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Bekenntnisse eines Ichmenschen

Stendhal: Bekenntnisse eines Ichmenschen - Kapitel 4
Quellenangabe
typebiography
authorStendhal
titleBekenntnisse eines Ichmenschen
publisherPropyläen-Verlag
seriesStendhal ? Gesammelte Werke
volumeSiebenter Band
editorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080606
projectid4f1c72b9
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Drittes Kapitel

Erste Erinnerungen

Terrasse im Gagnon'schen Haus zu Grenoble

Rom, 27. bis 30. November 1835.

Meine erste Erinnerung ist, daß ich meine Kusine, Frau Pison-Dugalland, die Gattin des geistreichen Deputierten der verfassunggebenden Versammlung, in die Wange oder Stirn biß. Ich sehe sie noch. Sie war fünfundzwanzig Jahre alt, beleibt und stark geschminkt. Wahrscheinlich hatte mich die Schminke gereizt. Sie saß mitten auf dem Rasenplatz, der das Glacis der Porte de Bonne bildete, und ihre Wange befand sich in Höhe meines Mundes.

»Gib mir einen Kuß, Henri«, sagte sie zu mir. Ich wollte nicht, sie wurde böse und ich biß kräftig zu. Ich sehe den Auftritt noch. Aber wahrscheinlich nur, weil ich sofort Schelte bekam und mir meine Untat immer wieder vorgehalten wurde. Das Glacis war mit Wucherblumen bedeckt. Ich liebte diese Blumen und band sie zum Strauß.

Meine Tante Seraphie erklärte, ich sei ein Ungeheuer und hätte einen abscheulichen Charakter. Diese Tante Seraphie besaß die ganze Verbitterung eines frömmelnden Mädchens, das keinen Mann gekriegt hat. Was hatte sie erlebt? Ich habe es nie erfahren. Die Skandalchronik unserer Verwandten bleibt uns ja stets unbekannt, und ich verließ Grenoble für immer mit sechzehn Jahren, nach drei Jahren der lebhaftesten Leidenschaft, die mich völlig vereinsamt hatte.

Der zweite Charakterzug war noch weit schlimmer. Auf dem Glacis der Porte de Bonne hatte ich mir Binsen gesammelt. Ich wurde nach Hause gebracht. In einem Zimmer im ersten Stock, dessen Fenster auf den Marktplatz an der Ecke der Rue Grenette ging, baute ich mir einen Garten, indem ich die Binsen in zwei Zoll lange Stücke zerschnitt und sie zwischen den Balkon und die Fensterrinne legte. Das Küchenmesser, das ich dazu benutzte, entglitt mir und fiel auf die Straße hinunter, d. h. zwölf Fuß hoch, dicht bei Frau Chenavaz, dem boshaftesten Weib in der ganzen Stadt.

Meine Tante Seraphie behauptete, ich hätte Frau Chenavaz töten wollen. Ich wurde für ein Scheusal erklärt und bekam Schelte von meinem trefflichen Großvater Gagnon, der vor seiner Tochter Seraphie, der angesehensten Betschwester der Stadt, Angst hatte. Ich bekam sogar Schelte von meiner trefflichen Großtante Elisabeth Gagnon, die eine hohe, spanische Seele besaß.

Ich lehnte mich auf; ich war damals etwa vier Jahre alt. Aus dieser Zeit stammt mein Abscheu vor der Religion, den mein Verstand nur mit großer Mühe auf das rechte Maß eingeschränkt hat, und auch das erst neuerdings; es ist keine sechs Jahre her.

Die Tante Seraphie war der böse Geist meiner Kindheit. Man verabscheute sie, aber sie stand bei der Familie in hohem Ansehen. Ich glaube, mein Vater hat sich später in sie verliebt, wenigstens machten sie lange Spaziergänge nach Les Granges, einem Sumpf vor den Stadtmauern, und ich nahm als lästiger Dritter daran teil. Ich langweilte mich dabei sehr. Wenn diese Spaziergänge bevorstanden, versteckte ich mich. Daran scheiterte das bißchen Liebe, das ich für meinen Vater hegte.

Tatsächlich bin ich lediglich von meinem trefflichen Großvater, Henri Gagnon, erzogen worden. Der seltne Mann hatte eine Pilgerfahrt nach Ferney unternommen, um Voltaire zu besuchen, und dieser hatte ihn mit Auszeichnung empfangen. Er besaß eine kleine, faustgroße Voltairebüste, die auf einem sechs Zoll hohen Ebenholzsockel stand. Das war ein sonderbarer Geschmack, aber die schönen Künste waren weder Voltaires noch meines trefflichen Großvaters starke Seite. Diese Büste stand vor seinem Schreibtisch. Sein Arbeitszimmer lag am Ende einer sehr großen Wohnung, die auf eine vornehme, blumengeschmückte Terrasse ging. Es war für mich eine seltne Gunst, es betreten zu dürfen, und eine noch seltnere, wenn ich die Voltairebüste ansehen und anfassen durfte. Bei alledem haben mir Voltaires Schriften von jeher hervorragend mißfallen; sie kamen mir kindisch vor. Ich kann sagen, nichts von diesem großen Mann hat mir je gefallen. Damals konnte ich nicht wissen, daß er der Gesetzgeber und Apostel Frankreichs war, sein Martin Luther.

Henri Gagnon trug eine runde gepuderte Perücke mit drei Reihen Locken, denn er war Doktor der Medizin und der Modearzt der Damen. Es hieß sogar, er sei der Liebhaber mehrerer von ihnen gewesen, unter andern der Frau Teisseire, einer der hübschesten Damen der Stadt. Ich entsinne mich nicht, sie je gesehen zu haben, denn damals hatten sich beide überworfen, aber man hat mir die Sache später auf merkwürdige Art hinterbracht. Wegen seiner Perücke ist mein trefflicher Großvater mir stets wie ein Mann von achtzig Jahren erschienen. Er hatte GrillenVapeurs, ein Ausdruck des 18. Jahrhunderts: »Vermeintlich durch zum Gehirn aufsteigende Blähungen verursachte Beschwerden und darauf gegründete hysterische Launen« (Sachs-Villate). (wie ich Unglücklicher), litt an Rheumatismus, und das Gehen fiel ihm schwer, aber er nahm grundsätzlich keinen Wagen und setzte nie seinen Hut auf, einen kleinen, unter dem Arm zu tragenden Dreispitz, der meine Freude bildete, wenn ich ihn erwischen und aufsetzen konnte, was von der ganzen Familie als Achtungsverletzung betrachtet wurde. Schließlich unterließ ich es aus Respekt, mich mit dem Dreispitz und dem kleinen Spazierstock zu beschäftigen, dessen Griff aus Buchsbaumholz mit Perlmutter eingelegt war.

Mein Großvater hatte eine Vorliebe für die unechten Episteln des Hippokrates, die er auf lateinisch las (obwohl er etwas Griechisch verstand), und für Horaz, den er in der Ausgabe von John Bond in abscheulich kleinen Lettern besaß. Er vererbte mir diese beiden Leidenschaften und tatsächlich fast seinen ganzen Geschmack, aber nicht so, wie er es wollte. Ich werde das später erklären.

Sollte ich je wieder nach Grenoble kommen, so muß ich nach dem Geburts- und TodesscheinDie Familienstandsdaten von Stendhals sämtlichen Verwandten befinden sich im Anhang 1 dieses Bandes. dieses trefflichen Mannes forschen, der mich vergötterte und seinen Sohn Romain Gagnon gar nicht liebte. Das war der Vater von Oronce Gagnon, der Schwadronschef bei den Dragonern wurde und vor drei Jahren einen Mann im Zweikampf getötet hat, was ich recht von ihm finde; wahrscheinlich ist er kein Tropf. Ich habe ihn dreiunddreißig Jahre nicht gesehen; er mag jetzt fünfunddreißig Jahre alt sein.

Ich verlor meinen Großvater, während ich in Deutschland war, entweder 1807 oder 1813; ich kann mich nicht deutlich erinnern. Ich entsinne mich nur, daß ich nach Grenoble reiste, um ihn noch einmal zu sehen; ich fand ihn sehr niedergedrückt. Dieser liebenswürdige Mann, einst die Seele der Abendgesellschaften, sprach fast kein Wort mehr. Er sagte nur: »Es ist ein Abschiedsbesuch.« Dann ging er auf andre Dinge über; er hatte einen Abscheu vor der albernen Familienrührung.

Eine Erinnerung fällt mir ein. Im Jahre 1807 ließ ich mich malen, um Alexandrine (Daru) zu bewegen, sich gleichfalls malen zu lassen. Da sie das Modellsitzen einwandte, führte ich sie zu einem ÖlmalerLouis Leopold Boilly (1761-1845); das Bild ist auf Seite 268 reproduziert. gegenüber dem Dioramabrunnen, der in einmaliger Sitzung für 120 Franken malte. Dies Bild sah mein guter Großvater, denn ich hatte es meiner Schwester geschickt, wohl um es los zu sein. Er war schon nicht mehr ganz klar im Kopfe und sagte beim Anblick des Bildes: »Das ist er leibhaftig!« Dann versank er wieder in Teilnahmslosigkeit und Schwermut. Bald darauf starb er im Alter von fünfundachtzig Jahren.

Er war um 1728 geboren. Manchmal erzählte er von der Schlacht bei Assiette, dem vergeblichen Einfall in die Alpen, den der Chevalier de Belle-Isle 1747 versuchte. Sein Vater, ein Mann von festem, tatkräftigem und ehrenhaftem Wesen, hatte ihn als Feldscher mitgehen lassen, um seinen Charakter zu stählen.

Mein Großvater besaß ein altes Haus in der schönsten Lage der Stadt an der Place Grenette an der Ecke der Hauptstraße. Es lag voll nach Süden und auf dem schönsten Platz von Grenoble, gegenüber den beiden Cafés, die sich Konkurrenz machten, und im Mittelpunkt der guten Gesellschaft. Dort wohnte mein Großvater in dem sehr niedrigen, aber sehr freundlichen ersten Stock bis zum Jahre 1789.

Er muß damals reich gewesen sein, denn er kaufte (1786) ein prächtiges Haus hinter dem seinen von den Damen de Marnais. Er zog in den zweiten Stock seines Hauses an der Place Grenette und in das entsprechende Stockwerk des Marnaisschen Hauses und hatte so die schönste Wohnung in der Stadt. Die Treppe war für jene Zeit prachtvoll; ein Saal mochte 35 Fuß lang und 28 Fuß breit sein.

Die beiden Zimmer, die nach der Place Grenette gingen, wurden umgebaut; unter anderm wurde eine Scherwand aus Gips und hochgestellten Ziegeln eingezogen, um das Zimmer seiner Tochter, der schrecklichen Tante Seraphie, von dem seiner Schwester, meiner Großtante Elisabeth, zu trennen. Man schlug eiserne Klammem in diese Wand ein, und auf den Kalkbewurf jeder Klammer schrieb ich: »Henri Beyle 1789.« Ich sehe noch diese schönen Inschriften, die meinen Großvater entzückten.

»Da du so schön schreiben kannst,« sagte er zu mir, »so verdienst du, Lateinisch anzufangen.«

Dies Wort flößte mir eine Art von Schrecken ein. Ein abscheulicher Pedant und Formelkrämer, namens Joubert, groß, blaß, hager, zusammengeknickt, auf einen Knotenstock gestützt, brachte mir mura, die Maulbeere, bei. Wir kauften eine Grammatik beim Buchhändler Giroud in einem Hof an der Place des Herbes. Ich ahnte damals nicht, welches Marterwerkzeug man mir kaufte. Hier beginnen meine Leiden.

Aber ich verschiebe allzulange eine notwendige Darstellung, eine von den zweien oder dreien, derentwegen ich diese Memoiren vielleicht ins Feuer werfen werde. Meine Mutter, Frau Henriette Gagnon, war eine reizende Frau, und ich war in sie verliebt. Ich setze schleunigst hinzu, daß ich sie mit sieben Jahren verlor. Als ich sie mit etwa sechs Jahren (1789) liebte, hatte ich durchaus denselben Charakter wie 1828, als ich Alberthe de Rubempré leidenschaftlich liebte. Meine Art, auf die Glücksjagd zu gehen, hat sich im Grunde genommen gar nicht geändert, nur mit einer einzigen Ausnahme; ich stand dem Physischen in der Liebe gegenüber wie Cäsar, wenn er wieder auf die Welt käme und Kanonen und Feuerwaffen gebrauchen sollte. Ich hätte es schnell gelernt und an den Grundlagen meiner Taktik nichts geändert.

Ich wollte meine Mutter mit Küssen bedecken und wünschte, daß es keine Kleider gäbe. Sie liebte mich leidenschaftlich und küßte mich oft; ich erwiderte ihre Küsse mit solcher Glut, daß sie oft hinausgehen mußte. Ich verabscheute meinen Vater, wenn er unsre Liebkosungen unterbrach. Ich wollte sie stets auf die Brust küssen. Man vergesse jedoch nicht, daß ich sie infolge eines Wochenbettes verlor, als ich sieben Jahre alt war.

Sie hatte volle Formen, war frisch und sehr hübsch, aber ich glaube, nicht sehr groß. Ihre Züge waren äußerst edel und von vollendeter Heiterkeit. Sie hatte dunkles Haar, war sehr lebhaft und von vornehmem Wesen. Oft vergaß sie, ihren drei Mägden Anordnungen zu geben, und schließlich las sie oft Dantes »Göttliche Komödie« in der Ursprache. Ich fand später fünf bis sechs verschiedene Ausgaben in ihrem Zimmer, das nach ihrem Tode stets verschlossen blieb.

Sie starb in der Blüte der Jugend und Schönheit im Jahre 1790; sie mochte damals 28 bis 30 Jahre alt sein. Damit begann mein Innenleben.

Meine Tante Seraphie warf mir vor, daß ich nicht genug weinte. Man ermesse meinen Schmerz und meine Gefühle! Aber ich glaubte, ich würde sie am nächsten Tage wiedersehen: ich begriff den Tod nicht. So verlor ich vor fünfundvierzig Jahren das Liebste auf der Welt.

Sie kann mir nicht zürnen, wenn ich mir herausnehme zu sagen, daß ich sie liebte. Finde ich sie je wieder, so werde ich es ihr wiederholen. Übrigens nahm sie an dieser Liebe in keiner Weise teil. Sie benahm sich nicht wie eine Venezianerin, wie Signora Benzoni dem Verfasser von »Nella« gegenüber. Ich meinerseits war so verbrecherisch wie möglich; ich liebte ihre Reize leidenschaftlich. Eines Abends, als ich zufällig in ihrem Zimmer auf einer Matratze auf dem Fußboden schlief, sprang die lebhafte Frau behend wie eine Hirschkuh über meine Matratze weg in ihr Bett.

Ihr Zimmer blieb nach ihrem Tode zehn Jahre lang verschlossen. Nur widerwillig erlaubte mir mein Vater im Jahre 1798, eine Tafel aus Wachsleinwand darin aufzustellen und daran meine mathematischen Studien zu treiben. Dies Gefühl meines Vaters macht ihm in meinen Augen viel Ehre, wenn ich jetzt darüber nachdenke.

Sie starb in ihrem Zimmer in unserm Hause in der Rue des Vieux Jésuites,Jetzt Rue Jean Jacques Rousseau 14. dem fünften oder sechsten linker Hand, wenn man von der Hauptstraße kommt, gegenüber dem Hause des Herrn Teisseire. Dort war ich geboren; das Haus gehörte meinem Vater. Er verkaufte es später, als er seine neue Straße baute und Torheiten beging. Diese Straße, die sein Ruin wurde, hieß Rue Dauphin (mein Vater war ultrakonservativ, ein Anhänger der Junker und Pfaffen). Jetzt heißt sie, glaube ich, Rue Lafayette. Ich verbrachte meine Zeit bei meinem Großvater, dessen Haus keine hundert Schritt von dem unsern lag.Grande Rue 20.

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