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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 951
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Der pfälzische Tell

Ludwig III., Pfalzgraf bei Rhein, zubenannt der Bärtige, hatte unter seinem reisigen Volk einen gewissen Punker von Rohrbach bei Heidelberg gebürtig, der im Ruf eines Zauberers stand, weil er die Armbrust mit solcher Meisterschaft führte, daß er auch das kleinste und fernste Ziel niemals verfehlte. Dem Pfalzgrafen selbst kam der Mann unheimlich vor, er fürchtete sich fast vor ihm, so treffliche Dienste er ihm auch leistete im Feld wie auf der Jagd. Um ihn nun in die Falle und zum Geständnis seiner Zauberkünste zu bringen, befahl ihm der Pfalzgraf eines Tages, seinen eigenen Knaben zum Ziel zu nehmen und ihm einen Pfennig vom Barett zu schießen, ohne dieses oder den Knaben zu verletzen. Erfülle er diese Bedingung nicht, so sei er des Todes.

Lange weigerte sich Punker, weil der Teufel ihm möglicherweise die sonst so sichere Hand fehllenken könne und er dann diesem verfallen sei. Alles Bitten und Beschwören scheiterte an des Pfalzgrafen hartem Sinn. Der Knabe mit dem Barett auf dem Kopf und dem Pfennig drauf mußte sich an das Ziel stellen. Nachdem der unglückliche Vater einen Bolzen auf die Armbrust gelegt hatte, nahm er einen zweiten, steckte ihn in sein Koller und schoß dann glücklich den Pfennig herab, ohne das Barett auch nur zu streifen.

Auf die Frage des Pfalzgrafen, zu welchem Zweck er einen zweiten Pfeil in sein Koller gesteckt habe, gab ihm Punker zur Antwort: »Wenn ich, vom Teufel ob solcher Versuchung mißgelenkt, meinen Knaben erschossen hätte, dann, Herr, würde ich Euch selbst mit diesem zweiten Pfeil durchbohrt und also meinen Sohn gerächt haben, weil ich doch selbst dem Tod geweiht worden wäre.«

 


 

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