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Gutenberg > Alexander Schöppner >

Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 932
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Jüngstes Rolandslied

Von A. Kaufmann. – Der wissenschaftliche Name der Ruländerrebe, die auch als Viliboner (vinum bonum) bekannt ist, lautet Roter Clävner von Cläven (Chiavenna), woher sie durch einen Assessor des Reichskammergerichts nach Speyer versetzt worden war.

            Einst lud im alten Speyer –
Warm lag der Sonnenschein –
Zu froher Abendfeier
Ein Mann sich Gäste ein.
Sie saßen in der Laube Zier,
Vom Abendgold umleuchtet,
Und tranken braunes Bier.

Es war kein schlimm Getränke,
Doch heute ging's nicht ein:
»Herr Wirt, wenn ich's bedenke,
Wir tränken besser Wein!
Eu'r Garten blüht so maienhaft:
Hierhin gehört Liäus,
Nicht Sankt Gambrini Saft!

Müßt's nicht für ungut nehmen,
Verehrter Herr Roland!«
Der drauf: »Ich sollt' mich schämen,
So schlimm ist's hier bewandt.
Mein Keller trägt ein Trauerkleid –
Wer führt auch guten Keller,
Geht durch das Land solch Leid.

Und doch, es kann gelingen:
Gebt ihr ein gutes Wort,
Wollt' ich ein Tränklein bringen,
Das hier erwuchs am Ort:
In meinem Keller herbergt ja
Ein wunderseltsam Fäßlein –
Hört, wie's damit geschah:

Kurz nach dem Schreckenstage,
Der unsre Herrlichkeit
Geknickt mit einem Schlage,
Ging ich, das Herz voll Leid,
Und sah mir die Zerstörung an
Und flucht' in tiefster Seele
Dem fränkischen Tyrann.

Die Stadt, drin Kaiser ruhten,
Was war sie? Trümmerhauf!
Noch rannten Feuersgluten
Die Gassen ab und auf.
An diesem Platze war's ringsum
Vor allem traurig, schaurig,
Vor allem öd und stumm.

Sein Eigner war gestorben,
Vom Sohn für g'ringes Geld
Hab' ich den Raum erworben,
Dies Haus dann hingestellt.
Als ich den Garten umschuf, fand
Ich drin zwölf Rebenstöcke,
Fruchtschwer trotz Schutt und Brand.

Die Reben ließ ich stehen,
Die Trauben preßt' ich ein,
Und heute will ich sehen,
Ob wohl ein guter Wein
Aus Blut und Brand erwachsen kann?
Kommt mit hinab zum Keller –
Mein Fäßlein stech' ich an.«

Neugierig stieg zur Tiefe
Das plaudernde Gelag,
Der Wein, als ob er schliefe,
Im braunen Röcklein lag;
Doch als er in die Becher floß,
Weiß Gott, daß er erwachte,
Der schäumende Genoß!

Welch wundersames Düften
Dem Fäßlein sich entrang!
Hell klang's in allen Lüften –
Der Geist des Weines schwang
Erlöst sich aus der langen Haft
Mit jauchzendem Entzücken,
Mit voller Jugendkraft.

Und Glas auf Gläslein leerten
Die Gäste, Krug auf Krug,
Die Weiblein selbst begehrten
Trinkmutig Zug auf Zug;
Des Kellers alt Gemäuer scholl
Vom fröhlichsten Gesange,
Der toll und toller schwoll.

Da sang der alte Paster:
»Ihr Herren, betrunken sein,
Von heut an ist's kein Laster,
Gießt brav in euch hinein!
Ich absolvier' euch ungehört,
Wenn ihr nach Hause taumelt
Und brave Bürger stört.«

»O di sub alto throno«,
So schrie der Schulmonarch,
»Quam hoc est vino bono!
Den trink ich bis zum Sarg,
Den trink ich, bis am Höllentor
Mich Cerberus empfänget;
Ich steig' ihm einen vor.«

Ein dritter sang: »Roländer,
Wir haben dich erprobt
Als rechten Unmutwender!
Fortan sei hochgelobt!
Ich wollte, voll von diesem Wein
Hätt' ich Sankt Otmars FläschchenSankt Otmars Fläschchen hatte die Eigenschaft, daß es nie leer wurde.
Wie fröhlich wollt' ich sein!«

Es jauchzten selbst die Frauen,
Froh lauschte Herr Roland:
»Dich, Reblein, will ich bauen,
Erblüht in Schutt und Brand!
Es ist aus Tod und Graus und Nacht
Viel Herrliches entsprossen:
Der Trank und seine Pracht!

Getreu will ich dich pflegen,
Du mehrest mir das Haus,
Dich sucht man allerwegen –
Klar seh' ich es voraus:
Ich bin, wenn nur ein Jahr verrollt,
Der reichste Mann in Speyer,
Dem alles schatzt und zollt!

Es wuchs aus schlimmstem Sterne
Mir ungeahntes Glück,
Und doch, wie gern, wie gerne
Gäb' alles ich zurück,
Ständ' noch die hochberühmte Stadt,
Ständ' noch das alte Speyer,
Wie's einst gestanden hat!«

 


 

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