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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 866
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Der Kirchenfrevel zu Lauingen

Im Jahre 1404 wurde in der Pfarrkirche zu Lauingen der Kelch mit den geweihten Hostien entwendet. Für die frommen Einwohner der Stadt war dies ein trauriges Ereignis. Von den Kanzeln ertönten schlimme Prophezeiungen für solch ruchlose Zeiten, und jedermann wünschte sehnlichste daß der Frevler recht bald entdeckt und der Gerechtigkeit überliefert werde.

Eines Abends, als der Glöckner die Betglocke zog, bemerkte er im Halbdunkel des Glockenhauses eine zusammengekauerte Gestalt; in der Meinung, ein Gespenst zu erblicken, eilte er schnell hinaus, holte seinen Sohn und einige Kameraden aus der Nachbarschaft und begab sich mit ihnen zur näheren Untersuchung in den Turm. Und siehe da – das vermeinte Gespenst war niemand anders als ein hier wohlbekannter alter Jude. Umsonst warf er sich auf die Knie und bot Geld, viel Geld; es nützte ihm nichts, er wurde gebunden und dem Gericht überliefert. Er wurde, als er nicht gestehen wollte, was er in der Kirche zu tun gehabt hatte, gefoltert und bekannte nun, daß er kürzlich den Kelch entwendet und sich zum zweiten Mal in die Kirche geschlichen habe, um auch die Monstranz, die er das vorige Mal nicht habe mitnehmen können, zu holen.

Die Hostien hatte er in der Flicken, einem unfern der Stadt gelegenen Wäldchen, verborgen. Man führte den Juden dorthin, um die Stelle zu bezeichnen, doch er konnte sie nicht mehr finden. In der darauffolgenden Nacht vernahm jedoch ein Jäger, der spät von der Jagd heimkehrte, am Fuß eines Weidenbaumes wunderbaren Gesang und bemerkte die Hostien, die, vom himmlischem Licht umgeben, über der Erde schwebten. Eiligst lief er hierher, und schnell zog die Geistlichkeit im Ornat aus; und als man den Kelch an die Hostien brachte, schwebten sie von selbst hinein.

In der Spitalkirche zu Lauingen befindet sich ein schönes altes Gemälde, das diese Szene versinnbildlicht; auch in Privatbesitz befindet sich eines. Das erste hat die Umschrift »Anno )†( ccciiij [1404] ist das Sakrament zu Lauingen gestohlen, allda erbar wieder erhebt worden. Renov. 1730 & 1844.«

 


 

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