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Begebenheiten des Enkolp

Petronius: Begebenheiten des Enkolp - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorPetronius
titleBegebenheiten des Enkolp
publisherEulenspiegel Verlag Berlin
isbn3359003527
editorManfred Wolter
translatorWilhelm Heinse
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070302
projectid9583718d
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Erster Band

Vorwort

Leserinnen und Leser!

Hier übergeb' ich Ihnen den Roman des Petron in die teutsche Sprache übersetzt. Ohne allen Zweifel ist Ihnen allen der Name dieses Aristippischen Wollüstlinges schon bekannt; ob Sie aber alle sein so genanntes Satyricon gelesen haben werden, kann ich nicht so gewiß wissen, da es durch Mönche, die vermuthlich aus dem sündlichsten Saamen gezeugt waren, und durch Erklärer und Verbesserer so sehr verunstaltet worden, daß es schwerlich zu lesen ist.

Ich wünsche und hoffe, daß Sie durch diese Uebersetzung den Mann besser kennen lernen mögen. Man hat zwar auch sechs französische Uebersetzungen von diesem Romane, aber ich weiß nicht, welcher feindseelige Dämon die Verfasser davon verhinderte, daß sie, wie ich und andere Leute glauben, sehr selten den Gedanken des Petron, und den Ton, in welchem er ihn sagte, getroffen haben; – und dennoch glaubte Jeder, daß er den Petron am besten übersetzt, so – wie auch ich es glaube.

Wir sind alle Menschen. Entschuldigen wir die nothwendigen Fehler der Menschheit! Man kann nicht, ohne eine Sünde zu begehen, von dem geringsten Erdensohne verlangen, daß er sich selbst für unwissend und kein Genie halten solle.

Sie dürfen nicht darüber erröthen, wenn man Sie bey Lesung dieser Uebersetzung antreffen wird. Ich weiß es sicherlich, daß diesen Roman die keuschesten aller Göttinnen, die Grazien, selbst gelesen haben. Schalkhaft spotten sie in einem gewissen Gedichte, welches man ihnen entwendet, über den Enkolpion, daß er bey der reizenden Circe – sich nicht besser aufführte. Die Erzählungen des Boccaz, la Fontaine und Crebillon sind weit ärger; und welche Dame unter Ihnen und welcher Herr wird sich schämen, diese gelesen zu haben, zu lesen und noch vielmahl lesen zu wollen?

– »Das wollen wir schon besorgen, Herr Uebersetzer! wenn nur die Uebersetzung gut gemacht ist! – «

Sie ist ganz vortrefflich! das werden Sie sehen! –

Nun muß ich Ihnen vor allen Dingen was von den Lebensumständen des Petron erzählen.

Wir wissen nur aus dem Tacitus, einem sehr heiligen und strengen Geschichtschreiber, was gewisses von ihm. Dieser erzählt seinen Lebenslauf, wie folget.

– »Er brachte den Tag mit Schlafen zu, und die Nacht mit Geschafften und den Freuden des Lebens. Andere Menschen werden durch Fleis berühmt, dieser aber wurde es durch seine Unthätigkeit.Auf diese Art lebten fast alle göttlichen Genieen auf dieser sublunarischen Erde, und leben noch so. Sie wissen, leider! nicht, was sie da mit gutem Gewissen machen sollen; denn den mehrsten unter ihnen war und ist das Talent nicht gegeben, wie mein lieber Jakob Rousseau Noten schreiben und graben und hacken zu können. Man könnte fast allen die Grabschrift machen, die la Fontaine sich machte:

Quant à son tems bien sçut le dispenser
Deux parts en fit, dont il soulait passer
L'une à dormir, et l'autre à ne rien faire.

Man konnt' ihn für keinen Hurer und Verschwender halten, der wie die mehrsten das seinige verpraßte, sondern für einen gelehrten Wollüstling. In seinen Reden und ausgelassenen Handlungen war eine gewisse Nachlässigkeit, welche unter dem Schein einer edeln Einfalt Iedem angenehm war. Doch zeigte er sich als Proconsul in Bithynien und gleich darauf, als Consul, wie einen Mann, der fähig sey, wichtige Geschäffte mit Munterkeit auszuführen.

Nachdem er frey davon war, so zog ihn sein Hang zum Vergnügen wieder auf das Blumenlager einer verfeinerten Wollust und er wurde unter die wenigen Günstlinge des Nero, als Oberaufseher über seine Vergnügungen aufgenommen, und Nero hielt nichts für angenehm, als was ihm sein Petron dafür empfolen hatte.

Tigillin wurde deswegen auf ihn eyfersüchtig, als seinen Nebenbuhler, der ihn weit in der Kenntniß der Wollüste übertraf. Er griff also die Grausamkeit, die Hauptleidenschafft des Monarchen an, beschuldigte den Petron, daß er ein Mitverschworener des Scevin sey, bestach einen Sklaven, daß er ihn angab, und damit ihm alle Mittel zur Vertheidigung benommen wären, ließ er den größten Theil seiner Familie in Bande werfen.

Von Ohngefehr reiste der Kaiser zu dieser Zeit nach Campanien bis nach Cumen; woselbst Petron aufbewahret wurde. Dieser konnte den Zustand zwischen Furcht und Hoffnung nicht länger erdulten; doch nahm er sich nicht plötzlich das Leben, sondern ließ sich die Adern öffnen und, wie es ihm gefiel, wieder verbinden und wieder eröffnen. Während dieser Zeit unterhielt er sich mit seinen Freunden, aber nicht von ernsthafften Dingen, als wenn er den Ruhm eines standhafften Weisen erlangen wollte, sondern er scherzte mit ihnen. Nichts wurde von der Unsterblichkeit der Seele und den Lehrsätzen der Philosophen gesprochen, sondern leichtfertige Gedichtchen liebliche Verschen wurden gesungen. Einigen von seinen Sklaven gab er Geschenke und einige ließ er züchtigen. Er gieng unter grünen Lauben spazieren und schlummerte bisweilen, so daß er seinen gezwungenen Tod in den besten natürlichen verwandelte.

In seinem Testamente schmeichelte er weder dem Nero, wie es die mehresten seiner Vorgänger gemacht hatten, noch dem Tigillin, noch irgend einem andern Günstlinge, sondern beschrieb die schändlichen Handlungen des Tyrannen unter den Namen von Buhlern und Buhlerinnen, und schilderte ihm jede seiner neuerfundenen Arten von Hurereyen, und übersendete versiegelt diese Schrifft dem Nero, und zerbrach den Ring, mit welchem er sie versiegelt hatte, damit man nicht andere damit in Gefahr stürzen könne.

Nero konnte lange nicht ausfindig machen, woher er die Begebenheiten seiner Nächte erfahren hätte; endlich fiel der Verdacht auf die Silia, die sehr wohl bekannte Gemahlin eines Senators, welche er selbst zu allen Arten von Wollust gebraucht, und die eine sehr gute Freundin von Petron war.

Sie wurde aus Rom verbannt, weil sie zu ihrer eignen Schande nicht verschwiegen, was sie gesehen und erdultet hatte. – «

Soviel erzählt Tacitus vom Petron.

Höchst wahrscheinlich ist es also, daß der Verfasser dieses Satyricons der nämliche Petron sey.

Verschiedene Gedanken darinnen sind Kinder von einem Geiste gebohren, den eine Aspasia unter dem süßesten Ionischen Himmel erzogen zu haben scheint. Was für reine Empfindungen der Wollust sind nicht in der schönsten römischen Musensprache in diesem Gedichtchen besungen:

Welch eine Nacht! ihr Götter und Göttinnen!
Wie Rosen war das Bett! da hiengen wir
Zusammen im Feuer und wollten in Wonne zerrinnen!
Und aus den Lippen floßen dort und hier
Verirrend sich unsre Seelen in unsre Seelen!
Lebt wohl ihr Sorgen! wollt ihr mich noch quälen?
Ich hab' in diesen entzückenden Secunden,
Wie man mit Wonne sterben kann, empfunden!

Anakreon, Horaz, Ovid, Chaulieu und Dorat und selbst Tibull haben die Wollust nie so schön empfunden besungen! – wenn ich eben iezt nicht zu parteyisch bin, wie ich nicht glaube. Man halte nur dieses einzige Gedichtchen zu den Zügen, welche Tacitus von seinem Petron gemacht hat, so wird man den nämlichen Mann finden, oder ich müßte nicht empfinden können. Auch hier findet man diese reizende Nachlässigkeit, welche unter dem Schein einer edeln Einfalt Iedem angenehm war. Er starb beynahe wirklich, wie er hier sterben wollte. So starb vermuthlich Aristipp, Horaz und Mäcen; und wie sie und Ovid sterben wollten, Laidion. –

Er lebte mehr nach der Philosophie des Aristipp, als des Epikur, welcher leztere nur ein hochmüthiger Schüler des Aristipp war und dessen Lehrsätze für seine eignen ausgab. Wie Boccaz und der jüngere Crebillon in der Lehre von der Liebe verschieden sind, so waren vielleicht Epikur und Aristipp es in allen. Dieser Unterschied läßt sich mehr empfinden, als deutlich beschreiben.

Die Gelehrten behaupten, daß dieser Roman die nämliche Schrifft sey, welche er dem Nero in seinem Testamente übersendet habe. – Ich weiß nichts davon. Wenigstens find' ich nicht viel von dem darinnen, was nach dem Berichte des Tacitus darinnen stehen sollte. Circe könnte Silia seyn; und wahrscheinlich kann man das machen; und Quartilla eine andere Buhlerin des Nero. Aber schwerlich wird man in dem Enkolp, Eumolp oder Trimalcion den Nero finden können. Die gewisse Geschichte des Nero zeigt uns einen ganz andern Mann. Ich überlaß' es, wie es sich geziemt, der Willkühr der Leserinnen und Leser, in den Personen dieses Romans zu finden, wen sie wollen, da sich nichts gewisses darüber sagen läßt.

Petron hat ia ausser seinem Testamente noch mehr geschrieben, wie wir von den Alten wissen; und es ist nicht wahrscheinlich, daß er das schöne Gedicht auf den bürgerlichen Krieg dem Kaiser in seinem Testamente, als eine Satyre mit übersendet habe. Vielleicht übersendete er ihm nur einige Fragmente von diesem Romane, welche insbesondre ihn betrafen; z. B. die Begebenheiten des Enkolp mit der Circe und der Quartilla, nachdem er den ganzen Roman vorher seinen Freunden übergeben hatte, und noch andere Stücke davon, welche verlohren gegangen sind – doch das sind Muthmasungen, und weiter nichts.

Und so viel denn von dem Verfasser dieser Schrifft.

Nun muß ich mich wohl bey den strengen, tugendhafften Weisen vertheidigen, daß ich diese Schrifft übersetzt habe. Ich habe alle Hochachtung und Verehrung gegen diese Männer in meinem Busen, die man von einem edeldenkenden Menschenkinde verlangen kann. – Die weinerlichen, triefäugigen Dudeldumianer rechn' ich freylich nicht zu diesen Weisen; diese verdienen höchstens ein muthwilliges Gelächter. – Nein! bey denen Männern will ich mich vertheydigen, die so denken, wie der Verfasser des Jahres zwey tausend vier hundert und vierzig, welcher den Petron, so wie die Sappho und unsern vielgeliebten Anakreon, samt dem Catull und ihres gleichen, aus einer Republik, die von Weisen regiert wird, verbannet.

Meine Herren

Wenn das menschliche Geschlecht den Grad von Vollkommenheit, noch bey meinen Lebzeiten, wird erreicht haben, welchen Confucius und Sokrates und alle deren Nachfolger ihm wünschten – welchen Xenophon und der träumende Plato und Morus und der Verfasser des Jahres 2440 und besser als alle Helvetius und reizender als alle Wieland – in ihren goldenen Spiegeln den sehenden Erdenbürgern zeigten, – und Pindar, Virgil und Horaz und Gesner, Wieland, Gleim und Jakobi und der achtzehnjahrhundertige Voltaire denen, die da hören, vorsangen –

Dann will ich grausamer, als Gregor, der Griechenverbrenner, unerbittlicher, als der Pfarrer im Don Quischott mithelfen ins Feuer werfen – alle Ausgaben des Petron, Lucian, Boccaz, Molza, Casa des Erzbischoffes, Lazarelli, Berni, Bembo des Cardinais, Aretin, Dolce, des sechssinnichten Grecourt und des geliebten la Fontaine und Crebillon – alle Komödien – ausser zwoen von Leßingen – alle Tragödien – ausser denen des Shakespear und ** und ** und **** – und alle Romanen – ausser meinem Don Quischott, Tom Jones und Agathon! (das könnt' ich unmöglich thun, und wenn man mich mit der Tortur dazu zwingen wollte, daß ich nur einen davon, wie gewisse Censoren an der D** mit Füßen träte – welche Distelgeister!) – und kurz!

Alle Bibliotheken zusammen irgend hundert Bücher noch ausgenommen. Denn fast alles, was gut und schön geschrieben worden ist, entfernt uns von dem Genuße der unschuldigen Freuden der Natur, wie Sirenengesänge den Ulysses, auf Klippen, an welchen unsere Glückseeligkeit den erbärmlichsten Schiffbruch leidet; und dann waren die Griechen die weiseste Nation, das auserwählte Volk der Grazien und Musen, und hatten wenig Bücher, mit welchen Pedanten der Jugend ihr jugendliches Leben hätten abstehlen können.

Aber da wir sehen und hören, daß alles Singen und Sagen der Weisen nichts fruchtet, daß alles seinen alten Gang gehet – daß die schnurgeraden ordentlichen Republiken des göttlichen Plato und des Bürgers des Jahres 2440 niemals gewesen sind und nie seyn werden, so lange uns nicht ein Pygmalion die Gnade anthut, uns in stählerne oder hölzerne Maschienen zu verwandeln, und so lange nicht alle Gegenden des Erdbodens den fünf und vierzigsten Grad der Breite erhalten, so wollen wir uns denn auch keines Verbrechens schuldig gemacht zu haben glauben, wenn wir eine sehr wohlgerathene Uebersetzung des Petronischen Romans den ehrlichen Teutschen zu Nutz und Vergnügen drucken lassen. – Wir würden es so nicht über das Herz bringen können, einige von unsern Lieblingsautoren, welche wir oben, den strengen Herrn zu Gefallen, genannt haben, auch in einem Elysium, wo sie selbst wären, ins Feuer zu werfen. –

Man dürfte wenig Bücher lesen, wenn man keines lesen dürfte, woraus ein Narr oder Geck Gifft für seines Geistleins Seeligkeit hohlen könnte. Die besten Bücher können schaden. Wie mancher hat sich schon durch die Gesichter in der Offenbahrung Johannis, einem der heiligsten Bücher, nach der gründlichen Meinung der allergrößten Gottesgelehrten, die Nerven in seinem Gehirne verrückt! Soll man es deswegen nicht lesen und sich daraus herzlich erbauen? Hat nicht der tapfre Schweizer Lavater in diesem Buche die besten Gründe für das tausendjährige Reich der christlichen Kirche und die herrlichsten Aussichten in seine herrlichen Aussichten in die Ewigkeit gefunden?

Wie viel gute Lehren kann man aus den Erzählungen des Boccaz und der Margarethe von Navarre und des Hanns la Fontaine und Rosts und Wielands lernen? Wie sehr kann man sich auch darüber erbauen und sich freuen? Welch eine seelige Wonne kann man bey dem Sopha des Crebillon und seinem beliebten Schaumlöffel empfinden? Wenige unter uns Weibeskindern verstehen freylich die Kunst, wie die Bienen, das Honig zu suchen! Aber liegt die Schuld an uns unschuldigen Uebersetzern, Erzählern und Dichtern?

Die Dichter, Mahler und Romanschreiber haben ihre eigne Moral. Es wäre eine sehr unbillige Forderung, wenn man von ihnen verlangte, sie sollten lauter Grandisonen, Madonnen und Crucifixe und Meßiaden zur Welt bringen. Die Moral der schönen Künste und Wissenschaften zeigt die Menschen, wie sie sind und zu allen Zeiten waren, in hervorstechenden Handlungen, allen Menschen zum Vergnügen, zur Lehre und Warnung.

Es ist einem Genie also erlaubt, alles zu beschreiben und zu mahlen, was geschehen ist und geschehen seyn kann. Es ist ihm erlaubt, die schönsten und häßlichsten Handlungen und Gedanken der Menschen in den ausdrückendesten Worten zu erzählen und zu mahlen. Nur dann allein ist er strafbar, wenn er die abscheulichen Laster, als gute Handlungen anpreiset.

Nun ist die Hauptfrage: was ist eine gute, was ist eine böse Handlung? was ist Tugend?

Iezt ist das weiter nichts, als ein Wörtchen, womit die Schurken und Heuchler dieser Erde die unschuldigen Kinder, von der Natur zur Freude geschaffen, unglücklich zu machen suchen. Denn sie wissen nicht, was sie ist, und haben die süße Wonne nie empfunden, mit welcher sie alles, was in uns empfindet, entzücket.Hier kann ich nicht unterlassen, einige Verse aus einem Gedichte anzuführen, welche sehr gut sind, ob das Gedicht gleich selbst öffentlich durch die Hände des Scharfrichters ist verbrannt worden. Man kann auch dieses als ein Beyspiel ansehen, daß man in dem schlimmsten Buche etwas gutes finden könne, wenn man unter die Bienen gehört.

De la vertu chacun vante la gloire
C'est un beau mot, il trompe les humains –
Un moine obscur, feu Saint François d'Assise
A pris pour elle un grotesque cordon.
Benoit, Pacôme, Antoine, Hilarion
Dans le désert ont jeûné pour lui plaire;
Frère Gusmand la mit dans un Rosaire,
François de Paul dans la soupe à l'oignon.
Le vieux Simon en fit un scapulaire,
Bruno lui mit un pesant capuchon

u.s.w.

Man könnte beynahe von diesem verbrannten Buche die Anmerkung machen, welche Voltaire dem Könige von Dänemark sagte:

Un livre est-il mauvais? rien ne peut l'excuser.
Est-il bon? tous les Rois ne peuvent l'écraser.
On le supprime à Rome et dans Londres on l'admire,
Le Pape le proscrit, l'Europe le veut lire.

Denn so bald es verbrannt war, so stieg es gleich dem Vogel Phönix schöner aus seiner Asche hervor.

Ein Tugendhaffter ist ein Geschöpf, welches bey ieder Gelegenheit in seinem reinen Busen ein süßes Wallen empfindet, welches ihn reizet, allen Geschöpfen Freude zu verschaffen und sich selbst zu freuen und alles Elend zu entfernen. Und auf diese Art kann man ein tugendhaffter Mann seyn und komische Erzählungen machen, wie Chaulieu und Voltaire dichten, und kurz! den Petron übersetzen. Diese Tugend reizt uns freylich nicht, einfältigen Vorurtheilen, die zur Schande des menschlichen Geschlechts schon viele Galiläi und Cervantes unglücklich gemacht haben, Weyrauch, als Göttern zu opfern. Der Tugendhaffte verehret nur dann die Vorurtheile, wenn sie glücklicher machen als die Wahrheit, an deren Stelle sie stehen.

Ein Dichter richtet sich nach der Moral des Volkes, dessen Landesleute er reden und handeln läßt, – das ist: nach deren Sitten und Gebräuchen. Die Knabenliebe war z.B. bey den Griechen und den mehrsten alten Völkern erlaubt und der göttliche Plato will in seiner Republik seine Helden mit dem Genuße der schönsten Knaben belohnen –

– »Was die Heyden für abscheuliche Ungeheuer waren! welche Bestien müssen die übrigen gewesen seyn, da einer von ihren Weisen, der als der tugendhaffteste ausgeschrieen ist, solche Verbrechen und Lasterthaten in der besten Republik hat verordnen können! und noch dazu zur höchsten Ehrenbezeugung und Belohnung! Und sollte man nicht die Ungeheuer aus unserm Lande jagen, welche die Glückseeligkeit der Griechen immer so sehr ausposaunen und erheben? – «

Gleich will ich Ihnen antworten Herr Lactanzianer!Lactanz, nennt eben auf diese Art den göttlichsten Mann auf dieser Erde, welchen einige andere Kirchenväter zum Vorläufer Christi machen, den Sokrates »einen einfältigen, dummen, rasenden, verwegenen, hirnlosen Kerl und Schwätzer«.

Die Griechen und alle aufgeheiterte Nationen – ich muß es nur einmahl sagen, da es keiner von unsern Genieen noch gesagt hat und sagen will – hielten die Theile des Leibes, weswegen wir armen Erdensöhne und Töchter wir wissen selbst nicht, warum? – uns so sehr zu schämen pflegen, nicht für das Allerheiligste im Himmel und auf Erden, mit welchen man bey Lebensstrafe ja nichts anders berühren dürfe, als ein Mann ein einziges Theilchen an einem einzigen gewissen Weibe und ein Weib ein einziges Theilchen an einem einzigen gewissen Manne, das und den man sich nach seinem Gefallen auswählen könnte, ausser denen Personen, welche Gott verboten hätte – damit das Blut nicht vermischt würde. – O heiliger Sokrates bitte für uns möchte man hier mit dem Erasmus ausrufen.

Davon, mein Herr, wußten die Griechen nichts. Wie konnten sie es auch wissen, da sie es weder an den Gestirnen des Himmels, noch in dem Schoose ihrer Mutter Erde lesen konnten? So viel allein konnten sie aus den Gesetzen der Natur wissen, daß man von einem Manne in seiner Blüthe nicht mehr verlangen könne, als daß er iedes Jahr ein Kind dem Staate zeuge, weil ein Weib neun Monathe zu der Geburt desselben nöthig habe, und doch wenigstens drey Monathe vom Jahre ausruhen wolle. Sie verlangten also auch nicht mehr von einem Manne. Die Zeit, welche die Männer nach Vollbringung dieses wichtigen Werks übrig hatten, wendeten sie zu ihren bessern Vergnügen an und die Gesetze des Staates erlaubten es ihnen. Wer will ihnen beweisen, daß ihre Vergnügungen mit schönen Ganymeden sie nicht mehr hätten entzücken sollen, als mit ihren Weibern? Ieder Mensch hat den Maaßstab seines Vergnügens in seiner eignen Brust; und ieder von diesen Maaßstäben ist verschieden. – Selbst einer von den größten Weisen unter den Alten, ein Kenner des wahren Guten und Schönen, Lucian zieht die Knabenliebe der Frauenliebe in seinem Gespräche über die Liebe vor; und Zeno, der Luther und Calvin der stoischen Secte, welche Montesquieu für die weiseste hält, die ie auf Erden war, sagte in seinen Streitschrifften: »Es ist kein Unterschied, ob man bey einem Knaben oder Mädchen den Trieb zur thierischen Wollust stillet; es ist gleich anständig, man mag lieben wen man will.« Ferner lehrte Chrysipp öffentlich in seiner Republik: »Ich halte es für das beste, wenn man die Sachen so einrichtet, daß eine Mutter mit ihrem Sohne, ein Vater mit seiner Tochter und ein Bruder mit seiner Schwester Kinder zeugen kann.«Sextus Empiricus führt diese Stellen am Ende seines Systems zu zweifeln an, woselbst er eine ganz abscheuliche Stelle für uns aus eben diesen Streitschrifften des Zeno anführt, welche ich der Seltenheit wegen noch übersetzen will.

»Ich weiß nicht«, sagt er, »warum man sich wundert, daß Oedip seiner Mutter lokasta ehelich beygewohnet hat! denn wenn seine Mutter krank gewesen wäre, so würd' er ihren Schmerz ein wenig haben besänftigen wollen, indem er sie mit seinen Händen an irgend einem Theil ihres Leibes gejuckt hätte, und man würde nichts unanständiges in dieser Handlung gefunden haben. Warum sollte man für unanständig halten, wenn er seine Mutter ergötzte und sie tröstete, indem er ihr einige andere Theile des Leibes juckte und dadurch rechtmäßige Kinder mit ihr zeugte?« Diese Stelle lehrt uns den Zeno besser kennen, als alles Lob und aller Tadel, womit ihn die Alten belegt haben.

Der guten, wohlthätigen Natur hat nun diese Mannigfaltigkeit der Neigungen der Menschen so beliebt; und du Geschöpf von ihr willst deine Mutter tadeln? –

Wie man sich doch in der Hitze übereilen kann! – Vergeben Sie mir diese harte Stelle! ich bitte Sie um unsrer schwächlichen Menschheit willen! Nein! meine Matronen und Herrn! nein! nein! ich billige die Knabenliebe gar nicht! das, weswegen ich dem Heuchler Augustus noch gewogen bin, ist hauptsächlich dieses, daß er legem Scantinam erneuerte und legem luliam gab und legem de adulteriis et pudicitia und legem de maritandis ordinibus – in welchen Gesetzen allen die härtesten Strafen auf die Knabenliebhaberey gesetzt waren. Die Knabenliebe ist gerade zu wider die Fortpflanzung des menschlichen Geschlechts und läßt keine blühende Nachwelt erwarten. Nein! ich billige die Knabenliebe gar nicht! Ich liebe das schönere Geschlecht zu sehr, als daß ich seinen Verlust dabey so gelassen mit ansehen könnte; und wer hat einen so verderbten Busen, daß er bey einer reizenden Glycerion nicht mehr Wonne des Lebens zu empfinden glauben kann, als bey einem schönen Ligurin oder Bathyll? Nur ein Schatten von der Empfindung, ein Kind der Liebe dem Staate zu geben, ist mehr, als alles, was Anakreon und Horaz und Virgil und, was die Damen betrifft, Sappho von ihrer Wollust gesungen haben.

Petron selbst dachte eben so, wie ich hier denke. Seine Erzählung von den Begebenheiten des Giton ist weiter nichts, als eine Satyre. Aus verschiedenen satyrischen Zügen auf die Knabenliebhaber will ich nur die Begebenheit mit der reizenden Circe anführen – Hier, zeigt Petron – hätte wenigstens einer von den grauhaarigten Erklärern, den Burmännern, Salaßen, Erhardten und Heinsen ausrufen können, damit ich es nicht thun müßte – was die Unmäßigkeit in der Knabenliebe für bittere Folgen habe! die größte, höchste Wollust seines Lebens mußte Enkolpion einbüßen, weil er immer bey seinem Giton geschlafen hatte, und war nicht im Stande, eine Liebesgöttin, die ihn mit den feurigen Armen lechzender Begierden umschlang, glückseelig zu machen!

Auf diese Art macht' Petron seine Satyren! diese greifen das Herz und den Verstand an! er poltert und prediget nicht Bußpredigten, wie luvenal! von diesen wußte er, wie wir alle wissen, daß sie leider! nichts helfen.

Noch muß ich auch den Kunstrichtern etwas zum Vorberichte sagen.

Meine Herren

Aufrichtig will ich Ihnen es gestehen, daß ich wenig von den Eigenschafften besitze, die man gewöhnlicher Weise von einem Uebersetzer verlangt. Einer von den ersten und schönsten Geistern der teutschen Nation schrieb mir, da ich ihm Nachricht von dieser Uebersetzung gegeben hatte, zur Antwort: »Ich halt' es Ihrem Genius für leichter, selbst ein Satyricon von irgend einem Kaiser im Monde zu schreiben«, aber die Uebersetzung war schon beynahe fertig.

Wir haben noch wenig erträgliche Uebersetzungen von den griechischen und römischen Schrifften. Die Franzosen haben dadurch ihre Sprache bereichert und vervollkommet und Weisheit, Sitten und Kenntnisse der aufgeheitertesten Genieen der Griechen und Römer ihrer Nation mitgetheilet, so wie auch die Italiäner und Engelländer– warum sollten wir Teutschen nicht auch anfangen, die Meisterstücke dieser Alten zu übersetzen, da ihre Weisheit auf fremden Boden verpflanzt, so schöne, gesund machende Früchte bringt.

Ich habe den Petron gewählt, weil – die Franzosen sechs Uebersetzungen davon, und wir noch keine haben; und weil ** und weil ** und weil mir viele Stellen in dieser Schrifft so sehr gefallen, daß ich sie gern unsrer Nation in ihrer Sprache sagen wollte.

Mir war nichts angelegners bey dieser Uebersetzung, als ieden schönen Gedanken und schönen Ausdruck und ieden starken Gedanken und starken Ausdruck in seiner ganzen Schönheit und ganzen Stärke in unsre Sprache überzutragen. Finden Sie einige Gedanken und Ausdrücke, meine Herren, wo dieses nicht geschehen ist, so bitt' ich Sie, mir dieselben anzuzeigen; ich verspreche Ihnen, wenn Sie Recht haben, mit Ihren Anmerkungen darüber, wenn sie mir zu Gesichte kommen, bey der zwoten Ausgabe diese Uebersetzung zu verbessern. Ich bin wohl eins von den gutherzigsten Geschöpfen – ich muß nur à la Montagne mich ein wenig selbst loben – die auf dieser Erde herum wandeln und weiß sehr wohl, daß ich Fleisch und Blut und Mängel und Gebrechen, wie alle Menschen habe. Meine eigne Erfahrung und nicht allein Lucian und Sextus haben mich das gelehret. Beleidiget man mich mit Bosheit, dann wehr' ich mich, wie ein Grieche, wie ein Spartaner; sagt man mir was gar zu einfältiges, so thu ich, als wenn ich es nicht gehört hätte, wie ich schon offt es gethan habe, oder lasse meiner Laune, mit welcher mich die Natur, ich weiß noch nicht, ob zum Glücke oder Unglücke, reichlich beschenkt hat, ihren Willen; lehrt man mich aber etwas gutes, das ich noch nicht gewußt habe, dann möcht' ich dem Manne, der es thut, das Herz aus dem Leibe mittheilen.

Ich habe bey der Uebersetzung selbst die Ausgabe des Petron von Burmann gebraucht, nicht wegen der eignen Anmerkungen des Seeligen; denn dieser hat nichts oder höchstens sehr wenig von den Schönheiten des Satyricon empfunden und ihn sehr selten verstanden, wie es fast bey allen Variantensammlern zu sehen ist, – wenn er noch lebte, so würd' ich das nicht sagen, aber er ist schon vor dreyßig Jahren gestorben und hört's nicht – sondern weil er das mehrste, was darüber angemerket worden, zusammen getragen und das Original selbst ziemlich gereiniget, heraus gegeben hat.

Das noch im vorigen Jahrhunderte gefundene Fragment, welches die Trimalcionische Mahlzeit ergänzt, wird ieder für ächt halten, der es ohne Vorurtheile gelesen. Es ist keinem Manne iezt möglich, wie ich glaube, etwas in dieser Schreibart, in welcher es geschrieben ist und geschrieben werden mußte, dem Petron nachzumachen. Der Streit darüber ist auch unter den Gelehrten nun völlig entschieden. Ich hab' es also auch als ein ächtes Fragment des Petron übersetzt.

Was aber das betrifft, was Nodot herausgegeben, so sag' ich, wie Ieder, der nur ein wenig Latein und nur etwas weniges vom Petron gelesen hat, sagen muß, daß es Nodot aus seinen wenigen Kenntnissen, die er von der römischen Litteratur hatte und aus dem Vorrathe von Gedanken seines ganz kleinen Geistes, ohngefehr wie ein moderner Töpfer einen Arm und einen Fuß an eine schöne Bacchantin – an den alten Enkolp gekleidet hat. Er hat auch weiter nichts gewagt, als den Zusammenhang zu ergänzen, wie ihn die Ueberbleibsel vom Satyricon deutlich anzeigen. Ich habe sein Fragment deswegen auch mit übersetzt, und zwar sehr frey, damit diese Uebersetzung einiger Maaßen sich als ein Ganzes lesen lasse.

Burmann hat den armen Nodot, noch bey dieses Lebzeiten, so ausgeschimpft und gebrandmahlet, daß ich offt Mitleiden mit ihm gehabt habe. Er konnte keinem Strassenräuber, keinem Mörder ärger begegnen. Er spricht völlig die Sprache der ** Kunstrichter mit ihm.

Sein Fragment ist noch ganz erträglich gemacht, nur der Anfang taugt leider! gar nichts. Das Latein ist das schlechteste und die Gedanken und die ganze Erfindung sind erbärmlich. Fabricius Veiento ist hier, wie ein Pflaster auf dem Auge zu sehen.

Es ist nicht wohl begreiflich, wie Nodot die Augen der Mitglieder von einigen Akademieen mit seinem Fragmente so sehr verblenden konnte, daß sie es für eine ächte Geburt des Petronischen Geistes erklärten! Wie konnte Charpentier es wagen, eins von den schönsten Werken des Weisen der Grazien, des Xenophon, zu übersetzen, da er so wenig Empfindung des griechischen Schönen hatte und zuerst die französischen Liebeshändel des Enkolp mit der Doris und Tryphäna mit ungeheuren Lobsprüchen erhob, als wenn sie das schönste Stück im ganzen Satyricon wären! – Wenn Sie nicht so gewaltig strenge wären, meine Herren, so weiß ich wohl, was ich gethan hätte. Ich hätte nämlich das Nodotische Fragment gänzlich weggelassen, das ganze Manuscript im Herkulaneum oder sonst wo gefunden und Ihnen nur einstweilen die Uebersetzung davon mitgetheilet und einen Strauß gewaget. Aber weil Sie so gewaltig strenge und unbarmherzig sind, so hab' ich – den Herrn Fabricius Veiento auch an der Spitze meiner Uebersetzung stehen lassen.

Uebrigens muß ich Ihnen noch entdecken, daß ich Hoffnungen habe, von einem meiner guten Freunde in Sicilien ein Manuscript von diesem Satyricon zu erhalten, an welchem, wie er schreibt, nur sehr wenig von dem Wurm der Zeit abgenaget ist; den Schatz, welchen ich darinnen finden werde, will ich Ihnen mittheilen, wenn ich wieder zurück nach Teutschland komme. –

Nun empfehl' ich mich denn allen denen, welche dieses und diesen ersten Roman mit untermischten Versen lesen, und bitte jede schöne Seele um Verzeyhung, wenn sie die Petronischen Beschreibungen von den schaamlosen Handlungen der Römer und Römerinnen, welche zu den Zeiten der ersten Kaiser von der Würde der Menschheit in die unreinsten Strudel der Wollüste hingerissen waren, ärgern sollten. Sie mögen bedenken, daß die Charitinnen, die Göttinnen der unschuldigen Freuden, sehr selten auf diesem schmuzigen Irrsterne, der Erde, verehrt wurden. Es strahlen einige Perioden in der Geschichte der Menschheit hervor, in welchen sie nur von einem kleinen Häuflein von Geistern, die vom Himmel abstammen, angebetet wurden. Auch in dem goldenen Zeitalter dieser Erde, wo in Griechenland ieder empfindliche Busen ihre seeligen Einflüsse empfand, wo sie dem Sokrates, Xenophon, Pindar, Damon, Phidias und Apelles und Aspasien und auch Laidion bisweilen leibhafftig erschienen, gab es immer einen Aristophan, oder weinerlichen, boshafften Sophisten oder eine freche Buhlerin, welche sie zu verscheuchen suchten, und denen es gelang, ihre Lieblinge zu ermorden oder aus dem Schoose ihres Vaterlandes zu verjagen; wie es zur Schande der Athenienser mit dem Sokrates und Phidias, und beynahe auch mit Aspasien, geschehen ist.

Auch in unserm Teutschlande ahmt man iezt den Römern nach und man könnte in verschiedenen großen Städten ein Satyricon von noch ausgewähltem Bastarden der thierischen Liebe anfüllen. Aber wenige Menschen würden es als ein Satyricon lesen, so, wie vielleicht wenige diese Uebersetzung, als ein Satyricon lesen werden.

Zürnen Sie nicht über mich armen Uebersetzer! ich durfte ia dieses Satyricon nicht besser machen, als es ist; Sie kennen ja unsere Kunstrichter! –

Ich hoffe durch diese Gedanken mir die Anbeterinnen und Anbeter der Sokratischen Grazien zu Freundinnen und Freunden gemacht zu haben. Ich verzweifele nicht daran. Sie haben die besten Herzen und können nicht lange zürnen. – Lebe wohl, geliebtes Vaterland! möchte man nicht wieder von dir sagen können, was ich kurz vor der Ermordung unsers großen Winkelmanns in einer vielleicht zu jugendlichen Hitze sagte, weil ich doch eben von der Verehrung der Grazien in Teutschland gesprochen hab.

Ins Land der schönen Phantasieen
Hat Teutschland seinen Mengs und Winkelmann gegeben –
Es darf darum sich warlich nicht erheben!
Singt Metastasio nicht auch für uns in Wien?
Hat uns das Land der schönen Phantasieen
Jomelli nicht nach Schwaben gar gegeben?
Die Teutschen reiften erst in Welschland zu Genieen,
Und diese wurden uns so wie sie sind gegeben.
Es ist die Frage nur, was mehr zu tadeln ist?
Hier sagte Sokrates: Italien du bist
Ein Henker deiner Charitinnen!
Und du o Teutschland deiner Huldgöttinnen!

Geschrieben in Augsburg im May 1772 während meiner Reise nach Italien, um den Winkelmannischen Apollo zu betrachten.

Schon so lange hab' ich euch versprochen, meine Begebenheiten zu erzählen, daß ich es nicht länger verschieben kann. Wir wollen uns nicht allein, da wir glücklicher Weise heute beysammen sind, von gelehrten Sachen unterhalten, sondern auch durch Scherze und angenehme Erzählungen ergötzen.

Sehr scharfsinnig hat Fabricius Veiento die Vorurtheile, welche sich in die Religion eingeschlichen haben, angegriffen und entdeckt, mit welcher betrügerischen Wuth wahrzusagen, die Priester von Geheimnissen und Wundern plaudern, von welchen sie nicht ein Wörtchen wissen. AberBis hieher geht der Nodotische Anfang. ergreift unsere Sprecher eine andere Art von Wuth, die da schreyen: Für die Freyheit des Vaterlandes empfieng ich diese Wunden! Dieses Auge habt ihr mir gekostet! Gebt mir einen Führer, der mich zu meinen Kindern bringe, denn meine in zwey gehauene Kniescheiben können mich nicht mehr aufrecht erhalten! –

Noch erträglich wäre das, wenn es jungen Anfängern den Weg zur Beredtsamkeit bahnte; so aber richten sie so viel mit diesem Schwulste von Worten und dem leeren Geräusche von Sentenzen aus, daß die Jünglinge glauben, wenn sie vor Gericht kommen, in einen ändern Erdenkreis versetzt zu seyn. Auf diese Art müssen sie in den Schulen zu Narren gemacht werden, weil sie nichts darinnen sehen und hören, was bey uns ändern Menschen im Gebrauch ist, sondern Seeräuber, die mit Ketten am Ufer stehen; Tyrannen, welche Befehle schreiben, in welchen sie den Söhnen gebieten, ihren Vätern die Köpfe herab zu schlagen; Orakel zu den Zeiten der Pestilenz gegeben, daß man drey oder vier Jungfrauen opfern solle – lauter Bündelchen von Honigwörterchen, lauter Perioden und Gedanken, die nach lieblichen Brühen und Gewürzen riechen.Eben dieses kann man auch über alle unsere sechs und dreyssig, so genannte, Akademien in Teutschland sagen, denn die studierenden Jünglinge werden darauf närrischer gemacht, als sie dahin von ihren Schulrectoren kamen. Theologie und Rechte werden ihnen auf die pedantischeste Weise beygebracht, und unsere Professores magnifici sind mehr, als unsre Reichsstände der Satyre werth, daß wir noch unter dem ungeheuren Joche der römischen Gesetze und Erklärer und der abgeschmackten Vorurtheile der scholastischen Theologie seufzen müssen. Ein weiser Mann, ein sokratischer Geist ist selten da anzutreffen; und die schönen Wissenschafften, von welchen die wenigsten, die sich als Erzlieblinge der Musen ausgeben, wissen, was sie sind, werden von erzürnten Journalisten gelehrt.

Deren Seelen damit genährt werden, können eben so wenig weise seyn, als diejenigen einen scharfen Geruch haben, welche in den Küchen wohnen. Mit eurer Erlaubnis sey es gesagt! wir haben zuerst unter allen die wahre Beredtsamkeit verlohren; denn indem wir mit leichten und leeren Schällen etwas Kindisches hervorbringen wollen, haben wir es dahin gebracht, daß das Ganze der Rede entnervt und schwächlich geworden ist.

Mit solchen Declamationen übte man die Jünglinge noch nicht, da Sophokles und Euripides Worte erfanden, mit welchen sie ihre großen Gedanken einkleiden wollten. Kein finstrer Pedant hatte das Genie ausgelöscht, da Pindar und die neun lyrischen Poeten mit Homerischen Versen donnern konnten. Und damit ich nicht allein die Poeten zum Zeugniß anführe, gewiß weder Plato noch Demosthenes bildeten sich auf diese Art. Eine erhabene und, wenn ich mich des Worts bedienen darf, eine keusche Rede ist nicht geschminkt und aufgeschwollen, sondern steigt durch ihre natürliche Schönheit empor.

Noch vor weniger Zeit wanderte diese aufgedunsene und regellose Geschwätzigkeit von Asien nach Athen und hauchte die in die Höhe steigenden Genieen der Jünglinge, wie eine Pestilenz, an; zugleich wurde die wahre Beredtsamkeit geschändet und überschrieen.

Wer gelangte nach dieser Zeit zur Höhe des Thucydides? wer zum Ruhme des Hyperides? Nicht einmahl ein Gedicht von einer gesunden Farbe kam zum Vorscheine, sondern alles, gleichsam von einerley Speise genährt, konnte nicht bis zum Alter reifen.

Eben denselben Weg mußte die Mahlerey gehen, da die Aegypter so verwegen waren, diese große Kunst ins Kleine zu bringen.Diese Stelle ist eine von den dunkelsten im ganzen Satyricon und die Scaliger Burmänner und die übrigen Giganten unter den Gelehrten haben in der größten Verzweifelung ihre Unwissenheit darüber gestanden und zugleich aber behauptet, daß sie keinem Thiere vom Weibe gebohren auf dieser Unterwelt erklärlich sey. Der Busensfreund unsrer neuern Antiquaren, von welchen sie Schminke borgen, Franz Junius selbst gestehet deswegen in seinen Büchern von der Mahlerey der Alten, daß wir – sechssinnichten Menschen nicht alles wissen können.

Ich will es also auch nicht wagen, diese Stelle zu erklären, es möchte Verwegenheit von mir zu seyn scheinen, und die Erklärung derselben von einem göttlichen Manne, wie ihn die Griechen würden genannt haben, vom Winkelmann anfuhren. Er berührt diese Stelle an verschiedenen Orten seiner Geschichte der Kunst, ich will seine Haupterklärung hier meinen Lesern abschreiben. »Der Verfall der Kunst mußte nothwendig durch Vergleichung mit den Werken der höchsten und schönsten Zeit merklich werden und es ist zu glauben, daß einige Künstler gesucht haben, zu der großen Manier ihrer Vorfahren zurück zu kehren. Auf diesem Wege kann es geschehen seyn, so wie die Dinge in der Welt vielmahls im Cirkel gehen, und dahin zurück kehren, wo sie angefangen haben, daß die Künstler sich bemüheten, den altern Stil nachzuahmen, welcher durch die wenig ausschweifenden Umrisse der ägyptischen Arbeit nahe kömmt. Da hier Petron von den Ursachen des Verfalls der Beredtsamkeit redet, beklaget er zugleich das Schicksal der Kunst, die sich durch einen ägyptischen Stil verdorben, welcher, nach dem eigentlichen Ausdrucke der Worte zu übersetzen, ins enge zusammen bringet, oder ziehet, (post quam Aegyptiorum audacia tarn magnae artis compendiariam invenit). Ich glaube hier eine von den Eigenschafften und Kennzeichen des ägyptischen Stils zu finden; und wenn diese Erklärung statt fände, so wären die Künstler um die Zeit des Petronius und vorher auf eine trockne, magere und kleinliche Art im Zeichnen und Ausführen gefallen. Diesem zufolge könnte man voraussetzen, daß, da nach dem natürlichen Lauf der Dinge, auf ein äusserstes das ihm entgegen gesetzte zu folgen pflegt, der magere und dem ägyptischen ähnliche Stil die Verbesserung eines übertriebenen Schwulstes seyn sollen. Man könnte hier den Farnesischen Herkules anführen, an welchem alle Muskeln schwülstiger sind, als es die gesunde Zeichnung lehret Man könnte auch die Klage des Petronius auf die häufigen Figuren ägyptischer Gottheiten deuten, welches damals der herrschende Aberglaube in Rom war, so daß die Mahler, wie luvenalis sagt, von Bildern der Isis lebten. Durch diese Arbeit der Künstler in dergleichen Figuren könnte sich ein Stil, welcher den ägyptischen Figuren ähnlich war, auch in ändern Werken eingeschlichen haben. Es finden sich noch iezt einige Statuen der Isis völlig auf Hetrurische Art gekleidet, die aus offenbaren Zeichen von der Kaiser Zeiten sind; ich kann unter ändern eine in Lebensgröße im Pallaste Barberini anführen. Diese Meinung wird diejenigen nicht befremden, welche wissen, daß durch einen einzigen Menschen, wie Bemini ist, ein Verderbniß in der Kunst bis itzo eingeführt worden; um so viel mehr könnte dieses durch viele, oder durch den größten Theil der Künstler, geschehen seyn, die in ägyptischen Figuren arbeiteten.« Geschichte der Kunst S. 237. ferner 8.40. und in den Anmerkungen über die G. der K. S.'n wo einige Herkulanische Gemählde zur Erläuterung angeführt werden.

Don Joseph von Salas erklärt diese Stelle noch auf eine andere Art nach dem Don Johann von Fonseca y Figueroay Xiolesy Bajalos, welche den Ungelehrten vielleicht wahrscheinlicher vorkommen wird, als die Winkelmannische. Er führt eine Stelle aus dem altern Plinius an, die folgender maaßen lautet: »Philoxenus Eretrius ein Schüler des Nicomachus war in der Arbeit eben so geschwind, wie sein Meister und erfand noch einige kürzere und Compendiarische Wege zur Mahlerey.« Darauf beschreibt er eine Art von Tücherfärberey der Aegypter – aber gefärbt ist nicht gemahlt. – Beynahe könnte man aus der Petronischen Stelle schließen, die Aegypter hätten die Holz und Kupferstecherey erfunden. – Wenn ich Neigung hätte, eine Professorstelle zu erobern, so könnt' ich durch eine schön und gründlich scholastisch geschriebene Disputation darüber vermuthlich eine von den S.T.Nutritoren verschiedener teutscher Akademien erhalten.

Dieses ohngefehr sprach auch ich einst, da Agamemnon zu uns kam und mit neugierigem Auge nachforschte, wem die Versammlung so fleißig zuhörte. Er litte nicht, daß ich länger unter der Gallerie redete, als er selbst in der Schule geschwitzt hatte, sondern sagte zu mir: »Jüngling, weil du eine Rede wider die gemeinen Vorurtheile hältst, und, welches man sehr selten antrifft, gesunden Menschenverstand hast, so will ich dir das Geheimnis der Kunst entdecken.

Unsere Lehrer fehlen nicht so sehr, als du glaubst, bey diesen Redeübungen; sie müssen mit den Wüthenden rasen. Wenn sie sich nicht nach dem Geschmacke der Jünglinge richteten, so würden sie endlich, wie Cicero weislich sagt, allein in ihren Schulen seyn. Wie Schmeichler, welche nach den Tafeln der Reichen gelüstig sind, auf nichts eher denken, als auf das, was sie ihren Zuhörern am gefälligsten zu seyn glauben. – Denn auf eine andere Art würden sie ihr Verlangen nicht stillen können, wenn sie den Ohren nicht einige hinterlistige Nachstellungen gemacht hätten. – Eben so auch ein Lehrer der Beredtsamkeit; wenn er nicht gleich einem Fischer denjenigen Köder in den Hamen gehängt hat, von welchem er weiß, daß die Fischchen darnach begierig sind, so wird er ohne Hoffnung der Beute auf den Felsen verweilen.

Sie sind zu entschuldigen. Die Aeltern aber verdienen die Peitsche der Satyre, welche ihren Kindern mit den strengsten Befehlen verbieten, zur ächten Kunst hinauf zu steigen. Ihre Hoffnungen beruhen auf einem närrischen Ehrgeize, und um ihre Wünsche so schnell, als möglich erfüllt zu sehen, treiben sie sie mit rohem Geiste vor's Gericht, und diese aufwachsenden Knaben sollen dann die wahre Beredtsamkeit haben, welche sie selbst für das allerhöchste halten. Wenn sie Grade in dem Studium derselben gestatteten, so, daß die Lehrlinge durch Lesung der besten Schrifften anfiengen, sich zu bilden, daß sie ihre Geister durch die Lehren der Weißheit in eine gute Verfassung brächten, Fehler ohne Barmherzigkeit ausstrichen, lange das studierten, was sie nachahmen wollten – kurz! wenn ihnen nichts schätzbar wäre, was den kindischen Leidenschafften der Jugend schmeichelt; so würde jene wahre, starke Beredtsamkeit das alte Gewicht ihrer Majestät haben. So aber spielen die Knaben in ihren Schulen und vor Gericht werden sie verspottet; und was schändlicher, als alles ist, keiner will im Alter gestehen, was er vergebens erlernt hat.

Damit du nicht glauben mögest, daß ich den leichtfertigen Lucilius wegen seiner Verse aus dem Stegreife verachte, so will ich selbst wie er dir dieses stärker in Versen zu sagen versuchen.

Der Jüngling, welchen hohe Kunst entzücket,
Der selbst Homer und Demosthen will werden,
Der lerne Mäßigkeit und die Palläste
Und stolzen Schlösser zu verachten – Wollust
Lock' ihn mit Phrynens Armen nicht zu Schmäussen.
Falerner Schläuche dürfen nicht das Feuer
Von seinem Geiste löschen bey Verführern.
Sein Händeklatschen laß er nie erkaufen.
Er mag Athen, die Lieblingsstadt Minervens,
Tarent und der Syrenen Lust Neapel
Zu bilden seinen Geist erwählet haben,
So soll er hier zuerst den Musen opfern,
Den Nektar des Homers begeistert trinken!
Dann lern' er, was einst Sokrates gelehret!
Und nun ergreif er Demosthenens Waffen!
Aufmerksam wird das ganze Rom ihn hören,
Wenn er wie Demosthen nun römisch redet,
Wie Cicero erhaben, unbezwinglich –
Aus seinen Lippen wird die Suada reden!
Und wie Virgil wird dann er mit Entzücken
Uns Krieg und grosse Heldenthaten singen.
O darnach strebe Jüngling! Nektar wird dann
Aus deinem Busen quellen! wie Apollo
Wirst du in Rom vergöttert herum wandeln!«

Indem ich fleißig dieses mit anhöre, bemerkt' ich nicht, daß Ascylt sich aus dem Staube gemacht hatte; und indeß ich noch ganz erhitzt von diesem Gespräche auf und abgehe, kam ein Schwarm von jungen Gelehrten in die Gallerie, von einer Rede, wie es schien, welche ein Gewisser aus dem Stegreife den Vorschlägen des Agamemnon entgegen gesetzt hatte.

Während der Zeit, da diese Jünglinge über den Innhalt derselben spotten und den ganzen Vortrag davon lächerlich machen, schliech ich mich glücklich davon und lief dem Ascylt nach. Aber da ich weder genau auf den Weg Achtung gab, noch mich besinnen konnte, in welcher Gegend unsre Wohnung wäre, so kam ich immer wieder dahin, wo ich schon gewesen war. Endlich von Laufen ganz ermüdet und schon vom Schweise triefend, gieng ich zu einem alten Weibchen, welches grüne Waare verkaufte und fragt' es. »Liebes Mütterchen, ich bitte dich, weist du etwa, wo ich wohne?« Es lächelte über diese poßierliche Frage; »warum sollt' ich es nicht wissen?« sagte das Mütterchen, stand auf und fieng an, vor mir herzugehen. Ich hielt es für eine Wahrsagerin. Bald darauf, da wir in einen abgelegenen Ort gekommen waren, eröffnete das höfliche Weibchen eine verborgene Thür, und sagte: »Hier mußt du wohnen!«

Indem ich ihr sagte, daß ich das Haus in meinem Leben noch nicht gesehen hätte, sah ich einige unter Ueberschrifften und nackenden BuhlerinnenDiese Ueberschrifften enthielten die Namen der Buhlerinnen und der knäblichen Buhler und ihr Alter und ihre Eigenschafften; über ihnen waren sie in ihrer größten Schönheit abgemahlet. Wer sich dieses deutlich vorstellen will, darf nur das Handbuch einiger Damen von Stande, l'Academie des Dames durchblättern. Uebrigens ärgere man sich nicht darüber, daß die Buhlerinnen ganz nackend da standen; bey den Griechen und Römern konnten sich ehrbare Matronen, so gar an ihren hohen Festtagen, z.B. den Lupercalien und vielen andern, ohne Sünde zu begehen, ganz nackend zeigen. Damals gab es noch Menschen; iezt sind wir alle Komödianten. schüchtern herum spazieren. Endlich, aber leider zu spät! sah ich ein, daß man mich in V**nest gebracht habe. Ich verfluchte die Alte, welche mir diesen Streich gespielet hatte, verhüllte mein Gesicht, und flohe mitten durch den Saal in einen andern Theil des Haußes. Und siehe! da ich am Ende desselben war, lief mir Ascylt eben so abgemattet und halbtod in die Hände. Drauf schwören hätt' ich wollen, er sey von eben dieser Alten hieher gebracht worden. Ich mußte über ihn lachen und küssend fragt' ich ihn, was er an einem so saubern Orte thäte? Er wischte sich den Schweiß mit den Händen ab und, »wenn du wüßtest«, sagte er, »was mir begegnet wäre.« – »Nun? was neues?« fragt' ich ihn.

Noch keuchend erzählt' er mir darauf: »Da ich durch die ganze Stadt hin und wieder lief und nicht ausfindig machen konnte, an welchem Orte ich unser Quartier zurück gelassen, kam ein Haußvater zu mir und erbot sich auf das höflichste zu meinem Wegweiser. Durch dunkle und abgebrochene Wege bracht' er mich endlich hieher, drückte mir ein Stück Geld in die Hand und verlangte von mir, daß ich ein wenig sein Ganymed seyn möchte. Schon war ein Kämmerlein dazu gemiethet, schon hatt' er die Hände über mich geworfen und wenn ich nicht der stärkere gewesen wäre, so wäre leider! das Unglück geschehen.«

Während dieser Erzählung überraschte uns der nämliche Haußvater von einer artigen Dame begleitet. Zärtlich blickt' er den Ascylt an und bat ihn: er möchte doch nur wieder hereingehen, er versicherte ihn bey allem, was heilig sey, daß er nichts zu befürchten habe und wann er nichts mit sich wollte anfangen lassen, so sollte er wenigstens selbst was anfangen.

Die Dame machte sich an mich, und bat inständig, daß ich mit ihr gehen möchte. Das thaten wir dann endlich auch alle beyde. Wir kamen unter die Ueberschrifften und sahen viele von beyderley Geschlechte in den Zellen sich einander die Zeit vertreiben; allen schienen mir SatyrionSatyrion, Stendelwurz oder Knabenkraut, wurde bey den Alten sehr häufig gebraucht. Man bereitete es auf vielerley Art zu; und Plinius versichert so gar, daß ein Mädchen manntoll werde, wenn es nur diese Wurzel so lange in der Hand habe, bis sie darinnen warm werde. Eben diese Würkungen soll sie auch bey den Männern hervorbringen. Einige von den griechischen und römischen Damen versichern uns, daß das Frauenzimmer sich ihrer sehr selten bedient und dieses Mittel auch nicht nöthig gehabt habe, wohl aber sehr offt die Männer.

Ob es wahr sey, oder nicht – wollen wir unseren Leserinnen und Lesern zu entscheiden überlassen, da wir in dergleichen Sachen fast wenig Erfahrungen haben.

getrunken zu haben.

Kaum hatten sie uns erblickt, so lockten sie mit buhlerischer Frechheit uns zu sich und gleich ergriff ein halbnackender Faun den Ascylt, warf ihn auf ein Bett und fieng an zu arbeiten. Ich sprang ihm zu Hülfe, und da wir unsere Kräffte vereinigten, zwangen wir ihn, wieder abzuziehen. Ascylt gieng hinaus und flohe davon und ließ mich ihrer Geilheit zum Raube. Aber da ich stärker, als alle diese schwächlichen Geschöpfe war, kam ich noch unbeschädiget davon.

Bey nahe war ich die ganze Stadt durchstrichen, als ich wie durch einen Nebel den Giton in dem Winkel eines Gäßchens an der Thürschwelle unserer Herberge gewahr wurde; in einem Augenblicke war ich bei ihm. Wir giengen mit einander auf unser Zimmer, und da ich ihn fragte, ob der Bruder die Mittagsmahlzeit für uns bestellt habe, so setzte sich mein Liebling aufs Bett und fieng an zu weinen, daß ihm die Thränen über die Bäckchen herabrollten. Ich wurde ganz bestürzt darüber und fragte, was ihm widerfahren sey? Endlich und endlich, wie wohl ungern, nachdem ich Bitten mit Drohungen vermischt hatte, sagte er: »Dort dein Bruder oder Camerad oder wer er sonst ist, kam, erst vorhin, hieher gelaufen, und wollte – und wollte mich mit aller Gewalt entblössen. Und da ich aus Leibeskräften schrye, so zog er den Degen und sagte, wenn du Lucretia bist, so hast du einen Tarquin gefunden!«Die Begierden des Ascylt wurden durch den Anfall im Bordelle aufrürisch gemacht, er mußte also auf diese Art den schönen Giton behandeln. Wir sind ein Spiel der Leidenschafften und unsere Fehler verdienen daher Verzeyhung, weil sie nothwendig sind.

Nach dieser Nachricht hielt ich dem Ascylt die Faust vor die Augen und sprach zu ihm: »Was antwortest du? du Hure wie ein Weib? was sagst du dazu? du! aus dem kein reiner Athem geht?«

Ascylt stellte sich, als wenn er sich darüber entsetzte; gleich darauf aber streckte er wüthend die Hände nach mir aus und schrye weit hefftiger, als ich: »Willst du nicht schweigen verruchter Klopfechter, der du mit genauer Noth, weil du ein Mörder deines Wirthes warest, der Strafe des Amphitheaters entgangen bist? Nächtlicher Strassenräuber, der du nicht einmahl damals, als du noch nicht so ausgemergelt warest, mit einem reinen Frauenzimmer zu thun gehabt hast? du der du mich in jenem Garten zu eben so schändlichen Dingen gebrauchtest, zu welchen dir ietzt dieser arme Junge dienen muß?«

»Also deswegen hast du dich aus der Gallerie heimlich davon gemacht?«

»Was sollt' ich da thun Erznarr«, sagte er darauf, »da ich beynahe für Hunger sterben wollte? Es wäre wohl der Mühe werth gewesen, dieses Gewäsche mit anzuhören! Traumausdeutungen und dergleichen Possen! Bey allen Göttern du bist ein Schurke! du lobest so gar einen hungrigen Poeten, um ihn um eine Mahlzeit zu bringen!«

Darauf brach ich aus einem nicht allzu feinem Zank in ein lautes Gelächter aus und unsere aufgebrachte Galle wurd' ein wenig ruhiger.

Da mir aber dieser Streich doch nicht aus dem Sinne kommen wollte, so sagt' ich zu ihm: »Lieber Ascylt ich sehe wohl, daß wir uns nicht zusammen schicken, es ist am besten, wir theilen, was wir haben, und ieder sucht sich so gut fortzubringen, als er kann. Du bist in den Wissenschafften erfahren, und ich, damit ich deinem Glücke nicht hinderlich sey, will etwas anders ergreifen. Ausserdem würden uns hunderterley Dinge täglich veruneinigen und uns in der ganzen Stadt berüchtigt machen.«

Ascylt war nicht dawider. »Aber heute«, sagte er, »weil wir versprochen haben, als Gelehrten bey einem Schmauße zu erscheinen, wollen wir deswegen nicht diese Nacht verliehren. Morgen aber, weil du es doch so haben willst, will ich mich nach einem andern Quartiere und einem Freunde für mich umsehen.«

»Thu es nur fein bald«, sagt' ich zu ihm, »denn das Zaudern ist allezeit bey Dingen, die man verlangt, verdrüßlich.«

Diese plötzliche Trennung verursachte die Liebe; schon längst hatt' ich mir diesen beschwerlichen Wächter vom Halse gewünscht, damit ich mit meinem lieben Giton wieder auf den alten Fuß umgehen könnte.

Dem Ascylt gieng die Sache im Kopfe herum; er redte kein Wort und hastig gieng er zur Thür hinaus. Diese plötzliche Entfernung ließ mich nichts gutes vermuthen, denn seine ungestümme Hitze war mir bekannt, wie seine wüthende Liebe. Ich gieng ihm also auf dem Fuße nach, um seine Anschläge auszuforschen und ihnen zu widerstehen, aber er verschwand vor meinen Augen und vergebens suchte ich ihn lange auf.

Nachdem ich ihn in der ganzen Stadt aufgespürt hatte und nicht fand, kam ich wieder zurück zu meinem Giton. Ich hieng an dem Knaben mit den feurigsten Umarmungen und genoß der Wollust meiner Wünsche bis zum Neide. Ganz in Entzückung noch verlohren war ich, als Ascylt mit aller Stärke die Thüren von einander riß und mich in den Umarmungen meines Lieblings überraschte. Von seinem Gelächter und Händeklatschen wurde das ganze Zimmer erschüttert; er nahm uns die Decke und sagte: »O du frommes, heiliges Brüderchen! was machst du denn da? Ich glaube gar, du bist in dem Dienste der Vesta begriffen?« Bey den Worten blieb er nicht allein, sondern machte seinen Riemen los und prügelte mich kein klein wenig herum, mit vielen Stichelreden. »Nein!« sagte er, »liebes Brüderchen! so wollen wir nicht theilen! – «

Diese unvermuthete Sache zwang mich, die Beleidigung und die Schläge zu verschmerzen. Ich spottete also über den Vorfall und sehr klüglich; denn sonst hätte ich mit einem streiten müssen, der eben so stark war, und in meiner damahligen Verfassung weit stärker, als ich. Mit einem verstellten Lächeln stillte ich seinen Zorn. Er mußte selbst darüber lachen. »Und du Enkolp«, sagte er, »in Wollüsten ersoffen denkst nicht daran, daß wir kein Geld mehr haben und daß unsere Habseeligkeiten keine Bohne werth sind? Im Sommer ist in den Städten nichts zu schaffen! das Land wird uns besser bekommen. Weist du was, wir wollen unsere guten Freunde daselbst heimsuchen!«

Die Noth zwang mich den Vorschlag gut zu heißen und den Schmerz zu verbeißen. Wir bürdeten also dem Giton ein Paar Säckchen auf, giengen zu der Stadt hinaus und wanderten nach dem Schlosse des Lykurg, eines römischen Ritters.

Da Ascylt ehedem ein Brüderchen von ihm gewesen war, so wurden wir gnädig aufgenommen, und die daselbst versammelte Gesellschaft wurde in ihren Vergnügungen lebhaffter.

Wir fanden daselbst ein reizendes Mädchen, Tryphäna, welches mit einem Schiffshauptmann, Lykas, gekommen war, der ohnweit des Meeres liegende Güter besaß.

Was wir an diesem angenehmen Orte für Vergnügen genossen haben, ist unbeschreiblich, obgleich der Tisch des Lykurg sehr mäßig eingerichtet war. Sagen muß ich euch, daß wir gleich anfänglich uns alle in einander verliebten. Die schöne Tryphäna bezauberte mich, und ohne langen Widerstand gewährte sie mir meine Wünsche. Allein kaum konnt' ich an ihren Lippen hangen, als Lykas mißvergnügt, daß ich ihm seine Wollust raubte, eine Entschädigung dafür von mir verlangte; denn sie war seine alte Liebe. Er fieng also an, mich anzugreifen und verfolgte mich mit einer unbändigen Leidenschafft. Da aber Tryphäna mein ganzes Herz allein besaß, so schlug ich dem Lykas alle Hoffnung ab. Er wurde dadurch hitziger und verfolgte mich hefftiger, schlich sich zur Mitternacht in mein Schlafzimmer und, da ich seine Bitten verschmähte, wollte er Gewalt brauchen. Ich schrye, so sehr ich konnte; das ganze Hauß wurde davon aufgeweckt, Lykurg stand mir bey und ich wurde von dem beschwerlichen Ueberfalle befreyet.

Wie ihm endlich das Hauß des Lykurg zur Erfüllung seiner Wünsche nicht bequem schien, so versucht' er mich zu bereden, daß ich bey ihm meine Wohnung nehmen möchte; und da ich ihm dieses gerade abschlug, so bedient' er sich, dieses zu erhalten, der Tryphäna. Diese bat mich desto lieber darum, je freyer sie daselbst zu leben hoffte. Ich folgte also der Liebe.

Aber Lykurg, welcher die alte Bekanntschaft mit dem Ascylt wieder erneuert hatte, ließ ihn nicht von sich gehen. Deswegen wurden wir einig, daß er immer beym Lykurg bleiben möchte, wir aber dem Lykas folgen. Bey diesem wurde beschlossen, daß ein ieder nach Gelegenheit Beute zu unsrer gemeinschafftlichen Casse machen sollte.

Lykas war unglaublich froh darüber, daß wir in seinen Vorschlag willigten. Er beschleunigte unsre Abreise. Wir sagten einander das gewöhnliche Lebewohl und an eben diesem Tage kamen wir noch auf sein Landgut.

Lykas hatte die Sachen so fein geordnet, daß er unterwegs neben mir und Tryphäna dem Giton zur Seite saß. Wegen der ihm sehr wohl bekannten Unbeständigkeit dieses Mädchens hatt' er dieses so bewerkstelliget und hatte sich auch nicht betrogen, denn sie brannte gleich vor Liebe zu dem Knaben, welches ich sehr leicht bemerken konnte. Lykas gab mir auch dieses sehr genau zu verstehen und ich mußt' es leider! glauben.

Deswegen bezeigt' ich mich ihm auch gefälliger und er wurde ganz entzückt darüber; denn er glaubte gewiß, ich würde sie deswegen verachten, und ihm desto eher Gehör geben.

In dieser Verfassung waren wir in dem Hauße des Lykas. Tryphäna liebte den Giton aufs äusserste und Giton war ihr mit Leib und Seel' ergeben. Beydes war mir im mindesten nicht angenehm. Lykas aus Begierde, mir zu gefallen, ersann täglich neue Vergnügungen, welche Doris, seine schöne Gemahlin um die Wette vermehrte.

Diese machte ihre Sachen so gut, daß sie gleich anfänglich Tryphänen aus meinem Herzen verbannte; mein Liebäugeln gab ihr meine Liebe zu verstehen und voll von schalkhaffter Zärtlichkeit waren ihre Gegenblicke, so daß diese stumme Sprache der Liebe, vor der Zunge, die Sympathie unsrer Seelen verstohlner Weise ausdrückte.

Die Eyfersucht des Lykas, welche mir schon bekannt war, verursachte mein Stillschweigen, und die Liebe selbst hatte die Neigung ihres Mannes gegen mich der Gemahlin kund gemacht. So bald wir Gelegenheit hatten, mit einander zu sprechen, entdeckte sie mir es. Aufrichtig gestand ich ihr die Wahrheit, und erzählt' ihr zugleich, wie streng' ich ihm immer begegnet wäre. »Wir müssen hierbey ein wenig listig seyn!« sagte die schlaue; und nach ihrem Rathe war die Gewährung des einen mit dem Besitze des andern verbunden.

Unterdessen, da der erschöpfte Giton wieder Kräffte sammeln sollte, machte sich Tryphäna wieder an mich; aber weil sie kein Gehör bey mir fand, so verwandelte sich ihre Liebe in Wuth. Hitzig verfolgte sie mich überall und entdeckte endlich meinen Umgang mit Mann und Frau. Der Umgang des Mannes mit mir war ihr gleichgültig, dieser entzog ihr nichts. Aber die heimlichen Liebeshändel der Doris behagten ihr nicht, und diese machte sie dem Lykas bekannt; und da die Eyfersucht die Liebe bey ihm überwog, so rüstete er sich zur Rache. Aber Doris, welcher die Magd der Tryphäna alles verrathen hatte, enthielt sich unsrer heimlichen Zusammenkünfte, um den Sturm abzuwenden.

Wie ich dieses merkte, so verflucht' ich die Falschheit der Tryphäna und die undankbare Seele des Lykas und entschloß mich, wegzugehen. Das Glück war mir günstig, denn das reich beladne Schiff der Göttin Isis war den Tag zuvor an einer benachbarten Klippe gestrandet.

Ich besprach mich deswegen mit dem Giton, welcher sehr vergnügt über meinen Endschluß war, weil ihn Tryphäna, da er an Kräfften erschöpft, nicht mehr zu achten schien. In aller Frühe giengen wir also nach dem Meere zu und kamen desto leichter auf das Schiff, weil wir den Bedienten des Lykas bekannt waren. Aber da sie uns immer mit ihrer Gegenwart beehrten und wir keine Gelegenheit hatten, Beute zu machen, so ließ ich den Giton zurück, stahl mich glücklich davon, schlich mich auf das Vordertheil des Schiffs, wo die Statue der Isis stand, raubte das kostbare Gewand»Ein weiblicher Mantel, welcher der Isis eigen, Frangen hatte und allezeit über beyde Achseln herüber genommen und an zween Zipfeln unter den Brüsten zusammen geknüpfet war. Alle noch übrig gebliebene Statuen mit diesem Mantel stellen die ägyptische Göttin Isis vor.« Winkelmann in den Anmerkungen über die G. der K. S. 71. Dieser Mantel kömmt noch einigemahl in der Folge vor, deswegen hat Nodot das Schiff der Göttin scheitern lassen, damit Enkolp den seltnen Einfall haben konnte, darauf zu gehen und ihn auf die einfältigste Art zu stehlen. und das silberne Sistrum davon und andere reiche Kleider, welche dem Steuermann zugehörten, stieg heimlich auf einer Schiffsleiter hinab vom Giton allein bemerkt, welcher sich dann auch davon machte und heimlich mir nachfolgte.

Wie er zu mir kam, zeigte ich ihm den Raub. Nun beschlossen wir in aller Eile Ascylten aufzusuchen. Aber es war nicht eher wohl möglich, als den Tag darauf in das Hauß des Lykurg zu kommen. Ich erzählte kürzlich dem Ascylt den Diebstahl und wie wir ein Spiel der Liebe gewesen waren. Er gab uns den Rath, Lykurgen für uns einzunehmen und ihn zu verfuhren, daß die neuen Ausschweifungen des verliebten Lykas unsere heimliche und plötzliche Abreise verursacht hätten. Welches wir denn auch thaten, und Lykurg schwur, daß wir immer unter seinem Schutze wider unsere Feinde seyn sollten.

Unsere Flucht blieb verborgen, bis Tryphäna und Doris aufgestanden waren; denn wir versäumten keinen Morgen, auf das höflichste bey ihren Nachttischen unsere Aufwartung zu machen. Da wir also wider unsere Gewohnheit aus blieben, so ließ uns Lykas aufsuchen, vornemlich an dem Strande. Und da erfuhr er dann, daß wir auf das Schiff der Isis gegangen wären; des Diebstahls aber wurde nicht dabey erwähnt, indem man selbst auf dem Schiffe noch nichts davon wußte, da der Schiffsschnabel nach dem Meere zu sah und der Steuermann noch nicht auf das Schiff zurückgekommen war.

Da man endlich nun von unserer Flucht gewisse Nachricht hatte und sich Lykas darüber ärgerte, so fiel sein ganzer Zorn auf seine Frau, von welcher er glaubte, daß sie die Ursache davon sey. Ich will der Scheltworte und der Grobheiten seiner Hände gegen sie nicht erwähnen, denn ich weiß die besondern Umstände nicht davon. Ich will nur erzählen, daß Tryphäna, welche Schuld an allen diesen Verwirrungen war, dem Lykas den Rath gab, uns bey Lykurgen aufzusuchen, weil wir daselbst vielleicht unsere Zuflucht genommen hätten; sie wollte ihn selbst mit dahin begleiten, und uns, wie wir es verdienten, die Wahrheit sagen.

Den Tag drauf reisten sie ab und kamen auf das Schloß, aber wir waren eben nicht da; denn Lykurg hatte uns mit sich zu einem Feste des Herkules in ein benachbartes Städtchen genommen. So bald sie es erfuhren, reisten sie uns nach und trafen uns in der Vorhalle des Tempels an. Ihre unvermuthete Gegenwart machte uns ein wenig bestürzt. Lykas beklagte sich in den härtesten Ausdrücken bey dem Lykurg über unsere Flucht, aber er wurde so verdrüßlich und so verächtlich von ihm aufgenommen, daß ich, muthiger dadurch gemacht, mit überlauter Stimme ihm alle seine Bubenstücke und geilen Anfälle vorwarf, die er bey dem Lykurg so wohl, als bey sich auf mich gemacht hatte.

Tryphäna wollte ihm beystehen, aber sie kam mir iezt eben recht. Ich predigte der ganzen Versammlung, die auf meinen Lärm herbey gelaufen war, ihre Schandthaten. Zum Beweis der Wahrheit führt' ich den ausgemergelten Giton hervor und zeigte mich, wie ich von der alles verschlingenden Geilheit dieses Weibes bey nahe den Tod davon getragen hätte.

Die ganze Versammlung schlug ein helles Gelächter darüber auf; sie kamen darauf aus aller Fassung, dachten auf Rache und giengen ganz beschämt von dannen. Wie sie bemerkt hatten, daß wir den Lykurg eingenommen, so beschlossen sie, ihn auf seinem Schlosse zu erwarten, um ihn aus seinem Irrthume zu bringen. Da aber das Fest etwas spät geendiget wurde, so konnten wir nicht mit ihm nach Hauße kommen und er führte uns auf ein Landgut, welches in der Mitte des Wegs lag, und verließ uns den andern Morgen, da wir noch schliefen, weil er Geschäffte zu Hauße zu verrichten hatte. Daselbst traf er denn den Lykas und Tryphänen an, welche auf ihn warteten, und ihm nun so viele Schmeicheleyen vorsagten, bis sie ihn dahin brachten, daß er uns ihrer Rache übergäbe. Lykurg war von Natur grausam und treulos und dachte schon darauf, wie er uns in ihre Hände spielen könnte. Er rieth dem Lykas, sich mit einiger Mannschafft zu versehen, unterdessen wollte er selbst uns schon auf dem Landgute fest halten.

Darauf kam er zu uns und begegnete uns schlimmer, als uns selbst Lykas hätte begegnen können, und nachdem er uns sehr rednerisch ausgescholten, daß wir bey ihm den Lykas so sehr verläumdet hätten, befahl er, daß man uns in die Kammer einsperren sollte, wo wir geschlafen, den Ascylt ausgenommen, von welchem er aber nicht ein Wörtchen zu unserer Vertheidigung anhören wollte. Nach diesem führt' er ihn mit sich nach Hauße, uns aber übergab er Hütern bis auf weitern Befehl.

Unterwegs suchte Ascylt das harte Herz des Lykurg zu erweichen; aber alle Bitten und Liebe und Thränen vermochten nichts über ihn. Er hielt also für das sicherste, uns selbst aus der Gefangenschafft zu erlösen; zankte sich mit dem Lykurg, und da er nicht bey ihm schlafen wollte, so konnte er desto leichter ausführen, was er beschlossen.

Da alles im Hauße in dem ersten Schlafe begraben lag, warf Ascylt unsere Sachen auf seine Schultern, stieg durch den Riß einer Mauer, welchen er zuvor bemerkt, und kam mit der Morgendämmerung auf das Landgut, gieng sonder Hinderniß hinein und auf unsere Kammer, welche die Wächter verschlossen hatten. Die Eröffnung aber war nicht schwer, es war nur ein hölzerner Riegel, welchen er mit einem Eisen von einander zwängte. Der Riegel fiel herab und weckte uns auf, denn wir liessen bey unserm Unglücke uns nichts vom Schlafe abgehen.

Da aber die Wächter wegen der Nachtwache in einem tiefen Schlafe lagen, so wurden wir allein von dem Schall aufgeweckt. Ascylt kam zu uns und erzählte uns kürzlich, was er unsertwegen gethan. Es bedurfte keines mehrern. Indem wir in aller Eile uns ankleideten, kam mir in Sinn, die Wächter tod zu schlagen und das Landgut zu plündern. Ich entdeckte dieses dem Ascylt; das Plündern gefiel ihm, aber er sagte, daß es ohne Blutvergießen geschehen könne; denn er kannte alle Zugänge und Gelegenheiten des ganzen Haußes und führte uns gleich in ein Kleiderbehältniß, welches er sehr leicht eröffnete. Alles, was von Kostbarkeiten da war, wurde eingepackt, und darauf schlichen wir uns in aller Frühe davon, vermieden alle öffentliche Wege und ruhten nicht eher aus, als bis wir sicher zu seyn glaubten.

Dann schöpfte Ascylt wieder Athem und vergrößerte die Freude, mit welcher er das Landgut des Lykurg, eines Erzgeizhalses, geplündert. Und wahrhafftig! er hatte auch Ursache sich über seine Sparsamkeit zu beklagen, denn er hatte ihm für keine einzige Nacht was gegeben und mußte noch dazu an einem trocknen und hungrigen Tische speisen. Ein solcher Filz war Lykurg, daß er bey einem übermäßigen Reichthume sich so gar die Nothwendigkeiten des Lebens versagte –

Im Wasser will fast Tantalus versinken,
Und dennoch darf er nicht ein Tröpfchen trinken!
Wie unglückseelig ist nicht Tantalus
Daß er darinnen schmachten muß!
Ihn hungert's – Aepfel schwimmen vor dem Munde,
Er schnappt nach ihnen und – sie fliehen vor dem Munde! –
Dies ist wohl eines Reichen Bild,
Der alles, was er sieht, begehret
Und fürchtet, nie den Hunger stillt,
Ihn selber lieber gar verzehret.

Ascylt wollte noch diesen Tag in Neapel seyn; ich aber sagte ihm: »Es ist sehr unklüglich, daß wir an einen Ort gehen, wo wir wahrscheinlicher Weise können ausgeforscht werden. Wir wollen uns also entfernen und auf einige Zeit das Land durchstreichen; wir haben ja, um gut zu leben.« – Dieser gute Rath wurde angenommen und wir nahmen den Weg auf einen Flecken, welcher in einer entzückenden Gegend lag, wo nicht wenige von unsern Bekannten die Wollust der schönen Jahrszeit genoßen. Kaum aber waren wir auf die Mitte des Wegs gekommen, so fieng es an zu regnen, als wenn es mit Krügen göße. Wir mußten, um unter zu kommen, in ein benachbartes Dörfchen fliehen; und wie wir in die Schenke kamen, trafen wir verschiedene an, welche eben auch, um den Regen zu vermeiden, sich dahin begeben hatten.

Die Menge verhinderte, daß man uns beobachtete. Wir sahen uns allenthalben sehr begierig um, ob wir nicht etwas in dem Gewimmel stehlen könnten. Indem hob Ascylt ein Säckchen von der Erde auf und steckte es zu sich, ohne daß es iemand gewahr wurde, in welchem wir hernach viele Goldstücke fanden.

Dieser glückliche Anfang machte uns muthig; aber aus Furcht, daß man darnach suchen möchte, schlichen wir uns durch ein Hinterthürchen davon. Bey diesem Thürchen trafen wir einen Sklaven an, welcher Pferde sattelte; dieser gieng von den Pferden ins Hauß, weil er etwas vergessen hatte. Wie er weg war, stahl ich einen prächtigen Mantel und löste die Riemen auf, mit welchen er an den Sattel gebunden war. Dann flohen wir längst den Häußern in den benachbarten Wald.

Wie wir weit genug in dem Walde und in mehrerer Sicherheit waren, so machten wir allerhand Anschläge, um das Gold zu verbergen, damit wir nicht entweder des Diebstahls beschuldiget, oder selbst geplündert werden könnten. Endlich wurden wir einig, es in den Bund eines alten Rocks zu nähen, welchen ich um mich hängte; und Ascylt mußte den Mantel besorgen; und so beschloßen wir durch krumme Wege in die Stadt zu gehen. Wie wir aber aus unserm Schlupfwinkel heraus giengen, so hörten wir hinter uns rufen: »Sie sollen uns nicht entwischen! dort hinein hab' ich sie gehen sehen! wir wollen uns theilen, damit wir sie desto eher fangen können.« Diese Stimme fuhr uns wie ein Donnerschlag durch Mark und Gebeine. Ascylt und Giton flohen durch das Dickicht nach der Stadt zu; ich aber sprang in der größten Eile wieder in den Wald hinein und in der größten Bestürzung verlohr ich den Rock mit den Goldstücken, ohne daß ich es merkte.

Ermüdet, und so abgemattet, daß ich nicht einen Schritt weiter gehen konnte, verbarg ich mich unter die Zweige eines Baumes, wo ich zuerst den Verlust des Rockes gewahr wurde. Der Schmerz darüber gab mir wieder neue Kräffte. Ich stand auf, um den Schatz zu suchen; und wie ich lange vergebens herum gelaufen war, begab ich mich in den dunkelsten Schlupfwinkel des Waldes von Strapatzen und Traurigkeit ganz niedergeschlagen. Wie ich vier Stunden daselbst zugebracht hatte, so suchte ich einen Ausgang, dieser fürchterlichen Einöde überdrüßig.

Im heraus gehen erblickt' ich einen Bauer. Hier mußt' ich allen meinen Muth zusammen nehmen. Kühnlich gieng ich auf ihn los, und fragte ihn, wo man nach der Stadt zu gienge? und klagte ihm, daß ich schon lange in dem Walde herum irre. Mein Zustand gieng ihm zu Herzen, weil ich durchaus von Kothe besprützt und blässer, als der Tod aussah. Er fragte mich, ob ich iemanden in dem Walde gesehen? Keine Seele! gab ich zur Antwort. Dann führt' er mich auf das leutseeligste in die Straße. Hier traf er zweene von seinen Bekannten an, welche ihm zur Nachricht brachten, daß sie alle Wege des Waldes durch gelaufen wären, ohne etwas ausser dem Rocke zu finden, welchen sie ihm hier zeigten.

Ich konnte mir unmöglich das Herz nehmen, ihn wieder zu fordern, wie man leicht glauben kann, ob ich gleich sehr wohl den Werth davon wußte. Darauf wurde mein Schmerz hefftiger; ich seufzte über den geraubten Schatz, und da ich immer schwächlicher wurde, so gieng ich langsamer, als gewöhnlicher Weise, ohne daß die Bauern auf mich Acht gaben.

Ich kam deswegen sehr spät in die Stadt und da ich zur Herberge hinein gieng, so fand ich den Ascylt auf einem Bette halbtod ausgestreckt liegen; ich selbst fiel auf ein andres Bett, und war nicht im Stande ein Wort hervorzubringen. Erschrocken darüber, daß er den mir anvertrauten Rock nicht sähe, fragt' er mich hastig, wo ich ihn hätte? Ich aber ganz ohnmächtig entdeckt' ihm mit betrübten Augen, was ich mit der Stimme nicht sagen konnte; und da endlich nach und nach meine Kräffte wieder kamen, erzählt' ich ihm den ganzen Unglücksfall. Er aber glaubte, ich scherze; und ob gleich ein ganzer Strom von Thränen meine Aussage bekräfftigte, so zweifelte er nichts desto weniger an der Wahrheit davon und glaubte, ich wolle ihn um das Gold betrügen. Giton, der dabey stand, war eben so traurig, als ich darüber, und der Schmerz meines Lieblings vergrösserte meine Traurigkeit. Und noch mehr wurd' ich gefoltert, wie ich daran dachte, daß man uns nachstelle.

Ascylt war deswegen unbesorgt, da ich ihn daran erinnerte, weil er sich glücklich aus der Gefahr gewickelt hatte. Er war völlig überzeugt, daß wir sicher wären, indem man uns nicht kenne und nicht gesehen habe. Doch wollten wir uns krank stellen, damit wir desto länger in unserm Schlafzimmer verweilen könnten, ohne daß man einen Argwohn deswegen auf uns fasse. Aber der Geldmangel zwang uns, wider unsern Endschluß, eher auszugehen, um etwas von unserm Geräthe aus Noth zu Geld zu machen.So weit geht das kleine Nodotische Fragment, von welchem Charpentier sagt: »Dieses allein ist mehr werth, als alles, was uns der Krieg in Teutschland gekostet hat. Der kleineste Theil davon ist nicht mit allen Königreichen der Welt zu bezahlen!« – Man wird mir es also auch nicht verdenken, daß ich es übersetzt habe. –

Schon fieng der Tag an, abzunehmen, da wir auf den Markt kamen, auf welchem wir einen Haufen von verkäuflichen Sachen antrafen, die eben nicht kostbar waren, deren wandelbare Sicherheit aber die Dunkelheit der Zeit leicht verheelen konnte. Da wir auch selbst unsern gestohlnen Mantel mitgebracht hatten, so bedienten wir uns der besten Gelegenheit, und hielten in einem Winkel den äussersten Zipfel davon hervor, ob vielleicht das kostbare Gewand einen Käufer an sich ziehen könnte.

Es währte nicht lange, so trat ein Bauer, der meinen Augen nicht unbekannt war, mit einem Weibchen etwas näher hinzu und betrachtete den Mantel genauer. Hingegen heftete Ascylt seine Betrachtung auf die Schultern des Bauers, der zu dem Mantel Lust zu haben schien, und schwieg plötzlich ganz erschrocken stille. Auch ich konnte den Kerl nicht ohne einige Bewegung ansehen; denn er schien mir der nämliche zu seyn, welcher den Rock in dem Walde gefunden hatte. Er war es auch wirklich. Aber da Ascylt befürchtete, es möchten ihn seine Augen betrügen, so gieng er, als ob er ihn kaufen wollte, etwas näher hinzu, damit er keinen unbesonnenen Streich begienge, nahm den Rock von den Schultern und befühlte ihn sehr genau. O bewundernswürdiges Spiel des Glückes! der Bauer hatte sich noch nicht einmal die Mühe genommen, die Näthe zu befühlen, und hatte ihn verächtlich wie einen Bettlers Lumpen feil.

Ascylt, wie er den mir anvertrauten Rock unversehrt sah, machte sich nichts aus dem Verkäufer, führte mich aus der Menge ein wenig bey Seite und sagte zu mir: »Brüderchen, weist du, daß der Schatz uns wieder in die Hände gefallen ist, worüber ich mich beklagte? alles Gold ist noch in jenem Röckchen, wie es scheint; was sollen wir thun? oder mit welchem Rechte wollen wir unsere Sache uns wieder zueignen?«

Auf einmahl fiel mir ein Stein vom Herzen. Ich war nicht so wohl wegen des Goldes, als deswegen vergnügt, weil mich das Glück von dem schimpflichsten Verdachte befreyet hatte. Ich sagte, daß wir nicht nöthig hätten, hinterlistig zu handeln, sondern daß wir gerichtlich darum streiten könnten; und wenn der Bauer die fremde Sache ihrem rechten Herrn nicht ausliefern wollte, so müßte man Arrest darauf legen.

Allein was hilft das Recht, wo nur das Geld regiert,
Und wo ein armer Mann stets den Proceß verliehrt?
Die wie Catonen und die Fabiusse leben,
Die werden selbst für Geld offt falsches Zeugniß geben.
Der Ritter giebt das Recht dem, der's gekaufet hat
Und einer Krämerey gleicht unsre Richterstatt.

Deswegen befürchtete Ascylt die Gesetze. »Und wer«, sagte er,»kennt uns an diesem Orte? Oder wer wird uns auf unser Wort Glauben beymessen? Ich halt' es für das Beste, wenn wir den Rock kaufen, ob er gleich uns gehört, da wir ihn sehr gut kennen. Wir wollen lieber etwas weniges für den Schatz geben, als uns in einen zweifelhafften Streit einlassen.« Aber alles Geld, was wir hatten, bestand in wenig Münze, welche zu Einkaufung einiger Wurzeln bestimmt war. Damit uns aber inzwischen die Beute nicht aus den Händen gienge, so wollten wir den Mantel lieber etwas wohlfeiler verkaufen; der grössere Werth machte, daß wir diesen Verlust nicht so sehr empfinden durften.

So bald wir den Preis gesagt hatten, kam das Weib, welches bey dem Bauer mit einem Schleyer vor dem Gesichte stand, betrachtete den Mantel auf allen Seiten, riß ihn dann mit beyden Händen zu sich und schrye aus vollem Halse: »Räuber! Räuber!« Wir im Gegentheil darüber bestürzt fielen über den zerrissenen und schmuzigen Rock her, damit wir nicht müßig da zu stehen schienen, und schryen mit eben der Begierde, daß sie uns diesen Rock gestohlen. Aber wir kamen in keine Vergleichung mit ihnen, und das Volk, welches auf dieses Geschrey um uns zusammen gelaufen war, lachte ganz natürlich über uns. Auf einer Seite wollte man ein kostbares Gewand wieder haben, und auf dieser einen zerrissenen Kittel, der nicht einmahl werth war, mit guten Lappen ausgeflickt zu werden. Ascylt aber hemmte bald das Gelächter, und sagte, da alles still war: »Wir sehen, daß einem Jeden das Seine lieb ist! sie mögen ihren Mantel wieder nehmen und uns unsern Rock überlassen!«

Obgleich der Bauer und das Weib mit diesem Tausche zufrieden waren, so legten sich doch Advocaten dazwischen, welche gleich nächtlichen Spitzbuben den Mantel erbeuten wollten, und befahlen, daß beydes bey ihnen niedergelegt würde; morgen sollte der ganze Streit von den Richtern untersucht werden, nicht der Sachen wegen, über welche wir uns stritten, sondern um heraus zu bringen, auf welcher Seite der Verdacht des Diebstahls statt fände; denn daran sey am meisten gelegen.

Schon sollten die Sachen einem dritten übergeben werden; und hier trat, die Götter wissen, was für ein Kahlkopf, der ehemahls auch etwas mit Processen zu thun gehabt hatte, mit aufgeworfner Stirne hervor und ergriff den Mantel, welchen er künftigen Tag wieder heraus zu geben versprach. Uebrigens war es sonnenklar, daß diese Spitzbuben nichts anders suchten, als den Mantel wegzufischen und ihn unter sich zu vertheilen; denn sie waren schon davon überzeugt, daß wir aus Furcht, des Verbrechens schuldig gemacht zu werden, nicht vor Gericht erscheinen würden. Und das war denn auch völlig das, was wir wollten. Ein Zufall half den Wunsch beyder Theile erfüllen. Der Bauer, welcher sich darüber erzürnte, daß wir unsern Lumpen herausforderten, schmiß den Rock dem Ascylt ins Gesicht und befahl, daß wir befreyt von aller Klage den Mantel überliefern sollten, welcher allein den Streit ausmachte.

Nun hatten wir, wie wir glaubten, unser Geld wieder, und eilten, so geschwind wir konnten in unsere Herberge zurück, schloßen die Thüren zu und lachten nicht weniger über den Scharfsinn des versammelten Volkes, als des Bauers und der Frau, daß sie uns so überlistig das Geld wieder zugestellt hatten.

Wie wir den Rock auftrennten und die Goldstücke heraus zogen, so hörten wir Jemanden den Wirth fragen, was für Leute in sein Hauß gekommen wären? Ich erschrack darüber, und wie er wieder fortgegangen war, gieng ich hinab zu dem Wirth, um zu wissen, was es wäre. Und da erfuhr ich denn, daß es der Knecht des Prätors gewesen sey, welcher nach seiner Amtspflicht dafür sorgte, daß die Namen der Fremden in die öffentlichen Register eingetragen würden. Dieser habe zween Fremde in dieses Hauß gehen sehen, deren Namen noch nicht aufgeschrieben wären, und deswegen hätte er sich um ihr Vaterland und ihre Beschäfftigungen erkundigen wollen.

Der Wirth erzählte mir dieses so gewissenhaft, daß ich besorgte, wir möchten hier nicht sicher seyn; und damit wir nicht erwischt würden, wollten wir lieber ausgehen, und erst bey Nacht wieder kommen. Wir giengen also fort und befahlen dem Giton, die Mahlzeit zu besorgen.

Da wir im Sinne hatten, die öffentlichen Wege zu vermeiden, so giengen wir durch die einsamen Gegenden der Stadt. Gegen Abend begegneten uns in einem abgelegnen Orte zwo schöne, vornehm gekleidete Damen, welchen wir mit langsamen Schritten bis an eine Capelle nachfolgten. Sie giengen hinein, und wir hörten daraus ein ungewöhnliches Murmeln, wie Töne, die aus hohlen Gewölben hervor schallen. Die Neugierde trieb uns an, auch in dieses Capellchen zu gehen. Wir erblickten darinnen verschiedene Weiber, welche in ihrer rechten Hand große lederne PriapenWas das für Dinger sind, wird wohl den mehrsten Damen und Herren bekannt seyn, welche diese Uebersetzung lesen; denen, die so glücklich sind, sie noch nicht zu kennen, würden wir sie nicht beschreiben, wenn wir ihnen nicht auch etwas zum bessern Verständniß der alten Autoren sagen wollten; diese Dinger könnten sie einmahl in Lesung des Aristophanes, Catull, Martial, Apuleius, Priapeien und anderer classischen Schrifften verwirren. Wissen Sie also, daß lederne Priapen denen Dingern sehr ähnlich sind, welche die Franzosen Gaudemischeen und die deutschen vornehmen Damen Sammthannsse zu benennen pflegen. »Da wissen wir nichts mehr Herr Uebersetzer!« Ich will sie Ihnen gern hier abmahlen und in Kupfer stechen lassen – doch! es fällt mir eben ein, daß Winkelmann in seiner Geschichte der Kunst einen solchen Priapus hatte in Kupfer stechen lassen; er ist zwar sehr schlecht gestochen, aber doch können Sie sich einen Begriff davon machen. S.114 stehet Merkur vor der Alkmene mit einem solchen Priap angethan. Auch die Rechtsgelehrten müssen einen richtigen Begriff von dieser Sache haben bei Ehescheidungen. DieGräfin von Tanis, die natürliche Tochter des K* * von E* * mit einer Engländerin, ist in Schwaben bekannt genug, welche in männliche Kleider verhüllt mit einem Gaudemischee umgürtet ein sehr schönes Fräulein in Augsburg heyrathete und den priesterlichen Seegen empfieng. – Ich bedaure das Schicksal dieser Dame von Genie! –Es wird immer schlimmer! Alle Künstler, welche nur unsere fünf gewöhnliche Sinne zu vergnügen suchen, werden ietz verachtet, nur diese allein, welche den sechsten Sinn, der schon so viel Unheil in der Welt gestifftet hat, zu entzücken sich bestreben, gelangen zu hohen Ehrenstellen. Der Erfinder des berühmten chinesischen Ringes soll wegen seiner Erfindung sehr hoch gestiegen seyn. O dürfte man doch noch Briefe wie Peter Aretin schreiben! Guter Sancho Pansa dein Sprichwort: Ehrlichkeit währt am längsten! ist heutiges Tages das sicherste Mittel, aufgehängt zu werden. – Ich hoffe, durch diese Anmerkung mir die strengsten Theologen zu Freunden gemacht zu haben! worüber ich mich von Herzen freue! – hielten. Mehr war nicht erlaubt zu sehen; denn so bald sie uns gewahr wurden, erhoben sie ein so grosses Geschrey, daß davon das ganze Gewölbe der Capelle erschüttert wurde. Sie suchten uns darauf zu ergreifen, aber wir flohen mit geflügelten Füßen in unsere Herberge.

So bald wir die von Giton besorgte Mahlzeit verzehrt hatten, geschah kein kleiner Schlag an unsere Thüre, und da wir ganz blaß für Angst fragten: »Wer da?« so wurde uns geantwortet: »Mache auf! gleich sollst du es erfahren!« Indem wir leise darüber uns besprachen, fiel das Schloß von sich selbst herab und die Thüren fuhren plötzlich auseinander. Ein verschleyertes Weib trat herein, und es war das nämliche, welches kurz zuvor bey dem Bauer gestanden hatte.

»Und ihr meintet mich zu verspotten?« sagte es; »ich bin das Mädchen der Quartilla, deren geheimen Gottesdienst ihr gestöret habt. Sehet! sie selbst kommt zu euch, und bittet, daß es ihr erlaubt sey, mit euch zu reden. Macht euch keine arge Gedanken deswegen! Sie hält euren Irrthum weder für ein Verbrechen, noch wird ihn bestrafen. Vielmehr verwundert sie sich, welcher Gott ihr so artige Jünglinge zugeführet habe.«

Indem wir noch schwiegen und nicht wußten, was wir dazu sagen sollten, kam sie selbst herein, von einem kleinen Mädchen begleitet, setzte sich auf mein Bett, und weinte ziemlich lange. Wir sprachen auch nicht eine Sylbe zu diesem allen, sondern ganz ausser uns, liessen wir den Thränen den Lauf, welche ihren Schmerz ausdrücken sollten. Da dann endlich dieser stolze Thränenregen herabgefallen war, so ließ sie ihren Mantel von dem majestätischen Haupte herabsinken und drückte hitzig ihre Hände zusammen, daß alle Finger knackten.

»Welch eine Verwegenheit ist das?« sagte sie, »und wo habt ihr diese Geschichtchen und die vorhergegangenen Spitzbübereyen gelernt? Bey allen Göttern! ich habe Mitleiden mit euch! Ungestraft hat noch Niemand gesehen, was nicht erlaubt war; zumahl da unser Land so voll von gegenwärtigen Gottheiten ist, daß man eher einen Gott, als einen Menschen finden kann! Doch damit ihr nicht glaubet, daß ich aus Rache hiehergekommen sey, muß ich euch sagen, daß ich mehr durch eure Jugend, als durch die mir geschehene Beleidigung gerührt werde; denn unvorsichtiger Weise, wie ich noch ietzt glaube, habt ihr dieses unaussöhnliche Verbrechen begangen.

Mich selbst, die ihr diesen Abend so verspottet habt, hat ein so gefährlicher Frost überfallen, daß ich einen Anfall von Fieber befürchtete. Ich suchte deswegen eine Arzney im Schlafe, und darinnen ist mir befohlen worden, euch aufzusuchen, um den Anfall der Krankheit zu schwächen, indem ich euch das Mittel zeigen müßte, welches ihr dabey brauchen solltet.

Aber wegen des Mittels bin ich nicht so sehr beunruhiget; denn eine grössere Sorge wüthet in meinem Busen, welche mir beynahe das Leben rauben will. Nämlich ihr möchtet aus jugendlicher Zügellosigkeit bekannt machen, was ihr in der Capelle das Priap gesehen habt und die Geheimnisse der Götter unter das Volk bringen. Ich falle deswegen mit gefalteten Händen vor eure Kniee und bitte und flehe, daß ihr diesen nächtlichen Gottesdienst nicht zum Gespötte und Gelächter machet und die Geheimnisse so vieler Jahre ausplaudert, welche nicht einmahl die Ordensschwestern alle wissen.« –

Nach dieser Beschwörung rollten die Zähren wieder aus den Augen und von tiefgehohlten Seufzern erschüttert fiel sie mit Gesicht und Brust auf mein Bett. Zu gleicher Zeit voll von Mitleiden und Furcht sagt' ich ihr, gutes Muths und wegen beyden, was sie verlangte, versichert zu seyn. Keiner von uns würde diese Geheimnisse entdecken und wenn ihr über dieses Gott ein Mittel wider das Fieber gezeigt hätte, so wollten wir dieser göttlichen Vorsicht auch so gar mit Gefahr unsers Lebens zu Hülfe kommen. –

Nach diesem Versprechen erheiterte sich ihr Gesicht, sie gab mir häufig Küße und die Thränen verwandelten sich in Lächeln. Darauf kämmte sie meine herabwallenden Locken mit ihren Fingern. »Nun! so mach' ich denn Friede mit euch!« sagte sie, »und lasse den angefangnen Streit fahren. Wenn ihr nicht Ja zu der Arzney gesagt hättet, welche ich von euch verlange, so waren schon viele auf Morgen bereit, welche meine Beschimpfung und meine Würde würden gerochen haben.

Erhaben ist es zu verzeyhn!
Und schändlich ist's, verachtet sich zu sehen!
O das soll immer meine Ruhe seyn,
Daß, welchen Weg ich will, auch mächtig bin zu gehen!
Ein Weiser stillt den Streit
Sehr klüglich durch die Gefälligkeit,
Und ohne Köpf herab zu schlagen,
Weiß er den Sieg davon zu tragen!«

Darauf schlug sie die Hände zusammen und fieng plötzlich so hefftig zu lachen an, daß wir ihrentwegen besorgt waren. Eben so macht' es auch die Magd auf der andern Seite; und eben so das kleine Mädchen, welches zugleich mit ihr hereingegangen war. Alles erschallte von einem mimischen Gelächter. Wir konnten nicht begreifen, woher diese schleunige Veränderung der Seelen entstanden; bald sahen wir uns an und bald sie.

Endlich nahm Quartilla wieder das Wort und sagte: »Ich habe Befehl gegeben, daß keinem Sterblichen der Zutritt in diese Wohnung heute verstattet werde, damit ich das Mittel wider das Fieber, ohne durch etwas unterbrochen zu werden, von euch empfangen könne.«

Wie sie dieses ausgesprochen hatte, so stutzte Ascylt ein wenig; ich aber kälter als Alpenschnee konnte kein Wort hervorbringen. Doch machte die Begleitung, daß ich nicht noch was traurigers erwartete; denn es waren nur drey Weibchen, die, wenn sie sich etwas unterfangen wollten, zu schwächlich waren, gegen uns nämlich, denen, wenn wir weiter auch nichts männliches an uns hatten, doch das Geschlecht zu statten kommen mußte. Und gewiß! wir waren auch ganz gut zum Streite gerüstet. Ich hatte so gar die Eintheilung schon gemacht, wenn's los gehen sollte; ich selbst nahm die Quartilla auf mich, Ascylt die Magd und mein Giton das kleine Mädchen.

Indem ich dieses reiflich überlegte, umarmte mich Quartilla, damit ich anfangen sollte, ihr Fieber zu stillen. Da aber ihre Hoffnung fehl schlug, so gieng sie wüthend hinaus, kam gleich darauf wieder zurück mit unbekannten Kerlen, und von diesen wurden wir angepackt und in den prächtigsten Pallast geführet.

Hier verließ uns alle Standhafftigkeit; wir waren so sehr niedergeschlagen, daß uns vor dem nicht mehr zweifelhafften Tode Grün und Gelbe vor den Augen wurde.

Endlich sagt' ich zu ihr: »Gnädige Frau, wenn du noch etwas traurigers im Sinne hast, so vollbringe es nur geschwind, denn unser Verbrechen ist doch wohl nicht so groß, daß wir schon von der Erwartung sterben sollen!« Die Magd, welche Psyche hieß, breitete mit allem Fleiß ein Bettchen aus und strich und rieb meine Weichen, in welche aber der Frost von einem tausendfachen Tode geschlagen war. Ascylt kroch mit seinem Kopf in einen Mantel, indem er nun sehr wohl einsähe, wie gefährlich es sey, wenn man die Geheimnisse anderer entdecken wolle.

Unterdessen machte Psyche zwey Bänder von ihrem Busen losDie Mädchen der Griechen und Römer gürteten sich unter dem Busen. Psyche nahm also ihren Gürtel herab. und band uns Hände und Füße damit zusammen. »Auf diese Art«, sagt' ich, »wird deine Frau nicht zur Erfüllung ihrer Wünsche gelangen können, wenn wir so gefesselt liegen bleiben sollen.« – »Du hast Recht!« sagte die Magd, »aber ich habe andere und sichere Mittel bey der Hand!« und plötzlich brachte sie ein Gefäß voll Ständelwurzelessenz herbey, und durch viele Possen und leichtfertige Reden brachte sie mich dahin, daß ich beynahe alles, was im Gefäße war, ausleerte; und weil kurz zuvor Ascylt ihren Liebkosungen kein Gehör gegeben hatte, so schüttete sie den Rest, ohne sein Wissen, auf seinen Rücken.

Wie alles vorbey war, rief Ascylt: »Bin ich nicht werth, daß ich auch einmahl trinke?« Psyche, welche ich durch mein Lachen verrathen hatte, klatschte mit ihren Händen: »Freylich, mein junger Herr«, sagte sie, »hab' ich dir's vorgesetzt!« und zu mir: »Und du allein hast alles ausgesoffen?«

»Im Ernste?« fragte Quartilla, »Enkolp hat alle Ständelwurzelessenz ausgesoffen?« und lachte auf das schalkhaffteste aus voller Brust darüber. Endlich konnte sich so gar Giton des Lachens nicht mehr enthalten, zumahl da das kleine Mädchen sich an seinen Nacken hieng und dem schönen Jungen, welcher sich gar nicht dawider setzte, unzählige Küsse gab.

Wir wollten in unsern Leibesnöthen um Hülfe schreyen, aber wer sollte uns hören? und da ich: »Bürgerrecht ihr Römer!« rufen wollte, kam Psyche auf der einen Seite und stach mich mit einer Haarnadel in die Backen und auf der andern Seite wollte das kleine Töchterchen mit einem Pinsel, welchen es selbst in Ständelwurzelessenz getaucht hatte, den Ascylt umbringen.

Endlich kam noch ein Buhltänzer dazu mit einem myrthenfarbnen Mäntelchen geputzt und hoch aufgegürtet. Bald trieb er unsere Schenkel von einander und wollte den Jupiter machen, und bald besudelte er uns mit dem eckelhafftesten Gezünzle, bis endlich Quartilla mit einer Zauberruthe in der Hand und hoch aufgeschürzt unserer Marter ein Ende zu machen befahl. Dann mußten wir beyde auf das feyerlichste schwören, daß dieses entsetzliche Geheimniß ewig unter uns bleiben sollte.

Darauf traten verschiedene Aufwärterinnen herein und salbten uns, die wir vom Angstschweiße troffen, mit herzstärkenden Oelen.

Wie wir von unserer Müdigkeit nach und nach zu uns selbst kamen, so zogen wir die herbey gebrachten Tischkleider an und giengen in den Speißesaal, in welchem drei Betten zubereitet waren und prächtige Tafeln mit herrlichen Speisen besetzt. Wir lagerten uns also auf Befehl zum Mahle, ließen uns die ersten Gerichte überaus wohl schmecken, und vergaßen nicht, unsere Gurgeln mit Falerner auszuwaschen. Und da wir noch von vielen andern Gerichten reichlich zu uns genommen hatten, fielen wir, weil es uns so gütlich that, in einen sanften Schlummer. »Ey! ey!« rief Quartilla, »so! ist euch der Schlaf in den Sinn gekommen? Wisset ihr nicht, daß diese Nacht die Mette des PriapMan feyerte bey den Griechen und Römern vielen Gottheiten dergleichen Metten, welche offt mehrere Nächte nach einander fortdauerten; z. B. der Venus – wovon noch die zwey Gedichte pervigilia Veneris zeugen, welche der berühmte Henault geschmackvoll wieder hergestellt hat – dem Bacchus – und andern. Sie wurden mehrenteils gefeyert

Wenn die Rose die Knospe durchbricht
Und Amor herrscht und Herzen Feuer fangen!

Diesen Metten haben Griechen und Römer die schönsten ihrer Genieen zu verdanken, denn im Taumel der süssesten Liebe wurden sie hier von Alcibiaden gezeugt und Bacchidionen empfangen. Die alten Gesetzgeber Lykurg, Orpheus und Numa hatten alles dieses geordnet, damit der Staat Pflanzen von der besten Art erhalten möchte – woran leider unsere jezigen Gesetzgeber nicht denken. Sie verfertigen nur Gebiß und Zaum für ihre Krüppel von Bürgern und bestrafen die Chloen mit dem Gefängnisse. – Wie werden mich wegen dieser Anmerkung die Dudeldumianer und Dudeldeyisten verfluchen! – Nun! das mögen sie denn! Hab' ich ihnen doch nichts zu Leide gethan! muß gefeyert werden?« und da Ascylt von so vielen Strapatzen eingeschläfert nicht erwachen wollte, so kam die Magd, welche noch nicht gut auf ihn zu sprechen war, weil er ihr kein Gehör hatte geben wollen, und schmierte über sein ganzes Gesicht Kühnruß, und da er nichts davon empfand, bemahlte sie ihm Lippen und Schultern mit toden Kohlen.

Auch mich von so vielen Uebeln abgemattet, hatte iezt ein kleines Schlummerchen angewandelt, und in und ausser dem Saale war alles im Hauße eingeschlafen. Einige hatten sich denen, welche in den Betten schliefen, vor die Füße hingelagert, andere hatten sich an die Wände gelehnt, und noch andere schnarchten auf den Thürschwellen mit zusammen gesteckten Köpfen. Auch die Lampen wollten einschlafen und flimmerten aus Mangel der Nahrung kaum noch ein wenig Licht von sich, als zween syrische Sklaven, welche eine Flasche erbeuten wollten, sich an den Tisch schlichen. Indem sie sich heißdurstig die Flasche zwischen den silbernen Gefäßen aus den Händen reißen wollten, zerrissen sie sie. Der Tisch fiel sammt dem Silber um und ein Becher fiel auf den Kopf einer Magd, welche in einem Bette darneben schnarchte, und schlug ihr ein Loch hinein; zugleich fieng sie hefftig an zu schreyen, weckte einen Theil der Betrunkenen auf und verrieth die Diebe. Nachdem diese Syrer, welche Beute hatten machen wollen, sahen, daß sie im Garne wären, so fielen sie blitzschnell an ein Bett, daß man glauben konnte, sie wären schon da gewesen, und schnarchten, als wenn sie schon lange geschlafen hätten. Auch der Erztruchses wurde davon aufgeweckt und goß in die sterbenden Lampen frisches Oel; die kleinen Mundschenken wischten sich die Augen aus und giengen wieder zu ihrem Dienste.

Indem trat eine Zymbelspielerin herein, schlug ihre Zymbeln zusammen und weckte alles auf. Der Schmauß wurde wieder erneuert, die noch taumelnde Quartilla befahl zu trinken und die Zymbelschlägerin ermunterte uns, ihrem Befehle mit Vergnügen zu folgen. Nun trat noch ein getreuer Bruder von dem Buhltänzer, der abgeschmackteste Kerl auf der ganzen Welt, herein. Er schickte sich völlig für dieses Hauß. Nachdem er ein Händeklatschen zum Vorspiel gemacht hatte, so sang er folgendes Liedchen:

Her ins Gewehr! Hieher ihr ausgelernten Brüder,
Die eine Meisterhand in Delos einst verschnitt!
Auf! rüstet euch zum Streit und salbet alle Glieder!
Spannt an den Fuß und lauft! die Ferse fliege mit!
Ihr weichen Brüder her! ihr müßt von Salbe düfften!
Hieher mit glatter Hand, gelenkigen Schenkeln und Hüfften!

So bald er das Liedchen gesungen hatte, besudelte er mich mit dem unreinsten Kusse; und gleich darauf fiel er über das Bett her, entblößte mich mit Gewalt und wackelte lange ohne Frucht auf mir herum. Schweiße liefen wie Bäche von seiner Stirne herab und zwischen den Runzeln seiner Wangen klebte so viel Schminke, daß man sie für Wände halten konnte, welche der Regen abgespült hat. Ich konnte mich nicht länger der Thränen enthalten, sondern, bis zur äußersten Traurigkeit gebracht, sagt ich zur Quartilla: »Gewiß, Madame, hast du das diesem Zünzler befohlen?«

Darauf schlug sie lachend die Hände zusammen und schrye: »O, du witziger Kopf! du Quelle der feinsten Scherze! Was? du weist noch nicht, daß der Buhltänzer dafür bezahlt wird?« Darauf sagte ich ihr, damit es meinem Cameraden nicht besser gehen möchte: »Und du kannst es geschehen lassen, daß Ascylt allein in seinem Bette rastet?«

»Du hast Recht!« sagte sie und gab dem Tänzer einen Wink. Auf diesen Befehl stieg der Bereuter auf sein andres Pferd und wollte mit Küssen und Schenkeln den Ascylt ermorden. Giton sah diese Dinge alle mit an und wollte vor Lachen zerbersten.

Wie ihn Quartilla ins Gesicht bekam, so war sie begierig zu wissen, wem der Junge sey. Wie ich ihr sagte, er sey mein Bruder; so sagte sie: »Warum hat er mich denn noch nicht geküßt?«

Sie rief ihn darauf zu sich, hielt seine Lippen an ihren Mund, steckte darauf ihre Hand unter sein Röckchen, und nachdem sie alles befühlt und betastet hatte, sagte sie: »Er ist noch in der ersten Blüthe! Morgen soll er mir ein Vorspiel zum Genuß der vollen Wollust machen! Eine Europa setzet sich nicht von ihrem Stiere auf ein Böckchen.«

Indem sie das sagte, näherte sich Psyche lächelnd ihren Ohren und da sie ihr, ich weiß nicht was, hinein geflüstert hatte, so sagte Quartilla: »Ja! ja! o vortrefflich! es ist die schönste Gelegenheit dazu da, warum soll unsere Pannychis nicht entjungfert werden?«

Im Augenblick wurde ein allerliebstes Kind hervor geführt, welches nicht mehr als sieben Jahre zu haben schien. Es war das nämliche Mädchen, welches mit der Quartilla in unser Zimmer trat. Alle klatschten einmüthiglich und alle brannten vor Begierde, diese Hochzeit mit anzusehen. Ich erstaunte ganz darüber und versicherte aufs heiligste, das Giton, der schaamhaffteste Knabe, noch nicht im Stande wäre, diese schlüpfrige Scene mit zu machen; und daß dieses Kind noch nicht erdulten könne, was eine Braut ausstehen müßte.

»So!« sagte Quartilla, »ist sie irgend kleiner, als ich gewesen bin, da ich's zum erstenmahl probiret habe? Frau Juno soll mich strafen, wenn ich mich entsinnen kann, jemals eine Jungfer gewesen zu seyn! Als Kind braucht' ich Kinder dazu, und wie ich nach und nach älter wurde, größere Jungen, und so stieg ich von Grad zu Grad damit, bis ich endlich dieses Alter erreicht habe. Ich glaube auch, daß daher das Sprichwort entstanden sey:

Ein Mädchen, das zuerst ein Kälbchen hat getragen,
Kann nach und nach es auch mit einem Ochsen wagen.

Damit also meinem Lieblinge ohne mein Wissen nichts zu Leide geschehen möchte, so stand ich auf, die Hochzeitsfeyerlichkeiten selbst mit zu begehen. Schon hatte Psyche dem Mädchen das Köpfchen mit einem rosenfarbnen Schleyerchen verhüllt; schon trug der Tänzer der Wollust Hymens Fackel vor; schon war das Brautbett bereitet; schon giengen die Weiber von Bacchus begeistert in einem langen Zuge und klatschten und sangen, wie ihnen der Tänzer vorsang.

Hymen! o Hymen!
Steige herab vom Olymp!
Gieb der reinesten Braut,
Welche du je auf Erden
In das Bett der Wollust geführt –
Gieb ihr den süssesten Nektar des Lebens zu trinken!

Hymen! o Hymen!
Steige herab vom Olymp!
Deine Bräute waren alle
Aelter, als dieses Bräutchen!
Steige herab vom Olymp!
Hymen! o Hymen! o Hymen!

Oeffne doch das Rosenknöspchen
Alle Blätterchen sind verhüllt,
Wenn es soll den Nektarthau des Lebens trinken!
Oeffne doch das Rosenknöspchen
Hymen! o Hymen! Hymen! o Hymen! o Hymen!

Quartilla durch diese Scherze zur Wollust angeflammt, ergriff den Giton und zog ihn in's Hochzeitbett. Man kann leicht vermuthen, daß sich der Schelm nicht lange bitten ließ; auch dem Mädchen wurde nicht Angst bey dem Worte Hochzeit.

Wie sie zusammen im Bette eingesperrt lagen,Die Hochzeitbette waren bey den Alten alle verschlossen. Die Freunde der Braut traten vor die Thüre und sangen die lieblichsten Lieder, damit man das Geschrey der ermordeten Jungfer nicht höre. Heutiges Tages hat man dies nicht mehr nöthig. Die Mädchen sind bey uns zu klug, als daß sie in der Hochzeitsnacht schreyen sollten. so traten wir vor die Thüre des Kämmerleins, und insbesondere guckte Quartilla mit neugierigen Augen durch einen boßhafft geritzten Spalt und bemerkte so genau alle Bewegungen des kindlichen Spieles, daß ihr selbst das Maul darnach wäßrig wurde. Zärtlich drückte sie mir die Hand, indem sie mich eben diese ihre Augenweide wollte mit gemessen lassen; und weil wir deßwegen unsere Köpfe berühren mußten, so regnete sie gleichsam verstohlne Küße auf mich, wenn wir nicht zusahen, und lächelte lieblich dazu. – Ich wurde von der Geilheit derselben so ermüdet, daß ich auf Mittel und Wege dachte, wie wir von ihr los kommen wollten. Ich sagte dem Ascylt meine Meynung, welchem sie sehr wohl gefiel, denn er hatte keine Lust mehr, sich von der Psyche noch länger quälen zu lassen. Es würde auch sehr leicht angegangen seyn, wenn nicht Giton in die Hochzeitkammer wäre gesperrt gewesen; wir wollten ihn mit uns nehmen und der Ausgelassenheit der Buhlerinnen entziehen.

Indem wir voller Sorge darüber Rath hielten, fiel Pannychis aus dem Bette und Giton mußte mit hinter drein; doch blieb er unbeschädigt. Das Mädchen aber, welches eine leichte Wunde an dem Kopf bekommen hatte, schrye so sehr, daß Quartilla ganz erschrocken darüber eilend hinzulief und uns Gelegenheit gab, uns davon zu machen. Wir verzögerten auch nicht, sondern flohen nach unserer Herberge, und so bald wir da waren, warfen wir uns in die Betten und schliefen die übrige Nacht ohne Furcht.

Da wir den folgenden Tag ausgiengen, trafen wir zween von den Kerlen an, welche uns zur Quartilla gebracht hatten. So bald sie Ascylt erblickte, griff er den einen tapfer an, und da er diesen zu Boden geworfen und hefftig verwundet, kam er mir zu Hülfe, der ich mich mit dem andern herumprügelte. Dieser wehrte sich aber so tapfer, daß er uns beyde, aber nur sehr leicht, verwundete, und glücklich entwischte.

Schon war der dritte Tag erschienen, an welchem bey dem Trimalcion freye Tafel sollte gegeben werden; da wir aber einige Wunden erhalten, so wollten wir lieber nach Hauße gehen, als länger uns hier verweilen. Wir eilten also nach Hauße, und da unsere Wunden nicht viel zu bedeuten hatten, so heilten wir sie leicht mit Oel und Wein.

Der eine Kerl aber lag noch auf dem Platze, und wir waren voll Furcht, man möchte uns entdecken. Traurig berathschlagten wir uns, wie wir den gegenwärtigen Sturm abwenden wollten, als uns ein Sklave des Agamemnon durch seine Ankunft erschreckte. »Wie?« sagte er, »ihr wißt nicht, was heute vor sich geht? Trimalcion, der prächtigste Mann, hat schon seine Uhr auf der Tafel stehen, und der Trompeter ist schon bestellt, damit er immer wisse, wie viel er von seinem Leben verlohren habe.« Wir plauderten also mit einander und kleideten uns an, vergassen alle Uebel und baten den Giton, welcher gern das Amt eines Sklaven bis hieher bey uns über sich genommen hatte, uns in das Bad zu folgen.

Unter vertraulichen und scherzhafften Gesprächen wandelten wir fort und gelangten zu den Spielplätzen. Auf einmahl erblickten wir einen alten Kahlkopf in einem rothen Gewande, welcher mit langhaarigten Knaben grüne Bälle schlug. Aber nicht sowohl die Knaben, ob es gleich der Mühe werth war, sondern der Herr selbst in seinem rothen Rocke und seinen Sohlen, welcher sich das Ballspiel sehr angelegen seyn ließ, zog unsere Aufmerksamkeit auf sich.

Kein Ball durfte wieder in's Spiel kommen, welcher einmahl die Erde berührt hatte, sondern ein Sklave trug einen Korb voll davon, welcher den Spielern hinreichend war.

Wir bemerkten über dieses noch etwas ungewöhnliches. Zween Verschnittene standen auf verschiedenen Seiten des Cirkels, von welchen der eine einen silbernen Pißtopf in der Hand hatte, und der andere die Bälle zählte, nicht diese, welche sie mit dem Spiel ihrer Hände in die Lufft trieben, sondern diejenigen, welche auf die Erde herab fielen.

Da wir alle diese Herrlichkeiten bewunderten, kam Menelaus zu uns gelaufen und sagt' uns: »Das ist er, bey welchem ihr speisen werdet! und was? ihr habt ia schon den Anfang der Mahlzeit gesehen.« Noch hatte Menelaus nicht ausgeredt, als Trimalcion, der prächtigste Mann, mit den Fingern schnippste. Auf dieses Zeichen setzte der Verschnittene dem Spielenden einen Pißtopf unter. Er leerte nun die Blase aus. Darauf forderte er Wasser in die Hände und trocknete die damit besprützten Finger an den Haaren eines von den hübschen Jungen.

Es würde mir zu lange gewähret haben, wenn ich auf alles einzelne hätte Achtung geben wollen. Wir giengen also in's Bad, und da wir schon anfiengen zu schwitzen, giengen wir ein wenig zu dem kalten über. Schon wurde Trimalcion, von Salbe durchgossen, nicht mit leinenen, sondern mit den feinsten wollenen Tüchern gerieben.

Unterdessen zechten drey Bader in seiner Gegenwart Falerner; und da sie während eines hefftigen Zankes ihn verschütteten, so nannte dieses Trimalcion eine Gesundheit ihm zur Ehre getrunken.

Darauf wickelte man ihn in einen Scharlachmantel und setzt' ihn in eine Sänfte. Vor ihm her giengen vier prächtig geputzte Läufer und eine kleinere Sänfte, in welcher seine Wollust sich befand, ein alter triefäugiger Junge, welcher häßlicher als sein Herr Trimalcion selbst war. Wie er zu ihm gebracht wurde, so neigte er sich mit einem ganz kleinen Flötchen zu ihm und blies den ganzen Weg darauf fort, als wenn er ihm etwas heimliches in's Ohr sagte. Wir giengen hinten drein schon satt vor Verwunderung und gelangten mit dem Agamemnon vor die Pforte seines Pallastes, an deren Pfeiler ein Täflein mit folgender Aufschrifft angeschlagen war:

Welcher Sklave ohne Geheiß des Herrn heraus gehet,
soll hundert Streiche empfangen

In dem Eingange aber selbst stand ein grün gekleideter Pförtner mit einem kirschfarbnen Gürtel und wusch in einer silbernen Schüssel Erbsen; und über ihm hieng ein goldner Käficht, ich welchem eine gesprenkelte Atzel die Eingehenden bewillkommte. Indem ich alles dieses so angaffe, war' ich bald hinterrücks umgefallen und hätte meine Beine zerbrochen; denn im Eingange, nicht weit von der Zelle des Thürhüters, war ein ungeheurer Kettenhund abgemahlet, und mit großen Buchstaben darüber geschrieben:

Nimm dich vor dem Hund in Acht!

Meine Herren Collegen lachten mich alle aus. Ich aber, da ich wieder zu mir selbst kam, unterließ nicht, die ganze Wand zu untersuchen. Es war ein Gemählde von einem Sklavenmarkte darauf, und Trimalcion selbst war noch mit Haaren und einem Friedensstabe in den Händen vorgestellt, indem ihn Minerva auf einem Wagen eben nach Rom hineinführte. Ferner war noch dazu gemahlt, wie er rechnen gelernt hätte und Schatzmeister geworden wäre. Alles hatte der Mahler sehr künstlich mit Ueberschrifften versehen, damit man wissen könnte, was es bedeuten solle. Am Ende der Gallerie hob ihn Merkur bey dem Kinne auf einen erhabenen Richterstuhl. Fortuna mit einem Füllhorn, das auf allen Seiten überfloß, war daneben und die Parcen, welche goldene Fäden spannen.

Noch sah man in der Gallerie einen Haufen von Wettläufern mit ihrem Lehrmeister sich üben. Ueberdies sah ich noch in einem Winkel einen Schrank, in welchem silberne Haußgötter standen und eine Venus von Marmor und ein nicht kleines goldnes Büchschen, in welchem, wie man mir sagte, sein erster Bart aufbewahret wurde.Dieses war eine von den größten Feyerlichkeiten bey den Alten, wenn sie sich ihren ersten Bart abscheeren liessen.

Ich fragte den Hofverwalter, was für Gemählde mitten in der Gallerie wären? und er gab mir zur Antwort: »Die Iliade und Odyßee und noch einige Fechterkämpfe.« – Es war keine Zeit mehr übrig, alles zu betrachten, denn wir waren nun schon im Speisesaale, in dessen Vordertheil der Zahlmeister seine Rechnungen empfieng. Das, worüber ich mich am meisten verwunderte, waren Büschel mit Beilen, welche an den Pfeilern des Saales befestiget hiengen, und gleichsam mit einem ehernen Schiffsschnabel sich endigten, auf welchem zu lesen war

Dem Gn. Pompeius Trimalcion kaiserlichen Minister Cinnamus der Schatzmeister.

Unter dieser Aufschrifft hieng eine doppelte Nachtlampe, und an beyden Pfeilern waren noch zwey Täfelchen befestiget, auf dem einen stand, wenn ich mich recht besinne,

Den dritten und den letzten Tag vor dem Jenner speist unser Gneius nicht zu Hauße!

Auf dem zweyten waren der Lauf des Mondes und die sieben Wandelsterne abgemahlet und welche Tage gut, und welche bös waren, mit einem Zeichen bemerket.

Da wir an diesem allen unsern Geist geweidet hatten und in den Speisesaal treten wollten, schrye einer von den Knaben, welchem dieses Amt war aufgetragen worden: »Mit dem rechten Fuße!«Bey den Alten mußte alles mit dem rechten Fuße angefangen werden, wenn sie aus und eingiengen, sich schlafen legten oder in's Bette stiegen oder aufstanden und sich ankleideten. Wenn aus Uebereilung dieses vernachläßiget wurde, so hielten sie es für eine unglückliche Vorbedeutung und blieben den ganzen Tag zu Hauße, oder wohnten ihren Frauen nicht ehelich bey, damit ihnen nichts böses widerfahren möchte. Ein Vorurtheil, welches vielleicht nur den Damen nachtheilig war! und doch konnten diese ja auch schreyen: mit dem rechten Fuße! welches sie vermuthlich auch werden gethan haben. Ohne Zweifel wurd' uns ein wenig bange, damit keiner wider den Befehl sich vergienge. Wie wir zu gleicher Zeit mit einander mit dem rechten Fuße hineingeschritten waren, so fiel uns ein entkleideter Sklave zu Füssen und bat uns, wir möchten ihn doch von der Strafe befreyen! sein Verbrechen sey nicht groß, weswegen er in Gefahr stünde, denn im Bade wären ihm die Kleider des Schatzmeisters weggestohlen worden, welche nicht viel werth gewesen.

Wir giengen also mit den rechten Füßen wieder zurück und baten den Schatzmeister, welcher in seiner Amtsstube war und Goldstücke zählte, daß er dem Sklaven die Strafe schenken möchte. Mit stolzen Mienen hob er sein Gesicht empor, und sagte: »Aus dem Verluste mach' ich mir gar nichts, aber die Nachläßigkeit dieses Schurken von Sklaven ärgert mich. Er hat mich um die Schlafkleider gebracht, welche mir ein Client aus Dankbarkeit auf meinen Geburtstag geschenket hatte; ohne allen Zweifel waren sie ächt Tyrisch, und nur einmahl gewaschen. Doch es mag seyn, wie es will, auf eure Bitte soll der Schurke Gnade haben.«

Wir statteten für diese grosse Wohlthat unsern verbindlichsten Dank ab, und wie wir wieder in den Speisesaal traten, so lief uns eben der Sklave entgegen, für welchen wir gebeten hatten, und überhäufte uns mit Küssen, so, daß wir darüber erstaunten, und bedankte sich für unsere Menschenliebe. »Kurz!« sagte er, »ihr sollt gleich wissen, wem ihr diese Wohlthat erwiesen habet! der beste Wein des Herrn soll sich für den Mundschenken bedanken.«

Endlich lagerten wir uns denn zu Tische und AlexandrinischeNach dem Tode Alexanders des Großen fiengen die Künste und Wissenschafften unter seinen Nachfolgern in Aegypten an, zu blühen, und Alexandrien war unter dem Ptolemäus Philadelphus das zweyte Athen. Die größten Genieen der damaligen Zeit zogen dahin. Daher kam es, daß die von Natur unwitzigen Aegypter durch Auferziehung und Umgang auch witzig wurden; und daher kam es ferner, daß die Alexandrinischen Buben, welche man wie eingepfropfte griechische Zweige betrachten muß, durch ihren Witz, ihre Laune und ihr Gewächs die Wollust, das was die Domherren in Italien piccioli Canonici nennen, der reichen Wollüstlinge unter den Römern wurden. Wenn sie sich hier nicht zu ihrem Vortheile zeigen, so muß man sie damit entschuldigen, daß sie sich nach ihrem Herrn richten mußten. Buben gossen uns Schnee in die Hände,Die Römer wußten den Schnee auf eine besondere Art, die wir nicht mehr wissen, zu erhalten, und Nero soll, nach dem Plinius, der Erfinder davon seyn. andere wuschen unsere Füsse damit und reinigten mit ausserordentlicher Behutsamkeit die Nägel. Und nicht einmahl bey dieser beschwerlichen Arbeit schwiegen sie, sondern sangen immer dazwischen. Ich wurde dadurch begierig zu erfahren, ob alles im Hause sänge. Also forderte ich was zu trinken. Im Augenblicke war ein Knabe da und empfieng mich mit einer eben so falschen Stimme; und so macht' es ieder, von dem man etwas verlangte. Man konnte das Zimmer für ein Theater voll Pantomimen, und nicht für das Speisezimmer eines Haußvaters halten.

Unterdessen brachte man die erste Tracht, welche prächtig anzusehen war. Alle lagen zu Tische, ausser dem einzigen Trimalcion, welchem man den ersten Sitz, nach einer neuen Mode, vorbehielt. Sie bestand in einer Art von Auftrage, welcher die Figur eines Esels von Korinthischem Erzte hatte. Auf ihm lag ein Queersack mit Oliven, auf der einen Seite waren weise und auf der andern schwarze. Den Esel selbst bedeckten zwey Becken, in deren Rand der Name Trimalcion und das Gewicht des Silbers eingeschrieben war. Auf kleinen mit Stahl ausgelegten Tellerchen lagen grosse, in Honig eingemachte Haselnußkerne mit Magsaamen bestreut, und noch rauchende Bratwürste auf einem silbernen Roste, und unter dem Roste Syrische Pflaumen mit Granatäpfelkernen.

Mit diesen herrlichen Gerichten waren wir beschäfftiget, da Trimalcion selbst mit einer Symphonie herbey gebracht und auf einen Haufen kleiner Kopfküßchen gesetzt wurde. Viele lachten unbesonnen über ihn; denn sein geschorner Kopf guckte possierlich aus seinem Scharlachmantel, und an seinem damit beschwerten Nacken hatte man eine Serviette mit Purpur bebrämt gesteckt, von welcher auf allen Seiten Franzen herab hiengen. Auch trug er an dem kleinen Finger seiner linken Hand einen großen mit Gold überzogenen Ring, und an dem äussersten Gliede des folgenden Fingers einen kleinern, welcher mir ganz von Golde zu seyn schien und mit vielen stählernen Sternchen belegt war. Damit er noch mehrere Reichtümer zeigen könnte, so entblößte er den rechten Arm mit einem goldenen Bande und einem helfenbeinernen Ringe geziert, den blendende Kettchen zusammenhielten.

Wie er darauf mit einem silbernen Zahnstocher seine Zähne ausstocherte, sagte er: »Angenehm war es mir zwar noch nicht, meine Freunde, zu Tische zu kommen, aber damit ich euch nicht zu lange warten liesse, hab' ich mir alles Vergnügen versagt. Doch werdet ihr mir erlauben, daß ich das Spiel zu Ende bringe.« Darauf kam ein Knabe mit einem Brete von Terebinthinischem Holze und mit Würfeln von Crystall und hier bemerkt' ich den allerfeinsten Geschmack; denn statt der weisen und schwarzen Steine hatt' er goldene und silberne Münzen. Unterdessen, da er alle Steine seines Feindes wegschlug, und wir uns es noch wohl schmecken liessen, wurde ein Bret mit einem Korbe aufgetragen, in welchem eine hölzerne Henne war, die ihre Flügel in einen Kreis ausbreitete; wie sie zu seyn pflegen, wenn sie Eyer ausbrüten. Zugleich kamen zween Sklaven und suchten, während einer rauschenden Symphonie, ihr Nest aus, brachten dann Pfaueneyer hervor und theilten sie unter die Gäste.

Trimalcion wandte seine Blicke zu diesem Gerichte, und sagte: »Meine Freunde, ich habe einer Henne Pfaueneyer unter zu legen befohlen, und beym Herkules! ich befürchte, daß sie schon besessen seyen! Unterdessen wollen wir versuchen, ob sie noch was taugen!«

Darauf ergriffen wir die Löffel, davon einer nicht weniger, als ein halbes Pfund wogIn einigen Manuscripten stehet sechs Pfund, und in einigen ein halbes; wem die colossalischen Ironieen gefallen, der kann mit dem Herrn Burmann sechs Pfund lesen. und machten damit die Eyer auf, welche aus fettem Mehle zubereitet waren. Beynahe warf ich meines aus den Händen, denn es schien mir schon ein junges Pfauchen darinnen zu seyn. Wie ich aber von einem alten Gaste hörte: »Darinnen muß wohl was gutes stecken!« und ich mit der Hand das Ey gänzlich abgeschält hatte, fand ich den feistesten Ortolan in wohl zugerichtetem und stark gepfeffertem Eydotter liegen. Trimalcion verschob unterdessen das Spiel, und forderte dieses alles auch. Iezt schrye er mit heller Stimme, daß, wer noch Lust hätte, Honigwein zu trinken, sich nach seinem Gefallen damit bedienen lassen könnte.

Plötzlich wurde darauf ein Zeichen zur Symphonie gegeben, und die Gerichte wurden von einem singenden Chore wie weggezaubert. Da unter diesem Tumulte ein Gefäß herabgefallen war, und es ein Knabe aufhob, so gab Trimalcion, welcher es bemerkte, dem Knaben deswegen Ohrfeigen, und befahl, es wieder hinzuwerfen. Gleich darauf kam ein Küchenjunge, und kehrte das Silber in das Auskehricht.

Darauf traten zween Mohren mit langen Haaren herein. Sie hatten kleine Schläuche, wie diejenigen zu seyn pflegen, mit welchen man den Sand auf dem Amphitheater befeuchtet, und schenkten Wein in die leeren Gläser; denn hier wurde kein Wasser gereicht.

Wegen dieser Tracht wurde unser Herr Wirth gerühmt und gepriesen. Darauf sagte er: »Mars liebt die Gleichheit!« und befahl, daß jedem eine eigene Mahlzeit gebracht würde. Den Augenblick gehorchten die Sklaven seinem Befehle, und indem sie sich fast alle auf einmahl entfernten, wurde die Luft ein wenig kühler dadurch gemacht.

Darauf brachten sie gläserne Flaschen, welche man sehr sorgsam vergipst hatte, auf deren Stöpseln diese Aufschrift zu lesen war

»Hundertjähriger Opimianischer Falerner.«Von dem Consul Opimius bis auf die Lebzeiten Petrons kann man zweyhundert Jahre zählen, und folglich war der Wein des reichen Herrn Trimalcion kein ächter Opimianer.

Indem wir diese Aufschrifft lasen, schlug Trimalcion die Hände über den Kopf zusammen und rief: »Ach! ach! also lebt der Wein länger, als ich Menschlein? – Trinket, Freunde, so viel ihr könnt! Verwandeln wir uns in ihn! Wein ist Leben! Auf meine Ehre! es ist ächter Opimianer! Gestern hab' ich keinen solchen hergegeben! und ich hatte eine viel vornehmere Gesellschaft bey mir.«

Indem wir also tranken und das prächtigste Gastmahl bewunderten, brachte ein Sklave ein silbernes Todengerippe herbey, welches so künstlich zubereitet war, daß man den Rücken und alle Glieder auf allerley Art bewegen konnte. Nachdem er es auf dem Tische hin und her geworfen hatte, und durch die bewegliche Verbindung einige besondere Figuren entstanden, sang Trimalcion:

»Ach! ach! wir Armen! ach!
Ach! dies Gerippe müssen wir auch werden!
Das ganze Menschlein ist ein Nichts auf Erden!
Sein Leben fliest dahin, als wie ein Schmerlenbach!
Dem finstren Orcus sind wir allesamt zum Raube!
Drum lebet wohl! und trinkt den Safft der süssen Traube.«

Wir klatschten allgemeinen Beyfall dazu.

Nun folgte eine Tracht, welche unserer Erwartung nicht entsprach; doch zog sie durch ihre Neuheit aller Augen auf sich. Es kam eine runde Maschiene, in welcher die zwölf himmlischen Zeichen in einem Kreis geordnet waren, auf deren iedes der Künstler eine Speise gelegt hatte, welche ihm zukam. Auf den Widder Kichererbsen: Auf den Stier ein Stück Ochsenfleisch: Auf die Zwillinge Hoden und Nieren: Auf den Krebs eine Krone: Auf den Löwen eine Africanische Feige: Auf die Jungfrau einen Schinken:, Auf die eine Schaale der Wage eine Pastete, und auf die andere einen Kuchen: Auf den Scorpion ein Seefischchen: Auf den Schützen einen Hasen: Auf den Steinbock eine Meerspinne: Auf den Wassermann eine Gans: Auf die Fische zwo Barben: in der Mitte aber war ein grüner ausgeschnittener Rasen, auf welchem ein Honigwabe lag. Ein ägyptischer Junge trug auf einem silbernen Teller Brod herum, und sang mit einer abscheulichen Stimme ein Liedchen zum Lobe der besten Brühen. Wie wir mit keinem allzugrossen Appetite diese Speisen versuchten, so sagte Trimalcion: »Die Speisen machen die Mahlzeiten nicht allein aus, wir müssen auch essen!«

Wie er dieses gesagt hatte, erscholl eine Symphonie und vier Sklaven nahmen unter Lufftspringen den obern Theil der Maschiene weg, als wenn sie ihn wegbliesen.

Nun kam wieder eine neue Tracht zum Vorscheine. Diese bestand in einem Mischmasch von einem Spanferkel und anderm Fleische, und einem Hasen mit Flügeln, damit er dem Pegasus gliche. In den Ecken der Maschiene waren vier Faunen zu sehen, aus deren Schläuchen Brühe, welche aus den Eingeweyden verschiedener Fische wohl zubereitet war, auf die Fische herunter floß, die in einem Meerstrudel schwammen.

Wir vergrösserten das Händeklatschen der Familie darüber, und machten uns lachend über diese auserlesene Dinge her. Trimalcion selbst wurde über diese gute Ordnung vergnügt, und rief: »Lege vor!« Gleich trat ein Vorschneider her, und zerriß nach dem Tacte der Symphonie unter vielen Gauckeleyen die Speisen; man konnte glauben, er tanze nach einer Sackpfeife auf einem Seile.

Nichts destoweniger rief Trimalcion immer mit sehr langsamer Stimme: »Lege vor!« Ich muthmasste, daß unter dieser öfftern Wiederhohlung ein Trimalcionischer Scherz stecken müsse, und schämte mich nicht, meinen Nachbar über mir deswegen zu befragen. Dieser, welcher schon offt an diesem Tische gespeist hatte, sagte mir denn: »Dieser da, welcher das Essen zertheilt, hat den Namen: Lege vor; so offt also Trimalcion sagt: Lege vor, so offt nennt und befiehlt er mit einem Worte.«

Ich konnte nichts mehr essen und ließ mich mit diesem in ein Gespräch ein, damit ich mehreres erführe. Ich hohlte weit aus, und fragte, wer die Dame wäre, welche dort hin und wieder lief?

Darauf gab er mir zur Nachricht: »Sie ist die Gemahlin des Trimalcion mit Namen Fortunata. Sie mißt das Geld mit Scheffeln. Und wer war sie vor kurzen? dein Genius verzeyhe mir's! du hättest keinen Bissen Brod aus ihrer Hand genommen. lezt aber, wie? und warum? wissen die Götter, ist sie, wie in dem Himmel, und alles in allem beym Trimalcion.

Kurz! wenn es ihr einfallen sollte, am hellen lichten Tage zu sagen: es ist finstre Nacht – so glaubt er's.

Er weiß selbst nicht was er hat, so ein Erzplutus ist er. Aber diese Prinzeßin da giebt dir auf alles Achtung, und wenn du glaubest, sie wäre hundert Meilen von dir, so steckt sie in der Hecke. Sie ist keine Säuferin, mäßig und nicht dumm; aber eine heillose Zunge hat sie; wie einer Atzel geht ihr das Mäulchen, wenn sie am Tische liegt. Wen sie liebt, den liebt sie; und wen sie nicht liebt, den liebt sie nicht.

Trimalcion selbst hat Güter, welche kaum ein Reiher überfliegen kann, und Geld auf Geld. In dem Zimmer seines Thürhüters liegt mehr Silber, als irgend iemand im Vermögen hat. Und seine Familie – o Nein! – ich will des Todes seyn, wenn der zehnte Theil davon seinen Herrn kennt! und wem er winkt, der springt zum Fenster hinaus, wenn er es haben will. Du darfst nicht glauben, daß er was einkauft! Alles wächst auf seinem Grund und Boden; Wolle, Wachs, Pfeffer – kurz! wenn du Hünermilch verlangst, so steht sie den Augenblick da. Wie ihm die Wolle von seinen Schaafen nicht gut genug war, so kauft' er Widder von Tarent, und ließ seine Heerde davon bespringen. Damit er Attisches Honig auf seinen Gütern erhielt, mußten Bienen aus Athen herbey gebracht werden, und damit auch zugleich die einheimischen etwas im Vorbeygehen von den griechischen lernen könnten.

Höre nur! noch binnen diesen Tagen hat er dir aus Indien Pfifferlingssaamen verschrieben. Alle seine Maulthiere stammen von fremden Eseln. Siehst du die Kissen alle? Alle haben Ueberzüge von Purpur oder Scharlach. Wie seelig muß nicht seine Seele seyn!

Nimm dich aber ja in Acht, daß du seine Mitfreygelassenen nicht verachtest! Sie stecken alle in der Wolle. Siehst du den, der dort unten am Ende sitzet? der hat iezt seine Achtzig tausend! der ist von nichts groß geworden; vor kurzem pflegte er noch Holz zu hacken. Man sagt, ich will es zwar nicht gesagt haben, aber ich hab' es gehört, daß er einen bösen Geist beschworen, ihm einen Schatz zu überlassen, welches denn auch soll geschehen seyn. Doch! ich bin nicht neidisch, wenn einem Gott was bescheeret hat! Aber er steht noch unter der Ruthe; und weiß sich dabey nicht zu vergessen. So hat er noch neulich dieses angeschlagen:

Gneius Pompeius Diogen vermiethet
den ersten Iulius einen Speisesaal;
denn das Haus ist iezt sein eigen.

Und iener, welcher den Platz eines kaiserlichen Freygelassenen dort einnimmt? wie wohl hat er sich befunden? Ich will ihm nichts böses nachreden. Er hatte endlich wohl zehnmal so viel, als er anfänglich hatte; aber iezt steht er auf schwachen Füßen! Er hat weder Treue noch Glauben mehr. Ich glaube, iedes Haar auf seinem Kopfe ist nicht mehr sein eigen. Aber er selbst ist, beym Herkules! nicht Schuld daran, denn er ist der beste Kerl von der Welt; die verfluchten Freygelassenen haben ihn ausgezogen. Und ich brauche dir nicht erst zu sagen, daß die Freunde da davon laufen, wo alles aufgezehrt ist und die Sachen krebsgängig gehen. Und was hat er denn für ein Amt gehabt, daß du ihn so oben ansitzen siehest? Weist du wohl, daß er privilegirter Leichenvoigt war? Er pflegte so prächtig, wie ein König zu speisen; ganze wilde Schweine sammt der Haut: das kostbarste Backwerk: Vögel: Pasteten: bey ihm wurde mehr Wein unter den Tisch geschüttet, als andere Leute im Keller haben. Aber er war ein Meteor! kein Mensch! da sein Ruin schon völlig war, und er verhindern wollte, daß seine Gläubiger nicht den Meister über ihn spielen sollten, so schlug er die Versteigerung seiner Sachen auf folgende Weise an:

Iulius Proculus wird seine überflüssigen
Sachen versteigern.«

Diese so lieblichen Gespräche unterbrach Trimalcion, denn die Tracht war schon wieder abgetragen, die Gäste hatte der Wein aufgeheitert, und man fieng an, sich öffentlich zu unterhalten.

Trimalcion legte sich also auf den Ellenbogen und sagte: »Ihr müßt den Wein angenehm machen! die Fische müssen schwimmen! Sagt mir einmahl, glaubt ihr wohl, daß ich mit dem Gerichte zufrieden gewesen sey, welches ihr im Innren der Maschiene gesehen habt? Kennt ihr den Ulysses? – Nun sagt mir einmahl! – Man muß auch bey Tische die Philologie verstehen.

Ruhet sanft ihr Gebeine meines Patrons, der mich einen Menschen unter den Menschen hat wollen seyn lassen! O! man kann mir nichts neues herbeybringen! Von allen hab' ich wie er eine güldene Erfahrung.

Dieser Himmel da, an welchem zwölf Götter im Kreise sich lagern, verändert sich nach eben so viel Figuren. Iezt wird er Widder. Wer also unter diesem Zeichen gebohren wird, der hat viel Vieh und viel Wolle; ausserdem einen harten Kopf, eine unverschämte Stirne, ein spitziges Horn. Unter diesem Zeichen werden die Schulmänner und die Ehebrecher gebohren.«

Wir bewunderten seine witzige Mathematik; also fuhr er fort: »Dann wird der ganze Himmel ein Stierlein. Hier werden die Starrköpfe gebohren, Ochsentreiber und die ihrem Bauche opfern.

Unter den Zwillingen werden lauter sympathetische Seelen gebohren, Jochochsen und Anbeter des Priap und Zwischen zwo Wändekriecher.

Im Krebs bin ich gebohren, deswegen steh ich auch auf vielen Füssen und habe vieles zu Wasser und Lande; denn dieses und ienes paßt auf den Krebs. Deswegen hab' ich auch nichts auf ihn legen lassen, als einen sanften Kranz von Rosen, damit ich meinen Schöpfer nicht drücke.

Im Löwen werden die Vielfraße gebohren und die Herrschsüchtigen.

In der Jungfrau die Stutzer, Flüchtlinge und Sklaven.

In der Waage Metzger, Salbenmacher und alle Arten von Krämern.

Im Scorpion Gifftmischer und Assassinen.

Im Schützen Spitzbuben, welche mit den Augen liebäugeln und mit den Händen stehlen.

Im Steinbocke die Mühseeligen, welchen wegen ihrer Uebel Hörner wachsen.

Im Wassermann die Wirthe und Leute, die statt der Seele eine Gurke im Kopfe haben.

In den Fischen Köche und Redner.

So geht der Himmel immer wie ein Mühlrad herum und verursacht immer etwas böses, so wie entweder Menschen gemacht werden oder sterben. Daß ihr aber in der Mitte einen Rasen sehet und über dem Rasen eine Honigscheibe – ich thue nichts ohne Ursache! Die Mutter Erde ist in der Mitte, rund ohngefehr wie ein Ey und hat alles gute in sich, wie eine Honigscheibe.«

»Großer Weiser!« schryen wir alle einstimmig, reckten unsere Finger in die Höhe und schwuren, daß Hipparchus und Aratus ihm lange nicht gleich in der Mathematik wären. Endlich kamen Bedienten und brachten Leinewand, in welche Netze gestückt waren, und Jäger mit Jagdspießen nebst allem, was zu einer Jagd gehört. Und da wir noch nicht wußten, was es bedeuten solle, so entstand hinter uns ein entsetzliches Geschrey, und Spartanische Hunde fiengen an, um den Tisch herum zu laufen. Darauf erschien eine Maschiene mit einem wilden Schweine von der ersten Größe, und zwar mit einem Hute, in dessen Hauern zwey Körbchen von Palmzweigen geflochten hiengen. In dem einen waren schwarze Datteln und in dem andern weise von Theben. An dieser Sau hiengen kleine Mutterschweinchen, von feinem Mehl gebacken, an den Zitzen. Das eine bedeutete eine säugende wilde Schweinsmutter, und die andern einen Nachtisch für die Gäste.

Um das Schwein zu zerlegen, kam nicht der erstere Lege vor, sondern ein großer bärtiger Kerl mit langen Kamaschen, und hieb mit einem Hirschfänger die Wamme der Sau gewaltig in zwey. Im Augenblick war der Saal mit Grammetsvögeln angefüllt, die daraus geflogen waren. Vogler standen schon mit Leimruthen bereit und fiengen sie als geschickte Jäger über der Tafel weg.

Da Trimalcion befohlen hatte, daß iedem einer davon gebracht wurde, so fuhr er weiter fort: »Sehet nun auch nach, ob diese wilde Sau ihre ganze Mast verzehret hat!« und gleich liefen die Knaben nach den Körbchen zu, welche an ihren Hauern hiengen und theilten schwarze und weise Datteln nach einander unter die Gäste aus.

Unterdessen macht' ich viele Betrachtungen darüber, weil ich etwas entfernt saß, warum doch die Sau mit einem Hute herein gekommen wäre; und wie ich alle Fächer meines Hirns ausgesucht hatte und nichts heraus bringen konnte, so mußt' ich endlich meinem Dollmetscher entdecken, was mich quälte. Aber er: »Das wird dir auch dein Sklave erklären, denn es ist kein Räthsel, sondern eine offenbare Sache. Diese Sau, da sie gestern sollte verzehrt werden, wurde von den Gästen entlassen und kömmt heute, als eine Freygelassene wieder zu Tische.« Ich verdammte meine Dummheit und fragte nichts weiter, damit ich nicht das Ansehen gewönne, als sey ich ein Neuling in guter Gesellschaft.

Indem wir so gesprochen hatten, kam ein sehr schöner Junge mit Weinlaub und Epheu umwunden, und gab sich bald für denn Bromius, bald für denn Lyäus und Evhius aus und trug in einem Körbchen Trauben herum, und sang die Gedichte seines Herrn mit einer sehr hellen Stimme. Bey diesem Gesänge kehrte Trimalcion sein Gesicht zu ihm und sagte: »Lieber Dionys, du sollst frey seyn!«.Liber esto. Bacchus hatte auch den Namen Liber (frey) und hier liegt also ein unübersetzlicher Trimalcionischer Scherz verborgen.

Der schöne Knabe zog den Hut von dem Schweine herab und setzt' ihn auf sein Haupt. Drauf fügte Trimalcion wieder hinzu: »Ihr werdet mir nicht widersprechen, wenn ich behaupte, daß Bacchus mein Sohn sey.«Im lateinischen soll hier wieder eine Zweydeutigkeit verborgen liegen; im Texte steht bloß, ihr werdet nicht leugnen, daß mein Vater ein Freyer war. Wir erhoben den witzigen Gedanken des Trimalcion, und küßten den herum gauckelnden Knaben voll Zärtlichkeit.

Nach diesem Gerichte stand Trimalcion auf, und gieng in sein geheimes Gemach. Nun waren wir frey! nun war das Joch dem Geiste abgenommen und wir fiengen mit neuem Leben an zu plaudern.

DamasHier folgen die Reden von einigen bezechten Freygelaßnen, welche im lateinischen ihre eigene Sprache reden, die den Herrn Erklärern manchen Zorn verursacht hat, welche aber Petron nicht anders reden lassen konnte, wenn er der Natur getreu bleiben wollte. Die Betrunkenen haben zu ieder Zeit ihre eigene Sprache gehabt, schon vor der Erbauung des Thurms zu Babel; ob gleich die Gelehrten behaupten, daß alle Sprachen aus diesem Domthurme gekrochen seyn sollen. rief zuerst aus, da er einen Becher mit Wein gefordert hatte:

»Tag du bist nichts! kaum bist du am Himmel, so wird es schon Nacht. Also ist nichts besser, als gerade vom Bette zu Tische zu gehen. – Wahrhafftig! es hat mich sehr gefroren! kaum konnte mich das Bad erwärmen. Aber der Wein ist dem Menschen, wie ein warmer Belz! Ich habe ganze Flaschen ausgezecht! ich bin voll vom Bacchus! Er raset in meinem Gehirne.«

Seleukus fuhr fort: »Und ich bade mich nicht täglich. Das Bad ist eine Walkmühle. Das Wasser hat Zähne, und unser Herz zerrinnt davon; aber wenn ich Honigwein getrunken habe, so widersteh' ich der Kälte wie ein glühender Ofen. Heute könnt' ich aber auch nicht in's Bad gehen, denn ich war bey einer Leiche – der gute Kerl, der schöne Chrysanth hat seine Seele ausgeblasen – Iezt! iezt ruft er mich – ich spreche mit ihm! –

Da wandeln wir wie aufgeblasene Schläuche herum, und sind kleiner als Mücken. Diese haben doch noch etwas gutes! Wir aber – wir sind weiter nichts, als Wasserblasen! – O wenn er doch nicht so enthaltsam gewesen wäre! Fünf Tage lang hat er keinen Tropfen Wassers in den Mund genommen – nicht einen Brosamen – und doch ist er aus der Welt gegangen! – Aber die vielen Aerzte haben ihn um's Leben gebracht! – doch! vielmehr sein böses Schicksal! Ein Arzt ist nichts anders, als ein Seelentrost. Aber er ist dennoch hinausgetragen worden, ob er gleich in einem guten Bette wohl gepfleget und gewartet worden ist. Man hat ihn herzlich bedauert. Er hat einigen die Freyheit geschenkt. So gar seine Frau hat einige Zähren herab rollen lassen, ob gleich sehr heimtückischer Weise. Was hätte sie anfangen wollen, wenn er sie nicht zärtlich ertragen hätte? – Aber ein Weib gehört zu der Art von Raubvögeln! Man darf keinem gut seyn! Man wirft seine Wohlthaten in den Born! – Aber die alte Liebe ist ein Kerker! –«

Phileros, der uns sehr ungelegen kam, rief hier aus: »Laßt uns an die Lebendigen gedenken! der hat, was ihm gebührt! Ehrlich hat er gelebt und ehrlich ist er gestorben. Worüber will er sich denn beklagen? Von Nichts ist er empor gekommen! Mit den Zähnen zog er einen Pfennig bey ieder Gelegenheit, wo er ihn fand, aus dem Kothe! Und was er zugenommen hat, das hat er vom Raube zugenommen – wie eine Honigscheibe. Ich glaube beym Herkules! daß er hundert tausend Thaler hinterlassen hat. Lauter baares Geld! Ich will von der Leber wegreden, denn ich habe so von einem Hühnersteiß gegessen – Er hatte ein schändliches Maul! war ein Schwätzer! der Neid leibhafftig! und kein Mensch! – Sein Bruder war ein braver Kerl! ein Freund gegen seinen Freund! Lebte herrlich und in Freuden! –

Im Anfange hatt' er wenig zu beissen und zu brechen! Aber die erste Weinlese hat ihm wieder auf die Beine geholfen, denn er verkaufte den Wein, wie hoch er wollte; und was sein Kinn eben empor gehoben hat – erbte – und stahl mehr bey dieser Erbschafft, als ihm war hinterlassen worden. – Und dieser Stock, indem er auf seinen Bruder nicht wohl zu sprechen ist, hat, ich weiß nicht, welchem Erdensohne sein Vermögen vermacht! – Der geht weit, wer die Seinen übergeht! – Aber er hatte Sklaven, welche ihm in den Ohren lagen, und diese haben ihm den Kopf warm gemacht. Der thut aber niemals wohl, der gleich alles glaubt; insbesondre ein Mann von Geschäfften. – Wahr ist's, er hat viel erhalten, so lang er gelebt hat! Ihm ist's gegeben und nicht versprochen worden. Er war ganz und gar ein Glückskind! In seiner Hand wurde Bley zu Gold. Aber da ist's leicht, wo alles gerade geht. Und wie viel glaubst du, daß er Jahre auf seinem Buckel getragen hat? – Siebenzig! und noch mehr! Aber er war auch wie von Eisen und Stahl. Man merkte ihm sein Alter nicht an. Sein Haar war schwarz, wie ein Rabe. Ich habe den Kerl noch gekannt, da er das Oelschlagen trieb. Da war er noch muthig! und schon damals ließ er, so wahr ich lebe! nicht einen Hund im Hauße! Ja! zu der Zeit hurte er auch, und bey Nacht waren ihm alle Kühe schwarz! und das hat er gut gemacht! das ist auch das einzige!«

Hier rief Ganymed: »Ihr erzählt da, was weder zum Himmel noch zur Erde gehört! Unterdessen denkt keine Seele daran, was die immerwährende Theurung verursacht! Heute hab' ich beym Herkules! keinen Bissen Brod antreffen können. Und warum? die Dürre dauret fort. Schon leid' ich ein ganzes Jahr Hunger. Die Bauherrn soll der Schinder hohlen! Die halten's mit den Beckern! Wurst wieder Wurst! und so muß das kleine Volk arbeiten und diese Vielfraße leben immer, wie auf der Hochzeit.

O wenn wir noch jene majestätische Löwen hätten, die ich hier antraf, da ich zuerst aus Asien kam! Das hieß leben! So ist es ganz Sicilien auch ergangen! Aber die machten's anders! Wie die Gespenster mußten sie herum gehen, als wenn ihnen Iupiter ungnädig wäre! Wenn ich an den Safinius denke! – der wohnte, wie ich noch ein Junge war, bey dem alten Bogen. Der war Pfeffer, kein Mensch! Wo er hintrat, verbrannte er die Erde! Aber er war ein rechtschaffener Mann, auf den man sich verlassen konnte. Freund gegen Freund und man konnte mit ihm ohne Sorge im Dunkeln des Fingerns spielen.Eine Art von Spiel, wo man mit einem Blick errathen muß, wie viel einer Finger in die Höhe gehoben habe. Die Italiäner ergötzen sich noch daran, weil sie den ganzen Tag nichts zu arbeiten haben, und doch nicht immer stehlen, beten, assassinieren, Verse machen, singen, mahlen und Esel ** können. Aber wer war er auf dem Rathhauße? Er gab auf seine Collegen nicht einen Schnipps! Er sprach nicht, wie sie es haben wollten, sondern sagte seine Meinung gerade heraus. Ferner! Vor Gericht wuchs seine Stimme, wie eine Trompete. Er schwitzte niemals und hustete nicht und spye nicht aus! Er hatte, ich weiß nicht, was Asiatisches.Nachdem Herr Burmann bey dieser Gelegenheit den erbärmlichen Pfarrherrn derblich die Moral geprediget, so erkläret er die Stelle: Was Asiatisches – folgender maßen. »Das Wort: Asiatisch, gefällt mir nicht. Ich lese statt quid Asiatici – was Asiatisches – Asi und daraus mach' ich Assi – nach der Erklärung des Ronius ist das etwas, das für sich allein ohne Brühen und ohne Zuthun eines andern zubereitet ist; z.B. assa caro, gebratenes Fleisch, assa sudatio, natürlicher Schweiß – Nun ferner! so hatte dieser da, dessen Stimme wie eine Trompete war, etwas Assi (Nun wissen ja meine Leserinnen und Leser schon, was das ist!) in seinen Eingeweiden, welches den Speichel und Schweiß verzehrte – Ey! ey! Herr Burmann! was für ein gelehrter Mann Sie sind! es ist zum Erstaunen! – Sie konnten unmöglich mit der einfältigen Erklärung des Heinsius zufrieden seyn, welcher saget: »Was Asiatisches – das ist etwas, was in Asien gebräuchlich ist; das ist nicht ausspeyen und nicht husten und wie Cicero in seinen Reden lange kräfftige Perioden machen.« Daß die alten Perser sich nicht geschneuzet, nicht gespeichelt und dergleichen haben, erzählt Xenophon in seiner weisen Cyropädie, so wie es noch verschiedene andere alte Scribenten erzählen. – Nur aus diesem kleinen Beyspiele mag man sehen, was die Erklärer, Variantensammler und die mehrsten Schulmänner für Leute sind! und wie bejammernswürdig die Auferziehung unsrer Jugend ist!« Wie bedankt' er sich so höflich für ieden Gruß! Er wußte die Namen aller auswendig, wie einer von uns. Brod konnte man damals haben, wie Steine auf der Gasse. Ihrer zweene konnten damals ein Brod für einen Pfennig nicht aufessen; iezt ist ein Ochsenauge größer! Ach! o! Ach! täglich wächst diese Colonie rückwärts, wie ein Kalbsschwanz! und warum? Wir haben einen hungrigen Polizeyinspector, der unser Leben für einen Heller verkaufte. Also hat er zu Hauße die Hülle und die Fülle, und nimmt täglich mehr Geld ein, als ein andrer im Vermögen hat. Ja! nun weiß ich's, woher er die tausend Goldgulden bekommen hat! – Aber wenn wir keine feige Memmen wären, sollt' er sich's nicht so gut schmecken lassen! Zu Hauße ist das Volk, wie ein Löwe, aber draussen demüthig, wie ein Fuchs. – Nun hab' ich beynah alles bis auf mein Hemde aufgezehrt und wenn die Theurung fortwährt, werd' ich endlich wohl noch meine Hütte angreifen müssen; denn was ist zu erwarten, wenn weder Götter noch Menschen sich dieser Colonie erbarmen? Ich glaube ganz gewiß, daß alles vom Himmel herab kömmt. Nicht einer glaubt mehr, daß der Himmel sey! Kein Mensch hält die Fasttage! Kein Mensch macht sich aus dem Iupiter so viel –! sondern alle drücken die Augen zu und zählen ihr Geld. – Sonst giengen fromme Matronen noch baarfüßig auf den heiligen Hügel, mit fliegenden Haaren und reinen Seelen und baten den lupiter um Wasser – den Augenblick regnete es, als wie mit Krügen – entweder damals oder in Ewigkeit nicht! Alles war glückseelig! Aber iezt achtet man die Götter, wie die Mäuse: die Füße sind ihnen gebunden:Scheffer, einer von den großen Erklärern des Petron, fuhrt hier eine Stelle aus dem Macrobius an, welche die gebundenen oder wollenen Füße der Götter erklären kann. Nämlich die Statue des Saturnus sey das ganze Jahr angebunden gewesen und nur im December, wo die Saturnalien gefeyert wurden, von ihren Fesseln befreyet worden. und weil wir keine Religion mehr haben, so liegen die Aecker! –«

»Ich bitte dich«, rief hier der reiche Echion, »sprich besser! Bald so! bald so! – rief iener Bauer, da er seine läufische Sau verlohren hatte; – was heute nicht ist, kann morgen geschehen! So lebt man in der Welt! Unser Land könnte beym Herkules! nicht besser beschaffen seyn, wenn Leute darauf wären. Daran ist es nicht Schuld, daß es iezt brach liegt. Wir dürfen nicht so verzärtelt seyn! wo wir sind, ist der Himmel in der Mitten. Wenn du von einem andern Orte hieher kämest, so würdest du sagen: Hier fliegen einem ia die gebratenen Dauben in's Maul! Bedenke nur! auf das nächste Fest werden wir ein prächtiges Schauspiel haben. Keine Sklaven werden klopfechten, sondern fast lauter Freygelassene. Unser Titus hat einen grossen Geist! Und wenn er getrunken hat, ist er noch grösser. Entweder mag das oder ienes seyn, so wird es geschehen; denn ich bin sein guter Freund. Er ist keiner von den barmherzigen Rittern! Er würde sein eignes Schwerd hergeben, aber gefochten muß es seyn, damit er ein Blutbad mitten auf dem Amphitheater sehe. Er hat auch, wovon! Wie sein Vater starb, so hinterließ er ihm drey Millionen. Wenn er vierzigtausend daran wendet, so spürt sein Vermögen nichts davon, und sein Name wird ewig dauren. –

Er hat einige Klepper und seine Frau ist fahrtoll! – und den Schatzmeister des Glykon, welcher ergriffen wurde, da er ihr eben ein Vergnügen machte. Das Volk wird sich in den Streit mischen, eine Parthey auf der Seite der Hörnerträger und die andere der Buhler seyn. Glykon aber ein reicher Kerl, hat den Schatzmeister in's Amphitheater geschickt. Das heist, sich selbst in bösen Ruf bringen. Was hat denn der arme Schelm gesündiget? Er wurde ia gezwungen, es zu thun. Sie, die B*kachel verdiente eher, von einem Stier in die Lufft geworfen zu werden. Aber wer den Esel nicht prügeln kann, prügelt den Sattel. Wie konnte der altkluge Glykon sich einbilden, daß er Freude an der Tochter des Hermogenes erleben werde? Er? der einem Falken im Fluge die Klauen abschneiden konnte? Eine Schlange zeugt kein Turteldäubchen. Glykon, Glykon hat sich und die Seinen beschimpft! so lange er lebt, wird er dieses Brandmahl nicht verwachsen! der Tod allein wird es auswischen. Aber nun mag er's haben! –

Ich habe schon eine Spur davon, daß uns Mammea einen Schmauß geben wird. Schon hat er uns mit einem reichen Geschenk' eingeladen. Wenn er das thut, so mag er immer den Norban gänzlich stürzen. Wissen müßt ihr, daß es bey dem immer mit vollen Seegeln gehen wird. Und in Wahrheit! was hat uns iener denn für Wohlthaten erzeigt? Er hat uns Pfennigsfechter, ausgemergelte Kerl hingestellt, die ein Lüfftchen umwerfen konnte. Bey Leichenbegängnissen hab' ich bessere gesehen. Bey Fackeln ließ er welche zu Fuß streiten; man konnte sie für streitende Hüner halten. Der eine war ein einfältiger Kerl, der nicht stehen konnte, und der andere hatte Klumpfüsse, und der dritte, welcher schon halbtod von dem Tode seines Vorfahren war, gelähmte Nerven. Ein einziger Thracier war noch ein wenig ansehnlich, und selbst diesen mußte man mit Zurufen zum Kampfe aufmuntern. Kurz! alle bekamen ein Paar Wunden. Es war lauter Lumpengesindel. Der Kampf war eine bloße Flucht. – Darauf sagte er doch: »Ich habe dir ein Schauspiel gegeben!« und ich: »Ich habe dir geklatscht! Wir wollen zusammen rechnen, ob ich dir nicht mehr gegeben, als ich empfangen habe. Eine Hand wäscht die andere. –«

Agamemnon du scheinest mir zu sagen: Was kritisirt dieser unerträgliche Schwätzer? Weil du, der du reden kannst, nichts red'st.Hier spricht Echion die Sprache der Betrunkenen vortrefflich; nüchterne Leute können ihn kaum verstehen. Sein schwindelnder oder taumelnder Geist vermischt hier vermuthlich den Titus und den Glykon in eine Person. Du bist freylich nicht von unsrer Zunft, aber deswegen darffst du doch die Gespräche von uns Ungelehrten nicht verspotten! Wir wissen wohl, daß du ein Redner bist! – Aber wir wollen uns nicht zanken! Ich will dich schon noch einmahl dazu bringen, daß du mit mir aufs Dorf gehest, und in unsere Hütten einkehrest! Wir wollen schon was zu Essen finden! Ein junges Hünchen und ein Paar frische Eyer. Wir werden vergnügt seyn, ob es gleich das Ansehen hat, als wenn dieses Jahr nichts gerathen wolle. Wir werden schon so viel finden, daß wir satt werden. Auch mein Cicaro wächst zu einem deiner Schüler auf; er kann schon vier Reden hersagen und liegt immer über den Büchern. Er hat Genie, und ist wohl gemacht, ob er gleich von allzuvielem Studieren bisweilen ein wenig kränkelt. Ich habe ihm schon drey Finken hinaus fliegen lassen, und ihm weiß gemacht, daß sie eine Wiesel gefressen habe, aber er hat sich schon andere Sänger wieder dafür angeschafft. Das Mahlen ist seine Freude. Mit dem Griechischen ist er fertig. Im Lateinischen kömmt er nicht übel fort, ob ihm gleich sein Herr Lehrmeister sehr durch die Finger sieht. Er kann nicht lang an einem Fleckchen sitzen, und kömmt offt zu mir, und verlangt was zu arbeiten; aber es thut mir doch nichts. Ich habe noch einen Sohn, der zwar nicht gelehrt, aber sehr neugierig ist, und andere mehr lehrt, als er weiß. In den Rasttagen pflegt er nach Hauße zu kommen und ist mit allem zufrieden, was man ihm giebt. Ich hab' ihm einige juristische Bücher gekauft, denn ich möchte gern, daß er was vom Rechte verstünde, damit man ihn dazu in der Familie gebrauchen könnte. Das Ding trägt Brod ein. In den Wissenschafften hat er einen guten Grund gelegt; wenn er nicht daran will, so soll er eine Kunst lernen. Entweder muß er Barbierer, oder Herold, oder gewiß ein Advocat werden; und das muß er, wenn ihn mir nicht der Orkus entzieht. Täglich ruf ich ihm deswegen zu: Mein erstgebohrner Sohn glaube mir! Was du lernst, das lernst du dir! Betrachte nur einmahl den Philerus, den Advocaten! Wenn er nichts gelernt hätte, so könnte er iezt den Hunger nicht von seinen Lippen jagen! Noch vor kurzem gieng er herum haußieren! Iezt kann er sogar dem Norban die Spitze bieten. Wissenschafften sind ein Schatz und Kunst geht nicht betteln.« – Dergleichen Pfeile drückten sie ab, da Trimalcion wieder kam, die herabtriefende Salbe von der Stirne wischte, die Hände wusch und gleich darauf sagte: »Ich bitte euch um Verzeyhung meine Freunde! schon seit vielen Tagen ist mir mein Magen nicht recht, und kein Arzt kann ihm helfen. Unterdessen hat mir doch Malicorium geholfen, eine Arzney welche aus der Rinde von einem Granatapfelbaume und Weineßig gemacht wird. Ich hoffe aber er soll sich endlich schämen, sonst brummt er immer wie ein Ochse. Wenn also einem unter euch was ankömmt, so braucht er sich nicht zu scheuen. Keiner unter uns ist eisern gebohren worden. Ich glaube, daß keine grössere Marter in der Welt seyn könnte, als ein zurückgehaltener Wind. Das allein kann lupiter nicht verbieten. Du lachst Fortunata? O du hast mich schon manche Nacht damit aufgeweckt! Ich habe auch noch keinem am Tische verwehrt zu thun, was ihm eine Arzney ist. Auch die Aerzte verbieten, an sich zu halten, wenn so gar etwas mehr kommen sollte, so ist draussen alles dazu bereit; Wasser, Nachtstuhl und die übrigen Kleinigkeiten. Glaubt mir auf mein Wort, wenn ein bösartiger Dunst in's Gehirn steigt, so fließt er denn daraus in alle Gefäße des Leibes. Ich weiß ihrer viele, die auf diese Art um's Leben gekommen sind, ohne daß sie sich die Wahrheit haben gestehen wollen.« –Der Kaiser Claudius wollte ein Edict, nach dem Sueton, herausgeben, wodurch iedem Gaste in ieder Gesellschafft erlaubt werden sollte, sich dieser Freyheit der Cyniker zu bedienen. – Wenn Trimalcions Lehre gegründet wäre, daß nämlich viele von einem zurück gehaltenen Winde gestorben wären – wie denn einer von unsern grossen teutschen Gelehrten, der sich leider! zum erstenmahl in einer sehr vornehmen Gesellschaft, wie unter Göttern des Himmels und der Planeten, befand, daran gestorben ist – so wären wir Teutschen und die mehrsten Europäer, ausser den Kaufmännern in Holland, sehr wegen der übertriebenen Schamhafftigkeit zu tadeln, da sich die mehrsten, insbesondre die Damen, vor ihren eignen Ohren schämen und sterben. Die heitern Menschen, die Griechen, nannten dies königlich leben; wenigstens die Cyniker.

Wir bedankten uns für seine Höflichkeit und Nachsicht und goßen das hefftige Lachen mit öfftern Becherchen aus. Wir wußten noch nicht, daß wir erst die Mitte der Mahlzeit erreicht hatten. So bald die Tafel bey einer Symphonie abgeräumt war, wurden drey weise Säue in den Saal geführt mit Halftern und Glöckchen geputzt. Ihr Führer gab die eine für zweyjährig, die zwote für dreyjährig und die dritte für eine alte aus. Ich glaubte, daß sie abgerichtet wären und, wie man auf den öffentlichen Plätzen zu sehen pflegt, einige Kunststücke machen würden. Aber Trimalcion vereitelte diese Erwartung und sagte: »Welches wollt' ihr aufgetragen haben? die Landjunker können so was mit Capaunen, Hünern und dergleichen Kleinigkeiten bewerkstelligen, aber meine Köche kochen in der Geschwindigkeit ganze Kälber auf einmahl in ihren Kesseln.« Und gleich befahl er, daß der Koch herbey käme, erwartete unsere Wahl nicht und gebot ihm, das älteste zu schlachten. Er fragte mit heller Stimme: »Aus welcher Classe bist du?« und wie er antwortete: »Aus der vierzigsten«; so fragte er weiter: »Bist du gekauft oder gebohren worden?« – »Keines von beyden«, antwortete der Koch, »sondern Pansa hat mich dir in einem Testamente hinterlassen.« – »Siehe zu«, fügte er hinzu, »daß du deine Sachen gut machst! wo nicht, so sollst du in die Classe der Bothenköche kommen!« Der Koch von diesem Machtspruche angefeuert, führte eilfertig das Schwein in die Küche.

Trimalcion aber blickte uns darauf mit gnädigen Augen an und sagte: »Wenn euch dieser Wein nicht gefällt, so will ich andern bringen lassen! ihr müßt ihn gut machen. Ich kaufe durch die Gnade der Götter nichts. Dieser Tischwein wächst auf einem von meinen Landgütern, welches ich noch nicht gesehen habe. Es soll in der Nachbarschafft der Tarracinenser oder Tarentiner liegen. Ich bin Willens, nun meine Fluren mit Sicilien zu verbinden, damit ich, wenn es mir gefällig ist, nach Africa zu reisen, auf meinem Eigenthume schiffen kann. – Aber sage mir einmahl, Agamemnon! was für eine Streitrede hast du heute gehalten? Ob ich gleich keine Processe führe, so hab' ich doch die Wissenschafften nach den Regeln gelernt, und damit du nicht glauben mögest, daß ich mir nichts daraus mache – ich habe drey Bibliotheken! eine griechische und zwo lateinische. Sage mir also, wenn du mich liebest, die PeristasisDas ist – die ganze Handlung mit allen Umständen. deiner Rede!« Und da Agamemnon gesagt hatte: »Ein Armer und ein Reicher stritten mit einander«; so unterbrach ihn Trimalcion: »Was ist ein Armer?« – »Das ist sehr fein!« sagte Agamemnon und erzählte, ich weiß nicht, was für einen Streit. Gleich darauf sagte Trimalcion: »Wenn das geschehen ist, so ist es kein Streit; und wenn es nicht geschehen ist, so ist es gar nichts.«

Da wir dieses mit den ausgelassensten Lobsprüchen verfolgten, so fuhr er weiter fort: »Sage mir einmahl, lieber Agamemnon, weist du die zwölf Arbeiten des Herkules, oder die Geschichte des Ulyßes, wie ihm der Cyklope mit einem Pinsel den Daumen wegschlug? Als Knabe pflegt' ich das noch bey dem Homer zu lesen. Die Sybille hab' ich selbst mit meinen Augen zu Cumen in einer Flasche hängen sehen; und da sie die Jungen fragten: Sibylla ti delies? so antwortete sie: apodanien deloIch hoffe, daß ich nicht nöthig habe, meinen Leserinnen und Lesern, wie die lateinischen Burmänner ihren Lateinern, und die französischen Uebersetzer ihren Französinnen und Franzosen, zu sagen, daß Trimalcion alle die Geschichtchen, welche er aus dem Alterthume anbringt, Trimalcionisirt.

Die Babylonische Sibylle ertheilte zu Cumä Orakel. Es ist wohl nicht glaublich, wie uns Herr Burmann hoch und theuer versichert, daß sie in einer gläsernen Flasche voll Oel gesteckt habe, damit sie nicht verfaule, sondern eher ist dieses zu muthmasen, daß Trimalcion etwas wunderbares hat gesehen haben wollen. – Sibylle was willst du? und sie antwortete: ich will sterben.

Noch hatt' er nicht alles ausgeschüttet, als eine Maschiene mit einer ungeheuren Sau die Tafel einnahm. Wir verwunderten uns über die Geschwindigkeit und schwuren, daß nicht einmahl ein Capaun so schnell könne gekocht werden; und desto mehr, weil uns das Schwein weit grösser zu seyn schien, als vorher die wilde Sau gewesen war.

Darauf sah Trimalcion es immer mehr und mehr an. »Was?« sagte er endlich, »das Schwein ist nicht ausgeweidet? Nein! beym Herkules! es ist es nicht! Rufe, rufe den Koch her!« Der Koch kam traurig vor den Tisch getreten und sagte: er habe das Ausweiden vergessen. »Was? vergessen?« rief Trimalcion aus: »glaubst du, daß man das wie Pfeffer und Kümmel vergessen könne? – Ausgezogen!« – Im Augenblick war es geschehen. Betrübt stand der Koch zwischen zween Kerkermeistern. Alle fiengen an, zu bitten und sagten: »Das kann sich leicht zutragen! laß ihn gehen! wir bitten! wenn er es noch einmahl wird gethan haben, dann wird keiner mehr für ihn bitten! – «

Ich aber konnte mich der allergrausamsten Strenge nicht enthalten, sondern sagte dem Agamemnon in's Ohr: »Wahrhafftig! dieser Sklave muß der nichtswürdigste Kerl seyn! wer wird denn das Ausweiden vergessen? Ich würd' ihm beym Herkules! nicht verzeyhen, wenn er einen Fisch übergangen hätte!«

Aber das that Trimalcion nicht; er sagte, nachdem er seine Mienen wieder aufgeheitert hatte: »Nun! weil du ein so schlimmes Gedächtniß hast, so weid' es hier vor uns aus!« Der Koch kleidete sich also wieder an, nahm sein Messer und schnitt dem Schweine den Bauch hier und da mit furchtsamer Hand von einander. – Es währte nicht lange, so fielen aus den Oeffnungen, die von dem Druck der Schwere noch erweitert wurden, allerhand Arten von Würsten heraus. Das Haußgesinde fieng, nach Erblickung dieses Wunders, ein großes Klatschen an und wünschten dem Gaius Glück. Der Koch wurde nicht allein mit einem Trunk beehrt, sondern es wurd' ihm auch eine silberne Krone aufgesetzt und man überreicht' ihm zugleich in einem Becken von Korinthischem Erzte einen Becher; und wie Agamemnon das Becken näher betrachtete, so sagte Trimalcion: »Ich habe allein ächtes Korinthisches Erzt.«

Ich erwartete, daß er nach seinem vorigen Hochmuthe sagen würde, seine Gefässe würden ihm gleich von Korinth überschickt; aber er macht' es besser. Er sagte: »Vielleicht verlangest du zu wissen, warum ich allein ächtes Korinthisches Erzt besitze? Ich will dir es sagen, weil nämlich der Kaufmann, von dem ich es kaufe, Korinthus heißt; was ist aber Korinthisch, wenn einer nicht Korinthus hat? –

Aber damit ihr mich nicht für einfältig halten möget, muß ich euch sagen, daß ich sehr wohl weiß, woher zuerst das Korinthische Erzt hergekommen sey. Wie Troia eingenommen wurde, so ließ Hannibal, ein Schlaukopf und grosser Spitzbube, alle eherne, silberne und goldene Statuen auf einen Scheiterhaufen tragen, zündete ihn an und alle flossen zusammen. Von dieser Masse nahmen die Goldschmidte und machten Kettchen, Becken, Statuen und allerhand Geräthe. Also ist Korinthisches Erzt aus einem Mischmasch entstanden, es ist weder das noch ienes. Ihr werdet mir verzeyhen, was ich sagen will! Ich lobe mir Glas; gewiß ihr nicht. Ia! Wenn es nicht zerbrechlich wäre, war es mir lieber als Gold; so aber ist es was gemeines.

Es war einmahl ein Künstler, welcher gläserne Gefäße von solcher Festigkeit machte, daß sie nicht mehr, als goldene oder silberne konnten zerbrochen werden. Da er also einen Becher von dem reinesten Glase gemacht hatte, der wie er glaubte, eines Kaisers würdig wäre, so wurd' er mit seinem Kunststücke vor den Kaiser gelassen. Es wurde gelobt, die Hand des Künstlers gepriesen und seine Ergebenheit gegen seinen Monarchen sehr gnädig aufgenommen.

Der Künstler wollte die Verwunderung der Zuschauer in Erstaunen verwandeln, und damit ihm der Kaiser noch mehr gewogen würde, so bat er sich den Becher aus seiner Hand aus und warf ihn auf das Pflaster mit einer solchen Gewalt, daß auch die festeste und dichteste Masse von Erzt nicht unbeschädiget geblieben wäre. Der Kaiser aber erschrak nicht weniger darüber, als er darüber erstaunte. Er aber hob den Becher von dem Boden auf, welcher nicht zerbrochen, sondern nur ein wenig zusammen gebogen war, als wenn das Glas in eine Art von Erzt sich verwandelt hätte. Darauf zog er einen Hammer aus seinem Busen, gab dem Becher seine vorige Gestalt, und bracht' ihn, wie ein gebogenes Gefäß von Erzte, wieder in Ordnung.

Nach diesem glaubte er, in den Himmel des Zeus erhoben zu werden, weil er das Zutrauen des Kaisers und die Bewunderung aller verdient zu haben glaubte. Aber es gieng anders! denn der Kaiser fragte: ob ein andrer eben dies Geheimniß wisse? und da er Nein sagte, so ließ ihm der Kaiser den Kopf abschlagen, aus der Ursache, weil Gold und Silber, wie Koth verächtlich werden würden, wenn dieses Geheimniß bekannt würde.

Auf die Kenntniß der silbernen Gefäße hab' ich mich insbesondre gelegt. Ich habe Urnenförmige Becher, klein und groß. Auf einem davon ist vorgestellt, wie Kassandra ihre Söhne ermordet; leibhafftig tod liegen die Jungen da. Noch hab' ich einen grossen Weinkrug, welchen mir mein Patron hinterlassen hat. Auf diesem sperrt Dädalus die Niobe in das troianische Pferd ein; und noch einen, auf welchem sich Merkur und Amor umarmen, zum Zeichen, daß sie acht sind. Alles ist von dem reinsten Silber, denn was ich einmahl habe, verkauf ich um alles Geld nicht.«Von der Schönheit der Gefässe der Alten kann man aus denen, die man in verschiedenen Gegenden um Neapel ausgegraben hat, urtheilen. Winkelmann sagt von ihnen: »Die Zeichnung auf den mehrsten ist so beschaffen, daß die Figuren in einer Zeichnung des Raphael einen würdigen Platz haben könnten; und es ist merkwürdig, daß sich nicht zwey mit völlig einerley Bildern finden, und unter so viel hunderten, welche ich gesehen habe, hat iedes Gefäß seine besondere Vorstellung. Wer die meisterhaffte und zierliche Zeichnung auf denselben betrachtet und einsehen kann, und die Art zu verfahren weiß, in Auftragung der Farben auf dergleichen gebrannte Arbeit, findet in dieser Art Mahlerey den größten Beweis von der allgemeinen Richtigkeit und Fertigkeit auch dieser Künstler in der Zeichnung.« – Geschichte der Kunst S. 123. In der Glasarbeit waren die Alten weit vollkommner, als wir. Wer auch selten zu erstaunen pflegt, könnte über ihre Kunst darinnen erstaunen, wenn er die kleine Nachricht von der Glasarbeit der Alten in den Anmerkungen über die G. der K. läse. Winkelmann hatte hier Ursache, sich über den pöbelhafften Geschmack der Arbeit in unsern so sehr beliebten Porcellangefäßen zu beklagen. Verschiedene Künstler haben, wie ich aus sichern Nachrichten weiß, iezt die größte Hoffnung, das schmiedbare Glas wieder zu erfinden. Ich wünsche ihnen eine bessere Belohnung, als diese war, welche der erste Erfinder von einem Crocodyll erhielt.

Wie er dieses gesagt hatte, ließ ein Knabe den Becher aus den Händen fallen. Trimalcion sah ihn an und sagte: »Den Augenblick schlage dich selbst, weil du flatterhafft bist!« Der Knabe bat mit niedergeschlagenem Gesichte um Gnade. Aber er: »Was bittest du von mir? Als wenn ich dir was thäte! Ich rathe dir, daß du dir von dir ausbittest, daß du nicht mehr flatterhafft seyest.« Endlich ließ er ihm auf unser Bitten die Strafe nach. Darauf lief er um den Tisch herum und schrye: »Wasser hinaus! Wein herein!« Wir nahmen die Artigkeit dieses Scherzes sehr wohl auf, insbesondre Agamemnon, welcher sehr wohl verstand, durch welche Verdienste man wieder eine Mahlzeit erhalten könne.

Uebrigens trank der gelobte und gepriesene Trimalcion immer mit mehreren! Vergnügen. Da er einem Betrunkenen schon sehr ähnlich war, sagt' er: »Und Niemand von euch bittet meine Fortunata, daß sie tanze? Glaubet mir, kein Mensch tanzet den Lesbischen Tanz besser, als sie!«Ein wollüstiger Tanz bey den Alten, Kordax genannt, welcher vermuthlich mit mehrerer Leidenschafft anzusehen war, als unsre ewigen immer einerleyen Menuetten, Polonoisen, Angloisen und dergleichen, wobey man nicht weiß, was man denken soll. Er selbst hob hier seine Hände über den Kopf und war der leibhaffte Acteur Syrus. – Das ganze Hauß wollte darüber vor Freude närrisch werden! »O mein! wie natürlich! O mein! wie vortrefflich!« schrye alles. Er würde selbst sich haben sehen lassen, wenn ihm Fortunata nicht, wie ich glaube, in's Ohr gesagt hätte, dergleichen niedrige Possen schicken sich nicht für seine Würde. Nichts aber war sich selbst ungleicher! denn bald wollte Fortunata, bald die Natur in seiner Seele den Sieg davon tragen. Endlich unterbrach die Geilheit zu tanzen der Haußschreiber, welcher die Begebenheiten des Haußes, als wenn es Rom wäre, herlas, wie folget. –

»Den 26ten Iulius sind in dem Cumanischen Gute, welches dem Trimalcion gehört, dreyßig Knäblein und vierzig Mägdlein gebohren worden. Von seinen Tennen sind in die Magaziene anderthalb tausend Malter Getrayde eingeführet. Fünfhundert Stück Jochochsen. Ferner ist nämlichen Datum Mithridates, der Sklave gekreuziget, weil er Blasphemieen wider unsern Gaius ausgestoßen hat. Den nämlichen sind hundert tausend Thaler in die Schatzkammer gebracht worden, weil man sie aus Ueberfluß zu nichts anwenden konnte. Den nämlichen war eine Feuersbrunst in den Pompeianischen Gärten, welche in der Behaussung des Nasta eines Pachters entstand.« –

»Was?« rief Trimalcion, »wenn hat man mir die Pompeianischen Gärten gekauft?« – »Im vorigen Jahre«, sagte der Haußschreiber, »und deswegen sind sie noch nicht in Rechnung gebracht worden. – «

Trimalcion glühte vor Zorne. »Was für Güter mir gekauft werden«, rief er, »sollen nicht in Rechnung gebracht werden, wenn ich es nicht höchstens den sechsten Monat darnach gewußt habe.«

Nun wurden die Verordnungen der Polizeyinspectoren abgelesen und Testamente von Oberförstern, welche den Trimalcion mit allen Lobeserhebungen zum Erben einsetzten. – Nun die Namen der Pachter: Nun, wie sein Oberaufseher eine Freygelassene verstossen, weil er sie in der That mit einem Bader ergriffen hatte: Ein Tischbedienter war nach Baien verwiesen und der Schatzmeister des Verbrechens von dem Gerichte überführt, welches seine Kammerdiener gehalten hatten.

Endlich kamen denn nun auch die Gaukelspieler. Ein Erznarr stand mit seinen Leitern da. Ein Knabe mußte durch die Staffeln und auf dem obersten Gipfel nach Liederchen tanzen. Denn mußt' er durch feurige Reife springen und einen Eymer mit den Zähnen aufheben. –

Trimalcion bewunderte dieses alles allein, und sagte, daß diese Kunst nicht nach Verdienste belohnt würde. Unterdessen wären nur zwey Dinge, welche er überaus gern sähe: Tänzer und Wachteln. Die übrigen Thiere und die übrigen Possen und Gaukelspiele verlohnten sich nicht der Mühe. »Denn ich hatte mir auch eine Bande Komödianten gekauft«, sagte er ferner, »aber ich konnte kein Vergnügen an ihren ernsthafften Sachen finden; sie mußten mir Possenspiel machen, und mein Musikdirector mußte lateinisch singen. – «

Wie er damit fertig war, so stürzte der Knabe von der Leiter auf ihn herab. Das Gesinde schrye aus Leibeskräfften und die Gäste nicht weniger, nicht wegen des garstigen Kerls, denn sie hätten lieber gesehen, daß ihm gar der Hals gebrochen wäre; sondern damit der Schmauß nicht irgend ein schlimmes Ende nehmen möchte, und sie vielleicht gar den Unrechten, als tod beweinen müßten. Selbst Trimalcion ließ einen tiefen Seufzer fahren, und da er sich auf den Arm legte, als wenn er zerbrochen wäre, so liefen alle Aerzte herbey. Die erste war Fortunata. Sie kam mit einem Becher und fliegenden Haaren herbey gelaufen und schrye: »Ach ich Elende! ach ich Unglückliche! – «

Aber der Junge, welcher herab gefallen war, kroch schon längst an unsern Füssen herum und flehte, daß wir für ihn bitten sollten. Ich hielt dies aber gar nicht für rathsam, denn ich glaubte, daß diese gefährliche Bitten etwas trauriges nach sich ziehen würden. Der Koch war mir noch nicht aus den Gedanken gekommen, welcher das Schwein auszuweiden vergessen hatte. Ich sah mich im ganzen Saal um, ob nicht irgend ein Henker aus der Wand käme. Gleich darauf wurde ein Sklave ausgepeitscht, welcher den gequetschten Arm seines Herrn in weise und nicht purpurfarbne Wolle gewickelt hatte. Beynahe glaubte ich schon, mich nicht geirrt zu haben, als statt der Mahlzeit ein Decret des Trimalcion aufgetragen wurde, in welchem aber enthalten war, daß der Knabe frey seyn sollte, damit Niemand sagen könne, ein so grosser Mann sey von einem Sklaven beschädiget worden. Wir billigten diese Handlung, und plauderten darüber, wie plötzlich sich die menschlichen Dinge verändern könnten. »Ja! ja!« sagte Trimalcion, »dieser Zufall darf nicht ohne Aufschrifft übergangen werden!« er ließ sich gleich Schreibezeug bringen, und binnen kurzer Zeit, ohne lange nachgedacht zu haben; las er folgendes her:

Auf dieser Unterwelt herrscht nichts, als Ohngefehr,
Und Glück und Unglück kömmt nicht, wo wir meinen, her!
Drum schenkt Falerner ein, ihr meine lieben Knaben!
Die Sorgen machen's nicht, daß wir zu trinken haben.

Von diesem Sinngedichte wurde nun das Gespräch auf die Poeten gelenkt, und lange hielten wir uns bey den Lobeserhebungen des Marsus von Thracien auf, bis endlich Trimalcion sagte: »Lieber Agamemnon! was machst du für einenTrimalcion hatte bey aller seiner Narrheit doch immer ein ziemlich gutes Herz, so gut, als es ein Römer in seinen Umständen haben konnte, und bisweilen auch einen klugen Gedanken – kurz! er ist beynahe der Shah Baham Crebillons und Wielands.
Herr Burmann macht hier die weise Anmerkung: Eben dieser Meinung war auch Horaz, der die alte Sentenz: »Sey weise! Trinke Wein! Und glaube nicht in einem kurzen Zeitraume ewig zu leben!« in der eilften Ode des ersten Buches, immer eben so wiederhohlt hat – ein ächt Epikurisches Schwein! – Recht so! Herr Schulmeister! – wer kann den Haufen Narren sehn und sich nicht ärgern und nicht schmähn und nicht für Zorn zur Grube fahren! – möchte man hier mit unserm Gleim ausrufen.
Unterschied zwischen dem Cicero und Publius? Ich halte dafür, daß der eine beredter, der andere aber viel feiner in seinem Ausdrucke gewesen sey, denn wer kann was bessers sagen, als das: –

Jetzt herrscht in Rom die Göttin Schwelgerey,
Und Mars steht nicht mehr seinen Kindern bey.
Im Babylonischen GewandeDie Babylonier waren so künstlich, daß sie von den feinsten Pflaumfedern Stoffe weben konnten; welches uns iezt ganz unwahrscheinlich vorkommen würde, wenn wir nicht zu viele Beweise von dieser Kunst in den alten Schriftstellern fänden.
Von Pflaum mit Gold gewebt, o Schande!
Gehst du einher, und willst ein Römer seyn?

Man sperrt für deinen Gaum die Pfauen ein,
Numidien muß dir die Henne schicken
Und Gallien den Hahn – in Cyperwein
Sie ein gelehrter Koch ersticken,
Um deine tode Zunge zu erquicken? –

Der Storch kömmt über Land und Meer
Geflogen mit dem Frühling' her
Und jagt davon den rauhen Winter –
Auch fängst du den zu schmaußen an,
Damit er dir nicht lehren kan,
Wie man erziehen soll die Kinder! –

Und daß du nicht umsonst ein Hörnerträger bist,
Zwingt dich dein Weib mit schlauer List,
Die Perlen Indiens für sie zu kaufen,
Den Calcedon'schen Stein, der leuchtet in der Nacht,
Das grüne theure Glas, daß es sie schöner macht,
Damit die Buhler nach ihr laufen!

Damit es ihr gelingt,
Daß ihr ein Herkules die tolle Brunst bezwingt,
Indem sie stampfend mit ihm in dem Bette ringt
Und lechzet, wo Lucretien ersaufen! –
O Freund die Tugend glänzt
Mit einem Rosenkranz bekränzt
Weit schöner selbst im Dunkeln
Als prächtige Carfunkeln! –

Da stehet Tochter und Frau
Gehüllt in gewebte Lüffte zur Schau
Liebäugelnd allem Pöbel
In einem leinenen Nebel!Hier kömmt die berühmte gewebte Petronische Lufft und der leinene Nebel vor. Properz, Tibull, Ovid, Martial und andere Dichter haben diese durchsichtige, gläserne Kleidung, wie sie auch einige nennen, der Livien, Tullien, Messalinen und der Lesbien, von denen Catull sang – glubunt magnanimi Remi nepotes – eben so schön beschrieben und die Kirchenväter noch schöner. Diese Beschreibungen, welche bey den Alten kleine, leichtfertige Spöttercyen waren, sehen wir iezt, weil wir die alte Winkelmannische Grazie verlohren, fälschlich für Iuvenalische derbe Bußpredigten an.

Man muß dieses Gedicht im lateinischen lesen, wenn man den Petron gänzlich verstehen will. Ich hab' es, ich muß es nur gestehen, an einigen Stellen verschönert; mir war es unmöglich, das kindische Spiel mit gedankenlosen Wörterchen zu übersetzen, welches insbesondere in dieser Stelle ist – Ciconia Pietaticultrix, gracilipes, crotalistria u.s.w.

Wenn Brockes noch lebte, wollt' ich ihn um die Uebersetzung dieser Stelle bitten. Uebrigens hoff' ich, daß meine Leser nichts verlohren haben.

»Welche Kunst aber«, sagt' er darauf, »haltet ihr nach den schönen Künsten und Wissenschafften für die schwerste? Ich glaube, die Kunst eines Arztes und eines Wechslers ist es. Ein Arzt muß wissen, was die Menschchen in ihren Herzen haben, und wenn das Fieber komme. Ich muß die Wahrheit gestehen, ob ich sie gleich nicht ausstehen kann, denn sie geben mir immer Purganzen ein; – und ein Wechsler muß durch Silber Erzt sehen können.Damals mußte auch ein Wechsler seine Kunst gut verstehen, wo so viele tausend falsche Münzer waren, gegen welche unsere geschicktesten Juden Dummköpfe sind, wie wir aus den falschen Münzen, die noch iezt gefunden werden, sehen können.

Die Ochsen und die Schaafe sind die wohlthätigsten Bestien von der Welt. Den Ochsen haben wir zu verdanken, daß wir Brod essen und die Schaafe machen uns stolz mit ihrer Wolle. O Schandthat! der ißt das Schäflein noch dazu, der seine Wolle schon auf dem Leibe hat! – die Bienen halt' ich für göttliche Bestien, weil sie Honig machen, ob man gleich sagt, daß sie es vom Iupiter herbringen. Deswegen stechen sie aber, weil jede Süssigkeit, wie wir aus der Erfahrung wissen, ihren Stachel hat. –«

Während der Zeit, da sich Trimalcion nun auch über die Philosophen erheben wollte, wurden Zettel in einem Becher herumgetragen.Auf diese Art wurden einige Geschenke unter die Gäste vertheilet; welches bey andern Römern vermuthlich mit etwas besserm Geschmacke wird geschehen seyn, als beym Herrn Trimalcion. Ein Knabe, welcher über dieses Amt gesetzt war, eröffnete sie und las sie ab. »Verbrecherisches Geld.« Man brachte einen Schinken mit darauf gelegten säuerlichen Sachen, einem Kopfküßen, Stücke Fleisch und Halsbande. – Nun wurde hergelesen: »Glühender Wein und Schimpf der Lufftesser«, drauf wurden Perlen mit einem Apfel, Knoblauch, Pfersing, Peitsche und Messer hergebracht. Dieser bekam Sperlinge, eine Fliegenklappe, eine getrocknete Weintraube und Attisches Honig; Tisch- und Ausgehekleider, ein Stück Fleisch und eine Schreibetafel, eine Büchse und einen Meßstab. Nun wurde heraus gezogen und gelesen: »Ein Haase und eine Sohle«, der empfieng eine Lamprete, eine Wassermaus, die mit einem Frosche zusammengebunden war und einen Büschel Rüben. –

Wir konnten uns des Lachens nicht mehr enthalten. Noch hundert dergleichen wurden herausgezogen, welche meinem Gedächtniß wieder entfallen sind. Ascylt war ganz unmäßig mit Lachen, schlug die Hände zusammen und lachte so sehr, daß ihm das Wasser in die Augen lief. Einer von den Freygelassenen des Trimalcion wurde zornig darüber, es war mein gesprächiger Nachbar, und rief: »Was lachst du! du Schaafkopf? Warum gefallen dir die Ergötzlichkeiten meines Herrn nicht? Ja! du bist glückseeliger! du bist einen beßern Tisch gewohnt! Es ist dein Glück, daß ich nicht neben dir sitze, sonst hätt' ich dir längst eine Maulschelle gezogen. Das schöne Früchtchen will andere verspotten. Ein Kerl, der sich nicht bey Tage darf sehen lassen! der den Bissen Brod nicht werth ist, den er ißt! der, wenn ich den Rock aufhebe, nicht weiß, wohin er vor Angst fliehen soll! Ich werde, beym Herkules! nicht leicht aufgebracht, aber hier würd' ihm ein Lamm die Augen auskratzen. Glaubst du, ich sey ein Narr? – Aber du bist ein römischer Ritter! – und ich bin eines Königes Sohn! Warum bist du denn Sklave gewesen? wirst du fragen – ich habe lieber ein römischer Bürger seyn wollen, Schurke! als ein unterjochter Königssohn. – Nun aber hoff' ich so leben zu können, daß ich mir nicht werde auf dem Maule trommeln lassen. Iezt geh' ich als ein freyes Geschöpf mit heitrer Stirne unter euch Menschen herum. Ich bin keinem Menschen einen Heller schuldig. Ich bin niemals deswegen vorgeladen worden. Niemand hat mir vor Gericht gesagt, gieb heraus, was du schuldig bist! – Ich habe mir liegende Güter gekauft. Ich habe mich mit Haußgeräthe versehen. Ich gebe täglich zwanzig Mäulern zu essen und ernähre Katzen und Hunde. Ich habe meine Gattin frey gemacht, damit kein Mensch mehr an ihr die Hände abwische; tausend Augustd'or hab' ich dafür gezahlt. Ich bin von freyen Stücken zum Sevir berufen worden. Nun hoff' ich, so zu sterben, daß ich, wenn ich tod bin, mich nicht zu schämen habe.

Du aber darffst vor lauter Arbeit nicht um dich blicken! und du verspottest andere, wenn du ein Bißchen bey ihnen gewahr wirst, indem dich die Läuse schon halb verzehrt haben; und sind wir denn dir allein lächerlich? Dort sitzt dein Lehrmeister, ein Mann von Jahren, der hat seine Freude über uns. Und du Gelbschnabel, der du noch nicht hinter den Ohren trocken bist! du! der du weder b, a, Ba, noch b, e, Be, weißt! du zerbrechliches Gefäß! du Leder im Wasser, ohne dich zu verbessern! du bildest dir mehr ein, als wir sind? – Iß einmahl zweymahl zu Mittage und zweymahl zu Abend! Ich will lieber ein ehrlicher Kerl seyn, als Schätze haben. Und doch wer hat mich zweymahl um was gebeten? Ich diente vierzig Jahr, und Niemand wußte doch, ob ich ein Sklave oder ein Freyer wäre. Ich kam, als ein unbeschorner Junge in diese Colonie, damals war das Schloß noch nicht gebauet. Ich gab mir alle Mühe, meinem Herrn zu gefallen – der war ein großer Mann! ein Mann von hohen Ehrenstellen! dessen Fingernagel mehr werth war, als du mit Haut und Haar. – Ich hatte Neider im Hauße, welche mir ein Bein unterschlagen wollten, aber – Dank sey meinem Genius! – ich bin glücklich durch geschwommen. – An dieser Geschichte ist kein Wort unwahr! Ein Fechter kann so leicht ein Freygebohrner werden, als ich darüber hinfahre! – Nun! was fehlt dir? Du siehst ia aus, wie ein Bock, der Bingelkraut gefressen hat! – «

Nach dieser herrlichen Rede schlug Giton, welcher zu meinen Füßen stand und es lange verbissen hatte, ein helles, muthwilliges Gelächter auf. Da dieses der Gegner des Ascylt gewahr wurde, so band er mit dem Knaben an und rief: »Und du lachst auch, du frisirte Atzel? Sollen es die Saturnalien vorstellen? Ich bitte euch! leben wir denn im December? – Wird es bald vorbey seyn? du ungehängter Galgendieb! du Rabenaas? Ich will dir schon den Fluch der Götter auf den Hals laden! dir und deinem Schlingel von einem Herrn! Ich will schon meine Rache sättigen! wenn ich es nicht meinem Mitfreygelassenen hier zu Gefallen thäte, so hättest du gewiß schon deine Tracht Schläge bekommen! Haben uns denn deine Herrn Geten dafür bezahlt, daß wir deine Flegeleyen erdulten müßen? – Ja! wie der Herr, so der Knecht! – Kaum kann ich mich mäßigen! Ich bin von Natur hitzig, und wenn ich getrunken habe, kenn' ich meine Mutter nicht! Ganz Recht! Ich werde dich schon zu sehen bekommen, du Maus! du Zaunkönig! Und ich will weder über, noch unter mich wachsen, wenn ich deinen Herrn nicht wie Kehricht in's Wasser werfe! Auch deiner soll nicht geschont werden, und wenn du selbst den Olympischen Iupiter zu Hülfe riefest! Ich will schon dafür sorgen, daß deine Löckchen gerade werden! und deinen Herrn, den Flederwisch, schon bezahlen! Ich werde dich schon zur rechten Zeit noch unter meine Fäuste bekommen, oder ich müßte mich nicht kennen! du sollst mich nicht umsonst verspottet haben, und wenn du einen Bart von lauter Golde hättest.Das ist: und wenn du selbst einer von den großen Göttern wärest; denn diese wurden mit goldenen Bärten vorgestellet. Ich will dir eine Hexe auf den Hals schicken, und dem dazu, der dich so fein auferzogen hat.

Ich habe die Geometrie nicht gelernt, nicht die Kritik und dergleichen Zeug; aber ich verstehe mich auf die Steine und weiß auf ein Haar zu sagen, was sie werth sind. Ich will mich mit dir auf alles einlassen, du kleine Hure, was du nur willst! du sollst erfahren, daß dein Vater alles vergeblich auf dich gewendet, ob ich gleich die Rhetorik nicht verstehe. Ich kann weit reichen! keiner ist mir zu mächtig! Wenn du mich bezahlest, will ich dir zeigen, wer am weitesten von uns läuft und auf einem Flecke stehen bleibt, wer von uns wächst und kleiner wird. Du laufst, du staunst, du sträubest dich, wie eine Maus im Nachttopfe? Also schweige entweder, oder beunruhige ehrliche Leute nicht, die dich so wenig achten, als wenn du nicht gebohren worden wärest. – Glaube ia nicht, daß mich deine Ringlein in die Augen stechen, welche du deiner Hure gestohlen hast! Merkur soll uns beyden gleich günstig seyn! Komm! laß uns auf den Markt gehen und Geld darauf borgen! da wirst du gleich erfahren, daß man diesem Stahle da an meinen Fingern traue! – Ach! was ist ein gebadeter Fuchs doch für ein närrisches Ding! Ich will des Todes seyn, wenn ich dich nicht, wie ein Hund einen Haasen, verfolgen will. Der ist auch ein feiner Bursche, der dich dieses gelehret hat, wie braussender schlechter Most ist er über deinen Kopf gekommen, nicht wie ein Lehrmeister. – Wir haben doch was gelernet! unser Lehrer sagte: Merkt euch das! Grüsse! Gehe gerades Weges nach Hauße! Siehe dich nicht um! Beleidige keinen Grössern, als du bist und gieb nicht auf alles Achtung! – Keiner lebt so leicht darnach! Ich aber danke den Göttern, daß ich dadurch das geworden bin, was du mich siehest.« –

Ascylt fieng schon an, auf dieses Geschwätze zu antworten, aber Trimalcion, welcher sich an der Beredtsamkeit des Mitfreygelassenen ergötzt hatte, sagte: »Fort mit den Zänkereyen! Seyd ein wenig liebreicher! und du Hermeros schone des jungen Menschen! Sein Blut ist aufgewallt und sey du klüger! Wer bey dergleichen Dingen überwunden wird, überwindet. Weist du noch, wie du Einschenker wärest, das Hahnrey! Hahnrey! Damals hattest du den Muth noch nicht! – Das beste ist, wir sind vergnügt und hoffen auf die Homeristen.« –

Den Augenblick daraufkam eine Bande herein getreten und schlug Spies und Schild zusammen. Trimalcion selbst setzte sich auf ein Kissen, und während der Zeit, daß die Homeristen, nach ihrer gewöhnlichen Frechheit, sich in griechischen Versen besprachen, las er mit heller Stimme ein Buch lateinisch her. Und da gleich darauf alles stille war, sagt' er: »Wißt ihr den Innhalt von dem, was sie vorstellen?

Diomed und Ganymed waren zween Brüder: deren Schwester war Helene. Agamemnon entführte sie und unterschob statt ihrer der Diane eine Hindin. Nun aber erzählt Homer, wie die Troianer und Parentiner unter sich deswegen streiten. Nämlich er, der Agamemnon, trug den Sieg davon, und gab seine Tochter Iphigenia dem Achill zum Weibe; Aiax wurde darüber rasend, wie ihr gleich sehen werdet.«

Wie Trimalcion dieses gesagt hatte, so erhoben die Homeristen ein Geschrey, und unter einem Gewimmel von Bedienten wurde ein ganz gebratenes Kalb mit einer Sturmhaube in einer silbernen Schüssel herbey getragen. Aiax folgte hinter drein, und hieb mit gezücktem Schwerde, als ob er wüthete, darauf, und bald mit ein und bald mit auswärts gebogener Spitze theilt' er es in Theile, und theilte unter die Bewundrer auf diese Art das ganze Kalb aus. Aber es war uns nicht lange erlaubt, diese feinen Kunststückchen zu bewundern, denn plötzlich fieng der ganze Boden an, zu prasseln, daß der ganze Speisesaal davon zitterte. Ganz erschrocken richtete ich mich in die Höhe, ich besorgte, es möchte irgend ein Seiltänzer die Decke herabgestiegen kommen; und nicht weniger richteten die übrigen Gäste ihre verwunderungsvollen Häupter empor, und erwarteten, daß was neues vom Himmel verkündiget würde.

Auf einmal that sich die Decke von einander und ein ungeheurer Zirkel wurde plötzlich herabgelassen, von einem grossen Weingefässe gezogen, an dessen Bogen goldene Kronen und Büchsen von Alabaster mit Salben hiengen. Indem man uns befiehlt, diese Geschenke zu nehmen, sah ich nach der Tafel. Schon war daselbst eine Maschiene mit einigen Kuchen hingezaubert, in der Mitte stand ein gebackener Priap, und trug nach der gewöhnlichen Weise in seinem ziemlich weiten Schoose allerley Arten von Obste und Trauben.

Begierig streckten wir die Hände darnach aus, und plötzlich wurden wir wieder aufs neue ergötzt; denn alle Kuchen, alle Aepfel, wenn man sie auch auf das zarteste anrührte, gossen einen balsamischen Dufft aus sich, so stark, daß er uns endlich zu hefftig wurde.

Wir glaubten also durch und durch balsamirt, daß etwas heiliges darunter verborgen sey, erhoben uns in die Höhe, und wünschten Glück dem erhabenen Vater des Vaterlandes; und da einige nach dieser heiligen Handlung noch von dem Obste nahmen, so füllten auch wir unsere Tischtücher damit an; insbesondre ich, der ich den Busen meines Giton nie genug mit Geschenken beschweren konnte.

Während diesem traten drey Knaben herein mit weisen Kleidern angethan, von welchen zweene kleine Haußgötter mit Lorbeerzweigen gekrönt auf die Tafel setzten. Der dritte trug einen Becher voll Wein herum und rief: »Die Götter seyen uns gnädig! – « Der erstere hieß Cerdon, der andere Felicion und der dritte Lucron. – Wir selbst aber schämten uns, die herumgetragene Statue des Trimalcion, da sie von allen geküßt wurde, zu übergehen.

Nachdem nun alle sich gute Gesundheit an Leib und Seele gewünscht hatten, wandte sich Trimalcion zu dem Niceros, und sagte zu ihm: »Du warest ja sonst der lustigste Gesellschaffter, wie kömmt es denn, daß du iezt schweigest und den Mund nicht aufthust? Wenn du mich vergnügt sehen willst, mein trauter Niceros, so erzähle mir was, wie du es sonst gethan hast.«

Niceros ergötzte sich an der Gesprächigkeit seines Freundes und sagte: »Zeit Lebens will ich auf keinen grünen Zweig kommen, wenn ich nicht lange schon in Wonne zerfließe, daß ich dich so aufgeräumt sehe! Wir wollen also recht vergnügt seyn! Wenn ich nur nicht befürchtete, daß dort iene Gelehrten lachten! Doch das mögen sie! Ich will erzählen; lachen mag man immer, nur mich nicht auslachen. – «

Und nachdem er dieses gesagt – – – – so fieng er folgende Geschichte zu erzählen an.


»Da ich noch diente, wohnten wir in einem engen Gäßchen in dem Hauße, welches iezt Gavilla hat. Daselbst verliebt' ich mich, nach dem Willen der Götter in die Frau des Terenz des Wirthes. O ihr habt sie wohl gekannt die Tarentinische Melisse! sie war das allerschönste Weibchen. Aber ich habe sie beym Herkules nicht körperlicher Weise oder wegen Fleischeslust, sondern nur ganz allein deswegen so lieb gehabt, weil sie so artige Sitten an sich hatte. Wenn ich sie um etwas gebeten habe, so hat sie mir es niemals abgeschlagen. Wenn ich einen Heller, einen Pfennig hatte, so legt' ich ihn in ihren Schoos, und niemals hat sie mich darum gebracht.

Ihr Ehegatte erlebte den lezten Tag auf einem Landgute. Es war mir nichts angelegners auf der Welt, als wie ich entweder zu Fuß oder zu Pferd zu ihr kommen möchte, da ich es erfuhr. In der Noth kann man die wahren Freunde erkennen lernen. Von ohngefehr war mein Herr nach Capua gereist, um etwas zu verkaufen. Ich ließ diese Gelegenheit nicht entwischen und überredete unsern Wirth, daß er mich ein Paar Meilen begleitete. Dieser war ein starker Soldat und machte sich aus dem ganzen Orkus nichts. Wir machten uns gegen Mitternacht, wann die Hüner schreyen, auf den Weg; der Mond schien so helle, als wenn es Mittag wäre. Wir giengen endlich nun über die Gräber. Da fieng auch mein Kerl an, die Sterne zu beschwören; ich aber zählte die Sterne und sang vor lauter Angst darauf. Wie ich mich nach meinem Begleiter umsahe, so zieht er sich faselnackend aus und legt alle seine Kleider an den Weg. Es schwindelte mir vor den Augen und meine Seele wollte aus der Nase fahren. – Er aber pißte einen Kreis um seine Kleider und plötzlich stand er, als ein Wolf da.

Glaubt ia nicht, daß ich scherze! Wenn mir einer den ganzen Tisch voll Geld herlegte, so würd' ich keine Lüge sagen. Aber damit ich in meiner Rede fortfahre –

Nachdem er Wolf geworden war, so fieng er an zu heulen und lief in den Wald hinein. Im Anfange wußt' ich nicht, wo mir der Kopfstand; hernach aber wollt' ich seine Kleider aufheben, und siehe da, sie waren alle versteinert worden. Wer erschrack hefftiger, als ich? Aber doch zückte ich mein Schwerd und hieb immer vor mir weg in die Schatten, bis ich endlich in das Hauß meiner lieben Melisse kam.

Wie ich zu ihrer Thür hinein getreten war, so wollt' ich den Geist aufgeben. Der Schweis floß mir bis auf die Füsse hinab: die Augen waren gestorben – kaum kam ich wieder zu mir selbst. Meine Melisse verwunderte sich, daß ich so spät in der Nacht zu ihr käme, und sagte: ›Wenn du ein klein wenig eher gekommen wärest, so hättest du uns helfen können; denn ein Wolf ist in unser Dorf gelaufen, und hat wie ein Metzger beynahe alles unser Vieh umgebracht. Aber er hat es nicht umsonst gethan, denn unser Knecht hat ihm einen Spieß in den Hals geworfen, ob er gleich noch davon gekommen ist.‹

Wie ich dieses hörte, so macht' ich gewaltig grosse Augen und gieng gleich, da es helle war, wieder zurück nach Hauße, aber so zerstört, wie ein Wandrer, der von Räubern überfallen worden. Nachdem ich an den Ort gekommen war, wo die Kleider in Stein verwandelt gelegen hatten, fand ich nichts, als Blut. Wie ich aber nach Hauße kam, so fand ich meinen Soldaten im Bette liegen, und wie ein Schwein bluten, und einen Wundarzt über seinem Halse. Nun merkt' ich erst, daß er ein Hexenmeister sey und sich verwandeln könne. – Nach dieser Zeit hab' ich keinen Bissen Brod mehr mit ihm essen können und wenn du mich umgebracht hättest. Diese mögen die Sache untersuchen, welche darinnen anderer Meinung sind. Alle Götter sollen mich strafen, wenn ich die Unwahrheit sage.«Wie der Kerl noch dazu schwört! Man könnte beynahe glauben, es wäre wahr, da man glauben muß, daß man in W * *g, ich schäme mich, den Namen dieser Akademie auszuschreiben, noch in unsern aufgeklärten Zeiten eine kluge Aebtissin, als eine Hexe verbrannt hat; und da die Professoren der Theologie die Existenz der Hexen auf allen Akademien vertheidigen und diejenigen für Atheisten halten, welche nicht ihrer Meinung sind. O ihr – Zeiten! o Sitten!

Da alle vor Verwunderung nicht wußten, was sie denken sollten, so fieng Trimalcion allein an, zu reden und sagte: »Es kann alles wahr seyn, was du gesagt hast! So wahr ich lebe! die Haare standen mir gen Berg bey deiner Erzählung. Ich bin überzeugt davon, daß Niceros bey solchen Sachen ernsthafft ist, und nichts sagt, von dessen Wahrheit ihn sein Gewissen nicht überzeugt. Ich selbst will euch eben eine so erschreckliche Sache erzählen; sie ist so wunderbar, wie ein Esel auf den Dächern.

Da ich noch Haare trug, denn ich habe von Kindesbeinen an gewußt, daß die Wollust das höchste Gut der armen Menschen ist,Ich muß einmahl für allemahl hier eine Anmerkung machen. Die Knaben, welche die reichen Herren zu Lieblingen hatten, warteten und pflegten ihre Haare mit aller Mühe und Kunst, denn sie waren eins von den ersten Stücken ihrer Schönheit. Alle alten Autoren, welche die Knabenliebe berührt haben, bezeugen dieses; aus welchen denn ferner zu sehen ist, daß die Knabenliebhaber nur allein das Haupthaar schön und lang verlangten. Horaz singt dieses reizend seinem lieben Ligurin vor:

O crudelis adhuc et Veneris muneribus potens,
Insperata tuae cum veniet pluma superbiae,
Et quae nunc humeris involitant, deciderint comae,
Nunc et qui color est puniceae flore prior rosae,
Mutatus Ligurinum in faciem verterit hispidam,
Dices, heu!
u.s.w.

Unsere schönen Leserinnen mögen Herrn Rammler bitten, daß er ihnen auch diese Ode seines Horaz übersetze. Ich wag' es nicht, das zu übersetzen, was Rammler aus ihm übersetzen will. Die entzückende Ode des Anakreon auf seinen Bathyll fängt sich gleich mit den bezaubernden Haaren seines Bathyll an.

Auch die Anhängerinnen der Sappho, die alles versuchen, ob sie gleich ohnmächtig sind, liebten an ihren Mädchen die langen, schönen Haare. Warum? das wird unsern Leserinnen und Lesern zu untersuchen überlassen, wenn sie es nicht schon untersucht haben.

starb Iphis, einer von meinen Lieblingen, ein schöner Knabe, der keinen Fehler hatte, eine Perle. Da nun seine Mutter sich über diesen Verlust gar nicht wollte trösten lassen, und viele von uns bey ihr waren, um sie wieder aufzurichten, so erschienen auf einmahl verschiedene Hexen und fielen über ihn her, wie Windhunde über einen Haasen. Wir hatten damals einen Kappadocier bey uns, einen langen verwegenen Kerl, welcher den Iupiter mit seinem Donner angepackt hätte. Dieser zog ganz muthig sein Schwerd, sprang zur Thür' hinaus, umwickelte sich sehr behutsam die linke HandMan wickelte seinen Mantel um den linken Arm, wenn man keinen Schild bey sich hatte, um sich zu vertheidigen und die Hiebe abzuwenden. und stach ein Weib, so, wie ich es hier zeige – die Götter behüten, was ich berühre! mitten durch. Wir hörten etwas seufzen, aber, damit ihr sehet, daß ich nicht lüge – wir sahen die Hexen nicht. Unser Held aber, wie er wieder in's Zimmer getreten war, warf sich aufs Bett und sein ganzer Leib war, wie mit Peitschen, braun und blau geschlagen, weil ihn nämlich eine böse Hand berührt hatte. Wir schlossen die Thüre zu und fiengen wieder an, sie aufs neue zu trösten; aber indem sie den Leib ihres Sohnes umarmte, fand sie nichts, als eine Haut voll Kehricht, weder Herz, noch Eingeweide, noch sonst was war mehr davon da; denn die Hexen hatten den Knaben gehohlt und dieses Kehricht statt seiner hingezaubert. – Ich bitte euch, ihr müßt das glauben! Es giebt mehrere von den weisen Weibern, Nachtweibern, und Hexen, die das Unterste zum Obersten machen. Uebrigens erhielt dieser lange, rüstige Kerl niemals seine wahre Farbe wieder, und nach wenigen Tagen starb er in der Raserey.«

Wir entsetzten uns und glaubten zugleich alles, küßten die Tafel,Die Römer hielten den Tisch für was heiliges. und baten flehentlich die Hexen, daß sie die Gütigkeit haben möchten, nicht auszugehen, wenn wir von der Mahlzeit nach Hauße giengen.

Und wahrhafftig! schon sah ich auch alles mit doppelten Augen an, es schienen mir mehrere Fackeln zu brennen, und die ganze Tafel hatte sich verändert, als Trimalcion wieder anfieng und sagte: »Ich bitte dich Plocrim! und du erzählst nichts? Willst du uns kein Vergnügen machen? du konntest sonst so schöne Mährchen erzählen, so schön singen, so schöne Auftritte aus Komödien von lauter Honig mit untermischen. Ach! Ach! ihr süssen Freuden des Lebens seyd alle entflohen!« –

»Ja wohl!« sagte er, »die Räder meines Lebens sind abgelaufen, seit dem ich das Podagra habe! Da ich noch ein Knabe war, sang ich mir bald die Lunge aus dem Leibe! Was Tanzen? Was zärtliche Scenen? Was das Putzen anbetrifft, wer war mir gleich, wenn ich den einzigen Apellet ausnehme?« –

Darauf hielt er die Hand vor den Mund und zischelte, ich weiß nicht, was mißhelliges heraus, welches er dann für etwas griechisches ausgab. Trimalcion, nachdem er die Flöten nachgemacht hatte, blickte seinen Liebling zärtlich an, und schmeichelte ihm mit dem Namen Croesus.

Nun wickelte dieser triefäugige Junge ein schwarzes Hündchen mit abscheulichen Zähnen, das noch über dieses eckelhafft fett war, in eine grüne Binde, legt' ihm ein halbes Brod auf dem Bette vor, und ließ es davon bis an den Hals sich voll essen. Trimalcion erinnerte sich dabey seines Scylax und befahl, daß man ihn gleich herbey bringen sollte; die Wache seines Hauses und seiner Familie. Den Augenblick wurde ein entsetzlicher Kettenhund herbey geführt, und da ihm der Thürhüter mit dem Fusse zu verstehen gegeben hatte, daß er sich niederlegen sollte, so setzte er sich vor die Tafel hin. Trimalcion warf ihm ein Stück Kuchen entgegen und sagte: »Niemand in meinem ganzen Hauße liebt mich so sehr, als dieser Hund.« Dem Triefauge verdroß es, daß er den Scylax so unmäßig lobte, er that sein schwarzes Thier auf die Erde und hetzte es. Scylax gebrauchte seinen Hundsverstand, erfüllte mit dem gräulichsten Gebelle den ganzen Saal und hätte beynahe das Margaritchen des Crösus zerrissen. Dieser Lärm wurde noch vergrössert, ein Leuchter fiel auf den Tisch, machte alle krystallene Gefässe kurz und klein und besprützte einige Gäste mit glühendem Oele.

Trimalcion, damit es nicht schien, als ob er sich was daraus machte, küßte den Jungen und befahl ihm auf seinen Rücken zu steigen. Dieser säumte sich nicht lange, stieg aufs Pferd, schlug ihm mit der flachen Hand auf die Schultern und schrye lachend:

»Hocke! Hocke Mäste!
Wie viel hast du Gäste?«

Ein kindisches Spiel, welches noch in einigen Provinzen Teutschlandes die Ammen den Kindern mit diesem angeführten Verslein lehren, welches dem lateinischen gleich ist.

Nachdem Trimalcion wieder abgesattelt war, ließ er einen grossen Becher anfüllen und befahl, daß alle Sklaven zu unsern Füssen daraus trinken sollten, mit der Bedingung, daß wenn einer nicht trinken wollte, man ihm den Becher auf den Kopf schütten sollte. »Bisweilen muß man strenge seyn«, sagte er, »und bisweilen scherzen.«

Nach dieser Leutseeligkeit wurden die MatteenGerichte, welche aus Leckerbissen bestanden, worunter insbesondere der Grammetsvogel gehörte. aufgetragen, vor welchen, ihr könnet mir glauben! die Erinnerung mir noch iezt einen Ekel verursacht. Einige gestopfte Hennen wurden statt der GrammetsvögelGrammetsvogel oder Grammetzvogel hat seinen Namen von Hieronymus, welches auf teutsch Grammetz ausgesprochen wird, weil diese Vögel sich um Hieronymus Tag zuerst einfinden. mit gefüllten Eyern herum getragen. Mit einer Miene voll Majestät bat uns Trimalcion, daß wir sie speisen möchten, indem er hinzufügte, es seyen ausgebeinte Hennen.

Unterdessen klopfte ein Häscher an die Thüren und ein Gast in einem weisen Kleide,Weise Kleider waren bey den Römern ein Zeichen der Würde oder einer Feyerlichkeit. mit einem grossen Haufen umgeben, trat herein. Erschrocken von seiner Herrlichkeit glaubt' ich, der Prätor käme herein. Ich wollte aufstehen und mit blossen Füssen auf den Boden treten. Agamemnon lachte über meine Furcht und sagte: »Mäßige dich Närrchen! es ist Habinnas der Sevir, der zugleich ein grosser Steinschneider ist, und die Grabmahle vortrefflich zu machen weiß.«

Dadurch erhielt ich wieder frischen Muth, nahm meine vorige Lage wieder ein und betrachtete den Habinnas mit grosser Verwunderung. Er aber schon trunken legte die Hände auf die Schultern seiner Frau. Auf seinem Haupte waren einige Kronen und Salbe floß ihm von der Stirne in die Augen. Nun setzt' er sich an den obersten Ort und forderte gleich Wein und lauliches Wasser.

Trimalcion ergötzte sich darüber, daß er so lustig war, forderte selbst einen grössern Becher und fragte, wie ihm das Gastmahl gefallen hätte, wo er herkäme.

»Wir hatten alles«, gab er zur Antwort, »ausser dich nicht; denn meine Augen waren immer hier. Beym Herkules! wir haben recht herrlich gelebt. Scissa hat seinem Sklaven Misellus zum Angedenken einen Leichenschmauß gegeben, welchem er bey seinem Tode die Freyheit gab. Er hatte eine reiche Erbschafft getahn, denn man schätzt sein Vermögen auf fünfzig tausend. Aber wir haben uns recht wohl befunden, ob wir gleich die Hälfte Wein auf seine Gebeine gießen mußten.«

»Was habt ihr denn zur Mahlzeit gehabt?« fragte Trimalcion. »Ich will dir's sagen, wenn ich kann; denn ich habe ein so gutes Gedächtnis, daß ich offt meinen Namen vergesse. Unterdessen glaub' ich, daß wir zur ersten Tracht ein bekränztes Schwein gehabt haben, welches mit Bratwürsten, wohlzugerichteten Vögeln, Mangold und schwarzem Brode gefüllt war. Dieses letztere eß' ich lieber, als das weise, denn es giebt Kräffte, und an mir laß' ich gewiß nichts fehlen.

Das zweyte Gericht bestand aus kalten Torten, welche mit warmen vortrefflichen spanischen Honige übergossen waren. Von den Torten aß ich zwar auch nicht allzuwenig, aber an dem Honige könnt' ich mich gar nicht satt essen. Von dem Erbsen und Bohnen Sallat hab' ich wenig zu mir genommen; denn Calva hat mir es gerathen, desgleichen auch wenig Obst; aber doch hab' ich ein Paar Aepfel aufgehoben. Siehe! hier sind sie in meinem Tischtüchlein; denn wenn ich meinem kleinen Sklaven nicht was mitbringe, so zankt er mit mir. Mein Schatz erinnert mich auch allezeit daran.

Darauf wurden wir mit einer Keule von einem jungen Bär bedientDie Alten aßen die Bären sehr gern und ihr Fleisch soll würklich den hier angegebenen Geschmack haben. Shakespear hat diesen Gebraauch der Alten in seinem Antonius angebracht, wo ihrer sechs zehen Bären sollten aufgezehrt haben. und da meine Scintilla unvorsichtiger Weise davon gegessen hatte, spye sie bald Lunge und Leber darauf aus. Ich aber habe mehr als ein ganzes Pfund davon zu mir genommen, es hatte völlig den Geschmack von Schwarzwildpret. Wenn der Bär das Menschlein frißt, sagt' ich, wie vielmehr muß das Menschlein den Bär essen?

Kurz! wir hatten weichen Käse und Weinsuppe und Schnecken und Gehacktes und Leber und gefüllte Eyer und Rüben und Senf und alles in der Art von grossen Schüsseln, welche Palamed erfunden hat, wofür es ihm ewig wohl gehen müsse! – Darauf wurden Austern in einem grossen Becken herumgetragen, nach welchen wir mit Fäusten drein griffen, denn den Schinken hatten wir wieder fortgeschickt. – Aber sage mir doch, mein lieber Gaius, warum ist denn Fortunata nicht am Tische?« –

»Kennst du sie noch nicht?« sagte Trimalcion, »sie nimmt nicht eher einen Tropfen Wasser in den Mund, als bis sie alles, was zur Mahlzeit gehörig ist, in Ordnung gebracht und die Ueberbleibsel unter die Knaben ausgetheilt hat.«

»Den Augenblick geh' ich weg«, sagte Habinnas, »wenn sie sich nicht hersetzt!« und da er schon anfieng, aufzustehen, so liefen alle Bedienten nach der Fortunata. Sie kam also herbey.

Sie war mit einer gelben Brustbinde so hoch aufgeschürzt, daß man ihr kirschfarbnes Unterröckchen sehen konnte und ihre von Silber geflochtene Bänder um die BeineDiese Bänder um die Beine hießen Perescelides und wie Winkelmann uns berichtet, finden sich dieselben noch iezt zuweilen auf Statuten in fünf Reifen, wie um das rechte Bein ein Paar Victorien auf irrdenen Gefäßen in dem Museo des Herrn Mengs. Dergleichen Ringe um die Beine tragen iezt die Weiber in den Morgenländern. und ihre mit Gold gestückten Pantoffeln. Dann wischte sie mit einem Schweistuche, welches an ihrem Busen hieng, ihre Hände ab und setzte sich auf das Bett neben Scintillen, der Gemahlin des Habinnas; küßte diese, da sie vor Freude die Hände zusammenschlug, und rief mit zärtlicher Stimme: »Bist du's denn wirklich?«

Nun that Fortunata ihre von Golde starrende Armbänder herab und wies sie der Scintilla, welche sie sehr bewunderte. Endlich löste sie auch ihre Beinbänder herab und ihr Haarnetz, von welchem sie rühmte, daß es aus den feinsten Goldfäden verfertiget sey.

Trimalcion bemerkte dieses alles und befahl alles herbey zu bringen. »Ihr sehet hier«, sagte er, »ihre guten Fußketten! so lassen wir Narren uns von ihnen berauben. – Sie müssen sechs und ein halbes Pfund haben; und ich selbst habe noch über dieses ein Armband für sie, welches zehn Pfund wiegt, wozu ich einige Interessen angewendet habe.«Im Originale steht: Aus dem tausendsten des Merkur hab' ich sie machen lassen; das ist: Er hätte den tausendsten Theil seines Gewinns dem Merkur gewidmet, und weil Merkur dieses Gelübdes nicht bedurfte, so hätt' er seiner Frau ein Armband daraus machen lassen. Zehn Pfund soll also hier einen ungeheuer grossen Reichthum anzeigen; obgleich römische Pfunde nicht so schwer waren, als die teutschen.

Übrigens lache man nicht zu sehr über die Eitelkeit dieser Damen und des Herrn Trimalcion. Wovon unterhält man sich denn in unsern Gesellschafften? Eben davon, wenn man nicht Pharao und l'Hombre und Quadrille und Tarok und dergleichen spielt.

Endlich mußte man ihm sogar noch eine Waage bringen, damit man nicht glauben möchte, er löge – und nun wog er alles nach einander.

Nicht besser macht' es Scintilla. Diese zog eine goldene Kapsel von ihrem Halse, welche sie ihre Felicion nannte, und brachte noch zwo von den größten Perlen hervor und gab sie der Fortunata eben so zu betrachten. – »Dies ist ein Geschenk von meinem lieben Männchen«, sagte sie, »kein Mensch kann sie besser haben!« –

»Du hast mir lange genug in den Ohren gelegen«, sagte dieser, »damit ich dir diese Bohne von Glas kaufen möchte, und hast mich beynahe dadurch zum Bettelmanne gemacht. – Wahrhafftig! wenn ich eine Tochter hätte, wollt' ich ihr die Ohrenläppchen abschneiden. Wenn die Weiber nicht wären, so würden wir das alles für Koth halten. Nunmehr aber ist's so unumgänglich, als warm pissen und kalt trinken.«

Obgleich die Damen darüber betroffen waren, so lachten sie doch dazu und küßten sich schon beyde betrunken, indem die eine rühmte, was sie für eine gute Haußmutter, und die andre, was ihr Mann für ein gutes Närrchen sey. – Da sie noch an einander hangen, so stand Habinnas heimlich auf, ergriff die Füsse der Fortunata und legte sie aufs Bett.

»Ach! ach!« schrye sie, wie wenn sie in's Wasser fiel, indem sich ihr Unterröckchen bis über die Kniee hinaufschlug – und in diesem Zustande verbarg sie ihr aufglühendes Gesicht in dem Schoose ihrer Scintilla.

Nicht lange darnach befahl Trimalcion, daß der Nachtisch herbeygebracht würde. Die Sklaven trugen alle Tische fort und brachten andere an deren Stelle und bestreuten den Saal mit rothen und gelben Sägespänen und, welches ich niemals gesehen hatte, mit glänzendem Staube von Spiegelsteinen.Einige Gelehrte haben sich deswegen mit einander gezanket, ob dieser Stein noch auf oder in der Erde sey, oder nicht. Er ist vermutlich noch da, wiewohl nicht unter diesem Namen.

Trimalcion sagte darauf: »Ich konnte zwar mit dem letzten Gerichte zufrieden seyn, denn es war statt des Nachtisches; aber wenn du was gutes hast, so bring es her.«

Unterdessen fieng ein Alexandrinischer Bube, welcher mit laulichem Wasser bediente, an, die Nachtigall zu machen. Plötzlich aber schrye Trimalcion: »Was anders!« da kam denn wieder was neues. Ein Sklave, welcher zu den Füßen des Habinnas saß, schrye augenblicklich darauf, vermuthlich auf Befehl seines Herrn, mit heller Stimme:

»Unterdessen war schon auf der Höhe des Meeres Aeneas
»Mit der Flott' und die Reise gewiß usw.«

Kein mißheiliger Ton hat jemals so meine Ohren zerrissen! denn außer diesem sang der Barbar bald hoch und bald tief und mischte Gassenliederchen mit ein, daß mich damals zum erstenmal! sogar Virgil beleidigte. – Da er nun endlich aus Müdigkeit nicht mehr fortschrye, sagte Habinnas: »Hat er's gelernt ? Man muß ihn auf den Markt schicken, dort wird er seines gleichen nicht haben, er mag entweder die Mauleseltreiber oder Quacksalber nachahmen wollen. – Wenn er in Noth steckt, so ist er der verschlagendste Kopf. Er ist Schuster, Koch, Becker und kann bey ieder Kunst einen Bedienten abgeben; doch hat er zween Fehler an sich, und wenn er diese nicht hätte; so würd' er ganz ohne allen Tadel seyn. Er bekömmt bisweilen den Schuß in den Kopf und schläft gerne. Daß er schieläugig ist, hat nichts zu bedeuten; das ist auch Venus, und deswegen verschweigt er nichts. Ich kauft' ihn auch, wie einen Einäugigen für hundert Thaler.«

Hier unterbrach ihn Scintilla und sagte: »Du Schelmchen verschweigst noch vieles von ihm! er ist auch in der Schule der Buhlereyen gewesen; aber ich will ihn schon dafür bezahlen! du Schielauge du! ich lasse dir noch ein Kreuz auf die Stirne brennen!« Trimalcion lachte und sagte: »Ich erkenn' ihn selbst für einen Erzschalk. Er schlägt nichts aus! und beym Herkules! er thut recht dran! denn er hat seines gleichen nicht. Du aber, liebe Scintilla, darfst nicht so eyfersüchtig seyn! Glaube nur sicherlich, daß wir euch auch kennen! Eben so, so wahr ich Trimalcion bin, pfleg' ich auch den schönen Ammea anzugreifen, daß so gar mein Herr einen Verdacht deswegen schöpfte und mich auf einen Meyerhof verwies. – Aber sey stille, Zunge! ich will dir was zu essen geben!« –

Dieser heillose Sklave, eben, als wenn er gelobt worden wäre, zog ein Pfeifchen aus dem Busen und macht' es länger, als eine halbe Stunde den Flötenbläsern nach, und Habinnas accompagnirte ihn, und drückte mit dem Finger die untere Lefze darnach. Endlich trat er gar mitten in den Saal, und machte, wie ein Pickelhäring bald die Cantoren und bald mit einer Peitsche die Mauleseltreiber nach, bis ihn endlich Habinnas zu sich rief, ihn küßte, ihm den Becher reichte und zu ihm sagte: »Trefflich und vortrefflich! Massa, du sollst ein Paar Stiefeln haben.« – Aus Verdruß würd' ich noch davon gelaufen seyn, wenn nicht noch das letztere Gericht dieses Gewäsche unterbrochen hätte. Es bestand aus einer Pastete von Grammetsvögeln, getrockneten Trauben und eingemachten Nüssen. Darauf folgten Quitten mit Zimmet gespickt, damit sie wie Igel aussehen sollten. Dieses wäre noch erträglich gewesen, wenn nicht noch ein ungeheureres Gericht darnach wäre gebracht worden, vor welchem der hungrigste Kerl Meilen weit davon gelaufen wäre. Denn da wir glaubten, eine gestopfte Gans stehe da und Fische und allerley Arten von Vögeln darum, so sagte Trimalcion: »Alles was ihr sehet, ist aus einem Leibe gemacht.«

Ich nämlich, als der erfahrendste Kerl in dergleichen Sachen, wußte gleich, was es wäre, und sagte dem Agamemnon: »Es ist sehr schön, wenn es nicht von Wachs gemacht ist! Zu Rom hab' ich in den Saturnalien eben solche Statuen von Gerichten gesehen.« Ich hatte noch nicht aufgehört zu reden, als Trimalcion sagte: »Ich will was darauf wetten, wenn mein Koch das nicht alles von einem Schwein gemacht hat, ohne sonst etwas. Er ist der kostbarste Kerl von der Welt. Wenn ihr es verlangt, so macht er aus einem Saumagen einen Fisch, aus Speck einen Baum, aus dem Schinken eine Turteldaube, aus den Eingeweyden eine Henne; und nach meiner Erfindung hat er den schönsten Namen deswegen erhalten, denn er heißt Dädalus; und weil er ein so guter Kerl ist, so hab' ich ihm aus Rom ein Paar Norische Messer mitgebracht.« – Gleich ließ er sie bringen, sah sie an, und bewunderte sie, und gab uns die Erlaubnis dazu, daß wir sie an unsern Barten versuchen könnten. –xxx

Plötzlich traten lärmend zween Sklaven in den Saal, als wenn unter ihnen ein Streit im Weinkeller entstanden wäre; noch hatten sie Flaschen an ihren Hälsen hängen, und wie Trimalcion ihren Streit entschieden, so wollte keiner von ihnen die Entscheidung befolgen, sondern sie schlugen einander die Flaschen in zwey. – Wir erschraken über die Frechheit dieser Besoffenen und sahen ihrem Streite zu. – Aus ihren Flaschen fielen allerley Arten von Muschelfischen, welche ein Knabe auflas und in einer Schüssel herumtrug. –

Das grosse Genie unter den Köchen, der Koch übertraf noch diese witzigen Einfälle. Er brachte in einem silbernen Schüsselchen Schnecken herbey, und sang mit einer jämmerlichen und erbärmlichen Stimme dazu.

Ich schäme mich beynahe, das folgende zu erzählen. Ungewöhnlicher Weise brachten schöne hübsche Jungen mit langen Haaren in silbernen Becken Salbe, und salbten die Füsse der Gäste damit, da sie vorhero Schenkel, Waden und Fersen mit Blumenkränzen umwunden hatten. Darauf goßen sie von eben dieser Salbe in die Weingefäße und Lampen.

Schon wollte Fortunata tanzen, schon klatschte Scintilla mehr, als sie sprach, als Trimalcion rief: »Ich erlaub' euch Philargyrus und dir Carrio, der du ein so tapfrer Anhänger der GrünenEs waren in Rom zu diesen Zeiten Partheyen; die sich zu der einen hielten, nannten sich Prasinati und die sich zu der andern: Venetiani. Die eine behauptete: »Dudeldum ist der größte Trillerschläger!« und die andere: »Dudeldum ist der einfältigste Kerl, der keinen reinen Ton im Halse hat; aber Dudeldey schlägt einen Triller – daß er den Dudeldum wie Apollo, der Sultan der Musen, den Marsyas, schinden könnte.« bist, euch an den Tisch zu setzen! Sage deiner Concubine Minophila, daß sie es eben so mache.«

Was soll ich alles weitläufig erzählen? Beynahe wurden wir aus unsern Lagern vertrieben, so viel hatte das Gesinde von dem Tische eingenommen. Das hab' ich nicht vergessen, daß der Koch, der aus einem Schweine eine Gans gemacht hatte, über mir saß, und die ganze Küche aus sich dünstete. Er war nicht damit allein zufrieden, daß er am Tische saß, sondern fieng gleich an, den Thespis den ersten Komödianten nachzumachen, und wollte dann immer mit seinem Herrn wetten, daß er in dem nächsten Wettrennen in einem grünen Rocke den ersten Preis davon tragen würde.

Trimalcion zerfloß in Vergnügen bey dieser Aufforderung, und sagte: »Meine Freunde! die Sklaven sind doch auch Menschen! und haben eben so wie wir Weibermilch getrunken! und wenn sie gleich ihr böses Schicksal verfolgt, so sollen sie doch, so wahr ich lebe! noch freye Lufft genießen! Kurz! ich mache sie in meinem Testamente alle frey!Dieser einzige Zug des Trimalcion, welcher zwar bey den Römern einen niedrigen Geist anzeigte, macht bey uns Erdenbürgern alle seine Narrheiten wieder gut. Sein Hauptfehler ist, daß er alles wußte, ohne etwas gelernt zu haben, und bey Personen von einem hohen Range ist es nichts seltenes, daß sie alles zu wissen glauben – wie Crebillon in seinem Tanzai anmerket. – Er sagt hier einen Gedanken, der unsern weisesten Europäischen Monarchen selten einfällt, vielweniger den unweisen, welche die armen Unterthanen, wie die Aegypter ihre Crocodille, anbeten müssen.

Dem Philargyrus vermach ich ein Gut und seine Concubine. Dem Carrion eine Insel und den ZwanzigstenJeder Freygelassene mußte dem Universalerben den zwanzigsten Theil seiner Einkünfte zahlen; und dieses wurde dadurch dem Carrion erlassen. Herr Burmann versichert uns, daß hier dem Erben auferlegt worden sey, diesen Zwanzigsten dem Freygelassenen zu zahlen, aber ohne Gründe. Seine Hauptgründe sind, wie gewöhnlich: So will ich! So befehl ich! – nach Art der Schulmeister, die alle Welt für ihre Schüler halten. und ein gemachtes Bett. Fortunaten setz' ich zu meiner Haupterbin ein, und empfehle sie allen meinen Freunden. Dieses eröffne ich alles deswegen, damit mich meine Familie iezt schon so liebt, als wenn ich gestorben wäre.« –

Alle bedankten sich für die Wohlgewogenheit ihres Herrn, er setzte den Scherz bey Seite und befahl, daß man ihm sein Testament herbringen sollte; und las es dann vom Anfange bis zu Ende. Die ganze Familie seufzte unterdessen.

Nach diesem sah' er den Habinnas an und fragte: »Was sagst du liebster Freund dazu? Willst du mir noch mein Grabmahl aufrichten, so wie ich es dir befohlen habe? – Ich bitte dich aber sehr, daß du an den Fuß meiner Statue ein Hündchen machest und Kränze und Salben und alle meine gewonnene Schlachten, damit ich durch dich so glücklich sey, noch nach meinem Tode zu leben. Oben muß es hundert und unten zweyhundert Fuß haben. – Alle Arten von Obstbäumen sollen um meine Asche gepflanzt werden! denn es würde sehr ungereimt seyn, wenn ich bey Lebzeiten meine Wohnungen so schön ausgezieret hätte, und dieienigen öde liegen lassen wollte, wo ich so lange wohnen muß. Vor allen Dingen muß noch diese Aufschrifft dabey seyn:

Dieses Monument
soll keinen Erben haben.

Uebrigens werd' ich in meinem Testamente darauf bedacht seyn, daß man mich nach meinem Tode nicht beschimpfe. Deswegen will ich einen Freygelassenen über mein Grabmahl setzen, der verhüten soll, daß der Pöbel nicht irgend darauf seine NothdurftDie Alten waren deswegen sehr besorgt; und wenn sie nicht so viel im Vermögen hatten, Wache über ihre Gräber zu setzen, so ließen sie darüber einen entsetzlichen Fluch auf diejenigen schreiben, welche es thun würden. Burmann hat eine solche Grabschrifft aus dem Mavillon herbey geführt, die noch zu Rom zu sehen ist, welche also lautet:

Wer hierauf wird gepißt Qui. hic. mixerit.
oder gegackt haben aut. cacarit.
den sollen habeat.
alle obere und Deos superos et
untere Götter inferos
strafen! iratos!
verrichte. Noch bitt' ich dich, daß du Schiffe mit vollen Seegeln daraufgehend machest und mich auf einem Richterstuhle in einem Gewande mit Purpurstreifen und mit fünf goldenen Ringen, so, daß ich aus einem Säckchen Gold unter das Volk auswerfe; denn du weist, daß ich öffentliche Mahlzeiten gegeben habe und iedem Gaste zwey Goldstücke. Du kannst, wenn du willst, einen Speisesaal dazu machen und das ganze Volk daran, wie es sich gütlich thut.

Zu meiner rechten Seite aber mache mir die Statue meiner Fortunata, wie sie ein Däubchen in der Hand hält und ein Hündchen an einem Gürtel führt und meinen Cicaron und Flaschen in Menge, die alle vergypst seyn müssen, damit der Wein nicht heraus laufe. Eine davon kannst du wohl auch zerbrochen vorstellen und über sie einen weinenden Knaben. Eine Uhr aber in die Mitte, damit, wer die Stunde daran sehen will, er mag wollen oder nicht, meinen Namen daran lese. Was die Grabschrifft betrifft, so bitt' ich dich mir zu sagen, ob dir diese hinlänglich zu seyn scheinet:

Hier ruhet
C. Pompeius Trimalcion
der Maecen
In seiner Abwesenheit wurd er
zum Sevir erwaehlt
und da er iedes Amt erhalten konnte
so wollt' er es doch nicht.
Er war
Fromm Tapfer Treu
Sein Anfang war klein
Sein Ende gross
Drey Millionen hat er hinterlassen
und niemals einen Philosophen gehoert.
Auch du lebe wohl.«

Wie er dieses gesagt hatte, so vergoß er häufig Thränen; auch Fortunata weinte; und endlich weinte die ganze Familie und erfüllte mit ihrem Geheule den ganzen Saal, als wenn sie schon zu seiner Leiche wären gebeten worden. Ich selbst mußte mit zu weinen anfangen; und hier rief denn Trimalcion auf einmahl aus: »Da wir so gut wissen, daß wir sterben werden, warum wollen wir denn nicht leben? Ihr sollt alle glücklich seyn! – kommt! Werfen wir uns in's Bad! Auf meine Gefahr! Es soll euch nicht gereuen! Es ist so warm drinnen, wie in einem Ofen.«

»Recht so! recht so!« rief Habinnas, »das ist mir was leichtes, aus einem Tage zweene zu machen!« daraufstand er baarfuß auf und folgte dem Trimalcion, der vor Freuden nicht wußte, wie er gehen sollte.

Darauf wandt' ich mich zu dem Ascylt, und fragt' ihn: »Was denkest du dabey? Wenn ich nur das Bad in's Gesicht bekomme, so werd' ich schon des Todes seyn.«

»Wir wollen thun, als wenn wir mit gehen wollten«, sagte er, »und indem sie in's Bad gehen, unter dem Getümmel hinaus schleichen.«

Da wir darinnen einerley Meinung waren, so mußt' uns Giton durch die Gallerie führen, bis wir zur Thür kamen. Daselbst fiel uns der Kettenhund so wüthend an, daß Ascylt in einen Fischbehälter fiel; und ich, der nicht viel nüchterner war, und so gar vor dem gemahlten Hunde mich schon gefürchtet hatte, fiel hinter ihn drein, da ich ihm helfen wollte. Der Pförtner rettete uns noch, welcher durch seine Ankunft den Hund stillte, und uns, die wir wie Espenlaub zitterten, in's trockene zog. Giton hatte sehr klüglich den Hund für sich eingenommen, denn er warf ihm alles vor, was er von uns bey der Mahlzeit empfangen hatte, und besänftigte ihn dadurch.

Da wir nun endlich halb erfroren uns von dem Pförtner ausbaten, daß er uns zur Thür hinaus bringen möchte, so sagte er: »Ihr irret euch, wenn ihr glaubt, ihr könntet da wieder hinaus gehen, wo ihr herein gekommen seyd. Noch kein einziger Gast ist zu eben der Thüre hinaus gegangen, durch welche er herein gekommen ist; da gehet man herein und dort hinaus.«

Was sollten wir anfangen? wir Unglückseeligsten? Wir waren in eine neue Art von Labyrinth eingeschlossen. Es war kein andres Hülfsmittel übrig – wir mußten uns baden. Wir baten ihn also von freyen Stücken, daß er uns in's Bad bringen möchte.

Wie wir da waren, so warfen wir unsere Kleider von uns, welche Giton am Eingange trocknen sollte, und giengen in's Bad. – Es war sehr schmaal und einer Cisterne gleich, wo man sich zu erfrischen pfleget. Trimalcion stand gerade darinnen; wir konnten auch hier nicht vermeiden seine Prahlereyen anzuhören. Er sagte: »Es ist nichts besser, als wenn ihrer wenige sich baden! Sonst hat hier ein Backhauß gestanden!« Dann setzt' er sich vor Müdigkeit nieder. Das ganze Bad gab dadurch einen Klang von sich. Daraufhob er begeistert sein trunkenes Haupt empor und fieng an, die Lieder des Mäcen zu verhunzen, wie mir diejenigen sagten, welche seine Sprache verstunden.

Die andern Gäste tanzten um seine Badzelle mit zusammen geschlungenen Händen in einem Kreise herum und schryen so entsetzlich, daß das ganze Hauß darüber einfallen wollte. Andere versuchten, ob sie mit zusammen gebundenen Händen Ringe von dem Boden aufheben, und noch andere, ob sie mit vorgebogenen Knieen den Kopf rückwärts bis auf die Fersen beugen könnten.

Indem diese ihre Spielereyen machten, giengen wir in eine Badstube, wo dem Trimalcion eingefeuert wurde. Hier fiengen unsere Köpfe an, ein wenig leichter zu werden, und man führte uns in ein anderes Zimmer, in welchem Fortunata ihre Kostbarkeiten ausgekramet hatte. Ich bemerkte bey dem Glanze von krystallenen Leuchtern Fischer aus Erzt gegossen, Tische von gediegenem Silber, mit Gold überzogene Becher und Schläuche, woraus Wein floß.

Dann kam Trimalcion und sagte: »Meine Freunde, heute läßt sich mein Sklave zum erstenmahl den Bart abscheeren. Es ist ein gutherziger braver Kerl und ich lieb' ihn sehr. Also laßt uns ihn einweyhen und bis an den hellen lichten Tag trinken!« –

Wie er das sagte, schrye der Hahn.Der zu frühzeitige Hahnenschrey war nach dem Johannes Sarisberiensis eine böse Vorbedeutung, und Trimalcion glaubte, es sey noch nicht lange Nacht. Trimalcion wurde darüber bestürzt, und befahl, daß man Wein unter den Tisch gießen und die Lampen damit besprützen sollte. Ja! er steckte so gar einen Ring von seiner linken an seine rechte Hand, und sagte: »Vergeblich hat dieser Wächter kein Zeichen gegeben; denn entweder wird eine Feuersbrunst entstehen, oder Iemand wird in der Nachbarschafft seinen Geist aufgeben. Die Götter mögen uns gnädig seyn! Wer diesen Propheten bringt, soll eine Krone erhalten!«

Er hatte noch nicht ausgeredet, so wurde der Hahn schon gebracht. Trimalcion befahl, daß man ihn gleich in einem Kessel kochen solle. Der gelehrte Koch, der kurz vorher aus einem Schweine Vögel und Fische gemacht hatte, machte nicht viel Federlesens mit ihm, und schmiß ihn auf einen Rost, und indem Dädalus ihn mit siedenden Brühen begoß, mahlte Fortunata in einer Handmühle von Buchsbaum Pfeffer.

Wie der Rest von dem Nachtische gänzlich aufgezehrt war, so wandte sich Trimalcion zu seinem Haußgesinde, und sagte: »Und ihr habt noch nicht gegessen meine Kinder? Gehet und laßt andere in eure Stelle kommen!« –

Nun kam eine andere Bande. Iene schryen: »Lebe wohl Gaius!« und diese: »Sey gegrüsset Gaius!«

Hier wurde die Freude zuerst gestöret; denn da ein schöner Junge unter den neuen Bedienten herein getreten war, so ergriff ihn Trimalcion, und konnte sich gar nicht satt an ihm küssen. Hier fieng Fortunata an, welche hier augenscheinlich ihren Verdacht bekräftigen konnte, auf den Trimalcion zu schimpfen, nannt' ihn einen schmuzigen garstigen Mann, der seine Geilheit nicht im Zaume halten könne, und zulezt sagte sie noch: »Du geiler Hund!« –

Trimalcion durch diese Schimpfworte beschämt und im höchsten Grade beleidiget, warf einen Becher gerad' ihr in's Gesicht. Diese schrye nun ganz erbärmlich, als wenn er ihr ein Auge aus dem Kopfe geworfen hätte, und hielt ihre zitternden Hände vor's Gesicht. Scintilla selbst wurde sehr darüber bestürzt und drückte sie halb ohnmächtig an ihren Busen. Ein gutwilliger Knabe brachte einen Krug frisches Wasser herbey und hielt es ihr an den Backen; Fortunata hielt ihr Gesicht darüber und seufzte und weinte.

Trimalcion hingegen sagte: »Was bildet sich die Hure ein, daß sie mich so behandeln will? Aus dem Backhauße hab' ich sie heraus gezogen und unter die Menschen gebracht! Iezt bläst sie sich wie ein Frosch auf; aber sie speyt sich selbst auf ihren Busen. Ein Stück Holz ist sie, kein Weib. Aber es hat seine Richtigkeit, ein Mistfinke wird sich niemals in die grosse Welt schicken. Nicht eher will ich mich ruhig zu Bette legen, als bis ich diese großsprecherische Cassandra gedemüthiget habe.

Wie ich noch ein geringer Bursche war, konnt' ich schon ein Weib von hundert tausend Thalern heyrathen. Du wirst wohl wissen, daß ich keine Lüge sage. Gestern führte mich der Salbenhändler Agathon bey Seite und sagte mir: ich bitte dich! laß doch dein Geschlecht nicht untergehen. Aber indem ich dieser alles liebes und gutes thue und nicht flatterhaft scheinen will, so hab' ich mir selbst die Faust in's Gesicht geschlagen. Nach meinem Tode wirst du mich wieder mit den Fingernägeln auskratzen wollen! dann wirst du einsehen, wie unvernünftig du iezt gehandelt hast. Habinnas, nun sollst du ihre Statue nicht mehr auf mein Grabmahl bringen, sie dürfte sich nach meinem Tode noch mit mir zanken wollen! Und damit sie erfahren möge, daß ich ihr schaden kann, so befehl' und verordn' ich hiermit, daß sie, wenn ich gestorben bin, mich nicht küssen soll.«

Nach diesen Donnerschlägen fieng Habinnas an, für sie zu bitten und beschwor ihn, daß er doch wieder aufhören möchte zu zürnen, und sagte: »Es ist Niemand unter uns, der nicht fehle! Wir Menschen sind ia keine Götter!« Scintilla sagte das nämliche, und weinte dazu, und sagte zulezt: »Ich beschwöre dich bey ihrem Schutzgeiste, lieber Gaius, sey nicht unerbittlich!«

Darauf weinte Trimalcion, wie ein Kind und sagte: »Habinnas, es müsse dir wohl gehen! Wann ich zu viel gethan habe, so speye mir in's Gesicht! Ich habe dem allerbesten Knaben ein Paar Küsse gegeben, nicht weil er schön, sondern weil er so gutherzig, so ehrlich ist. Er kann zehn Reden halten! Er liest sein Buch ohne Anstoß weg! Er steckt seine täglichen Geschenke in eine Sparbüchse! Er hat sich ein Kästchen angeschafft, worinn er sich das aufhebt, was er nicht ißt! und einige Fläschchen dazu, was er nicht trinkt! Ist er nicht werth, daß ich ihn unter meinen Augen leide? Aber Fortunata will's nicht haben. Und weswegen du Krummbein?Im lateinischen ist hier das Wort: Fulcipedia, das ist: das eine Bein wäre bey ihr kürzer gewesen, als das andere, oder sie hätte gehinkt. Die Lesarten aber sind hier verschieden, und nach dem Brantome wäre dies mehr ein Lobspruch, als eine Beschimpfung gewesen; denn dieser sagt, in den Lebensbeschreibungen der berühmten Damen seiner Zeit, von der Königin Anna, nachdem er ihre Schönheit poetisch geschildert, daß sie ein wenig gehinkt habe, und fügt hinzu: On dit, que l'habitation d'icelles femmes est fort delicieuse pour quelque certain mouvementagitation, qui ne se rencontre pas aux autres.

Einige Helden, welche auf den Kampfplätzen der goldenen Venus, oder vielmehr der schwarzen, wie sie die Griechen nannten, viele Siege davon getragen haben, unter allen Himmelsstrichen, haben mich hoch und theuer versichert, daß sie l'habitation d'icelles femmes allen andern vorzögen. – Ich hoffe, durch die Anführung dieser trefflichen Anmerkung mir die schönen hinkenden Damen zu Freundinnen gemacht zu haben. Wohl bekomm' es mir! –

Nun so friß immer alles weg, du Habicht! Aber mache mich nicht toll, kleine Hure! sonst wirst du erfahren wer ich bin! Du kennst mich und weist sehr wohl, daß das, was ich einmahl beschlossen habe, so fest ist, als wenn es mit den längsten Nägeln angenagelt wäre! – Aber bedenken wir, daß wir leben! –

Seyd vergnügt meine Freunde! ich bitt' euch darum! Ich war eben das, was ihr seyd! bloß durch meinen Verstand hab' ich's so weit gebracht. Unser Herzchen macht uns zu Menschen, das übrige ist alles nichts! Ich kaufe wohl und verkaufe wohl! Ein andrer mag euch das übrige sagen! Ich möchte vor Glückseeligkeit zerbersten! du aber, Schnarcherin, weinst du noch immer? Warte nur! Ich will dir schon noch Ursache dazu geben! –

Aber um in meiner Erzählung fortzufahren! Zu diesem Glücke hat mich meine Sparsamkeit gebracht. Wie ich aus Asien kam, war ich nicht grösser, als dieser Leuchter. Kurz! ich pflegte mich täglich mit ihm zu messen, und damit ich bald einen Bart bekäme, so salbt' ich mich aus dieser Lampe. Unterdessen war ich vierzehn Jahre die Geliebte, die Wollust meines Herrn; denn warum sollt ich es nicht gestehen? Was der Herr befiehlt, ist nicht schändlich. Aber doch that ich auch der Gemahlin dabey Gnüge. Ihr versteht mich! Ich schweige davon, weil ich mich nicht gern selbst rühme. Darauf wurd' ich nach dem Willen der Götter selbst Herr im Hauße, und da fieng ich an, zu merken, daß ich Gehirn im Kopfe hatte. Was soll ich weitläufig seyn? Dadurch wurd' ich sein Erbe zugleich mit dem Kaiser, und nahm seine Güter und Würden im Besitz. Aber sagt mir, wenn hat iemals ein Mensch genug? – Ich hatte Lust Handlung zu treiben. Ich will euch nicht lange aufhalten. Ich rüstete fünf Schiffe aus, belastete sie mit Wein, das war so viel, als baares Geld; und ließ sie nach Rom abseegeln. Eben so, als wenn ich es befohlen hätte, litten alle fünfe Schiffbruch. An einem Tage verschlang Neptun über drey Millionen. Glaubt ihr, daß ich den Muth verloren habe? Nein! beym Herkules! das alles war mir, wie nichts! Ich ließ grössere und bessere und glücklichere bauen, damit Ieder sagen müßte, ich sey ein muthiger Mann. Ihr wißt, ie grösser die Schiffe sind, ie mehr Stärke haben sie. Ich belastete sie wieder mit Wein, Speck, Bohnen, Salben und Sklaven. –

Hier that Fortunata eine großmüthige Handlung! denn sie verkaufte allen ihren Schmuck und alle ihre Kleider, und gab mir hundert grosse Goldstücke in die Hände, die gleichsam der Sauerteig zu meinem Vermögen waren. Was die Götter wollen, geschieht geschwind. Auf einer Fahrt gewann ich eine ganze Million. Ich löste alle Grundstücke meiner Erbschafft wieder ein, baute Häußer, kaufte Zugvieh zum Verkaufe. Was ich nur berührte, nahm zu, wie eine Honigscheibe. Endlich da ich mehr hatte, als mein ganzes Vaterland – Weg damit dann! ich entschlug mich der Handlung, und schoß den Freygelassenen Kapitalien auf Zinse vor. Endlich da ich alles mein Gewerbe wollte liegen lassen, so kam ein Mathematicus in unsere Colonie, ein Grieche, namentlich Serapio, ein von den Göttern begeisterter Mann, und beredte mich wieder dazu. Er sagte mir alles vom Anfange bis zum Ende, was ich gethan und schon wieder vergessen hatte. Er kannte alles an mir, sogar biß auf meine Eingeweide, und hätte mir sagen können, was ich gestern gegessen hätte. Man konnte glauben, er sey von Kindesbeinen an nicht von mir weggekommen.

Warest du nicht dabey, Habinnas, als er mir einst sagte: du hast deine Frau zu dem Herrn deines Vermögens gemacht! du bist nicht glücklich in der Wahl deiner Freunde! Niemand wird dir dankbar seyn! Du besitzest weitläufige Ländereyen! Du ernährest eine Schlange an deinem Busen! – Und warum soll ich es nicht sagen? Du hast noch zwey und dreyßig Jahre, vier Monathe und zween Tage zu leben! In kurzem wirst du eine Erbschafft erhalten! –

Dieses verkündigte mir mein Wahrsager!

Wenn ich meine Güter noch mit Apulien verbunden habe, so werd ich reich genug seyn. Unterdessen hab' ich unter dem Schutze des Merkur dieses Schloß gebauet. Wie ihr wißt, war es eine Hütte, iezt kann es eine Wohnung der Götter seyn. Es hat vier Speisesäale, zwanzig Zimmer mit Schlafgemachen, zwo Gallerieen von Marmor, in der Höhe viele Zimmer für Bediente und Haußgeräthe, ein Schlafzimmer für mich, ein Putzzimmer für diese Otter, ein sehr gutes Zimmer für den Pförtner und ein Gastzimmer für hundert Gäste. Kurz! wenn Scaurus hieher kam, so wollt' er sonst nirgends lieber Quartier nehmen, und er hatte selbst am Strande ein väterliches Landgut. Es sind noch andere Dinge darinnen, welche ich euch gleich zeigen will.

Glaubet mir auf mein Wort! So viel ihr Geld habt, für so viel Geld hält man euch werth! Hast du Geld, so wirst du auch geschützt. So wurde euer Freund aus einem Frosche ein König.

Stich bringe mir unterdessen meine Sterbekleider her, in welchen man mich hinaus tragen soll, und Salbe aus iener kostbaren Flasche, wovon meine Gebeine sollen gesalbet werden.« –

Stich brachte gleich eine weise und eine mit Purpur besetzte Toga. Wir mußten darauf alles befühlen, ob es von guter Wolle gemacht sey. Dann sagte er lächelnd: »Stich laß mir ia keine Würmer und Motten hinein kommen, sonst laß ich dich lebendig verbrennen! Prächtig will ich hinaus getragen werden und das ganze Volk soll mich seegnen.«

Iezt eröffnete er die Flasche voll Nardenoel und salbte uns alle ein wenig damit. »Ich will hoffen«, sagte er, »daß mir dieses Oel eben so angenehme Empfindungen verursachen werde, wenn ich tod bin, als iezt, da ich noch lebe.« Dann ließ er frischen Wein einschenken und sagte: »Stellt euch einmahl vor, ihr wäret auf meinem Leichenschmauße!« – Die Sache wurde nun endlich so weit getrieben, daß wir alle den größten Ekel darüber empfanden. Trimalcion war durchaus besoffen und befahl – wieder ein neuer Ohrenschmauß! – daß die Waldhornisten herbey gebracht würden. – Er streckte sich die Länge lang auf seine vielen Kissen, als wenn hier sein Todenbett wäre. »Glaubet nun«, sagte er, »daß ich mausetod sey, und saget etwas rührendes!« –Vermuthlich hat Karl der fünfte die Erfindung seines Leichenbegängnisses, welches er auch noch zu seinen Lebzeiten hielt, daraus genommen. Doch – damals konnte er dieses Petronische Fragment noch nicht gelesen haben. Es ist dieses also auch einer von den vielen Beweisen, daß zween Köpfe einerley erfinden können. Wenn Karl zu den Zeiten Petrons gelebet hätte, so müßte Petron, nach den Kunstrichtern, nothwendig diese Satyre auf ihn gemacht haben.

Die Waldhornisten bliesen nun ihre klägliche Leichenstückchen. Insbesondere ließ ein Sklave des Leichenvoigts, welcher der ehrlichste noch unter diesen zu seyn schien, sein Horn so stark erschallen, daß die ganze Nachbarschafft davon aufgeweckt wurde.

Die Wächter in dem Theile der Stadt, wo das Hauß des Trimalcion war, glaubten es wäre Feuer darinnen, brachen schleunig die Thüren auf, und mit einem fürchterlichen Getümmel kamen sie, wie es ihre Pflicht erforderte, mit Aexten und Wassereymern herein gesprungen.

Wir bedienten uns dieser vortrefflichen Gelegenheit, ließen Agamemnon im Stiche und sprangen so schnell davon, als wenn das ganze Hauß würklich brennte und über uns einfallen wollte.

Ende des ersten Bandes.

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