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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 94
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Der Drachenstich zu Furth im Wald

In der Oberpfalz.

Dieses Fest, das alljährlich am Sonntag nach dem Fronleichnamsfest begangen wird, verdankt seinen Ursprung wahrscheinlich einer jener alten Lindwurmsagen, die ehedem fast in allen Gebirgsländern unter dem Volk verbreitet waren. Das Schauspiel, das zum Nutzen der Wirte, Bäcker und Metzger noch immer sehr viele Zuseher aus der Umgegend herbeizieht, geht in den ersten Nachmittagsstunden des genannten Tages auf dem großen Stadtplatz vor sich.

Die auftretenden Personen sind: Ein Rittersmann zu Pferd, in Harnisch und Blechhaube, umgeben von einer Schar Trabanten; dann eine Königstochter aus unbekanntem Land, die zum Zeichen ihres hohen Standes ein Goldkrönlein auf dem Haupt trägt und mit soviel Silbergeschnür und Schaumünzen behängt ist, als man nur immer auftreiben kann. Eine Ehrendame, die »Nachtreterin« genannt, begleitet die Prinzessin. Letztere nimmt auf einer erhabenenen Bühne Platz, und ihr gegenüber stellt sich in einiger Entfernung der Drache auf, ein greuliches Ungetüm mit dickem ungestaltetem Leib; freilich nur ein Holzgerippe, mit bemalter Leinwand überzogen und von zwei im Inneren verborgenen Männern bewegt. Ein dichtes Gewühl sammelt sich jedesmal um diese abenteuerliche Erscheinung, und dann macht sich der Drache bisweilen den Jux, mit weit aufgesperrtem Rachen unter die Menge zu rennen, die eilig zurückweicht und dabei in den possierlichsten Lagen übereinander purzelt. Der Hauptspaß aber ist, wenn es dem Ungetüm gelingt, eine Böhmin aus dem Haufen herauszupacken und ihr mit den Zähnen die breite Tellerhaube vom Kopf zu reißen.

Inzwischen sprengt der Ritter zur Prinzessin heran, und es entspinnt sich zwischen beiden nachfolgender Dialog in Knittelversen:

Ritter Grüß Gott, grüß Gott, Ihr königliche Tochter mein!
Was macht Ihr auf diesem harten Stein?
Mich dünkt's, Ihr seid ganz trauervoll,
Die Sach', die Sach' steht nicht gar wohl.
Prinzessin Ach, edler, treuer Rittersmann,
Mein' Not und Treu' zeig ich Euch an.
Ich wart' dahier auf Drachengreul,
Er wird mich schlucken in schneller Eil'.
Ritter Schad't nicht, schad't nicht, seid wohlgemut!
Die Sach', die Sach' wird b'währt und gut;
Rufet zu mir, und betet zu Gott,
Er wird uns helfen aus aller Not.
Prinzessin Ach, edler, treuer Rittersheld;
Flieht weit hinweg; flieht weit ins Feld!
Sonst müßt Ihr Euer ritterliches Leben
Mit nur bis in den Tod aufgeben.
Ritter Ich als starker Rittersmann,
Das grausam Tier macht mir nicht bang;
Mit meinem Degen und Rittershand
Will ich ihn räumen aus dem Land.
Prinzessin Seht, seht, Ihr Ritter und Herr:
Das grausam Tier tritt schon daher.

Während dieser Worte rückt der Drache gegen die Bühne vor und stellt sich an, als wollte er die Prinzessin verschlingen. Doch der kühne Ritter sprengt ihm entgegen und stößt seine Lanze tief in den Rachen des Ungeheuers. Bei diesem Manöver muß aber derjenige, der die Rolle des Ritters spielt (immer ein junger Bürgerssohn) sich wohl in acht nehmen, daß er die in der Gaumenhöhlung verborgene Blase trifft. Das Volk will heute Blut sehen – sei es auch nur unschuldiges Ochsenblut –, und wenn der Held des Tages fehl sticht, so überschüttet ihn ein Hagel von Spottreden. Ist der Lanzenstoß glücklich beigebracht, so zieht der Ritter sein Schwert und haut den Drachen ein paarmal über den Schädel, dann macht er ihm mit einem Pistolenschuß vollends den Garaus.

Nachdem er auf diese Weise das Scheusal unschädlich gemacht hat, kehrt er zu der Prinzessin zurück und ruft siegesfroh aus:

      Freud', Freud', Ihr königliche Tochter mein,
Jetzt könnt Ihr frisch und fröhlich sein!
Dem Drachen hab' ich geben seinen Rest,
Weil er die Stadt hat lang gepreßt.

Die Prinzessin dankt ihm darauf mit diesen Worten:

Ach, edler, treuer Rittersheld,
Weil er den Drachen hat angefällt,
Zu seinem Degen und Ritterlanz'
Verehr' ich ihm ein schön Ehrenkranz.

Hiermit steigt sie von der Bühne herab und spricht, indem sie dem Ritter den Kranz um den Arm bindet, die Schlußverse:

Der Herr Vater und Frau Mutter werden kommen sogleich
Und werden uns geben das halbe Königreich.

Die Trabanten nehmen jetzt den Ritter und die Prinzessin in die Mitte und geleiten sie in die Herberge zum Rittertanz. Auch die Zuschauer zerstreuen sich in die Schenken, und das Fest endet wie die Volksfeste immer: mit einem allgemeinen Trinkgelage.

 


 

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