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Befehl aus dem Dunkel

Hans Dominik: Befehl aus dem Dunkel - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleBefehl aus dem Dunkel
publisherVerlag Scherl
printrun21. bis 25. Tausend
yearo.J.
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151002
projectid72030c59
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Wenn ich denke, daß jetzt wahrscheinlich der gelbe Schuft in Paulinenaue ist und sich mit seiner teuflischen Kunst den Verstärker und wer weiß was sonst noch alles aneignet ... man möchte verzweifeln. Sollte es denn wirklich ganz unmöglich sein, aus diesem Kellerloch zu entkommen? ...«

Georg ging Schritt für Schritt die Wände ab, fühlte und suchte.

»Sparen Sie sich doch die Mühe, Herr Astenryk. Das habe ich schon alles in der langen Stunden meiner Gefangenschaft ausprobiert, hätten wir irgendein eisernes Werkzeug, um die Mauer bearbeiten zu können, würden wir bald frei sein. Aber hier ist ja nichts, hier gibt es keinen Gegenstand aus Eisen, den man vielleicht zu einem Werkzeug formen könnte. Alles ist aus Holz.«

»Haben Sie eine Ahnung, was das für ein Haus ist, in das er uns gebracht hat, Clennan?«

»Das habe ich einigermaßen genau feststellen können. Es ist eine der ganz vereinzelt stehenden Villen weit hinter dem Stadtpark. Wahrscheinlich hat das Haus leer gestanden und Turi Chan hat es für seine Zwecke gemietet.«

»Haben Sie etwas von Dienerschaft gesehen?«

»Ja, als ich in Turi Chans Auto hierherkam, öffnete ein Mann die Gartentür und ein anderer empfing uns am Haustor. Beides waren Weiße. Wahrscheinlich irgendwelche Galgenvögel, die er sich in einer südlichen Hafenstadt aufgegabelt hat ...«

Clennan wollte weitersprechen, da bedeutete ihm Georg zu schweigen. Es war deutlich zu hören, daß ein Wagen über den Gartenkies fuhr und an der Hintertür des Hauses hielt.

»Das ist sicherlich Turi Chan ... ob es ihm wirklich gelungen ist, auch die in Paulinenaue zu überwältigen und den Verstärker mitzunehmen?«

Georg sprang auf und lief wie gehetzt in dem Keller hin und her. Er faßte an seinen Kopf ... »Das Netz! ... Es allein kann uns retten ... wenn er es nicht vorzeitig bemerkt«, setzte er bedrückt hinzu.

»Bei Ihnen befürchte ich nichts, Herr Astenryk. In Ihrem dichten, starken Haar ist sicherlich nichts davon zu entdecken. Anders bei mir. Verflixtes Pech, daß ich mir vor ein paar Tagen die Haare kurz scheren ließ! So deckt es nur den Oberteil meines Schädels.

Aber ich glaube immer noch, daß Sie, Herr Astenryk, der erste sein werden, den Turi Chan zu sich holen wird. Fassen wir uns in Geduld. Hoffentlich dauert es nicht mehr lange.« –

Während Turi Chans Abwesenheit hatten die beiden eine sonderbare Arbeit verrichtet. Sie stellten den Tisch an die Außenwand und zerpflückten in dem Lichtstrahl, der durch das Luftloch fiel, das Gewebe sorgfältig in seine einzelnen Drähtchen. Dann durchzogen sie ihr Haar mit den einzelnen Drähten in Form eines engmaschigen Netzes so, daß die Kopfhaare das Flechtwerk verbargen. Nach ihren Erfahrungen mußte diese metallische Einlage genügen, um den Kopf gegen Gedankenstrahlen abzuschirmen, soweit sie reichte. Und letzteres war der wunde Punkt bei ihrer so sinnreich erdachten Schutzmaßnahme. Stirn und Gesicht mußten selbstverständlich frei bleiben. Das Netz konnte daher nur schützen, wenn man sich Turi Chan gegenüber in einer abgewandten Stellung befand, daß dessen Gedankenwellen nur die geschirmten Teile trafen.

Diese unzweifelhafte Schwäche der Erfindung hatte aber andererseits wieder ihr Gutes. Wenn es Turi Chan einfiel, anstatt mit Worten nur mit Gedankenwellen seine Befehle zu geben, konnte man wenigstens nach Wunsch empfinden, was er wollte, indem man ihm abwechselnd geschützte und ungeschützte Teile des Kopfes zuwandte.

Da Turi Chan sicherlich eine Feuerwaffe mit sich führte und wahrscheinlich auch seine beiden Diener zur Hand hatte, war es ausgeschlossen, daß einer allein ihm mit offenem Widerstand begegnen konnte. So hieß es also, mit größter Geistesgegenwart und Umsicht, je nachdem es nötig würde, sich seinen Wellen auszusetzen oder sich gegen sie abzudecken.

Das war die Aufgabe, welche den beiden bevorstand. Immer wieder sagte einer dem anderen, es müsse unbedingt gelingen, obgleich jeder dabei im Innern stärkste Zweifel hatte. –

Der Abend nahte heran. Das Licht in dem Keller schwand immer mehr, die Ungeduld der beiden wurde immer größer. Endlich hörten sie, wie sich jemand der Tür näherte, sie aufschloß. Gleich darauf blitzte eine Taschenlampe auf. Turi Chan stand in der Türöffnung mit einem Browning in der Hand, hinter ihm seine beiden Diener.

»Kommen Sie heraus, Herr Astenryk. Sie werden ein erfreuliches Wiedersehen mit Ihrem Verstärker feiern ... übrigens, damit Sie nicht länger im Zweifel sind ... Ihr Bruder Valverde und Ihr sauberer Diener Marian befinden sich in derselben Lage wie Sie. Nur daß Sie beide den Vorzug haben, nicht geknebelt und gefesselt zu sein.«

Georg, der ungeduldig die Stufen hinaufkam, hätte sich am liebsten mit bloßen Händen auf seinen Feind gestürzt. Mit Gewalt bezwang er sich. Turin Chan ließ ihn an sich vorbeigehen und schritt denn hinter ihm her die Treppe zum Obergeschoß empor.

Schon hier fühlte Georg die Unsicherheit seiner Lage. Jetzt, wo er Turi Chan den Rücken zuwandte und das Netz ihn schützte, war er im Zweifel, ob der ihn nicht gedanklich beeinflusse. Doch anscheinend war das nicht der Fall, denn Turi Chan befahl ihm jetzt mit lauten Worten, in ein Zimmer zur Rechten zu treten. Als er die Tür öffnete, sah er auf einem Tisch seinen Verstärker stehen. Ein Blick zur Decke zeigte ihm, daß auch die Antenne schon gespannt war.

Die Aufregung in ihm war so groß, daß er kaum etwas beim Anblick des geraubten Apparates empfand. Nur der eine Gedanke in ihm: Wird es mir gelingen, Turi Chan so zu täuschen, daß ich ihn in die Gewalt des Verstärkers bekomme?

Mit gemacht gleichgültigem Gesicht stellte er sich vor Turi Chan hin und fragte, was er solle.

Der stutzte einen Augenblick, öffnete den Mund. »Wie? Was fragen Sie? ...« Er wollte weiter sprechen, besann sich, gab das, was er sagen wollte, Georg durch Gedankenwellen zu verstehen. Es war der Befehl, den Verstärker nach bestem Wissen und Gewissen betriebsfertig zu machen und Turi Chan in keiner Weise zu täuschen.

Georg stand, hörte, nickte. »Ich brauche Handwerkszeug. Haben Sie etwas hier?«

Turi Chan deutete auf einen anscheinend neu gekauften Kasten mit allerhand Werkzeug. Georg kramte lange darin.

Die erste Probe hat mein Netz bestanden, dachte er befriedigt. Er hatte mir doch anscheinend schon auf der Treppe einen gedanklichen Befehl gegeben, als ich ihm den Rücken zukehrte. Er verwunderte sich offensichtlich, als ich ihn fragte, was ich solle. Ah, verdammt, jetzt drehe ich ihm wieder den Rücken zu. Vielleicht befiehlt er mir wieder was.

Schnell wandte er den Kopf etwas zur Seite, um sich, wenn auch nicht vollständig, doch zum Teil für Turi Chans gedankliche Befehle empfänglich zu machen. Doch nein, der befahl nichts. Anscheinend wartete der, bis er das nötige Werkzeug beisammen hätte.

Nach einer Weile ging Georg mit dem Werkzeug in den Händen zum Apparat. Wieder den Kopf halb zu Turi Chan gewandt, vernahm er dessen immerfort wiederholten Befehl: Mach den Verstärker betriebsfertig und hüte dich, mich zu hintergehen!

Es war Georg ein Vergnügen, festzustellen, wie das Netz wirkte. Wenn er den Kopf nach vorn wandte, stand er sofort im vollen Banne Turi Chans. Wendete er das Gesicht ganz ab, vernahm er nichts von dessen Befehlen. Innerlich frohlockend, schloß er den Verstärker, der anscheinend völlig intakt geblieben war, an das Netz und die Antenne an.

Eben hatte er die letzte Verbindung gelegt, da entfuhren ihm die unbedachten Worte: »Der Apparat ist betriebsfertig.« Im selben Augenblick hatte Turi Chan die Waffe gegen ihn gerichtet und rief ihm zu: »Weg von dem Apparat, sonst ...« gab dabei stärksten gedanklichen Befehl.

Georg wandte beim Anblick der Waffe unwillkürlich den Kopf zur Seite. Die Wellen Turi Chans wurden durch das Netz abgeschirmt. Er tat, als taumele er vor Schreck zurück, ließ sich dabei mit abgewandtem Gesicht neben den Verstärker fallen, daß sein Kopf unter die Eingangsantenne kam. Dann, als wolle er sich erheben, stützte er sich auf die Hände und hob dabei die blanke Stirn gegen die Eingangsantenne. In blitzschnellem Entschluß ließ er seine eigenen Gedanken in den Verstärker strahlen.

Ein paar bange Augenblicke, dann wagte er es, das Gesicht immer noch nach oben gerichtet, den Kopf langsam zu drehen, bis er Turi Chan sehen konnte. Der stand da ... totenbleich ... die Augen in Furcht und Entsetzen weit geöffnet.

Gelungen! frohlockte es in Georgs Herzen. Mit eiligen Händen riß er die Drähte aus seinem Haar. Jetzt erst konnte er es wagen, sich – immer noch mit dem Kopf unter der Eingangsantenne – aufrecht zu setzen, Turi Chan in aller Ruhe anzusehen.

Der bot jetzt ein ganz verändertes Bild. Vollkommen ruhig, still gelassen stand er da ... willenlos im Banne von Georgs Willen, der durch den Apparat millionenfach verstärkt in sein Hirn drang.

Die Waffe her! Georgs nächster Gedanke. Gehorsam ging Turi Chan auf ihn zu und gab ihm den geladenen Browning. Dann ging er ebenso gehorsam zu dem Werkzeugkasten und kam mit einer Rolle Draht, wie er zu der Antenne benutzt war, zu Georg zurück. Mit der starken Kupferlitze fesselte Georg Turi Chan an Händen und Füßen. Dann umwand er mit dem Draht dessen Kopf vielfach nach allen Seiten.

»So, mein Lieber, jetzt bist du wirklich unschädlich gemacht, jetzt kann ich aufstehen.« Er schaltete den Verstärker aus und schob Turi Chan einen Stuhl unter. Ein Blick auf dessen Mienen ließ ihn zusammenfahren. Der, jetzt frei von dem Banne des Verstärkers, wieder ganz Herr seines eigenen Willens, saß da mit einem Gesicht, so voll von Haß und Wut, daß Georg bis ins Innerste erschauerte. Aus dem starken, unablässigen Mienenspiel war zu sehen, wie sehr er sich gegen seinen Überwinder wehrte. Wie sehr er sich bemühte, durch seine Wellen Georg, der ungeschützt vor ihm stand, wieder in seine Gewalt zu bringen. Ein Bild, fürchterlich, grausig! Georg wandte den Kopf zur Seite. Ein Tiger, in der Wildnis gefangen, zum erstenmal hinter den Gittern des Käfigs, konnte sich nicht rasender gebärden als die Gedanken in Turi Chans Hirn. Ob der überhaupt wußte, daß die metallische Umwicklung seines Kopfes die Kraft seiner Gedankenstrahlung zunichte machte? Daß die Kupferdrähte seine Gedanken festhielten wie die Käfigstäbe den Tiger?

Ich muß Clennan holen. Selbst jetzt noch kann man Furcht vor der Bestie haben. Georg ging zur Tür und machte den Browning schußfertig. Dachte: Wehe seinen Dienern, wenn sie mir in den Weg laufen! Bei der Kellertür angekommen, drehte er den Schlüssel und stieß die Tür auf.

»Kommen Sie 'raus, Clennan! Ich habe ihn.«

»Wirklich?« schrie es aus dem Dunkel. »Ist es wahr?«

Mit ein paar Sätzen war Clennan bei Georg. Einer der Diener, der wohl den lauten Ruf Clennans gehört hatte, steckte neugierig den Kopf aus einer anderen Tür, verschwand aber sofort, als er Georgs Waffe sah.

»Die Burschen scheinen uns nicht gefährlich zu werden«, lachte Georg. »Kommen Sie mit nach oben!«

Mit Clennan zusammen ging er in den Raum, wo Turi Chan saß, wie Georg ihn verlassen hatte. Der Gefesselte mochte wohl eingesehen haben, daß all seine Mühe umsonst. Still, regungslos verharrte er da wie ein Toter.

»Herr Astenryk!« Clennan schlang die Arme um Georgs Schultern. »Gehofft hatte ich's, geglaubt habe ich's nicht. Jetzt will ich's Ihnen eingestehen. Setzen wir uns. Erzählen Sie! Ich brenne zu hören, wie Sie es geschafft haben, diesen Starken in ein hilfloses Bündel zu verwandeln?«

Georg berichtete in kurzen Worten, was geschehen, fuhr dann fort:

»Aber was nun? Was machen wir jetzt mit ihm?«

»Das müssen wir uns gründlich überlegen«, erwiderte Clennan.

»Tun Sie das, mein lieber Clennan, während ich mal sehen werde, ob ich hier ein Telephon finde. Ich bin um die in Paulinenaue in starker Unruhe, wie die es wahrscheinlich auch um mich sind. Mit einem kurzen Anruf werde ich da für alle Beteiligten Klarheit schaffen.« –

Als Georg nach geraumer Zeit zu Clennan zurückkehrte, sagte er lachend: »Es hat lange gedauert. Nicht wahr? Ich habe schließlich den Hörer angehängt, sonst stünde ich heut abend noch am Apparat. Was die in Paulinenaue alles zu fragen hatten!

Ihnen will ich nur kurz sagen, daß Dale, bald nachdem Turi Chan mit dem Verstärker abgefahren war, dort ankam. Glücklicherweise ging er nach einigem Suchen in das Laboratorium, wo ihm das Fehlen des Verstärkers und das Kettenhemd am Boden sofort verrieten, daß da was Schlimmes passiert sei. Zusammen mit dem Chauffeur Jans fand er nach einigem Suchen die beiden gefesselt und geknebelt im Keller. Aber jetzt frage ich Sie, was wollen wir mit Turi Chan anfangen?«

»Darüber bin ich mir jetzt klar. Bleiben Sie bitte hier. Ich gehe zum Telephon und mache der politischen Polizei Mitteilung. Ist er einmal in deren Hand, dürfen wir, glaube ich, beruhigt sein. Daß er nichts Unrechtes mit in seine Zelle nimmt, wird meine Sorge sein. Den schönen Maulkorb behält er jedenfalls so lange auf, bis die Wirkung seines niederträchtigen Giftes verraucht ist. Natürlich werde ich mit dem zuständigen Dezernenten persönlich sprechen und ihn auf die Gefährlichkeit dieses Menschen aufmerksam machen.«

»Ah! Übrigens, das vergaß ich zu sagen«, unterbrach ihn Georg, »Dale hat sich auf den Rückweg begeben. Er dürfte in ein paar Stunden hier sein. Ich glaube, wenn Dale dann das Weitere übernimmt, dürfen wir wirklich ohne Sorge sein. Der hat ihn ja so ins Herz geschlossen, der läßt ihn sicherlich nicht lebend entrinnen.« –

Eine halbe Stunde später standen Clennan und Georg vor der Tür des Hauses und schauten einem Polizeiauto nach, das mit dem Gefangenen der Stadt zueilte.

»Hoffentlich kommt der andere Wagen auch bald«, sagte Clennan. »Ich will froh sein, wenn wir Ihren kostbaren Verstärker in meiner Wohnung haben. Sie müssen sich wohl oder übel darauf einrichten, mit dem Apparat noch einige Tage hierzubleiben. Ich überlege es mir schon im stillen, wie ich es bei einer hohen Behörde erreiche, mit Ihnen und dem Verstärker in das Gefängnis zu gelangen, um Turi Chan alle ... auch seine tiefsten Geheimnisse, abzuzwingen. Wahrscheinlich muß ich dabei Dales Hilfe in Anspruch nehmen. Es muß ja auf jeden Fall vermieden werden, daß irgend jemand etwas von dem Verstärker hört oder sieht und Ihre Erfindung bekannt wird.«

»Da kommt ein Wagen«, unterbrach ihn Georg, »er hält auf das Haus zu. Er wird es sein. Kommen Sie mit! Wir tragen den Apparat herunter und dann fort damit zu Ihrer Wohnung!«

*

Drei Tage waren vergangen, seitdem Turi Chan in das Gefängnis gebracht worden war. Georg Astenryk saß bei Clennan in dessen Wohnung. Der Verstärker stand, sorgsam mit Tüchern umhüllt, zum Transport bereit. Sie warteten auf Major Dale, um mit ihm ins Gefängnis zu fahren. Mit größter Spannung sahen sie der nächsten Stunde entgegen.

In der Gefängniszelle wollten sie mit Hilfe des Verstärkers Turi Chan zwingen, alle, auch die letzten Falten seines Herzens zu öffnen, seine letzten Geheimnisse zu enthüllen. In mühevoller Arbeit hatten sie eine lange Reihe von Fragen aufgeschrieben, die an den Gefangenen gerichtet werden sollten. Zunächst: Wo war Arngrim? Wie war Turi Chan zu Allgermissens Künsten gekommen? Woraus bestanden die Pulver, die das Hirn zu solchen Leistungen anzuregen vermochten? ... Und dann weiter die Unmenge von Fragen, die sich auf die früheren üblen Machenschaften Turi Chans bezogen.

»Das wäre wirklich der Untergang der weißen Rasse im Osten geworden, wenn Turi Chan zu seiner eigenen Kraft auch noch die des Verstärkers gewonnen hätte.«

»Allerdings, Herr Astenryk, denn es wäre uns nicht möglich gewesen, einen Ersatz für diesen Verstärker zu bauen. Es ist doch ein quälender, deprimierender Gedanke, daß wir nicht in der Lage sind, die Kristalle Allgermissens nachzubilden. Es besteht ja kein Zweifel, daß sich die absolute Aperiodizität nur mit Hilfe dieser Kristalle erreichen läßt. Sobald wir andere einsetzten, versagte der Verstärker. Ob es uns jemals gelingen wird, einen Ersatz für diese einzigartigen Gebilde zu schaffen, ist sehr fraglich. Bisher sind alle Versuche fehlgeschlagen.«

»Mir scheint es bisweilen«, warf Georg ein, »als ob hier ein elektrisches Phänomen mitspielt, das auf optischem Gebiet seine Parallele in der Doppelbrechung gewisser Kristalle findet.«

»Mag sein, Herr Astenryk. Jedenfalls würde es die Mühe und Arbeit vieler Jahre losten, Kristalle wie die Allgermissens zu schaffen. Ob es überhaupt gelingen wird? ...«

»Wer weiß? ... Und vielleicht wird es auch gut so sein«, murmelte Georg vor sich hin. »Was sollte geschehen, wenn es uns ... anderen gelänge ... unausdenkbar die Folgen ...«

»Lassen wir das, Herr Astenryk! Begnügen wir uns mit dem, was wir haben und versuchen wir, die Kräfte Ihres Apparates möglichst auszunutzen. Schon allein die zu erwartenden Enthüllungen Turi Chans ... welch ungeheure Bedeutung müssen sie für Trenchham, für die australische Regierung haben ...«

Das Telephon rasselte. »Es wird Dale sein«, sagte Georg, während Clennan zu dem Apparat eilte. Der griff den Hörer, nickte. Im nächsten Augenblick schien es, als entfiele der Hörer seiner Hand. Röte und Blässe wechselten in seinem Gesicht, in tiefem Erschrecken richtete er die Augen auf Georg.

Der sprang auf. »Was ist los, Clennan?«

Da ließ Clennan den Hörer kraftlos auf die Gabel zurückfallen: »Turi Chan ist entflohen.« –

Eine halbe Stunde später kam Dale zu ihm. Er war gefaßter, als die beiden erwarteten.

»Unsere Schuld, meine Herren! Anders kann ich's nicht nennen. Trotz schärfster Maßregeln – es wurde ihm alles, selbst die Kleidung weggenommen – ist es Turi Chan gelungen, etwas von seinem Pulver mit in die Zelle zu schmuggeln. So war er imstande, zwei Leute des Gefängnispersonals in seinen Bann zu bekommen, die dann willenlos alles taten, was er wollte.«

Eine Weile herrschte Schweigen.

»Das ist sehr schlimm«, begann Georg mit leiser Stimme. »Ich meine damit nicht allein, daß wir persönlich uns in Zukunft aufs äußerste vorsehen müssen. Das schlimmste ist, daß er nun wieder sein unheilvolles Wesen treiben kann und dem Bereich unserer Macht entrückt ist.«

»Hätten wir ihm wenigstens gleich, nachdem er gefesselt war, all sein Wissen um die Dinge entrissen, die uns doch so interessieren«, sagte Clennan.

»Damit wäre schon sehr viel gewonnen gewesen«, setzte Dale hinzu. »Denn die meisten der Pläne, die er uns dann enthüllt hätte, wären – einmal eingefügt in den großen Gesamtplan der Gelben – nicht mehr abänderbar gewesen. Es sei denn, man hätte alles auf unbestimmte Zeit verschoben.«

Georg stand auf, recke sich.

»Diese Schlappe darf uns nicht kleinmütig machen. Ich will die Macht der Gelben ... Turi Chans nicht unterschätzen. Aber, wenn wir unser Bestes tun, wird unsere Rasse doch Sieger bleiben.«

»Wahrscheinlich wird aber bis dahin eine Menge guten Blutes vergossen werden. Man hätte das sparen können, wenn man rechtzeitig Vorkehrungen getroffen hätte, den Krieg überhaupt unmöglich zu machen«, brummte Dale vor sich hin. »Doch halt! Daß ich's nicht vergesse! Ich rate Ihnen dringend, Herr Astenryk, sich mit Ihrem Apparat sofort wieder nach Paulinenaue zu begeben. Jetzt habe ich sogar Oberst Trenchham gegen mich.

Sie müssen sich darauf gefaßt machen, daß man Sie – ob Sie wollen oder nicht – irgendwo interniert, um Ihren Verstärker vor solchen unangenehmen Fällen sicherzustellen. Die Wut von Trenchham können Sie sich wohl denken. Was Sie alles aus Turi Chan herauspressen wollten, ist ja gar nichts gegen dessen Programm. Sind Sie einmal mit Ihrem Apparat wieder in Paulinenaue ...« er lachte laut heraus, »sind Sie ja für jeden Vergewaltigungsversuch von Scott oder Trenchham unangreifbar ... und ich glaube nicht, daß es die beiden auf eine gewaltsame Entführung ankommen lassen würden ... schon weil dann von einer Geheimhaltung keine Rede mehr sein könnte.«

Georg stand auf. »Gut, daß Sie mir das sagen, Herr Dale! In zehn Minuten werden die ein leeres Nest finden.« –

Dale sah nach der Uhr. »Ehe ich gehe, möchte ich Ihnen auch noch sagen, daß man natürlich bei der Polizei wieder einmal Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um vielleicht doch noch Turi Chans habhaft zu werden.«

Clennan machte eine wegwerfende Handbewegung. »Den kriegt so leicht wohl niemand. Wenn er sein Pulver bei sich hat, kann er sich ja selbst in schlimmster Bedrängnis immer noch mit Erfolg seiner Haut wehren.«

»Ist leider nur zu wahr, Clennan.« Dale war aufgestanden und schickte sich zum Gehen an. »Entschuldigen Sie mich jetzt! Ich habe eine kleine Besprechung mit Mr. Hodison vor.« –

Eine Viertelstunde später saß Dale im Garten einer kleinen Vorstadtkneipe mit Mr. Hodison, dem Chefredakteur der »Australian World«, an einem einzelnstehenden Tisch, wo sie vor Lauschern sicher waren.

»Ich halte Sie unbedingt bei Ihrem Wort, Herr Hodison, nichts über den Verfasser jener politischen Artikel verlauten zu lassen.« Dale legte sich dabei in seinen Stuhl zurück und sah Hodison mit kühlem, unbewegtem Blick an.

»Oh, lieber Herr Major«, seufzte Hodison, »wenn Sie in meiner Lage wären! Ich weiß mich nicht mehr vor den Anfragen zu retten, die ich von allen Seiten bekomme. Ich hatte ja allerlei erwartet. Die Stöße, die sich da in meinem Zimmer aufgehäuft haben, übersteigen aber meine kühnsten Träume.«

»Freuen Sie sich doch, Herr Hodison«, meinte Dale mit etwas gelangweiltem Gesicht. »Sie müssen doch zugeben, daß Ihr Blatt und Ihr Verleger aus der Artikelserie große Vorteile gezogen haben.«

»Gewiß, gewiß, Herr Dale! Mein Verleger war bisher auch durchaus damit einverstanden, daß wir den Namen des Verfassers geheimhielten. Aber da ist gestern ein Beamter vom Pressebüro der Regierung bei ihm gewesen und hat sehr nachdrücklich verlangt, daß der Regierung Name und Adresse des Verfassers mitgeteilt würden. Der Verleger möchte es nicht gern mit der Regierung verderben und sitzt mir jetzt im Nacken, deren Wunsch zu erfüllen. Würden Sie mir vielleicht nicht doch ...«

»Ausgeschlossen, Herr Hodison! Halten wir uns an unsere Abmachungen. Ich habe Ihr Wort.«

»Ach, Herr Major, in welche Lage bringen Sie mich! Herrgott im Himmel, da habe ich ja noch etwas vergessen! Hier lesen Sie bitte dies vorhin eingetroffene Radiogramm. Das halboffizielle japanische Nachrichtenbüro verbreitet ein Dementi der Regierung, wonach die ungeheuerlichen, von der ›Australian World‹ verbreiteten Vorwürfe jeder Begründung entbehren.«

Dale erwiderte gelassen: »Haben Sie etwa etwas anderes erwartet, Herr Hodison?«

»Natürlich nein, Herr Dile.«

»Nun, so regen Sie sich nicht weiter darüber auf! Im übrigen« – Dale zögerte einen Augenblick – »notieren Sie sich doch bitte folgende Worte. Sie sind meine Antwort auf das japanische Dementi.«

Hodison hatte sofort den Bleistift ergriffen und sah erwartungsvoll zu Dale hinüber, der jetzt weitersprach.

»Auf die Auslassungen der halboffiziellen japanischen Nachrichtenkorrespondenz bezüglich des Falles ›Brisbane‹ erlauben wir uns folgende Anfrage:

Ist der japanischen Regierung bekannt, daß der Marineleutnant Umliu am 16. Oktober vorigen Jahres an Bord des Kreuzers ›Ito‹ aus Scham über die hinterlistige Versenkung der ›Brisbane‹ und die damit verbundene Ermordung von zweitausend tapferen Soldaten Harakiri beging? Daß seine letzten Worte dabei waren: ›Für die Ehre des Vaterlandes!‹?«

Hodison sah Dale mit funkelnden Augen an.

»Herr Major, ist das wirklich wahr?« Dale nickte. »Und das darf ich veröffentlichen?«

»Jawohl! Ich werde zu gegebener Zeit die volle Verantwortung dafür übernehmen, Herr Chefredakteur.«

Hodison hätte Dale am liebsten umarmt. Dieser neue Artikel, welch neue Propaganda! Hatten doch schon die früheren die Auflageziffer der »Australian World« gewaltig anschwellen lassen. Und dabei nahm dieser Major nicht einmal Honorar für seine unbezahlbaren Beiträge.

»Ich glaube, Herr Hodison«, sagte Dale leicht lächelnd, als ob er dessen Gedanken erraten hätte, »damit dürfte der Druck Ihres Verlegers sich etwas mildern. Im übrigen können Sie ihm bestellen, daß andere Artikel von ähnlicher Bedeutung einer anderen Zeitung zugeleitet würden, falls das Redaktionsgeheimnis seitens der ›Australian World‹ nicht streng gewahrt werden sollte. Was die Neugierde der australischen Regierung anbelangt, können Sie deren Vertreter ja zu verstehen geben, daß wegen dieser Artikel mit Sicherheit eine Anfrage im englischen Parlament zu erwarten ist. Sie möge sich bis dahin gedulden.«

Hodison wollte sich erheben, da hielt ihn Dale noch einmal zurück.

»Übrigens, erinnern Sie sich vielleicht, daß Sie heute oder gestern eine Photographie in die Redaktion geschickt bekamen? Das Bild soll den politischen Gefangenen darstellen, der, wie Sie und die anderen Zeitungen ja berichteten, in so mysteriöser Weise aus dem Gefängnis entfloh.«

»Ja, gewiß, Herr Major. Das Bild wurde uns zugeschickt von einem Farmer namens Valverde.«

»Sehr richtig, Herr Hodison! Können Sie sich auch erinnern, was in dem Begleitschreiben stand?«

»Aber natürlich! Der Farmer schreibt darin, vor ein paar Tagen sei bei ihm ein Einbruch versucht worden. Der Verbrecher sei durch eine Alarmvorrichtung verscheucht, aber durch die mit dieser Schutzvorrichtung verbundene Kamera bildlich festgehalten worden.

Ich muß offen sagen, Herr Dale, daß der Brief mich zunächst in Verwunderung setzte. Wozu hat ein Farmer derartig komplizierte Sicherungsanlagen nötig? Nun ... ich zog gleich bei unserem Korrespondenten in Georgetown Erkundigungen ein und hörte, daß der Farmer allerdings allen Grund dazu hat. Denn das ist ja der Glückspilz, der die reichen Diamantenfunde gemacht hat. Der Farmer schrieb weiter, er hätte das Signalement des politischen Gefangenen in der Zeitung gelesen und wäre überzeugt, daß der mit seinem Einbrecher identisch sei.«

»Und nun ...?«

Hodison zuckte die Achseln. »Ich möchte es schon gern veröffentlichen. Wäre keine schlechte Reklame für unser Blatt! Aber solche, wenn auch sicherlich nach bestem Wissen aufgestellten Behauptungen ... hm! ... es könnte Scherereien mit der Polizei geben ...

»Nehmen Sie das ruhig auf Ihre Kappe als Chefredakteur, Herr Hodison!«

Der machte ein unschlüssiges Gesicht. »Warum hat dieser Farmer das Bild nicht an die Polizei geschickt? Das wäre doch eigentlich das Natürlichste gewesen.«

Ein listig-vergnügtes Schmunzeln ging über Dales Gesicht.

»Nehmen Sie an, Herr Hodison, daß Herr Valverde von der Bedeutung und Verbreitung der ›Australian World‹ so überzeugt ist, daß er sie der Polizei vorzog.«

»Herr Major, ich bewundere, was Sie nicht alles wissen ... will auch keine weiteren Fragen stellen. Ihr Wunsch ist mir Befehl.«

* * *

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