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Beim Weiden-Joseph

Johanna Spyri: Beim Weiden-Joseph - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleRosenresli und neun weitere Erzählungen
authorJohanna Spyri
year1999
publisherVerlagsunion Pabel-Moewig
addressRastatt
isbn3-8118-1555-5
titleBeim Weiden-Joseph
pages7-51
created20010403
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1882
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Johanna Spyri

Beim Weiden-Joseph

Erzählung


1. Kapitel

Beim Weiden-Joseph

Wo schöne grüne Weidenhügel sich erheben, einer nach dem anderen, und zwischendurch die Taleinschnitte von schimmernden roten und blauen Sommerblumen bedeckt sind, liegt das Dörfchen Altkirch. Das saubere weiße Kirchlein mit dem roten Turm und die hölzernen Häuser ringsherum liegen vor allen Winden geschützt im grünen Grund. Denn hinter dem Dörfchen und von beiden Seiten steigen die Hügel empor, und nur die Vorderseite ist frei und offen. Diese schaut zu der grünen Höhe des Rechbergs hinüber, auf dessen Gipfel, von Wald umgeben, ein anderes Dorf mit seinen weißen, steinernen Häusern weithin schimmert. Wie die Höhe heißt es Rechberg.

Zwischen den Höhen rauscht der wilde Zillerbach dahin und bringt von seiner Fahrt aus den Bergen herunter viel Holz und Steingeröll in den trüben Wellen mit. Von Altkirch zum Rechberg hinüber führt eine Fahrstraße, die einen weiten Weg zu machen hat. Erst führt sie im Zickzack den Berg hinunter bis zum Zillerbach, dann über die alte, gedeckte Brücke und jenseits wieder im Zickzack hinauf bis zum Dorf Rechberg. Im ganzen wohl zwei Stunden lang.

Kürzer und viel lieblicher ist der schmale Fußpfad, der mitten über die Höhe hin zum Zillerbach hinunterführt, gerade auf den schmalen, hölzernen Steg zu, der hier über den reißenden Bach geht. Der Steg ist so schmal, daß nur eine Person auf einmal darüber gehen kann. Und es ist gut, daß auf beiden Seiten Seile gespannt sind, an denen man sich festhalten kann. Denn der leichtgebaute Steg zittert und schwankt bei jedem Schritt so sehr, daß den Wanderer ein ganz unsicheres Gefühl befällt.

Weit und breit ist kein Haus auf all den grünen Hügeln zu sehen. Nur auf dem letzten, von wo der Fußweg steil zum Bach hinuntergeht, steht eine einsame Kapelle. Sie schaut seit uralter Zeit auf das reißende Wasser und den so oft weggeschwemmten und wieder neuerrichteten Steg nieder.

In Altkirch leben viele arme Leute, denn es gibt dort wenig Arbeit. Die meisten Männer gehen als Tagelöhner auf die Bauernhöfe der Nachbarschaft. Einige besitzen selbst ein Fleckchen Erde, das sie bebauen. Nur zwei oder drei Bauern im Dörfchen haben so viel Land, um mehrere Kühe darauf halten zu können,

Eine der ärmsten Familien war die vom Weiden-Joseph in dem abgelegenen alten Häuschen, das am Fußweg zur Kapelle liegt und ganz allein steht. Das Häuschen wird fast ganz von den lang herabhängenden Zweigen eines uralten Weidenbaums zugedeckt. Der hat sich immer mehr ausgebreitet, bis er das Häuschen endlich ganz umschloß. Nach diesem Baum heißt der Besitzer der Weiden-Joseph. Er hatte immer in dem Häuschen gewohnt, denn es war schon seines Vaters Besitz gewesen, der darin uralt geworden war. Jetzt war der Weiden-Joseph selbst ein alter Mann geworden und lebte in dem Häuschen mit seiner alten, seit langer Zeit kranken Frau und seinen zwei Enkelkindern.

Der Weiden-Joseph hatte einen einzigen Sohn, den Sepp, der immer ein gutmütiger, aber ein wenig leichtsinniger und unsteter Mensch gewesen war. Wo er sich jetzt aufhielt, wußten die alten Eltern selbst nicht, schon seit sechs Jahren war er fort von daheim und hatte während der Zeit wenig von sich hören lassen.

Der Sepp hatte sehr früh geheiratet, und die Eltern freuten sich darüber, denn die Frau war die fleißige, brave Konstanze, die von allen Leuten gern gesehen wurde. Sie sah auch gut aus und hielt alles schön in Ordnung im Häuschen ihres Mannes. Der Weiden-Joseph und seine Frau verlebten friedliche Tage, so lange die Tochter Konstanze im Haus war. Sie arbeitete von früh bis spät und ließ es den Eltern an nichts fehlen. Sie sagte, Vater und Mutter müssen nun ausruhen, sie haben genug getan. Sie und ihr Sepp seien nun da, um den Alten noch ein paar geruhsame Tage zu machen.

Der Sepp ging täglich auf die Arbeit zu dem großen Hof jenseits der Ziller hinüber und brachte am Samstag ein schönes Stück Geld heim. Es war alles so zur Zufriedenheit geregelt, daß auch der Sepp ein ausgeglichener Mensch wurde und nichts wünschte, als so weiterzuleben.

Drei Jahre gingen in ungetrübtem Frieden so dahin, und der alte Pater Klemens, der in dem langen, alten Haus hinter Altkirch wohnte und oft ins Häuschen des Weiden-Joseph eintrat, sagte oftmals: »Joseph, bei Euch ist gut wohnen, da hört man kein böses Wort. Haltet Eure Konstanze in Ehren!« Und seine gutmütigen Augen leuchteten vor Freude, wenn die Konstanze, so sauber und ordentlich wie sie immer war, hereintrat und ihn mit ihrer fröhlichen Stimme willkommen hieß. Auch das kleine Stanzeli auf ihrem Arm streckte schon von weitem dem Pater Klemens das Händchen entgegen. Dann sagte er noch einmal: »Ja gewiß, bei Euch ist gut wohnen, Joseph.«

Als das Stanzeli fast zwei Jahre alt war, kam der kleine Seppli auf die Welt. Das war eine große Freude für alle. Aber bald danach geschah das Traurigste, das dem Haus des Weiden-Joseph widerfahren konnte. Die Konstanze starb ganz plötzlich und hinterließ eine Lücke, die nicht mehr auszufüllen war. Von der Zeit an lief der Sepp herum wie einer, der keinen Sinn mehr im Leben sieht. Sein unruhiges Wesen kehrte wieder zurück. Er konnte am Sonntag nicht mehr daheim bleiben, wie er es früher so gern getan hatte. Es trieb ihn immer weiter fort, und zuletzt meinte er, wenn er woanders Arbeit suchen könnte, werde es wieder besser mit ihm werden.

Er versprach, den Eltern von Zeit zu Zeit etwas Geld zu schicken für ihren und der Kinder Unterhalt. Dann ging er fort. Eine Zeitlang hielt er sein Versprechen und schickte seine Beiträge. Dann kam kein Geld mehr, und seit sechs Jahren wußten sie weder, wo er sich aufhielt, noch ob er überhaupt noch lebte. Unterdessen waren die beiden Alten immer gebrechlicher und ärmer geworden.

Der einzige, geringe Erwerb, der ihnen geblieben war, bestand darin, daß der Großvater aus den Weidenzweigen Körbchen flocht. Jeden Freitag gab er sie dem Käsehändler mit, der seine Käse auf den Markt in die Stadt trug. Viel nahm der Großvater nicht ein für seine Arbeiten, und die Großmutter mußte jedes Stückchen Brot genau einteilen, daß man von einem Tag zum anderen leben konnte.

So war das Stanzeli bald neun, der Seppli sieben Jahre alt geworden, und Stanzeli mußte jetzt dem Großvater schon viel bei der Arbeit helfen, denn seit mehr als vier Monaten lag die Großmutter krank darnieder und konnte gar nichts mehr tun. So mußten der Großvater und das Stanzeli zusammen täglich das Kochen besorgen, das zwar nicht sehr viel Zeit beanspruchte, denn es wurde nichts anderes gekocht, als Maisbrei und Kartoffeln. Und dann und wann ein wenig Kaffee. Aber sie mußten gemeinsam das Essen bereiten, denn das Stanzeli war noch zu klein, um die Pfanne hin und her zu heben. Und der Großvater kannte sich nie bei den Zutaten aus, das wußte dann das Stanzeli genau.

So arbeiteten sie immer miteinander in der Küche, und gewöhnlich stand der Seppli dann auch in dem kleinen Raum, wo die zwei sich kaum bewegen konnten. Er war einmal dem einen und einmal dem anderen im Wege, und sperrte ganz weit seine Augen auf in Erwartung der herrlichen Dinge, die da zubereitet wurden. Und weder der Großvater noch das Stanzeli versuchten, den Seppli aus der kleinen Küche zu schicken. Sie wußten genau, daß er zwei Minuten später wieder da war, denn der Seppli hatte in manchen Sachen eine unbeschreibliche Beharrlichkeit.

Eine schöne, warme Septembersonne schimmerte draußen über den grünen Hügeln um Altkirch. Eben fielen einige Strahlen davon durch die trüben Fensterscheiben auf das Bett der Großmutter.

»Ach Gott!« seufzte sie, »scheint auch die Sonne noch? Wenn ich doch auch einmal wieder hinaus könnte. Aber ich wollte ja noch stillhalten, wäre das Bett nur nicht so hart wie Holz, und im Kissen sind fast keine Federn mehr. Und wenn ich erst an den Winter denke, wenn ich so daliegen muß auf dem harten Sack und unter dem dünnen Decklein und ohne ein rechtes Kissen. Ich muß ja erfrieren, es ist mir ja jetzt schon kalt.«

»Du mußt dich nicht schon jetzt um den Winter sorgen«, sagte der Großvater beschwichtigend. »Unser Herrgott wird ja dann auch noch am Leben sein. Er hat uns schon manchmal in der Not geholfen, das darfst du nicht vergessen. Was meinst du, wenn wir dir ein wenig Kaffee machten, damit es dir warm würde?«

Die Großmutter wollte gern ein Täßchen Kaffee trinken, und der Großvater machte die Küchentür auf. Sie lag unmittelbar neben der Stube, in der das Bett der Großmutter stand. Ein kleines Treppchen hinter dem Ofen führte in die Schlafkammer hinauf, wo der Großvater mit den Kindern schlief. Er winkte jetzt Stanzeli, daß es mitkomme, und gleich lief ihr auch der Seppli nach, denn er mußte zusehen, wenn etwas Eßbares bereitet wurde. Draußen nahm der Großvater einen Kessel vom Gestell herunter und goß Wasser hinein. Dann sagte er: »Stanzeli, was kommt jetzt zuerst?«

»Zuerst muß ich jetzt Kaffeebohnen mahlen«, berichtete das Kind und setzte sich gleich mit der alten Kaffeemühle auf den Schemel und drehte mit aller Kraft. Aber irgend etwas stimmte mit der Mühle nicht, es untersuchte sie und zog endlich unten das Schublädchen sorgfältig hervor. Da lagen, anstatt des schönen Pulvers, große Brocken, fast halbe Kaffeebohnen darin. Das Stanzeli hob mit Schrecken das Lädchen zum Großvater empor und zeigte ihm das Unheil. Er besah sich den Schaden und sagte beruhigend: »Mußt nur keinen Lärm machen, daß es die Großmutter nicht hört, sonst jammert sie und meint, nun könne sie keinen Kaffee mehr trinken. Aber wart nur ein wenig.«

Damit ging der Großvater hinaus und kam bald wieder zurück mit einem großen Stein in der Hand. Damit zerschlug und zerrieb er die Kaffeebohnen auf einem Papier und dann schüttete das Stanzeli das grobe Pulver in den Kessel hinein. Als aber bald darauf die Großmutter ihr Täßchen in die Hand bekam, rief sie klagend aus: »O weh! O weh! Da schwimmen die großen Körner oben auf, die Kaffeemühle ist zerbrochen. Oh, wenn sie nur noch bis zu meinem Tod gehalten hätte, wir können keine neue mehr kaufen.«

Aber der Großvater sagte in besänftigendem Ton: »Du mußt dich nicht kränken deswegen, mit Geduld ist manches in Ordnung zu bringen.«

»Ja schon, aber keine Kaffeemühle«, jammerte noch einmal die Großmutter.

Das Stanzeli und der Seppli bekamen auch jedes ein Täßchen voll Kaffee und einige Brocken Kartoffeln dazu. Brot aßen sie nur am Sonntag jedes ein Stückchen. Dann holte der Großvater seine Körbchen herbei, die er fertig geflochten hatte. Er band immer ein paar davon mit einer Schnur zusammen und gab jedem der Kinder ein solches Bündelchen von kleinen Körbchen in die Hand. Dann ließ er sie damit weggehen und ermahnte sie noch, nicht zu spät nach Hause zu kommen. Sie wußten schon, wohin sie mit den Körben mußten, denn sie hatten alle paar Wochen einmal dem Käsehändler eine solche Sendung zu überbringen. Dieser wohnte weit vom Dörfchen entfernt. Man mußte über die Hügel gehen, an der Kapelle vorbei bis zum Wald hinauf, dort stand seine Hütte.

Die Kinder zogen nun miteinander aus. Da das Stanzeli immer ganz gewissenhaft seinen Weg fortsetzte, so mußte der Seppli auch mit, wenn er auch gern etwas stillgestanden wäre und dies und jenes betrachtet hätte. Erst als sie an die Kapelle kamen, blieb das Stanzeli stehen und sagte: »Leg die Körbe hier auf den Boden, Seppli, wir müssen jetzt in die Kapelle hinein und ein Vaterunser beten, so lange können sie hier liegen bleiben.«

Aber der Seppli war störrisch.

»Ich will nicht hinein, es ist mir zu heiß«, sagte er und setzte sich auf den Boden nieder.

»Nein, Seppli, komm, das muß man tun«, mahnte das Stanzeli. »Weißt du nicht mehr, daß der Pater Klemens gesagt hat, wenn man an einer Kapelle vorbeikomme, müsse man immer hinein und etwas beten? Steh auf und komm schnell.«

Der Seppli blieb störrisch am Boden sitzen. Aber das Stanzeli ließ ihm keine Ruhe. Ganz ängstlich nahm es ihn bei der Hand und zog ihn auf: »Du mußt kommen, Seppli, es geht gewiß nicht gut sonst. Du solltest auch gern beten.«

In dem Augenblick kam jemand von unten auf die Kapelle zu. Plötzlich stand der Pater Klemens vor den Kindern.

Seppli war schnell auf seine Füße gesprungen. Die Kinder boten schnell dem Pater ihre Hände.

»Seppli, Seppli,« sagte er ganz freundlich, als er diesem die Hand drückte, »was habe ich gehört? Du willst dem Stanzeli nicht folgen, wenn es gern mit dir in die Kapelle hinein möchte? Ich will dir aber etwas sagen. Siehst du, es ist kein Zwang von unserem Herrgott, daß man in die Kapelle hineingehen und beten soll, sondern es ist eine Erlaubnis, daß wir so zu ihm beten dürfen. Und jedesmal, wenn wir das tun, schenkt er uns etwas, wir können es dann nur nicht immer gleich sehen.«

Jetzt wanderte der gute Pater wieder seiner Wege, und Seppli trat nun ohne Widerrede mit dem Stanzeli in die Kapelle ein und sagte andächtig sein Gebet. Als die Kinder nach einiger Zeit wieder herauskamen, hörten sie laute Stimmen und ein starkes Keuchen den Fußweg herauf ertönen, der hier sehr steil zum Zillerbach hinunterführt. Jetzt kamen nacheinander drei Köpfe zum Vorschein, erst ein Mädchenkopf und dann zwei Bubenköpfe, und nun standen auf einmal drei Kinder den anderen zweien gegenüber. Mit großem Erstaunen sahen sie sich gegenseitig an.

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