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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 876
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Das Königsfest zu Memmingen

In älteren Zeiten wurden die drei ersten Schulkinder mit Kronen, Zepter und Blumensträußen geschmückt und hießen Könige und Königinnen, und sie hatten noch die drei ersten Kinder vom vorigen Jahr, die auch so geschmückt waren, und noch drei andere, die Gesangführer hießen, zur Begleitung. Dies war mit großem Kostenaufwand verbunden; daher hatten die Schulmeister allezeit große Schwierigkeiten, solche Eltern zu finden, die geneigt waren, mit ihren Kindern diesen Aufwand zu machen, weswegen dann selten diejenigen, die durch Fleiß und Geschicklichkeit das Prämium verdienten, es erhielten.

In neueren Zeiten ist das abgeschafft und vereinfacht worden; doch ist noch immer die Sache nicht ganz im reinen, denn diese Eltern wollen es auf diese, jene auf jene Art gehalten wissen. Am Pfingstdonnerstag begeben sich viele Eltern mit ihren Kindern in ein vor der Stadt gelegenes Wirtshaus, wo dann die Schulmeister mit einem Reigen auf einem grünen Platz den Kindern eine öffentliche Freude machen.

Der Ursprung dieses sogenannten Königsfestes soll sich von Kempten herschreiben und ist im achten Jahrhundert auf folgende Art entstanden:

Karl der Große kam einmal nach Kempten in das Schloß Hilarmont oder Bürkhold zu seiner Gemahlin Hildegard, die sich dort aufhielt, um den Fortgang des Klosterbaus zu besehen. An der Tafel soll unter seinen drei Söhnen Pippin, ein mutiger Prinz, zu seiner Mutter in folgenden Ausdrücken gesagt haben: »Ei, meine liebe Mutter, wenn der Herr Vater gen Himmel gekommen ist, werde ich darauf König werden?«

Karl, der andere Sohn, ebenfalls begierig zu herrschen, wandte sich an seinen Herrn Vater und behauptete, er müsse im Reich als Thronfolger nachfolgen.

Ludwig wollte auch Regent sein; dieser wandte sich an seine beiden Eltern.

Hildegard beendete den Streit so: Auf ihren Befehl sollten die drei Söhne von den Bauern in dem Flecken Kempten ein jeglicher einen eigenen Hahn holen; wessen Hahn im Kampf den Sieg davontragen würde, der sollte König sein. Ludwigs Hahn siegte. Als sie nun bei der Schule vorbeizogen, so begleiteten die Schüler, weil es gerade um die Zeit war, wo sie aus der Schule gingen, die drei Prinzen bis zum Schloß.

Dieses Spiel gefiel den königlichen Prinzen selbst und anderen Schülern, daß diese es im folgenden Jahr wiederholten und in Prozession herumzogen. Als man nun anfing, in den Orten zu Kempten und auch in dem Flecken Grünenfurth, das das jetzige Memmingen ist, Schulen anzulegen, wurde dieses Fest von der Schuljugend auch begangen, besonders zur Aufmunterung im Fleiß; man wählte allezeit (was doch, wie schon gemeldet, nicht immer geschehen ist) drei aus den besten Schülern. So entstand das sogenannte Königenfest, das 1804 eingestellt wurde.

Der Scherz mit den Hähnen ging nachher zufälligerweise in Erfüllung. Ludwig, der Fromme genannt, wurde als der einzige noch überlebende Sohn nach Karls des Großen Tod (814) Kaiser.

 


 

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