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Bei uns zu Lande auf dem Lande

Annette von Droste-Hülshoff: Bei uns zu Lande auf dem Lande - Kapitel 1
Quellenangabe
typefragment
authorAnnette von Droste-Hülshoff
titleBei uns zu Lande auf dem Lande
publisherScherpe-Verlag Krefeld
year1948
senderwww.gaga.net
correctorhille@abc.de
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Annette von Droste-Hülshoff

Bei uns zu Lande auf dem Lande

Nach der Handschrift eines Edelmannes aus der Lausitz

Einleitung des Herausgebers

Ich bin ein Westfale, und zwar ein Stockwestfale, nämlich ein Münsterländer – Gott sei Dank! füge ich hinzu – und denke gut genug von jedem Fremden, wer er auch sei, um zu glauben, daß er, gleich mir, den Boden, wo seine Lebenden wandeln und seine Toten ruhen, mit keinem andern Boden vertauschen würde, obwohl seit etwa zwei Jahrzehnten, das heißt seit der Dampf daran arbeitet, das Landeskind in einen Weltbürger umzublasen, die Furcht, beschränkt und eingerostet zu erscheinen, es fast zur Sitte gemacht hat, die Schwächen der Alma mater, welche man sonst Vaterland nannte und bald nur als den zufälligen Ort der Geburt bezeichnen wird, mit möglichst schonungsloser Hand aufzudecken und so einen glänzenden Beweis seiner Vielseitigkeit zu geben – es ist bekanntlich, ja unendlich trostloser, für albern, als für schlimm zu gelten! – Möge die zivilisierte Welt also getröstet sein, denn ihre Fortschritte zu der alles nivellierenden Unbefangenheit der wandernden Schauspieler, Scherenschleifer und vagierenden Musikanten sind schnell und unwidersprechlich – dennoch bleiben Erbübel immer schwer auszurotten, und ich glaube bemerkt zu haben, daß, sobald man auf die Redeweisen dieser grandiosen Parteilosen sein kräftig eingeht und etwa hier und dort noch den rechten Drücker aufsetzt, sie gradeso vergnügt lächeln als ein Bauer, der Zahnweh hat. »Gott bessers«, sage ich und überlasse die beliebige Auslegung jedem. Was mich anbelangt, so bin ich, wie gesagt, ein Mensch nullius judicii, nämlich ein Münsterländer, sonst guter Leute Kind, habe studiert, in Bonn, in Heidelberg, auch auf einer Ferienreise vom Rigi geschaut und die Welt nicht nur weitläufig, sondern sogar überaus schön gefunden – ein in der Tat wunderbar köstlicher Moment, und für den armen Studenten, der um jeden zu diesem Zwecke heimgelegten Groschen irgendeine andere Freud hat totschlagen müssen, ein tief, fast wie heilig bewegender Moment – dennoch nichts gegen das erste Knistern des Heidekrauts unter den Rädern, nichts gegen das mutwillige Anbringen der ersten Blütenstaubwolke, die die erste Nußhecke uns in den Wagen wirbelte – nach zwei langen auswärts verlebten Jahren. Ich lehnte mich weit aus dem Schlag, ließ mich gelb einpudern, wie ein Römer aus den Zeiten Augustus, und sog wie berauscht die erstickenden Küsse meiner Heimat ein – dann kamen meine klaren, stillen Weiher mit den gelben Wasserlilien, meine Schwärme von Libellen, die wie glänzende Zäpfchen sich überall anhängen, meine blauen, goldenen Schmetterlinge, welche bei jedem Hufschlag ein flatterndes Menuett veranstalteten. – Wie gern wäre ich ausgestiegen und ein Weilchen nebenher getrabt; aber es kam mir vor, als müßte ich mich schämen vor den Leuten im Schnellwagen, und vor allen machte mir ein bleicher, winddürrer Herr not, der ganz aussah wie ein Genie, was auf Menschenkenntnis reist; denn ich bin ehrlicher Leute Kind und möchte nicht gern als empfindsame Heidschnucke in einem Journale figurieren – deshalb will ich denn auch hier abbrechen und nur erst sagen, daß ich seit zwölf Jahren wieder bei uns zu Lande bin und mein friedliches Brot habe, als Rentmeister meines guten gnädigen Herrn, der keine Schwalbe auf seinen Dächern belästigen mag, wieviel weniger seine Leute überladet, so daß ich meine Arbeit in der Tat ganz wohl zwingen kann und um vieles an gutem, ich meine gesundem Aussehen gewonnen habe, sonderlich in den letzten fünf Jahren, seit ich das obere Turmzimmer bewohne, was das gesündeste im Hause ist und mir noch allerhand kleine Ergötzlichkeiten gestattet, indem ich aus dem Fenster angeln und den Reiher über dem Schloßweiher schießen kann. Die Zeitungen werden mir auch gebracht, nachdem der Herr sie gelesen, und die Bücher aus der Leihbibliothek; so füllt sich mein Überschuß an Zeit ganz behaglich aus, und ich bleibe so nett im Rapport mit der politischen und belletristischen Außenwelt. Sehr wunderlich war mir zumute, als mir vor etwa zehn Jahren zum ersten Male mein gutes Ländchen in van der Veldens Romane unverhofft begegnete; es war mir fast, als sei ich nun ein Lion geworden und könne fortan nicht mehr in meinem ordinären Rocke ausgehen. In den letzten Jahren habe ich mich indessen dagegen verhärtet, seit wir Westfalen in der Literatur wie Ameisen umherirren. – Ich will nichts gegen diese Schriften sagen, da ich wohl weiß, wie es mir ergehen würde, wenn ich zum Beispiel einen Russen oder Kalmücken beschreiben sollte, aber so viel ist gewiß, daß ich in den Figuren, die dort unsere Straßen durchwandeln, höchstens meine Nebenmenschen erkannt habe; mir fiel dabei ein, wie ich in den Gymnasialjahren bei einer stillen honetten Familie wohnte, wo jeden Abend Walter Scotts Romane, einer nach dem andern, andächtig vorgenommen wurden – mein Wirt war Forstmann, sein Bruder Militär und seiner Frauen Bruder, der sich pünktlich um sieben mit der langen Pfeife und einem starken Salbenduft einstellte, Wundarzt. Gott! wie haben wir uns an dem Schottländer ergötzt, aber nur ich ganz rein, weil ich von allem, was er verhandelte, eben kaum oberflächliche Kenntnisse hatte, die andern hingegen fanden alles unübertrefflich, bis auf die greulichen Schnitzer in jedes eigenem Fach, und lagen sich oft in den Haaren, daß sie im Eifer das Licht ausdampften und mir vor Rauch und Angst der Atem ausging; denn mein Held lag derweil hart verwundet am Boden, und mir war, als müsse er sich verbluten, oder er hing über einem schaudernden Abgrund, und mir war, als sähe ich ein Steinchen nach dem andern unter seinen Füßen wegbröckeln; daraus habe ich denn geschlossen, nicht damals, sondern nachträglich, daß man, sowohl aus Billigkeit als um sich nicht unnötig zu verstimmen, zuweilen die Krähe für den Raben muß gelten lassen und es nicht zu genau nehmen mit Leuten, die vielleicht aus Not, als gute Familienväter, sich mit Gegenständen befaßt haben, zu denen durchgängig ihnen nun einmal die Gelegenheit nicht ist gegeben worden; dennoch war es mir, so oft ich las, als rufe alles Totgeschlagene um Hilfe und fordere sein Leben von mir – ich hatte seitdem keine Ruhe, weniger von dem, was besteht, als von dem, was für immer hin ist – alte, nebelhafte Erinnerungen aus meinen frühesten Jahren, die ich gar nicht mehr in meinem Gedächtnis geborgen glaubte, tauchten auf, glitten mir tages über die Rechnungen und kamen nachts in einer lebendigen Verkörperung wieder. Ich war wieder ein Kind und kniete andächtig auf dem grünen Stiftsanger, während die Prozession an mir vorüberzog, die Kirchenfahnen, die Sodalitätsfahne, ich sah genau die seit dreißig Jahren vergessenen Zieraten des Reliquienkastens, und Fräulein, die ich schon so lange als alt und verkümmert kannte, daß es mir war, als könnten sie nie jung und selbständig gewesen sein, traten in ihrer weißen Ordenstracht so stattlich und sittsam hinter dem hochwürdigsten Gute her, wie es christlichen Herrschaften geziemt. Seltsam genug war in diesen Träumen auch alle Scheu und Beschränktheit eines Kindes wieder über mich gekommen; ich fürchtete mich etwas weniges vor den Bärten der Kapuziner, nahm nur zögernd und doch begierig das Heiligenbild, was sie mir mit resoluten Reden aus ihrem Ärmel hervorsuchten, sah verstört hinter mich, wenn meine Tritte in den Kreuzgängen widerhallten, und horchte mit offenem Munde auf die eintönigen Responsorien der Domherren, die aus dem geschlossenen Chore mir wie Wirkung ohne, Ursache hervorzudröhnen schienen. Wachte ich dann auf, so war mir zumute wie einem Geplünderten, verarmt und tief betrübt, daß alles dieses und noch so viel anderes Landesgetreue, was so reich und wahrhaftig gelebt, fortan kein anderes Dasein haben sollte als in dem Gedächtnisse weniger Alternder, die auch nach und nach abfallen,wie das Laub vom Baume, bis der kalte Zugwind der Ereignisse auch kein Blatt mehr zu verwehen findet. Träumen macht närrisch, pflegt man zu sagen; mich hat es närrisch genug gemacht. Soll ich es gestehen? Warum nicht? Irren ist keine Schande, und non omnia possumus omnes. An einem schönenTage, als gerade ein blöder, mutwilliger Sonnenschein mir gute Courage machte, schnitt ich entschlossen ein Dutzend Federn, nahm mich gleichsam selber bei den Ohren und dachte: Besser ein halbes Ei als eine leere Schale. Schreib auf, was du weißt, wäre es auch nur für die Kinder des Herrn, für Karl und Klärchen! Angefangen habe ich denn auch; aber wenn ich sagte, es sei gut geworden, so hätte ich mich selber zum Narren. Solange ich schrieb, kam es mir schon leidlich vor, und ich hatte mitunter Freude an eignen netten Einfällen und, wie mich dünkte, ganz poetischen Gedanken. Aber wenn ich es mir nun vor anderer Augen oder gar gedruckt dachte, dann schoß es mir mit einem Male zum Herzen, als sei ich doch ganz und gar kein Genie, und obwohl gleichsam mit der Feder hinterm Ohre geboren, doch wohl nur, um Register zu führen und Rechnungen auszuschreiben. In meinem Leben habe ich mich nicht so geschämt, als wenn ich dann, wie dies ein paarmal geschah, die Tischglocke überhörte und der Bediente mich überraschte, der gottlob! kein Geschriebenes lesen kann. Aller Augen sahen auf mich, ich schluckte meine Suppe nachträglich hinunter wie ein Reiher, und es war mir, als wenn alle mit den Fingern auf mich wiesen, die doch nichts von meiner Heimlichkeit wußten, sonderlich die beiden Kinder. Bei Gott! es muß ein angstvolles Metier sein, das Schriftstellern, und ich gönne es keinem Hunde. Darum bin ich auch so herzlich froh, daß ich dieses Manuskript gefunden, was alles und weit mehr enthält, als ich zu sagen gewußt hätte, dabei in einem so netten Stile, wie es mir schwerlich würde gelungen sein. Das Heft lag im Archive unter dem Lagerbuch, und ich habe dieses wohl hundertmal davon hinein- und hinausgeschoben, ohne es zu beachten; aber an jenem Tage (morgen werden es drei Wochen hin sein) rutschte es einem Bündel Papier nach auf den Boden, und eine glückliche Neugierde trieb mich an, hineinzusehen. Der Verfasser ist ein Edelmann aus der Lausitz, Lehnsvetter einer angesehenen, seit, zwanzig Jahren erloschenen Familie, deren Güter meinem Herrn zugekommen sind, das Hauptgut als Allodium durch Erbschaft, da des Herrn Mutter eine Tochter jenes Hauses war, die geringeren Besitzungen durch Kauf vom Bruder dieses Lausitzers im Zeitpunkt der Aufhebung der Lehnsrechte durch Napoleon. Wie das Manuskript hierhergekommen, weiß ich nicht, und der Herr, dem ich es vorgelegt, weiß ebenfalls nichts darüber. Vielleicht hat es mein Vorgänger im Amte, der aufgeweckten und wißbegierigen Geistes gewesen sein soll, von einer seiner Inspektionsreisen mitgebracht. Es lagen noch zwei vergilbte Briefe darin, woraus erhellt, daß jener Edelmann unerwartet abreisen mußte, weil sein Bruder am Nervenfieber schwer erkrankt war, daß er, in der Heimat angekommen, über der Pflege desselben gleichfalls erkrankte und starb, während der andere aufkam. So mag er wohl sein Manuskript in der Angst und Eile vergessen haben. Er scheint ein munterer und wohlmeinender Mann gewesen zu sein, billig genug für einen Ausländer, und mit der so seltenen Gabe, eine fremde Nationalität rein aufzufassen. Freilich nur halb fremd, denn das westfälische Blut dringt noch ins hundertste Glied, und ich würde bedauern, daß er so früh sterben mußte, wenn ich nicht bedächte, daß er jetzt doch schwerlich noch am Leben sein könnte; sechsundfünfzig Jahre sind eine lange Zeit, wenn man schon vorher in den Dreißigern war. Die angesehene und fromme Familie, bei der er einen Sommer zugebracht, hat auch früh, man möchte sagen unzeitig, erlöschen müssen – zuerst der alte Herr, der sich beim Botanisieren erkältete und, so glatt und wohlerhalten für seine Jahre er aussah, sich doch als sehr schwach erwies; denn er schwand hin an der leichten Erkältung wie ein Hauch – dann der junge Herr Everwin, den man bis zu seiner Majorennität auf Reisen schickte und der in Wien ein trauriges, vorzeitiges Ende fand im Duell, nur einer eingebildeten Beleidigung willen, die das freundliche Gemüt des jungen Mannes nicht beabsichtigte – Fräulein Sophie starb ihnen bald nach, sie war nie recht gesund gewesen und diese beiden Stöße zu hart für sie – meines Herrn Mutter mußte die Geburt ihres Kindes mit dem Leben bezahlen – aber wer sie alle überlebte, war die Frau Großmutter, die nach dem Verluste der Ihrigen hierher zog und sich mit großer Elastizität an dem Gedeihen ihres Enkels wieder aufrichtete – ich habe sie noch gekannt als eine steinalte Frau, aber lebendig, heftig und aller ihrer Geisteskräfte mächtig bis zum letzten Atemzuge; man hätte fast denken sollen, sie werde nimmer sterben, und doch war es am Ende ein leichtes Magenübel, was sie hinnahm – ihr Andenken ist in Ehren und Segen und der gnädige Herr noch immer still und nachdenklich an ihrem Todestage. Als ich ihm das Manuskript gab, war er sehr bewegt, und ich glaubte nicht, daß er dessen Veröffentlichung zugeben werde. Nachdem es aber vierzehn Tage lang auf seinem Nachttische gelegen und er in dieser Zeit kein Wort zu mir darüber geredet hatte, gab er es mir am verwichenen Sonnabend, den 29. Mai, zurück, mit dem Zusatze: von einem Westfalen geschrieben, würde es weniger bedeutend sein, aus dem Munde eines Fremden aber sei es ein klares und starkes Zeugnis, was sein Gewissen ihm nicht erlaube aus Familienrücksichten zu unterdrücken. So mag es denn sein! Und ich gebe es dem Publikum zum Gefallen oder Mißfallen; es ist kein Roman, es ist unser Land, unser Volk, unser Glaube, und was diese trifft an Lob oder Tadel, was die Lebenden tragen müssen, das möge auch über diese toten Blätter kommen!

Erstes Kapitel

Der Edelmann aus der Lausitz und das Land seiner Vorfahren

Soeben hat die Schloßglocke halb zehn geschlagen – es ist eigentlich noch gar nicht Nacht – ein schmaler Luftstreifen steht im Westen, und zuweilen fährt noch ein Vogel im Gebüsche drüben aus seinem Halbschlafe auf und träumt halbe Kadenzen seines Gesanges nach – dennoch ists hier fast schon Nacht – soeben hat man mir eine schöne neue Talgkerze gebracht – Holz in den Kamin gelegt, um einen Ochsen zu braten, und nun soll ich ohne Gnade in die Daunen. – Unmöglich, ich emanzipiere mich, heimlich, aber desto sicherer, und niemand sieht es mir morgens an, daß ich allnächtlich den stillen Wohltäter des Hauses mache und auf Wasser und Feuer zwar nicht achte, aber doch achten würde, wenn dergleichen Dinge hierzulande nicht unschädlich wären, wie ich wohl schließen muß, wenn ich jeden Abend Knecht und Magd mit flackernden Lampen in Heuboden und Ställen umherkriechen sehe. Diese alten Mauern, die doch wenigstens ihre drei Jahrhunderte auf dem Rücken zu tragen scheinen! seltsames schlummerndes Land! so sachte Elemente! so leise seufzender Strichwind, so träumende Gewässer, so kleine friedliche Donnerwetterchen ohne Widerhall! und so stille, blonde Leutchen, die niemals fluchen, selten singen oder pfeifen, aber denen der Mund immer zu einem behaglichen Lächeln steht, wenn sie unter der Arbeit nach jeder fünften Minute die Wolken studieren und aus ihrem kurzen Stummelchen gen Himmel schmoken, mit dem sie sich im besten Einverständnisse fühlen! Vor einer Viertelstunde hörte ich die Zugbrücke aufknarren, ein Zeichen, daß alles ab und tot ist und das Haus fortan unter dem Schutze Gottes und des breiten Schloßteiches steht, der, nebenbei gesagt, an einigen Stellen nur knietiefe Furten hat; das macht aber nichts, es ist doch blankes Wasser, was darüber steht, und man könnte nicht durchwaten, ohne bedeutend naß zu werden: Schutz genug gegen Diebe und Gespenster! – Die Nacht wird sehr sternenhell werden, ich sehe zahllose milchichte Punkte allmählich hervordämmern, – drei Hühnerhunde und zwei Dachse lagern auf dem Estrich unter meinem Fenster und schnappen nach den Mücken, die die dekretierte Nacht noch nicht wollen gelten lassen. Aus den Ställen dröhnt zuweilen das leise Murren einer schlaftrunkenen Kuh oder der Hufschlag eines Pferdes, das mit Fliegen kämpft – im Zimmer meines guten Vetters von Noahs Arche her brennt das einzige Nachtlicht; was soll ein ehrlicher Lausitzer machen, der um elf seine letzte Pikettpartie anzufangen gewohnt ist? Um mich liegen zwar die Schätze der Bibliothek: Hochbergs >Adeliges Landleben<, Kerssenbrocks >Geschichte der Wiedertäufer<, Werner Rolevinks >De moribus Westphalorum< und meines Wirtes nicht genug zu preisendes Liber mirabilis – aber mir geht es wie den Israeliten, die sich bei dem blanken Manna nach den Fleischtöpfen Ägyptens sehnten; o Dresdener Staatszeitung, o Frankfurter Postreiter, die ihr mich so manches Mal in den Schlaf gewiegt habt, wann werden meine Augen euch wiedersehen? Können die Heringe und Schellfische des Münsterschen Intelligenzblattes meine politischen Stockfische ersetzen? Aber warum schreibe ich nicht, oder vielmehr, warum habe ich nicht geschrieben diese zwei Monate lang? Bin ich nicht im Lande meiner Vorfahren? Das Land, das mein Ahn, Hans Everwin, so betrübten Herzens verließ und in sauberem Mönchslatein besang, wie eine Nachtigall in der Perücke? O Angulus ridens! o prata fontesque susurro etc.etc.

Ich weiß es, wie mich einst freuen wird, diese Blätter zu lesen, wenn dieses fremdartige Intermezzo meines Lebens weit hinter mir liegt; vielleicht mehr, als ich jetzt noch glaube, denn es ist mir zuweilen, als wolle das zwanzigfach verdünnte westfälische Blut sich noch geltend m mir machen. Gottbewahre! ich bin ein echter Lausitzer – vive la Lusace! und nun – das hat Mühe gekostet, bis ich an diesen Kamin gelangt bin –,schlechte, schlechte Wege habe ich durchackert und Gefahren ausgestanden zu Wasser und Lande. Dreimal hab ich den Wagen gebrochen und einmal dabei auf dem Kopfe gestanden, was weder angenehm noch malerisch war. Mit einem Spitzspann (so nennt man hier ein Dreigespann) von langhaarigen Bauernpferden habe ich mich durch den Sand gewühlt und mit einem Mal den vorderen Renner in einer sogenannten Welle versinken sehen, einer tückischen wandernden Rasse von Quellen, die ich sonst nirgends angetroffen und die hier so mancher Fahrwege Annex ist, sich das ganze Jahr stillehält, um im Frühlinge irgendeine gute münsterische Seele zu packen, zur Strafe der Sünde, die sie nicht begangen hat. Ich bin aus dem Wagen gesprungen wie ein Pfeil; denn – bei Gott- mir war so konfus, daß ich an die Nordsee und Unterspülen dachte – von meinem Pferdchen war nur noch ein Stück Nase und die Ohren sichtbar, mit denen es erbärmlich zwinkerte. Zum Glück waren Bauern in der Nähe, die Heidrasen stachen und geschickt genug Hand anlegten: »He, Hans! up! up!« Ja, Hans konnte nicht auf und spartelte sich immer tiefer hinein; endlich ward er doch herausgehebelt und zog niedergeschlagen und kläglich triefend weiter voran, wie der bei der Serenade übel begossene Philister. Ich fand vorläufig den Boden unter meinen Füßen sicherer und stapfte nebenher durch das feuchte Heidekraut, immer an unseren Ahn denkend und sein horazisches: O Angulus ridens ... und was denn hier wohl lachen möge? der Sand? oder das kotige Pferd? oder mein Fuhrmann in seinem bespritzten Kittel, der das Ave Maria pfiff, daß die Heidschnucken davon melancholisch werden sollten? oder vollends ich, der wie ein Storch von einem Maulwurfshügel zum anderen stelzte? – Doch – ich war es, der am Ende lachend in den Wagen stieg, dreimal selig, schon vor Jahrhunderten im kleinsten Keime diesem glückseligen Arabien entflohen zu sein; was sich mir in diesem Augenblicke von dem klassischen durch nichts zu unterscheiden schien als nur durch den Mangel an Straußen und Überfluß an Pfützen. O Gott! dachte ich, wie mag die Halle deiner Väter beschaffen sein, du guter Everwin! Eine halbe Tagereise weiter, und die Gegend klärte sich allmählich auf; die Heiden wurden kleiner, blumicht und beinahe frisch und fingen an, sich mit ihren auffallend bunten Viehherden und unter Baumgruppen zerstreuten Wohnungen fast idyllisch auszunehmen; rechts und links Gehölz und, soweit ich es unterscheiden konnte, frischer kräftiger Baumschlag; aber überall traten dem Blicke mannshohe Erdwälle entgegen, die, von Gebüsch und Stauden überschattet, jeden Fahrweg unerläßlich einengten – wozu? wahrscheinlich, um den Kot desto länger zu konservieren; ich befragte meinen Fuhrmann, einen gereisten Mann, der sogar einmal Düsseldorf gesehen hatte und mich mindestens immer um mein drittes Wort verstand. »O Herr«, sagte er, »wenn wir keine Wallhecken hätten, was würden wir dann für schelmhaftige Wege habend Vivat Westphalia, dachte ich! – Wir ackerten voran – aus allen Häusern belferten uns Kläffer an, die ich allemal, die langhaarigen ,Rüden', die glatten ohne Ausnahme ,Teckel' locken hörte; vor den Eingängen einzelner größerer Höfe zerwüteten sich greuliche Zerberusse an ihrer Kette, und es schien mir unmöglich, unzerrissen hinein- oder herauszukommen. – Was man nicht alles bemerkt auf einer Tagfahrt zwischen Wallhecken, den Himmel über, die Pfütze unter sich! Der Wagen hielt einen Augenblick an, vier kleine Buben, sämtlich in Troddelmützen und drei Kamisöler übereinander, rot wie Äpfelchen, stolperten eilig herzu und langten mit der Hand nach dem Schlage; ich suchte nach ein paar Stübern und Matieren, die man mir auf der letzten Station zugewechselt, und rief, indem ich sie aus dem Wagen warf: »Habt acht, ihr Buben!« Da aber nahmen sie Reißaus, und wie verscheuchte Hasen krabbelten sie den Erdwall hinan. »Gottes Wunder, was mochte das für ein Krabat oder Slowak sein, der kein Deutsch konnte und sein Geld in den Dreck warf?« Ich sah sie noch lange aus ihrem Hafen meinem Wagen nachstarren wie, sanz comparaison, einem abziehenden Kamele. Einem war beim Ansatz zur Flucht sein Holzschuh abhanden gekommen, und ich hörte ihn unter dem Rade ein unzeitiges Ende nehmen; mein Trost . waren die herrenlosen Stüber und Matiere, mit denen sich das dicke Henrichjännchen oder Jannberndchen (so heißt hier nämlich immer der dritte Mann) bezahlt machen konnte, wenn dieses nicht außer seinem Gedankenkreise lag. Jetzt weiß ich, daß die armen Dinger mir nur eine Kußhand geben, und schon damals begriff ich, daß sie mindestens nicht betteln wollten, überhaupt sah ich keine Straßenbettler am Wege, und das Land meiner Vorfahren fing an, mir mindestens ganz nährend und behaglich vorzukommen, obwohl meine Augen noch immer vergeblich nach dem ,Fette der Erde' ausschauten, bei dem die Leute so vollständig runde Köpfe und stämmige Schultern ansetzen konnten, bis ich durch die Lücken der Wallhecken über die schweren Schlagbäume weg in das Geheimnis der Kämpe und Wiesengründe drang, wo ich die eigentliche Elite der Ställe erblickte: schönes, schweres Vieh, ostfriesischer Rasse, das übersatt und schnaubend in dem wie von einem Goldregen überzitterten Graswalde lag. – O ihr pfiffigen Münsterländer! die ihr eure dicken Taler auf vier Beinen hinter Erdhaufen und Dornen versteckt, damit kein reisender Diplomat in der Seele seines gnädigsten Herrn etwa Appetit dazu bekomme. – Ich bin zu sehr Landwirt, als daß dieser Anblick mich unbewegt gelassen hätte; ich dachte an mein liebes Dobbritz und meine krauslockigen Lämmerchen und fühlte das Blut meines Ahns den Urenkeln seiner Ställe entgegenrollen – seltsam! ich kann dies niederschreiben, als dächte ich noch heute so, und doch ist mir so gar anders zumute.

Nun weiter – zum Ziele! Wenn die Lehmchausseen meiner so müde sind als ich ihrer, so werden sie sich freuen, daß wir auseinander kommen, und ich fühle mich noch innerlich zerschlagen von der Erinnerung und schmachte dem Ziele entgegen; doch zuvor noch ein Reiseabenteuer, kein kleines für meinen Fuhrmann – und was mir den ersten dämmernden Begriff von dem Charakter dieses Volkes gab. Wir hatten einen derben Schock überstanden – unsere Pferde verschnauften in der Heide und dampften aus Nüstern und Flanken – mein Bauer schlug Feuer an einer Art Lunte in messingner Scheide, die er seinen ›perfekt guten Tüntelpott‹ nannte; in der Ferne bewegte sich etwas Grellrotes zwischen den Kühen und kam näher – es war ein Mensch in Scharlachlinnen, von sehr dunkler Gesichtsfarbe – ich sagte nichts und beobachtete meinen Bauer; der nahm langsam die Pfeife aus dem Munde, zog langsam einen Rosenkranz aus seiner Tasche, griff nach seinem Hute, zweimal, ohne ihn zu lüften, und sah noch nicht auf, als das Unding ihm fast parallel war – es stand – es redete ihn an in fremdartigem Dialekt: »Wo führt der Weg nach Lasbeck?« Mein Bauer winkte mit der Hand einen breidünnen Fahrweg entlang; der Schwarze schüttelte den Kopf und sah auf seine Stiefeln, die schon Schlimmeres überstanden hatten. – »Kann ich denn nicht dort hinunter?« sagte er, auf einen Fußweg deutend, der dieselbe Richtung direkter nahm. – »Das möchte nicht gut sein«, sagte der Fuhrmann bedächtig.- »Warum nicht?« mein Schwarzer, kurz angebunden, cholerischen Temperaments. – Nie werde ich den Ausdruck von, ich möchte sagen, ruhigem Schauder und tiefem Mitleid vergessen, mit dem mein Bauer erwiderte: »O Herr! das soll der Herr wohl nicht wagen, da steht ein Kruzifix« Der Mohr stieß ein paar Sacredieus und Coquins hervor, und fort trabte er mit seinem Briefbündel unterm Arm. Ist das nun lächerlich oder« rührend? Es kommt darauf an, wie man es auffaßt – ich gestehe, daß ich meinem Weißkittel gern irgendeine Güte angetan hätte in diesem Augenblick, und seine religiöse Scheu ohne Furcht und Haß,seine tiefe, überschwengliche Gutmütigkeit, die selbst den Teufel nicht ins Labyrinth führen möchte, lag so rührend vor mir, daß ich seinem breiten Rücken, wie er langsam den Rosenkranz abzählend neben den Pferden herschritt, die ersten Liebesblicke in diesem Lande zugewendet habe. Möge Gott dich behüten, du gutes patriarchalisches Ländchen, Land meiner Vorfahren, wie ich dich gerne nenne, wenn man mir mein Anteil Lausitzer Blut ungekränkt läßt, mit der Ironie ists ab und tot. Ich fahre durch die lange, weite Eichenhalle, wo die Stämme, schlank wie aufgerichtete Anakonden, ihre noch schwachbelaubten Wipfel über mich breiten; ich sehe zwischen den Lücken der Bäume einen weiten Wasserspiegel, graue Türme vortreten; bei Gott! es war mir doch seltsam zumute, als ich über die Zugbrücke rollte und über dem Tore den steinernen Kreuzritter mit seinem Hunde sah, dessen der alte Everwin so wohlredend gedenkt: ,Eques vexillum crucis sublevans, cum molosso ad aquam hiante' – alter Hans Heinrich! schwenkst du deine Fahne auch schützend über deinen verarteten Zweig, dem dein Glaube und dein Land fremd geworden sind? Im Schlosse war ich so halbwege erwartet, das heißt so in Bausch und Bogen, wo es auf eine Handvoll Wochen nicht ankommt; ein schlau aussehender, schwärzlicher Bursche in himmelblau und gelber Livree, streng nach dem Wappenbuch, öffnete den Schlag und erkannte mich sofort für den fremden Vetter, als ich vom ›Schlosse‹ redete und nach dem ,Baron' fragte. »Der Herr sind auf dem Vogelfang, aber die gnädige Frau sind zu Hause!« Zugleich hörte ich drinnen: »Ihro Gnaden, he is do, he is do, de Herr ut de Lauswick!« und sah beim Eintritt noch zwei dicke, passablement himmelblaue Beine.

Das war also der Eintritt in die Halle meiner Väter; ja, hört, wie es erging, ihr Wände! meine ich, und du, jammernder Scheit im Kamin! – denn auf die drei Spione und zwei Dachse kann ich nicht rechnen, da das Fenster geschlossen ist: die gnädige Frau empfing mich stattlich, aber verlegen, das Bäschen stumm verlegen, der junge Vetter neugierig verlegen, der eigentliche Herr, der fast mit mir zugleich eintrat und bei unserer ersten Bewillkommnung einen piependen und flatternden Vogel in der Hand hielt, war auch verlegen, aber auf eine überaus teilnehmende Weise. Verlegen waren alle, und so blieb mir nichts übrig, als es am Ende mit zu werden; man sah, wie in allen eine unterdrückte Herzlichkeit kämpfte, mit einem Etwas, das ich nicht ergründen konnte, bis ich mich verstohlen vom Kopfe bis zu den Füßen musterte. – War ich denn nicht ein Galant-homme? eine Blume des Adels, um die zwei Damen am Dresdener Hofe seufzten? Meine Augen hatten den rechten Weg eingeschlagen – der galonierte Rock – die Ringe an den Fingern, so tragen sich hierzulande die Windbeutel, und womit ich, unter uns gesagt, diesen Leuten an der Welt Ende zu imponieren glaubte und auf der letzten Station wenigstens eine gute Stünde verwendet hatte, das gab mir hier das Ansehen eines, der nächstens zum Bankerott umkippen will und Kredit auf seine Tressen sucht. Hier ist alles so feststehend, man weiß so genau, was jeder gilt, daß dergleichen Nachhilfe und Augenverblendung immer nur wie Notschüsse herauskommen, und ich bin jetzt überzeugt, daß mein guter Vetter unter seinen Grüßen und Verbeugungen alle seine Gefälle und Zehnten überzählte, und wieviel davon wohl zur Aushilfe eines verlorenen Sohnes im zwanzigsten Gliede möchte ritterlich, christlich und doch ohne Unverstand zu verwenden sein. Jetzt weiß ich dieses, und es demütigt mich nicht; hätte ich es damals gewußt, so würde es mich allerdings in einen kläglichen, inneren Zustand von Scham und Zorn versetzt haben. Dennoch ging der erste Tag mühsam hin, obwohl der Vetter mich in alle seine Freuden und Schätze einweihte: seine nie gesehenen Blumenarten eigener Fabrik, seine Rüstkammer, seine landwirtschaftlichen Reichtümer, sogar den Augapfel seines Geistes, sein unschätzbares Liber mirabilis – ich dachte zu meiner Unterhaltung – jetzt weiß ich aber, daß es ein schlauer Streich vom alten Herrn war, der mir so heimlich auf den Zahn fühlte, wie es mit adeligen Künsten bei mir beschaffen sei – nämlich mit Latein, Ökonomie und Ritterschaftsverhältnissen. Mir gings wie dem Nachtwandler, und ich trat je blinder, um desto sicherer auf. Acht Tage kann ich auf mein Noviziat rechnen, wo täglich eine neue Schleuse des Wohlwollens sich zögernd öffnete, das eigentümliche milde Lächeln des Herrn täglich milder, die scharfen Augen seiner Frau täglich strahlender und offener wurden, und als mich am achten Tage der junge Herr Everwin auf seine Stube geführt und Fräulein Sophie abends aus freien Stücken ein schönes, etwas altmodisches Lied zum Klavier gesungen hatte, da war ich absolviert und fortan ein Kind und Bruder des Hauses. Ich fühlte dieses, als ich am nächsten Morgen von Abreise sprach, um meinem Bleiben einen festen Boden zu geben, der auch sogleich unter mir aufstieg. »Mich dünkt«, sagte der alte Herr (der ›Herr‹ sagt man hier kurzweg, ›Baron‹ ist ausländisch und windbeutelig) mit einem triumphierenden Lächeln, »mich dünkt, Sie bleiben hier in Nummer Sicher, bis Sie Ihr Recht in der Tasche haben. Der Hund des alten Hans Heinrich hat uns so manchen Prozeß weggebellt, der wird Ihnen auch keinen durchs Tor lassen.« Ich dachte an meine Gedanken, als ich unter dem Steinbilde einfuhr, und der alte Herr mußte mir etwas dergleichen ansehen, denn er schüttelte meine Hand und sagte: »Lieber Herr Vetter!« So bin ich denn nun seit zwei Monaten hier, Boten gehen und kommen, und meine Geschäfte ziehen sich in die Länge; ich helfe dem Herrn botanisieren, Vögel fangen und sein Liber mirabilis auslegen, wobei ich schlecht genug bestehe und manche Eselsbrücke schlage, die der Vetter gütig unbemerkt läßt; besser komme ich fort in den gelegentlichen Gesprächen über ernste Gegenstände und klassische Wissenschaften, in denen der alte Herr vortrefflich beschlagen ist und ich aber auch kein Hund bin – was mich aber zumeist ergötzt, ist die lebendige, frische Teilnahme, die kräftige Phantaste, mit der alles meinen Erzählungen von Städten, Ländern und vor allem von den Wundern des grünen Gewölbes horcht. Diese stillen Leute sitzen unbewußt auf dem Pegasus, ich will sagen, sie leben in einer inneren Poesie, die ihnen im Traume mehr von dem gibt, was ihre leiblichen Augen nie sehen werden, als wir anderen übersättigten Menschen mit unseren Händen davon ergreifen können. Ich bin gern hier, es wäre Fadheit, es zu leugnen, und Undank zugleich; auch langweile ich mich keineswegs, man treibt hier allerlei Gutes, etwas altfränkisch und beengt, aber gründlich. Auch gibt es hier von den seltsamsten Originalen, und zwar rein naturwüchsigen, sich völlig unbewußten; wenn ich bedenke, was ich noch alles nachzuholen und zu erläutern habe, ehe ich wieder bis zu diesem Abende, diesem Kamin und diesen Mücken gelange, die mich unbarmherzig molestieren, so scheinen mir alle Gänseflügel auf dem Hofe in Gefahr – aber jetzt ists spät, – meine Kerze hat sich mehr schön als dauerhaft erwiesen; sie ist mehr verlaufen als verbrannt, und auf dem Tische schwimmts von Talge, den ich noch vor Schlafengehen mit eigenen Händen reinigen muß, um nicht morgen von meinem Freunde Dirk als der schmierige Herr aus der Lauswick bezeichnet zu werden. Das Licht im Zimmer des Vetters brennt dämmerig wie ein Traum – die Sterne sind desto klarer, welch schöne Nacht!

Zweites Kapitel

Der Herr und seine Familie

Honneur aux dames! Ich fange an mit der gnädigen Frau, einem fremden Gewächs auf diesem Boden, wo sie sich mit ihrer südlichen Färbung, dunklen Haaren, dunklen Augen ausnimmt wie eine Burgundertraube, die in einen Pfirsichkorb geraten ist; sie stammt aus einer der wenigen rheinländischen Familien, die man hier für ebenbürtig gelten läßt, und der Vetter, der vor zwanzig Jahren nach Düsseldorf landtagen ging und von einer plötzlichen Lust, die Welt zu sehen, befallen wurde, lernte sie in Köln vor dem Schreine der Heiligen Drei Könige kennnen und fühlte dort zuerst den vorläufig noch äußerst embryonischen Wunsch, sie zur Königin seines Hauses zu machen. Das ist sie denn auch im vollen Sinne des Wortes: eine kluge, rasche, tüchtige Hausregentin, die dem Kühnsten wohl zu imponieren versteht und was ihr zur Ehre gereicht, eine so warme, bis zur Begeisterung anerkennende Freundin des Mannes, der eigentlich keinen Willen hat als den ihrigen, daß alle Frauen, die Hosen tragen, sich wohl daran spiegeln möchten. – Es ist höchst angenehm, dieses Verhältnis zu beobachten; ohne Frage steht diese Frau geistig höher als ihr Mann, aber selten ist das Gemüt so vom Verstande hochgeachtet worden; sie verbirgt ihre Obergewalt nicht, wie schlaue Frauen wohl tun, sondern sie ehrt den Herrn wirklich aus Herzensgrunde, weiß jede klarere Seite seines Verstandes, jede festere seines Charakters mit dem Scharfsinn der Liebe aufzufassen und hält die Zügel nur, weil der Herr eben zu gut sei um mit der schlimmen Welt auszukommen.

Nie habe ich bemerkt, daß ein Mangel an Welterfahrung seinerseits sie verlegen gemacht hätte, dagegen strahlen ihre schwarzen Augen wie Sterne, wenn er seine guten Kenntnisse entwickelt, Latein spricht wie Deutsch, und sich in alten Tröstern bewandert zeigt wie ein Cicerone. – Die gnädige Frau hat Blut wie ihre Reben, sie ist heftig, ich habe sie sogar schon sehr heftig gesehen, wenn sie bösen Willen voraussetzt, aber sie faßt sich schnell und trägt nie nach. Sehr stattlich und vornehm sieht sie aus, muß sehr schön gewesen sein und wäre dies vielleicht noch, wenn ihre bewegten Gefühle sie etwas mehr Embonpoint ansetzen ließen; so sieht sie aus wie ein edles arabisches Pferd; ihr neues Vaterland hat sie liebgewonnen und macht gern dessen Vorzüge geltend, nur mit der Art Überschätzung, die oft gescheiten Leuten von starker Phantasie eigen ist, die von dem ihrer eigenen Natur Fremden zumeist am lebhaftesten ergriffen reden: so schont sie mit einer Art Pietät, was das Ärugo der Verjährung trägt, so hat sie alle alten, mitunter verwunderlichen Gewohnheiten und Rechte des Hauses bestehen lassen und wacht über Ordnung und ein billiges Gleichgewicht; ich werde noch auf die respektablen, Müßiggänger kommen, über die man hier bei jedem Schritt fällt und die ich bei mir zu Hause würde mit dem Ochsenziemer bedienen lassen; hier möchte ich sie selbst nicht gekränkt sehen. Bettler in dem Sinne wie anderwärts gibt es hier keine, aber arme Leute, alte oder schwache Personen, denen wöchentlich und öfter eine Kost so gut wie den Dienstboten gereicht wird; ich sehe sie täglich zu dreien oder mehreren auf der Stufe der steinernen Flurtreppe gelagert, ärmlich, aber ehrbar, und keinen vorübergehen, ohne sie zu grüßen. Die gnädige Frau tut mehr, sie geht herunter und macht die schönste Konversation mit ihnen über Welthändel, Witterung, die ehrbare Verwandtschaft und wovon man sich sonst nachbarlich unterhält; darum gilt sie denn auch für eine brave, ›gemeine‹ Frau, was soviel heißt als populär, und sie ist immer mit gutem Rat zur Hand, wo sie denn auch, wie billig, der Ausführung nachhilft. Sehr habe ich ihre Geduld bewundern müssen mit einem Verrückten, dem Sohne des Müllerhauses, dessen Licht ich eben durch die Mauerluke herüberscheinen sehe. Der arme Mensch ist irre geworden über eine Heiratsgeschichte, obwohl nicht eben aus Liebe.

Er war einziger Sohn, sie einzige Tochter und beider Eltern am Leben. So zog sich die Aussicht ins Blaue, da jedes die Seinigen mitbringen mußte und für vier alte Leute in keinem der Häuser Raum war. Dennoch hatten die Eltern sie unterderhand verlobt mit dem ruhigen Zusatz, daß, wenn zwei von ihnen gestorben seien, was bei ihrem Alter wohl nicht lange ausbleiben werde, die Heirat vor sich gehen könne. So lebten alle friedlich ohne Ungeduld voran, bis der Braut Vater, ein Tischler, einen Schaganfall bekam und dadurch schwach im Kopf wurde, dabei [unleserlich] und anfing, sich lebhaft nach einem Gehilfen zu sehnen. Zum Unglück war sein Geselle ein durchtriebener, schlimmer Bursche aus dem Sauerlande, der sich dies alles zu Nutzen machte, bei jeder kleinen Bestellung, die ihm entfiel, so viel von Verfall der Kundschaft, und dem übermäßigen Wohlbefinden des Müllerpaares zu reden wußte, denen er wenigstes Methusalems Alter prophezeite und bald hier, bald dort in [unleserlich] wollte begegnet sein. Dabei ließ er zugleich schlau die Verpflichtung gegen Kind und Gutsherrn auf das geängstigte Gemüt des alten Mannes wirken, bis er diesen ganz konfus über Recht und Unrecht gemacht hatte. Die Folge davon war eine zweite, und dieses Mal rechtskräftige Verlobung mit Stempelpapier und Siegel, zwischen dem betrübten und eingeschüchterten Mädchen und dem Sauerländer. Zwei Tage später, und der alte Mann lag tot am wiederholten Schlaganfall im Bett, und fast zugleich mit ihm starb der Vater des Bräutigams an einer leichten Erkältung, was wahrlich kein zähes Leben bewies. Die erste Trauerzeit hielt jedes sich still zu Hause, dann aber trieb die Müllerin ihren Sohn an, mit der Braut jetzt das Nähere zu bereden. Als er hinkam, stand sie im Garten. Er sah sie schon von weitem die Schürze vors Gesicht schlagen und ins Haus gehen. Darauf kam die Witwe heraus und erzählte ihm mit vielem Klagen und Stottern die ganze Bescherung, worauf er ganz still wurde und nach Hause ging. Seitdem konnte er aber den Schimpf nicht verwinden. Zugleich drängte die Mutter, deren Kräfte nach des Mannes Tode schnell abnahmen, Franz sachte wieder zum Heiraten. Zwei neue Pläne, die übereilt angelegt waren, schlugen fehl. Franz hatte einen tiefen heimlichen Hochmut auf seine ehrenwerte Familie, die seit vielen Generationen, des Herrn Mühle mit Lob versehen hatte, und noch mehr, weil er als älterer Spielkamerad und halber Aufseher der Herrschaft aufgewachsen war und noch jetzt zu den Auserwählten gehörte, die auf Hochzeiten mit den Fräuleins einen Tanz machten. Die Schäm quälte ihn; das Drängen seines Mutter und die Furcht, eine schlimme Wahl zu treffen oder gar mit einem neuen Korbe aufzuziehen, ließen ihm Tag und Nacht keine Ruhe; seine Augen bekamen nach und nach etwas Stieres am Blick, und mit einem Male fing er über dem Behauen der Mühlsteine an, allerlei irres Zeug zu reden: Alle Splitter, die sie abpickten, seien lauter Heiratensteine, die sie gut aufbewahren müßten und von denen er auch wirklich ein Versteck anlegte. Jetzt ist er ganz irre, obwohl voll Höflichkeit und, wenn man ihn auf ganz fremde Gegenstände lenkt, von recht verständigem Urteile; aber dazu kömmt es selten, seine fixen Ideen halten ihn wie mit eisernen Klammern und fahren in jedes beruhigende Gespräch wie Sporenstiche hinein. Jetzt ist seine größte Not eine Prinzessin von England, die man ihm zufreien will, was ihn als guten Katholiken ängstigt; er hält sich ihr ganz ebenbürtig, doch hat er ein halbes Bewußtsein von ihrer hohen Stellung und daß sie ihn, wenn er sich sperrt, könnte wohl einstecken oder auf die Tortur bringen lassen, und er bereitet sich durch Lesen in der Bibel auf sein einstiges Martyrium vor, dem er doch womöglich noch entschlüpfen möchte; darüber hält er denn täglich mit der gnädigen Frau lange Beratungen, die mit himmlischer Geduld ihm schlaue Ausflüchte erfinden hilft und wirklich, wie ich glaube, allein bis dahin ihn vor völliger Raserei gerettet hat. Mich durchrieselt jedesmal em Schauder, wenn ich dieses Angstbild sehe; hier erregt es nur tiefe ruhige Teilnahme. Wenn man die Geduld und Höflichkeit des Herzens sieht, mit denen diese Frau auf die endlosesten Langweiligkeiten eingeht, so kann man nicht umhin, ihre tiefe Güte zu bewundern, die so hoch über bloßem Almosengeben steht, wie Ehre über Bequemlichkeit. Ich begegne häufig im Korridor reinlichen Armen, mit frlschgewaschenem Fürtuch und blanken Zinnschnallen, die so frei und mit honetter Haltung zu ihr aus- und eingehen, wie anständige und geehrte Besucher, und in der Tat gilts auch öfter einer zutraulichen Bitte um Rat als um Hilfe. Unangenehm ists mir aber allemal, wenn ich dem Klemens begegne.

Aber ich bin von meinem Thema abgekommen, also der junge Herr – Everwin heißt er, in getreuer Reihenfolge wie die Heinriche von Reuß – steckt noch ein wenig in der Schale. Neunzehn Jahre ist er alt und lang aufgeschossen wie eine Erle, blond, mit hellblauen Augen, durch die man glaubt bis ins Gehirn sehen zu können. Ich höre ihn oft im Nebenzimmer gefährlich stöhnen und räuspern über den Klassikern und alten Geschichtswerken, an denen er eine Mühe hat, daß ihm mittags zuweilen die Haare davon zu Berge stehen. Ich profitiere auch zur vollen Genüge von seinem Geigenspiel, zuweilen, wenn ich gerade gut gelaunt und recht im dolce far niente bin, nicht ohne Vergnügen: er streicht seinen Viotti so sanft und reinlich ab, und an manchen Stellen mit so kindlich mildem Ausdruck, daß ich oft denke: er ist doch der Papa en herbe, der nur noch nicht zum Durchbruch kommen kann – dieses geringe, leider an Wert verlierende Vergnügen, wird mir aber reichlich versalzen durch die llbungsstunden, wo absichtlich zu Schwieriges vorgenommen wird; von all dem Wasser, was mir diese Doppelpassagen, bei denen immer ein falscher Ton nebenher läuft, schon in die Zähne getrieben haben, könnten wenigstens zwei Mühlen gehen; zuweiten gibt Karo, des Vetters sehr geliebter Spion, noch die dritte Stimme dazu, und dann ist der Moment da, wo ein spleeniger Engländer sich ohne Gnade erhängen würde. Mein Zimmer ist indessen der Ehrenplatz im Hause, und Hoffahrt will notleiden; zudem kann mir nicht entgehen, daß Everwin, wo es ohrengefährlich wird, den Bogen so leise ansetzt wie ein menschlicher Wundarzt die Sonde und sogar zuweilen mir zuliebe seinem Karo einen Fußtritt gibt, der ihm gewiß selber wie ein Pfahl durchs Herz geht; er ist überhaupt« ein bescheidener jüngferlicher Nachbar, der morgens auf den Zehen umherschleicht und sich abends gleichsam ins Bett stiehlt, daß ich kaum die Decken rispeln höre! Sein Freund und Gefährte in allem ist der Neffe des Rentmeisters, Wilhelm Friese, ein wunderlich begabter junger Mann, an den Everwin sich festgesogen hat wie die Auster an der Koralle. Ich sehe sie beide oft morgens um sechs Uhr zum Dohnenstrich ziehen, in knappen Jagdröcken und Lederkäppchen fröhlich und mädchenhaft, wie ein paar Klosternovlzen in den Freistunden. Vor Frauen hat er noch eine wahre Josephs-Scheu und würde einen unchristlichen Haß auf die Unglückliche werfen, mit der man ihn neckte. Zwei münsterische Schillinge gäbe ich drum, ihn dereinst auf Freiersfüßen zu sehen. Ohne Zweifel muß auch da sein Wilhelm vorgehen, und der wird sich ebenfalls alle zehn Nägel abkauen vor Angst, obgleich er gegen Everwin gerechnet immer für einen Schalk gelten kann. Neulich frühe saß ich am Ausgange der neuen Anlagen, die diesen Landsitz umgeben wie Nester mit jungen Vögeln eine graue Warte – Everwin kam über Feld, Wilhelm hinterdrein. Ich hörte, daß sie sprachen, aber Everwin sah nicht zurück. »Ich sage es dir nochmals«, rief Wilhelm, »wenn du dir keinen besseren Rock anschaffst, so bekommst du dein Lebtag keine Frau.« – »Ach, bah!« brummte Everwin und rannte wie ein Kurier und war bereits dicht neben mir, ohne mich zu sehen. »Lauf doch nicht so! Herr! laß uns das Ding überlegen; du kommst ja doch nicht vorbei. Was scheint dir Blau mit Tressen? Das steht gut zu blonden Haaren.« – »Wilhelm!« drohte Everwin und trat bis über dieKnöchel in eine Lache. – »Guten Morgen, Vetter!« sagte ich. – »Sind Sie da? Ich habe ins Wasser getreten!« – »Das sehe ich!« und fort trabten die beiden wie begossene Pudel, Wilhelm am betroffensten, daß ich seine gottlosen Reden gehört.

Fräulein Sophie gleicht ihrem Bruder aufs Haar, ist aber mit ihren achtzehn Jahren bedeutend ausgebildeter und könnte interessant sein, wenn sie den Entschluß dazu faßte. – Ob ich sie hübsch nenne? Sie ist es zwanzigmal im Tage und ebensooft wieder fast das Gegenteil; ihre schlanke, immer etwas gebückte Gestalt gleicht einer überschossenen Pflanze, die im Winde schwankt; ihre nicht regelmäßigen, aber scharf geschnittenen Züge haben allerdings etwas höchst Adeliges Und können sich, wenn sie meinen Erzählungen von blauen Wundern lauscht, bis zum Ausdruck einer Seherin steigern, aber das geht vorüber und dann bleibt nur etwas Gutmütiges und fast peinlich Sittsames zurück; einen eigenen Reiz und gelegentlichen Nichtreiz gibt ihr die Art ihres Teints, der, für gewöhnlich bleich bis zur Entfärbung der Lippen, ganz vergessen macht, daß man ein Mädchen vor sich hat – aber bei der kleinsten Erregung, geistiger sowie körperlicher, fliegt eine leichte Röte über ihr ganzes Gesicht, die unglaublich schnell kömmt, geht und wiederkehrt, wie das Aufzucken eines Nordlichtes über den Winterhimmel; dies ist vorzüglich der Fall, wenn sie singt, was jeden Nachmittag während des Verdauungspfeifchens zur Ergötzung des Papas geschieht. Ich bin kein natürlicher Verehrer der Musik, sondern ein künstlicher – mein Geschmack ist, ich gestehe es, ein im Opernhause mühsam eingelernter, dennoch meine ich, das Fräulein singt schön – über ihre Stimme bin ich sicher, daß sie voll, biegsam und von nicht geringem Umfange ist, da läßt sich ein Maßstab anlegen, – aber dieses seltsame Modulieren, diese kleinen, nach der Schule verbotenen Vorschläge, dieser tief traurige Ton, der, eher heiser als klar, eher matt als kräftig, schwerlich Gnade auswärts fände, können vielleicht nur für einen geborenen Laien wie mich den Eindruck von gewaltsam Bewegendem machen; die Stimme ist schwach, aber schwach wie fernes Gewitter, dessen verhaltene Kraft man fühlt – tief, zitternd wie eine sterbende Löwin: es liegt etwas Außernatürliches in diesem Ton, sonderlich im Verhältnis zu dem zarten Körper. Ich bin kein Arzt, aber wäre ich der Vater, ich ließe das Fräulein nicht singen; unter jeder Pause stößt ein leiser Husten sie an, und ihre Farbe wechselt, bis sie sich in roten, kleinen Fleckchen festsetzt, die bis in die Halskrause laufen – mir wird todangst dabei, und ich suche dem Gesange oft vorzubeugen, indem ich vorgebe, ein Lied von Fräulein Anna hören zu wollen, in die man mich heshalb etwas verliebt glaubt. Fräulein Anna darf sich auch gar wohl sehen lassen; sie ist ein schönes braunes Rheinkind mit brennenden Augen, blitzenden Zähnen, Elfenfüßchen, zitternd vor verhaltenem Mutwillen wie eine Granate, über der die Lunte brennt. Sie möchte gern immer reden und schweigt doch zumeist, weil sie den rechten Ton auf der hiesigen Skala nicht finden kann. Wenn wir abends unsere stillen ehrbaren Gespräche führen, sitzt sie gewöhnlich am Fenster und seufzt ungeduldig Wolken und Winde an, die nach den Rebhügeln ziehn, wo ihre jungen Gefährtinnen sichs wohl und lustig sein lassen, während sie hier bei der Tante die Klavierjungfer spielen muß. Wozu? Sie begreift es Nicht und klagt die Heimat und die Fremde an. Ich denke, man hat einen Dämpfer für diese üppige Wasserorgel nötig gefunden. – Dabei hat sie einen Anflug von Empfindsamkeit, liebt den Wald, schält alle Bäume an, um ihre Klagen darauf, auszuhauchen. Den Onkel ehrt sie, weiß ihn aber nicht zu schätzen; – der Tante wendet sie eine zornige Liebe zu, da sie das verwandte Element fühlt und vor Ungeduld überschäumt, es so beengt zu sehen. Sophie ist ihr fast fatal, und Everwin, den sie ›unsere Mamsell‹ oder Langewin (lang, schmal) oder Gradewein nennt, ist der ewige unfreiwillige Tröster ihrer Langeweile. Sie gibt ihm Salz mit auf die Jagd, sorgt, daß seine Leintücher umgeschlagen werden, so daß er nachts wie in einem kurzen Sacke steckt, oder läßt seine Dohnen ausnehmen und Maulwürfe oder schwarze Hadern hinein hängen, was ihm allemal wirklich nachgeht und empfindlicher ist als die schlaflose Nacht. Da ihm zur Revanche Geschick und Kühnheit fehlen, ists ein einseitiger Spaß, der in Everwins Herzen allmählich einen Sauerteig verkniffener Schadenfreude ansetzt. Ich sehe allemal etwas wie einen falschen Sonnenstrahl über sein Gesicht zucken, wenn sie mit ihrer halbbewußten Koketterie bei seinem Kameraden abfährt oder Karo nach einem Wasserbade sich zunächst bei ihr abschüttelt, und ich habe ihn im Verdacht, ihn vorzugsweise auf ihrer Seite apportieren zu lassen. Dem Wilhelm scheint sie gewogener, nennt ihn einen gebildeten jungen Mann, und es kommt mir vor, als ob sie seinetwegen zuweilen ein Schleifchen mehr ansteckte, was er aber leider nicht zu bemerken scheint. Ich glaube überhaupt, daß zwei Drittel ihrer Seufzer dem Verkanntsein gelten. Ists zum Beispiel nicht hart, daß sie, die Französisch spricht wie Deutsch und den Gellert zitieren kann, hier noch Rechenstunde nehmen muß bei einein invaliden Unteroffizier, der am Ausgang des Parkes wohnt? Wäre seine fuchsige Perücke nicht und sein schönes Französisch, indem er sich nach ihrem ›ton père‹ erkundigt, sie führe aus ihrer Sammethaut, nun aber hat sie an ihm wenigstens einen Souffre douleur, ein schlechtes Äpfelchen gegen den Durst, und macht ihn Zeug sagen und tun, daß der Onkel den Kopf schüttelt und doch lachen muß. Fräulein Anna ist pikant wie [unleserlich], aber es ist unerquicklich, hier jemand zu sehen, der die Landesweise nicht aufzufassen versteht; der Spott ärgert einen, und doch wird man sich dadurch des Entbehrten bewußt und fühlt die Einförmigkeit wie einen schläfernden Hauch an sich streifen, – Ich bemerte eben, daß ich den Fehler habe, mich in Stimmungen hinein- und hinauszuschreiben; so hat mich der Paragraph Anna fast rebellisch gemacht gegen das Haus meines guten Vetters, den ich mir als einen Bissen pour la bonne bouche in diesem Abschnitt zuletzt aufgehoben habe. Gott segne ihn alle Stunden seines Lebens – ein Unglück kann ihn nur zur Läuterung treffen, verdient hat er es nie und nimmer – ich halte es für unmöglich, diesen Mann nicht liebzuhaben seine Schwächen selbst sind liebenswürdig. Schon sein Äußeres. Denkt euch einen großen stattlichen Mann, gegen dessen breite Schultern und Brust fast weibliche Hände und der kleinste Fuß seltsam abstechen, ferner eine, sehr hohe, freie Stirn, überaus lichte Augen, eine starke Adlernase und darunter Mund und Kinn eines Kindes, die weißeste Haut, die je ein Männergesicht entstellte, und der ganze Kopf voll Kinderlöckchen, aber grauen, und das Ganze von einem Strome von Milde und gutem Glauben überwallt, daß es schon einen Viertelschelm reizen müßte, ihn zu betrügen, und doch einem doppelten es fast unmöglich macht; gar adlig sieht der Herr dabei aus, gnädig und lehnsherrlich, trotz seines grauen Landrocks, von dem er sich selten trennt, und er hat Mut für drei: ich habe ihn bei einem Spaziergange, wo man auf verbotene Wege geraten war, fast fünf Minuten lang einen wütenden Stier mit seinem Bambusrohr parieren sehen bis alle sich hinter Wall und Graben gesichert hatten, und da sah, wie Wilhelm, der Neffe des Rentmeisters sagt, der mit seinem Spazlerstöckchen zu Hilfe herbeirannte, der Herr aus wie ein Leonidas bei den Thermopylen. Er ist ein leidenschaftlicher Zeitungsleser und Geschichtsfreund und liebt das gedruckte Blutvergießen. Eugen und Marlborough sind Namen, die seine Augen wie Laternen leuchten lassen; dennoch bin ich zweifelhaft, ob im vorkommenden Falle der Herr den Feind tapferlich erschlagen oder sich lieber gefangengeben würde, um keinen Mord auf seine Seele zu laden. Von Räubern und Mordbrennern träumt er gerne, und wenn die Hofhunde nachts ungewöhnlich anschlagen und gegen irgend einen dunkeln Winkel vor- und rückwärts fahren, hat man ihn wohl schon unbegleitet im Schlafrock mit blankem Degen in das verdächtige Verlies dringen sehen mit wahrhaft acharnierter Wut, den Schelm zu packen und einzuspunden, den er dann freilich am anderen Morgen hätte laufen lassen. Den Verstand des Herrn habe ich anfangs zu gering angeschlagen, er hat sein reichliches Anteil an der still nährenden Poesie dieses Landes, der den Mangel an eigentlichem Geiste fast ersetzt, dabei ein klares Judizium und jenes haarfeine Ahnen des Verdächtigen, was aus eigener Reinheit entspringt: sein erstes Urteil ist immer überraschend richtig, sein zweites schon bedeutend vom Mantel der christlichen Liebe verdunkelt, und wer ihm heute als erklärter Filou erscheint, ist morgen vielleicht ein gewandter Mann, den man etwas weniger schlau wünschen möchte. Der Herr liest viel, täglich mehrere Stunden, Und immer Belehrendes, Sprachliches, Geschichtliches, zur Abwechslung Reisebeschreibungen, wo seine naive Phantasie immer den Autor überflügelt und er heimlich auf jedem Blatte ein neues Eldorado oder die Entdeckung des Paradiesgartens erwartet; überhaupt kommt mir diese Familie vor wie die Scholastiker des Mittelalters mit ihrem rastlosen, gründlichen Fleiße und bodenlosen Dämmerungen. – Alles bildet an sich und lernt zu bis in die grauen Haare hinein und alles glaubt an Hexen, Gespenster und den Ewigen Juden.

Ich habe schon gesagt, wie stark die Musik hier getrieben wird – die Anregung geht zumeist von der gnädigen Frau aus, die gern aus den Leuten alles holen möchte, was irgend darin steckt, das Talent aber vom Herrn, und es ist nichts lieblicher, als ihn abends in der Dämmerung auf dem Klavier phantasieren zu hören: ein wahres adeliges Idyll; denn eine gewisse Grandezza fährt immer in diese unschuldige reizende Musik hinein und Stöße ritterlicher Courage im Marschtempo. Es wird mir nie zu lang, zuzuhören, und allerlei Bilder steigen in mir auf aus Thomsons »Jahreszeiten«, aus den Kreuzzügen. Sonst hat der Herr noch viele Liebhabereien, alle von der kindlichsten Originalität; zuerst eine lebende Ornithologie (denn der Herr greift alles wissenschaftlich an). Neben seiner Studierstube ist ein Zimmer mit fußhohem Sand und grünen Tannenbäumchen, die von Zeit zu Zeit erneuert werden. Die immer offenen Fenster sind mit Draht verwahrt, und darin piept und schwirrt das ganze Sängervolk des Landes, von jeder Art ein Exemplar, von der Nachtigall bis zur Meise; es ist dem Herrn eine Sache von Wichtigkeit, die Reihe vollständig zu erhalten; der Tod eines Hänflings ist ihm wie der Verlust eines Blattes aus einem naturhistorischen Werke. Er treibt ein wahres Spionieren nach jedem seltenen Durchzügler: früh um fünf Uhr sehe ich ihn schon über die Brücken schreiten nach seinen Weidenklippen und Leimstangen, und wieder in der brennenden Mittagshitze, sieben- bis achtmal in einem Tage; möchte ich ihm zuweilen die Mühe abnehmen und verspreche, die Klippe wohlgeschlossen zu lassen oder den Vogel mitsamt der Leimstange in mein Schnupftuch gewickelt fein sauber herzutragen, so gibt er mir wohl nach, um mir keine Schmach anzutun, aber er trabt nebenher, und es ist, als ob er meinte, meine profane Gegenwart allein könne schon den erwischten Vogel echappieren machen. Dann ist der Herr ein gründlicher Botanikus und hat schon manche schöne Tulpe und Schwertlilie in seinem Garten; das ist ihm aber nicht genug, seine reiche, innere Poesie verlangt nach dem Wunderbaren, Unerhörten – er möchte gern eine Art unschuldigen Hexenmeisters spielen und ist auf die seltsamsten Einfälle geraten, die sich mitunter glücklich genug bewähren und für die Wissenschaft nicht ohne Wert sein möchten: so trägt er mit einem seinen Samtbürstchen den Blumenstaub sauber von der blauen Lilie zur gelben, von der braunen zur rötlichen, und die hieraus entspringenden Spielarten sind sein höchster Stolz, die er mit einem wahren Prometheus- Ansehen zeigt; die wilden Blumen, seine geliebten Landsleute, deren Verkanntsein er bejammert, pflegt er nach allen Verschiedenheiten in netten Beetchen wie Reihen Grenadiere. Manchen Schweißtropfen hat der gute Herr vergossen, wenn er mit seinem kleinen Spaten halbe Tage lang nach einer seltenen Orchis suchte, und manches in seiner Domäne ist ihm dabei sichtbar geworden, was er sonst nie weder gesucht noch gefunden hätte; darum lieben die Bauern auch nichts weniger als des Herrn botanische Exkursionen, bei denen er immer heimlich auf Unerhörtes hofft, zum Beispiel ein scharlachrotes Vergißmeinnicht oder blaues Maßliebchen, obwohl er als ein verständiger Mann dies nicht eigentlich glaubt, aber, man kann nicht wissen – die Natur ist wunderbar. Nichts zeigt die reiche, kindlich frische Phantasie des Herrn deutlicher als sein schon oft genanntes Liber mirabilis, eine mühsam zusammengetragene Sammlung alter, prophetischer Träume und Gesichte, von denen dieses Land wie mit einem Flor überzogen ist: fast der zehnte Mann ist hier ein Prophet – ein Vorkieker (Vorschauer), wie man es nennt – und wie ich fürchte, einer oder der andere dem Herrn zulieb! – Seltsam ists, daß diese Menschen alle eine körperliche Ähnlichkeit haben: ein lichtblaues geisterhaftes Auge, was fast ängstlich zu ertragen ist; ich meine, so müsse Swedenborg ausgesehen haben; sonst sind sie einfach, häufig beschränkt, des Betruges unfähig, in keiner Weise von anderen Bauern unterschieden. Ich habe mit manchem von ihnen geredet, und sie gaben mir verständigen Bescheid über Wirtschaft und Witterung; aber sobald meine Fragen übers Alltägliche hinausgingen, waren sie ihnen unverständlich, und doch verraten manche dieser sogenannten Prophezeiungen und Gesichte eine großartige Einbildungskraft, streifen an die Allegorie und gehen überall weit über das Gewöhnliche, so daß ich gezwungen bin, eine momentane geistige Steigerung anzunehmen wie Mesmer sie jetzt in seiner neuen Theorie aufstellt. Der Vetter nun hat alle diese in der Tat merkwürdigen Träumereien gesammelt und teils aus scholastischem Triebe, teils um sie für alle Zeiten verständlich zu erhalten, in sehr fließendes Latein übersetzt und sauber in einer buchförmigen Kapsel verwahrt, und Liber mirabilis steht breit auf dem Rücken mit goldenen Lettern; dies ist sein Schatz und Orakel, bei dem er anfragt, wenn es in den Welthändeln konfus aussieht, und was nicht damit übereinstimmt, wird vorläufig mit Kopfschütteln abgefertigt. Guter Vetter, du hast mir deinen Schatz anvertraut, obwohl ich weiß, daß du lieber ein Mal auf deinem Gesicht als einen Flecken auf den Blättern erträgst; da liegt er, rot, golden und stattlich, wie ein englischer Stabsoffizier, und ich sitze hier wie ein schlechter Spion und nehme eine geheime Karte von deiner Person – gute Nacht! würde ich sagen, aber du hast immer gute Nächte, denn du bist gesund und reinen Herzens. – Ich muß morgen früh auf – wir haben sieben Meisenkasten abzusuchen.

Drittes Kapitel

In Hof und Garten

Der Morgen war so schön! Nachtigallen rechts und links antworteten sich so schmetternd aus dem blühenden Gesträuch und Hagen, daß ich um fünf Uhr im engsten Sinne des Wortes davon geweckt worden bin und es mir unmöglich war, wieder einzuschlafen; so habe ich denn bis zum Frühstück mich in den Anlagen umhergetrieben und die erste Blüte an des Herrn neuester Iris mit einem profanen Auge eher erblickt als der gute Prometheus selbst. Es war in diesen Tagen viel Rede und Erwartung wegen dieser Blume aus des Herrn Fabrik, die mir nur etwas tiefer blau scheint als die gewöhnliche Schwertlilie, ich denke aber, er wird sie atropurpurea oder mirabilissima taufen; jedenfalls sah die Blume in ihrem Tauperlenschleier reizend genug aus, und überall hatten die Anlagen in ihrem jungen, von der Sonne vergoldeten Grün, ihrem Tau und Blütenstaat eine solche beauté du diable, daß ich glaubte, nie etwas Lieblicheres gesehen zu haben. Der feuchte Boden ist dem Blumenwuchs und den Singvögeln so zuträglich, daß man in der schönen Jahreszeit von Düften, Farbe und Gesang berauscht vergißt, daß alles fehlt, was man sonst von schöner Gegend zu fordern pflegt – Gebirg, Strom, Felsen. Ich muß der Seltsamkeit wegen anerkennen, daß mir ganz poetisch zumute ward und ich mich beinahe auf den nassen Rasen geseht hätte und mich wirklich auf eine Bank hingoß und ein paar Gedichte von Wilhelm hervorzog, die Fräulein Anna mir gestern abend mit verschmitztem Lächeln und ein wenig errötend zugesteckt hatte. Irre ich nicht, so ruhen ihre dunkeln Augen zuweilen mit einer Teilnahme auf dem jungen Dichter, wie Langeweile und etwas Empfindsamkeit sie leicht auf dem Lande erzeugen. Das schüchterne Huhn scheint indessen davon kein Körnchen zu ahnen, und ich bezweifle, ob eine etwaige Entdeckung dem Fräulein zum Schaden oder Vorteil gereichen würde, da seine tiefblauen jungfräulichen Augen ganz anderes zu suchen scheinen als so rheinisches Blut. – Also ein Dichter ist der Wilhelm!

Ich hätte es mir denken können nach seinen verklärten Blicken, wenn wir am Weiher stehen und die Schwäne durch den glitzernden Sonnenspiegel segeln, wo er dann wirklich schön aussieht, die übrige Zeit aber unbehilflich und verschüchtert, wie es einem jungen Schreiber zukömmt, den die Güte des Herrn höchst überflüssig seinem Onkel zugesellt hat, nur um das arme Blut in freie Kost und Wohnung zu bringen. Die Verse sind auf schlechtes Konzeptpapier geschrieben, häufig durchstrichen und gewiß nicht für das Auge des Fräuleins bestimmt. Das eine schien sie mir mit einiger Ziererei vorenthalten zu wollen. Dieses wird zuerst gelesen.

(Hier folgt »Das Mädchen am Bach«)

Ei, ei, Wilhelmus! was sind das für gefährliche Gedanken! Paßt sich dergleichen für einen armen Studenten, der erst in zehn Jahren vielleicht lieben darf? Und nun zum zweiten!

(Der Knabe im Rohr)

Der junge Mensch hat wirtlich Talent! In einer günstigeren Umgebung – doch nein, bleib in deiner Heide, laß deine Phantasie ihre Fasern tief in deinen Weiher senken und wie eine geheimnisvolle Wasserlilie darüber schwanken. Sei ein Ganzes – ob es ein Traum, ein halboerstandenes Märchen – – es ist immer mehr wert als die nüchterne Frucht vom Baum der Erkenntnis...

Beim Heimzuge fand ich den Rentmeister Friese in Hemdärmeln am Brunnen vor dem Nebengebäude, eifrig bemüht, seine Stubenfenster mit Hilfe eines Strohwisches und endloser Wassergüsse zu säubern; seine Glatze glänzte wie frischer Speck, und ich hörte ihn schon auf dreißig Schritt stöhnen wie ein dämpfiges Pferd. Er sah mich nicht, und so konnte ich den wunderlichen Mann mit Muße in seinem Negligé betrachten, das an allen Stellen, die der Rock sonst in Verborgenheit bringt, mit den vielfarbigsten Lappen repariert war und ihm das Ansehen einer wandernden Musterkarte gab. Es ist mir selten ein mehr harpagonähnliches Gesicht vorgekommen, spitz wie ein Schermesser, mit Lippen wie Zwirnfäden, die fast immer geschlossen sind, als fürchteten sie, etwas Brauchbares entwischen zu lassen, und nur, wenn er gereizt wird, Witzfunken sprühen, wie ein Kater, den man gegen den Strich streichelt; dennoch ist Friese ein redlicher Mann, dem jeder Groschen aus seines Herrn Tasche wie ein Blutstropfen vom Herzen fällt, aber ein Spekulant sondergleichen, der mit allem, was als unbrauchbar verdammt ist: Lumpen, Knochen, verlöschten Kohlen, rostigen Nägeln, den weißen Blättern an verworfenen Briefen, Handel treibt und sich im Verlauf von dreißig Jahren ein hübsches rundes Sümmchen aus dem Kehricht gewühlt haben soll. Seine Kammer ist niemandem zugänglich als seinen Handelsfreunden und dem Neffen Wilhelm; er fegt sie selber, macht sein Bett selber, die reine Wäsche muß ihm ans Türschloß gehängt werden. Nitimur in vetitum, ich wagte einen Sturm, nahte mich höflich und bat um ein paar geschnittene Federn; er wurde doch blutrot und zog sich wie ein Krebs der Türe zu, um seine Hlnterseite zu verbergen; ich ihm nach und ließ ihm nur so weit den Vortritt, daß ihm gelingen konnte, in seinen grauen Flaus zu fahren; dann stand ich vor ihm, er sah mich an mit einem Blick des Entsetzens, wie weiland der Hohepriester ihn auf den Tempelschänder, der in das Allerheiligste drang, mag geschleudert haben, deckte hastig eine baumwollene Schlafmütze über ein Etwas in der babylonischen Verwirrung seines Tisches, suchte nach einem Federbunde, dann, in verdrießlicher Eile nach einem Federmesser – es war nicht da – er mußte sich entschließen, in einen Alkoven zu treten, ich warf schnell meine Augen umher – das ganze weite Zimmer war wie mit Maulwurfshügeln bedeckt, durch die ein Labyrinth von Pfaden führte, saubere Knöchelchen für die Drechsler, Lumpen für die Papiermühle, altes Eisen, auf dem Tische leere Nadelbriefe, schon zur Hälfte wieder gefüllt mit Stecknadeln, denen man es ansah, daß sie gerade gebogen und neu angeschliffen waren; ich hörte ihn einen Schrank öffnen und hob leise den Zipfel der blauen Mütze; beschriebene Hefte in den verschiedensten Formaten, offenbar ›Memoiren‹: .Heute hat der lutherische Herr wieder eine ganze Flasche Franzwein getrunken, das Faß à 48 Taler ist fast leer' – ich stand steif wie eine Schildwache; denn Herr Friese trat herein, und ich machte mich dann bald davon, so triumphierend wie ein begossener Hund; – guter Vetter, wird dir deine Freundlichkeit so schändlich kontrolliert!

Ich habe den Friese nie leiden können; obendrein ist er ein alter Narr, der sich von der Zofe Katharina, einem schlauen lustigen Mädchen und der gnädigen Frauen Liebling, aufs albernste hänseln läßt. Diese junge Rheinländerin stiftet überhaupt einen greulichen Brand im Schlosse an; die westfälischen Herzen seufzen ihretwegen wie Öfen. Zuerst des Herrn geliebter Johann, von ihr nur Jan Friedel genannt, der mit ihm eigens zum Kammerdiener erzogen worden ist, recht artig die Geige mit dem jungen Everwin streicht und in seinen graumelierten mit Talg hintenüber gestrichenen Haarresten, die in einem ausgemergelten Zöpfchen enden, genau einem geschundenen Hasen gleichsieht. – Dann ein paderbornscher Schlingel, derselbe, der mich zuerst am Wagen begrüßte, ein schlauer, nichtsnutziger Bursch, der sich durch tausend Foppereien an seinen Gesellen für die Langeweile, die sie ihm machen, schadlos hält – den Herrn beschwätzt er zu allem, wie er will, und ist ihm erst vor kurzem etwas fatal geworden, seit er der Köchin, einer armen gichtischen Person, drei bunte Fäden als sympathetisches Mittel gab, mit dem Zusatz – es wirke nur, wenn sie täglich einen Korb voll Holz vor des Herrn Zimmer trage (bis dahin sein Amt!). Der Spaß kam aus, und der Herr war sehr ungehalten über diese Grausamkeit seines Johanns; doch meine ich, daß er ihn seitdem auch sonst mit mißtrauischen Blicken betrachtet; denn, wie der Herr sagt, «dergleichen Dinge sind nicht ganz zu lachen, man trifft im Paderbornschen seltsame Beispiele an«.

Das Brief-Tagebuch der Droste über »Bei uns zu Lande«

13. Dezember 1838 (Hülshoff) an Chr. B. Schlüter:

»Die vielfachen, ich möchte fast sagen ungestümen Bitten Malchen Hassenpflugs, haben mich bestimmt, den Zustand unseres Vaterlandes, wie ich ihn noch in frühster Jugend gekannt, und die Sitten und Eigentümlichkeiten seiner Bewohner zum Stoff meiner nächsten Arbeit zu wählen. Ich gestehe, daß ich mich aus freien Stücken nicht dahin entschlossen hätte, denn für erst ist es immer schwer, Leuten vom Fach zu genügen, und in dieser Sache ist jeder Münsterländer Mann vom Fache. Ich erinnere, daß einst ein sehr natürlich geschriebenes Buch in einer Gesellschaft vorgelesen wurde, die einen Soldaten, einen Forstmann, einen Gelehrten und einen Diplomaten in sich schloß; jeder war entzückt über alles, mit Ausnahme der Stellen, die jedes Fach betrafen. Der Soldat fand Schnitzer in den Schlachtszenen, der Forstmann in den Jagdabenteuern, der Gelehrte in den philosophischen Tiraden und der Hofmann in dem Auftreten und Benehmen der gekrönten Häupter; wie soll es mir nun gehen, der jeder Gassenbube im Lande die geringsten Verstöße nachweisen kann? Mein Trost ist, daß ich selbst hier aufgewachsen und somit so sehr Herrin meines Stoffes bin wie keines andern. Schlimmer ist es, daß die Leute hierzulande es noch gar nicht gewohnt sind, sich abkonterfeien zu lassen und den gelindesten Schatten als persönliche Beleidigung aufnehmen werden. In Paris und London ist es ein anderes, da haben sich die Leute einen breiten Buckel zugelegt, und die Schriftsteller sind so frech, daß eine Tracht Prügel ihnen mitunter wahrhaft heilsam wäre. Denke ich aber an den Nekrolog meines Vetters Droste in Bonn, den der Professor Braun so glänzend ausstaffierte, daß die ganze Familie davon einen Nimbus bekam, und doch, unter uns gesagt, kaum argem Verdrusse entging, so wird mir es überaus bedenklich zumute. Ich weiß am besten, daß ich meinen Landsleuten weit weniger Unrecht tun, als viel eher durch zu große Vorliebe und Idealisierung mancher, an sich unbedeutenden Eigenschaft mich lächerlich machen werde, und dennoch fürchte ich gänzlich in Verruf zu kommen, denn alles kann ich ihnen und meiner eigenen Liebe nicht aufopfern, nicht Wahrheit, Natur und die zur Vollendung eines Gemäldes so nötigen kleinen Schatten. Wenn Sie, teurer Freund, die Ausführung meines Vorhabens für gänzlich untunlich halten so sagen Sie mir es jetzt, wo es noch Zeit ist, ich bitte Sie darum. Über die Form bin ich noch unschlüssig und möchte Ihre Meinung hören. Was meinen Sie? Soll ich«jene des Bracebridgehall von Washington Irving wählen? Eine Reihenfolge von kleinen Begebenheiten und eignen Meditationen, die durch einen losen, leichten Faden, etwa einen Sommeraufenthalt auf dem Lande verbunden sind? Diese Form ist sehr ansprechend und gibt dem Schreibenden große Freiheit, bald erzählend, bald rein beobachtend und denkend aufzutreten, und außer Washington Irving hat Jouy sich ihrer fortwährend und mit großem Beifalle bedient in seinem »l'Hermite de la Chausée d'Antin«, »l'Hermite en province«, »l'Hermite de Paris«, de Londres, de la Guyane«, aber eben dadurch ist sie etwas verbraucht worden. Oder soll ich eine Reihe kleiner in sich geschlossener Erzählungen schreiben, die keinen andern Zusammenhang haben als daß sie alle in Westfalen spielen und darauf berechnet sind, Sitten, Charakter, Volksglauben und jetzt verloren gegangene Zustände desselben zu schildern? Dies ist schwieriger, bedarf weit reicherer Erfindung und schließt alle Meditationen und Selbstbeobachtungen fast gänzlich aus. Dagegen ist es weniger verbraucht, läßt höchst poetische und seltsame Stoffe zu, die jener andern Form des täglichen Lebens unzugänglich sind und hat den großen Vorteil, in keinem Falle zu beleidigen, da lauter bestimmte Individuen auftreten, noch obendrein zumeist aus dem Bauernstande, als dem mir am genauesten bekannten und auch noch eigentümlichsten; was sagen Sie dazu? Geben Sie Ihr Votum ab! Ich will nicht sagen, daß es den totalen Ausschlag gibt, aber es wird gewiß sehr berücksichtigt werden.«

29. Januar 1839 (Rüschhaus) an die Schwester:

»... jetzt, wo das Ding einen guten Fortgang hat, interessieren sich alle dafür, auch die Bökendorfer,... und jeder Narr maßt sich eine Stimme an über das, was ich zunächst schreiben soll, und zwar mit einer Heftigkeit, daß ich denke, sie prügeln mich, wenn ich es anders mache, oder nehmen es wenigstens als persönliche Beleidigung, auf. Und doch sagt der eine schwarz und der andre weiß. Die münsterschen Freunde ermahnen mich, um Gottes willen auf dem Wege zu bleiben, den ich einmal mit Glück betreten, und wo meine Leichtigkeit in Vers und Reim mir einen Vorteil gewähren, den ich um keinen Preis aufgeben dürfe. Malchen (Hassenpflug) und die Bökendorfer dagegen wollen, ich soll eine Art Buch wie Brace-Bridge- Hall schreiben und Westfalen mit seinen Klöstern, Stiftern und alten Sitten, wie ich sie noch gekannt, und sie jetzt fast ganz verschwunden wären, zum Stoffe nehmen. Das läßt sich auch hören, aber ich fürchte, meine lieben Landsleute steinigen mich, wenn ich sie nicht zu lauter Engeln mache.... Tunlicher scheint es mir, eine Reihe Erzählungen zu schreiben, die alle in Westfalen spielen und so alles Verlangte in sich schließen, ohne daß man grade zu sagen braucht: Dies soll ein Bild von Westfalen sein, und der Westfale ist so und so. Dann, meine ich, wird keiner (wie hier die Leute wohl etwas schweren Begriffs sind) es auf sich beziehn, sondern nur auf die Personen der Erzählung; auch kann ich dann von dem gewöhnlichen Gange der Dinge abgehn, kann Vorgeschichten und dergleichen mit einem Tone der Wahrheit erzählen, während ich sie in der andern Form nur als Volksglauben erwähnen darf. Doch ist die Form von Bracebridge... bei weitem die angenehmste, sowohl zum Lesen als zum Schreiben, well sie so mannigfaltig ist und eigne Beobachtungen und Meditationen, kleine lächerliche Vorfälle et cet. zuläßt, was sehr amüsiert, man öfter lesen kann und auch mehr eignen Geist voraussetzt, als Erzählungen, die, sie mögen so gut und charakteristisch sein als sie wollen, doch selten jemand zweimal liest, weil der Abstich vom ersten Male zu groß ist, wenn die Spannung auf den Ausgang fehlt. Dagegen finden die Leute zwischen so kurzer Ware immer allerlei, was sie selbst schon gedacht und beobachtet haben und deshalb zwanzigmal lesen können, weil es ihnen den angenehmen Eindruck,macht, als hätten sie es selbst geschrieben. So hat jede Ansicht ihre günstige Seite und jeder meiner unberufenen Präzeptoren recht. Aber mag ich nun tun was ich will, so stelle ich einige zufrieden und, stoße die übrigen vor den Kopf.«

23. März 1841 (Rüschhaus) an Chr. B. Schlüter:

Wissen Sie wohl, Professorchen, daß ich jetzt ernstlich willens, bin, ein ellenlanges Buch im Geschmacke von Bracebridgehall auf Westfalen angewendet zu schreiben, wo auch die bewußte Erzählung von dem erschlagenen Juden hineinkömmt? Das Schema zum ersten Teile, Münsterland betreffend, habe ich schon gemacht, und das ist für mich ein großer Schritt, denn eben dies Ordnen und Feststellen der wie Ameishaufen durcheinander wimmelnden Materialien macht mir immer zumeist zu schaffen, und habe ich das überwunden, gehts in der Regel sehr schnell. Nun aber ist nur mit meiner Grippe und Appendix vorläufig ein Schlagbaum vorgefallen, und ich muß mich gedulden oder vielmehr ungedulden, denn nun ich mal angefangen, brennts mir wie auf den Nägeln, und ich möchte lieber Tag und Nacht schreiben, als vielleicht noch drei Wochen die Hände in den Schoß legen und Daumen drehn oder die Wolken studieren. Aber das Schreiben will noch ganz und gar keine Art haben; es ist, als ob die gebückte Stellung den Reiz in der Kehle vermehrte, auch das Blut steigt zum Kopfe, und die Tränen laufen mir aus den Augen,, wie eben jetzt, so daß ich längst hätte aufhören sollen. Ich will und muß auch aufhören, aber erst noch wegen meines Buchs in spe. Es wird drei Abteilungen enthalten, und den verbindenden Faden gibt der Aufenthalt eines Edelmanns aus der Lausitz bei einem Lehnsvetter im Münsterlande (erste und stärkste Abteilung), der dann mit dieser Familie ihre Verwandten im Paderbornischen besucht (zweite Abteilung) und durchs Sauerland zurückkehrt, wo sie auch einige Zeit bei Freunden und entfernteren Verwandten verweilen (dritte und kleinste Abteilung). Diese sind die drei hervorstechendsten Provinzen Westfalens, und zudem die einzigen, wo ich hinlänglich eingebürgert bin, um festen Grund unter mir zu fühlen. Es werden alle normalen Charaktere, Sitten, Institute (z. B. Damenstifter, Klöster), Sagen und Aberglauben dieser Gegenden darin vorkommen, teils geradezu in die Szene gebracht, teils in den häufig eingestreuten Erzählungen. Ich hoffe Gutes von dem Buche....«

Der Entwurf von 1841.

»1795, Westfalia oder Tagebuch aus Westfalen, oder ein Sommeraufenthalt in Westfalen oder bei uns zu Lande auf dem Lande«.

Dieser Entwurf, der sich im Dorste-Archiv auf Haus Stapel befindet (abgedruckt bei Schulte Kemminghausen: Droste-Hülshoff, Werke, Bd.3 S.288/89 f.), deutet stichwortmäßig die geplanten 24 Kapitel des ersten Teiles an. Nachdem sich in den ersten drei vollendeten Kapiteln der Lausltzer in der münsterländischen Wasserburg umgesehen hatte, sollten die Lebenskreise Ring um Ring erweitert werden: die Dienstboten mit kurlosen Schicksalen, die teils ins Holländische hinübergreifen; die Welt des Dorfes, wo ein unklares Gemunkel über eine Kindsmörderin herumläuft, bis diese Geschichte nach einer persönlichen Aufzeichnung erzählt wird; Spuk- und Vorgeschichten, die allenthalben auftauchen und auf spätere Schicksale vorausdeuten; eine Bauernhochzeit, wobei die Beobachtung gemacht wird, daß der »schöne Mund der Münsterländer wie ein Vogelnest in einem Dornenstrauch« wirke; die Ankunft eines verarmten Oberst aus Holland, der auf dem Schloß im Münsterland eine hilfsbereite Aufnahme findet, denn der Münsterländer habe »Mitleiden selbst mit solchen, die noch mal unglücklich werden können«; zuletzt ein Besuch bei einem Schulzen und Ausführungen über den Schulzenadel, die sich wohl an Immermanns Oberhof anschließen sollten. Der blumenliebende und blumenzüchtende Vater, die alte treuherzige Amme und ein Dechant, der die Bauern gern mit den neusten technischen Errungenschaften (»Perspektiv«) konsterniert, das sind die hauptsächlichsten Gestalten. Gegen Schluß des Entwurfs drängt sich immer mehr eine romanhafte Handlung in den Vordergrund, die schon lange in dunklen unklaren Andeutungen als spannendes Moment die Kapitel durchzog. Der Müllerssohn, der schon im erhaltenen zweiten Kapitel als hintersinnig infolge eines verunglückten Heiratsprojektes eingeführt wurde, faßt eine Liebe zum Fräulein auf dem Schloß. Damit klingt das Problem des Standes- Unterschiedes aus dem jugendlichen Dramenfragment »Bertha« wieder an. Diese Geschichte des Müllerssohnes ist dieselbe, die Annette schon in der »Ledwina« behandeln wollte und dort als Episode. andeutet. Denn hier wie dort geht der hintersinnige Müllerssohn schließlich ins Wasser. Mit diesem Ereignis sollte der erste Teil zu einem überstürzten Abschluß gebracht werden, indem nun die Familie mit dem Sommergast abreist, wohl ins Paderbornische, wo nach den brieflichen Andeutungen der zweite Teil spielen sollte.

Am 20. Juli 1841 (Rüschhaus) an August von Haxthausen:

»Ich habe mein Buch über Westfalen (was den Titel »Bei uns zu Lande auf dem Lande« führen soll) bereits angefangen und ein ziemliches Stück hinein geschrieben. Es schien mir gut, und doch verlor ich auf einmal den Mut, da ich meine lieben Eltern so deutlich darin erkannte, daß man mit Fingern darauf zeigen konnte. Das war eigentlich nicht meine Absicht. Ich wollte nur einzelne Züge entlehnen und übrigens mich an die allgemeinen Charakterzülge des Landes halten. Nun, fürchte ich, wird es jedermann geradezu für Porträt nehmen und jede kleine Schwäche, jede komische Seite, die ich dem Publikum preisgebe, mir als eine scheußliche Impietät anrechnen. Eben jetzt heute bin ich zu dem Entschlüsse gekommen, es meiner Mutter vorzulesen, und ist sie es zufrieden, so schreibe ich weiter; wo nicht, so gebe ich es auf, und schreibe etwas anderes.«

1. September 1841 (Rüschhaus) an Schlüter:

(bei der Abreise nach Meersburg):

»Zu arbeiten denke ich auch drüben fleißig, mein angefangenes Buch über Westfalen zu vollenden.... Das Nötige dazu steckt schon tief unten im Koffer, und an Zeit und Ruhe wird es mir nicht fehlen, da Jenny mir auf meine Bitte ein ganz abgelegenes Zimmer in ihrem alten, weiten Schlosse, wo sich doch die wenigen Bewohner darin verlieren wie einzelne Fliegen, einräumen will.... Ich glaube übrigens, auf dieses Werk werden Sie, mein Freund, sehr lnfluieren, d. h. das Andenken an Sie, denn ich freue mich schon jetzt darauf, es Ihnen vorzulesen, und dieses wird mir unter dem Schreiben beständig in Gedanken liegen. Sagen Sie nicht (wie Sie zu tun pflegen), daß ich mich Ihren Ansichten immer heterogen stelle.... Von meinem Westfalen (»Bei uns zu Lande auf dem Lande« ist sein eigentlicher Titel) hoffe ich aber ein erfreulicheres; ists doch unser liebes Ländchen, und unser beiderseitiges Hängen an ihm schon ein gar starker Einigungspunkt. An dem bisher Fertigen glaube ich schon manches zu sehn, was guten Fortgang verheißt und nur einen hervorstechenden Fehler, zu große Breite an manchen Stellen; aber dagegen weiß ich Rat, habe ich doch den dritten Gesang meines St. Bernhard gestrichen und von dem ersten fast die Hälfte! Das Streichen und Feilen muß aber erst nach Vollendung des Ganzen geschehen, während der Arbeit macht es mutlos und unterbricht auch die poetische Stimmung zu sehr. Ich werde überhaupt immer zu breit, da mich die momentane Aufgabe jedesmal ganz hinnimmt und mir somit die Gabe fehlt, Nebendinge sogleich als solche zu erkennen und zu behandeln. Als Gegengewicht ist mir jedoch die Gabe des allerentschlossensten Streichens geworden, und ohne dieses würden meinem Pegasus längst Eselsohren gewachsen sein.«

26. Oktober 1841 (Meersburg) an die Mutter:

«Sage.. doch... an August (v. Haxthausen),.. daß ich fleißig sein und von hier ganz sicher etwas Fertiges mitbringen würde; in meinem Koffer (der noch immer nicht da ist) liegt, was von dem »Westfalen« (»Bei uns zu Lande auf dem Lande« heißts eigentlich) fertig ist, nebst dem Material...«

14. Dezember 1841 (Meersburg) an Elise Rüdiger:

»... (ich liege) wach im Bette und mache im Dunkeln Gedichte... (am) Tag schreibe ich an meinem größeren Buche, und abends bei Licht wird das bereits Fertige (später auch die geistlichen Lieder) abgeschrieben.«

26. Januar 1842 (Meersburg) an die Mutter:

»Ich habe schon einen ganzen Wust geschrieben, August würde sich aber ärgern, wenn er hörte, daß es meistens Gedichte sind, von denen ich gegen Ostern wohl einen neuen dicken Band fertig haben werde, während das »Westfalen« nur langsam voranrückt.«

4. Mai 1842 (Meersburg) an, Levin Schücking:

(anläßlich des Erscheinens der »Judenbuche« im Stuttgarter Morgenblatt):

»Ich finde, daß sich meine gedruckte Prosa recht gut macht, besser und origineller als die Poesie, aber anders, wie ich mir gedacht, und Dein früheres Urteil hat sich, im Gegensatz zu dem meinigen, bestätigt.

Der Dialog – dem ich jetzt einsehe durch Betonung beim Vorlesen sehr nachgeholfen zu haben – ist gut, aber doch unter meiner Erwartung und keineswegs außerordentlich; dagegen meine eigenen Gedanken und Wendungen im erzählenden Stile weit origineller und frappanter, als ich sie früher angeschlagen, und ich hoffe, darin mit einiger Übung bald den Besten gleichzustehn; wenigstens nach meinem Geschmacke, der freilich immer ein Privatgeschmack bleibt, aber übrigens mir nicht schmeichelt und nur mit dem zufrieden sein wird, was ihn auch bei andern völlig befriedigen würde.«

12. September 1842 (Rüschhaus) an Levin Schücking:

»... und ging statt dessen gleich zu Simrocks, wo ich Ursache hatte mit meiner Aufnahme vollkommen zufrieden zu sein, und Simrock mir, als auf meine »Judenbuche« die Rede kam und ich sagte, sie sei nur ein Bruchstück eines größeren Werks, dessen Inhalt ich andeutete, äußerte – wie es schien mit großem Ernste – er sei überzeugt, daß ich in diesem Genre das Beste leisten würde, was sich nur leisten ließ.«

16. November 1842 (Rüschhaus) an Levin Schücking:

»Adele (Schopenhauer) schreibt: ».....Ich in Ihrer Stelle, liebe Nette, würde vielleicht beide Bücher – die Gedichte und das prosaische »Bei uns zu Lande« et cet. – zugleich herausgeben.« Soweit Adele; was sagen Sie zu dem letzten Vorschlage, lieber Levin? Ich glaube, Adele hat recht; Cotta würde denken, daß entweder das eine oder das andre der Bücher bestimmt reüssieren werde, und deshalb vielleicht beide gut honorieren. Aber in diesem Falle kann ich kaum unter Jahresfrist auftreten, und dann doch nur mit dem ersten Bande des Prosaischen; wenigstens fürchte ich nicht weiterzukommen, da es im Frühling wieder nach Apenburg geht, und ein Buch, in einem fremden Hause geschrieben, schon, alles mögliche ist.«

16. Februar 1843 (Rüschhaus) an Levin Schücking:

»In meinem »Westfalen« kann ich allerdings mit Auswahl manches von den Skizzen (d.i. »Bilder aus Westfalen«) brauchen; aber Sie trauen mir wohl zu, daß dieses nicht den geringsten Einfluß auf meine Ansicht hat, da ich überreich an Material bin und Ihnen von Herzen gern noch mehreres abgäbe, wenn Sie es irgend brauchen könnten.«

24. Juni 1843 (Abbenburg) an Levin Schücking:

»... aus meinem «Bei uns zu Lande« habe ich schon die »Judenbuche« fortgegeben und darf es nicht femer zersplittem, wenn das Ganze noch Wert behalten soll.«

2. Januar 1844 (Meersburg) an Elise Rüdiger:

«Ich habe doch jetzt gerade die Abschrift meiner Gedichte fertig und wollte mich eben über das »Bei uns zu Lande« hermachen. Aber das kann warten...«

6. Februar 1844 (Meersburg) an Levin Schücking:

»Ich will jetzt auch nur wieder fleißig an mein »Bei uns zu Lande« gehn; ich denke, es wird gut; aber wie sich die Ansichten ändern – hoffentlich reifen –! Das Buch wird gewiß ein anderes, als es vor zwei Jahren, wo ich den Entwurf machte, geworden wäre, und doch lag es auch damals wahrlich nicht an meinen Kinderschuhen. Aber die Manier Washington Irvings und einiger französischer Genremaler hatte doch mehr auf mich lnfluiert, als mir bewußt war, und keine Manier hält vor; ist sie nach einigen Jahren verbraucht, so wird sie vorläufig um so viel widriger als die eigentliche Schreibart, wie altmodisch widriger ist als altfränkisch, und jeder, dem damals ein Plan steckengeblieben ist, freut sich hintennach, daß er den Purzelbaum nicht hat mitmachen müssen.«

2. August 1844 (Meersburg) an August von Haxthausen:

»Zunächst erscheint dann wohl mein Buch über Westfalen, was freilich noch lange nicht fertig ist, aber ich schreibe schnell, wenn ich mal dran komme, was sogleich geschehn soll, wenn ich in Rüschhaus zur Ruhe gekommen bin. Gott gebe, daß mir Stimmung und passable Gesundheit bleiben, um noch recht viel verdienen zu können, denn ich möchte gar zu gern zwei kleine Stiftungen machen für ein paar unverheiratete Mädchen aus Werners und Jennys Nachkommenschaft.«

31. Oktober 1844 (Rüschhaus) an Levin Schücking:

»Mit den Erzählungen will es nicht recht voran, ich bin noch an der ersten. Recht schöner Stoff, aber nicht auf westfälischem Boden...« (Erste Nachricht von der Arbeit an einem neuen Stoff, dem »Josef«).

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