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Benjamin Constant - Der Roman eines Lebens

Josef Ettlinger: Benjamin Constant - Der Roman eines Lebens - Kapitel 17
Quellenangabe
typebiography
authorJosef Ettlinger
titleBenjamin Constant - Der Roman eines Lebens
publisherEgon Fleischel & Co.
year1909
correctorreuters@abc.de
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XV. Madame Récamier

(1814–1815)

Seitdem Juliette Récamier jenen denkwürdigen Spätsommer des Jahres 1807 auf Schloß Coppet verbracht hatte, von dessen Ereignissen früher die Rede war, erfreute sie sich einer besonders liebevollen Aufmerksamkeit der Napoleonischen Geheimpolizei. Der Kaiser selbst, der ihr nie verziehen hatte, daß sie es einst in den Firnistagen seiner Monarchie abgelehnt hatte, Palastdame der Kaiserin Josephine zu werden, erklärte bald nachher vor zahlreichen Zuhörern, daß er jeden als seinen persönlichen Feind betrachtete, der im Salon der Madame Récamier verkehrte. Als diese dann im Sommer 1811, zu der Zeit, da Frau von Staël durch das Interdikt ihres Buches über Deutschland, durch den endgültigen Abschied von Benjamin und ihren angegriffenen Gesundheitszustand besonders schwer unter ihrem Verbannungsschicksal litt, allen Gefahren zum Trotz nach Coppet eilte, um der Verfehmten Freundschaftstreue zu erzeigen, traf ebenso wie den beiden Frauen gleich anhänglichen Mathieu de Montmorency auch die schöne Juliette der Bannstrahl der kaiserlichen Ungnade; sie wurde ausgewiesen und blieb es fast drei Jahre lang, die sie teils in Chalons und Lyon, teils in Italien verbrachte. Hier schloß sie sich bei einem längeren Aufenthalte in Neapel und am dortigen Hofe auf das engste an die ihr von früher befreundete Königin Karoline an, eben zu der Zeit, da die Sorge um seinen Thron Joachim Murat zwang, sich von seinem kaiserlichen Schwager loszusagen und zu den Alliierten überzugehen. Als dann nach Napoleons Festsetzung auf Elba der Wiener Kongreß neben anderen Aufgaben auch über das Fortbestehen der von Bonaparte eingesetzten Dynastieen entscheiden sollte, wandte sich die für ihren Gatten fürchtende Königin an ihre jetzt wieder in Paris weilende Freundin mit der dringenden Bitte, ihr die Unterstützung eines besonders fähigen Publizisten zu verschaffen, der in einer möglichst eindrücklichen Denkschrift die Sache Murats vor dem Kongreß vertreten sollte.

Es ergab sich ganz von selbst, daß Juliettes Wahl zunächst und sofort auf Constant fiel, den sie seit vierzehn Jahren kannte und der eben erst durch verschiedene politische Schriften die allgemeine Beachtung und Bewunderung erregt hatte. Am 27. August – das Datum sollte für Constants Biographie historisch werden – bat sie ihn zu sich und setzte ihm in einer zweistündigen Unterhaltung unter vier Augen ihre Wünsche und die ihres Freundes mit solchem Aufgebot an werbender Überredungskunst auseinander, daß etwas völlig Unerwartetes geschah: der siebenundvierzigjährige Mann mit dem vermeintlich längst verbrauchten Herzen fand sich urplötzlich von dem Taumel einer springflutartigen Leidenschaft erfaßt und alles festen Bodens beraubt. Hundertmal hatte er in diese sieggewohnten Augen gesehen, hundertmal dieser eigentümlich weichen vibrierenden Stimme gelauscht, den jungfräulichen Schmelz und Reiz einer in halb Europa jahrzehntelang gefeierten Schönheit auf sich wirken lassen, ohne im geringsten aus dem Gleichgewicht zu geraten: diese eine Stunde machte ihn liebeskrank, wie er es nie zuvor gewesen, entschied auf Jahre hinaus über sein Leben. Irgend ein schmachtender Blick, eine Gebärde vielleicht, eine zufällige vertrauliche Berührung hatte genügt, ihn wie Faust vor dem Zauberspiegel der Hexe an diesem hingestreckten Leibe den Inbegriff von allen Himmeln sehn zu lassen. Waidwund wie ein angeschossenes Wild und im Innersten verwandelt, brachte er seine Tage nur noch damit hin, mit brennender Ungeduld die Gelegenheiten abzuwarten, da er sie aus der Nähe oder Ferne wiedersehen durfte: folgte ihr wie ein Schatten in die Salons, in denen sie verkehrte: stellte sich, so oft es unauffällig möglich war, zu ihren abendlichen Empfängen ein, die sie noch nach Schluß der Oper bei sich abhielt: und warf, was er ihr in Gegenwart anderer weder mit Worten noch mit Blicken sagen durfte, in ungezählten Briefen und Billetts auf Papier, deren er ihr oft zwei und drei an einem Tage sandte, im Augenblick des Schreibens schon von Ungeduld nach einer Antwort verzehrt, siech bis zur Erschöpfung, wenn diese ausblieb, von Fieberhitze geschüttelt, mit Tränen kämpfend, wenn er sich zurückgesetzt, mißachtet, vergessen glauben mußte.

Diese Briefe, die der Empfängerin wert genug des Aufbewahrens scheinen mochten, liegen seit ein paar Jahrzehnten zu einem starken Bande vereinigt gedruckt vor und sind sicherlich einer der merkwürdigsten Beiträge zur Naturgeschichte des menschlichen Herzens: in ihrer Gesamtheit der fortgesetzte Monolog eines hoffnungslos Liebenden, der sich dieser Hoffnungslosigkeit vom ersten Moment an bewußt ist und sich doch mit der Gefühlssophistik, der erregten Phraseologie des Verliebten und den Überredungskünsten des geborenen Rhetors über Wasser hält, verteidigt, aus Selbsttäuschungen Kartenhäuser baut, den Sekundenzeiger zum Zeitmesser macht, immer zwischen Furcht und Hoffnung wie zwischen Tod und Leben schwebt. Manche dieser Briefe, die stets nur durch schleunige Boten direkt bestellt wurden, sind geschriebene Ohnmachtsanfälle, Gebete an eine irdische Madonna, Elegieen eines irrenden Ritters, gezügelt von der beständigen Angst, mit irgend einem Worte zu mißfallen, demütig-willenlos bis zur Selbsterniedrigung, auf nichts bedacht als auf das Gnadengeschenk eines freundlichen Wortes oder eines noch so flüchtigen Wiedersehens.

Juliette Récamier, stets vom Scheitel bis zur Flosse schöne Melusine, sobald sie sich von der Hitze einer Leidenschaft aus nächster Nähe bedroht sah, nahm zunächst die plötzliche Verwandlung eines langjährigen guten Freundes in einen hypnotisierten Anbeter überhaupt nicht ernst. Sie glaubte, das Feuer auf seinen Herd zu beschränken, wenn sie Benjamins verspäteter Passion mit, kühler Ironie und ungläubigem Spott begegnete, und erreichte gerade die umgekehrte Wirkung. Was an Leidenschaftsfähigkeit in ihm war oder was er dafür hielte war von jeher nur durch die Schwierigkeit oder Unmöglichkeit des Besitzes gereizt und aufgewühlt worden, aber doch nie zuvor in einem Grade, wie hier, wo das erschwerende Moment hinzukam, daß er sich die äußerste Selbstbeherrschung auferlegen mußte, um seine Gefühle niemandem außer der einzigen zu verraten, der sie galten, und daß diese Gefühle einer Frau gehörten, die um jene Zeit mehr denn je umdrängt, umworben, in eine Weihrauchwolke von Huldigungen gehüllt war, die sich eben jetzt noch zu zahlreichen anderen den Sieger vom Vittoria durch ihre im Zenit stehende Schönheit unterjocht hatte. Daß die Außenwelt nicht merken durfte, wie es um ihn stand, war nicht etwa durch die Rücksicht auf Charlotte bedingt, die noch immer in Deutschland weilte; es war nötig, weil Juliette selbst bei dem geringsten Gerede, schon um Frau von Staëls willen, mit der sie nach wie vor noch befreundet war, jeden Verkehr mit Constant hätte abbrechen müssen.

Zwar war sie keineswegs eine Kokette im gewöhnlichen Sinne des Wortes, von Gesinnung edel und hilfsbereit, aber ebenso unfähig, jemals einen Verehrer zu erhören, wie ihn durch schroffe Entschiedenheit abzuschrecken. Sie glich darin völlig Molières Celimène, gegen deren allen gleichmäßig lächelnde Huld sich der misanthropische Alcest empört. Constant jedoch war kein Alcest oder doch höchstens dann, wenn er mit seinem Journal intime allein war. Diesem vertraute er Tag für Tag seine Qualen an, zeichnete wie die Fieberkurve eines Kranken das Auf und Ab seiner Hoffnungen und Befürchtungen ein, um sich immer wieder gepeinigt aufstöhnend zu gestehen, daß er um keinen Schritt weiter gekommen sei. Politik, Gesellschaft, Literatur, Arbeit, Ehrgeiz – alles hörte auf, ihn zu interessieren und zu beschäftigen. Nur das Spiel mußte zeitweise als Betäubungsmittel dienen, und mehrfach gingen an einem einzigen Abend fünfstellige Summen am grünen Tisch verloren. Juliettes wegen schlug er sich im Duell mit dem Grafen Forbin, dem nachmaligen Generaldirektor der Pariser Museen, den er für einen begünstigten Nebenbuhler hielt. Aber nichts wurde besser, der Zustand der Besessenheit verschlimmerte sich nur mit den Monaten, steigerte sich bis zu Paroxysmen, zu hysterischen Weinkrämpfen, und das beginnende Jahr 1815 fand ihn noch in derselben hoffnungslosen Verfassung, in der er seit mehr als vier Monaten lebte.

Für die Näherstehenden konnte es schließlich trotz aller Selbstbeherrschung und Vorsicht kein Geheimnis bleiben, wie es um ihn stand. Frau von Staël insbesondere erriet mehr, als sie wußte, welchem Umstände sie seine Teilnahmslosigkeit ihr gegenüber zu danken hatte. Aber sie war nach einer harten Leidensschule nachgerade darüber hinaus, noch an Eifersucht zu kranken. Schon im August, kurz bevor Benjamin in Juliette sein Schicksal finden sollte, hatte sie dieser aus Coppet geschrieben: »Da Sie mir immer und in allen Dingen Liebes zu erweisen trachten, teilen Sie mir mit, daß Benjamin meine Abreise sehr nahe gegangen sei. Aber in den zwei Monaten, die ich kürzlich in Paris verbrachte, habe ich auch nicht den kleinsten Freundschaftsbeweis von ihm erfahren, und ich hätte es nie für möglich gehalten, daß ich dagegen je so unempfindlich sein könnte. Mein Leben liegt freilich nicht mehr in dieser Richtung, aber fünfzehn verlorene Jahre sind ein Abgrund, den nichts mehr ausfüllen kann. ...« Auch als sie sich im Herbst wieder in Paris einfand und mit Albertine ein Landhaus in Clichy bezog, kümmerte sich Benjamin zuerst fast gar nicht um sie, so ganz konzentrierte sich sein Interesse auf das Haus der Rue Vasse-du-Rempart, das sein Idol beherbergte. »Frau von Staël,« schrieb er im November seiner Cousine Rosalie, »weilt, wie du weißt, auf einem Landgut bei Paris. Die Entfernung bewirkt, daß ich sie seltener sehe, als wenn sie in der Stadt wohnte. Ihre Berühmtheit und ihre Anziehungskraft sorgen freilich dafür, daß alles zu ihr kommt, was sich zurzeit in Paris an distinguierten Ausländern und Ausländerinnen aufhält. Aber es ist mit dem persönlichen Interesse, wenn es einmal abnimmt, wie mit dem Vermögen, wenn es zusammenschmilzt. Wer nie mehr besaß, dünkt sich mit tausend Talern Rente ein Krösus; wer zehntausend jährlich zu verzehren gehabt hat, kommt sich mit tausend verarmt vor. Ähnlich glauben Menschen, die sich einst übermäßig geliebt haben, schon indifferent gegen einander zu sein, wenn sie nur noch so viel Zuneigung für einander haben, wie in ihrer Lage der Durchschnitt der anderen.« Nur wenige Male im Laufe des Winters suchte er sie auf, und einmal kam es dabei zu einem heftigen Wortwechsel, von dem das Tagebuch mit dem Zusatze berichtet: »Zum Glück hat mich dieser Pariser Aufenthalt von dem letzten Rest meiner früheren Empfindungen für sie befreit.« Desto wärmere Worte findet er im selben Moment für die in der Ferne weilende Charlotte, deren Briefe ihn von neuem überzeugt haben, daß sie ein »ausgezeichnetes, vornehmes, sanftmütiges und gütevolles Geschöpf« sei.

Auch die Politik blieb inmitten solcher Herzenswirren längere Zeit vernachlässigt. Er hatte in den ersten Monaten nach der Rückkehr der Bourbonen seinen Frieden mit der Restauration gemacht, denn er vertrat den Standpunkt – und machte ihn denen gegenüber geltend, die in seiner Haltung eine Verleugnung seiner früheren politischen Überzeugungen sehen wollten – daß zwischen einer Republik und einer streng konstitutionellen Monarchie der Unterschied vorwiegend formaler Natur sei und jedenfalls unendlich viel geringer, als zwischen einer konstitutionellen und einer absoluten Monarchie. Freilich mußte er bald einsehen, daß die Bourbonen seit den Tagen des Blutgerüsts nichts gelernt und nichts vergessen hatten: aber in dem Grade, in dem seine, wie aller Liberalen Hoffnungen auf den achtzehnten Ludwig tiefer sanken, war er bemüht, in zahlreichen Zeitungsartikeln und mehreren Broschüren für die verfassungsmäßigen Garantieen der Volksrechte einzutreten, die öffentliche Meinung aufzurütteln und ihr die liberalen Ideen mundgerecht zu machen. Selbst der sonst kühl und oft absprechend über Constant urteilende Herzog von Broglie, der bald nachher Albertine von Staëls Gemahl werden sollte, stellt ihm in seinen Memoiren das rückhaltlose Zeugnis aus, daß er sich diesem politischen Aufklärungsdienst mit ganzen Herzen und ohne egoistischen Hintergedanken hingegeben und daß eigentlich er zuerst die vom Absolutismus erwachende Nation das Evangelium der Repräsentativverfassung gelehrt habe. »Man kann es nicht hoch genug veranschlagen,« schrieb er noch ein halbes Jahrhundert später, »was das Vaterland in dieser Hinsicht Benjamin Constant schuldet: seine verschiedenen Broschüren aus jener Zeit haben vielen das Verständnis geschärft, auf die große Masse des Publikums aufklärend gewirkt und bis dahin noch mißkannten Wahrheiten erst allgemeine Geltung verschafft.«

In den letzten Monaten des Jahres 1814, als er sich im Fegefeuer der Leidenschaft unfähig fand, seine Gedanken zu irgendwelcher geistigen Arbeit zu sammeln, blieb er auch als Politiker ziemlich passiv. Man schob seine Zurückhaltung und seine ungewohnte Zerstreutheit im geselligen Verkehr auf die Verstimmtheit eines politisch Enttäuschten, zeitweise auch darauf, daß er für die Akademie vorgeschlagen, aber nicht gewählt worden war, und er tat wohlweislich nichts, diese Annahme zu widerlegen. Frau von Staël, der sein Wohl und Wehe noch immer am Herzen lag, so wenig er sich mehr bemühte, dieses Interesse zu verdienen, machte ihm freundschaftliche Vorhaltungen. »In diesem Zustande,« schrieb sie ihm, »gleichviel wodurch er veranlaßt ist, kommen Sie zu gar nichts. Sie verletzen alle Welt damit, daß Sie nicht zuhören, wenn man mit Ihnen spricht, nicht antworten und sich für nichts interessieren. Sie behalten nicht einen Freund übrig, wenn Sie so weiter machen. Ich selber kümmere mich schon nicht mehr um Sie. Ihre Frau wird sich auch noch von Ihnen lossagen, und wenn es die Liebe sein sollte, die Sie in diese Verfassung gebracht hat, werden Sie die Person, der Ihre Zuneigung gilt, sicher so niemals für sich einnehmen.«

Er sah ein, daß sie recht hatte, obgleich er es bestritt, aber er war zu ausschließlich von seiner hoffnungslosen Leidenschaft unterjocht, um der Stimme der Vernunft Gehör zu schenken. Der Gedanke an Juliette beherrschte ihn unumschränkt, die Beredsamkeit seiner gefeierten Feder brauchte er einzig noch dazu, ihr in den brennendsten Worten seine Liebe und seine Leiden zu schildern, seine ganze Diplomatie bot er nur noch dazu auf, sie immer wieder unter jedem ersinnlichen Vorwande zu einem Wiedersehen, einem Lebenszeichen zu bestimmen. Durch die stets erneuerte Versicherung, daß er nichts weiter beanspruchte, als ihr seine grenzenlose Verehrung widmen zu dürfen, daß die Fastenspeise einer idealen Freundschaft der Endpunkt aller seiner Wünsche sei, machte er es der an Herzenssiege bis zur Alltäglichkeit gewöhnten Frau unmöglich, ihn abzuweisen, verstand er es immer wieder, ihr weiches Herz, ihr Mitleiden und ihre immerhin nicht unempfindliche weibliche Eitelkeit derart im Schach zu halten, daß sie seine Anbetung wenigstens dulden mußte.

Mit seiner Nervenkraft an der Grenze des Erträglichen angelangt, begrüßte er es als einen Wink des Schicksals, daß ihm im Januar 1815 König Joachim Murat durch Madame Récamier den Vorschlag machen ließ, als sein Agent in geheimer Mission nach Wien zu reisen, um dort hinter den Kulissen des Kongresses für seine Sache tätig zu sein. Die Denkschrift, die Constant im Auftrage der Murats und auf Juliettes Bitte verfaßt und die den Anlaß zu seiner Verdammnis gegeben hatte, war inzwischen ohne Namensnennung des Verfassers gedruckt und bekannt geworden. Er war auch jetzt bereit, dem Appell des Königspaares zu entsprechen, aber im Einverständnis mit Madame Récamier stellte er die Bedingung, daß er offiziell als Neapels Vertreter beim Kongreß beglaubigt und einen dementsprechenden Rang erhalten sollte. Da die Königin Caroline in einem Briefe an Juliette diesen Wunsch für unerfüllbar erklären mußte, teils mit Rücksicht auf die in Wien bereits anwesenden bevollmächtigten Minister des Königreichs, teils der Volksstimmung wegen, die an der Vertretung Neapels durch einen Ausländer Anstoß genommen hätte, zog Constant seine Zusage überhaupt zurück. Er war stolz genug, auch ein Honorar von zwanzigtausend Lire nebst einer Ordensauszeichnung, die man ihm aus Neapel für die Abfassung der Denkschrift übersandte, auszuschlagen.

Allmählich gelang es ihm, wenigstens an den Tagen, an denen ihm Juliette durch kleine Beweise ihrer Huld die Fähigkeit dazu gab, seine publizistische Tätigkeit wieder aufzunehmen. Vereinzelte Artikel erschienen im »Journal de Paris«, in den »Débats«, die schon früher erwähnte Broschüre »De la Responsabilité des Ministres« brachte seinen Namen wieder in aller Mund. Aber für ihn hatte nur Wert und Bedeutung, was Juliette guthieß und was in ihrem Sinne war. Während es in Volk und Armee gärte und die allgemeine Unzufriedenheit mit der verhaßten Regierung immer höher stieg, hätte er den Thron Frankreichs für eine Stunde des Alleinseins mit ihr gegeben. Und als am Morgen des 7. März der optische Telegraph den Parisern die ungeheuerliche Nachricht übermittelte, daß der gefangene Kaiser aus Elba entwichen und mit Truppen bei Cannes gelandet sei, riß ihn auch dieses weltgeschichtliche Ereignis noch nicht aus seiner Hypnose. Napoleon war für ihn noch immer der Feind, aber in diesem Augenblick nicht der seinige und der der Völkerfreiheit, sondern der Feind Juliettes, der sie in die Verbannung gestoßen hatte, Grund genug, ihn mit Fanatismus zu bekämpfen, – war doch damit eine neue Möglichkeit gegeben, Juliettes Dank und vielleicht einen Beweis ihrer Dankbarkeit zu verdienen!

Aus solcher Desperado-Stimmung heraus ließ er am 11. März im »Journal de Paris« einen geharnischten Artikel gegen den in Eilmärschen heranrückenden Kaiser von Stapel, in dem dieser mit Attila, Dschingis-Chan und anderen Geißeln der Menschheit in Parallele gestellt war, und das »Journal des Débats« brachte aus seiner Feder eine ganze Folge ähnlicher Angriffe von ungewöhnlicher Heftigkeit des Tones. Aufgeregt schrieb Frau von Staël, die ihrerseits bereits die Flucht nach Coppet ergriffen hatte, an Madame Récamier und beschwor sie, Benjamin zu sofortiger Abreise nach der Schweiz zu veranlassen, da sie seiner Artikel wegen in größter Angst um ihn sei. Aber dieser hatte jetzt nur das verzweifelte Bedürfnis, seiner Himmlischen zu zeigen, wie leicht er Leben und Sicherheit für ihre Sache in die Schanze schlage; es reizte ihn, während alles flüchtete oder zu Bonaparte überging, durch herausfordernde Tollkühnheit die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, und so ließ er noch am 19. März, als der Kaiser schon in Fontainebleau angelangt war und Ludwig XVIII. mit dem Hofe die Tuilerien bereits geräumt hatte, in den »Debats« jenen berühmt gewordenen letzten Artikel in tyrannum erscheinen, an dessen Schluß er in der Fechterstellung eines sterbenden Gladiators weithin öffentlich erklärte: »Ich werde mich nicht als elender Überläufer von der einen Macht auf die Seite der andern schlagen, nicht meine Ehrlosigkeit mit Sophismen bemänteln und entweihte Worte stammeln, um ein schmachbeflecktes Leben damit zu retten ...«

Er war fest überzeugt, mit diesem Manifest sein Todesurteil geschrieben zu haben, und in der Tat. die Verwegenheit war groß, aber sie war als Demonstration für eine schon verlorene Sache in diesem kritischen Momente fast so unnötig wie das Heldenstück des Ritters Delorges im Löwengarten, nur mit dem Unterschied, daß Constant selbst dem Leu den Handschuh entgegenschleuderte und daß er dafür den Dank seiner Dame ausdrücklich begehrte. »Waren Sie mit meinem Artikel zufrieden?« fragte sein Brief vom selben Tage begierig und hoffnungsvoll, und er erklärt, sich »noch auf dem Schafott« glücklich preisen zu wollen, wenn es der Fall wäre. Dennoch gab er dem Drängen seiner politischen Freunde – und wohl auch dem Wunsche Juliettes, die ernstlich um sein Leben besorgt war, – nach und verließ am dritten Tage nach Napoleons Einrücken die Hauptstadt. Unter dem Schutze des amerikanischen Gesandten wollte er sich nach Nantes begeben, um den dort als Präfekten wirkenden Prosper de Barante aufzusuchen, da er aber in Angers erfuhr, daß Nantes sich bereits für den Kaiser erklärt habe und die Ungeduld, Madame Récamier wiederzusehen, ihn verzehrte, kehrte er um und war fünf Tage nach seiner Abreise wieder in Paris, entschlossen, hier sein Schicksal zu erwarten.

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