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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 934
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Nächtliche Erscheinung zu Speyer

Von Wolfgang Müller.

        »Wach auf!« erklingt's in des Schiffers Traum.
»Wach auf, du Wächter am Strome!«
Und über ihm rauschet der Lindenbaum,
Und zwölfe schlägt es vom Dome.
Groß vor ihm steht einer im dunkeln Gewand,
Der Schiffer bringt ihn hinunter zum Strand,
Halb schlafend, halb wachend, wie trunken.

Und während er träge löset den Kahn,
Beginnt es um ihn zu leben;
Viel riesige hohe Gestalten nahn,
Er sieht sie nicht schreiten, nur schweben;
Es tönet kein Wort, es rauschet kein Kleid,
Wie Nebel durchziehn sie die Dunkelheit:
So steigen sie all in den Nachen.

Er sieht sie mit Staunen, mit Schrecken an,
Stößt schweigend und fürchtend vom Lande,
Kaum braucht er zu rudern, es flieget der Kahn,
Bald sind sie am anderen Strande.
»Wir kommen zurück, da findst du den Lohn!«
Gleich Wolken verschwinden im Felde sie schon,
Fern scheinen ihm Waffen zu klirren.

Er aber rudert sinnend zurück
Durch der Nacht ernst-friedliche Feier,
Wo sich die Heimat hebet dem Blick,
Das dunkeltürmige Speyer,
Sitzt wach bis zum Morgen am Lindenbaum,
Und war es Wahrheit, und war es ein Traum,
Er hüllet es tief in den Busen.

Und sieh – es ruft ihn die vierte Nacht
Als Wächter wieder zum Strome.
Wohl hält er schlaflos heute die Wacht,
Da schlägt es zwölfe vom Dome.
»Hol über!« ruft es vom anderen Strand.
»Hol über!« Da stößt er den Kahn vom Land
In stiller, banger Erwartung.

Und wieder ist es die düstere Schar,
Die schwebend den Nachen besteiget,
Der Kahn zieht wieder so wunderbar,
Doch jeder der Dunklen schweiget.
Und als sie gelandet zu Speyer an Land,
Gibt jeder den Lohn ihm behend in die Hand;
Er aber harret und staunet.

Denn unter den Mänteln blinken voll Schein
Viel Schwerter und Panzer und Schilde,
Goldkronen und funkelndes Edelgestein
Und Seiden- und Sammetgebilde;
Dann aber einhüllt sie wieder das Kleid,
Wie Nebel durchfliehn sie die Dunkelheit
Und schwinden am mächtigen Dome.

Doch wachend bleibt er am Lindenbaum
Mit sinnendem, tiefem Gemüte;
Ja, Wahrheit war es, es war kein Traum,
Als blendend der Morgen erglühte:
Er hält in den Händen das lohnende Geld,
Drauf glühen aus alter Zeit und Welt
Viel stolze Kaiserbilder.

Wohl sah er manchen Tag sie an
Im forschenden, stillen Gedanken,
Da riefen sie drüben um seinen Kahn,
Das waren die flüchtigen Franken.
Geschlagen war die Leipziger Schlacht,
Das Vaterland frei von des Fremdlings Macht;
Der Schiffer verstand die Erscheinung.

»Und löstet Ihr, Kaiser, die Grabesnacht
Und die ewigen Todesbande
Und halft in der wilden, dreitägigen Schlacht
Dem geängsteten Vaterlande,
Steigt oft noch auf, und haltet es frei
Von Sünden und Schmach und Tyrannei,
Denn es tut not des Wachens!«

 


 

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