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Bekenntnisse eines Ichmenschen

Stendhal: Bekenntnisse eines Ichmenschen - Kapitel 5
Quellenangabe
typebiography
authorStendhal
titleBekenntnisse eines Ichmenschen
publisherPropyläen-Verlag
seriesStendhal ? Gesammelte Werke
volumeSiebenter Band
editorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080606
projectid4f1c72b9
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Viertes Kapitel

Tod meiner Mutter

Stendhals Geburtshaus in Grenoble

Rom, 1. bis 2. Dezember 1835.

Ich könnte einen Band vollschreiben, wollte ich die Umstände beim Tod eines so teuren Wesens schildern. Das heißt, von den Einzelheiten weiß ich gar nichts. Sie starb im WochenbettAm 23. November 1790. offenbar infolge der Ungeschicklichkeit eines Wundarztes namens Hérault, eines Dummkopfes, der anscheinend aus Groll gegen einen andern Geburtshelfer, einen klugen und begabten Mann, gewählt worden war. Beinahe ebenso starb 1814 die Gräfin Daru. Ausführlich beschreiben kann ich nur meine Empfindungen. Sie werden wahrscheinlich allen denen übertrieben oder unglaubhaft erscheinen, die an die falsche Natur der Romane oder an die Blutleere der nach dem Herzen der Pariser konstruierten Romanfiguren gewöhnt sind.

Ich muß dem Leser sagen, daß der Dauphineser seine eigne, lebhafte, eigensinnige, rechthaberische Empfindungsweise hat; ich habe sie in keinem andern Lande gefunden. Für scharfblickende Augen müßten Musik, Landschaft und Romane aller drei Breitengrade wechseln. So endet der provenzalische Charakter bei Valence an der Rhone. Dort beginnt der burgundische und macht zwischen Dijon und Troyes dem pariserischen Platz, der höflich, geistreich und oberflächlich ist und kurz gesagt, viel an den Mitmenschen denkt. Der Dauphineser Charakter hat eine Zähigkeit, eine Tiefe, einen Geist, eine Feinheit, die man in der benachbarten provenzalischen oder burgundischen Kultur umsonst suchte. Wo der Provenzale in wilde Schmähungen ausbricht, denkt der Dauphineser nach und hält Zwiesprache mit seinem Herzen.

Bekanntlich war das Dauphiné bis 1349 ein von Frankreich getrennter, politisch halb italienischer Staat. Dann verwaltete der Dauphin, der spätere Ludwig XI., der mit seinem Vater zerfallen war, das Land sechzehn Jahre.1440-1456. Ich möchte glauben, daß dieser tiefe und äußerst scheue Geist, der den ersten Regungen nie nachgab, dem Dauphineser Charakter seinen Stempel aufgedrückt hat. Noch zu meiner Zeit war Paris in der Anschauung meines Großvaters und meiner Tante Elisabeth, wahren Typen der kraftvollen und hochherzigen Familiengesinnung, kein Vorbild, sondern eine ferne, feindliche Stadt, deren Einfluß man fürchten mußte.

Nachdem ich gefühlsarmen Lesern durch diese Abschweifung den Hof gemacht habe, will ich erzählen, daß ich und meine Schwester Pauline am Tage vor dem Tode meiner Mutter in der Rue Montorge spazieren geführt wurden. Wir waren bei unserm Großvater in dem Hause auf der Place Grenette untergebracht worden. Ich schlief auf dem Fußboden auf einer Matratze zwischen Fenster und Kamin, als gegen zwei Uhr morgens die ganze Familie schluchzend eintrat.

»Haben denn die Ärzte kein Heilmittel gefunden?« fragte ich die alte Marion, eine Magd im Stil Molières, die an ihrer Herrschaft hing, aber kein Blatt vor den Mund nahm. Sie kannte meine Mutter von klein auf, hatte ihre Hochzeit vor zehn Jahren (1780) erlebt und liebte mich sehr. Diese Marie Thomasset aus Vinay, kurz Marion genannt, saß die ganze Nacht neben meiner Matratze, weinte heiße Tränen und sollte mich offenbar beruhigen. Ich war eher erstaunt als verzweifelt; ich begriff den Tod nicht und glaubte es kaum.

»Wie,« sagte ich zu Marion, »ich soll sie nie wiedersehen?«

»Wie willst du sie wiedersehen, wenn man sie doch auf den Kirchhof bringt?«

»Und wo ist der Kirchhof?«

»In der Rue du Murier; er gehört zur Kirche Notre Dame.«

Das ganze Zwiegespräch jener Nacht ist mir noch gegenwärtig; ich brauchte es nur zu Papier zu bringen. Damals begann tatsächlich mein Innenleben; ich mochte sechseinhalb Jahre alt sein.

Ich schlief wieder ein; am nächsten Morgen, als ich aufwachte, sagte Marion zu mir:

»Du mußt zu deinem Vater gehen und ihn umarmen.«

»Wie! Meine liebe Mama ist tot? Soll ich sie nie wiedersehen?«

»Willst du wohl schweigen! Dein Vater hört dich. Er liegt da im Bett bei Großtante.«

Widerstrebend ging ich an das Bett im Alkoven. Er war dunkel, denn die Vorhänge waren geschlossen. Ich hatte eine Abneigung gegen meinen Vater und umarmte ihn nur widerstrebend.

Kurz darauf kam der Abbé Rey, ein großgewachsener, sehr kalter, pockennarbiger Mann, der geistlos und gutmütig war und näselte. Er war ein Freund des Hauses und wurde bald Großvikar. Wird man es glauben? Weil er Priester war, hatte ich einen Widerwillen gegen ihn.

Der Abbé Rey setzte sich ans Fenster. Mein Vater stand auf, zog seinen Schlafrock an und kam aus dem Alkoven, der mit grünen Sergevorhängen verschlossen war. (Am Tage waren noch andre, schöne rosa Taftvorhänge mit weißer Stickerei darüber.) Der Abbé umarmte meinen Vater schweigend. Ich fand ihn recht häßlich; er hatte verschwollene Augen, und die Tränen überwältigten ihn immerfort. Ich war in dem dunklen Alkoven geblieben und sah alles sehr genau.

»Mein Freund,« sagte der Abbé schließlich, »das ist Gottes Fügung.«

Diese Worte aus dem Munde eines Mannes, den ich haßte, zu einem andern, den ich nicht liebte, versetzten mich in tiefes Nachdenken. Man hält mich vielleicht für fühllos; bisher war ich über den Tod meiner Mutter nur verwundert. Darf ich niederschreiben, was mir Marion oft vorwurfsvoll wiederholt hat? Ich wagte Gott zu lästern. Angenommen indes, daß ich über diese ersten Geistesregungen löge, so lüge ich gewiß nicht über das Übrige. Wenn ich in die Versuchung komme, zu lügen, dann erst später bei sehr großen, weit späteren Verfehlungen. Ich glaube gar nicht an die Anzeichen höheren Menschentums bei Kindern. Auf einem Gebiet, das weniger Anlaß zu Illusionen gibt, da die Dokumente erhalten bleiben, nämlich in der Malerei, haben alle schlechten Maler, die ich kennengelernt habe, mit acht bis zehn Jahren Erstaunliches vollbracht, das auf Genie schließen ließ. Ach, nichts kündigt das Genie an, es sei denn die Starrköpfigkeit.

Am nächsten Tage war von der Beerdigung die Rede. Mein Vater, dessen Gesicht tatsächlich völlig verändert war, zog mir eine Art von schwarzem Wollmantel an, den er mir am Halse zuknöpfte. Das war im Arbeitszimmer meines Vaters in der Rue des Vieux Jésuites. Mein Vater war schwarz gekleidet und das ganze Zimmer schwarz ausgeschlagen, ein schrecklicher Anblick. Nur die blaugebundene Enzyklopädie von d'Alembert und Diderot stach von der allgemeinen Häßlichkeit ab.

Alle unsere Verwandten und Freunde versammelten sich dort. In meinem schwarzen Mäntelchen stand ich zwischen meines Vaters Knien. Vater Picot, ein Vetter von uns, ernst und feierlich wie ein Hofmann, erschien. Er war hager, fünfundfünfzig Jahre alt und von gewichtigem Wesen, wodurch er in der Familie in hohem Ansehen stand. Statt zu weinen und traurig zu sein, begann er wie sonst zu plaudern und sprach vom Hofe. Wahrscheinlich sprach er vom Gerichtshofe; ich aber glaubte, er spräche von fremden Höfen, und war über seine Fühllosigkeit tief betroffen.

Kurz darauf trat mein Oheim (Romain Gagnon) ein, der Bruder meiner Mutter, ein äußerst wohlgestalteter und liebenswürdiger junger Mann und höchst elegant gekleidet. Er war der Schwerenöter der Stadt. Auch er begann wie sonst zu plaudern und sprach mit Herrn Picot. Ich war tief empört und entsinne mich, daß mein Vater ihn einen Leichtfuß nannte. Trotzdem bemerkte ich, daß seine Augen stark gerötet waren, und da er ein allerliebstes Gesicht hatte, beruhigte ich mich etwas ...

Ein lautes Geräusch entstand: der Sarg meiner armen Mutter wurde zur Aufbewahrung in den Salon gebracht.

»Ach so! Ich weiß nicht, in welcher Reihenfolge die Zeremonie stattfindet«, sagte Herr Picot mit gleichgültiger Miene und stand auf. Ich war tief verletzt; es war meine letzte soziale Empfindung. Als ich den Salon betrat und den mit schwarzem Tuche bedeckten Sarg sah, der meine Mutter barg, packte mich die heftigste Verzweiflung: ich begriff endlich, was der Tod war. Meine Tante Seraphie hatte mir bereits meine Fühllosigkeit vorgeworfen.

Ich erspare dem Leser die Schilderung aller Phasen meiner Verzweiflung in der Pfarrkirche Saint Hugues. Ich erstickte fast; man mußte mich, glaube ich, hinausführen, weil mein Schmerz allzu laut war. Nie habe ich diese Kirche und die anstoßende Kathedrale ruhigen Blutes ansehen können. Noch 1828, als ich wieder nach Grenoble kam, versetzte mich der Glockenklang der Kathedrale in düstere, herbe Traurigkeit ohne jede Rührung, jene Traurigkeit, die dem Zorne verwandt ist.

Als wir zum Kirchhof kamen, der auf einer Bastion bei der Rue des Muriers lag (heute, oder wenigstens 1828, steht dort ein großes Gebäude, ein Pionierschuppen), beging ich Torheiten, die Marion mir später erzählt hat. Anscheinend wollte ich nicht, daß man Erde auf den Sarg meiner Mutter würfe, weil ihr das weh täte. Doch

»Des trüben Bildes schwarze Farbenflecken – Auslöschen soll man sie oder verdecken.«

Infolge der verwickelten Charakterverhältnisse meiner Familie war mit dem Tode meiner Mutter alle Freude meiner Kindheit dahin.

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