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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 821
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Das Fräulein mit dem steinernen Herzen

Der Raugraf von Altenbaumburg hatte eine schöne Tochter, die aber fast wilder war als der wildeste Knabe. Reiten, Jagen und Kämpfen waren ihre Lust. Von Liebe wollte sie nichts wissen, und da sie alle Freier abwies, nannte man sie nur das Fräulein mit dem steinernen Herzen. Einst saß sie am Burgtor unter der Linde, da kam ein häßlich schwarzbraunes Heidenweib mit sieben hungrigen Knaben heran und bat sie um Brot. Ohne Erbarmen wies das Fräulein sie ab und schalt sie »Heidenbrut«, als sie noch weiterbaten. Das Weib fiel auf die Knie, aber das Fräulein fluchte und rief den Knechten, daß sie die Hunde auf das Heidenvolk hetzten.

Das Weib floh mit ihren Kindern und rief: »Auch du wirst Mutter werden – Mutter von sieben Knaben auf einmal –, und sie werden der Fluch deines Lebens sein. Wenn dir dann die Welt zur Hölle wird, so denke, du habest es an einer armen Mutter verdient, die du unbarmherzig von dir gestoßen hast.«

Der Fluch des Heidenweibs erschütterte die junge Raugräfin tief, aber sie wurde dadurch fortan nur herber und wilder und dachte mit Abscheu an eine Ehe. Siehe, da kehrte der Sohn des Ritters von Montfort, einst ihr Jugendgespiele, aus Welschland zurück, und die Liebe schlich sich doch in des Fräuleins steinernes Herz. Sie wurde sein Weib und nach Jahresfrist wirklich Mutter von sieben Knäblein. Mit Schrecken sah sie das Fluchwort der Bettlerin in Erfüllung gehen, und da ihr Gemahl eben nicht daheim war, beschloß sie in ihrem argen Herzen, sechs der Kinder zu ertränken. Eine alte, vertraute Dienerin trug sie in der Schürze fort zu den »Drei Weihern«.

Der Ritter von Montfort aber begegnete zufällig der Alten und fragte, was sie da trage. »Junge Hunde«, antwortete diese stotternd.

Der Ritter wollte sie sehen, sah sechs Knäblein in der Schürze und erfuhr das ganze Geheimnis. Er nahm die Kinder und brachte sie an entfernten Orten unter, die Dienerin aber stürzte er in die Drei Weiher.

Zu Hause sprach er kein Wort davon, aber seine Liebe zur Gattin war dahin; er wurde hart und kalt gegen sie und schied bald darauf, um einen Zug zum Heiligen Grab zu tun. Bei dieser Gelegenheit nahm er auch das siebente Kind, das die unnatürliche Mutter zurückbehalten hatte, heimlich weg und ließ sie mit ihrem bösen Gewissen und ihrem Jammer allein.

Nach fünf Jahren trieb ihn die Sehnsucht nach seinen Kindern zurück. Noch ehe er seine Burg Montfort erreichte, vernahm er schon, daß die Burgfrau ihr Leben unter steten Bußübungen hinbringe. Da wich von ihm der alte Groll. Als Pilger verkleidet ließ er sich melden und fand seine Gattin bleich und abgehärmt im Büßergewand. Nun gab er sich ihr zu erkennen, sie aber bekannte unter vielen Tränen ihre schwere Schuld und ihren Entschluß, in ein Kloster zu gehen.

Der Ritter eilte fort und kam erst gegen Abend wieder zu ihr. »Gott ist barmherzig«, sprach er, »und hat deine schwere Sünde abgewandt.«

Damit führte er sie in eine Halle, und siehe – sieben fünfjährige Knäblein, frisch und gesund, spielten da miteinander. Der Fluch des Heidenweibes war gelöst, das Weib mit dem steinernen Herzen hatte jahrelange Höllenqual ausgestanden, und von der Stunde an wurde sie nun eine glückliche Gattin und Mutter, denn das steinerne Herz war weich und milde geworden.

 


 

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