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Gutenberg > Alexander Schöppner >

Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 928
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Die Nonnen auf Frauenchiemsee

Von Ludwig Aurbacher.

1.

        Der Morgen vergüldet See und Land,
Es ruft das Glöcklein zur Hore;
Der Strahl fällt düster auf Kirchleins Wand,
Dumpf schallt der Gesang im Chore.
»Was frommet mir, ach, das Morgenrot?
Hier ist nur Kerker, hier ist nur Tod!
O wär' ich doch nie geboren!«

Der Mittag ergießt sein belebendes Licht
Auf lustige Wellen und Auen;
Doch in der Zelle sich's schauerlich bricht
Und brütet nur Angst und Grauen.
»Was frommt mir, ach, der Mittagsschein,
Nur traurig fällt er durchs Gitter herein!
Für mich ist kein Lieben, kein Leben!«

Der Abend versendet den letzten Strahl,
Auf den Bergen die Gluten verglimmen;
Schon dämmert es weithin im Wassertal,
Zur Komplet ertönen die Stimmen.
»Was frommet mir, ach, die Abendruh'?
Mir schließt sich vor Gram kein Auge zu!
O wär' ich doch bald gestorben!«

Und als zur Mette das Glöcklein ruft,
Da verläßt sie die einsame Zelle;
Zum Ufer sie schleicht wie zur Totengruft –
Wo sich bricht die schäumende Welle.
Und sie ruft mit halb zerrüttetem Sinn:
»Der Tod, der Tod nur ist mein Gewinn!«
Und stürzt sich hinein in die Wogen.

 
2.

            Das Mägdlein steht an des Klosters Pforte
Und sieht noch einmal zum Ufer hin;
Die schönen Gestalten umschweben den Sinn,
Doch voll Ergebung spricht sie die Worte:

»Lebt wohl, ihr Berge und ihr schönen Auen,
Die ihr im Frühlingsstrahle fröhlich blinkt;
Lebt wohl! Ich werd' euch fürder nimmer schauen,
So freundlich hold ihr auch zurück mir winkt.

Ich bin gefaßt. Wovor soll mir denn grauen,
Wenn auch des freien Lebens Sonne sinkt?
Die Welt ist Täuschung nur; und ach, hienieden
Gibt Einsamkeit nur wahren Seelenfrieden.« –

Das Mägdlein kniet an des Altares Stufen
Und blickt mit Andacht zum Kreuze hin;
Die heiligen Gestalten bezaubern den Sinn;
Oft hört man sie freudig dankbar rufen:

»Seid mir gesegnet, wonnevolle Stunden,
Die ihr in diesen Mauern mich entzückt!
Welch stille Freuden hab' ich schon empfunden,
Seit ich dem eitlen Weltlärm bin entrückt!
Wie labt mich Kühlung stets in Jesu Wunden,
Wenn andre noch des Lebens Schwüle drückt!
O wahrlich: Nur wer Gott sich ganz ergeben,
Lebt hier schon eines Paradieses Leben!« –

Das Mägdlein lieget in Todesnöten,
Es schaut voll Glauben nach oben hin;
Die Himmelsgestalten entzücken den Sinn,
Und man hört sie in heiliger Andacht beten:

»Ich bin der Welt schon längstens abgestorben,
Mit Freuden gab ich ihre Freuden hin;
Nie hat mich ihre schnöde Lust verdorben,
Rein ist mein Herz und erdenfrei mein Sinn;
Dank dir! Bald ist die Krone mir erworben,
Die du versprachst der treuen Dienerin.
O komm, o Jesus, end dies kurze Leiden,
Und führ mich ein ins Reich der ew'gen Freuden.«

 


 

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