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Benkal, der Frauentröster

René Schickele: Benkal, der Frauentröster - Kapitel 1
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typefiction
authorRené Schickele
titleBenkal, der Frauentröster
publisherBuchverlag Der Morgen
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I

Aus der Feuersbrunst, die das mittelländische Königreich zerstörte, flog ein Funke in den Himmel und blieb dort haften an dem Schilde des Ruhms als ein Stern, zu dem alle bekümmerten Frauen hilfesuchend emporblicken.

Bevor das tragische Mißgeschick seines Volkes ihn solchermaßen erhöhte, war Benkal einer der gleichgültigen und unnützen Menschen, wie man deren im reichen Mittelland viel traf.

So hatte es wenigstens den Anschein, und so mußte es jeder mit Benkal halten, der sich nicht gerade aufmerksam mit seinem Innenleben beschäftigt hätte. Daran dachte aber keiner, vielleicht, weil Benkal selbst gern und viel, wenn auch in schwer verständlichen Umschreibungen, von seinem Innenleben sprach.

Um es gleich zu sagen: Benkal war ein Schwätzer, den niemand ernst nahm, und da es von jeher Benkals Art war, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, so gab er wohl auch Anlaß zu der Meinung, daß er im Grund von sich nicht besser, wenn nicht gar geringer denke. Schuld hatte der gelbe Wein seiner Heimat, der so leicht aussah, wenn man ihn ihm Glas drehte, so leicht und durchsichtig wie das Gelb am Himmel nach Sonnenuntergang, und der einen so schweren und trüben Rausch erzeugte, darin Benkal wie zwischen den Fenstern einer verruchten Kapelle saß und Himmel und Hölle in Bewegung setzte.

Der Wein hatte schuld, der die Zunge eines eingeschüchterten und einsamen Jünglings im unrechten Augenblick löste, einen wilden Träumer zum tollpatschigen, von üblen Dünsten aufgeschwollenen Großsprecher machte und vor den erheiterten Blicken der Zuhörer das Bild eines überlebensgroßen Ehrgeizes enthüllte, das im zuckenden Feuerschein des Weingeistes hilflose Grimassen schnitt. Benkal, der klug war, bemerkte es wohl. Aber der Wein blieb stärker als die Scham, deren blitzartiges Einschlagen in den lichten Augenblicken des Rausches ihn nur ganz niederwarf und also demütigte, daß man ihn Verwünschungen gegen sich ausstoßen oder tränenselig um Mitleid bitten hörte. Da war es den andern schon lieber, wenn er die Ungeheuer seines Traumes an den Hörnern vorzeigte und auf ihrem Rücken Sturm ritt. Sie atmeten auf, wenn Benkal seine Tränenlache, in die sie ihm durchaus nicht folgen wollten, verließ, um sich in höheren Regionen zu bewegen, wo es lustiger zuging.

Benkal hielt sich daran und schränkte seine Darbietungen elegischer Art auf das seiner Gesundheit unbedingt nötige Maß ein.

Ein Märchenprinz, das Glas gelben Weins in der gehobenen Hand, war er unter Blumengirlanden und durch Triumphbogen in eine zauberische Landschaft eingefahren. Sie überwucherte, begrub ihn unter ihrem falschen Glanz. Der Wein, der ihn verführt hatte, wie eine Metze einen Knaben an sich fesselt, hielt ihn in unbarmherziger Gefangenschaft ... Oh, er konnte gehn, wann er wollte, sie hielt ihn nicht zurück, sie verursachte ihm Übelkeit, das wußte sie wohl, und sie rührte keinen Finger, wenn er aufstampfte und davonlief. Sie sandte ihm sogar einen aufrichtigen Freundesblick nach, worin Mitleid wie geronnene Liebe schwamm. Wußte sie doch gut, daß er sich jetzt erst recht elend und hundertfach verlassen fühlen werde, voll brennenden Verlangens, wenn nicht nach Liebe, so doch nach Schlaf. Er konnte aber nur in ihren Armen einschlafen.

Benkal verkam zusehends. Da er unfähig war, die geringste Arbeit zu verrichten, wäre er wahrscheinlich sogar im reichen Mittelland verhungert, wenn er nicht in einem älteren, gewerbefleißigen Bruder, dem ›Zahnfabrikanten‹, einen unwandelbar treuen Anhänger gehabt hätte, der ihn kleidete und nährte, mit Taschengeld versah und im übrigen auf die Stunde wartete, die das Genie des bewunderten Bruders aller Welt offenbaren sollte ...

Wie die Benkal waren, ließ er sich seinen Glauben nicht anmerken, sondern sprach im Gegenteil mit weithin sichtbarer Überlegenheit von seinem Brüderchen. Dabei strich er mit den erfolgreichen Händen lächelnd über den sanftgewölbten Leib und stellte heimlich Gedanken darüber an, wie der Kleine das viele neuverdiente Geld am genußreichsten vertun könnte. Das einzige, was ihn bekümmerte, war, daß die Phantasie des Jungen im Geldausgeben selten über etwas so Althergebrachtes wie das Wirtshaus hinausreichte. Im Wirtshaus saß viel dummes und niedriges Volk, und es kränkte ihn, daß sein Bruder sich mit der Gesellschaft gemein machte.

Um die Ehre der Familie zu retten, mußte Bra ebenfalls das Wirtshaus besuchen, zu einer Zeit, wo Benkal schlief. Bra stammte aus Benkals Heimat, mit ihm als Diener und Vertrauten hatte der Ältere vor Jahren sein Geschäft begonnen. Bra verehrte seinen Meister, er bemühte sich, auch den Jüngeren nach besten Kräften zu bewundern, ohne zu wissen, warum, nur seinem Herrn zuliebe, dessen hervorragende Eigenschaften er um so deutlicher erkannte.

»So«, sagte Benkal, »hat jeder seinen Gläubigen, jeder wirkt auf andere, und die Wirkung der kleinsten Welle in der Schöpfung ist nicht abzusehn. Spiritus flat! Der Geist weht.«

Da sein Bruder, der sich vielleicht verhöhnt glaubte, ihn mißtrauisch ansah, fügte Benkal hinzu, und er wollte tiefer Weisheit damit eine handgreifliche Form geben: »Ganz abgesehen von den Tausenden, die du mit Zähnen versiehst ... Wieviel Schicksale, in die du eingegriffen hast!«

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