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Bedingt begnadigt

Laurids Bruun: Bedingt begnadigt - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleBedingt begnadigt
publisherGyldendalscher Verlag
printrun4.-8. Auflage
year
firstpub
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080522
projectid3c81a616
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Er hatte sich vom Schreibtisch erhoben, denn es war so dunkel geworden, daß er nicht mehr schreiben konnte.

Er hatte sich erhoben, um Licht anzuzünden, der Garten aber hatte seinen Blick auf sich gezogen, und er ließ sich auf den alten hochlehnigen Sessel am Fenster niederfallen.

Er hatte angefangen, die Erinnerungen seines Lebens, die Geschichte seiner Gedanken zu schreiben, damit die Tage schneller vergehen sollten.

Jeder Morgen fragte ihn mit seinem leeren, grauen Blick: Hast du mir nichts zu gelben? Soll ich wie mein Bruder Gestern hinwelken?

Darum hatte er sich niedergesetzt, um zu bezeugen, was er den Tagen in früheren Zeiten gegeben hatte, als sie noch von seinen Siegen gefärbt worden waren.

Die Tage, die jetzt verrinnen, sind bleich, als ob sie alle November hießen, nichts kann er ihnen geben, als die Erinnerungen an ihre dahingegangenen Brüder. Einer nach dem anderen fällt zur Erde, welkt wie die Blätter der alten Akazie draußen, die ihre Neste von dem letzten Tagesschein des Himmels abhebt. Es ist kalt im Zimmer.

Als er sich erhob, hatte sein Blick die matte Glut hinter dem Ofenrost gestreift: doch während er dasaß und in das hineinstarrte, was aus dem Nebel auftauchte, hatte er den Ofen wieder vergessen.

Hände streckten sich nach den seinen. Lächeln, wie Gold aus einem dunklen Chorbogen, schimmert ihm entgegen. Ein Pfad, den er einst so gern wanderte, liegt vor ihm mit zitternden Sonnenflecken auf dem frischen Gras: Vögel singen: es ist Frühling und es wird Sommer.

»Au – oh –«

Er faßt vorsichtig an die schmerzende Stelle auf der rechten Seite und streicht über die gespannte Weste.

Er greift sich an seine hohe, kahle Stirn, an die schlaffen Backen und seufzt –

Die Dunkelheit kommt aus den Ecken hervorgekrochen, während er durch das Zimmer wandert.

Noch sind der goldene Rahmen um das Kinderbildnis, das weiße Rechteck der Tür und die Zeichnungen an der Wand überm Sofa schwach vom Tagesschein beleuchtet.

Die Zeichnungen auf den grauen Kartons sind sein Lebenswerk – er kennt jeden einzelnen Strich; vor jeder Zeichnung bleibt er stehen, nickt vor sich hin, grübelt und nickt wieder –.

Das also ist aus dem stillen Knaben mit den scheuen Augen geworden, der dort im Goldrahmen unter Glas sitzt. Von ihm hat er geschrieben, bis er sich vom Schreibtisch erhob, um Licht anzuzünden.

Bis zu Mary war er gekommen – Mary mit dem stolz geschlossenen Munde und dem gesenkten Kopfe.

Was wohl aus der Frau geworden war, die er mit Furcht und Beben in seinem Knabenherzen liebte, anbetend, ohne Worte – – –

Zehn Jahre später – zehn kurze Jahre, und er ist Student, blaß vom vielen Lernen, scheu vor grenzenloser Erwartung.

Dann kam der Sprung kopfüber in die Welt hinein, rastlose Tage, bis an den Rand gefüllt – und die große Entdeckung, daß das Weib nur ein Mensch war, wie er selbst.

Die lüsterne Rede der Augen, die heiße Verzauberung des Händedrucks, das alles wurde ihm in einer einzigen Nacht offenbart. Und er griff zu wie ein Verdurstender.

Die Vögel der Nacht bemächtigten sich seiner, die gekaufte Liebe, die Sehnsucht auf ihrem Grunde hat, wie eine heimliche Krankheit im Herzen, stets verleugnet, niemals gelöscht.

In der Straßentür unter der Laterne – zwei Reihen blitzender Zähne, gieriges Lachen und eine Hand, die nach seiner Börse und seinem Willen griff. Das war die Erste.

Sie sahen, daß er zeichnen konnte, und alle wollten gezeichnet werden. Er aber zeichnete das, was keine wissen wollte – die Tränen hinter dem Lachen, das Entsetzen hinter dem Lächeln: sein Bleistift legte Zeugnis von seinem Herzen ab.

Die rote Berta schlug ihm einst ins Gesicht, weil er eine Zeichnung auf eine Rechnung gekritzelt hatte, während sie auf dem Schoß eines Freundes saß, den vollen Arm um seinen Hals, und ihm unkeusche Worte aus ihrem unkeuschen Munde zuflüsterte.

Es gab einen großen Tumult im Lokal. Gäste von den anderen Tischen kamen herbei. Die Zeichnung ging von Hand zu Hand.

Der Kofferfisch, der versoffene Redakteur vom »Tag«, hielt sich die Zeichnung vor seine kurzsichtigen Augen, nickte und gluckste, lud ihn zu einem Grog ein und stellte ihn seinen Freunden vor.

Er zeichnete nach der Reihe die ganze versumpfte Gesellschaft, Hunde, Affen und die weniger angesehenen Tiere.

Der Kofferfisch hielt seine Dorschaugen unverwandt auf ihn gerichtet und murmelte heiser: »Sieh einer den jungen Satan!«

Er begleitete ihn nach Hause, der verkommene Körper hing schwer an seinem jungen Arm.

Dieser Dunst von Alkohol, schlechtem Tabak und verschwitzten Kleidern!

Und dennoch fühlte er sich geehrt, war geschwollen. Er war das junge Genie.

Er zeichnete und zeichnete – alles, was andere zu verbergen suchten – Ritter des Tages in der Politik und Kunst. Ein Mann kommt die Straße entlang stolziert, er trägt seine Maske unterm Hut wie ein Schild. »Der da,« grunzt der Kofferfisch und kneift ihn in den Arm. Und gleich ist die Karikatur fertig.

Politische Feinde, Saufbrüder, Kollegen, die er über die Achseln ansah, sie alle wurden in der Zeitung des Kofferfisches auf die Nadel gespießt. Johan Lind wurde sein Henkersknecht. Er bekam einen Namen, bekam Geld, Freunde und Freundinnen. Er lebte in den Tag hinein, unbarmherzig und lustig.

Er bekam Feinde und Gegner, – bis er sich eines Tages voll Ekel losriß und aufs Land ging.

Die Dorfschöne – wie hieß sie doch noch? – gab ihm, dem schlimmen Kopenhagener mit dem unbarmherzigen Lächeln, ihr Herz auf den ersten Blick. Er wagte nicht, sie zu eigen zu nehmen, weil sie so unschuldige Augen hatte. Sie aber verstand ihn nicht, denn sie hatte ein ganzes Herz zu vergeben; in ihrer Einfalt wuchs sie über sich selbst hinaus und prophezeite ihm, daß er niemals in Wahrheit einer Frau sagen würde, daß er sie liebe.

Als er zurückkehrte, reizten ihn von neuem die Frauen, die ein freches Gesicht hatten und deren Augen von den Geheimnissen des Schoßes schimmerten, – und er nahm, was ihm in den Weg kam, das schnell Entzündete und das schnell Gelöschte, niemals aber das Eine.

Liebe, doch niemals das Unaussprechliche zwischen zwei Seelen, das, was niemals stirbt.

Mit Bleistift und Feder rächte er sich für das Entbehrte.

Und das, was als übermütig verwegenes Spiel begonnen hatte, wurde eines Tages Ernst, wurde zielbewußte Arbeit.

Hatte er sein Pfund gut verwaltet und sein Talent bis aufs letzte erschöpft?

Er wirft einen Blick auf den schmalen Schrank in der Ecke, von dessen Schubfächern die Elfenbeinknöpfe ihm wie eine Reihe Zähne aus der Dunkelheit entgegengrinsen.

Da drinnen liegt sein ganzes Lebenswerk, hübsch in Wappen geordnet, Entwürfe, Zeichnungen und Skizzen, womit er in den Witzblättern der ganzen Welt, Männer und Frauen karikiert und sie dem Spott des Publikums ausgeliefert hatte, während das kleine verschlungene J.S., dessen Bedeutung die wenigsten kannten, berühmt wurde. Seinen Nom-de-guerre hatte er einst in einer Nacht in Paris gewählt, als ein schwedischer Freund zu ihm sagte:

»Das Komische ist, daß du Lind heißt. Bedeutet das nicht etwas Mildes und Sanftes?«

Und im selben Augenblick hatte er den Namen gefunden.

Johan der Strenge – Jean sevère – das kleine verschlungene J.S.

Ah! Hätte er doch die Gänseleber nicht gegessen! An seinen Leibgerichten soll man zugrunde gehen.

Er stöhnt und blickt zum Ofen. Die Glut ist nur noch ein mattes Auge.

Soll er versuchen, selbst Feuer anzulegen? – Sicher werden die Holzscheite nicht brennen. Und wenn er klingelt, kommt die Schlampe halb beleidigt hereingeschlürft.

Ist eine Krankheit in ihm, die sich von Zelle zu Zelle schleicht, obgleich er kein Fieber hat?

Oder ist es das Unabwendbare – das, was die Blätter draußen still und unerbittlich fallen läßt?

Wie ist es um uns bestellt? fragt er die Bäume, die wissend durch die feuchte Dunkelheit starren. Gut – »lachend will ich sterben«.

Doch lacht er nicht. Er knöpft seinen Rock zu und blickt sich unwillig, feindlich um. während er sich vor Kälte schüttelt und nach seiner Seite greift, um zu fühlen, ob sie noch schmerzt.

Da richtet er sich auf und geht stramm durchs Zimmer. Das Klatschen des Regens gegen das Fenster fängt sein Ohr. Er wendet sich von neuem dem Garten zu, dessen säuerlicher Novembergeruch mit dem feuchten Wetter durch Fenster und Türen dringt.

Es kommt ein Tag, wo der Garten von neuem grünen wird. Er aber –?

Die Kälte bemächtigt sich seiner, als käme sie hinterrücks angeschlichen.

Er richtet sich auf, greift abwehrend an seine Seite. Geht zur Tür, hat den Finger bereits auf dem elektrischen Knopf.

Ach nein – dann kommt die Schlampe herein, für die er nur eine Störung am Feierabend bedeutet.

Und er denkt an Lisa –

An jenen Abend, als er klingelte, und sie fragend in der Tür stand.

Er blickt verstohlen auf die weiße, viereckige Zeichnung an der Wand, als ob er noch in jener Dachkammer säße.

Sie stand mit ihrer weißen Schürze gegen den Bücherschrank gelehnt, im Halbdunkel. Ahnte sie, was kommen würde, was kommen mußte –?

Es fiel kein Wort zwischen ihnen. Er ging nur auf sie zu und schloß sie in seine Arme. Sie waren allein in der Wohnung, und sie blieb bei ihm.

Jahre schwinden – wieder meint er ihren bebenden Atem zu hören.

Das war vor seiner ersten großen Reise, und er hatte sie nie wiedergesehen.

Oftmals in den großen Städten, mitten im Lebensrausch, ja, in den Armen anderer Frauen, hatte er an die Frau gedacht, die nur jene eine dunkle Nacht die Seine gewesen war.

Sie sorgte für sein Zimmer und seine Verpflegung. Immer still und schweigsam, beobachtete sie ihn mit ihrem seltsam ernsten Blick, wenn sie sich unbemerkt glaubte. Er erinnerte sich des Tages, als er ihr »die Rechnung« schenkte, seine neue Zeichnung, die ihm überall Lob einbrachte, – der Lebemann beim Champagner, der, den Arm um die nackte Schulter einer überwundenen Frau, nach der Rechnung greift, die der Tod als Kellner ihm von hinten reicht, – sie wandte den Kopf ab und vergaß, ihm dafür zu danken.

Verstand sie, daß er sein Herz verschlossen und sich die Sitten der Zeit zu eigen gemacht hatte, daß er wie die anderen war? Oder kränkte es sie, daß die Frau mit den nackten Schultern ihre Augen und ihren Mund hatte?

Dachte sie an jenen einzigen dunklen Abend, als sie in seinen Armen weinte und nicht sagen wollte, warum –?

Oftmals hatte er ihr schreiben wollen, es war aber immer beim Vorsatz geblieben.

Vielleicht fürchtete er, daß sie ihm auf dem Wege des Ruhmes ein Hemmschuh werden könnte – und er wollte sich nicht hemmen lassen.

Vielleicht auch fürchtete er ihren Ernst, denn er wollte den Rausch nicht missen. Nur vorwärts, vorwärts.

Er fühlte wohl, daß sie die Macht haben würde, ihn ganz zu besitzen, und er wollte keiner gehören, nur sich selbst, seit er die Entdeckung gemacht hatte, daß das Weib nur ein Mensch sei, wie er selber.

Ein Weib sollte ihm für kürzere oder längere Zeit gehören, sollte eine Station auf seinem Wege sein. Träger der Freude zu gemeinsamer Lust. Und nach dem Rausch das Vergessen.

So hielt man es in den Kreisen, wo er verkehrte. Ein Leben in Arbeit und Lust, und dann Schluß.

Warum aber hatte er sie aufgesucht, als die drei Jahre um waren und er nach Hause zurückkehrte?

War's die Erinnerung an die Freude jenes einen Abends – oder war es etwas, was er nicht zu verlieren wagte?

Doch hatte er sie nirgends finden können ...

Noch immer sitzt er auf dem Stuhl vor dem alten Schreibtisch und starrt in die Dunkelheit.

Die weißen Zeichnungen leuchten nicht mehr. Der goldene Rahmen des Kinderporträts, das Viereck der Tür, sein Lebenswerk auf den weißen Blättern, das alles hat die Dunkelheit jetzt verschlungen.

Er denkt an sie, die der Tod ihm vor zwei Jahren genommen hatte.

An Agnete, die fünfzehn Jahre die Seine gewesen war, die seine Frau geworden wäre, wenn das Gesetz ihr erlaubt hätte, wieder zu heiraten.

Agnete, die Einzige während vieler Jahre.

Sie war Künstler wie er selbst gewesen. Gemeinsame Interessen, gemeinsamer Geschmack hatten sie zusammengeführt.

Ein guter Kamerad war sie ihm gewesen. Wie hatte sie sich auf die Kunst zu leben verstanden!

Sie lernten sich kennen, sie sympathisierten, sie sahen, daß sie zueinander paßten. Das war alles.

An das Einzige glaubte keiner von ihnen. Und sie waren beide zu beschäftigt, um es zu vermissen.

War ihm aber für den Herbst etwas geblieben, das Frucht tragen konnte? War er nicht ein schlechter Gärtner gewesen, der auf das Beste nicht warten wollte?

Sein Lebenswerk –?

Nicht nur Laster und Lüge hatte er mit seinem Stift gegeißelt, nicht nur Schuldige niedergeschlagen. Auch jenen großen Phantasten, der für seinen Glauben starb, lieferte er dem Pöbel und dem Haß aus, gab ihm die Züge eines Verräters, weil man es von ihm verlangte, obgleich er wußte, daß er schuldlos war.

Es gab eine Zeit, wo Narren und Weise seinen Karikaturen dienen mußten, wo er nicht mehr das Gesicht, sondern nur die Kehrseite sah, wo er dem Spott und Gelächter auslieferte, was Ehre, ja, Liebe wert gewesen wäre.

Kann ein solches Lebenswerk Frucht tragen –?

Wie wird die Ernte sein, wenn ich heute nacht sterbe?

Wenn es eine Abrechnung gibt, womit kann ich zahlen?

Wird sich das, dessen Zerrbild ich zeigte, nicht mit dem wahren Gesicht gegen mich erheben?

Wird mein Konto kleiner, weil ich den Sitten der Zeit folgte?

Lisa, wirst du mich um deswillen, das niemals sterben kann, zur Rechenschaft ziehen?

Du, die du das Hauptbuch führtest – gib mir Frist!

Laß mir Zeit zu neuer Abrechnung, bis eine neue Ernte auf mein Konto eingetragen werden kann.

Nicht weil ich den Tod fürchte, sondern damit ich meine Schuld abtragen kann – ich heimatloser Wanderer.

Im Lehnstuhl, in Kälte und Dunkelheit schlief er ein.

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