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Bekenntnisse eines Ichmenschen

Stendhal: Bekenntnisse eines Ichmenschen - Kapitel 9
Quellenangabe
typebiography
authorStendhal
titleBekenntnisse eines Ichmenschen
publisherPropyläen-Verlag
seriesStendhal ? Gesammelte Werke
volumeSiebenter Band
editorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080606
projectid4f1c72b9
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Achtes Kapitel

Italienische Abkunft. Der Abbé Raillane

Civitavecchia, 5. bis 6. Dezember 1835.

Bei dieser Gelegenheit erzählte meine Großtante mir, daß mein Urgroßvater in Avignon in der Provence geboren sei, in dem Lande, wo die Zitronen wüchsen, wie sie im Ton des Bedauerns hinzufügte, und weit näher bei Toulon als bei Grenoble. Man muß nämlich wissen, daß die größte Herrlichkeit der Stadt in sechzig bis achtzig Orangenbäumen in Kübeln bestand, die vielleicht vom Konnetabel von Lesdiguières stammten, der letzten großen Persönlichkeit, die das Dauphiné hervorgebracht hat. Beim Nahen des Sommers wurden sie mit großem Pomp zur Seite der großen KastanienalleeAuf der Terrasse des Stadtgartens. Sie werden dort noch jetzt aufgestellt. (Arbelet.) aufgestellt, die wohl auch von Lesdiguières gepflanzt worden ist.

»So gibt es ein Land, wo die Orangen aus dem Boden wachsen?« fragte ich meine Großtante. Heute verstehe ich, daß ich sie unwissentlich an das ewige Ziel ihrer Sehnsucht erinnerte.

Sie erzählte mir, wir (d. h. die Gagnons) stammten aus einem noch viel schöneren Land als die Provence; der Großvater ihres Großvaters hätte infolge eines schicksalsvollen Vorfalls in Avignon am päpstlichen Hofe Zuflucht gefunden. Dort hätte er seinen Namen etwas verändern und sich verbergen müssen; er hätte dann als Wundarzt gelebt.

Nach dem, was ich heute von Italien weiß, erkläre ich mir die Sache so: Ein Guadagni oder Guadanniano hatte in Italien irgend einen kleinen Mord begangen und war dann um 1650 im Gefolge eines Legaten nach Avignon gekommen.Näheres im Vorwort und in der Familientafel im Anhang. Was mir damals großen Eindruck machte, war, daß wir – denn ich betrachtete mich stets als Gagnon und dachte an die Beyles nur mit einem Widerwillen, der noch heute besteht – daß wir aus einem Lande stammten, wo die Orangen aus dem Boden wuchsen. Welch köstliches Land! dachte ich.

In diesem Gedanken an die italienische Herkunft bestärkt mich der Umstand, daß die italienische Sprache in der Familie in hohen Ehren stand, etwas in einer Bürgerfamilie von 1780 recht Seltenes! Mein Großvater kannte und schätzte das Italienische; meine arme Mutter las Dante, was selbst heutzutage recht schwierig ist. Artaud, der zwanzig Jahre in Italien gelebt und soeben eine Dante-Übersetzung veröffentlicht hat, begeht auf jeder Seite wenigstens zwei Sinnfehler und eine Geschmacklosigkeit. Von allen Franzosen, die ich kenne, verstehen nur zwei Dante: Herr Fauriel, der mir die arabischen Liebesgeschichten gabDie Stendhal in sein Buch »Über die Liebe« (Bd. IV dieser Ausgabe) aufnahm. Über Fauriel siehe S. 68 sowie die »Bekenntnisse eines Ichmenschen« in diesem Bande, Kapitel 5 am Schluß. und Delécluze von den »Débats«. Und doch entstellen alle Schreiberseelen von Paris fortwährend seinen großen Namen, indem sie ihn zitieren und angeblich auslegen. Nichts empört mich mehr.

Meine Danteverehrung ist alt; sie stammt von den Ausgaben her, die ich in dem Bücherregal der Bibliothek meines Vaters fand, auf dem die Bücher meiner armen Mutter standen – mein einziger Trost während Raillanes Tyrannei.

Mein Abscheu vor dem Beruf dieses Mannes und vor dem, was er von Berufs wegen lehrte, ging so weit, daß er an Wahnsinn streifte.

Wird man es glauben? Noch gestern, am 4. Dezember 1835, als ich von Rom nach Civitavecchia fuhr, hatte ich Gelegenheit, einer jungen Frau, die ich nicht für sehr spröde halte, ohne Mühe einen sehr großen Dienst zu leisten. Unterwegs brachte sie ohne mein Zutun meinen Namen heraus; sie hatte einen Empfehlungsbrief an meinen Sekretär. Sie hatte sehr schöne Augen, mit denen sie mich während der letzten acht Stunden der Reise keineswegs unfreundlich anblickte. Sie bat mich, ihr eine Wohnung zu besorgen; kurz, es lag wahrscheinlich nur an mir, ihre Gunst zu erringen, aber die peinliche Erinnerung an den Abbé Raillane tauchte in mir auf. Die etwas zu kleine Adlernase der hübschen Lyoneserin gemahnte mich an die des Abbé; fortan konnte ich sie nicht mehr ansehen und tat, als ob ich im Wagen schliefe. Selbst nachdem ich ihr aus Gutmütigkeit einen Schiffsplatz für 8 statt 25 Scudi hatte besorgen lassen, zauderte ich, das neue Lazarett zu besuchen, um ihr nicht wieder zu begegnen und mir ihren Dank zu ersparen.

In meinen Erinnerungen an den Abbé Raillane ist nichts Tröstliches, nur Häßliches und Gemeines. Seit fünfundzwanzig Jahren wende ich meine Blicke voller Abscheu von jener schrecklichen Zeit ab. Dieser Mann hätte einen Schuft aus mir machen können. Er war, wie ich jetzt sehe, ein vollendeter Jesuit. Auf unsern Spaziergängen an der Isère, von der Porte de la Graille bis zur Mündung des Drac, oder einfach in einem Wäldchen jenseits der Insel, nahm er mich beiseite, um mir zu erklären, daß ich in meinen Worten unvorsichtig sei.

»Aber Herr Abbé«, sagte ich (mit andern Worten), »es ist wahr, ich fühle so.«

»Einerlei, mein junger Freund, man darf es nicht sagen, das gehört sich nicht.«

Hätten seine Grundsätze Wurzel geschlagen, so wäre ich heute reich, denn drei- bis viermal hat der Reichtum an meine Türe gepocht, so im Jahre 1814, als ich den Posten des Generaldirektors des Verpflegungswesens von Paris ausschlug, das dem Grafen Beugnot unterstand, dessen Frau für mich die lebhafteste Freundschaft hegte. Ich wäre also reich, aber ich wäre nur ein Schurke, und ich hätte die reizenden Visionen des Schönen nicht, die meinen Kopf trotz meiner zweiundfünfzig Jahre noch häufig erfüllen.

Der Leser glaubt vielleicht, ich wollte die peinliche Aufgabe, von dem Abbé Raillane zu sprechen, hinausschieben. Er hatte einen Bruder, einen Schneider an der Ecke der Hauptstraße, der die Gemeinheit in Person war. Nur eine unangenehme Eigenschaft fehlte diesem Jesuiten: er war nicht schmutzig, sondern vielmehr sehr reinlich und gepflegt. Er hatte eine Vorliebe für Kanarienvögel, die er hecken ließ und sehr reinlich hielt, aber dicht bei meinem Bette. Ich begreife nicht, daß mein Vater etwas so Gesundheitswidriges dulden konnte. Mein Großvater hatte das Haus seit dem Tod seiner Tochter nicht mehr betreten; er hätte es nicht über sich gebracht. Und mein Vater Cherubin Beyle liebte mich, wie schon gesagt, nur als Stammhalter, nicht als Sohn ...

Der Abbé wurde böse, aber in der kalten, finstern und boshaften Art eines phlegmatischen Diplomaten, wenn ich mein trocknes Vesperbrot bei seinen Orangentöpfen aß. Diese Orangentöpfe waren eine wirkliche Manie von ihm, noch weit unbequemer als die der Kanarienvögel. Die Bäumchen waren drei Zoll bis einen Fuß hoch und standen auf dem Fenster. Die Sonne kam im Sommer wenigstens zwei Monate lang hin. Der gräßliche Abbé behauptete nun, die Graubrotkrumen lockten die Fliegen an, und diese schadeten seinen Orangenbäumchen. Er hätte den spießigsten Spießbürgern Lehren in der Kleinlichkeit geben können.

Meine Schulgefährten, Chazel und Teissière,In der Urschrift Reytiers. hatten es weit besser als ich. Chazel war ein guter, schon großer Junge. Sein Vater, wohl ein Südfranzose, d. h. freimütig, heftig und grob, ein Angestellter Périers, hielt nicht viel vom Latein. Chazel kam allein (ohne Diener) gegen zehn Uhr, machte seine lateinische Aufgabe schlecht und schob um halb ein Uhr wieder ab. Abends kam er oft gar nicht.

Teissière, ein bildhübscher Junge, blond und schüchtern wie ein Mädchen, wagte dem furchtbaren Abbé nicht ins Gesicht zu sehen. Er war der einzige Sohn des schüchternsten und frömmsten Mannes. Er erschien gegen acht Uhr unter der strengen Obhut eines Dieners, der ihn Schlag zwölf Uhr wieder abholte. Um zwei Uhr brachte der Diener ihn wieder, mit einem Korbe, in dem sein Vesperbrot lag. Im Sommer ging der Abbé mit uns gegen fünf Uhr spazieren, im Winter gegen drei Uhr, aber nur selten. Chazel, der ja schon »erwachsen« war und den diese Spaziergänge langweilten, verließ uns bald.

Wir waren sehr darauf erpicht, nach der Isère-Insel zu gehen, von wo man einen köstlichen Blick auf die Berge hat. Es war ein falscher Erziehungsgrundsatz meines Vaters und des Abbé, immerfort von den Naturschönheiten zu schwärmen, die diese schönen Seelen doch kaum empfinden konnten: sie dachten nur daran, Geld zu verdienen. Durch sein ewiges Gerede von der Schönheit des Felsens von La Buisserate hatte der Abbé uns dahin gebracht, zu ihm aufzuschauen. Aber wir liebten das Ufer an der Insel aus einem ganz andern Grunde. Dort sahen wir armen Gefangenen andre Knaben, die ihre Freiheit genossen, die allein kamen und gingen und in der Isère und in einem kleinen Nebenfluß, der Biole, badeten. Ein Glück ohnegleichen, dessen Möglichkeit wir nur in weiter Ferne erblickten.

Wie ein heutiges Regierungsblatt, wußte Raillane uns nur von den Gefahren der Freiheit zu erzählen. Nie sah er einen Knaben beim Baden ohne uns zu prophezeien, er würde schließlich ertrinken. So leistete er uns den Dienst, uns zu Weichlingen zu erziehen, und bei mir gelang ihm das vollauf: ich habe niemals Schwimmen gelernt. Als ich zwei Jahre später, wohl um 1795, frei war, und auch das nur, wenn ich meine Angehörigen beschwindelte und täglich eine neue Lüge erfand, dachte ich schon daran, um jeden Preis aus Grenoble fortzukommen, und war in Fräulein Kably verliebt. Damals fesselte mich das Schwimmen nicht mehr so, daß ich es lernte. Allemal, wenn ich badete, wurde ich von irgendeinem Stärkeren »getaucht«. Mir fehlen alle Daten während der abscheulichen Tyrannei Raillanes; ich wurde finster und haßte alle Welt. Mein großes Unglück war, daß ich nicht mit andern Kindern spielen durfte. Mein Vater, der sehr stolz war, einen Erzieher für seinen Sohn zu haben, fürchtete wahrscheinlich nichts mehr, als daß ich mit den gewöhnlichen Kindern ging, wie der damalige aristokratische Ausdruck lautete...

Ich war düster, heimtückisch, mißvergnügt; ich übersetzte Virgil; der Abbé machte mich auf die Schönheiten dieses Dichters aufmerksam, und ich nahm seine Lobsprüche hin, wie heute die armen Polen die Lobsprüche auf die russische Gutmütigkeit in ihren bestochenen Zeitungen hinnehmen müssen. Ich haßte den Abbé und meinen Vater, den Quell der Macht Raillanes, noch mehr aber die Religion, in deren Namen er mich tyrannisierte. Ich bewies meinem Mitgefangenen, dem schüchternen Teissière, daß alles, was man uns beibrachte, Fabeln seien. Woher hatte ich diese Idee? Ich weiß es nicht. Wir hatten eine große, grün eingebundene Bibel mit Stichen im Text; nichts ist besser für Kinder. Ich entsinne mich, daß ich in dieser armen Bibel immerfort nach Lächerlichkeiten suchte. Teissière, der schüchterner und gläubiger war und von seinem Vater und seiner Mutter vergöttert wurde, –sie schminkte sich fingerdick und war einmal schön gewesen – gab meine Zweifel aus Gefälligkeit zu.

Wir übersetzten also mühsam Virgil, als ich in der Bibliothek meines Großvaters eine Virgilübersetzung in vier sehr schön gebundenen Bänden entdeckte; ich glaube, sie war von dem Schuft, dem Abbé Desfontaines. Ich suchte den Band heraus, der das zweite Buch der »Georgica« enthielt, an dem wir uns grade abmühten; tatsächlich hatten wir keine Ahnung von Latein. Ich versteckte den glücklichen Fund auf dem Lokus in einem Wandschrank, wo die Federn der im Hause verzehrten Hühner aufbewahrt wurden. Dorthin gingen wir zwei- bis dreimal während unserer mühsamen Übersetzung und holten uns Rat bei Desfontaines. Der Abbé kam dahinter, wohl durch Teissières Einfalt, und es gab eine schreckliche Szene. Ich wurde immer finsterer, boshafter, unglücklicher. Ich verwünschte alle Welt, besonders meine Tante Seraphie.

Ein Jahr nach dem Tode meiner Mutter verliebte sich mein Vater in sie, wie mir erst heute klar wird; daher die ewigen Spaziergänge nach Les Oranges, zu denen ich mitgenommen wurde. Vorsichtshalber mußte ich vierzig Schritte vorangehen, sobald wir die Porte de Bonne hinter uns hatten. Diese Tante Seraphie hatte einen Haß gegen mich gefaßt, weshalb weiß ich nicht, und ließ mich durch meinen Vater immerfort ausschelten. Ich verwünschte beide, und das merkten sie wohl. Selbst jetzt noch, wenn ich gegen jemand eine Abneigung habe, merken es die Anwesenden sofort. Ich verabscheute auch meine Schwester Zenaide – jetzt Frau Alexandre Mallein –, weil mein Vater sie liebte und sie jeden Abend auf seinen Knien in Schlummer wiegte, und weil Fräulein Seraphie sie besonders in Schutz nahm. Ich malte auf alle Kalkwände des Hauses Spottbilder auf »Zenaide als Angeberin«. Meine Schwester Pauline – jetzt verwitwete Frau Périer-Lagrange – und ich warfen Zenaide vor, daß sie uns ausspionierte, und daran war wohl auch etwas Wahres. Ich aß stets bei meinem Großvater zu Mittag, aber die Mahlzeit war um 1 ¼ vorüber, und wenn es vom Turm von Saint André 2 Uhr schlug, mußten wir aus dem schönen Sonnenschein der Place Grenette zurück nach den feuchten, kalten Hofzimmern in der Rue des Vieux Jésuites, wo der Abbé Raillane wohnte. Nichts war qualvoller für mich. Düster und heimtückisch, wie ich war, sann ich auf Flucht, aber woher sollte ich das Geld nehmen?

Eines Tages sagte der Großvater zum Abbé Raillane:

»Aber Herr Abbé, warum bringen Sie dem Jungen das Weltsystem des Ptolemäus bei? Sie wissen doch, daß es falsch ist.«

»Aber es erklärt alles. Zudem wird es von der Kirche gebilligt.«

Diese Antwort konnte mein Großvater nicht verwinden. Er erzählte sie oft, aber lachend. Er regte sich nie über Dinge auf, die von anderen abhingen. Meine Erziehung aber war Sache meines Vaters, und so wenig er dessen Wissen schätzte, so sehr achtete er seine Vaterrechte.

Wer diese Antwort des Abbé, die mein hochverehrter Großvater so oft wiederholte, machte mich vollends zu einem fanatischen Gottesleugner. Mein Großvater war in der Astronomie bewandert, verstand aber nichts von der Berechnung. Wir verbrachten die Sommernächte auf der herrlichen Terrasse seiner Wohnung. Dort zeigte er mir den großen und kleinen Bär und sprach poetisch von den Hirten Chaldäas und von Abraham. So faßte ich Hochachtung für Abraham und sagte zu Teissière: »Er ist kein Schurke wie die andern Gestalten der Bibel.«

Mein Großvater besaß ein Exemplar von Bruces »Reise nach Nubien und Abessinien«.James Bruce, »Voyage aux sources du Nil, en Nubie et en Abyssinie 1768-1772«. Aus dem Englischen von J. H. Castera, Paris 1790ff., 6 Bde. Dieser Quartband war mit Stichen geschmückt; daher sein mächtiger Einfluß auf meine Erziehung. Bruce, der von den schottischen Königen abstammte, wie mein trefflicher Großvater mir erzählte, erregte bei mir lebhafte Vorliebe für alle Wissenschaften, von denen er sprach. Daher meine Leidenschaft für die Mathematik und die, wie ich zu sagen wage, geniale Idee, durch die Mathematik aus Grenoble fortzukommen.

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