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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 846
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Pappenheim bei Prag

Von E. Duller.

                Das war eine Nacht im November wie grimm!
Da lagen viel hundert, von Wunden gekerbt,
Und schrien und stöhnten mit heiserer Stimm';
Es hat sie all die Prager Schlacht verderbt.
Am Weißen Berg in der Prager Schlacht
Haben zween verloren ihre kostbarsten Schätz':
Sein Krönlein der Winterkönig in Acht
Und das Böheimerland seine Freiheit für stets.

Wie geschlagen war die Prager Schlacht,
Manch ein Prager stand da und wartete drauf,
Ob auf der Brücke um Mitternacht
Der Pfeiler nicht donnernd spränge auf
Und flöge draus das geflügelte Schwert,
Das fliegen wird in Böhmens Sterbestund',
Und ob es nicht sause, dem Feind zugekehrt,
Und schlüge den Zwingherrn scharf in den Grund.

Doch der Pfeiler hat sich nicht aufgetan,
Und geflogen ist nicht das rettende Schwert,
Aber Eisen hat aufgeräumt den Plan,
Und die Jungfrau »Böhmen«, sie ward entehrt.
Und aus tausend Wunden ruft manche Stimm',
Aus tausend Herzen das Leben verdampft,
Es jagen die Sieger durchs Schlachtfeld grimm,
Von Rossen wird manche Rippe zerstampft.

Einer liegt da, der war mit dabei,
Trieb sein Handwerk baß, denn zum Zeitvertreib;
Den haben sie zwar nicht gehauen entzwei,
Doch gezeichnet mit Kerben, schier hundert am Leib.
Dem gerinnt in den Wunden das Blut zu Eis,
Nie bis heute hat ihm die Schlacht so geschmeckt;
Verstarrt ihn der Frost, so ist ihm doch heiß,
Es ward ja der Tisch heut mit Feuer gedeckt.

Gelegen hat er die Nacht für verlor'n,
Gedanken kommen ihm allerhand,
Und er brummt, die Augen fest zugefror'n:
»Wo halt' ich jetzund wohl Quartier und Stand?
Für die Hölle spür' ich zuwenig Leid,
Auch focht ich ja gegen die Ketzer die Schlacht;
Für den Himmel schmeck' ich zuwenig Freud,
Auch hab' ich ja meine Beicht' nicht vollbracht.

Wo ich jetzund mag sein, ich bild' mir's ein;
Bin ich nicht in der Höll' und im Himmel nicht,
Mag wohl mein Quartier jetzt das Fegfeuer sein,
Zumal mir's in Gliedern wie Dornen sticht.
Doch wo ich lieg' und in welchem Quartier –
Einen rechten Reiter, den kümmert's nicht viel;
Katholisch bin ich und bleib's auch hinfür –
Katholisch machen ist all mein Ziel.«

Da kräht der Hahn, und der Rabe kräht auch;
Viel hundert röcheln ihr Leben aus.
Die Sonne wird wach, und die Sieger werden's auch;
Der Rabe fliegt aus um Mord und Schmaus;
Kömmt manch ein Wallone beizeiten aufs Feld,
Manch einer, dem Wams und Hosen gar not;
Gehn auf blutigen Markt, zu kaufen ohne Geld,
Zahlten gestern schon mit Münzen blutrot.

Einer sucht und spähet und mäkelt nicht lang,
Ist ganz zerlumpt, an den Waden fast nackt,
Der gewahrt auf seinem Jahrmarktsgang
Den, der im Fegfeuer liegt, so vielfach verhackt.
Den Wallonen friert's an die Beine wie scharf;
Ruft: »Kerl! Du hast gute Hosen an,
Eines guten Paars Hosen ich eben bedarf;
Mit Verlaub will ich ziehen die deinen an.«

Da muckt sich der andere unter dem Pferd
Und setzt sich dem lumpigen Plünderer zur Wehr,
Hat noch in der Faust seinen Stummel von Schwert,
Das ist voll Scharten gekerbt wie er.
»Mach nit viel Wesen!« ruft der Wallon'.
»Dein sauber Paar Hosen in die Augen mir sticht.« –
»Ho!« versetzt der andere. »Hand weg davon,
So wohlfeil stirbt der Pappenheim nicht!«

Das hört der Wallone und kraut mit Bedacht
Sich hinter den Ohren und im Zwickelbart:
»Hätte schier ein albernes Stücklein vollbracht«,
Brummt er und bückt sich nieder und scharrt
Und rafft und gräbt unterm Roß herfür
Den Pappenheimer, der im Fegfeuer lag.
Und trug ihn nach Prag stracks ins Quartier,
Seiner Wunden ein trefflicher Bader dort pflag.

Als der Pappenheim lag auf dem Siechenbett,
Der Bader ihm sorglich zur Seite stand,
Die Wunden künstlich zusammennäht
Und legt ihm Pflaster und starken Verband;
Der Pappenheim wendet sich hin und her,
Der Bader brauchte fast hundert Händ';
Dem Pappenheim langweilt's eben gar sehr,
Er meint: »Das Heften und Nähen nimmt kein End'

Nun unter dem Heften und unter dem Nähn
Vom Kurfürsten Max der Medikus kommt,
Bringt Gruß vom Herrn, ist gesandt, um zu sehn,
Ob menschliche Kunst noch dem Pappenheim frommt?
Der Bader spricht: »Ich trau mich's fast,
Zu heilen den Pappenheim mit Gottes Huld,
Wenngleich sechs Wunden ihn tödlich gefaßt –
Hätt' der edle Herr nur nicht Ungeduld.«

Das hört der Pappenheim wohl im Bett
Und runzelt die Stirn und ruft voll Grimm;
Dem Bader fast Hören und Sehen vergeht,
So tüchtig ins Mark schallt des Kranken Stimm,
Ruft der Pappenheim: »Das zahl' ich teuer;
Der Pflasterstreicher hat Reden gar fein,
Ich lag zwar 'ne Nacht lang im Fegefeuer! –
Bei dem Heften und Nähn soll der Teufel geduldig sein.«

 


 

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