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Bei uns zu Lande auf dem Lande

Annette von Droste-Hülshoff: Bei uns zu Lande auf dem Lande - Kapitel 4
Quellenangabe
typefragment
authorAnnette von Droste-Hülshoff
titleBei uns zu Lande auf dem Lande
publisherScherpe-Verlag Krefeld
year1948
senderwww.gaga.net
correctorhille@abc.de
created20051020
projectid1c93cc24
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Zweites Kapitel

Der Herr und seine Familie

Honneur aux dames! Ich fange an mit der gnädigen Frau, einem fremden Gewächs auf diesem Boden, wo sie sich mit ihrer südlichen Färbung, dunklen Haaren, dunklen Augen ausnimmt wie eine Burgundertraube, die in einen Pfirsichkorb geraten ist; sie stammt aus einer der wenigen rheinländischen Familien, die man hier für ebenbürtig gelten läßt, und der Vetter, der vor zwanzig Jahren nach Düsseldorf landtagen ging und von einer plötzlichen Lust, die Welt zu sehen, befallen wurde, lernte sie in Köln vor dem Schreine der Heiligen Drei Könige kennnen und fühlte dort zuerst den vorläufig noch äußerst embryonischen Wunsch, sie zur Königin seines Hauses zu machen. Das ist sie denn auch im vollen Sinne des Wortes: eine kluge, rasche, tüchtige Hausregentin, die dem Kühnsten wohl zu imponieren versteht und was ihr zur Ehre gereicht, eine so warme, bis zur Begeisterung anerkennende Freundin des Mannes, der eigentlich keinen Willen hat als den ihrigen, daß alle Frauen, die Hosen tragen, sich wohl daran spiegeln möchten. – Es ist höchst angenehm, dieses Verhältnis zu beobachten; ohne Frage steht diese Frau geistig höher als ihr Mann, aber selten ist das Gemüt so vom Verstande hochgeachtet worden; sie verbirgt ihre Obergewalt nicht, wie schlaue Frauen wohl tun, sondern sie ehrt den Herrn wirklich aus Herzensgrunde, weiß jede klarere Seite seines Verstandes, jede festere seines Charakters mit dem Scharfsinn der Liebe aufzufassen und hält die Zügel nur, weil der Herr eben zu gut sei um mit der schlimmen Welt auszukommen.

Nie habe ich bemerkt, daß ein Mangel an Welterfahrung seinerseits sie verlegen gemacht hätte, dagegen strahlen ihre schwarzen Augen wie Sterne, wenn er seine guten Kenntnisse entwickelt, Latein spricht wie Deutsch, und sich in alten Tröstern bewandert zeigt wie ein Cicerone. – Die gnädige Frau hat Blut wie ihre Reben, sie ist heftig, ich habe sie sogar schon sehr heftig gesehen, wenn sie bösen Willen voraussetzt, aber sie faßt sich schnell und trägt nie nach. Sehr stattlich und vornehm sieht sie aus, muß sehr schön gewesen sein und wäre dies vielleicht noch, wenn ihre bewegten Gefühle sie etwas mehr Embonpoint ansetzen ließen; so sieht sie aus wie ein edles arabisches Pferd; ihr neues Vaterland hat sie liebgewonnen und macht gern dessen Vorzüge geltend, nur mit der Art Überschätzung, die oft gescheiten Leuten von starker Phantasie eigen ist, die von dem ihrer eigenen Natur Fremden zumeist am lebhaftesten ergriffen reden: so schont sie mit einer Art Pietät, was das Ärugo der Verjährung trägt, so hat sie alle alten, mitunter verwunderlichen Gewohnheiten und Rechte des Hauses bestehen lassen und wacht über Ordnung und ein billiges Gleichgewicht; ich werde noch auf die respektablen, Müßiggänger kommen, über die man hier bei jedem Schritt fällt und die ich bei mir zu Hause würde mit dem Ochsenziemer bedienen lassen; hier möchte ich sie selbst nicht gekränkt sehen. Bettler in dem Sinne wie anderwärts gibt es hier keine, aber arme Leute, alte oder schwache Personen, denen wöchentlich und öfter eine Kost so gut wie den Dienstboten gereicht wird; ich sehe sie täglich zu dreien oder mehreren auf der Stufe der steinernen Flurtreppe gelagert, ärmlich, aber ehrbar, und keinen vorübergehen, ohne sie zu grüßen. Die gnädige Frau tut mehr, sie geht herunter und macht die schönste Konversation mit ihnen über Welthändel, Witterung, die ehrbare Verwandtschaft und wovon man sich sonst nachbarlich unterhält; darum gilt sie denn auch für eine brave, ›gemeine‹ Frau, was soviel heißt als populär, und sie ist immer mit gutem Rat zur Hand, wo sie denn auch, wie billig, der Ausführung nachhilft. Sehr habe ich ihre Geduld bewundern müssen mit einem Verrückten, dem Sohne des Müllerhauses, dessen Licht ich eben durch die Mauerluke herüberscheinen sehe. Der arme Mensch ist irre geworden über eine Heiratsgeschichte, obwohl nicht eben aus Liebe.

Er war einziger Sohn, sie einzige Tochter und beider Eltern am Leben. So zog sich die Aussicht ins Blaue, da jedes die Seinigen mitbringen mußte und für vier alte Leute in keinem der Häuser Raum war. Dennoch hatten die Eltern sie unterderhand verlobt mit dem ruhigen Zusatz, daß, wenn zwei von ihnen gestorben seien, was bei ihrem Alter wohl nicht lange ausbleiben werde, die Heirat vor sich gehen könne. So lebten alle friedlich ohne Ungeduld voran, bis der Braut Vater, ein Tischler, einen Schaganfall bekam und dadurch schwach im Kopf wurde, dabei [unleserlich] und anfing, sich lebhaft nach einem Gehilfen zu sehnen. Zum Unglück war sein Geselle ein durchtriebener, schlimmer Bursche aus dem Sauerlande, der sich dies alles zu Nutzen machte, bei jeder kleinen Bestellung, die ihm entfiel, so viel von Verfall der Kundschaft, und dem übermäßigen Wohlbefinden des Müllerpaares zu reden wußte, denen er wenigstes Methusalems Alter prophezeite und bald hier, bald dort in [unleserlich] wollte begegnet sein. Dabei ließ er zugleich schlau die Verpflichtung gegen Kind und Gutsherrn auf das geängstigte Gemüt des alten Mannes wirken, bis er diesen ganz konfus über Recht und Unrecht gemacht hatte. Die Folge davon war eine zweite, und dieses Mal rechtskräftige Verlobung mit Stempelpapier und Siegel, zwischen dem betrübten und eingeschüchterten Mädchen und dem Sauerländer. Zwei Tage später, und der alte Mann lag tot am wiederholten Schlaganfall im Bett, und fast zugleich mit ihm starb der Vater des Bräutigams an einer leichten Erkältung, was wahrlich kein zähes Leben bewies. Die erste Trauerzeit hielt jedes sich still zu Hause, dann aber trieb die Müllerin ihren Sohn an, mit der Braut jetzt das Nähere zu bereden. Als er hinkam, stand sie im Garten. Er sah sie schon von weitem die Schürze vors Gesicht schlagen und ins Haus gehen. Darauf kam die Witwe heraus und erzählte ihm mit vielem Klagen und Stottern die ganze Bescherung, worauf er ganz still wurde und nach Hause ging. Seitdem konnte er aber den Schimpf nicht verwinden. Zugleich drängte die Mutter, deren Kräfte nach des Mannes Tode schnell abnahmen, Franz sachte wieder zum Heiraten. Zwei neue Pläne, die übereilt angelegt waren, schlugen fehl. Franz hatte einen tiefen heimlichen Hochmut auf seine ehrenwerte Familie, die seit vielen Generationen, des Herrn Mühle mit Lob versehen hatte, und noch mehr, weil er als älterer Spielkamerad und halber Aufseher der Herrschaft aufgewachsen war und noch jetzt zu den Auserwählten gehörte, die auf Hochzeiten mit den Fräuleins einen Tanz machten. Die Schäm quälte ihn; das Drängen seines Mutter und die Furcht, eine schlimme Wahl zu treffen oder gar mit einem neuen Korbe aufzuziehen, ließen ihm Tag und Nacht keine Ruhe; seine Augen bekamen nach und nach etwas Stieres am Blick, und mit einem Male fing er über dem Behauen der Mühlsteine an, allerlei irres Zeug zu reden: Alle Splitter, die sie abpickten, seien lauter Heiratensteine, die sie gut aufbewahren müßten und von denen er auch wirklich ein Versteck anlegte. Jetzt ist er ganz irre, obwohl voll Höflichkeit und, wenn man ihn auf ganz fremde Gegenstände lenkt, von recht verständigem Urteile; aber dazu kömmt es selten, seine fixen Ideen halten ihn wie mit eisernen Klammern und fahren in jedes beruhigende Gespräch wie Sporenstiche hinein. Jetzt ist seine größte Not eine Prinzessin von England, die man ihm zufreien will, was ihn als guten Katholiken ängstigt; er hält sich ihr ganz ebenbürtig, doch hat er ein halbes Bewußtsein von ihrer hohen Stellung und daß sie ihn, wenn er sich sperrt, könnte wohl einstecken oder auf die Tortur bringen lassen, und er bereitet sich durch Lesen in der Bibel auf sein einstiges Martyrium vor, dem er doch womöglich noch entschlüpfen möchte; darüber hält er denn täglich mit der gnädigen Frau lange Beratungen, die mit himmlischer Geduld ihm schlaue Ausflüchte erfinden hilft und wirklich, wie ich glaube, allein bis dahin ihn vor völliger Raserei gerettet hat. Mich durchrieselt jedesmal em Schauder, wenn ich dieses Angstbild sehe; hier erregt es nur tiefe ruhige Teilnahme. Wenn man die Geduld und Höflichkeit des Herzens sieht, mit denen diese Frau auf die endlosesten Langweiligkeiten eingeht, so kann man nicht umhin, ihre tiefe Güte zu bewundern, die so hoch über bloßem Almosengeben steht, wie Ehre über Bequemlichkeit. Ich begegne häufig im Korridor reinlichen Armen, mit frlschgewaschenem Fürtuch und blanken Zinnschnallen, die so frei und mit honetter Haltung zu ihr aus- und eingehen, wie anständige und geehrte Besucher, und in der Tat gilts auch öfter einer zutraulichen Bitte um Rat als um Hilfe. Unangenehm ists mir aber allemal, wenn ich dem Klemens begegne.

Aber ich bin von meinem Thema abgekommen, also der junge Herr – Everwin heißt er, in getreuer Reihenfolge wie die Heinriche von Reuß – steckt noch ein wenig in der Schale. Neunzehn Jahre ist er alt und lang aufgeschossen wie eine Erle, blond, mit hellblauen Augen, durch die man glaubt bis ins Gehirn sehen zu können. Ich höre ihn oft im Nebenzimmer gefährlich stöhnen und räuspern über den Klassikern und alten Geschichtswerken, an denen er eine Mühe hat, daß ihm mittags zuweilen die Haare davon zu Berge stehen. Ich profitiere auch zur vollen Genüge von seinem Geigenspiel, zuweilen, wenn ich gerade gut gelaunt und recht im dolce far niente bin, nicht ohne Vergnügen: er streicht seinen Viotti so sanft und reinlich ab, und an manchen Stellen mit so kindlich mildem Ausdruck, daß ich oft denke: er ist doch der Papa en herbe, der nur noch nicht zum Durchbruch kommen kann – dieses geringe, leider an Wert verlierende Vergnügen, wird mir aber reichlich versalzen durch die llbungsstunden, wo absichtlich zu Schwieriges vorgenommen wird; von all dem Wasser, was mir diese Doppelpassagen, bei denen immer ein falscher Ton nebenher läuft, schon in die Zähne getrieben haben, könnten wenigstens zwei Mühlen gehen; zuweiten gibt Karo, des Vetters sehr geliebter Spion, noch die dritte Stimme dazu, und dann ist der Moment da, wo ein spleeniger Engländer sich ohne Gnade erhängen würde. Mein Zimmer ist indessen der Ehrenplatz im Hause, und Hoffahrt will notleiden; zudem kann mir nicht entgehen, daß Everwin, wo es ohrengefährlich wird, den Bogen so leise ansetzt wie ein menschlicher Wundarzt die Sonde und sogar zuweilen mir zuliebe seinem Karo einen Fußtritt gibt, der ihm gewiß selber wie ein Pfahl durchs Herz geht; er ist überhaupt« ein bescheidener jüngferlicher Nachbar, der morgens auf den Zehen umherschleicht und sich abends gleichsam ins Bett stiehlt, daß ich kaum die Decken rispeln höre! Sein Freund und Gefährte in allem ist der Neffe des Rentmeisters, Wilhelm Friese, ein wunderlich begabter junger Mann, an den Everwin sich festgesogen hat wie die Auster an der Koralle. Ich sehe sie beide oft morgens um sechs Uhr zum Dohnenstrich ziehen, in knappen Jagdröcken und Lederkäppchen fröhlich und mädchenhaft, wie ein paar Klosternovlzen in den Freistunden. Vor Frauen hat er noch eine wahre Josephs-Scheu und würde einen unchristlichen Haß auf die Unglückliche werfen, mit der man ihn neckte. Zwei münsterische Schillinge gäbe ich drum, ihn dereinst auf Freiersfüßen zu sehen. Ohne Zweifel muß auch da sein Wilhelm vorgehen, und der wird sich ebenfalls alle zehn Nägel abkauen vor Angst, obgleich er gegen Everwin gerechnet immer für einen Schalk gelten kann. Neulich frühe saß ich am Ausgange der neuen Anlagen, die diesen Landsitz umgeben wie Nester mit jungen Vögeln eine graue Warte – Everwin kam über Feld, Wilhelm hinterdrein. Ich hörte, daß sie sprachen, aber Everwin sah nicht zurück. »Ich sage es dir nochmals«, rief Wilhelm, »wenn du dir keinen besseren Rock anschaffst, so bekommst du dein Lebtag keine Frau.« – »Ach, bah!« brummte Everwin und rannte wie ein Kurier und war bereits dicht neben mir, ohne mich zu sehen. »Lauf doch nicht so! Herr! laß uns das Ding überlegen; du kommst ja doch nicht vorbei. Was scheint dir Blau mit Tressen? Das steht gut zu blonden Haaren.« – »Wilhelm!« drohte Everwin und trat bis über dieKnöchel in eine Lache. – »Guten Morgen, Vetter!« sagte ich. – »Sind Sie da? Ich habe ins Wasser getreten!« – »Das sehe ich!« und fort trabten die beiden wie begossene Pudel, Wilhelm am betroffensten, daß ich seine gottlosen Reden gehört.

Fräulein Sophie gleicht ihrem Bruder aufs Haar, ist aber mit ihren achtzehn Jahren bedeutend ausgebildeter und könnte interessant sein, wenn sie den Entschluß dazu faßte. – Ob ich sie hübsch nenne? Sie ist es zwanzigmal im Tage und ebensooft wieder fast das Gegenteil; ihre schlanke, immer etwas gebückte Gestalt gleicht einer überschossenen Pflanze, die im Winde schwankt; ihre nicht regelmäßigen, aber scharf geschnittenen Züge haben allerdings etwas höchst Adeliges Und können sich, wenn sie meinen Erzählungen von blauen Wundern lauscht, bis zum Ausdruck einer Seherin steigern, aber das geht vorüber und dann bleibt nur etwas Gutmütiges und fast peinlich Sittsames zurück; einen eigenen Reiz und gelegentlichen Nichtreiz gibt ihr die Art ihres Teints, der, für gewöhnlich bleich bis zur Entfärbung der Lippen, ganz vergessen macht, daß man ein Mädchen vor sich hat – aber bei der kleinsten Erregung, geistiger sowie körperlicher, fliegt eine leichte Röte über ihr ganzes Gesicht, die unglaublich schnell kömmt, geht und wiederkehrt, wie das Aufzucken eines Nordlichtes über den Winterhimmel; dies ist vorzüglich der Fall, wenn sie singt, was jeden Nachmittag während des Verdauungspfeifchens zur Ergötzung des Papas geschieht. Ich bin kein natürlicher Verehrer der Musik, sondern ein künstlicher – mein Geschmack ist, ich gestehe es, ein im Opernhause mühsam eingelernter, dennoch meine ich, das Fräulein singt schön – über ihre Stimme bin ich sicher, daß sie voll, biegsam und von nicht geringem Umfange ist, da läßt sich ein Maßstab anlegen, – aber dieses seltsame Modulieren, diese kleinen, nach der Schule verbotenen Vorschläge, dieser tief traurige Ton, der, eher heiser als klar, eher matt als kräftig, schwerlich Gnade auswärts fände, können vielleicht nur für einen geborenen Laien wie mich den Eindruck von gewaltsam Bewegendem machen; die Stimme ist schwach, aber schwach wie fernes Gewitter, dessen verhaltene Kraft man fühlt – tief, zitternd wie eine sterbende Löwin: es liegt etwas Außernatürliches in diesem Ton, sonderlich im Verhältnis zu dem zarten Körper. Ich bin kein Arzt, aber wäre ich der Vater, ich ließe das Fräulein nicht singen; unter jeder Pause stößt ein leiser Husten sie an, und ihre Farbe wechselt, bis sie sich in roten, kleinen Fleckchen festsetzt, die bis in die Halskrause laufen – mir wird todangst dabei, und ich suche dem Gesange oft vorzubeugen, indem ich vorgebe, ein Lied von Fräulein Anna hören zu wollen, in die man mich heshalb etwas verliebt glaubt. Fräulein Anna darf sich auch gar wohl sehen lassen; sie ist ein schönes braunes Rheinkind mit brennenden Augen, blitzenden Zähnen, Elfenfüßchen, zitternd vor verhaltenem Mutwillen wie eine Granate, über der die Lunte brennt. Sie möchte gern immer reden und schweigt doch zumeist, weil sie den rechten Ton auf der hiesigen Skala nicht finden kann. Wenn wir abends unsere stillen ehrbaren Gespräche führen, sitzt sie gewöhnlich am Fenster und seufzt ungeduldig Wolken und Winde an, die nach den Rebhügeln ziehn, wo ihre jungen Gefährtinnen sichs wohl und lustig sein lassen, während sie hier bei der Tante die Klavierjungfer spielen muß. Wozu? Sie begreift es Nicht und klagt die Heimat und die Fremde an. Ich denke, man hat einen Dämpfer für diese üppige Wasserorgel nötig gefunden. – Dabei hat sie einen Anflug von Empfindsamkeit, liebt den Wald, schält alle Bäume an, um ihre Klagen darauf, auszuhauchen. Den Onkel ehrt sie, weiß ihn aber nicht zu schätzen; – der Tante wendet sie eine zornige Liebe zu, da sie das verwandte Element fühlt und vor Ungeduld überschäumt, es so beengt zu sehen. Sophie ist ihr fast fatal, und Everwin, den sie ›unsere Mamsell‹ oder Langewin (lang, schmal) oder Gradewein nennt, ist der ewige unfreiwillige Tröster ihrer Langeweile. Sie gibt ihm Salz mit auf die Jagd, sorgt, daß seine Leintücher umgeschlagen werden, so daß er nachts wie in einem kurzen Sacke steckt, oder läßt seine Dohnen ausnehmen und Maulwürfe oder schwarze Hadern hinein hängen, was ihm allemal wirklich nachgeht und empfindlicher ist als die schlaflose Nacht. Da ihm zur Revanche Geschick und Kühnheit fehlen, ists ein einseitiger Spaß, der in Everwins Herzen allmählich einen Sauerteig verkniffener Schadenfreude ansetzt. Ich sehe allemal etwas wie einen falschen Sonnenstrahl über sein Gesicht zucken, wenn sie mit ihrer halbbewußten Koketterie bei seinem Kameraden abfährt oder Karo nach einem Wasserbade sich zunächst bei ihr abschüttelt, und ich habe ihn im Verdacht, ihn vorzugsweise auf ihrer Seite apportieren zu lassen. Dem Wilhelm scheint sie gewogener, nennt ihn einen gebildeten jungen Mann, und es kommt mir vor, als ob sie seinetwegen zuweilen ein Schleifchen mehr ansteckte, was er aber leider nicht zu bemerken scheint. Ich glaube überhaupt, daß zwei Drittel ihrer Seufzer dem Verkanntsein gelten. Ists zum Beispiel nicht hart, daß sie, die Französisch spricht wie Deutsch und den Gellert zitieren kann, hier noch Rechenstunde nehmen muß bei einein invaliden Unteroffizier, der am Ausgang des Parkes wohnt? Wäre seine fuchsige Perücke nicht und sein schönes Französisch, indem er sich nach ihrem ›ton père‹ erkundigt, sie führe aus ihrer Sammethaut, nun aber hat sie an ihm wenigstens einen Souffre douleur, ein schlechtes Äpfelchen gegen den Durst, und macht ihn Zeug sagen und tun, daß der Onkel den Kopf schüttelt und doch lachen muß. Fräulein Anna ist pikant wie [unleserlich], aber es ist unerquicklich, hier jemand zu sehen, der die Landesweise nicht aufzufassen versteht; der Spott ärgert einen, und doch wird man sich dadurch des Entbehrten bewußt und fühlt die Einförmigkeit wie einen schläfernden Hauch an sich streifen, – Ich bemerte eben, daß ich den Fehler habe, mich in Stimmungen hinein- und hinauszuschreiben; so hat mich der Paragraph Anna fast rebellisch gemacht gegen das Haus meines guten Vetters, den ich mir als einen Bissen pour la bonne bouche in diesem Abschnitt zuletzt aufgehoben habe. Gott segne ihn alle Stunden seines Lebens – ein Unglück kann ihn nur zur Läuterung treffen, verdient hat er es nie und nimmer – ich halte es für unmöglich, diesen Mann nicht liebzuhaben seine Schwächen selbst sind liebenswürdig. Schon sein Äußeres. Denkt euch einen großen stattlichen Mann, gegen dessen breite Schultern und Brust fast weibliche Hände und der kleinste Fuß seltsam abstechen, ferner eine, sehr hohe, freie Stirn, überaus lichte Augen, eine starke Adlernase und darunter Mund und Kinn eines Kindes, die weißeste Haut, die je ein Männergesicht entstellte, und der ganze Kopf voll Kinderlöckchen, aber grauen, und das Ganze von einem Strome von Milde und gutem Glauben überwallt, daß es schon einen Viertelschelm reizen müßte, ihn zu betrügen, und doch einem doppelten es fast unmöglich macht; gar adlig sieht der Herr dabei aus, gnädig und lehnsherrlich, trotz seines grauen Landrocks, von dem er sich selten trennt, und er hat Mut für drei: ich habe ihn bei einem Spaziergange, wo man auf verbotene Wege geraten war, fast fünf Minuten lang einen wütenden Stier mit seinem Bambusrohr parieren sehen bis alle sich hinter Wall und Graben gesichert hatten, und da sah, wie Wilhelm, der Neffe des Rentmeisters sagt, der mit seinem Spazlerstöckchen zu Hilfe herbeirannte, der Herr aus wie ein Leonidas bei den Thermopylen. Er ist ein leidenschaftlicher Zeitungsleser und Geschichtsfreund und liebt das gedruckte Blutvergießen. Eugen und Marlborough sind Namen, die seine Augen wie Laternen leuchten lassen; dennoch bin ich zweifelhaft, ob im vorkommenden Falle der Herr den Feind tapferlich erschlagen oder sich lieber gefangengeben würde, um keinen Mord auf seine Seele zu laden. Von Räubern und Mordbrennern träumt er gerne, und wenn die Hofhunde nachts ungewöhnlich anschlagen und gegen irgend einen dunkeln Winkel vor- und rückwärts fahren, hat man ihn wohl schon unbegleitet im Schlafrock mit blankem Degen in das verdächtige Verlies dringen sehen mit wahrhaft acharnierter Wut, den Schelm zu packen und einzuspunden, den er dann freilich am anderen Morgen hätte laufen lassen. Den Verstand des Herrn habe ich anfangs zu gering angeschlagen, er hat sein reichliches Anteil an der still nährenden Poesie dieses Landes, der den Mangel an eigentlichem Geiste fast ersetzt, dabei ein klares Judizium und jenes haarfeine Ahnen des Verdächtigen, was aus eigener Reinheit entspringt: sein erstes Urteil ist immer überraschend richtig, sein zweites schon bedeutend vom Mantel der christlichen Liebe verdunkelt, und wer ihm heute als erklärter Filou erscheint, ist morgen vielleicht ein gewandter Mann, den man etwas weniger schlau wünschen möchte. Der Herr liest viel, täglich mehrere Stunden, Und immer Belehrendes, Sprachliches, Geschichtliches, zur Abwechslung Reisebeschreibungen, wo seine naive Phantasie immer den Autor überflügelt und er heimlich auf jedem Blatte ein neues Eldorado oder die Entdeckung des Paradiesgartens erwartet; überhaupt kommt mir diese Familie vor wie die Scholastiker des Mittelalters mit ihrem rastlosen, gründlichen Fleiße und bodenlosen Dämmerungen. – Alles bildet an sich und lernt zu bis in die grauen Haare hinein und alles glaubt an Hexen, Gespenster und den Ewigen Juden.

Ich habe schon gesagt, wie stark die Musik hier getrieben wird – die Anregung geht zumeist von der gnädigen Frau aus, die gern aus den Leuten alles holen möchte, was irgend darin steckt, das Talent aber vom Herrn, und es ist nichts lieblicher, als ihn abends in der Dämmerung auf dem Klavier phantasieren zu hören: ein wahres adeliges Idyll; denn eine gewisse Grandezza fährt immer in diese unschuldige reizende Musik hinein und Stöße ritterlicher Courage im Marschtempo. Es wird mir nie zu lang, zuzuhören, und allerlei Bilder steigen in mir auf aus Thomsons »Jahreszeiten«, aus den Kreuzzügen. Sonst hat der Herr noch viele Liebhabereien, alle von der kindlichsten Originalität; zuerst eine lebende Ornithologie (denn der Herr greift alles wissenschaftlich an). Neben seiner Studierstube ist ein Zimmer mit fußhohem Sand und grünen Tannenbäumchen, die von Zeit zu Zeit erneuert werden. Die immer offenen Fenster sind mit Draht verwahrt, und darin piept und schwirrt das ganze Sängervolk des Landes, von jeder Art ein Exemplar, von der Nachtigall bis zur Meise; es ist dem Herrn eine Sache von Wichtigkeit, die Reihe vollständig zu erhalten; der Tod eines Hänflings ist ihm wie der Verlust eines Blattes aus einem naturhistorischen Werke. Er treibt ein wahres Spionieren nach jedem seltenen Durchzügler: früh um fünf Uhr sehe ich ihn schon über die Brücken schreiten nach seinen Weidenklippen und Leimstangen, und wieder in der brennenden Mittagshitze, sieben- bis achtmal in einem Tage; möchte ich ihm zuweilen die Mühe abnehmen und verspreche, die Klippe wohlgeschlossen zu lassen oder den Vogel mitsamt der Leimstange in mein Schnupftuch gewickelt fein sauber herzutragen, so gibt er mir wohl nach, um mir keine Schmach anzutun, aber er trabt nebenher, und es ist, als ob er meinte, meine profane Gegenwart allein könne schon den erwischten Vogel echappieren machen. Dann ist der Herr ein gründlicher Botanikus und hat schon manche schöne Tulpe und Schwertlilie in seinem Garten; das ist ihm aber nicht genug, seine reiche, innere Poesie verlangt nach dem Wunderbaren, Unerhörten – er möchte gern eine Art unschuldigen Hexenmeisters spielen und ist auf die seltsamsten Einfälle geraten, die sich mitunter glücklich genug bewähren und für die Wissenschaft nicht ohne Wert sein möchten: so trägt er mit einem seinen Samtbürstchen den Blumenstaub sauber von der blauen Lilie zur gelben, von der braunen zur rötlichen, und die hieraus entspringenden Spielarten sind sein höchster Stolz, die er mit einem wahren Prometheus- Ansehen zeigt; die wilden Blumen, seine geliebten Landsleute, deren Verkanntsein er bejammert, pflegt er nach allen Verschiedenheiten in netten Beetchen wie Reihen Grenadiere. Manchen Schweißtropfen hat der gute Herr vergossen, wenn er mit seinem kleinen Spaten halbe Tage lang nach einer seltenen Orchis suchte, und manches in seiner Domäne ist ihm dabei sichtbar geworden, was er sonst nie weder gesucht noch gefunden hätte; darum lieben die Bauern auch nichts weniger als des Herrn botanische Exkursionen, bei denen er immer heimlich auf Unerhörtes hofft, zum Beispiel ein scharlachrotes Vergißmeinnicht oder blaues Maßliebchen, obwohl er als ein verständiger Mann dies nicht eigentlich glaubt, aber, man kann nicht wissen – die Natur ist wunderbar. Nichts zeigt die reiche, kindlich frische Phantasie des Herrn deutlicher als sein schon oft genanntes Liber mirabilis, eine mühsam zusammengetragene Sammlung alter, prophetischer Träume und Gesichte, von denen dieses Land wie mit einem Flor überzogen ist: fast der zehnte Mann ist hier ein Prophet – ein Vorkieker (Vorschauer), wie man es nennt – und wie ich fürchte, einer oder der andere dem Herrn zulieb! – Seltsam ists, daß diese Menschen alle eine körperliche Ähnlichkeit haben: ein lichtblaues geisterhaftes Auge, was fast ängstlich zu ertragen ist; ich meine, so müsse Swedenborg ausgesehen haben; sonst sind sie einfach, häufig beschränkt, des Betruges unfähig, in keiner Weise von anderen Bauern unterschieden. Ich habe mit manchem von ihnen geredet, und sie gaben mir verständigen Bescheid über Wirtschaft und Witterung; aber sobald meine Fragen übers Alltägliche hinausgingen, waren sie ihnen unverständlich, und doch verraten manche dieser sogenannten Prophezeiungen und Gesichte eine großartige Einbildungskraft, streifen an die Allegorie und gehen überall weit über das Gewöhnliche, so daß ich gezwungen bin, eine momentane geistige Steigerung anzunehmen wie Mesmer sie jetzt in seiner neuen Theorie aufstellt. Der Vetter nun hat alle diese in der Tat merkwürdigen Träumereien gesammelt und teils aus scholastischem Triebe, teils um sie für alle Zeiten verständlich zu erhalten, in sehr fließendes Latein übersetzt und sauber in einer buchförmigen Kapsel verwahrt, und Liber mirabilis steht breit auf dem Rücken mit goldenen Lettern; dies ist sein Schatz und Orakel, bei dem er anfragt, wenn es in den Welthändeln konfus aussieht, und was nicht damit übereinstimmt, wird vorläufig mit Kopfschütteln abgefertigt. Guter Vetter, du hast mir deinen Schatz anvertraut, obwohl ich weiß, daß du lieber ein Mal auf deinem Gesicht als einen Flecken auf den Blättern erträgst; da liegt er, rot, golden und stattlich, wie ein englischer Stabsoffizier, und ich sitze hier wie ein schlechter Spion und nehme eine geheime Karte von deiner Person – gute Nacht! würde ich sagen, aber du hast immer gute Nächte, denn du bist gesund und reinen Herzens. – Ich muß morgen früh auf – wir haben sieben Meisenkasten abzusuchen.

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