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Bedingt begnadigt

Laurids Bruun: Bedingt begnadigt - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleBedingt begnadigt
publisherGyldendalscher Verlag
printrun4.-8. Auflage
year
firstpub
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080522
projectid3c81a616
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IV.

Kurz vorm Bahnhof mußten sie eiligst zur Seite treten, um zwei Automobilen Platz zu machen.

Das Licht der Laterne fiel auf ein altes, leichenblasses Gesicht hinter dem Wagenfenster; ein seltsam geistesabwesender Blick hinter einer großen, runden Brille traf Johan Lind im Vorbeifahren.

Im selben Augenblick kam ein Bahnbeamter von der Station und sagte respektvoll zu seinem Kollegen, der hinter den Autos herblickte:

»Das war der Finanzminister und der Etatsrat, der alte Jakob, wie er genannt wird, und all' die andern, die nach Amsterdam zur Valuta-Konferenz wollten. Der Stationsvorsteher hat ihnen die Autos aus der Stadt verschafft.«

»Konnten sie nicht auf die neue Lokomotive warten?«

»Nein, der Zug fährt heute abend nicht weiter; die elektrische Leitung ist gestört. Es kommt ein Extrazug, der die übrigen Passagiere holt.«

Der Mann mit der Laterne ging weiter und Johan Lind folgte ihm.

Auf der Treppe vor dem Stationsgebäude stand der Vorsteher und sprach leise mit einer Gesellschaft von Herren und Damen.

»Gewiß. Herr Stationsvorsteher,« sagte Adolf Massen, »geben Sie nur meinem Inspektor auf Wennelund Bescheid.«

Er nahm seinen Hut tief ab und ging die Treppe hinunter, während eine junge, schlanke Frau, in einen Pelz gehüllt, sich gegen seinen Arm lehnte.

Eine ganze Gesellschaft folgte ihnen. Junge und Alte; aber niemand sprach. Sie sahen alle verstört aus und blickten vor sich nieder. Es sieht aus. als ob sie hinter einem Leichenwagen hergehen, dachte Johan Lind.

»Schieber!« sagte der Mann mit der Laterne und sah ihnen nach, »der eine von ihnen hat Wennelund gekauft. Er ist es, der die Notbremse gezogen hat. Jetzt wollen sie auf das Gut und sich nach dem Schreck erholen.«

Er blieb stehen und kratzte sich den Bart, während er hinter ihnen herblickte.

»Was bedeutet eine Geldstrafe für so einen? – Wenn unsereiner hundert Kronen bezahlen muß, ist es ein großer Teil von unserem Monatsgehalt. So ein mehrfacher Millionär aber, der müßte einen Teil von seiner Jahreseinnahme als Strafe zahlen, dann würden wir von solchen dummen Jungenstreichen verschont bleiben.«

»Und dennoch hat er dadurch den Zug gerettet.«

»Das war Vorsehung.« sagte der Mann und schwenkte ärgerlich seine Laterne, »daran ist nicht zu rütteln.«

Vor der Güterabfertigung stand ein Journalist, der mit im Zuge gewesen war, und flüsterte mit dem Bahnbeamten, einem jungen Menschen mit unreinem Teint und einem so hohen Stehkragen, daß er den Kopf kaum drehen konnte.

Der Journalist zeigte auf einen Mann im langen, modernem Ulster und weichem Reisehut, der über den Telephon-Automaten an der Tür zum Wartesaal der dritten Klasse gebeugt stand.

»Das ist Avnsöe. der Redakteur des ›Tag‹. Sie wissen wohl. Großmäuliger Kerl – kennt mich nicht, obgleich ich drei Monate an seiner Zeitung war, bevor ich in die Provinz kam. Er spricht mit seiner Zeitung – der Nacht-Reporter soll per Auto herkommen. Gute Nacht, Herr Redakteur! Diesmal gewinnt Jensen aus der Provinz das Rennen.«

Jensen zeigt triumphierend sein großes Notizbuch.

»Wissen Sie, was ich hier habe? – Die Namen sämtlicher Passagiere – vom alten Jakob bis hinunter zum Heizer –, nicht ein einziger fehlt. Wenn der ›Tag‹ mit seinem Auto hier anlangt, sind das hohe Komitee und Cooks Reisegesellschaft schon auf und davon.«

»Wie haben Sie das fertig gebracht?«

»Ich bin herumgegangen und habe Mann für Mann ausgefragt. Die meisten glaubten, daß ich von der Polizei sei, und wenn sie zögerten, sagte ich, daß es eine Beruhigung für ihre Verwandten und Freunde wäre, wenn sie den Namen in der Zeitung läsen.«

»Aber es ist doch gar nichts geschehen. Was kümmern die Leute sich um die Namen?«

»Man will wissen, ob sie den Schreck gut überstanden haben. Da ist z.B. der alte Jakob – man sagt, daß er unpäßlich geworden ist –, aber das darf man natürlich nicht schreiben. Ja, ja, Hansen, so was vergißt man so leicht nicht.«

Jensens Augen werden bleich, und der Mund in seinem mageren, unrasierten Gesicht bebt. Nur einen Augenblick, dann ist er wieder Journalist. Und Hansen, ein alter Schulfreund von ihm, verspricht, daß er die Liste mit den Namen als Dienstsache durch den Bahntelegraphen befördern lassen will, so daß sie noch in die Morgenzeitung kommt, während Jensen im »Krug« sitzt und schreibt und das Telephon benutzt; er hat es sich bereits gesichert, denn er ist in den Wirtshäusern der Gegend gut bekannt, – das muß man als Journalist sein: wo getrunken wird, gibts immer etwas Neues zu hören.


Im Wartesaal der zweiten Klasse ist der große, altmodische Kachelofen geheizt.

Auf der Bank, gleich neben dem Ofen, sitzt die Baronesse und wärmt sich die Hände. Der Hut sitzt ihr schief auf dem vollen, grauen Haar, das sich im Nacken gelöst hat; eine Strähne fällt ihr über den Pelzkragen, aber sie merkt es nicht.

»Mein Gott, mein Gott,« jammert sie und bewegt den Kopf fassungslos, »ich habe es ja gleich gesagt – es ist Montag, sagte ich – Luise aber wollte mich loswerden, um ungestört reinzumachen, mein Gott! – daß unsere nächsten Angehörigen so egoistisch sein können – und jetzt sitze ich arme, alte Frau hier!« Der Graf, der auf und ab geht – er kann sich nicht ruhig verhalten, wenn ihn etwas erregt –, bleibt stehen und legt seine kleine, vornehme Hand beruhigend auf ihre Schulter.

»Fassen Sie sich. Baronesse, es ist ja glücklicherweise nichts geschehen!« sagt er eindringlich und tröstend wie zu einem Kinde, »danken Sie lieber Ihrem Gott, daß Sie hier mit heilen Gliedern sitzen.«

»Ja, ja,« nickt Töndern und faltet seine Hände. Er sitzt auf der andern Seite des Ofens und starrt in sein Schicksal. Seine milden Augen sind feucht vor Dankbarkeit. Etwas Aufmerksames ist in seinen Blick gekommen, als ob sie Verjüngung ahnten. Was bedeutet die militärische Altersgrenze im Verhältnis zu der anderen großen Grenze, die er fast überschritten hatte? – Fort mit allen kleinen Sorgen, jetzt, wo er das Leben von neuem geschenkt bekommen hat, will er ihnen keinen Gedanken mehr schenken. Er will nicht ins Ausland, es sollte nicht sein. Was wollte er eigentlich in der Fremde – er kann sich nicht mehr darauf besinnen.

»Sahen Sie den alten Jakob?« fragt der Graf.

Töndern blickt geistesabwesend auf. Der alte Jakob? Ach so, der Bankdirektor. »Was war mit ihm?«

»Er wurde von zwei Männern gestützt, als er zum Auto ging. Er sah nicht gesund aus.«

Der Graf sieht Töndern bedeutungsvoll an: der Kommandeur aber versteht ihn nicht. Was kümmert der alte Jakob ihn, nachdem er das Leben von neuem geschenkt bekommen hat.

Der junge, schlanke Russe steht neben dem Fenster und starrt in die Dunkelheit auf dem Bahnsteig, wie er vorhin vom Zug aus in die Dunkelheit gestarrt hat. Hier oder dort – für ihn ist es überall Nacht.

Der Graf hat ein Herz für alles, was edel und in Rot ist. Er hat den Blick des jungen Mannes beobachtet, als der Stationsvorsteher den Unfall des Zuges erklärte. Der Russe hatte kein Wort verstanden. Daß er nicht fragte, als ob er abseits von allem stünde, das ist's, was den Grafen so rührt. Er überlegt eine Weile, dann tritt er neben den Russen und berührt seinen Arm.

» Excusez, monsieur,« er nennt seinen Namen und sagt, daß er nach seinem Auto telephoniert habe, es kann jeden Augenblick hier sein – »ich habe noch Platz, Monsieur, wenn Sie zur Stadt zurück wollen; der Stationsvorsteher hat gesagt, daß der Zug heute abend nicht weitergeht.«

Der Russe stellt sich vor, neigt den Kopf und dankt. Der Graf hat seinen Namen nicht verstanden; das leichte, blasse Lächeln aber, die Kopfhaltung und die Bewegung der schmalen Hand beweisen ihm, daß sie derselben Gesellschaftsklasse angehören.

Sie wechseln einige Worte über den Unfall. Der Graf erklärt ihm, wie dicht sie vor einem Unglück gestanden haben und wodurch sie gerettet wurden. Er ist sich nicht klar darüber, ob der Russe erst jetzt den Zusammenhang versteht, oder ob er ihn die ganze Zeit gewußt hat. Was muß er in seinem Leben durchgemacht haben, wenn er dieses Ereignis so ruhig hinnimmt.

Propst Sören Hansen geht im Wartezimmer auf und ab. Sein Gemüt kann nicht zur Ruhe kommen, nach dem wunderbaren Eingreifen Gottes. Unablässig muß er in seinem Herzen danken, – und darf er glauben, daß ihm dadurch ein Zeichen gegeben worden ist? Ein Zeichen, daß es der Wille des Allerhöchsten ist, daß er sein Versprechen, das er dem Minister gegeben hat, nicht halten, daß er nicht für die bürgerliche Trauung sprechen soll? Gott hat gesprochen – und der Propst gehorcht; er fährt nicht zur Kirchenversammlung.

Er sieht, wie der wirklich vornehme Mann, den er schon lange beobachtet hat, auf den Fremden am Fenster zugeht; er tritt unauffällig näher und hört, daß er sich als Graf Falck vorstellt. Und er denkt vertrauensvoll bei sich, was der Graf einem Fremden anbietet, das wird er einem angesehenen Landsmann nicht abschlagen.

Nach einer passenden Pause findet er sich an der Seite des Grafen ein – sie machen beide ihren Kreislauf durch das Zimmer –, lüftet den Hut und fragt, ob man weiß, wann die Hilfslokomotive hier sein wird.

Der Graf sieht gleich, daß es ein Geistlicher ist; er erklärt, daß der Zug nicht weitergeführt wird. Und da der Geistliche sich besorgt darüber äußert, ob es möglich sein wird, noch ein Auto zu beschaffen, erbarmt er sich über sein rundes, gutmütiges Gesicht und bietet auch ihm einen Platz an.

Der Propst stellt sich vor, dankt und hofft, daß er nicht störe.

»Mit Ihnen sind wir fünf,« antwortete der Graf, »und im Auto ist für sechs Platz.«

Diejenigen, die mit dem Auto fahren sollen, versammeln sich um den Ofen. Der Propst wird dem Kommandeur und der Baronesse vorgestellt. Sie schenkt ihm keinen Blick, bis sie im Laufe des Gesprächs hört, daß er ein Propst ist; da klagt sie ihm ihre Not und empfängt seinen priesterlichen Trost.

Der Russe steht auch dabei und wartet, hochaufgerichtet, die schlanken Hände auf dem schöngeschwungenen Rücken, wartet hier, wie vordem am Fenster im Zuge, indem er in die öde Nacht hinausstarrt.

Jeder Platz im Wartezimmer ist besetzt. Hier sitzen alle die, die noch vor kurzem in der Hand des Todes waren, unsichtbar miteinander verbunden. Sie sind blaß und schweigsam, und der Ausdruck ihrer Augen ist wie der ihres Gemütes. Des einen Blick ist in Entsetzen erstarrt, des anderen Auge ist so voll, daß er das Lid nicht schließen kann, eine Träne quillt darunter hervor; es ist eine Mutter, eine Witwe, die an ihre Kinder denkt, die nur sie haben; Gott hat sie ihnen erhalten.

Ein ältlicher Gutsbesitzer mit Schaftstiefeln und Reitpeitsche redet unausgesetzt; seine Augen strahlen, seine exaltierte Stimme geht in den Diskant hinauf. Er spricht mit einer seltsam knarrenden Stimme, als ob er, des Redens ungewohnt, nachdem ihm die Zunge gelöst worden ist, nicht wieder aufhören könne, er spricht zu dem Nachbar, auf den sein flackernder Blick zufällig fällt, und im übrigen zu allen und niemanden von dem Glückszufall, daß er sich gerade in eine Unfall- und Lebensversicherung eingekauft hatte.

Im Wartezimmer der dritten Klasse sah Johan Lind eine ältere Frau, die auf einem Bündel saß, den Rücken gegen die Wand gestützt und sich den Kopf mit beiden Händen hielt.

Er beugte sich über sie.

»Kann ich Ihnen helfen?« fragte er.

Sie sah ihn stumpf an und schüttelte den Kopf.

»Haben Sie Schmerzen?«

Sie antwortete nicht. Ein junger Bauer, der neben ihr saß, drehte sich zu ihm um.

»Es kommt vom Schreck.« sagte er und blickte Johan Lind, den er für einen Geistlichen hielt, mit seinen treuherzigen Augen an.

»Mutter taumelte vom Sitz, als der Stoß kam, und hat sich den Kopf gestoßen; sie hat 'ne Beule bekommen.«

Oberhalb der Stirn war eine blutunterlaufene Beule, aber sie sah nicht schlimm aus.

»Baden Sie sie etwas mit kaltem Wasser.« sagte Johan Lind zum Sohn und zeigte auf das Büfett, hinter dem ein Wasserhahn über einer Kumme tropfte.

Der junge Mann erhob sich, als ob er einen Befehl erhalten habe, nahm sein rotgewürfeltes Taschentuch und begab sich zum Büfett.

Dort standen zwei gemeine Infanteristen und froren in ihren verblichenen Uniformen. Sie lächelten zwei Kopenhagener Strolchen mit Sportsmützen und roten Halstüchern verlegen zu.

Der eine von den Kopenhagenern sprang über das Büfett und donnerte gegen die Küchentür.

»Aufgemacht, zum Donnerwetter!«

Als niemand antwortete, drehte er sich zu den Soldaten um.

»Nicht mal 'ne Flasche Bier kann man hier kriegen! Komm, wir gehen zum Vorsteher,« sagte er und faßte seinen Kameraden bei der Schulter.

»Was willst du von ihm?«

»Haben wir nicht bis Roskilde bezahlt, he? – Erst schicken sie einen beinah zur Hölle und hinterher kann man nicht einmal ein Glas Bier kriegen. Komm, Kamerad, wir wollen unser Geld oder für den Rest ein Glas Bier haben.«

Er blickte sich im Zimmer um. Als er keinen Beifall fand – sogar die Soldaten hüteten sich, seinem Blick zu begegnen –, fing er an zu singen und den Takt dazu zu trampeln.

Ein alter Bauer, der an einem Tisch in ihrer Nähe saß, blickte sie mit seinen kleinen, runden Augen an, erhob sich und sagte mit einer trockenen, zuverlässigen Stimme, als ob er seine Meinung in einer Gemeindesitzung zum besten gäbe:

»Ich finde, wir sollten lieber einen Psalm singen.«

Die Soldaten von der Heilsarmee saßen an einem Tisch für sich. Das eine Mädchen hatte den Kopf auf die Arme gelegt und schlief mit offenem Munde. Die Mütze war ihr vom Kopf geglitten, das reiche blonde Haar fiel ihr in einer breiten Welle übers Ohr. Der Aelteste – er schien Sergeant zu sein – starrte vor sich hin, während das Licht der Krone einen blanken Schein auf seine hohe Stirn warf. Er stand auf, hob die gefalteten Hände bis zur Brust, blickte zur Decke und sagte mit lauter, klarer Stimme:

»Wir danken dir, himmlischer Vater, daß du uns mitten in unseren Sünden vorm Tode gerettet hast! – So laßt uns denn singen.«

Das junge Mädchen ordnete schnell Haar und Mütze; die Instrumente kamen zum Vorschein, und die kräftigen, geübten Stimmen sangen, während die Blicke auf Hohes und Fernes gerichtet waren.

In diesem Augenblick fiel Johan Linds Blick auf ein Augenpaar in der Ecke am Fenster – zwei blanke Mädchenaugen spiegelten das Licht der Krone unter der Decke. Er erinnerte sich, daß er das Mädchen gestreift hatte, als er hereinkam; dann aber hatte die Frau mit dem kranken Kopf seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

Sie saß auf einer Bank, die Beine unter sich hochgezogen, in einem langen, braunen Regenmantel, der bis an den Hals zugeknöpft war, so daß man nur das schmale Gesicht mit den großen Augen sah. Sie hielt mit beiden Händen eine alte Handtasche fest umklammert, als enthielte sie alles, was sie besaß.

Sie hörte dem Gesang zu, ihre Augen wurden blank. In Gedanken nahm sie eine Hand von der Tasche, um die Tränen fortzuwischen; aber es kamen immer mehr, und schließlich beugte sie den Kopf tief in den Schoß.

Johan Lind sah, daß sie weinte.

Sie war allein. Der Gesang hob die Gemüter, die dem Tode so nahe gewesen waren, führte die Gedanken zueinander, die ihren aber nicht.

War sie, so jung, nicht der Rettung froh, die ein Wunder beschert hatte?

Etwas zog ihn zu ihr, – er meinte diese Beugung des Nackens, diese Augen, die vor Kummer blank und starr waren, zu kennen.

»Jesus – für des Lebens Gnade, für die Rettung sei gelobt –« sangen sie.

Er suchte sich einen Platz, von wo aus er sie beobachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden.

Im selben Augenblick ertönte ein Zugsignal. Im Warteraum entstand Unruhe, der Gesang verstummte. Die Leute standen auf und liefen zur Tür, die zum Bahnsteig führte.

Draußen wurde Licht angezündet, der Vorsteher erteilte Befehle. Bahnangestellte liefen hin und her. Die Tür wurde aufgerissen.

»Der Zug ist da!« rief der Vorsteher.

Der Vorsteher ging wieder hinaus; die Reisenden suchten ihr Gepäck zusammen und hielten sich bereit.

Kurz darauf hörte man schweres Stöhnen. Ein heller Schein fiel über die Schienen. Fenster und Wände erbebten, die Lokomotive kam angezischt, ließ Dampf aus und hielt.

Ein plötzliches Zögern. Die Wartenden hielten den Atem an – es war wie eine Erinnerung: der heiße Atem, die kreischende Bremse. Als sie es das letztemal hörten, da geschah es – da war der Sprung vor dem Tode.

Die Leute blieben stehen, als wagten sie es nicht, sich diesem Zuge anzuvertrauen. Sein Genosse hatte sie fast in den Tod gefahren – was hatte dieser mit ihnen im Sinn?

Es war nur ein Augenblick, dann siegte bei allen der Wunsch, nach Hause zu kommen. Sie drängten sich. Zuletzt kam die Frau mit dem verletzten Kopfe.

Sie ging dicht an Johan Lind vorbei; er sah, daß sie zitterte, ihre Augen waren schwer vor Angst. Der Sohn mußte sie stützen. Er sah Johan Lind mit seinen treuherzigen, braunen Augen an, als wolle er sagen: Sie sehen wohl, daß ich meinen Hut nicht abnehmen kann, weil ich beide Hände voll habe. Johan Lind nickte ihm zu, als ob sie alte Bekannte seien.

Der Warteraum war leer, nur eine saß noch da. Das junge Mädchen in der Ecke am Fenster. Sie starrte vor sich hin, die Hände um die Tasche im Schoß geklammert, als versuche sie sich darauf zu besinnen, ob der Zug draußen auch sie angehe.

»Wollen Sie nicht auch mit dem Zug?« fragte Johan Lind und streckte ihr helfend die Hand entgegen.

Sie blickte auf, als ob er aus der Erde gewachsen sei. Seine Augen begegneten einem ganz leeren Blick, der sich langsam zu füllen begann. Ihre schmalen Wangen färbten sich rot; der Mund bebte wie eine Blume, auf die man haucht.

»Wollen Sie nicht auch nach Hause?«

Was wollte dieser Mann, der sie mit solch guten Augen ansah?

»Ich habe kein zu Hause,« flüsterte sie und beugte sich über die alte, verbrauchte Handtasche, als wäre ihr Heim dort und nirgends anders in der Welt.

Sie tat ihm leid, aber seltsam, fast machte es ihn froh. Diese starren, betrübten Augen wollte er gern in Freude erstrahlen sehen.

»Lassen Sie uns zusammengehen, ich habe auch kein Heim.«

Er hat ja nie etwas anderes als gemietete Zimmer gehabt.

»Kennen Sie mich?« fragt sie erstaunt, denn in seinem Blick, in seinem Lächeln und in der Hand, die er ihr entgegenstreckt, ist frohes Wiedererkennen.

»Vielleicht habe ich von Ihnen geträumt.«

Sie sieht ihn an, wie man einen Menschen betrachtet, der einem an einem öden Ort, fern von der übrigen Welt, begegnet.

Sie sieht, daß er einsam ist. Es ist sicher wahr, daß er kein Heim hat. Gleich wird der Zug draußen abfahren – und er wird noch hier stehen, als ob er ihn gar nichts angeht.

Sie ist wie eine Schiffbrüchige an einer fremden Küste. Wenn keiner kommt, der sie aufnimmt, dann muß sie dableiben und sterben. Sie besitzt keinen Willen mehr.

Draußen werden Türen zugeworfen – Abfahrt! – der Zug stöhnt und stampft.

»Wohin wollten Sie denn?«

Er hat sich neben sie gesetzt und seine Hand über die ihre auf die Tasche gelegt.

Sie sieht die Hand erstaunt an, – sie ist ohne Ringe, warm und ruhig. Sie denkt an die Hand, die früher diesen Platz einnahm, und plötzlich quellen ihr Tränen heiß und brennend aus den Augen.

Er sieht sie auf seine Hand fallen, wird gerührt. Sie ist in Gedanken versunken, fern von seiner Nähe. Plötzlich sieht sie die Nässe auf seiner Hand blinken und rückt von ihm fort – hastig errötend, als ob sie sich eine Blöße vor ihm gegeben habe.

»Wohin wollten Sie reisen?« fragt er wieder.

Warum trocknet er seine Hand nicht? – Sie starrt geblendet auf die Nässe und vergißt, daß es eine fremde Hand ist. Schließlich erfaßt sie seine Frage und antwortet:

»Zu einer Tante in Nyköbing.«

»Einen anderen Menschen haben Sie nicht in der weiten Welt?«

Sie schüttelt den Kopf und beugt sich über die Tasche.

Er betrachtet ihren zarten Nacken, wo sich das Haar über dem Kragen lockt. Er betrachtet den Nasenbogen und die Lippen, die noch von dem Schmerz in ihrem Herzen beben. Darauf legt er die Hand auf ihre Schulter und sagt:

»Erzählen Sie mir alles – es wird Ihnen gut tun.«

Sie sieht mit einem großen, erstaunten Blick zu ihm auf und wendet ihren Kopf ab.

Ein Bahnbeamter geht durch den Warteraum und löscht die Lichter. Er wirft den Beiden, die allein zurückgeblieben sind, einen verstohlenen Blick zu – dem Alten und dem jungen Mädchen dort in der Ecke. Er zögert, als ob er fragen wollte; dann denkt er, daß sie wohl nirgends anders unterkommen können; nach dem Ereignis heute nacht braucht er es mit den Dienstvorschriften nicht so genau zu nehmen; der wachthabende Beamte ist schon fortgegangen. Er schließt die Tür leise hinter sich, um nicht zu stören.

Sie sieht Johan Lind an und denkt wie vorhin, daß er solch gute Augen hat. Die Angst vor der Einsamkeit führt sie ihm zu.

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