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Benno und Kriemhilde

Ludwig Steub: Benno und Kriemhilde - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorLudwig Steub
booktitleDie schönsten Erzählungen
titleBenno und Kriemhilde
publisherAlbert Langen, München
printrunErstes bis fünftes Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid9ad311b1
created20070517
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Ludwig Steub

Benno und Kriemhilde

(Zur Ausgleichung der Gegensätze)

1879

Benno Fichtner hieß er und war ein Rechtspraktikant. In Niederbayern aufgewachsen, besaß er zwar viel Gemüt, aber wenig Schliff. Als der Sohn eines wohlhabenden Hauses war er für elegante Kleidung eingenommen und für seine Wäsche, aber nicht für elegante Manieren und seine Sitten. Er war – unter uns gesagt – ein bißchen rauh, hielt sich aber für ziemlich liebenswürdig und glaubte an seine Gabe, allenthalben zu gefallen.

Eines Tages nahm er seine neue Joppe, seinen grünen Spitzhut, seinen Bergstock und ging ins Gebirge. Er ging, wie es seine Art war, allein, denn er fand nicht leicht einen Gefährten, der sich in seine Weise schicken mochte, und eine andere gefiel ihm nicht.

Sein Gebiet war das Tal von Schliersee und von Bayerisch Zell. Auch über die Audorfer Almen ging er gerne. In jenem Tale und auf diesen Höhen hatte er die Zither spielen und manchen niedlichen Sang gelernt, wie ihn die Sennerinnen singen, wenn sie an schönen Sommerabenden vor den Hütten sitzen.

Dieses Mal war er denselben Weg, war von Schliersee nach Bayerisch Zell gegangen, und von da nach der »Grafenherberg«, einer lieblichen Alm, hinaufgestiegen, um nach Audorf hinabzusteigen, und hatte eben jene schöne Stelle erreicht, wo der Wanderer aus dem Walde tritt und ihm plötzlich eine weite Aussicht aufgeht über Berg und Tal und der »Wilde Kaiser« vor ihm steht in all seiner Pracht. Dort finden sich bekanntlich auch mehrere Ruhebänke in dem Buchenhain und ein niedliches Wirtshäuslein, das der selige Simon Schweinsteiger erbaut und eine muntere Gesellschaft von Münchener Herren am 15. August l863 eingeweiht hat. Es erhielt damals den Namen: »Zum Tatzelwurm.« Noch ist über der Türe der treffliche Schild mit dem Lindwurm oder Drachen zu sehen, welchen der großherzoglich badische Hofmaler August Bischer gemalt hat.

Benno, der sehr erhitzt war, fand aber nicht für gut, sich jetzt schon ins Freie zu setzen, denn durch den Buchenhain strich ein frischer Morgenwind, der ihm etwas zu kühl bedünken wollte. Er ging daher in das gastliche Häuschen, wo ihm die bekannte Nanni, des Schweinsteigers verständige Tochter, entgegenkam. Diese begrüßte ihn sehr freundlich, begleitete ihn in die kleine Gaststube und fragte, ob sie wohl ein Glas Bier bringen dürfe, worauf er jedoch sehr barsch entgegnete: »Kannst nicht warten? Siehst nicht, daß's mir noch zu heiß ist? – Und das Fenster dort ist schon wieder zerbrochen, das muß gemacht werden – das zahl' ich – sonst zieht's.«

Die kluge Nanni erklärte sehr artig, daß erst vor wenigen Tagen ein Tourist mit seinem Bergstock ungeschickterweise das Fenster eingestoßen habe. Der Glaser sei schon bestellt, aber wegen einer Scheibe komme er nicht gern.

»Hab' schon genug,« sagte Benno mürrisch, »an deinem Trätsch'! – das Fenster zahl' ich und du gehst jetzt. Wenn ich was brauch', so schrei' ich schon!«

Nanni warf einen seltsamen Blick auf den ihr sehr wohlbekannten, aber immer etwas herben Gast und ging ihrer Wege. Dieser dagegen hängte seine Joppe an einen Nagel und setzte sich ans Fenster, um mit seinen guten Augen die herrliche Landschaft zu betrachten.

Er hatte sie aber erst eine kurze Weile betrachtet, als Nanni etwas verlegen hereintrat. Es seien wieder Fremde von Brannenburg her eingetroffen, ein alter Herr und seine Tochter. Auch ihnen sei es vorderhand zu kühl unter den Buchen und sie würden gleich hereinkommen.

»Was sind's für Leute?« fragte unser Benno.

»Der Sprache nach, mein' ich, sind's Berliner.«

»Kann keinen Berliner ausstehen!« sagte jener, verließ das Fenster, nahm einen Stuhl und setzte sich dergestalt darauf, daß er die Füße an die Wand stemmen und sich ohne Mühe schaukeln konnte. Sein Rücken war der Türe zugewandt. Auch stülpte er sein Hütlein wieder auf das lockige Haupt. Zugleich zündete er eine Zigarre an und begann zu singen:

»Bin ich nit ein lustiger Fuhrmannsbue?«

Nachgerade traten die beiden Fremden in das Stübchen. Der männliche Teil des Paares war, wie Nanni schon verkündet hatte, ein alter Herr, der aber sehr kräftig aussah. Er zeigte ein gutgefärbtes, freundliches Gesicht, welches oben feine weiße Löckchen umgrenzten. Seine behagliche Gestalt ließ ahnen, daß er in sehr angenehmen Verhältnissen lebte, und sein sicheres Auftreten gab zu erkennen, daß ihn der Weg von Brannenburg herüber durchaus nicht angegriffen habe.

Seine junge Tochter wird im Laufe unserer Geschichte, obgleich diese sehr kurz ausfallen dürfte, doch hinlänglich Gelegenheit finden, sich vorzustellen und selbst zu zeichnen. Es scheint daher besser, mit ihr jetzt keine Zeit zu verlieren, sondern in der Erzählung fortzufahren.

Die beiden Fremden traten also ein. Unser Benno wendete aber das Haupt nicht nach ihnen um, sondern blies den Rauch seiner Zigarre mit ziemlicher Kraft gegen die Decke hinauf und wiederholte dabei mit lauter Stimme: »Bin ich nit ein lustiger Fuhrmannsbue! – Fahr' d' Wiener Straß' auf und ab!«

Die neuen Gäste setzten sich nun an das Fenster, an welchem vorher unser Freund gesessen war, und betrachteten zwar die Aussicht, flüsterten aber fortwährend miteinander. Es war ihnen außer Zweifel, daß der junge Mann absichtlich gegen sie demonstriere, aber sie wußten nicht recht, was da zu tun sei und berieten sich daher, ob sie ihn ganz unbeachtet lassen oder ob und wie sie gegen ihn vorgehen sollten.

Endlich sprach das Mädchen leise zu ihrem Vater: »Eigentlich scheint er ein hübscher Bursche zu sein. Führt feinen Hemdkragen und feine Manschetten! Möchte ihn doch gerne von vorne sehen und ein wenig necken, weil er ein solcher Bengel ist. Darf ich, Papa!«

»Auf deine Gefahr!«

Sie erhob sich nun leise, leise, schlich an den Nagel, wo die Joppe hing, nahm diese herunter und trat mit ihr an den Sänger heran.

»Sie sind wohl so gut, Ihre Joppe anzuziehen?« sprach sie mit schmeichelndem Klange.

Benno aber sah sich nicht um und schaukelte gemächlich fort, hörte zwar zu singen auf, antwortete aber in trockenen Worten:

»Muß schon bitten – die Joppe in Ruhe zu lassen – die gehört mir – die hab' ich bezahlt.«

»Ei, so unfreundlich! Und so ein hübscher junger Mann! gewiß auch geistreich – vielleicht zu großen Dingen aufgehoben –«

»Zeigt sich noch wenig –«

»Vielleicht der Liebling aller edlen Frauen, aller hochherzigen deutschen Mädchen –«

»Nu, nu, wenn ich so was höre, da werd' ich weich!« sagte unser Benno lachend, drehte sich um, erblickte das Mädchen und fuhr schnell in die Höhe, denn sie schien ihm sehr anmutig und lieblich zu sein.

»Hab' die Ehre,« sprach er und lüpfte das Hütlein. »Was wollen Sie denn?«

»Bei uns sitzen junge Männer nicht in Hemdärmeln, wenn Damen anwesend sind –«

»Und wir ziehen den Rock aus, wenn's uns zu warm wird.«

»Hat auch einiges für sich! Aber wir müssen uns verständigen. Eine kleine Gunst – die Sie mir wohl gewähren könnten –«

»Nun, einmal ist keinmal,« sagte Benno mit wachsender Freundlichkeit. »Geben Sie die Joppe her!«

Das Fräulein hielt sie lächelnd bereit; er schlüpfte hurtig hinein und fragte dann: »Aber jetzt?«

»Jetzt setzen Sie sich gefälligst zu uns! Hier, mein Vater, Kommerzienrat und Fabrikant Hansen aus Berlin, ich, seine Tochter, namens Kriemhilde.« »Ein lächerlicher Name! Der gehört nach Berlin.«

»Nu, Kriemhilde war doch auch eine Süddeutsche, war in Worms geboren, ist bei Plattling über die Donau gefahren; haben Sie die Nibelungen nie gelesen?«

»Ich nicht! Kann ein schönes Lesen sein, tragt aber nichts!«

»Nu, was ist denn Ihre Lektüre?«

»Der Zivilprozeß und das Strafgesetzbuch. Bin froh, wenn ich die hineingewürgt habe.«

»Aha, also ein Rechtsgelehrter! Gewiß ein vortrefflicher Praktiker? Ein glänzender Redner?«

»Nu, hab' schon viele Lumpen durchgebracht, aber letzthin haben sie mir einen geköpft.«

»Und leben in –?«

»In München auf der Sendlinger Landstraße.«

»Sind auch dort aufgewachsen?«

»Warum nicht gar! Das kennen Sie doch an der Sprach', daß ich ein Waldler bin!«

»Ein Waldler?«

»Ja, im Bayerischen Wald bin ich aufgewachsen und Benno Fichtner heiß' ich.«

»Im Bayerischen Walde? Wo liegt denn der?«

»Aha, jetzt laßt sie aus, die berühmte Bildung!« sprach Benno fast etwas höhnisch. »Da reisen sie in der ganzen Welt umeinander und wissen nicht einmal, wo der Bayerische Wald liegt.«

»Nu, Sie wissen wohl auch nichts von unserem Spreewald und den anderen Wäldern – aber belehren Sie mich doch!« »Nu, der Bayerische Wald ist in Niederbayern, wenn Sie 's wissen, wo man ins Böhmen geht, hat viel Wildbret und prächtige Forellenbäche; da bin ich oft fischen gegangen.«

»Ach! da hatten Sie wohl eine poetische Jugend – Sie sind gewiß ein Dichter!«

»Dichter? Nu, hin und wieder fallt mir ein Schnaderhüpfel ein.«

»Ein Schnaderhüpfel – ach, wie reizend! Singen Sie uns doch etliche Schnaderhüpfel; bitte, bitte! Da ist auch eine Zither!«

Das Fräulein hatte eben die Zither bemerkt, die hinter der Türe hing, nahm sie ab und legte sie mit holdem Lächeln auf den Tisch.

Benno fuhr klimpernd über die Saiten hin.

»Nicht schlecht gestimmt!« sagte er beifällig.

»Um so besser!« sprach das Fräulein. »Nun, lassen Sie hören!«

»Ja, was denn? Was soll ich denn singen?«

»Können Sie uns denn nicht ansingen?« rief sie und zeigte durch diese Frage sehr deutlich, daß sie sich in fleißiger Lektüre schon zu Hause auf unsere Alpen vorbereitet hatte.

»Ansingen?«

»Ja freilich, ansingen – davon liest man ja in den Büchern.«

»Wenn Sie's nur aushalten! Da geht's oft unfein her!«

»Wenn's nur aufrichtig gemeint ist.«

»Also aufrichtig!« sagte Benno, räusperte sich, fuhr noch ein paarmal präludierend über die Zither und sang dann zu ihrem Klange:

»Die Leut' aus Berlin,
Die norddeutschen Leut',
Die machen uns Bayern
Kein' besondere Freud'.«

»Ei, sieh' da!« sagte das Fräulein lächelnd, »da haben wir schon unsern Stich. Lassen Sie mich aber auch zu Worte!«

Der Praktikant spielte die nämliche Melodie wieder auf und das Mädchen sang:

»O, wenn ihr nur wüßtet,
Wie lieb ihr uns seid,
Es ging' euch nichts über
Die norddeutschen Leut'.«

Hier ließ das Fräulein, wie ihr Gegenpart nicht getan hatte, einen jener Jodler folgen, die bekanntlich eine reizende Eigentümlichkeit hochländischen Gesanges bilden. Sei es nun natürliche Anlage, sei es vorhergehende Übung, die sie aus Sehnsucht nach den Alpen vielleicht schon in der nordischen Heimat getrieben, – das Fräulein zeigte sich in dieser Art so trefflich, daß der junge Mann höchlich überrascht war und sein Auge in stiller Bewunderung auf ihr ruhen ließ. Dennoch wollte er den scherzhaften Kampf noch nicht aufgeben und sang daher mit freundlicher Bosheit:

»Wenn ihr uns so gern habt,
So dank' mer dafür;
Aber's laßt sich schwer merken
An eurer Manier.«

Dem Fräulein gefiel es zwar nicht ganz, daß Benno ihr Beispiel jetzt nicht befolgte und ohne Jodler schloß, aber sie sang ihm doch fröhlich entgegen:

»Habt ihr was zu tadeln
An unserer Manier?
Das kommt uns Berlinern
Doch lächerlich für!«

Und der Waldler versetzte hierauf ganz heiter:

»Ich will dir was sagen.
Du prächtige Dirn'!
Du könnt'st mir schon g'fallen
Mit deinen Maniern!

Diesmal aber, weil es doch die letzte Strophe sein sollte, schloß er auch seinerseits in derselben Art, wie das Fräulein vorangegangen, und es klang so rein und fein, so verlockend und unwiderstehlich, daß Kriemhilde unwillkürlich einfiel und mitzusingen begann. Dieses Duett, das ungemein lieblich und anmutig dahinging, regte beide so freudig auf, daß sie sich am Schlusse mit der freundlichsten Miene die Hand gaben und sie fühlbar drückten.

Dem Vater schien dieser Vorgang zwar nicht ganz unbedenklich, doch erlaubte er sich keine abfällige Glosse darüber und meinte nur scherzhaft, nach diesem letzten Ergusse sei doch nichts Schöneres mehr zu erwarten und man sollte sich daher den Erfrischungen zuwenden, welche die dienstfertige Nanni mittlerweile aufgestellt hatte. Es standen nämlich drei schäumende Humpen auf dem Tische und verschiedene Teller mit Käse, Butter und Brot, vielleicht auch etwas Schinken.

Nach einem Stündchen angenehmer Rast mahnte der Vater zum Aufbruch. Man war sich unterdessen noch näher gekommen und es verstand sich von selbst, daß man die Wanderschaft miteinander fortsetzen würde. Nur anfangs kam es noch zu einem kleinen Anstoß, weil Herr Hansen die ganze Zeche bezahlt hatte.

»Mein' Sach', das zahl' ich!« rief da Benno mit Nachdruck, »das wär' das Wahre!«

»Nur kalt!« sprach aber das Fräulein begütigend; »es gehört nämlich auch zu unsern Manieren, daß wir wegen drei Groschen keinen Skandal machen – kommen Sie nur nach Berlin – das lernen Sie bald.«

Benno ließ sich beruhigen und gab sofort ein neues Zeichen seiner erwachenden Liebenswürdigkeit, indem er mit sanfter Gewalt dem Fräulein den Plaid und dem Vater den Paletot nebst der Reisetasche abnahm, um sie selber zu tragen.

Er blieb übrigens doch noch immer bei seiner trockenen, herben Art, die dem Fräulein ungemein gefiel, zumal er sie mitunter auch durch ein gemütliches Lächeln zu würzen wußte.

»Ein herrlicher Mensch!« rief sie aus, als sie mit ihrem Vater allein vor einem Bauernhause rastete, um ihn nachkommen zu lassen. Er war nämlich etwas zurückgeblieben, da er die schönsten Blumen am Wege pflücken wollte, um das Fräulein mit einem Sträußchen zu überraschen.

»Ein herrlicher Mensch! So muß Leonidas mit seinen Spartanern gesprochen haben – so kurz, so schlagend.«

»Ja, kurz und schlagend, das geb' ich zu.«

»Nicht auch geistreich?«

»Das find' ich nicht so recht heraus.«

»Du verstehst ihn eben nicht!« sagte Kriemhilde, die sich wohl noch tiefer auf seine Charakteristik eingelassen hätte, wenn er nicht gerade um die Ecke des Hauses gekommen wäre. Das Sträußchen, welches er überreichte, wurde übrigens mit sehr verbindlichem Danke entgegengenommen.

So kamen sie unter freundlichen Gesprächen in Audorf an und fuhren dann auf der Eisenbahn nach der nächsten Station, dem Dörflein Kiefersfelden. Von dort aus sollte der Hechtsee besucht werden. Der alte Herr hatte nämlich in seinem Reisehandbuch einen roten Strich unter dem Namen gefunden, und diesen Strich hatte ihm ein guter Freund hineingezeichnet, weil er jenen melancholischen See kurz vorher besucht und sehr sehenswert gefunden hatte.

Also stiegen sie aus und den Steig hinan, der in einer halben Stunde an das besagte Gewässer führt.

Es ist dies ein Bergsee, welchen dunkle Wälder und kahle Wände umgeben. Den Menschen der Nachbarschaft scheint er nicht viel zu bedeuten, denn auf seinen stillen Fluten erscheint weder Schiffer noch Kahn. Er ist das Bild einer tiefen, schwermütigen Einsamkeit!

Häuser und Höfe stehen auch nicht an dem Hechtsee, sonst wäre er nicht so einsam; nur an jener Stelle des Gestades, welche der Wanderer, der von Kiefersfelden heraufgestiegen, zuerst erreicht, findet sich ein sehr prunkloses Hüttchen. An diesem treibt seit vielen Jahren ein armer Schuhflicker sein ehrlich Handwerk, welcher für sich, für seine Kinder und nebenbei auch für die fremden Gäste vor seinem Fenster eine Sommerbank errichtet hat. Diese ruhen da gerne aus und genießen die schöne Ansicht des Sees, der Wälder und der Berge.

Um diese Zeit saß vor jenem Häuschen auf der Sommerbank auch der Erzähler der Geschichte und neben ihm ein jüngerer Bekannter oder Freund, der Hüttenamtsschreiber von Kiefersfelden, welcher als literarischer Vorstand lange Zeit das Bauerntheater in diesem Dorfe geleitet hatte. Da ich solchen ländlichen Vorstellungen immer sehr zugetan war und mich gerne um ihr Gedeihen erkundigte, so schien es mir, wenn ich durch das Örtlein kam, immer eine angenehme Aufgabe, ihrem Leiter einen Besuch abzustatten. Diese Aufmerksamkeit pflegte er dann dadurch zu erwidern, daß er mich an den Hechtsee oder auf irgendeinem anderen Spaziergang begleitete. Zur Belohnung für so viele Freundlichkeit glaubte ich ihm auch einen Titel verleihen zu sollen und nannte ihn also den Herrn Theaterintendanten, oder etwas kürzer den Herrn Intendanten.

Mit diesem ehrenwerten Freunde betrachtete ich eben die dunkle Fläche des Sees und die ernste Landschaft, als Benno Fichtner hinter dem Häuschen hervorkam, mit ihm Herr Kommerzienrat Hansen und seine liebenswürdige Tochter.

Ich kannte meinen jungen Landsmann noch nicht lange. Während der letzten Jahre waren wir in der Hauptstadt mitunter zufällig zusammengekommen; dabei hatte ich seinen Namen erfahren, dann auch hie und da etliche Worte mit ihm gewechselt. Ich wußte seine Art, obgleich sie mir nicht sympathisch war, doch als die eines edlen, wenn auch noch unentwickelten Volksstammes gebührend zu schätzen.

»Hab' die Ehre!« sagte er gegen mich gewendet, »sind Sie auch da? Laufen gewiß wieder so alten Bauerngeschichten nach! O Jerum! Aber was ich heut für einen Umgang Hab'! Zwei Berliner – ein Mandel und ein Weibel! Was sagen Sie denn dazu: der Fichtner und zwei Berliner?«

»Gewiß ein sehr erfreuliches Ereignis! Man kann von allen Menschen lernen.«

»Ja, ja; fragt sich nur: was? aber das ist der Herr Kommerzienrat und Fabrikant Hansen aus Berlin und ist das seine Tochter, heißt Kriemhilde. Wie gefallt Ihnen der Name?«

»Nu, ebensogut als Kreszenz oder Urschel.«

»Aber so neumodisch, mein' ich, ist er.«

»Man könnte ihn ebensogut altfränkisch nennen.«

»Wie man's halt nimmt. Und da oben beim Tatzelwurm haben wir uns angesungen und Bekanntschaft gemacht, und seit der Zeit sind wir beisammen geblieben und haben alleweil' diskuriert. – Aber da geht was! – Einen Dukaten, wenn ich hätt' für jedes Wort, das das Mädel getratscht hat, ich wär' ein halber Millionär.«

Nunmehr nahm ich mir die Freiheit, der Vorstellung halber auch meinen bescheidenen Namen und den des Herrn Intendanten zu nennen.

Hierauf ergriff Herr Hansen das Wort und sprach: »Obgleich in unserem Norden so vieles Schönes zu finden, obgleich wir alle unsere Bäder von dem Kurischen Haff bis nach Norderney kennen und im Sommer gerne dort verweilen, obgleich wir uns auch einer Zivilisation erfreuen, welche feinere Manieren nicht zu suchen und zu kopieren braucht –«

»So sind wir,« fiel Kriemhilde ein, »jetzt doch auf meine inständigsten Bitten nach dem Süden gegangen, um einmal auch die Alpen zu betreten, die wir bisher nur gemalt gesehen –«

»Und haben heute morgen,« fuhr der Vater wieder fort, »diesen Herrn kennengelernt, einen Waldler, wie er sich zu nennen beliebt, eine seltsame, bei uns ganz undenkbare, aber höchst interessante Persönlichkeit.«

»Ja, höchst interessant,« wiederholte Kriemhilde, worauf ihr unser Benno mit blinzelnden Augen freundlichst zuwinkte.

»Und ich hätte nicht gemeint,« sprach er, »daß man die Berliner so leicht vertragen kann – jetzt sind wir schon bald den ganzen Tag beieinander und es macht sich recht ordentlich!«

»Und mir geht eine neue Welt auf!« fügte das Fräulein hinzu. »Ich bin wie ausgewechselt – ganz neue Gefühle, neue Ahnungen! Dieser erste herrliche Tag in den Alpen! O, diese Süddeutschen, diese Bayern und ihr Land – man kennt sie nur nicht genug bei uns.«

Benno nahm auch diese Worte sehr beifällig auf und blickte das Mädchen noch sinniger und inniger an als zuvor.

Das weitere Gespräch der kleinen Gesellschaft hier wiederzugeben, halten wir aber nicht für nötig. Es drehte sich von nun an zumeist um die Schönheit der Landschaft und den eigentümlichen Reiz des dunkeln Gewässers. Es braucht kaum bemerkt zu werden, daß unser Waldler für seine Empfindungen immer einen ganz andern Ausdruck wählte, als das Fräulein erwarten mochte, und daß dieses eben deswegen seine Reden oft höchst überraschend und fast immer geistreich fand.

Endlich, da die Sonne hinter die Berge gesunken und der Abend ins Land gezogen war, brachen sie auf und verließen die Sommerbank, die vor jenem Häuschen steht. Weil ich auch nichts anderes im Sinne hatte, als mit meinem Begleiter des Tages letzte Stunden zu vertändeln, so fragte ich, ob wir das liebenswürdige Kleeblatt vielleicht begleiten dürften und erhielt sehr verbindliche Antwort.

Da man den nämlichen Weg nicht wieder zurückgehen wollte, so war nun die nächste Aufgabe, in jene kleine Hochebene hinaufzusteigen, über welche einerseits der Felsen aufragt, der die alte Thierburg trägt, während sie auf der andern Seite in steilen Abhängen zu Tale fällt. In diesem zieht die Straße entlang, und neben ihr flutet der mächtige Innstrom.

Oben aber auf der kleinen Hochebene zeigen sich schöne Wiesen, etliche Getreidefelder und einige Bauernhöfe. Auch sieht das Auge immerdar hinüber zum riesenhaften Wilden Kaiser, der in unbestrittener Erhabenheit auf der andern Seite des Flusses prangt. Nicht minder erscheint die alte ruhmreiche Festung Kufstein auf ihrem freistehenden Felsen und das zierliche Städtchen mit seiner gastfreundlichen Herrengesellschaft.

Wir wanderten in heiterer Unterhaltung dahin. Das Fräulein entzückte sich immer mehr und mehr und war allmählich durch Schauen und Reden, vielleicht auch durch die rasch aufblühende Neigung zu dem interessanten »Waldler« in eine solche Aufregung geraten, daß sie an einer gewissen Stelle in folgende Worte ausbrach:

»Tirili, hoidicho, sapprati! Mir ist meiner Lebetage nicht so wohl gewesen, – aber ich zerspringe zuletzt vor Wonne. Die feine Bergluft steigt mir zu Kopf, und ich bin wie trunken. Ich möchte eine große Tat tun, um mich auszupusten – soll ich dort den Felsen hinauf zum Schlosse klimmen oder da ins Tal hinunterhüpfen. Wenn ich hüpfte, wo käme ich hin?«

»Da unten liegt die Klause,« sagte der Intendant.

»Die Klause?« fragte das Fräulein. »Was ist das?«

»Das ist ein Wirtsgarten,« bemerkte ich, »wo wir zu Abend essen, wo Sie auch über Nacht bleiben können.«

»I, vortrefflich! Also da klettre ich hinunter, einen Alpensteig, einen Gemsenweg, ich, die erste Berlinerin, die da geklettert, und unten sehen wir uns wieder!« »Das geht nicht!« sagte der Vater seht besorgt und ernst.

»Das geht schon. Heute bist du mir eine Erlaubnis schuldig. Ich zerspringe sonst!«

»Nu, wie ist denn eigentlich die Lage?« fragte mich der Vater ängstlich. »Ich sehe hier nur Bäume.«

»Ganz richtig,« sagte ich. »Diese Bäume verdecken eine schiefe Halde, welche noch eine Zeitlang grün und bewachsen bleibt und dann in eine hohe Wand übergeht, die etwas unwegsam –-«

»Ist nicht so arg,« unterbrach der Intendant, der da eine seltsame Neigung zu einem unnötigen Wagstücke zeigte, um vor uns und zunächst vor dem schönen Fräulein seine Gewandtheit und seinen Mut erglänzen zu lassen. »Es gehen schon etliche grüne Streifen zu Tal. Man kann leicht ein Geißweglein finden, daß man ordentlich hinunterkommt.«

»Siehst du, Papa, es ist gar nichts daran.«

»Was halten Sie davon?« fragte mich der Haufen.

»Ich möchte die Verantwortlichkeit nicht übernehmen.«

»Aber ich!« rief der Intendant. »Es geht ganz gut. Kommen Sie nur, Fräulein!«

Er tat einige schnelle Schritte an der Halde hinunter; das Fräulein folgte ihm, ohne den ängstlichen Zuruf des zärtlichen Vaters weiter zu beachten.

»Wenn das Mädel geht, muß ich auch mit!« rief da unser Benno. »Könnt' ihr leicht etwas passieren.«

Mich befiel damals wirklich eine Ahnung. Was nun kam, ging mir alles im Geiste vor, wenn auch in unbestimmteren Bildern. Ich sagte daher zu dem jungen Manne:

»Bleiben Sie bei uns, Herr Fichtner! Passiert ihr etwas, so können Sie eher helfen, wenn Sie unten sind.«

Das Mädchen aber richtete von der Halde herauf noch einen überaus freundlichen Blick auf unsern, vielmehr ihren Benno. Es war leicht zu bemerken, daß sie ihn damit einladen wollte, sie auf dem Abenteuer zu begleiten.

Er sah mich fragend an und sagte: »Ich mein', ich muß!« – worauf ich aber den jungen Mann, um ihn zurückzuhalten, am Arme faßte und mit Nachdruck sprach: »Bleiben Sie – des Fräuleins wegen! Sie werden mir's noch danken.«

Er schüttelte unwirsch das Haupt, schaute zweifelnd durch die Bäume, in denen das Mädchen und sein Begleiter bald verschwunden waren, befolgte jedoch meinen Rat und blieb bei uns.

Wir drei andern setzten nun unsere Wanderung fort, aber viel eiliger als vorher, denn wir wollten so rasch als möglich unten ankommen. Der Pfad geht noch eine kleine Strecke auf der Hochebene hin, bis er eine Stelle erreicht, wo ein gut gehaltener Steig bequem zu Tale leitet. Da stiegen wir nun hinab und fanden uns, als wir unten waren, auf der Landstraße, die zwischen dem Berge und dem Inn zur Klause führt, so daß unser Weg eine Schleife bildete, die von da, wo uns das Fräulein und der Intendant verlassen hatten, bis in den Klausengarten etwa eine Viertelstunde betrug.

»Ich bin sehr gespannt,« sagte ich, als wir den Garten vor uns sahen, »sehr gespannt, wie die Sache gegangen. Entweder sitzen sie da schon gemütlich beim Wein und lachen uns aus, oder –«

»Oder?« wiederholte der Vater in großer Aufregung.

»Oder sie konnten nicht herunter und –«

Da kam der Intendant aus dem Garten heraus und uns entgegen, aber leider in einem Zustande, der nur erschrecken, nicht beruhigen konnte. Er hatte nämlich den Hut verloren, sein Haar war verwirrt und mit Sand bekleistert; im Gesichte zeigte er einige blutende Schrunden; Rock und Hosen waren voller Schmutz und an mehreren Orten zerrissen. Auch sein Regenschirm hatte mannigfache Schäden erlitten und war gar nicht mehr zu gebrauchen.

»Um Gottes willen, was ist geschehen?« riefen wir alle miteinander.

»Ich bin dort oben auf dem glatten Boden ausgerutscht,« erwiderte der Intendant mit zitternder Stimme, »und heruntergeschossen und über die Wand gekugelt.«

»Und meine Tochter?« rief Herr Hansen.

»Die hängt noch oben an dem Baum!«

Damit deutete er gegen die Halde hinauf und wir sahen zu unserer größten Bestürzung das Fräulein ganz oben in dem lichten Walde, aber in sehr verkleinerter Gestalt, fast wie ein Eichhörnchen, das in den Rinden knuspert. Es hatte einen jungen Baumstamm umschlungen und rief mit verhallender Stimme um Hilfe.

»Ei, so steigen Sie doch hinauf, Herr Intendant!« sprach ich gebieterisch, »und helfen Sie ihr herunter!«

»Nein,« antwortete er ebenso entschieden. »Das kann ich nicht. Ich bin ganz schlotterig vor Schrecken. Ich gehe jetzt in den Rosenkranz und danke dem lieben Gott, daß ich noch mit dem Leben davongekommen bin. Auf Wiedersehen!«

Er war nicht aufzuhalten und hätte auch nichts helfen können, denn er war ganz gebrochen.

Nun ließ aber Benno Fichtner seine kräftige Stimme erschallen und rief in den Garten und in die Landschaft hinein:

»Ist denn niemand da, der das Mädel herunterholt? – um hundert Gulden – die zahl' ich.«

»Um tausend Taler, um zehntausend Taler!« setzte der Vater in seiner Seelenangst hinzu – »wenn sie nur gerettet wird!«

Aber da war keine Hilfe. Die Söhne der Klause, bekanntlich zwei rüstige Jungen, waren von der Arbeit auf dem Felde noch nicht heimgekommen und in dem Garten saßen jetzt nur einige Damen mit zwei oder drei älteren Herren aus der Nachbarschaft. Sie zeigten sich zwar alle voller Teilnahme, aber die Rettung war von ihnen nicht zu erwarten.

»Jetzt steig' ich selber 'nauf,« sagte da Benno, »geht's wie's will.«

»Nein, nein!« riefen die Umstehenden, »das geht nicht – das hilft nichts – man muß mit Stricken und Leitern von oben kommen.«

»Still da!« schnurrte sie aber unser Waldler an. »Wer nicht mittut, hat nichts einzureden; es geht so auch, weil es gehen muß.«

Er schwang seinen Bergstock und ging an die Leite. Hier müssen wir aber doch noch ausführlicher erzählen, was mittlerweile dort oben vorgekommen war, damit sich der Leser ein klares Bild der Lage schaffen kann.

Nachdem der Intendant und das Mädchen sich von uns getrennt hatten, waren sie etwa hundert Schritte abwärts getrippelt in ziemlich dichtem Grase, das ihnen vorderhand noch sicheren Tritt gewährte. Dieses wurde aber allmählich spärlicher und an seine Stelle setzte sich ein dünner Teppich von alten Fichtennadeln, der bald sehr schlüpfrig und um so gefährlicher wurde, je rascher die Halde nunmehr abzufallen begann. Zuletzt ging dieselbe in einen grünen, mit mancherlei Kräutern und niederen Büschen bewachsenen Simsen aus, und unter diesem, aber tief unten zeigte sich die Straße. Sie sahen unschwer ein, daß der grüne Rand auf einer, wenn nicht senkrechten, so doch sehr steilen Wand ruhen müsse, und daß da kein Pfad, auch kein Geißweglein hinunterführe. Sie trachteten nun wohl beide wieder da hinaufzusteigen, wo sie herabgekommen, allein es war nicht mehr möglich. Leider standen die Bäume dort nicht so nahe aneinander, daß sie sich von einem Zweige hätten zum andern schwingen können, und ohne solche Hilfe war auf dem glatten Boden wohl abwärts, aber nicht aufwärts zu kommen. Kriemhilde hatte sich zuletzt rutschend und glitschend an eine junge Fichte treiben lassen, die sie mit beiden Armen krampfhaft umschlang. Ihr Begleiter rief ihr zu, sie solle sich da mit allen Kräften halten; er wolle sehen, wie er hinunterkomme, um Stricke, Leitern und Leute zu holen. Es werde noch alles gut gehen!

Nachdem er so dem Mädchen Mut zugesprochen hatte, versuchte er sich auf den Boden zu legen, um sich, da er seinen Sohlen kein Vertrauen mehr schenkte, rücklings fortzuschieben, allein auch dieses gelang nicht ganz nach Wunsche, denn er geriet gar bald samt seiner Unterlage in Bewegung und schoß mit einem herzzerreißenden Angstschrei über den Rand hinaus. Kriemhilde sah ihn mit Entsetzen verschwinden, er aber fiel in weichen Grund, denn es war zum Glück nicht schroffes, mitleidloses Felsgestein, was ihn aufnahm, sondern eine sandige Leite, die ihm nicht sehr wehe tat. Und nachdem er noch ein paar Male um sich selbst gekugelt und dabei allerdings mannigfach geschädigt worden war, fand er wieder Kraft genug, um sich aufzurichten und die Steilseite, wenn auch mühselig, herunterzuklettern.

An dieser Leite stieg nun unser Freund empor. Sie war zwar so locker, daß unter seinen Tritten immer kleine Sandbächlein entstanden und lustig herunterrieselten, aber doch so fest, daß sich seine Fußstapfen haltbar eingruben und daß er, wenn auch langsam, vorwärts kam. Der Vater sah nun händeringend seinen Anstrengungen zu. Das Mädchen konnte, wie sich von selbst versteht, das, was hier unten an der Wand der Leite vorging, nicht gewahren und schrie daher immerdar flehentlich um Hilfe, bis die Teilnehmer auf der Straße ihr mit lauten Rufen zu erkennen gaben, daß die Rettung nahe sei. Dies schien sie etwas zu beruhigen.

Endlich war der kühne Steiger oben angekommen, unter jenem grünen Polster, das aber so weit herausragte, daß er zunächst nicht mehr vorwärts dringen konnte. Wir fingen neuerdings zu bangen an und glaubten jedenfalls einen längeren Aufenthalt vorauszusehen. Er aber verwendete nun seinen Bergstock, um den Rasen durchzustoßen, und hob sich dann, nachdem dies nicht ohne Mühe, jedoch ziemlich schnell geschehen war, in die runde Lücke, so daß er dem Fräulein sichtbar wurde. Dieser Anblick entzückte das Mädchen dergestalt, daß es sich einen lauten Freudenschrei gestattete, den wir leise bis auf die Straße herunter hörten.

Der rettende Engel hatte glücklicherweise gerade die rechte Stelle getroffen, dicht unter der Fichte, an der das Fräulein hing.

Nunmehr trat er unten den Boden fest, um sicher zu stehen; mit den Händen faßte er das junge Gebüsch, das da in dem grünen Polster aufgewachsen war, und endlich, als er seine Stellung für haltbar erachtete, rief er: »Jetzt, Mädel, laß aus und komm' her!«

Kriemhilde fühlte sich wie vom Tode errettet, aber ihre Angst war noch nicht ganz zu Ende, denn nun galt es den allerdings kleinen Zwischenraum, der sie von ihrem Nothelfer trennte, noch glücklich zu durchmessen. Sie ließ also die Fichte, an der sie bisher gehangen, fahren, glitschte jene schmale Strecke hinunter und erreichte ohne Unfall unsern und ihren Freund. Sie fiel vor Freude weinend an seinen Hals, denn in seine Arme konnte sie nicht fallen, weil er sich mit letzteren in dem Buschwerke festhalten mußte. Dies war auch sehr notwendig, denn im ersten Augenblick fürchtete er, die süße Last werde ihn überwältigen und er mit ihr das traurige Schicksal teilen, das den Intendanten erreicht hatte. Aber seine Jugendkraft hielt stand, und überwand siegreich den bedenklichen Anprall.

Nunmehr rief er frisch und fröhlich: »Jetzt, Mädel, gehörst mein und dich laß ich nimmer!« worauf Kriemhild in voller Seligkeit ebenfalls einige begeisterte Worte stammelte und ihn mit Inbrunst küßte.

Nun mußte also der Abstieg unternommen werden. Der Retter trat aus seinem Standort heraus, so daß Kriemhilde durch die runde Lücke in dem Graspolster sich herunterlassen und die Stelle einnehmen konnte, auf der er vorher gestanden. Als auch dies gelungen, war das Schwierigste getan. Benno trat wieder in die Fußstapfen, die er im Aufstieg zurückgelassen, das Mädchen aber, das er mit kräftiger Hand hielt und führte, folgte ihm wie ein Lämmlein dem Hirten und trat bedächtiglich in seine Tritte, so daß sie zwar nicht gar schnell, aber unversehrt herunterkamen. Kriemhilde fiel dem Vater sofort zu Füßen, gleichsam um Abbitte zu tun für den verwegenen Streich, den sie begangen.

Als aber der alte Herr seine Tochter wieder in die Arme schließen konnte, wußte er sich vor Wonne kaum mehr zu fassen. Er küßte sie und sie küßte ihn und beide jubelten eine gute Weile hochpoetisches und närrisches Zeug durcheinander, während wir, nämlich ich und die verschiedenen Gäste, die so lange ängstlich wartend auf der Straße gestanden, dem Vater und dem Retter und dem Fräulein unsere herzlichen Glückwünsche reichlich spendeten. Nicht zu vergessen ist, daß bei dieser pathetischen Gelegenheit der glückliche Vater auch dem biedern, mutigen Waldler mehrere Male dankend um den Hals fiel.

»Nun aber Rast und Ruhe, Erholung und Erquickung!« riefen alle, und Kriemhilde wankte an Bennos Arm die Stufen in den Garten hinauf, wo sich beide und der Vater und ich unter einen dichtbelaubten Ahorn setzten. Für die Gerettete stand schon ein bequemer Lehnstuhl bereit. Die andern Gäste nahmen höflichen Abschied und zerstreuten sich allmählich, denn es war die Zeit, wo die Nacht einbricht.

Das Mädchen aber versank in einen bedenklichen Zustand. Schrecken und Freude hatten sie wie betäubt; es war, als habe sie ein Schlag gerührt. Sie lehnte das Haupt zurück und sah mit verschwimmenden Augen ins Weite, schien uns aber nicht mehr zu kennen. Benno und der Vater boten ihr Wein und Brot an, fragten, was ihr sonst zu Gefallen sein könnte, erhielten aber keine Antwort. Der Vater verfiel wieder in die tiefste Trübsal; er fürchtete, es sei eine Geistesstörung eingetreten. Benno sprach nicht mehr, sondern schaute nur immer voll Angst und Sorge in das schöne, bleiche Antlitz, das mit offenen Augen in der Lehne lag, so anziehend und so unheimlich.

Nach einer peinlichen Viertelstunde fing aber das Mädchen wieder zu sprechen an.

»Das war eine Ohnmacht, glaube ich; ich wußte nichts mehr von mir; ich sah auch nichts mehr – aber jetzt weiß ich wieder, daß ich Kriemhilde Hansen bin und meinen herzigen Papa kenne ich wieder und meinen Benno und unsern lieben Freund hier!«

Dabei gab sie uns allen nach dieser Reihe die Hand, und der Vater verfiel in neue Wonnen und unser Waldler in die hellste Freude.

Da nun die kleine Gesellschaft seit dem Tatzelwurm eigentlich keine entsprechende Nahrung mehr gefunden, so gestand sie sich allseitig, daß sie etwas Hunger verspüre. Dafür aber hatte meine Vorsicht schon gesorgt, denn ich war gleich nach dem Abschied von dem Intendanten in die Küche gegangen, um das nötige anzuordnen.

Und kaum hatte das Fräulein jene Worte gesprochen, die uns als erstes Lebenszeichen ihres wieder erwachten Geistes so innig erfreut hatten, so trug die Klausen-Marie auch schon sehr schätzbare Forellen und einen trefflichen jungen Spielhahn auf, welchem sie dann später die landesüblichen Strauben und noch einige andere Leckerbissen folgen ließ.

Wir waren nun allein im Garten; eine laue Luft zog durch das Tal; der Vollmond schien in die Rosen, die in dem Gehege blühten, und beleuchtete den Wilden Kaiser, der uns majestätisch gegenüberstand; auch in den Innstrom warf er seinen silbernen Schimmer. Wir waren so aufgeregt und so fröhlich!

Und nachdem das Mahl zu Ende, erhob das Fräulein ihr Glas und rief: »Auf das Wohl meines Bräutigams, dem ich mein Leben verdanke!«

»Ei, sieh' da,« sprach der Vater, »was soll das bedeuten?«

»Trink nur erst, Väterchen! die Erklärung kommt bald nach.«

Und der Vater griff freudig nach dem Glase und trank auf das Wohl des künftigen Schwiegersohnes.

»Wir haben uns nämlich,« fuhr Kriemhilde in heiterster Laune fort, »dort oben erklärt, und sind schon als Verlobte heruntergekommen. Benno sagt: Dich lass' ich nimmer und – ich rat' ihm selbst dazu, denn er kriegt keine, die ihn lieber hat.«

»Und zehntausend Taler sind Sie mir so noch schuldig!« setzte unser Waldler lachend hinzu.

»Meinen Segen spend' ich gern,« entgegnete Herr Hansen, »aber ich setze eine Bedingung. Meine Tochter geb' ich nicht aus dem Hause und Benno muß also zu uns kommen. So kann ihm mit dem Mädchen dereinst auch das ganze Geschäft zufallen. Ich glaube, er wird es nicht bereuen, wenn er seine jetzige Laufbahn aufgibt. Er muß nur erst ein Lehrjahr in einem Kontor bestehen, dabei unsere Sitten und Formen annehmen, überhaupt mit gebildeten Menschen umgehen lernen – ist dies erreicht, so könnt ihr Hochzeit halten, wenn ihr wollt!«

»Kein Wort dagegen! Alles klug und weise, wie es von Väterchen nicht anders zu erwarten. Benno wird noch eine zweite Zivilisation annehmen, aber die jetzige, in der ich ihn so lieb gewonnen, nicht aufgeben.«

»Das wird sich alles machen,« schloß der glückliche Bräutigam. »Auf eine Zivilisation mehr oder weniger kömmt's einem Waldler nicht an!«

Diese kurze Geschichte dürfte sich im August des Jahres 1877 zugetragen haben. Im letzten Frühjahr aber stand ich eines Morgens auf dem Bahnhofe zu München, um ins Gebirge zu fahren, und gewahrte da ein zierliches junges Paar, das eben aus dem Zuge gestiegen. Wir kamen uns näher und ich hörte bald eine freundliche Stimme, die mich in jener seinen Mundart, wie sie an den Gestaden der Spree erklingt, also ansprach:

»Na nu, guten Morgen, Herr Doktor! wir sind eben auf der Hochzeitsreise und kommen aus Italien. Ich bin jetzt ein geschliffener Edelstein, will sagen ein Berliner geworden – ganz geistreich – denn man kann da gar nicht anders – und meine Kalauer gehen durch die ganze Stadt. Papa ist glücklich und wartet mit Sehnsucht auf uns. Kriemhilde vergöttert mich« – bei diesen Worten zupfte sie ihn liebreich am Barte – »und wenn wir zärtlich werden, sprechen wir waldlerisch. Das hat sie auch gelernt. Wir könnten's nicht besser haben, Herr Doktor! Wir wissen auch, daß wir Ihnen viel Dank schuldig sind, denn Sie haben mir damals sehr gut geraten, und wenn Sie nach Berlin kommen, werden wir Sie fürstlich bewirten – das zahl' ich!«








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