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Gutenberg > Alexander Schöppner >

Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 811
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Hildegard von Hoheneck (1)

Von Laurian Mooris.

1.
                    Blaue Wolken ziehen kühlig
Durch das reine Ätherland,
Und der Tag, der glutumfangne,
Hat die Segel abgespannt.

Immer noch am grünen Bache,
Fern von lustig-wildem Troß,
Sitzt ein schlanker, blonder Jäger,
Halb gelehnt auf sein Geschoß,

Sitzt die schöne, ros'ge Jungfrau
Hildegard – allweit bekannt,
Rastend von der müden Fährte,
Lettern schreibend in den Sand.

Mit dem letzten ihrer Pfeile
Gräbt sie Nieblings Namen ein,
Und der Liebe süßes Bangen
Webt um sie so holden Schein.

Doch da rauscht's – und durch das Dickicht
Tritt ein Weib, gebückt und alt,
Vom Geschlechte der Alraunen,
In prophetischer Gestalt.

»Wehe, wehe!« droht sie furchtbar.
»Wehe, wehe, arme Maid!
Hältst in deinen zarten Händen
Jenen Pfeil, gespitzt und breit,

Der noch, eh' der Tag geschieden,
Deine Lieb' dem Tode weiht!
Wehe, wehe, armer Niebling,
Wehe, wehe, arme Maid!«

Hildegard sah bang erstaunet
Auf das Weib, das nun verschwand;
Hob sich dann, und folgt' dem Pfade,
Der sich nach dem Schlosse wand.

Träumte wieder ihre Liebe,
Ließ der Hoffnung freien Lauf;
Sieh – da flog ein grauer Vogel
Aus der Eiche vor ihr auf.

Hastig spannte sie den Bogen,
Jagte kühn den Pfeil zum Ziel,
Dachte lächelnd noch des Weibes,
Als der große Reiher fiel.

Lange suchte sie im Forste,
Bahnte Weg sich durchs Gezweig,
Doch sie fand ihn nicht am Wege,
Fand ihn nicht in dem Gesträuch.

Sinnend schritt sie und durchschauert
Dann den Felsenweg hinan,
Und so stand hinunterblickend
Bald sie auf dem Burgaltan.

 
2.
Glühend ging die Sonne unter,
Purpur färbend Berg und Tal,
Nachtigallen sangen schmetternd,
Sonnend sich im letzten Strahl.

Und es kommt ein Mann geritten
Einsam durch den dichten Wald,
Zornig grinsen seine Züge,
Und am Kreuzweg macht er halt,

Hebt sich von dem flinken Rappen,
Bindet fest ihn mit dem Zaum,
Nimmt den Bogen und geht weiter
An des einen Weges Saum.

Sieh – da liegt ein toter Reiher,
Blutend noch, vor seinem Fuß,
Den ein gut gezielter Bolzen
Hingestreckt mit kühnem Schuß.

»Ha, erwünscht – hast gut getroffen,
Sollst es auch zum zweitenmal!«
Zieht ihn aus dem weichen Herzen,
Horcht dabei gespannt zum Tal;

Legt ihn auf die straffe Sehne,
Hält sich dichter hinterm Baum,
Lauscht noch einmal – und er höret
Tritte durch den öden Raum.

»Ha! Er ist's!« Und immer näher
Hört man eines Pferds Geklirr;
Gegenüber jetzt – er zielt – und
Trifft mit sausendem Geschwirr.

Und ein junger, blüh'nder Ritter
Stürzt vom Pferde tot herab!
Niebling ist's – sein Nebenbuhler
Sprengt davon in raschem Trab.

 
3.
Dunkel wird der Himmelsbogen,
Sterne füll'n den öden Raum,
Und die Blütenflocken träumen
Säuselnd ihren Abendtraum.

Lange harrend des Geliebten
Sitzt noch immer Hildegard,
Finstres Ahnen, dunkles Hoffen
Liegt auf ihrer Stirn geschart.

Sehnend breitet sie die Arme –
Der Geliebte ist es nicht –,
Stunden schleichen träg und träger,
Immer, immer kommt er nicht.

An der Feste unterm Tore
Werden Männerstimmen laut,
Nieblings Namen hört sie nennen –
Und man seufzt: »Die arme Braut!«

»Oh, er kömmt!« sie rennt hinunter. –
Weh, ach weh dir, Hildegard!
Niebling, ihren Pfeil im Herzen,
Liegt vor ihr entseelt, erstarrt!

 


 

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