrehen. Er berief ein Kollegium. Dies entschied gegen Sie. Der Regierungsrat aber fand die Arbeit hervorragend. Schrieb ›Ausgezeichnet‹; darunter, und dadurch hatten Sie die nötige Pluszahl für die Dispensation.« Übrigens muß dem Schulrat meine Arbeit wirklich gefallen haben, denn er riet mir beim Abschied, mich unbedingt der Literatur zu widmen. Die Begabung sei gar nicht zu verkennen. Hätte ich ihm folgen sollen? Oder: Bin ich ihm nicht schließlich doch gefolgt?

Da ich noch einmal auf mein geliebtes Stralsund zurückgekommen bin, will ich eine Episode nachholen, aus der gleichfalls hervorgeht, daß ein gewisses Glücksengelein mir ständig auf dem Kutschbock meines Reisewagens durch die Welt gesessen hat, nämlich eine Ehrung von ganz besonderer Schönheit schon während meiner Schülerzeit. Es bestand noch aus alten Schwedenzeiten in der Freien Stadt Stralsund eine schwedische Staatsstiftung: eine »große silberne Medaille für Fleiß und gute Sitten«, welche alle zehn Jahre dem zeitweise besten Schüler des Gymnasiums verliehen werden mußte. Der neue Termin dieser feierlichen Verleihung stand bevor, als ich in Prima war. Ahnungslos zogen wir alle zur Aula. Ich kaute gerade einen Apfel, als ich vom Katheder meinen Namen rufen hörte. Und da wurde mir denn diese silberne Medaille, mit der später alle meine kleinen Verwandten gespielt haben, feierlich überreicht. Ich wurde puterrot. Denn meine noch lebenden Schulkameraden, Oberregierungsrat Livonius, Geh. Rat Jonas, Bürgermeister Palleske, Präsident Franz Berg, der Dichter Wilhelm Kobes auf Zingst-Barth, werden es mir bezeugen: ich war der größte Tunichtgut der Schule, ja der Stadt, dessen tolle Streiche die Spatzen vom Dache pfiffen. Ich – Fleiß – und – gute Sitten! Ach! Leider keins von beiden. Ich wollte entrüstet ablehnen. Aber der Direktor drehte mich einfach um. Ich bin nur später einmal, als mir der Chirurgenkongreß wegen meiner Erfindung der Infiltrationsanästhesie die Tür wies, so verdutzt gewesen wie dazumal, als ich bei meinen Primanern vorbei aus der Tür ging mit völlig unverdienter Ehre schwerer als damals mit wissenschaftlichem Todesurteil belastet. Das gab einen Skandal im Klassenzimmer! Obwohl ich nicht unbeliebt war, dies erschien doch allen zu toll. Ich konnte den Tumult, in der Ecke auf einem Stuhl zusammengeknickt, nicht eher beschwichtigen, als bis ich mich zu folgender Rede vom Katheder aufschwang: »Ik will juch wat seggen! Ik kann jedenfalls nix dortau. Ik bün äwerst bereit, de oll Münz awtantreten, wenn ji mi seggt, wekke se heben sall!« Nun gab es erst recht eine große Verlegenheit. »Na! dann will ik juch wat seggen. Daunachher kümmt ji mal all hüt um Klok söß nach de Brauerei rut. Dor will ik ne Lag' spendier'n un denn will wi dat Ding uttrudeln!« Akzeptiert. Und da wurde geknobelt und geknobelt, und siehe da! »dat Ding« blieb mir treu, und so habe ich diese Medaille denn doch noch gewissermaßen legal erworben.

Aber zurück zu den Vorbereitungen zum Physikum! Ehe es zu bestehen war, schickte mich mein sorgender Vater doch noch auf zwei Semester nach Greifswald, wo er allerdings Fürsorge traf, daß ich nicht wieder aktiv wurde; ich mußte mich also auf einen Konkneipantenverkehr bei den Pommern und Preußen schweren Herzens beschränken. Denn ich wäre gar zu gerne Korpsstudent geblieben. Mir hat diese Romantik des Burschentums, diese letzte Symbolisierung des mittelalterlichen Ritterwesens, sehr gefallen. Es ist was Großes und Herrliches in der Organisation des S.C.! Mag vieles an seinen Ehrbegriffen falsch oder wenigstens diskutabel sein, es ist doch eine Organisation um den schönsten Kristall der Mannesbrust, eben um die Ehre! Den jungen Mann zu erziehen zu einer unbefleckbaren Ehre, dazu, in einer reinen Weste das A und O des Bürgertums zu sehen, kann auch dem öffentlichen Wohle nur zweckdienlich sein.

Für den Fall, daß ich eintreten sollte in eins der Korps, hatte Professor Sommer die Weisung, mich unmittelbar nach Stettin zurückzuspedieren. Sonst habe ich die beiden Semester in Greifswald noch Freiheit in vollen Zügen geschlürft. Otto Vorpahl war hier als Theologe inskribiert, er wurde erst später Mediziner und ist heute ein angesehener Arzt seiner Vaterstadt Stettin. Wir gründeten zusammen einen Gesangverein mit Damen. Ich dirigierte oder sang die Soli, Vorpahl begleitete am Flügel. Wir haben ganz hübsche Oratorienleistungen zuwege gebracht. Ein paar sehr anmutige Damen Rohdes waren die Stützen des Damenchors. Bässe gab es unter den trinkfesten Studenten genug. Unser Chor war ein beliebtes Belebungselement der Bälle und Gesellschaften, wir wurden oft in corpore geladen und veranstalteten Feste und Ausflüge. Auch Balladen habe ich dabei öffentlich zu Wohltätigkeitszwecken gesungen.

So ging die Zeit in Greifswald schnell dahin, und als der Termin zum Physikum nahte, erschien mein Vater, und ich konnte ihm die Freude machen, von nun an cand. med. zu heißen.

Bald wäre ich ein cand. mort. geworden! Denn die paar Wochen, welche ich noch in Greifswald blieb, hätten beinahe zu meinem verhängnisvollen Untergange geführt.

Eines Abends zu schon später Stunde machte sich ein Mediziner, ein früherer Schulkamerad von mir, an mich heran. Wir plauderten über dies und jenes, pokulierten, und mir fiel ein gewisser Zug des Grams in seinem Gesicht, eine eigene Mattigkeit der Augen und ein gewisser Zynismus der Redeweise bei dem sonst sehr anmutigen, forschen jungen Manne auf. Plötzlich rückte er ganz nah zu mir heran und sagte fast flüsternd: »Ich weiß wohl was für dich, Carl. Ich sehe schon, du bist auch von einer gewissen Geistigkeit und Überlegenheit und nicht so ein Welttor wie die anderen Laffen. Wir haben hier einen exzentrischen Klub. Lauter Schopenhauerianer, Buddhisten. Eine geistige Elite. ›Der Klub der Resignierten.‹; Da gehörst du hinein. Versuch es mal. Dir wird's gefallen.« Er zeigte mir seine Karte, darauf stand:

Wilhelm N.-n.
cand.mort. †.†.†.

»So nennen wir uns alle. Sei morgen um vier Uhr da und da.« Er nannte ein staatliches Institut, Zimmer soundso. Ich weiß nicht, was mich zog. Ich mußte hin. Als ich die Tür öffnete, welch sonderbares Bild! Etwa acht junge Leute lagen halbausgezogen hingestreckt. Ein eigentümliches Gesumme, Gemurre, Gesinge. Einer lag auf dem Bett und sang eine Erlkönig-Parodie auf Platt. »Jung, halt din Mul! De Pird gähn ja dörch! Min Vadding! Min Vadding! Nu fat hei mi an. Jung! dat segg' di. Kümmst du nich mit, ik dreih di'n Hals um« usw. usw. Auf dem Sofa las einer etwas aus einer wissenschaftlichen Arbeit über den Satanismus in der Liebe. Links in der Ecke tönte es:

Ja, Huris, Huris, kommt geschritten!
Palmen wedeln süße Kühle,
Elefanten treten leise.
Treten nicht den armen Kuli,
Rät schingschära, rät schingschära!

Jemand stand in der Mitte und blies die Flöte. Zigarettenqualm. Umgestürzte Schnapsgläser. Ein Teekessel brodelte. Plötzlich erhob sich ein beturbanter mir Unbekannter:

»Carl Schleich! Willkommen in der Grotte des Verzichtes!
Wollen Sie der Unsere sein?
Gib deinen Arm! Versuch es.
Kandidiere, Renonce der Resignierten!«

Ich war aus Neugier leichtsinnig genug, meinen Arm hinzustrecken. Er entblößte ihn und spritzte mir, ohne daß ich es zu hindern vermochte, eine Praveczspritze voll einer mir unbekannten Flüssigkeit in den Arm. Ich fühlte es kaum brennen. Da verlor ich die Besinnung. Ich wankte und fiel. Als ich erwachte, lag ich auf einem Krankenbett, um mich viele Menschen. Der Professor M. beugte sich über mich. »Er lebt«, hörte ich ihn sagen. Er hatte mir drei Spritzen Kampfer geben müssen. Er war eiligst gerufen worden. Man hatte mir Haschisch eingespritzt, das ich nicht vertrug. Ich war in einen Klub von Haschischspritzern geraten. Mein Kollaps war meine Rettung. Fünf von den Mitgliedern sind im Irrenhaus oder durch Selbstmord geendet. Keiner wurde von der Sucht je geheilt.

Wenn nicht mein Engelein auf dem Reisewagen gewesen wäre!

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.