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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 914
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Weilheimer Stückln

Unter dieser Firma gehen viele Stücklein unter dem Volk, die bald nach Weilheim, bald nach Hirschau, bald nach Plech, bald nach Ditges usw. verlegt werden. Die Sage geht hier bereits in Schwank und Märchen über, indessen dürften einige der bekanntesten zur Charakteristik dieses Genres nicht am unrechten Ort sein.

1. Es war ein Landrichter zu Weilheim, der wollte schon lange einen Esel haben, und obgleich viele Tiroler mit Eseln durch Weilheim fuhren, so bekam er doch keinen, weil die Tiroler immer zuviel für einen solchen begehrten. Eines Tages geschah es, daß der Herr Landrichter auf der Bank vor der Haustür saß, als gerade wieder ein Tiroler mit einem wahren Muster von Esel vorbeifuhr. Der Landrichter gab sogleich einen Wink, daß der Tiroler halten sollte, und fragte ihn, ob der Esel nicht feil sei. »Warum nicht«, sagte der Tiroler; »um fünfzig Gulden sollt Ihr ihn haben.«

»Der ist mir zu teuer«, erwiderte der Landrichter nach gewohnter Weise, indem er zu gleicher Zeit in den Wagen des Eseltreibers schaute und drinnen so gelbe große Kugeln erblickte, wie er seiner Lebtag noch nie gesehen hatte. »Ei, was habt Ihr denn da für Seltenheiten?« fragte der neugierige Herr.

»Ja«, sagte der Tiroler, »das sind Eselseier, die mein Grauschimmel heute nacht gelegt hat.«

»Wie teuer das Stück?« entgegnete rasch der Landrichter.

»Zwölf Gulden ist nicht zuviel«, antwortete der Tiroler.

»Ei, so laßt mir ein Ei statt des Esels ab; erklärt mir aber noch, wie der Esel aus dem Ei hervorgeht!«

Darauf versetzte der Tiroler: »Das ist nicht schwer: Ihr tragt das Eselsei auf den Gogelberg [bei Weilheim], setzt Euch selber drauf und haltet es warm, bis der Esel herauskommt.«

Also war der Landrichter seines guten Einkaufs froh, und der Eseltreiber zog guter Dinge von dannen. Das Eselsei war aber nichts anderes als ein großer gelber Kürbis; diesen trug der Herr Landrichter nach Vorschrift auf den Gogelberg, setzte sich darauf und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Als er aber bereits eine gute halbe Stunde auf seinem Eselsei gesessen war, so daß ihm der Schweiß von der Stirn tropfte, geschah es durch seine Unruhe, daß ihm der Kürbis entschlüpfte, über den Berg hinabrollte und zufällig in eine Staude hineinfuhr, aus der sogleich ein erschrecktes Häslein hervorsprang. Als dieses der Landrichter erblickte, schrie er vor Freuden ein über das andere Mal: »Esel daher, Esel daher!« Aber der Esel wollte nicht hören, sondern nahm Reißaus in das Feld hinein. Der Herr Landrichter schaute ihm noch lange nach, bis er endlich seinen Irrtum erkannte und sich zornig nach Hause begab, den Betrüger von Eseltreiber zur verdienten Strafe zu ziehen.

Aber der Mann war klüger als der Landrichter gewesen und hatte sich beizeiten aus dem Staub gemacht. Also blieb dem Betrogenen die gute Lehre, in Zukunft keine Eselseier mehr zu kaufen.

 

2. Zwischen zwei ziemlich hohen und steilen Bergen stand ein Kirchlein, in das die Weilheimer so gern gingen, was ihnen aber schwer wurde, weil die Kirche von den Bergen und einem See eingeschlossen war und nur von einer Seite zugängig war, so daß die Weilheimer einen großen Umweg machen mußten. Abreißen wollten sie es nicht, und sie beschlossen daher; das Kirchlein auf die eine freie Seite zu schieben.

Um sich nun zu merken, wie weit sie geschoben hätten, legte einer von ihnen seinen Mantel vor. Dann stellten sich alle hinter das Kirchlein, schoben aus allen Kräften und sahen dann nach einer Weile um den Mantel um. »Ei, ei«, sagten sie, »nun ist es genug, 's Kirchlein liegt schon auf dem Mantel droben.«

Den Mantel hatte unterdessen ein Dieb genommen, das Kirchlein aber stand auf dem alten Fleck.

 

3. Das alte Rathaus war baufällig, und so beschlossen die Weilheimer, ein neues zu bauen. Sie gingen rüstig ans Werk, bauten und bauten immerfort, und endlich machten sie auch den Dachstuhl drauf, deckten ihn und gingen nun feierlich in das Rathaus, das aber bei hellichtem Tag stockfinster war, denn sie hatten vor lauter Eifer die Fenster vergessen. Der Herr Bürgermeister verordnete daher, daß jeder einen Sack nehmen, ins Freie gehen und mit Schaufeln und Gefäßen Tag in den Sack schöpfen, sodann diesen im Rathaus ausleeren sollte.

Dies taten sie auch, allein es kam kein Tag in das Rathaus, das sie hernach abdeckten, um doch Licht zu bekommen.

 

4. Auf der Weilheimer Stadtmauer wuchs hohes Gras. Da die Weilheimer kein anderes Mittel wußten, es herunterzubringen, so banden sie einen Ochsen an ein Seil und zogen ihn so auf die Mauer. Der Ochse mußte nun freilich ersticken und streckte seine Zunge ganz jämmerlich heraus. Da sprach einer: »Seht nur, wie freudig das Öchslein seine Zunge nach dem frischen Gras ausstreckt!«

Der Ochse wurde heraufgezogen aber er war tot.

 

5. Einer zu Weilheim wollte einen Baumstamm zum Tor hereinfahren. Er hatte diesen aber der Breite nach auf den Wagen geladen, so daß natürlich das Tor zu schmal war. Dies gab Veranlassung, das Tor einzureißen, worauf jener mit seinem Baum hineinfuhr.

 


 

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