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Bekenntnisse eines Ichmenschen

Stendhal: Bekenntnisse eines Ichmenschen - Kapitel 7
Quellenangabe
typebiography
authorStendhal
titleBekenntnisse eines Ichmenschen
publisherPropyläen-Verlag
seriesStendhal ? Gesammelte Werke
volumeSiebenter Band
editorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080606
projectid4f1c72b9
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Sechstes Kapitel

Sitten von Grenoble

Das Landgut Furonières bei Claix

Rom, 2. Dezember 1835.

Nach dem Tode meiner Mutter war mein Großvater in Verzweiflung. Ich erkenne, aber erst jetzt, daß er einen Charakter wie Fontenelle gehabt haben muß, bescheiden, klug, verschwiegen, äußerst liebenswürdig und unterhaltend bis zum Tode seiner Tochter. Seitdem hüllte er sich oft in zurückhaltendes Schweigen. Er liebte auf Erden nur diese Tochter und mich.

Seine andre Tochter Seraphie langweilte und quälte ihn. Ihm ging der Friede über alles, und sie konnte ohne Szenen nicht leben. Mein guter Großvater, auf seine väterliche Autorität bedacht, machte sich lebhafte Vorwürfe, daß er ihr nicht die Zähne zeigte, wie man bei uns zulande sagt. Er achtete und fürchtete seine Schwester Elisabeth, die ihm in ihrer Jugend einen in Paris gestorbenen Bruder vorgezogen hatte. Das konnte er ihr nie verzeihen, aber bei seinem liebenswürdigen, friedfertigen Charakter zeigte er es ihr nie; ich erriet es erst später.

Gegen seinen Sohn Romain Gagnon, meinen Oheim, einen glänzenden Lebemann, hatte er eine Art von Abneigung. Gerade diese Eigenschaft entzweite Vater und Sohn: beide waren in verschiedenem Sinne die liebenswürdigsten Leute der Stadt. Mein Großvater war maßvoll in seinen Scherzen; sein feiner kalter Witz konnte unbemerkt bleiben. Übrigens war er in jenen Zeiten grober Unwissenheit ein Wunder an Gelehrsamkeit. Aus Rache machten ihm die Dummköpfe oder Neider fortwährende Komplimente über sein Gedächtnis. Er kannte die anerkannten Schriftsteller auf allen Gebieten, zitierte sie und glaubte an sie.

»Mein Sohn hat gar nichts gelesen«, sagte er manchmal mißlaunig. Das stimmte, aber in seiner Gesellschaft konnte man sich unmöglich langweilen. Mein Großvater hatte ihm eine reizende Wohnung in seinem Hause gegeben und ihn zum Advokaten gemacht ... Er gab ihm freien Tisch und 100 Franken monatliches Taschengeld, eine damals in Grenoble riesige Summe. Mein Oheim aber kaufte sich gestickte Kleider für 1000 Taler und hielt Schauspielerinnen aus. Ich bin nur halb hinter diese Dinge gekommen, habe sie aus Andeutungen meines Großvaters erraten. Ich glaube, mein Oheim ließ sich von seiner reichen Geliebten Geschenke machen, und für dies Geld kleidete er sich prächtig und hielt arme Geliebte aus. Allerdings galt es damals in unserem Lande nicht für schlimm, Geschenke von vornehmen Damen anzunehmen, wenn man sie nur gleich ausgab und nichts zurücklegte.

Mehrmals kam es vor, daß mein Großvater bei Frau von Quinsonas oder in einem andern Kreise einen reichgekleideten jungen Mann sah, dem alle Welt zuhörte. Es war sein Sohn.

»Mein Vater wußte von diesen Kleidern nichts«, sagte mein Oheim zu mir. »Ich machte, daß ich fortkam, ging nach Hause und zog meinen schlichten Frack an. Wenn mein Vater zu mir sagte: »Sage mir doch gefälligst, woher du das Geld für diese Kleidung nimmst?«, so antwortete ich: »Ich hatte Glück im Spiel.« – »Aber warum bezahlst du dann deine Schulden nicht?« – Aber Frau Soundso wollte mich doch in dem hübschen Kleid sehen, das sie mir gekauft hatte, fuhr mein Oheim fort. Ich zog mich mit irgendeinem Kalauer heraus.«

Ich weiß nicht, ob der Leser von 1880 einen noch heute sehr berühmten Roman »Die gefährlichen Liebschaften«»Les Liaisions dangereuses1«, Paris 1782, ein berühmtes Werk, Stendhals Vorläufer auf dem Gebiet des psychologischen Romans. Stendhal lernte den Verfasser 1802 in Mailand im Theater kennen. kennt, den der Artillerieoffizier Choderlos de Laclos in Grenoble geschrieben hatte und der die Sitten von Grenoble schildert. Ich habe Frau von Merteuil noch gekannt. Ihr Urbild war Frau von Montmort, die mir kandierte Nüsse schenkte. Sie war lahm und besaß das Haus Drevon oder Chevallon bei der Kirche von Saint-Vincent zwischen Le Fontanil und Boreppe. Der Besitz der Frau von Montmort und der meines Großvaters waren nur durch die Straße getrennt. Das reiche junge Mädchen, das ins Kloster gehen muß, war ein Fräulein von Blacons aus Boreppe.

Diese Familie ist ein Muster von Trübsinn, Frömmigkeit, Sittenstrenge und reaktionärer Gesinnung. Wenigstens war sie es 1814, als der Kaiser mich als Kommissar in den siebenten Militärbezirk schickte. Mein Kollege war der alte Senator Graf Saint-Ballier, ein Lebemann aus der Zeit meines Oheims.Siehe das Tagebuch aus Grenoble von 1814 in diesem Bande. Er erzählte mir viel von ihm und den unglaublichen Torheiten, zu denen er ein paar Damen (die Namen habe ich vergessen) verleitete. Damals glühte ich von heiligem Feuer und war nur auf Mittel bedacht, um die Österreicher zurückzuwerfen oder wenigstens ihren raschen Vormarsch zu hemmen.

Ich habe also die Sitten der Frau von Merteuil noch gerade erlebt, wie eben ein Knabe von neun bis zehn Jahren und von feurigem Temperament Dinge sehen konnte, die ihm jeder beim rechten Namen zu nennen vermied.

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