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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 948
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Der Zweibrücker Syndikus

In Zweibrücken steht nächst dem unteren Tor ein stattliches, altertümliches Haus, in dem vorzeiten ein Syndikus wohnte, ein alter, häßlicher Kerl, aber ein gescheiter und dazu auch ein reicher Mann. Beim schönen Geschlecht war er natürlich in geringem Ansehen, aber desto mehr vermochte er im Rat der Stadt, wo er bei schwierigen Fällen wohl das ganze Kollegium ins Schlepptau nahm. Welchen Gusto aber der Alte in bezug auf Frauenzimmer hatte, war lange nicht zu erraten, und sah man ihn zuweilen auch nach dieser oder jener schielen, so konnte das doch nicht auffallen, weil der Syndikus überhaupt schielte.

Von Kirche und Religion wollte er gar nichts wissen. Wenn die anderen Leute frommen Sinnes beim sonntägigen Geläut der Glocken zum Gotteshaus wandelten, wühlte der Syndikus in seinem Geld und fluchte wohl auf das einfältige Volk, das nichts Besseres zu tun wüßte, als das Gerede der Pfaffen zu hören.

Auf einmal aber war der Syndikus in diesem Punkt anderen Sinnes geworden. Unvermutet erschien er bei jedem Gottesdienst, der in der Kapelle am Kreuzberg, draußen vor der Stadt, abgehalten wurde. Anfangs wunderte sich jedermann darüber, am Ende aber gewöhnte man sich daran und vergaß seine frühere Ungläubigkeit.

Eines Sonntags nun wurde vor versammelter Gemeinde ein Paar ausgerufen, das gesonnen sei, sich in den heiligen Ehestand zu begeben. Der häßliche Syndikus war es und – das schönste Mägdlein der Stadt. Da sahen sich die Zweibrücker mit großen Augen an. Man glaubte den Geistlichen falsch verstanden zu haben, aber es war dennoch so und nicht anders, daß der alte, häßliche Syndikus die bildschöne, aber arme Lisbeth heiratete, die am Kreuzberg bei der Kapelle wohnte. Ihr hatten eigentlich die Besuche dieser Kapelle gegolten, und da er so unermeßlich reich und so außerordentlich schlau war, so wußte er die arme kränkliche Martha, seine künftige Schwiegermutter – eine sehr fromme aber schwache Frau –, bald zu überlisten. Der häufige Besuch des Gotteshauses und die reichen Spenden, die er im Vorbeigehen wie zufällig den leidenden Armen selbst ins Haus trug, hatten ihm bald das Herz der alten Frau zugewandt. Als er den Boden genugsam bearbeitet wußte, trat er endlich mit seiner Werbung hervor.

Allerdings kamen Mutter und Tochter in Verlegenheit; aber der fromme, wohltätige, reiche Mann war's, der anfragte, und das zögernde Mädchen gab endlich auf die Zurechtweisung der Mutter nach, obgleich es einem Jägerburschen, dem schmucksten Jüngling des Tals, tausendmal lieber die Hand gereicht hätte.

Die Hochzeit fand statt. In prächtigem Geschmeide, aber auffallend blaß und traurig, ging die Braut zur Kirche. Die Mutter zog nun zu ihrem reichen Schwiegersohn, starb aber bald darauf. Zwar munkelte man dies und jenes darüber, aber man hatte es mit dem reichen, schlauen und angesehenen Syndikus zu tun, und so verstummte jedes schlimme Gerücht darüber.

Die junge Frau sah man nun immer mit rotgeweinten Augen und bleichem Gesicht. Verstohlen kam sie zuweilen in einem Garten hinter dem Haus mit dem Jäger zusammen, wenn der Syndikus den Ratsherren auf der Ratsstube die Köpfe zurechtsetzte; sie konnte die alte Neigung nicht unterdrücken, die nur um so mächtiger wurde, je mehr sie diese aus dem Herzen zu verdrängen suchte.

In ihrem Schmerz übersahen es einmal die beiden mit der Behutsamkeit, und der Syndikus stand plötzlich vor ihnen. Der Jäger floh, war aber von der Zeit an verschwunden. Was zwischen dem Syndikus und der jungen Frau vorging, erfuhr niemand. Er schien sich jedoch beruhigt zu haben; denn am nächsten Tag führte er sie durch die Straßen spazieren, was man sonst nie gesehen hatte. Man sah beide nach dem Berg gehen, wo der Steinbruch ist, aber nicht zurückkehren; sie müssen spät nach Hause sein, vermutete man.

Aber am anderen Morgen brachte jemand die Nachricht, daß eine tote Frau im Steinbruch liege, der das Messer des Mörders noch im Herzen stecke. Der Syndikus ließ sie zur Stadt bringen, wo man sie gleich erkannte. Niemand aber wagte sich über den auffallenden Mord zu äußern, doch wurde dem Herzog die Sache berichtet. Als die von diesem abgesandte Wachmannschaft in das Haus des Syndikus kam, um ihn zu verhaften, lag er mit abgeschnittenem Hals am Boden. Schaudernd flohen die bärtigen Männer aus dem Zimmer, über den seltsamen Fall Bericht zu erstatten. Als sie die Straße erreicht hatten und nochmals ängstlich nach dem Haus zurücksahen, stand der Syndikus mit dem Kopf unter dem Arm am Fenster und machte wie zum Hohn lebhafte Komplimente gegen sie, während der Kopf gräßliche Grimassen schnitt.

Mehrere Tage wagte es niemand, das Haus zu betreten, bis der Herzog ernstlich befahl, dem Spektakel ein Ende zu machen. Als man den Sarg mit dem Toten auf der Straße hatte und ihn fortschaffen wollte – stand der Syndikus wieder oben am Fenster mit dem Kopf unter dem Arm und machte Bücklinge über Bücklinge gegen die Versammlung. Man öffnete sogleich den Sarg, aber der Syndikus lag, wie man ihn gelegt hatte. Kaum war jedoch der Sargdeckel wieder über ihm, so stand er auch wieder am Fenster.

Da trug man den Toten unbedeckt fort zum Schindanger, wo man ihn einscharrte und dann eiligst den Platz verließ. Aber Sonntagskinder sahen es, wie er gleich darauf aus seinem Loch herausstieg, mit dem Kopf unterm Arm, und hinauf zum Steinbruch schritt, wo er sich jetzt noch zuweilen sehen läßt.

 


 

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