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Bekenntnis zu Jesus Christus nach dem Johannes-Evangelium

Nikolaus Ludwig von Zinzendorf: Bekenntnis zu Jesus Christus nach dem Johannes-Evangelium - Kapitel 1
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authorNikolaus Ludwig von Zinzendorf
titleBekenntnis zu Jesus Christus nach dem Johannes-Evangelium
publisherAussaat Verlag GmbH.
editorErich Beyreuther
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correctorJosef Muehlgassner
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Einführung

Nikolaus Ludwig, Reichsgraf von Zinzendorf und Pottendorf (26. 5. 1700 bis 9. 5. 1760) gehört zu den großen Gestalten der Kirchengeschichte. Sein Leben und Werk ist in der Christenheit unvergessen geblieben.

Was fesselt uns an dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit, obwohl sie vor über zweihundert Jahren gestorben ist?

Schon dies war zu seinen Lebzeiten etwas Aufregendes, daß ein Glied des ältesten europäischen Hochadels nichts anderes sein wollte als ein Bruder unter christlichen Brüdern aller Stände und Kreise. Der Sproß einer der ehrwürdigen österreichischen Adelsfamilien, die in allen Jahrhunderten mit den Habsburger Kaisern eng befreundet gewesen war, reihte sich unter die Männer und Frauen ein, die sich im rückhaltlosen Dienst für ihren Herrn Christus verzehrten.

Er blieb dabei der Reichsgraf, der seine Vorrechte als Mitglied des führenden hohen Adels nicht aufgab und mit Fürsten und Königen wie mit seinesgleichen umging. Unter ihnen hat er unentwegt die Sache seines Herrn Jesu Christi vertreten. Er tat es mit der ganzen frischen Unmittelbarkeit, Heiterkeit und Natürlichkeit des mit österreichischem Charme begabten Edelmannes.

Zugleich wurde er das geliebte und bewunderte Haupt einer Schar von Bauern, Akademikern, Handwerkern wie Adligen, die sich in der erneuerten Brüder-Unität zu gemeinsamem Dienst zusammenfand. Er begeisterte sie zu den höchsten Leistungen in bahnbrechender Missionsarbeit in vielen Erdteilen. Ihnen ging er in Opfer und Hingabe voran.

An seiner Wiege ist ihm dieser Weg nicht vorgesungen worden. Er wurde in Dresden als Sohn eines kursächsisch-polnischen Kabinettsministers geboren. Hier hatte sein Vater ein hohes Amt gefunden, nachdem der Großvater um des evangelischen Glaubens willen seine österreichischen Besitztümer aufgegeben hatte. Der Vater starb wenige Wochen nach der Geburt seines Sohnes an einem Lungenleiden im Aufblick zu dem »Haupt voll Blut und Wunden«.

Seine Mutter heiratete wieder und zog nach Berlin. So bekam der junge Zinzendorf seine Mutter und seinen Stiefvater, den Generalfeldmarschall von Natzmer, einen aufrechten Christen, nur selten zu sehen. Auf dem oberlausitzer Wasserschloß Großhennersdorf wurde der kleine »Lutz«, wie man ihn hieß, von seiner Großmutter, der Landvögtin Henriette Katharina von Gersdorf erzogen. Sie war eine sehr kluge und bedeutende Frau, die viele Sprachen sprach, malte, dichtete und ihre Bibel in den Ursprachen las. Die Gesangbuchlieder, die von ihr stammen, zeigen die Tiefe ihres Glaubenslebens.

Die enge Freundschaft der Landvögtin mit August Hermann Francke, dem Gründer der Hallischen Schulstadt, führte zur Aufnahme des jungen Grafen in das hallische Pädagogium. Dort verblieb er von 1710 bis 1716. Es war eine harte Schule, in der er Zucht, Ordnung, Fleiß lernte. Vor allem empfing er an der Tafel, an der er mit August Hermann Francke täglich zusammen speiste, tiefe Eindrücke von dessen weiter ökumenischer Arbeit und erlebte den berühmten ersten indischen Missionar Bartholomäus Ziegenbalg.

Die missionarischen und ökumenischen Unternehmungen Halles ließen früh in dem jungen Grafen Zinzendorf den Entschluß reifen, »in Kompanie zu gehen« und sein Leben für die Ausbreitung der Herrschaft Jesu und die Umgestaltung der Welt einzusetzen.

Schon unter seinen Schulfreunden in Halle, unter jungen Adligen, die wie er das Königliche Pädagogium, die Adelsschule, besuchten, suchte er eine christliche Sozialität, eine Kampfgenossenschaft für das Reich Gottes zu gründen. Als er siebzehnjährig von Halle nach Wittenberg zog, um dort an der Universität Jura zu studieren (1716-1719), ließ er dieses Ziel nicht aus dem Auge. Er hätte gern Theologie studiert, aber seine Familie verbot ihm, theologische Vorlesungen zu besuchen und ließ ihn durch einen Hofmeister überwachen. Doch fand er Zugang zu den Theologieprofessoren, ohne sein eigentliches Studium zu vernachlässigen. Darum bemühte er sich im Jahre 1719, eine Versöhnung zwischen den streitenden christlichen Parteiungen, den Orthodoxen und den Pietisten in Wittenberg und Halle zu vermitteln.

Seine Angehörigen trennten ihn von diesen Plänen und schickten ihn auf eine Kavalierreise nach Holland und Paris. Der junge Graf, ein ausgesucht guter Reiter und Fechter auf dem Fechtboden, sollte seine standesgemäße Ausbildung in Frankreich vollenden. Doch der junge Graf besaß andere Interessen. In den Niederlanden, dem gelobten Land der religiösen Duldung, sah er, wie sich die verschiedenen Kirchen und religiösen Gruppen ohne Verketzerung freundlich begegneten. In Frankreichs Hauptstadt kam ein neues Erlebnis auf ihn zu. Zwischen dem Erzbischof von Paris, dem greisen Kardinal de Noailles und dem neunzehnjährigen Reichsgrafen Zinzendorf entwickelte sich eine Freundschaft. Sie fand in der gemeinsamen Liebe zu Christus ihren Mittelpunkt und setzte sich in einem jahrelangen Briefwechsel bis zum Heimgang des katholischen Kirchenfürsten fort. In einem vielsagenden Satz faßte der junge Zinzendorf das Gesamtergebnis seiner Kavalierreise zusammen: »Von der Zeit an bemühte ich mich, das Beste in allen Konfessionen zu entdecken.«

Auf der Heimreise durch Süddeutschland verliebte er sich zweimal in junge Gräfinnen, die seine Zuneigung nicht erwiderten. Er fand dann die richtige Lebensgefährtin in Erdmuthe Dorothea, Gräfin von Reuß-Ebersdorf, die in einzigartiger Weise ihn ergänzte, seine stürmische und unausgeglichene Art milderte und ihm, gleich an innerer Größe, unentbehrlich wurde.

Nach der Heimkehr zerschlug Zinzendorfs Großmutter den Versuch des jungen Grafen, als Nachfolger des eben heimgegangenen Barons von Canstein in das große Werk August Hermann Franckes einzutreten.

Sie zwang ihn 1721, in Dresden die unbezahlte Stellung eines Hof- und Justizrates bei der Regierung anzutreten, um sich auf eine staatsmännische Laufbahn vorzubereiten. Schweren Herzens und erst nach einem vergeblichen Fluchtversuch beugte sich der junge Graf. Stand, Herkunft und glänzende Begabung wiesen ihn auf eine staatsmännische Laufbahn. Er fügte sich, leistete sehr Beachtliches im juristischen Dienst, trat mit beachtlichen Reformvorschlägen vor und nahm sich der Straffälligen warmherzig und seelsorgerlich an. Doch sein Herz schlug nicht hier.

Er sammelte in seinem Haus einen Hausbibelkreis und regte die ganze Stadt durch ein anonym herausgegebenes Wochenblatt auf. Hier geißelte er eingerissene kirchliche Mißstände und suchte vor allem, seinen zweifelnden Zeitgenossen die christlichen Entscheidungsfragen in Herz und Gewissen zu schieben. Sein Geheimnis wußte der junge Hof- und Justizrat gut zu wahren, der auf diesem polizeilich hart verbotenen Weg eines unzensierten Wochenblattes die Dresdner verblüffte.

Nach seiner Verheiratung 1722 bezog er im Sommer sein Berthelsdorfer Schloß und wohnte dort mitten unter seinen Bauern. Auch hier sammelte er die religiös Suchenden in einem Hausbibelkreis, der auf dem Schloßsaal wöchentlich zusammenkam.

Hier klopften nach 1722 die mährischen Glaubensflüchtlinge an. Vor allem der Zimmermann Christian David bahnte den Weg, daß diese unterdrückten und mißhandelten deutsch-mährischen Exulanten innerhalb des zinzendorfschen Gutsbezirkes sich ansiedeln durften. So entstand Herrnhut, eine Stadt, wie sie der Protestantismus noch nicht gesehen hatte. Hier vereinigten sich die Nachfahren der alten böhmisch-mährischen Brüderkirche, die im Dreißigjährigen Krieg dort untergegangen war, mit Glaubensbrüdern aus deutschen Landen. Was sie zusammenführte, war die Sehnsucht nach christlicher Bruderschaft, die auf Freiwilligkeit beruhend, sie zu einem weltweiten Zeugen- und Botendienst unter Erweckten, bedrohten evangelischen Minderheiten, unter Heiden und Juden, befähigte.

In Herrnhut, der neuen Stadt, hielt Gott den jungen, stürmischen und genialen Grafen fest. Denn der neue dänische König, sein Vetter, scheute sich, seinen unberechenbaren Grafen Zinzendorf in seinen Dienst zu stellen. Auch in Dresdner Hofkreisen liebte man den jungen Zinzendorf nicht.

Die er nicht gesucht und gerufen hatte, die Mähren und die anderen, die sich in Herrnhut einfanden, ließen sich von ihm zu einem großartigen Streitergeist entzünden. Doch kaum hatten sie in Herrnhut Fuß gefaßt, begann der Widerstand von vielen Seiten. Bereits 1727 von seinem Staatsamt in Dresden beurlaubt, 1732 endgültig ausgeschieden, wurde Zinzendorf 1756 aus Kursachsen verbannt. Doch die Herrnhuter waren längst dabei, in einem unstillbaren Drang als Boten und Zeugen Jesu Christi in die Weite auszuschwärmen. Einem unsicher gewordenen Geschlecht in einem kritischen Jahrhundert wollten sie, mit dem Grafen gemeinsam, das Evangelium auf eine weltoffene Weise verkündigen und leben und dadurch eine getrennte Christenheit einander näherbringen.

Der Graf selbst suchte die weltweiten Unternehmungen bei dem wachsenden kirchlichen und staatlichen Widerstand durch Gutachten, durch sein Stralsunder Rechtsgläubigkeitsexamen und durch seinen in Tübingen erfolgten Übertritt in den Stand eines Pfarrers, schließlich durch Annahme des Bischofsamtes als kirchenrechtlichen Anschluß an die alte böhmische Brüder-Unität zu sichern. Es gelang ihm dann auch, das rückhaltlose Vertrauen des preußischen Soldatenkönigs Friedrich Wilhelms I. zu gewinnen. Dieser unbestechliche Menschenkenner hat drei Tage hindurch Zinzendorf auf Herz und Nieren geprüft. Von da an konnte der Graf mit dessen unverrücktem Beistand für seine Brüder rechnen.

Nach seiner Verbannung aus Kursachsen begab sich Zinzendorf mit seiner »Pilgergemeine«, seinen engsten Mitarbeitern, einem kleinen Hofstaat, auf Reisen. In der hessischen Wetterau vermochte er auf freiem Felde unweit Büdingen eine völlig unabhängige, neue Brüdergemeine neben Herrnhut, das bestehen bleiben konnte, zu gründen. Durch die Finanzhilfe reicher holländischer Freunde, die den verschuldeten Büdinger Reichsgrafen beisprangen, konnte sich hier rasch die neue Gemeine Herrenhaag entfalten, ohne daß die Büdinger dazwischenredeten. Durch den Zuzug westdeutscher Adliger wie Bürger blühte die Siedlung rasch auf.

Hier konnte Zinzendorf die typisch herrnhutischen Gottesdienstformen frei entfalten. Hier entstand der schlichte Gemeinesaal als gottesdienstliche Stätte, im strahlenden Weiß gestaltet. Das nahegelegene Schloß Marienborn dagegen wurde Sitz der »Pilgergemeine«, die zahlreiche Tochtergründungen in Europa und Amerika organisierte.

Der Graf selbst reiste unermüdlich durch Europa, ja selbst nach Rußland. Überall fand er Brüder, die er inmitten einer glaubensarmen und glaubensunsicheren Zeit durch sein Glaubenszeugnis und seine Seelsorge stärkte. Er war ein unvergleichlicher Redner, der aus der Unmittelbarkeit seines Herzens sein klares Bekenntnis zu Christus aussprach. Die ganze Weite seiner Gesichtspunkte leuchtete hier auf. Er verstand wie wenige seine Zeitgenossen und führte mit ihnen gleichsam in seinen Reden ein Zwiegespräch um den Glauben. Bei aller Entschiedenheit wollte er ein weltoffenes Christentum, das keiner Frage scheu ausweicht. Er baute darum auch seine »Dörfer des Herrn«, wo seine Brüder und Schwestern in Chorhäusern miteinander lebten und wohnten, im heiteren, festfrohen Barock, umgeben von Parkanlagen und Lindenalleen, sein Herrenhaus und den Festplatz inmitten.

Besonders nahm sich Zinzendorf der vielen Kirchenentfremdeten an. Zahlreich hatten sie sich in der Wetterau in sogenannten Inspirationsgemeinden gesammelt. Diese kirchenfeindlichen Separatisten konnte der Graf weithin wieder in kirchliche Bahnen zurücklenken.

Zweimal ist Zinzendorf nach Amerika gereist und hat die nicht ungefährliche und strapazenreiche Überfahrt auf sich genommen. Zuerst besuchte er seine herrnhutischen Missionsboten, schlichte Laienbrüder, die unter den mißhandelten und verachteten Negersklaven auf St. Thomas das Evangelium predigten. Als er die Insel betrat, mußte er sie erst aus dem Gefängnis befreien. Die weißen Farmer wollten keine bekehrten und zu Christen gewordene Negersklaven. Vor allem die Negermädchen sollten für sie Freiwild bleiben. Doch zwang Zinzendorf durch Güte und Entschiedenheit die weißen Kolonisten, der Missionsarbeit freien Raum zu gewähren.

Die zweite Reise führte Zinzendorf nach Nordamerika selbst. In Pennsylvanien befanden sich zahlreiche deutsche Einwanderer. Es fehlte an Kirchen, evangelische Geistliche waren nicht vorhanden. Die sonderlichsten frommen Gruppen hatten sich in diesem weiten und wilden Land gebildet. Unter diesen zertrennten evangelischen Deutschen in Pennsylvanien suchte Zinzendorf 1742 einen improvisierten Kirchenbund (Gemeine Gottes im Geist) ins Leben zu rufen. Hier wie im Aufbau einer deutschen lutherischen Kirche in Pennsylvanien blieb er erfolglos. Doch siedelten sich Brüder und Schwestern aus den Brüdergemeinen in Pennsylvanien an. Sie begannen mit der Indianermission, sammelten die deutschen Auswandererkinder in Schulen und versorgten verlassene deutsche Siedlungen mit Gottesdiensten, bis sich eine lutherische Kirche herausbildete. Nach Deutschland zurückgekehrt, vermochte Zinzendorf die Entwicklung der von ihm geführten Gemeinen von einer innerkirchlichen Erneuerungsbewegung zu einer Sonderkirche nicht mehr zu verhindern.

Mit Leidenschaft hat er sich dagegen gestemmt. Doch hat er innerhalb der sich festigenden Brüderkirche mit Erfolg die Verbindung zu den großen Konfessionskirchen und den Weg in neue ökumenische Wirklichkeiten offen gehalten. So blieb Zinzendorf mit seinen Brüdern dabei, »das Beste in allen Konfessionen zu entdecken«.

Inzwischen lenkte Herrenhaag, diese blühende Gemeine in der Wetterau, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich. Hier wollte man dem gesetzlich gewordenen hallischen Pietismus das Gegenbild einer im Glauben an Jesus Christus froh und fröhlich gewordenen Schar vorexerzieren. Auch der langweilig gewordenen Aufklärung mit ihrem trockenen Moralismus wollte man zeigen, was es heißt, ein Christ zu sein, der aus der Gewißheit der Vergebung der Sünden lebt. Man sollte es weithin auch an den Festen und an dem Feuerwerk, das bei ihnen in Herrenhaag abgefeuert wurde, merken, daß der Nachfolge Christi ein Freudencharakter eignet. Denn Jesus Christus ist unter die Menschheit getreten, sie aus aller Knechtschaft in die herrliche Freiheit der Kinder Gottes zu führen.

Man fand jedoch in einem Jahrhundert, das nach Natürlichkeit suchte und nach Heiterkeit sich sehnte, nicht das rechte Maß. Die heimliche Angst der Zeit vor dem Tod suchte man zu überwinden, indem man ganz einseitig einen Blut- und Wundenkult mit der Seitenwunde Jesus trieb. An dieser grotesk übersteigerten Konzentration, dem eine rokokohafte Dichtung mit merkwürdigen Stilblüten zur Seite ging, an einer Sprache, die förmlich im Blute Jesu schwamm und an schwärmerisch-ekstatischen Vorgängen, die sich dabei einschlichen, mußte alles zwangsläufig scheitern.

Zinzendorf riß noch zur rechten Stunde das Steuer herum und beendete hart das Spielerische an dieser »Nachfolge des Lämmlein«. Daß die Gemeine im Grunde gesund und kernhaft geblieben war, bewiesen die ununterbrochenen Aussendungen von Boten in die Heidenwelt und der unverminderte freudige Opfersinn.

1750 führte ein Zerwürfnis mit dem neuen Grafen von Isenburg-Büdingen zur Auflösung der Wetterauer Gemeinen. In kurzen Zeitabständen packten bald tausend Menschen ihre Bündel und zogen aus dem schön aufgebauten Herrenhaag in andere Gemeinen, auf Missionsstationen, nach Amerika.

Schockiert waren jedoch viele Zeitgenossen. Die Zeit der stürmischsten Ausbreitung der »Herrnhuter Sekte«, wie man die Brüderkirche damals oft boshaft nannte, war vorüber. Doch bildeten sich in dieser Zeit der Auflösung der Wetterauer Gemeinen im Westen Deutschlands neue blühende Gemeinen in Schlesien. Hier waren es bald wieder Tausende, die sich in ihnen um ihren geliebten Grafen scharten. Die schlesischen Gemeinen wurden neben der Muttergemeine Herrnhut das Reservoir für jene lange und ununterbrochene Reihe von Boten und Zeugen, die nach wie vor ihre Straßen zu den Heiden und den zerstreuten Christen zogen.

Inzwischen hatte sich für Zinzendorf wieder die alte Heimat geöffnet. 1747 schon gestattete Kursachsen dem Grafen die Rückkehr. Zwei Jahre später empfing die Brüdergemeine in Herrnhut für Sachsen die königliche Zusicherung, hier für alle Zeiten ihrer Verkündigung und Gemeindegestaltung frei leben zu dürfen.

Zinzendorf jedoch zog es vor, von 1751 bis 1755 vorwiegend in London zu leben. Auch in England waren kleine Brüdergemeinen entstanden, die 1748 durch Parlamentsakte offiziell als Brüderkirche in England anerkannt worden waren.

Der Graf und seine Brüder haben hier einen entscheidenden Beitrag zur Entstehung des Methodismus geleistet. John Wesley hat sein Bestes doch den Brüdern zu verdanken, auch wenn er sich später von ihnen schied. 1753 gab Zinzendorf in London das sogenannte Londoner Gesangbuch heraus, das erste ökumenische Liederbuch mit liturgischen Schätzen aus den griechischen und orientalischen Kirchen.

Eine Finanzkrise überschattete Zinzendorfs letzte Lebensjahre. Es war zu sorglos geborgt und gebaut worden. Die finanzielle Not wurde von allen Gemeinen gemeinsam überwunden. Doch der Graf zog sich von der Leitungsaufgabe auf die Seelsorge zurück. 1756 starb seine Gattin, tief betrauert von der ganzen Brüderkirche. Um der Seelsorge an Frauen und Mädchen willen schloß Zinzendorf eine zweite »Amtsehe« mit seiner langjährigen kongenialen Mitarbeiterin Anna Nitschmann, die nicht ganz drei Jahre währte. Es war wohl unklug, daß er diesen Schritt tat. Das meinten viele aus des Grafen vertrauter Umgebung. Wir wissen aber zu wenig von allem. Geliebt und verehrt von Ungezählten, die dem Grafen in seinen letzten stillen Lebensjahren begegneten, klang dieses außergewöhnliche Leben aus. Wie einen Fürsten trug man ihn zu Grabe. Seine Ruhestätte fand er auf dem Herrnhuter Gottesacker unter einer unvergleichlichen Schar von Brüdern und Schwestern. Durch den Adlerflug seiner Gedanken und Pläne hat er sie oft überfordert. Doch zogen sie ihm nach auf dem Pfad, der Jesus galt. Zinzendorfs Bedeutung liegt auf einem weiten Feld, das kaum abgeschritten werden kann. Dieses Leben, in einem so weiten Rahmen gelebt, umspannte in einem beispiellosen Einsatz so viele Länder in verschiedenen Erdteilen, daß es fast unübersehbar geworden ist.

Durch ihn entstand die erste Freikirche auf europäischem Boden, die missionarisch und diakonisch im gleichen Atemzug tätig war. In ihr gab es keine verlassenen und verratenen Proletarier, keine Vereinsamten und Übersehenen. Hier hat man in Zinzendorfs Tagen im verhaltenen Enthusiasmus eine Bruderschaft praktiziert, die alle umspannte, die Weißen und die Schwarzen und die Rothäute, die in der Brüderkirche sich zusammenfanden oder die von ihr erreicht wurden. Die Jungen und die Alten gehörten dazu, die in die Welt als Boten hinauszogen und die müde heimkehrten.

Man begann eine vorbildliche Erziehungsarbeit unter der Jugend. In schöner Freiheit konnten die Heranwachsenden unter den wegweisenden pädagogischen Gesichtspunkten des Grafen sich entfalten und ungezwungen heranreifen. Zinzendorf zählt unter die Befreier der Jugend von tötendem Drill.

Die innerkirchlichen Erneuerungsbewegungen fanden in den Diasporaboten der Herrnhuter Brüder Helfer, die diese Arbeit nach den gräflichen Richtlinien als einen stillen Hilfsdienst in den verschiedenen Landeskirchen gestalteten. Wieviel Glaubensleben wurde hier in der dürren Aufklärungszeit von den herrnhutischen Diasporaarbeitern gehütet.

Unvergessen sind die missionarischen Pionierleistungen unter bedrückten Völkern. Unter den geschundenen Negersklaven in Mittelamerika, unter den Indianern, die in die Urwälder Nordamerikas zurückwichen, unter den Hottentotten in Südafrika, die schiffsladungsweise nach Indien verkauft wurden, unter den Eskimos an den Eisrändern Grönlands stellten sich die schlichten Boten Zinzendorfs ein.

Nicht ausgeschöpft sind Zinzendorfs verschwenderisch ausgestreute Anregungen auf vielen Gebieten. Er zählt zu den bedeutenden Kirchenliederdichtern, so wenig sich seine Lieder ohne nachträgliche Glättung als gesangbuchfähig erwiesen haben. Seine »Streiterlieder« gewannen im großen Aufbruch des 19. Jahrhunderts zur Weltmission eine besondere Bedeutung. Hier war schon ausgesprochen, was diese neuen Generationen von jungen Missionaren empfunden haben, als sie zum Dienst auszogen.

Zinzendorfs Lospraxis kam und verblühte unter ihm als ein Weg, in Zweifelsfällen Gottes Willen zu erforschen. Die Losungen, die er als täglichen gemeinsamen Kampfruf für den Dienst Jesu einführte, haben in der neuen Form des Herrnhuter Losungsbüchleins eine weltweite Verbreitung gefunden. Sie leisten hier einen zwischenkirchlichen Dienst über alle Konfessionsgrenzen hinaus.

Mühelos vermag man auf manches Ungereimte in Zinzendorfs Lebensstil, auch in seiner Gedankenwelt, hinzuweisen. Hier sind zeitbedingte Einflüsse nachzuweisen.

Was aber jede Generation seit Zinzendorf neu zum Aufhorchen zwingt, ist des Grafen Zeugnis von Jesus Christus. Karl Barth hat den Grafen im Blick auf seine Predigt, Dichtung und Glaubenslehre den größten und vielleicht einzigen echten Christozentriker der Neuzeit genannt.

Das war kein billiges Spiel. Sein Christozentrismus war sein Ausweg aus schweren Zweifeln und Anfechtungen. Bereits den Achtjährigen überfielen sie mit solcher elementaren Gewalt, daß er einmal eine ganze Nacht keinen Schlaf fand. Es war der würgende Zweifel an Gottes Existenz. Immer wieder brach in seinem späteren Leben die Versuchung auf, in den Atheismus abzugleiten.

Zinzendorf überwand die Zweifel aus der Glut des großen Liebenden, dessen Herz voller Liebe zu Christus, seinem Heiland, entflammt war. Seinen Verstand vermochten die Anfechtungen hart zu bedrängen. Aber in der Tiefe seines ganzen Personseins wußte er, daß der Sohn Gottes sein Herr sei. »Das wußte ich so genau, wie ich meine fünf Finger wußte«.

Zinzendorf standen stets die großen Paradoxien in den Aussagen über Christus lebendig vor Augen. Er denkt in ihnen, sie sind ihm immer gegenwärtig, er erlebt sie in der ganzen Intensität des großen Liebenden, in der Tiefe seines Gemütes. Daß eben Christus wahrhaftiger Gott und wahrhaftiger Mensch ist, muß immer in einem Atemzug ausgesagt werden. »Es ist ein Hauptstück, daß man den Heiland nicht nur göttlich vorstellt, sondern recht menschlich, wenn man von seiner Geburt und Wandel auf Erden sprechen will.«

Weil er beides mit seinem heißen Willen anbetend und doch im klaren Nachdenken und Nachsinnen festhalten will, leuchtet bei ihm die Gestalt des Heilandes so klar auf. Er folgt hier seinem geliebten Martinus Luther. »Den aller Erdkreis nie beschloß, der liegt nun in Marien Schoß. Er ist auf Erden worden arm, daß er sich unser aller erbarm.«

Darum läuft Zinzendorf gegen die landläufige Meinung Sturm, daß der Vater mehr ist als der Sohn. Daß Jesus Christus, der vor allen Zeiten war, durch den die Schöpfung wurde, als Mensch auf diese Erde herabstieg, um im schweren Kampf, in harter Anfechtung, am Kreuz die Menschheit zu erlösen, ist Mitte der Frömmigkeit und Theologie Zinzendorfs.

Darum nennt er, wohl ungewöhnlich für die Ohren damals und auch heute, Christus den Schöpfergott. Aus seinem Einfall ging die Schöpfung hervor. Er ist für ihn der Gott des AT und des NT. Denn Gott ist unsichtbar für alle Kreaturen. Und dieser Christus ergreift einmal das Zepter über alle Welten am letzten, jüngsten Tag.

Hier will Zinzendorf nicht spekulieren. Im Blick auf den, der unsere eigene Gerechtigkeit ruiniert hat und die Heiligkeit der begnadeten Sünder etabliert hat, im Blick auf die einmal vollendete Schöpfung vermag dann der Graf Worte von unvergleichlicher Schönheit zu finden:

»Nun kommt zu ihm; es ist alles um seinetwillen. Wenn wir eine Meile gegangen sind in der Zeit, so gehen wir auf ihn zu; wenn wir hundert Meilen gegangen sind, so gehen wir auf ihn zu; wenn wir tausend Jahre gegangen sind, so gehen wir auf ihn zu und wenn wir eine Million Aeonen geflogen sind, so heißts immer: wir fliegen zu unserm offenen Fenster. Begegnet uns jemand in der zweiten Million der Aeonen unserer Währung und fragt uns, wo wir hinfliegen? so heißt es immer noch, zu unserm Fenster. Was ist das? was heißt das? die durchgrabene Seite: und die ist uns auch da noch immer neu. Er wird dein Herr sein, und mit all deinem Begehren wirst du ohne Unterlaß zu ihm hinwollen.«

Es gibt für Zinzendorf an Christus vorbei keinen Weg zu Gott. Alles Reden von Gott ohne Jesus Christus ist für ihn verkappte Gottlosigkeit, Atheismus. An dem Leiden und Sterben Jesu vorbei gibt es kein Christentum. Unerbittlich ist Zinzendorf seinen Zeitgenossen in den Weg getreten, wenn sie versuchten, sich Christus gegenüber in einem ›reinen‹ Gottesglauben abzusetzen. Es gibt keinen Gottesglauben an Erlösung und Versöhnung vorbei.

Es liegt in Zinzendorfs Christozentrismus etwas Prophetisches. Wir verstehen ihn erst dann, wenn wir seine Sorgen kennen. Er sieht, wohin seine Zeit wandert. »Man fängt schon wirklich an, Leute so zu unterrichten und zu erziehen; die Tugend, die Gottesfurcht, der Respekt vor dem oberen Wesen wird peu à peu so artig, so unanstößig für die Vernunft vorgetragen, daß man endlich für der kleinen Kinder ihrer Vernunft befürchten wird, daß man sie nicht mit der Lehre vom Kreuz choquiere ... Das ist die große Stunde der Versuchung, wenn einmal die Zeit sein wird, da man sich in den Religionen (gemeint Kirchen) durchgängig schämen wird, vom Heilande zu reden, und dazu läßt sich's gar ordentlich an.«

Für Zinzendorf geht es im Christentum um den Glauben als den bewußten mannesfrohen Zusammenschluß mit dem, der durch die Menschheit schreitet wie ein einsamer Wanderer und zu jedem hinzutritt und zu ihm sagt: »Ich bin die Auferstehung und das Leben.«

In diesem Sinn soll die Auswahl von Zinzendorf-Auslegungen verstanden werden, die wir hier vorlegen. Wir haben sie Auszügen aus ungedruckten und gedruckten Reden des Grafen entnommen, die Jakob Christoph Düvernoy 1790 zusammengestellt hat. Sie wurden damals in Barby von der Brüdergemeine im Druck herausgebracht. Seitdem wurden sie nicht mehr aufgelegt. Wir haben sie kürzen müssen, hier und dort auch sprachlich unserem heutigen Sprachstil angenähert, wo es um des besseren Verstehens willen notwendig wurde. Das ist aber behutsam geschehen, um die ganze Unmittelbarkeit der Zinzendorfschen Sprache wirken zu lassen.

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