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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 944
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Die Legende von der Gründung Disibodenbergs

In der Hauptstadt Irlands lebte im 6. Jahrhundert nach unseres Herrn Geburt ein Bischof, der Disibod hieß. Er war ein Mann nach dem Herzen Gottes; denn sein Leben war Frömmigkeit, sein Tun Liebe, sein Leiden Geduld und Harren der Hilfe des Herrn. Der Ruf seiner Heiligkeit war groß unter dem Volk, und groß war die Liebe, die es für ihn hegte. Darob wurde ihm der Erzbischof gram, und er verfolgte ihn, wo er nur konnte; ja er verklagte ihn selbst beim Papst in Rom. All dies trug der heilige Mann in der Demut seines Herzens und küßte die Hand, die ihn schlug; das Volk aber liebte ihn um so mehr.

Die Verfolgungen des Erzbischofs ließen aber nicht nach, und zuletzt konnte es der heilige Mann nicht mehr ertragen. In einer Nacht erschien ihm der Engel des Herrn im Traum und führte ihn auf eine ungeheure Höhe. Sein Auge schweifte über das unermeßliche Meer, an dessen Saum sich eine Küste erhob. »Dorthin«, sprach der Engel, »sollst du segeln und mit dir nehmen Sallust, Gisbald und Klemens, die treuen Diener des Herrn, die dich lieb haben. Dort sollst du wandern unter den blinden Heiden und predigen das Evangelium des Sohnes Gottes; da, wo du deinen Wanderstab in die Erde steckst und er grünt, wo ein weißes Reh sich dir naht und am Boden scharrt, daß ein Born lebendigen Wassers hervorquillt, da baue dir eine Hütte und weile. Gründe da ein Kloster zu gottgeweihtem Leben und zur Förderung des Reiches Gottes unter den Heiden.«

Disibod vernahm des Engels Kunde mit frohem Herzen. Schon am anderen Morgen nahm er den Pilgerhut, hing die Ledertasche um und griff zum Stab. Seine Freunde staunten ob seines Tuns. Als er ihnen aber kundtat des Engels Geheiß, da nahmen auch sie Hut, Stab und Tasche und folgten ihm nach.

Der Erzbischof freute sich baß; aber das arme Volk wehklagte laut, denn sein Freund und Tröster schied von dannen. Es folgte den frommen Sendboten zu der Küste des Meeres, wo das schwanke Schifflein lag, das sie aufnehmen sollte. Wild stürmte es auf dem Meer, und die Wellen brandeten schauerlich an den Felsen der Insel. Das Volk warf sich nieder vor den frommen Männern und flehte Disibod an, daß er das Schifflein nicht besteige, das ihm gewisser Tod drohe.

»Ich bin in der Hand des Herrn auf dem Wasser wie auf dem Land«, sprach Disibod; »ich folge seinem Ruf. Sein heiliger Wille geschehe!« Und alsbald bestiegen sie das Schifflein.

Kaum war das Segel entfaltet und der Anker gelichtet, so legte sich der Sturm, und die See glättete sich wie ein Spiegel; bald aber erhob sich ein frischer Wind vom Land, der die Segel blähte, daß das Schifflein mit den Glaubensboten durch die Fluten dahinschoß wie ein Pfeil von der Sehne des Bogens.

An Frankreichs Küste landeten sie glücklich, und kaum waren sie ans Ufer getreten, als sie niederknieten und betend dem Herrn gelobten, als seine getreuen Sendboten rastlos umherzuziehen und das Wort des Lebens zu verkündigen, bis des Engels Verheißung erfüllt sein würde.

So zogen sie denn durch ganz Frankreich, Jesum Christum verkündigend, und kamen nach neun mühevollen Jahren gen Trier, wo Magnerius Erzbischof war, zur Zeit, als Childebert II. im Reich herrschte. Der Erzbischof nahm sie liebevoll auf. Als sie ihn baten, auch in den Landen, deren Oberhirt er war, des Herrn Wort verkündigen zu dürfen, sprach er: »Zieht hin, ihr Gesegneten des Herrn; er gebe euch seinen Segen zum Wort, daß es viele Frucht bringe!«

Also zogen die vier Gottesmänner von Trier weg und durchwanderten viele Jahre lang die Gebirge und die Wälder des Erzstifts, überall weilend, wo frommer Glaube ihrem Wort entgegenkam. Die Jahre des heiligen Disibod aber nahmen zu, und er war müde des Wanderns. Er flehte daher zum Herrn, daß er ihn den Ort finden lassen möge, wo er bleiben sollte nach der Verheißung des Engels. Er hatte oft den langen Pilgerstab in die Erde gesteckt; aber nie hatte er gegrünt, und das weiße Reh war nie gekommen, daß es die labende Quelle aus dem Boden scharre.

So war der Frühling wiedergekommen, und die Vöglein sangen ihre fröhlichen Weisen unter dem grünen Laubdach des Waldes. Die Quellen sprudelten hell, umgeben von blauen Vergißmeinnicht und schneeweißem Steinbrech. Der Himmel war tiefblau und heiter, und die Sonnenstrahlen erwärmten selbst des Waldes Dunkel. Die frommen Sendboten folgten dem Höhenzug, der sich auf dem rechten Ufer der Nahe herabzieht, und kamen endlich an einen Berg, an dessen Fuß zwei Flüßchen sich vereinigen: die Nahe und der Glan. Da, wo gen Osten der Berg sich sanft abflachte, war ein Platz, den die Sonne freundlich beschien. Disibod und seine Genossen ließen sich hier nieder, denn sie waren müde von der Wanderung, die sie bereits seit Sonnenaufgang, ohne zu rasten, fortgesetzt hatten. Als der Durst sie plagte, gingen Klemens, Gisbald und Sallust hinab zum Fluß, dort ihre Kürbisflaschen zu füllen.

Bei ihrer Rückkehr aber zu der Stätte, wo sie den frommen Disibod verlassen hatten, bot sich ihnen ein wunderbares Schauspiel dar. Der ehrwürdige Greis kniete betend inmitten des Rasenplatzes. Sein hoher Pilgerstab stand in der Erde und schlug aus in Äste und Blättergrün, und ein schneeweißes Reh scharrte mit seinem zarten Huf, daß alsbald ein Quell herabrieselte ins frische Gras, so rein wie Kristall. »Hier ist die Stätte heilig!« rief Disibod. »Laßt uns Hütten bauen!«

Und sie bauten sich Hütten dort und wohnten da und predigten das Evangelium dem nahe wohnenden Volk, das sich um die frommen Männer sammelte. Der Wald auf des Berges Gipfel wurde ausgerodet, und wenige Jahre nachher erhob sich hier eine herrliche Kirche nebst einem Kloster. Die Herrscher und Ritter des Landes bedachten es reichlich mit Gaben, und die Mönche breiteten das Reich Gottes aus unter den Heiden, die noch zahlreich im Gebirge wohnten.

Der heilige Disibod aber blieb in seiner einfachen Hütte am östlichen Abhang des Berges, wo sein Stab zum schattenreichen Baum geworden war und der Quell, den des Rehes Huf gegraben hatte, lustig hervorsprudelte. Neben seiner Hütte grub er sich selbst sein Grab und harrte, bis der Engel des Herrn ihn zum Frieden abrufen würde. Und als die Stunde endlich gekommen war, daß er das Zeitliche verließ, wurde er bestattet in seinem Grab. Später aber bettete man seine Gebeine unter dem Hochaltar der Kirche Disibodenberg.

 


 

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