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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 868
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Der Lilienstengel

Von August Schnezler.

              An dem alten braunen Tische
Einst Albertus Magnus saß,
Langte sich aus einer Nische
Manches Buch und schrieb und las;
Dachte hin und dachte her
Über Gottheit, Welt und Leben,
Doch der Kopf ward ihm nur mehr
Voll gelehrter Spinneweben.

Eifrig tat er sich befleißen
Der geheimen Wissenschaft,
Spähte nach dem Stein der Weisen
Und nach der Gestirne Kraft;
Dachte hin und dachte her
Über Menschen, Tiere, Pflanzen,
Doch der Kopf ward ihm nur schwer,
Und er kam zu keinem Ganzen.

Wie nun in die Folianten
Er so tief versunken saß,
Forschend nach dem Unbekannten,
Das Bekannte schier vergaß:
Öffnet stille sich die Tür,
Und ein Mädchen wie ein Engel
Tritt an seinen Tisch herfür,
Haltend einen Lilienstengel.

Glanzumstrahlend ihre Locken
Wie aus himmlischem Gefild,
Und Albertus sieht erschrocken
Plötzlich dieses Wunderbild;
Doch die Jungfrau spricht ihn an,
Lächelnd mild ihr Antlitz blicket:
»Sag, Albertus, welch ein Wahn
Hielt so lange dich umstricket?

In der Wesen Quell zu dringen
Mühst du dich vergeblich ab;
Kann der schwache Mensch erzwingen,
Was ihm die Natur nicht gab?
Willst du denn im Bücherstaub
Suchen deine ganze Nahrung?
Geh, des Waldes Frühlingslaub
Gibt dir beßre Offenbarung!

Auf! Beginn ein neues Leben!
Noch fünf Jahre sind jetzt dein;
Wer die Schleier nicht kann heben,
Lern' im Glauben selig sein!
Drum von heut an sollst du nie
Über Gott und Welt mehr grübeln,
Solcherlei Philosophie
Ist das schlimmste von den Übeln.«

Mit dem Lilienstengel leise
Rührt das Mädchen Alberts Stirn –
Hell auf wundersame Weise
Fühlt der Greis nun sein Gehirn;
All seine Philosophie
Drin vergessen und verschwunden,
Doch dafür hat er noch nie
Sich so leicht und wohl empfunden.

Und die Jungfrau war geschieden
Hin, woher sie kam, zurück;
Und der Greis fand endlich Frieden,
Endlich das ersehnte Glück.
Alle Bücher schlug er zu;
Draußen, auf den grünen Triften,
Las er Glauben, Weisheit, Ruh'
In den Stern- und Blumenschriften.

Einstmals einen Lilienstengel
Hielt er sinnend in der Hand,
Wohl gedenkend an den Engel,
Der einst mahnend vor ihm stand –
Denn fünf Jahre waren um.
Sanfter Schlaf umfing den Greisen;
Im verhüllten Heiligtum
Fand er wohl den Stein der Weisen.

 


 

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