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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 88
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Der Schatz auf dem Hohenbogen

Sage vom Burgstall, Gipfel des Hohenbogens im Bayernwald.

Von diesem Schatz gehen wunderliche Sagen. Er liegt hundert Lachter[1 Lachter = ca. 2 m] unter dem Burgstall in einem kupfernen Kessel. Alle hundert Jahre einmal wird ein Mensch geboren, der ihn unter gewissen Bedingungen zu heben vermag. Ein solcher war ein Hirte von Schwarzenberg, der eines Tages seine Herde auf der sogenannten Kleinen Ebene am Fuß des Burgstallkegels weidete. Als er eines Abends eintreiben wollte, vermißte er ein junges Rind, und nach einigem Suchen hörte er es hoch oben im Wald Laut geben. Er stieg eilig den Burgstall hinan und war schon nahe dem Gipfel, als plötzlich eine wunderschöne, aber seltsam und fremdartig gekleidete Jungfrau vor ihm stand und ihn mit einschmeichelnder Stimme anredete: »Du kommst zu guter Stunde hierher. Wisse, daß es in meiner Hand liegt, dich zum reichsten Mann im Land zu machen. Ich kann dir offenbaren, auf welche Weise du den unter unseren Füßen vergrabenen Schatz heben magst.«

Der Hirt, den beim ersten Anblick der Erscheinung ein heimliches Grauen beschlichen hatte, faßte Mut und entgegnete, daß er bereit sei, die Unterweisung zu vernehmen.

Freudig fuhr die Jungfrau fort: »Finde dich heute über acht Tage zu Beginn der Mitternachtsstunde am Fuß des Burgstalls ein, begleitet von zwei Priestern, die die Beschwörungen zu sprechen wissen. Ihr werdet den Schatz erhoben auf dem Gipfel des Berges liegen sehen. Schreitet nur mutig darauflos, und laßt euch nicht irren, was euch immer in den Weg trete, sähe es auch noch so schrecklich aus; denn es ist eitel Blendwerk des Bösen, das euch weder an Leib noch Seele schaden kann. Bist du an die Schatztruhe herangekommen, so greife mit beiden Händen keck in den Goldhaufen hinein, und er ist dein für immer. Aber wehe, wenn du durch die Künste des Satans dich zur feigen Flucht bewegen ließest; wehe dann mir! Abermals müßte ich hundert Jahre umherirren und könnte nicht zur ewigen Ruhe eingehen. – Siehe dieses zarte Reis«, hier wies sie auf ein dem Boden entsprossendes Ahornbäumchen, »es muß zum starken Baum heranwachsen, aus seinem Stamm müssen Bretter geschnitten und diese zu einer Wiege gefügt werden; der Knabe, der in dieser Wiege ruhen wird, muß Mann geworden sein, dann erst darf ich wieder auf Erlösung hoffen. Gedenke der unaussprechlichen Leiden einer armen Seele, und erbarme dich meiner, wie du willst, daß Gott der Herr sich deiner erbarme!«

In den letzten Worten lag der Ausdruck eines so herzzerreißenden Jammers, daß der Hirt davon aufs tiefste ergriffen wurde und mehr durch den Wunsch, so große Pein zu lindern, als durch die Begierde nach den verheißenen Reichtümern zu dem Wagnis der Schatzhebung sich getrieben fühlte. Eben wollte er der Jungfrau seinen Entschluß kundgeben, als sich deren Gestalt in leichten Nebelflor auflöste, den der Abendwind über den Gipfel des Burgstalls hinwegtrieb. Aus dem Gebüsch aber, an dem die Erscheinung gestanden war, kam das verlorene Rind hervor und folgte willig seinem Herrn auf den Weideplatz hinab.

Am anderen Tag hatte der Hirt nichts Eiligeres zu tun, als nach Neukirchen zum Kloster der Franziskaner zu gehen und dem Pater Guardian den wunderbaren Vorfall zu berichten. Dieser hielt mit den Vätern Rat, was in der Sache zu tun sei, und man kam zu dem Entscheid, daß es sich hier um die Erlösung einer armen Seele und einen Triumph über den Satan handle, wozu die Diener der Kirche hilfreiche Hand bieten müßten. Nachdem der Guardian seinem Kloster vom Hirten einen erklecklichen Anteil an dem Schatz ausbedungen hatte, erteilte er zwei Mönchen, die als die geübtesten Exorzisten der Gemeinde galten, den Auftrag, sich durch Beten und Fasten zum heiligen Werk vorzubereiten.

Zur bestimmten Zeit trafen die Väter und der Hirt am Burgstall zusammen, und eben schritten sie über den Weideplatz hin, als die Turmuhr zu Neukirchen die elfte Stunde angab. Mit dem letzten Schlag loderte auf dem Gipfel eine hohe Flamme empor, und die Mönche erkannten dies als das Zeichen, daß der Schatz sich gehoben habe. Nachdem sie den Hirten gewarnt hatten, nicht von ihrer Seite zu weichen, schickten sie sich an, dem bösen Feind tapfer zu Leibe zu gehen. Aber kaum hatten sie einige Schritte bergan gemacht, als im Wald ein seltsames Leben rege wurde. Eulen und Fledermäuse flatterten den nächtlichen Wanderern in dichten Schwärmen entgegen, aus dem Unterholz links und rechts warf es mit Totenbeinen nach ihnen, und grinsende Schädel kollerten unter ihren Füßen hin. Die frommen Söhne des heiligen Franziskus ließen sich von diesem Spuk keineswegs anfechten, sondern drangen mit lauter Stimme, die Bannformeln hersagend und nach allen Seiten hin Weihwasser sprengend, rastlos voran.

Schon mochten sie die Hälfte des Weges zurückgelegt haben, als der bisher mondhelle Himmel sich plötzlich verfinsterte und ein Sturm losbrach, der den ganzen Berg aus seinen Grundfesten heben zu wollen schien. Die Blitze fuhren hageldicht auf die Baumwipfel nieder, der Donner krachte Schlag auf Schlag, die Gießbäche stiegen im Nu brausend über ihre Ufer und wälzten mannshohe Fluten gegen die drei herab. Diese meinten bis an den Hals im Wasser zu gehen; aber als sie näher hinsahen, fanden sie, daß nicht ein Faden ihres Gewandes naß war. Darum achteten sie es auch nicht weiter, als ihnen noch allerlei Schreckbilder – bald tierähnlich, bald menschlich gestaltet – in den Weg traten; und sie erreichten den Gipfel, ohne daß ihnen ein Haar gekrümmt worden wäre.

Hier sahen sie wenige Schritte vor sich, hell von der noch immer lodernden Flamme erleuchtet, ein kesselartiges Gefäß, das bis zum Rand mit funkelnden Goldmünzen gefüllt war. Eben wollte der Hirt vortreten, um, wie ihm die Jungfrau geboten hatte, den Schatz zu erfassen, da wankte der Boden unter ihm, und von unterirdischer Kraft gehoben wich ein mächtiger Felsblock polternd von seinem Platz. Aus der Öffnung, die sich gebildet hatte, kroch ein scheußlicher Lindwurm hervor und ringelte seines Leibes endlos gestreckte Glieder dreimal um den Gipfel des Burgstalls herum, einen furchtbaren Schutzwall vor dem gefährdeten Mammon auftürmend.

Das Erscheinen dieses Ungeheuers setzte die Herzhaftigkeit der guten Mönche auf eine zu harte Probe. Sie glaubten sich schon gepackt von scharfen Zähnen des Drachen und purzelten mehr, als sie liefen, den steilen Abhang hinunter. Dem Hirten, der sich von seinen geistlichen Helfern verlassen sah, blieb nichts übrig, als ihnen zu folgen.

Wohl vernahmen sie hinter sich die Stimme der Jungfrau, die in kläglichen Lauten zum Ausharren ermahnte, aber die Flüchtlinge waren nicht mehr zum Stehen zu bringen. – Nur einmal hatte der Hirt umzuschauen gewagt und gesehen, wie der Gipfel des Berges sich spaltete und in seinem weiten Riß die Schatztruhe verschlang. Darauf erhob sich ein tausendstimmiges Geheul, das ihm das Blut in den Adern gerinnen machte. Es war das Hohngelächter der Hölle.

 


 

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