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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 855
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Die heilige Walpurgis

Von Ed. Bönecke.

          Walpurgis die, von Königsstamm entsprossen,
Von Albion samt ihren beiden Brüdern
Nach Deutschland kam, um hier den Sieg
Des Christentums noch weiter zu verbreiten,
Herrscht in dem Kloster, das zu Heidenheim
Der eignen Brüder einer einst gegründet,
Als Äbtissin.

Rings um sie Heiligkeit,
Zu der hienieden nur die Auserwählten
Gelangen durch des Himmels Gnad' und Huld;
Rings um sie Glanz, wie Engel ihn ergießen,
Ob sie auch selber bleiben unsichtbar;
Rings um sie Kraft und Macht, in der Gedeihen,
Wie nur durch Gottes Hand es wird zuteil;
Rings um sie Heiterkeit, in welcher Tugend
Und Frömmigkeit als holde Schwesterbilder
Sich spiegeln.

Einst, als schon der späte Abend
Hereingebrochen, sitzt die Heilige
In ihrer Zelle, die ein Licht durchglänzt,
Das kaum der Sonne Schimmer zu vergleichen.
Zwar ist Walpurgis von den Schwestern fern,
Doch weilt bei ihr, dem sie als Bräutigam
Für Erd' und Himmel liebend sich ergeben.
Sein Anschaun ist ihr Wonn', und seinem Mund
Entnimmt sie, was zu tun ihr zugewiesen,
Um unter Menschen Gottes heil'ges Reich
Durch Lieb' und Wohltun weiter zu verbreiten.
Von seiner Hand wird ihr dazu die Kraft,
Um betend Wundertaten zu verrichten.

Soeben tönet ihr des Heilands süßes Wort:
»Walpurgis, auf! Dich rufen hohe Pflichten,
Du wirst sie üben, und verherrlichen
Will ich aufs neue meines Namens Ehre,
Noch eh' der neue Tag am Himmel glüht.
Ich will dich, Treue, führen – folge mir! –
Und was du tun sollst, in das Herz dir legen.«

Walpurgis macht sich auf und gehet, ohne
Daß eine ihrer Schwestern es bemerkt,
Durch ihres Klosters wohlbewachte Pforten.

Sie kommt zu eines reichen Mannes Haus
Und steht an dessen Tür gleich einer Fremden.
Als nun der Hausherr sie daselbst erblickt,
Besorget er, daß durch die Wut der Hunde
Die Unbekannte leicht an ihrem Körper
Ein Unglück leide. Er befiehlt sogleich,
Sie möge schnell kundgeben, wer sie sei.

Sie aber spricht: »O keineswegs fürcht' ich,
Daß mir von deiner Hunde wüt'gem Zahn
Ein Leid geschehe. Sie sind nicht imstande,
Walpurgis – also heiß' ich – zu verletzen.
Denn er, der unverletzt zu deinem Hause
Mich führte, der wird an denselben Ort,
Woher ich kam, gesund zurück mich führen;
Auch wird der Herr, des Dienerin ich bin,
Durch mich dir der Gesundheit Balsam spenden,
Wenn du mit deinen ganzen Kräften glaubst,
Daß er der Arzt der Ärzt' ist.«

Unverweilt
Eilt', achtlos seines Rangs, der Hausherr selbst,
Um sie, die hohe Jungfrau, zu begrüßen,
Sie, die das Volk als eine Heil'ge kennt.

Als nun die Nacht hereingebrochen war,
Nachdem des Abends Stunden noch Walpurgis,
Dem Beispiel ihres Himmelsbräutigams,
Solang er auf der Erde wandelte,
Nachfolgend, in Gesprächen zugebracht,
Die über Welt und Zeit den Geist erheben
Und ihn einführen in die Herrlichkeit,
Die als des frommen Christen Erbteil harrt –
Da will die Jungfrau nirgend anders sich
Als im Gemache, wo zum Tode krank
Die Tochter liegt, zur Ruhe legen.

Ehrfurcht
Gebeut, ihr zu bewilligen den Wunsch
Und sie allein zu lassen bei der Kranken.

Ein Wunder nun bereitet sich. Walpurgis
Liegt im Gebete vor des Heilands Kreuz
Die Nacht hindurch, und schon am Morgen eilet
Zum lang und schmerzlich – ach! – entbehrten Gruß
Gesund in ihrer Eltern Arm die Kranke.

Wer malte würdig wohl des Vaters Freude,
Wer treu der Mutter unbegrenzte Wonne
Nach soviel Tagen tiefster Seelenschmerzen?

Als drauf die Eltern dem Allmächtigen
Für solch ein Wunder seiner Vatergüte
In brünstigem Gebete Dank gebracht,
Da bieten sie, noch ganz von Wonne zitternd,
Der heil'gen Jungfrau mancherlei Geschenke
Von hohem Wert. Die aber lächelt hold:
»Was soll mir dieses alles? Hab' ich nicht
Ihn selbst, der solche Wunder tut? Ist Christus,
Der Heiland, selber nicht mein Eigentum?
Behaltet euer Gut, und wollet ihr,
Daß gottgefällig es verwendet werde,
So teilt's den Dürftigen und Armen aus,
Was meinen Dienst, wie ihr es nennt, betrifft,
So wisset, daß, was ich umsonst bekommen,
Ich auch umsonst vergeben.« – Also sprechend
Verließ sie das beglückte Haus und ging
Zurück ins Kloster, wo sie lange noch
Als eine Hochbegnadigte vom Herrn
Durch Frömmigkeit, Gebet, Wohltat und Wunder
Am Dom des Gottesreichs auf Erden baute,
Bis Engel unter Jubelklängen ihre Seele
Empor zum Thron des Dreimalheil'gen trugen.

 


 

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