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Gutenberg > Alexander Schöppner >

Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 816
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Die Rosentreppe

Von Chr. Böhmer.

        Des Winters Stürme ziehen
Und jagen wild den Schnee,
Und weiße Flocken fliehen
Hernieder aus düstrer Höh'.

»So sattle mir die Mähre
Zum Jagen rasch, mein Knecht!«
Er sprach's, griff nach dem Speere,
Der rauhe Graf Rupprecht.

Noch rief er an der Pforte
Der sanften Gemahlin rauh:
»Vergiß nicht meine Worte,
Du schmucke Edelfrau!

Nicht darf es fürder geschehen,
Daß wie eine Bettlerin
Ich dich muß irren sehen
Von Häusern her und hin!«

Dann eilt er kalt von hinnen,
Hinaus ins Schneegefild,
Sieht nicht die Tränen rinnen,
Der Gattin bleiches Bild.

Sie blicket sinnend zum Himmel,
Zum trüben Raum empor;
Da dringt vom Hofe Getümmel
Herauf zu ihrem Ohr.

Die Knechte drunten toben
Und schelten wild und rauh,
Und zitternd ruft noch oben
Eine abgezehrte Frau:

»Es liegt den ganzen Winter
Der Mann bis auf den Tod,
Es schreien die kleinen Kinder
Zu Hause jammernd um Brot.«

Der Gräfin Blicke beben
Voll tiefem Weh und Schmerz:
»O Gott, du magst ihm vergeben,
Der Jammer bricht mein Herz!«

Sie füllt nach ihrer Sitte
Ein Tuch mit Geld und Brot
Und eilt mit schnellem Schritte,
Ein Engel in Jammer und Not.

Da stürmet zu der Stiege
Graf Rupprecht fluchend herauf,
Es flammen seine Züge:
»Wohin in raschem Lauf?«

Erschreckt fährt sie zurücke,
Die Gräfin, totenbleich;
Da ruft er, Wut im Blicke:
»Das Tuch da öffne gleich!

Wie lange soll ich warten?« –
»Es sind ja Rosen – o Gott!«
»Ist's Frühling in deinem Garten?«
Ruft er mit Hohn und Spott!

Er reißt ihr die Schürz' herunter,
Der Gräfin, so blaß wie der Tod;
Und drinnen – o göttlich Wunder! –
Blühn Rosen weiß und rot.

Sie hat das farbelose
Antlitz zum Gebet geneigt,
Selbst gleich der weißen Rose,
Von jähem Schrecken gebleicht,

Und erzählt dem Grafen in Treue,
Wie Not die Lüge erpreßt;
Der rief in tiefer Reue,
Das Auge von Tränen genäßt:

»O wohl ist Gottes Segen
Mit denen, die Segen verleihn;
So laß uns auf allen Wegen
In Zukunft Segen streun!«

Die Treppe ist lang verschwunden,
Wo einst das Wunder geschehn,
Doch hörst du von Mund zu Munde
Die alte Märe gehn.

 


 

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