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Bedingt begnadigt

Laurids Bruun: Bedingt begnadigt - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleBedingt begnadigt
publisherGyldendalscher Verlag
printrun4.-8. Auflage
year
firstpub
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080522
projectid3c81a616
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I.

»Ach ja!« Er streckt sich und gähnt. Er kann seine Beine nicht strecken! Was ist denn das? – Wo liegt er denn? Da merkt er, daß er im Lehnstuhl sitzt und seine Füße gegen den Schreibtisch stoßen.

Seltsam, angekleidet ist er in dieser Stellung eingeschlafen!

Wie kalt es hier ist! Er steht auf, reckt sich und blickt zu dem schwachen Licht der Fenster hinüber.

Jetzt entsinnt er sich: Er hatte keine Lust, Licht anzuzünden und mochte auch nicht nach der Schlampe klingeln, weil es zu spät war. Er fühlte nach der schmerzhaften Stelle, aber sie tut nicht mehr weh.

Er dreht das Licht an und sieht, daß es nach zehn Uhr ist. Vier Stunden hat er geschlafen! An Nachtschlaf ist nun natürlich nicht mehr zu denken.

Sonst Pflegt er um ein Viertel vor neun Uhr seinen Abendspaziergang zu machen. Es ist die höchste Zeit.

Er zieht seinen Mantel an und bleibt in Gedanken versunken stehen, während er in das Licht starrt, das unter dem grünen Schirm auf die weißen Blätter fällt, die auf dem alten Sekretär liegen.

Was hat er geträumt?

Er schließt die Augen und beugt den Kopf, aber der Traum läßt sich nicht fassen. Etwas Trauriges und Niederdrückendes war es, etwas von Krankheit und Tod.

Da, ein Aufblitzen wie ein Licht, das nicht weiß, ob es dem Kontakt gehorchen soll, – er versucht, den Lichtschimmer zu fangen, aber es glückt ihm nicht. Er weiß nur, daß es etwas Schmerzliches war.

Was fragt er nach Träumen! Schon lange hat er sich nach einem Schlaf nicht so wohl gefühlt – obgleich ihn wie einen Hund friert.

War das Wetter umgeschlagen?

Vorsichtig schließt er die Haustür hinter sich und lauscht einen Augenblick auf das Klavierspiel in der Nachbarvilla. Das junge Mädchen besucht das Konservatorium – sie hat Talent; wenn sie nur nicht nachts üben würde!

Er atmet die Abendluft in tiefen Zügen. Sie ist rauh und kalt, mit jenem unbeschreiblichen Duft von November.

Ob es bald Frost gibt?

Hinter der Akazie ist das Gewölk zerrissen, und über der Pappel funkelt ein einsamer Stern.

Er schreitet schnell aus, um sich zu erwärmen. Bei der Gartenpforte zögert er, wie es seine Gewohnheit ist, um sich an der Perspektive der Lindenallee mit den scharfen Lichtkegeln der Laternen zwischen den Stammen zu erfreuen.

Eine Straßenbahn bimmelt, bevor sie die Eisenbahnschienen am Ende der Allee passiert. Sie stößt schwer, poltert über die Schienen, kreischt in den Achsen, schwankt langsam wie bei Seegang mit ihrem starken Licht und den dunklen Gestalten vorbei und gleitet dann schneller vorwärts, mit einem Seufzer der Erleichterung, wie ein lebendes Wesen.

Er erreicht die Schienen, überschreitet sie und biegt nach rechts in die breite Landstraße ein, die zwischen Fabriken, Gärtnereien und Vorstadtkasernen aufs Land hinaus führt. Hin und wieder ein alter Landsitz, eine Wirtschaft mit einem verkommenen Garten als armseligen Schmuck.

Wahrhaftig – die Luft fängt an, klar zu werden, es gibt Frost, schon glitzert es in den Wagenspuren. Man atmet frei und leicht.

Wie gut der Schlaf ihm getan, ihn von allen bitteren Gedanken befreit hat.

Unheimlich, wie man von seinen Gefühlen abhängig ist. Man denkt an Tod und Krankheit, weil die Blätter fallen und November in der Luft ist, und weil irgend etwas da ist, wogegen die Natur sich wehrt; heute also gegen Gänseleber. Als sie die gefährliche Stelle passiert hatte, erschien das Leben ihm wieder lebenswert.

So sind wir. Wenn wir Diätfehler begehen – mein Gott, wer liebt nicht gute Dinge? – sollte man es wenigstens mit Anstand tragen, den Preis bezahlen und sich die gute Laune nicht verderben lassen.

Zum Teufel, weshalb soll ich Leben und Jugendliebe verspielt haben, weil mein Magen keine Gänseleber mehr verträgt? Je weiter er aufs Land hinauskommt, desto klarer wird die Luft.

Das Land fällt sacht ab. Eine Pappelallee zieht sich wie ein dunkler Balken über die Felder. Ein Bauerngehöft sammelt das schwache Licht der treibenden Wolken auf seiner weißen Scheune.

Die Wolken fangen an, sich weiß zu färben, der Mond muß aufgegangen sein, doch kann er ihn nirgends entdecken. Die vereinzelten Sterne, die zwischen den Wolkenfetzen flimmern, können so viel Licht nicht spenden.

Die Häuser, auch Treibhäuser und Gartengitter hatte er jetzt hinter sich.

Er marschiert die alte breite Heerstraße entlang, mit den alten verdienstvollen Pappeln, die sich das Land Untertan gemacht haben.

Jedesmal, wenn der Wind mit seiner Hand über die verheerten Kronen streift, flüstern und tuscheln sie. Es ist, als ob die armseligen Blätter, die noch aus Barmherzigkeit an den Zweigen sitzen, wie arme Leute hinter den hohen Herren herschimpfen.

Dort liegt ein altes Wirtshaus, schwerfällig und plump. Die Wagenremise liegt hart am Wege, damit man nicht daran vorbeifährt.

Auf den Rollgardinen sieht er die Schatten von unförmigen Köpfen und Armen, die mit Billardqueues fuchteln. In der Kellerstube gröhlt eine rostige Stimme den letzten Gassenhauer. Ein Pferd zerrt ungeduldig am Spilltau. Ein schwarzer Einspännerwagen steht in der Ecke und reckt seine Stangen in die Luft, als ob er sich zu Tode gähnen wollte.

An der andern Seite des Wirtshauses führt ein Seitenweg links durch die Felder, tief in das schlafende Land hinein.

Den Pfad ist er noch nie gegangen, sein Friede lockt ihn. Wahrscheinlich führt er durchs Dorf – jenem Haufen dort hinten – und über die Eisenbahnschienen zur Hauptlandstraße.

Den Weg will er nach Hause gehen; er ist länger als der andere, aber wenn er schlafen will, muß er sich müde laufen.

Ganz richtig – dort sind die Eisenbahnschienen, dort hoch oben die Laterne des Schlagbaums; das matte Licht hinter dem niedrigen Fenster ist das Bahnwärterhäuschen.

Drinnen sitzt ein einsamer Mann in der Nacht und horcht auf die elektrischen Glocken und das hastige Ticken des Telegraphen. Er dreht an Handgriffen, öffnet und schließt die Weiche, macht Notizen in seinem Journal; und die Züge kommen angedonnert mit Hunderten von Leben, die er in einer schicksalsschwangeren Sekunde alle in seiner Hand hält. Mit seinem Schlüssel kann er öffnen und schließen – ebenso wie Sankt Peter.

Als Johan Lind die Schienen überschreitet, hört er ein Seufzen und Knarren. Es ist der Weichensteller, der neben der Seitenlinie steht und mit beiden Händen die Weiche stellt.

Er steht dort so allein in der Nacht und versorgt sein Amt.

»Guten Abend!« sagt Johan Lind und lüftet seinen Hut.

Sankt Peter sieht auf.

»Guten Abend!« murmelt er verdrießlich, ohne die Hände vom Hebel zu lassen.

»Ich dachte, daß man heutzutage die Weiche vom Haus aus stellt. Ist der Betrieb nicht elektrisch?«

Der Mann blickt von der Seite auf. Er scheint bei sich zu denken: Kann es dir nicht gleichgültig sein, ob der Betrieb durch Elektrizität oder auf andere Weise vor sich geht? Warum kümmerst du dich nicht um deine eigenen Sachen?

Mit beiden Händen drückt er den Hebel nieder. Die Schienen kreischen zornig, aber gehorchen. Sankt Peter richtet sich auf und betrachtet den Fremden, der irgendwoher kommt und irgendwohin geht, und dem seine eigenen Angelegenheiten nicht zu genügen scheinen.

Sankt Peter hat ein müdes, frühzeitig gealtertes Gesicht, einen vergilbten Bart, Haarsträhnen unter der Mütze und eine alte Narbe in der gefurchten Stirn.

Ein treues Gesicht hat Sankt Peter: Augen, die vom Wachen schwer geworden sind; eine Hand, die auf höheren Befehl öffnet und schließt, und diese Stimme von oben heißt »Chef für die technische Abteilung«; die zehn Gebote stehen drinnen an der Wand angeschlagen, sie heißen »Dienstregeln für Bahnwärter«, und wahrscheinlich enthalten sie noch viel mehr Gebote, als Moses seinerzeit auf dem Berge in der Wüste empfing.

Das alles dachte Johan Lind, während Sankt Peter seinen Schlüssel nahm – nein, es war ein Hammer, ebenso verbraucht und treu wie er selbst. Er warf noch einen Blick über die Schienen, sowohl über die großen doppelspurigen wie über die kleinen schmalspurigen, die etwas abseits ihren Weg längs eines Dammes liefen, der neu aufgeworfen zu sein schien; hell zog er sich durch die Nacht; die Felder wichen unter ihm zurück, so daß er höher erschien.

»Ja, ja,« sagt Johan Lind, als ob Sankt Peter die Frage aufgeworfen hätte. »Alles hängt von dem Geleise ab. Schlägt man die richtige Spur ein, geht alles wie von selbst. Tut man es nicht, tritt früher oder später eine Katastrophe ein.«

Sankt Peter sieht ihn an. Ein Fremder in der Nacht mit weichem Hut und Regenschirm.

Am liebsten hätte er ihm den Rücken gekehrt; aber es ist ein feiner Herr, er will lieber höflich sein.

»Das mag wohl sein,« sagt er mürrisch.

Darauf wendet er sich zum Gehen.

Johan Lind folgt ihm. Er hat denselben Weg.

»Wie lange sind Sie schon Weichensteller?«

»Fünfzehn und ein halbes Jahr.«

»Und Sie haben immer in dem kleinen Haus dort gewohnt?«

Sankt Peter sagt nichts. Hat man es nötig, fremden Leuten zu antworten, wenn die Uhr nach elf ist und man das Signal für den Nachtschnellzug geben muß?

»Sieh mal einer an – Sie haben noch Kartoffeln draußen. Haben Sie keine Kinder, die Ihnen helfen können?«

»Doch!« seufzt Sankt Peter und wird plötzlich ein Mensch. Die Kinder sind seine schwere Bürde. Johan Lind klopft ihm die Schulter und sagt freundlich:

»Dann sind Sie ja auf dem richtigen Wege, mein Lieber.«

Der Mann bleibt neben der Dornenhecke stehen und blickt verstohlen auf das matte Licht hinter der Gardine des kleinen Fensters, als ob er von dort etwas Beängstigendes erwarte. Dann seufzt er wieder und sagt:

»Es kann auch zu viel des Guten werden.«

Der Mann mit dem mürrischen Wesen gefällt Johan Lind. Das kleine Haus in der Einsamkeit an der Landstraße gefällt ihm – an der Straße, die in die Welt und in die Zeit hinausführt –. wo Hunderte von Menschen und Tausende von Worten in der Nacht vorbeirasen und keine andere Spur hinterlassen, als ein Zittern in den Schienen, ein Sausen in den Drähten. Er hätte das kleine Haus gern von innen gesehen, mit den vielen Kindern, die in allen möglichen Winkeln liegen und schlafen, während Vater in der Nacht wacht. Auf der anderen Seite des Schlagbaums liegt ein hohes Blockhaus. Durch die erleuchteten Fenster sieht er die Apparate: große Handgriffe wie die Tasten einer Klaviatur, mit kleinen weißen Schildern.

»Warum stellen Sie die Weiche draußen? Sie haben doch alles dort drinnen.«

»Während an der neuen Seitenlinie gearbeitet wird, – auf dem Damm sind Schienen gelegt worden.«

Johan Lind sieht über die Seitenlinie; weit hinten, wo sie endet, ist ein Licht.

»Wird nachts auch gearbeitet?«

»Ja, wenn die Arbeiter nicht streiken.«

»Tun sie das oft?«

Sankt Peter lauscht zum Licht hinaus; sonst kann er den Kran hören, der die Zementblöcke einrammt; heute abend aber dringt kein Laut zu ihm. Als die Arbeiter heute abend an seinem Haus vorbeigingen, hat er sie vom Streik sprechen hören. Wahrscheinlich haben sie Ernst gemacht.

»Man hat nicht länger Ruhe, als der Nachbar will,« sagt er vor sich hin.

»Ja, ja, das ist wahr.«

Johan Lind glaubt, daß diese Worte sich auf ihn beziehen. Er bekommt keine Ruhe – sagt er sich selbst –, bevor ich allerhand von ihm erfragt habe.

»Wie vielen Zügen müssen Sie Tag und Nacht die Weiche stellen?«

»Ach,« seufzt Sankt Peter, in sein Schicksal ergeben, »so an die dreißig.«

»Und das haben Sie schon fünfzehn Jahre lang getan? Das macht elftausend im Jahre, in fünfzehn Jahren so ungefähr einhundertfünfundsechzigtausend, alles in allem. Wenn man durchschnittlich hundert Personen pro Zug rechnet – das ist nicht hoch, nicht wahr? – so ergibt das eine Summe von sechzehn bis siebzehn Millionen. So oft haben Sie also Menschenleben in Ihrer Hand gehalten!«

Sankt Peter zuckt zusammen. Die entsetzliche Zahl zwingt ihn in die Knie. Er überlegt eine Weile, ob er dem Manne, der in der Nacht kommt und ihn, der schon genug des Verdrusses hat, mit solchen Dingen plagt, nicht widersprechen kann.

»Die Hälfte sind Güterzüge,« sagt er verweisend. »Gut, rechnen wir also nur die Hälfte, – acht Millionen Menschenleben und all' die anderen Werte.«

»Werte! – Ha – damit ist der Professor reingefallen. Güter sind ja versichert.«

»Also gut,« sagt Johan Lind und klopft ihm die Schulter, »halten wir uns an die Menschen. Acht Millionen Menschenleben in seiner Hand gehalten zu haben! – Das ist eine gute Ernte, mein lieber Mann, davor nehme ich meinen Hut ab. Das ist was wert, wenn Sie einst Rechenschaft ablegen sollen.«

»So was gibt's bei der Eisenbahn nicht.«

»Ich meine, wenn Sie einst sterben sollen.«

Die schweren Augen des Mannes werden groß und rund. Er stutzt bei der ungewohnten Rede und wirft einen verstohlenen Blick auf den weichen Hut, ob er es vielleicht mit einem Priester zu tun hat, der unterwegs ist, um in der Nachbarschaft einen Sterbenden zu bereiten?

Die Worte beginnen ihn gegen seinen Willen ins Bewußtsein zu dringen, aber er wehrt sich dagegen.

»Das ist alles ganz schön, wenn man nur davon leben könnte.«

Er denkt an seine Kinderschar und an das, was ihn drinnen erwartet, und seufzt wieder, ohne es selbst zu wissen.

»Wichtiger ist, daß man mit gutem Gewissen sterben kann.«

Als Johan Lind die Worte sagt, fällt ihm ein. daß er etwas Aehnliches gedacht hat, bevor er in den wunderbaren Schlaf versank. So etwas denkt man wohl, aber sagen – noch dazu zu einem wildfremden Menschen! Das muß das Alter sein.

Sankt Peter sieht ihn groß an, lüftet seine Mütze, bietet ihm Gute Nacht und verschwindet in dem kleinen Haus, wo seine große Familie auf ihn wartet.

Draußen steht ein Mensch, der keine Familie hat, betrachtet das matte Licht hinter der Fensterscheibe und den kleinen herbstlichen Kartoffelgarten.

Er vergaß zu fragen, ob er dem Weg weiter folgen kann. Aber er kann auch denselben Weg zurückgehen, er ist noch nicht müde.

Der Himmel über ihm ist klar. Dort steht der Orion und mustert die Erde, – und der Stern dort ist wohl der Mars mit seinem rötlichen Schein.

Alle Gehöfte und Häuser ringsum sind dunkel; kein Laut der Schlafenden dringt heraus.

Dort geht ein Mensch. Ein Nachtwanderer wie er.

Er scheint es eilig zu haben, läuft ein Stück, bleibt dann stehen, um Atem zu schöpfen.

Wo ist er geblieben? Er scheint in die Erde gesunken zu sein, denn es ist kein Haus zugehen.

Hat er sich in einen Graben versteckt? – Hat er es vielleicht auf ihn abgesehen?

Johan Lind ist nicht furchtsam. Er faßt seinen Regenschirm fester und geht dicht an den Graben, an die verdächtige Stelle heran.

Nichts zu sehen; gleich daneben aber ist eine Hecke, die zu dem Gehöft führt: wahrscheinlich ist er dort hindurchgegangen.

Kurz darauf hört er Schritte hinter sich. Er dreht sich um und sieht, wie der Mann in der Nacht davoneilt.

Er hatte sich also doch im Graben versteckt.

Es war ein junger Mann. Vielleicht ein Dieb, ein entlaufener Sträfling.

Mag er laufen – der Tag wird ihn schon finden.

Er hat noch ein gut Stück Wegs vor sich. Er denkt an die Rechnung mit den acht Millionen, und rechnet noch einmal nach. Ja, es stimmt.

Aber was ist das? Das Dunkle, das sich dort über den Feldern erhebt, ist nicht das Dorf, sondern ein alter Garten mit einem Hof dahinter. So hat sein Ortssinn ihn diesmal doch irregeführt.

Er blickt den Weg zurück, den er gekommen ist, und sucht nach dem Wärterhäuschen, um abzuschätzen, wie weit er gegangen ist. Aber er kann es nicht finden, es ist zu dunkel, und das matte Fensterlicht ist der anderen Seite zugekehrt.

Während er so steht und sich umblickt, fällt sein Auge auf eine weiße Wolke, die wie ein Reiter in einem langen, weißen Mantel aussieht.

Sie erinnert ihn an ein Bild, das er einst ausgestellt hatte. »Die Majestät« nannte er es. Der Tod zu Pferde, mit der Sense über der Schulter, während sein Mantel von dem Kreuz des Pferdes ganz bis auf die Hufe des knochigen Tieres herabfällt. – In wievielen Gestalten hatte er eigentlich den Tod schon gezeichnet? – Er hat ihn stets gereizt. – Die Majestät hält auf dem Pferde, die Knochenhand in die Seite gestemmt, und mustert den Wahlplatz, der wie ein Feld mit aufgeworfenen Kartoffeln aussieht. Jede Knolle aber ist ein fahles Menschengesicht, und das Pferd schrabt mit dem Huf zwischen den Köpfen und wählt sie sich als Futter.

Während er dort steht und die weiße Wolke anblickt, kommt das Ungeheuer mit den glühenden Augen aus der Stadt angetost.

»Platz da!« zischt es dem Gerippe zu.

Das wird der Eilzug sein, mit dem er ins Ausland zu reisen pflegt.

Die Majestät aber rührt sich nicht vom Fleck. Es ist, als musterte sie den Zug und überlegte, ob die Ernte reif sei.

So lebendig ist die Vision in der dämmernden Nacht, daß Johan Linds Herz heftiger schlägt.

Der Zug saust hart am Fuße des grauen Pferdes vorbei. Es ist, als ob er vor Entsetzen zittert. – Johan Lind meint, daß er die Erde ganz bis zu sich erbeben fühlt.

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