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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 965
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Wie Graf Michael von Wertheim in Lengfurt gerettet worden ist

Graf Michael von Wertheim lag mit mächtigen Feinden im Hader. Lange Zeit war das Kriegsglück auf seiner Seite, eines Tages aber sollte das Blättlein gewendet werden. Mitten im Kampf ergriffen die Mannen des Grafen die Flucht, der Graf aber wollte nicht weichen und kam endlich in Gefahr, von den Seinigen abgeschnitten und von den Feinden umzingelt zu werden. In diesem Augenblick machte er sich mit blitzenden Schwertschlägen Luft und entkam noch durch die Schnelligkeit seines Rosses dem Gedränge der Feinde, die ihn jedoch mit gleicher Schnelligkeit bis an die Tore von Lengfurt verfolgten. Leider fanden sich diese geschlossen, der Graf aber besann sich nicht lange, stieg auf seinen Schimmel und schwang sich mit einem kühnen Satz über die Mauer hinüber.

Drüben sah ihn ein Lengfurter Bürger mit nicht geringer Verwunderung auf diesem seltsamen Weg in das Städtlein einrücken. Der Graf gab ihm schnell zu verstehen, daß die Feinde hinter ihm wären, und er sollte ihm schleunigst zu einem sicheren Unterkommen verhelfen, gleichviel, in welchem Winkel oder Loch es sei. Nun wußte der Lengfurter in der Geschwindigkeit keinen andern Rat, als der Herr Graf sollte einen Platz im Stall neben den Schweinen einnehmen. In solchem Versteck würde der feindliche Schwarm keinen Grafen suchen.

Gesagt, getan. Der Wertheimer kroch zu den Vierfüßern, sein Beschützer aber sann auf eine List, wie er die anrückenden Verfolger des Grafen auf Abwege bringen könnte. Die ließen nicht lange auf sich warten; der Lengfurter aber hatte es darauf angelegt, daß er der erste war, den sie angreifen mußten. Auf ihre Fragen, ob nicht eben einer durch Lengfurt oder vorbeigekommen sei, wußte der Bürger guten Bescheid: Er habe allerdings einen stattlichen und wohlgerüsteten Mann durchlaufen sehen, dieser habe Wertheims Farbe getragen, sei dem Main zugeeilt, durch den Strom geschwommen und am jenseitigen Ufer verschwunden. »Hätte ich gewußt«, setzte er hinzu, »daß ich euch zu Nutzen sein könnte, so wollte ich gern das Vöglein gefangen haben.«

Darüber erzürnten sich aber die Kriegsknechte, schalten ihn wegen seiner Dummheit und prügelten ihn wacker, was der Gute tapfer für seinen Herrn erduldete.

Am nächsten Tag, nachdem der Feind arg in Lengfurt gehaust, auch sich mit Beute genug beladen hatte, verließ er wieder das Städtchen. Voll Jubel eilte nun der treue Lengfurter zu seinem Stall, riß die Tür auf und verkündete dem Herrn Grafen, daß er gerettet sei und ans Tageslicht vorkommen sollte. Da umarmte der Graf seinen edlen Retter und dankte Gott auf den Knien für so wunderbare Hilfe.

Darauf kam alt und jung aus dem ganzen Ort zusammen und freute sich, ihren Herrn und Grafen wohlbehalten zu sehen. Der Graf gebot, die Familie seines Retters in Zukunft mit dem Namen »die Frommen« zu ehren, auch diesen Namen ins Wappen zu setzen. Endlich sollte das Haus seines Beschützers von jeglicher Last frei sein für alle Zeiten, und über der Tür des Stalles, in dem der Graf gelegen war, sollte das gräßliche Wappen errichtet werden.

Darauf wurde ein fröhliches Fest für die Bürgerschaft veranstaltet, das eine ganze Woche lang dauerte. Auch wurde dabei mancher Schlafkamerad des Herrn Grafen gebraten auf die Tafel gebracht. Noch lange Zeit zeigte man das Wappen über dem Stall sowie einen Gedenkstein, der die Stelle bezeichnete, wo der Graf über die Mauer Lengfurts gesprungen war.

 


 

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