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Bedingt begnadigt

Laurids Bruun: Bedingt begnadigt - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleBedingt begnadigt
publisherGyldendalscher Verlag
printrun4.-8. Auflage
year
firstpub
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080522
projectid3c81a616
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V.

Als die Leute von der Heilsarmee vorhin sangen, dachte ich: Ich habe nicht zu danken, meinetwegen hätte ein Unglück geschehen können.«

»Liegt Ihnen so wenig am Leben?«

»Wenn der einzige Mensch, den man lieb hat, uns verläßt, bleibt einem nichts mehr. Am liebsten möchte man sich hinlegen und nie wieder aufstehen.«

Ja, so ist es, wenn man liebt. Man denkt nicht an den morgigen Tag, denkt nur, jetzt ist alles vorbei. Er selbst hat es nie erlebt, aber er ist ja auch vorwärtsgekommen, ist berühmt geworden. Für nichts ist nichts, das ist ein alter Spruch im Leben. Für das blasse, junge Mädchen ist der Schlag also schlimmer als der Tod.

Vielleicht aber darf er ihre Worte nicht so genau nehmen. Er will sie prüfen.

»Wenn er Sie verlassen hat, ist er Ihres Vertrauens sicher nicht wert gewesen. Nehmen Sie sich einen anderen. Das Leben ist voll Freude, man muß nur zugreifen.«

Sie sieht ihn mit großen Augen an – betrübt, enttäuscht.

»Sie wissen nicht, was es heißt, zu lieben.«

»Ich wollte Sie nur prüfen,« sagt er und nickt, wie ein alter, freundlicher Mann; ihre Worte tun ihm im innersten Herzen weh; sie weiß nicht, wie wahr sie gesprochen hat.

»Wie lange haben Sie ihn gekannt?«

»Anderthalb Jahre.«

Er richtet mit dem Blick eine Frage an sie. Sie beugt den Kopf und bejaht sie.

»Ueber ein Jahr lang haben wir einander angehört.«

Er nickt, er versteht. Sein Blick gleitet über ihre zarte Gestalt.

Er fühlt Erbarmen mit der Menschheit. Durfte es denn nicht sein, daß zwei Menschen glücklich lebten? Wurde dadurch die göttliche Führung gefährdet, war es freche Anarchie, die nur eigene Gesetze anerkennt? – War es eine falsche Lehre, für die Liebende zu sterben bereit sind und ihr Leben hingeben müssen?

»Wie alt sind Sie?«

»Ich bin zwanzig – und Johannes war zweiundzwanzig. Wir waren so glücklich.«

Ihre Augen wurden größer und größer und plötzlich liefen sie über. Tränen tropften über ihre schmale Wange, sie fing sie mit dem Rücken ihrer Hand auf.

»Erzählen Sie!« sagt er und legt seine Hand auf ihre.

»Ich hatte ein Fenster nach dem Hof,« beginnt sie, »wenn ich in der Sonne saß, konnte ich seinen großen, dunklen Blick auf mir fühlen. Die anderen in der Werkstatt neckten mich –«

»Werkstatt?«

»Ich bin Buchbinderin. Bei meinem Onkel in Nyköbing habe ich Lederarbeiten gelernt. Er war gut zu mir, aber er starb und sein Geschäft wurde verkauft. Da reiste ich nach Kopenhagen und bekam eine Stellung bei einem Manne, der Geselle bei ihm gewesen war. Ich mietete mir eine Dachkammer bei einer Dame, die meine Mutter gekannt hatte. Ach, dort oben war es so schön, ich hatte gar keine Sehnsucht nach Hause.«

»Und dort lernten Sie ihn kennen?«

»Er arbeitete in einer großen Werkstatt, die zum Hofe hinaus ging.«

»Auf der Schattenseite?«

Sie sah ihn fragend an.

»Sie saßen ja auf der anderen Seite in der Sonne.«

Sie nickte und starrte vor sich hin und erlebte alles in Gedanken noch einmal.

Stunden, die wie Minuten waren, wenn sie seine Augen auf sich fühlte und sein Gesicht sah, das von dem offenstehenden Fenster gespiegelt wurde, – Stunden, die lang und traurig waren, wenn er auswärts zu tun hatte. Auch er wurde geneckt, das konnte sie sehen. Man winkte zu ihr hinüber, ausgelassene Stimmen riefen. Sie tat. als merkte sie es nicht und beugte sich über ihren Rahmen; in der spiegelnden Fensterscheibe aber konnte sie sehen, daß er zornig war. Und dann endlich, das erstemal! Eines Tages, als sie zum Mittagessen ging, begegnete sie ihm im Torweg, – in Arbeitstracht, schmutzig, – errötend eilte er an ihr vorbei – wollte in diesem Anzug nicht von ihr gesehen werden. Sie aber blieb stehen und sah ihm nach, meinte ihn nie so schön gesehen zu haben. Dann kam der Winter, und das Fenster mußte geschlossen bleiben, – nun redeten sie zueinander durch Blumen. Und dann der große Tag – der Sonntag vor Weihnachten, als er ihr auf dem Eise entgegenkam. Sie liefen zusammen, bis sie so warm geworden waren, wie an einem Sommertag. Sie erzählten sich von ihrer Kindheit, ihren Wünschen, ihren Hoffnungen. Er war in Rußland geboren, seine Mutter aber war Dänin. Seinen Vater, der in Petrograd Volksschullehrer war, hatte er bereits als Kind verloren. Als der Krieg ausbrach, hatte seine Mutter ihn mit nach Dänemark geschmuggelt, damit er nicht Soldat werden brauchte. Er war damals sechzehn Jahre alt und ihr einziges Kind. Jetzt, wo er erwachsen war, fürchtete sie, daß er sich eine Braut nehmen würde.

Sie lachten zusammen über solch törichte Angst, – der Weg um den See wurde zu einem Stück Welt, bevor sie ihn zu Ende gegangen waren; zum Schluß traktierte er sie mit Schokolade und Kuchen. O, wie die Kuchen schmeckten! Und wie sie lachten! Als sie sich aber ihrer Haustür näherten, wurden sie ernst. In der Dunkelheit, als er nach ihrer Hand tastete und die Worte ihm im Halse stecken blieben, da legte sie ihren Kopf an seine Schulter, so daß er den Atem ihres Mundes auf seiner Backe fühlte und sie küßte. Ach, da erschrak sie so sehr, daß sie zitterte, aber nur einen Augenblick; dann jubelte es in ihr, sie schlang die Arme um seinen Hals und versprach in dem dunklen Torweg, ihm alles zu geben, was sie besaß. – Jeden Tag, wenn sie von der Arbeit kamen, gingen sie zusammen. Eines Abends war ihre Wirtin eingeladen, sie war allein zu Hause und er begleitete sie auf ihr Zimmer, – zu ihm konnte sie seiner Mutter wegen nicht kommen. An jenem Abend hielt sie, was sie ihm versprochen hatte. An jenem Abend hielten sie Hochzeit.

Und jetzt war alles vorbei.

»Wie kam das?«

Ihre Augen sind auf Johan Lind gerichtet, aber sie sieht ihn nicht; ihre Gedanken sind anderswo. Schließlich besinnt sie sich und antwortet:

»Ich weiß es nicht. Vielleicht war seine Mutter daran schuld, vielleicht ein Kamerad. Er hatte so viele seltsame Ideen. Bisweilen war er den ganzen Abend schweigsam – bisweilen schalt er auf den Staat und die Zeit und all' das, was doch niemand ändern kann. Er hatte einen Kameraden in der Werkstatt, einen Freund aus Rußland, den er schon lange gekannt hatte. Er war während des Krieges aus Rußland geflohen und wohnte bei ihnen. Er war älter als Johannes und hatte sehr viel Einfluß auf ihn. Ich glaube, er hat ihn mir entfremdet. Er hinkte, ich nannte ihn immer den »hinkenden Teufel«, obgleich Johannes es nicht leiden konnte; denn er liebte ihn wie einen älteren Bruder. Nie wollte er mir anvertrauen, wovon sie sprachen und was sie vor hatten. ›Davon verstehen Frauenzimmer nichts,‹ pflegte er zu sagen. Dann wurde ich böse und schmollte mit ihm, bis er Abbitte tat und alles wieder gut war. Dann starb seine Mutter.

Man hätte glauben sollen, daß er sich mir noch mehr anschloß, als er allein war und sie nicht mehr zwischen uns stand. Aber wir kamen mehr und mehr auseinander. Die Werkstatt, in der er arbeitete, zog in ein größeres Lokal in einer anderen Straße, und da Johannes der tüchtigste Mechaniker war, wurde er immer zu den schwierigsten Arbeiten ausgeschickt. Wenn er nach Hause kam, war er müde und dachte an nichts anderes als schlafen. Er verdiente gut und ich hatte auch mein gutes Auskommen, wir hätten heiraten können. – Ich wurde trotzig und ging meine eigenen Wege. Wenn er kam, war ich nicht zu Hause. Ich tat es, um ihm Angst zu machen, daß er mich verlieren könnte. Ich ging ins Kino und sah Stücke von Liebe und wie Liebende immer kämpfen müssen, um sich zu kriegen. Wenn er dann kam, schalt er mich, weil ich ausgegangen war, aber er küßte mich nicht und bat nicht, daß alles wieder gut sein sollte. Und dann –«

Sie hält inne – es ist so bitter – ihre Lippen verziehen sich, sie kann es nicht sagen.

»Und dann?« fragt er; es wird sie erleichtern, davon zu sprechen.

»Dann bekam ich den Brief – er müsse seinen Weg allein gehen, ich würde unglücklich werden, wenn ich mein Schicksal mit dem seinen verbände; er sei von Kindheit an gezeichnet – und dergleichen mehr. Er gab mir meine Freiheit zurück und –«

Sie schließt einen Moment die Augen, um Kraft zu sammeln. Johan Lind legt seine Hand still auf die ihre und denkt wieder bei sich, es wird sie erleichtern, sich auszusprechen.

»Es hätte keinen Zweck, daß ich nach ihm suchte, denn er und sein Kamerad seien geflohen.«

»Und nun wollten Sie in Ihre Vaterstadt zurückkehren?«

»Ich konnte es nicht mehr in dem Zimmer aushalten, wo ich so glücklich gewesen war. Und wenn ich von und zur Werkstatt ging, mußte ich weinen, denn überall begegneten mir Erinnerungen. An dieser Ecke hatte er gestanden und mit einer Rose gewinkt. Bei jenem Konditor dort pflegten wir im Anfang des Monats Schokolade zu trinken. Es war nicht zum aushalten. Schließlich reiste ich fort, nur um in eine andere Umgebung zu kommen. Denn was sollte ich im Grunde in Nyköbing, und was sollte ich zu meiner Tante sagen?«

Sie stützt das Kinn in die Hand und starrt in ein großes, leeres Dunkel.

»Ich gab ihm alles, was ich besaß,« flüstert sie, »und er hat mich verschmäht.«

Lange sitzen sie sich schweigend gegenüber. Dann hebt sie den Kopf und sieht den Mann an, der so getreulich ihre Hand streichelt.

»Wissen Sie, was ich dachte, als der furchtbare Stoß in der Eisenbahn kam? Gott hat meine Not gesehen, dachte ich, er will nicht, daß ich mehr leiden soll. Als ich aber die Schreie hörte und sah, wie die alte Frau hinstürzte und jammerte, da wurde mir so angst, daß ich es gar nicht beschreiben kann; und ich dachte, daß es unmöglich Gottes Wille sei, alle diese Menschen meinetwegen zu treffen. Und als es vorbei war und kein Unglück geschehen war, da dankte ich ihm doch.«

Johan Lind dachte bei sich: So jeder Phantasie bar kann die Vorsehung nicht sein, ihr stehen ja alle Wege offen.

»Als aber die Leute von der Heilsarmee vorhin sangen, da kam die Verzweiflung wieder über mich. Ich glaube nicht, daß das Leben gut ist. Wofür soll ich danken? Was habe ich getan, daß es mir so schlecht ergeht? – Und –«

Sie zögert. Im selben Augenblick fühlt er, was kommen wird, er hat es die ganze Zeit geahnt.

»Und wenn ich nun ein Kind von ihm bekomme?«

Sie sagt es flüsternd und ihre Augen werden bleich, als ob ihr Blick darin gefröre.

Darum also sind wir einander begegnet, denkt er. Hier sitzt ein armes Menschenkind, das meine Hilfe nötig hat. Sie nimmt das Leben so schwer, sie weiß nicht, daß auch ein vaterloses Kind ein Glück sein kann.

»Wir werden ihn schon finden,« sagt er, er möchte sie so gern trösten.

Sie sieht auf, als ob er ihr Herz berührt habe. Im nächsten Augenblick aber richtet sie sich auf wie zum Sprung, ihre Augen flammen und ihre Lippen verziehen sich.

»Ich will ihn vergessen, ihn mir aus der Brust reißen – es gibt andere Männer.«

Die Kehrseite, denkt er voller Schmerz.

»Für Sie nicht!« sagt er und blickt ihr fest in die Augen.

Sie wird zu einem kleinen Mädchen unter seinem Blick. Ein kleines Mädchen, das trotzt, – ach, es tut so weh, und dennoch kann sie es nicht lassen.

»Warum soll ich ihm mein ganzes Leben geben, wenn er es verschmäht?«

»Nicht seinet-, sondern Ihretwegen.«

»Gibt es überhaupt glückliche Menschen? Meine Freundin Ida in der Werkstatt sagte immer: ›Nur nicht denken, dabei kommt nichts anderes als Tränen heraus. Kino und Tanzen und mit den Männern kokettieren – auch das, wenn du nicht davon lassen kannst; das Herz aber laß aus dem Spiel, sonst fällst du herein.‹«

Sie sieht ihn an, als wolle sie ihm an den Augen ablesen, was er zu Idas Lebensauffassung meint. Er ist ja ein Mann und ist auch mal jung gewesen und hat so gute Augen. Er sieht ihr an, wie besorgt sie um seine Antwort ist: sie spürt Mißbilligung in seinem Blick und beeilt sich hinzuzufügen, damit er nicht voreilig urteilen soll: »Ida ist ein guter Mensch. Ich kenne keinen besseren Kameraden.«

O, ja, er versteht. Je besser der Mensch, desto größer die Enttäuschung. Je stärker das Gemüt, desto härter das Urteil. Und man glaubt, daß man das, was niemals stirbt, totschweigen kann. Armes kleines Menschenkind, sie weiß nicht, daß man nur Einen lieben kann.


Es war spät in der Nacht, als sie den Bahnhof verließen und zusammen zur Stadt wanderten.

Es hatte angefangen zu frieren, die Wasserpfützen knirschten, wenn man hineintrat. Der Mond war aufgegangen und stand mit seiner spitzen Sichel in einer dicken Wolke, die still unter dem tiefen Himmel hing, als ob es der Mond sei, der sie in ihrem Fluge aufgehalten habe. Die alten, hohen Pappeln warfen einen bleichen Schatten über den Weg. Hin und wieder strich ein Windhauch durch die Kronen und fällte die Blätter, die ihres Urteils harrten.

Hinter einem alten Garten lag eine weißgestreckte Scheune. Er erinnerte sich ihrer vom Hinweg. Wie war das lange her!

Seltsam, daß er weder müde noch hungrig war. Das Frostwetter machte ihn wohl so frisch, oder war es das Erlebnis? Er blickte verstohlen zu dem jungen Mädchen an seiner Seite auf. Sie trug eine Mütze, die das Haar ganz bedeckte. Der Kopf war gebeugt, die Gestalt schlank und elastisch; sie trat fest aus und schritt schnell aus, als fürchte sie, daß jemand sie zurückhalten könnte; er hatte Mühe, ihr zu folgen.

Wo soll ich sie hinführen? dachte er; aber er machte sich keine Sorge darüber. Hier ging er, und sie mit ihm, – was vor ihnen lag, wußten sie nicht. So ist es schön, dachte er. Wir machen uns immer so viele Sorgen, und dabei geht das Leben doch so, wie es gehen muß.

Die Frage war nur, ob ihre Kräfte ausreichten nach allem, was geschehen war. Frauen ihrer Art biegen nicht aus, sie gehen, bis sie zusammenbrechen. Er erinnerte sich einer Nacht aus seiner Kindheit: – da ging er die Landstraße mit einem Mädchen, das Mary hieß, – sie ging wie diese hier, mit gebeugtem Kopf und herb geschlossenen Lippen und wagte nicht zu sprechen; ihr Kinderherz war gar zu voll. Es war Sommer; das Meer flüsterte neben ihnen. Sie waren auf einem großen Gutshof zu Ball gewesen; sie war sehr müde, aber sagte nichts, schritt nur schnell und elastisch aus, bis sie plötzlich zusammenbrach. Da stand er neben ihr mitten auf der Landstraße. Sie ruhten sich in einem Heuhaufen aus, bis es dämmerte; er hielt ihre Hand, sie war weich und warm und still und heilig, – sie sprachen nicht, nur ihre Hände redeten. Es war ein großes Fest, das ihre Herzen erbeben machte.

Sieh, nun hat die dicke Wolke sich vom Mond gelöst. Sie gleitet langsam weiter, und das Licht fällt gelbfahl über den Weg. Nur der Laut ihrer Schritte ist in der stillen Nacht zu hören; auch der Wind hat sich gelegt. Es ist Frieden auf Erden; unten am Horizont, wo der Himmel dunkler ist, blitzen ganz schwach einige Sterne.

Jetzt fangen die Vorstadtgärten an. Der Mond scheint auf Treibhausdächer, und die Keime unter der Winterdecke summen: einst kommt der Tag, einst kommt der Tag.

Sie gehen Seite an Seite, dem Morgen entgegen, der ein Geschenk für alle ist. In ein oder zwei Stunden werden die Vögel erwachen, sich wundern und von Zweig zu Zweig flüstern: Weißt du noch, die Sonne verschwand, es wurde dunkel und kalt, ich setzte mich nieder und verging ebenso wie die Sonne, – aber sieh, nun bin ich wieder da – und du auch? – Ja, ich bin auch wieder da, dies ist der Ast, worauf ich saß – dort ist der Stamm – und das dort oben, ist das nicht die Wolke? Und dort das Licht, Bruder, ist das nicht die Sonne, die wiederkehrt? Und sie singen im Chor: Einst kommt der Tag und fliegen ihm entgegen.

Sie überschreiten den Bahnkörper. Er blickt die Allee hinab zum Hause, wo er gestern gewohnt hat, bis der Schlaf ihn entführte und dann dem Leben wiedergab – der seltsame Schlaf.

Die weißen Blätter liegen noch auf seinem Schreibtisch. Mögen sie warten. Er will nicht zurück zu vergangenen Tagen, will den kommenden entgegengehen. Sieh, es beginnt bereits im Osten und in seinem Herzen zu dämmern.

Er nimmt ihre Hand und fühlt das Leben unterm Handschuh pulsieren – warm und heilig und still. Und das Mädchen, das an seiner Seite geht, blickt verwundert in die Augen, die ihr nicht mehr fremd sind. Sie gehen dichter nebeneinander auf der stillen, öden Landstraße längs den Gärten und Häusern, die sie anstarren, als ob sie ein Traum seien, der vorbeiglitte.

Die Schleier lichten sich. Im Krankenhaus schlägt eine Tür zu. Holzschuhe klappern über den Hof. Ein Nachtwächter reckt sich zum Licht hinauf und gähnt. Aus einem Schuppen am Wege kräht ein Hahn. Hinter einem Zaun bellt ein Hund die beiden Vorübergehenden an.

Das Tor zur Straßenbahn-Garage wird geöffnet, der Strom in der elektrischen Leitung knistert. Die Scheiben fangen an zu blinken, wie Augen, die ins Licht blinzeln. Ein Fenster klirrt – ein junger Mann beugt sich hinaus, um nach dem Wetter zu sehen; er ist dabei, sich zu rasieren, die Seife sitzt ihm wie ein weißer Bart um Kinn und Backen und bildet einen Kontrast zu seinem schwarzen Haar.

Die menschenleere Straße ist groß und weit, und die Mauern werfen den Laut ihrer Schritte zurück, als ob sie über die Störung ärgerlich seien.

Auf dem Marktplatz scharen die Spatzen sich um das Bassin. Sie haben gesehen, daß ein Bauer, der sein Heu zur Stadt fuhr, seine Pferde dort tränkte. Jetzt ist er weitergefahren, das eine Pferd aber hat beim Trinken etwas fallen lassen; das geht wie ein Gerücht von Baum zu Baum, und die Spatzen, die zuerst kamen, sitzen jetzt satt und aufgeplustert auf dem Rande des Bassins und nippen von dem Wasser, das über den Rand fließt, während die anderen vergeblich in den verstreuten Halmen suchen.

»Sehen Sie nur, wie mager die Spatzen sind,« sagt Johan Lind, »das kommt, weil die Zeit der Pferde vorbei ist. Was sie fallen ließen auf dem Straßenpflaster, das Warme, Dampfende, war die beste Winterkost für die Spatzen. Die Autos bringen ihnen nur Krankheit und Tod; mancher Spatz ist ihrem giftigen Atem zum Opfer gefallen.«

Eine Tür steht offen, zu der einige Steinstufen hinaufführen. Ein Junge fegt die Treppe und blickt sie schlaftrunken an. Es ist eine Wirtschaft für Straßenbahnschaffner, Kutscher, Nachtwächter und Schutzleute. Auf der Glastür sind zwei gekreuzte Billardqueues gemalt; darunter steht: Von sieben Uhr an geöffnet.

»Kommen Sie!« sagt er und nimmt ihre Hand.

Sie gehen hinein und trinken ihren Morgenkaffee.

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