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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 789
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Der Schäfer von Elsenfeld

Vor hundert und mehr Jahren lebten zu Elsenfeld ein Schäfer, der Hirtenjörg genannt, und seine Frau, die Ev', und beide galten weit und breit für gottselige, rechtschaffene Leute. Besonders der Mann wußte viele fromme Sprüche und heilige Geschichten, und wenn er die Schafe hütete auf dem Dammesfeld, pflegte er lauter geistliche Lieder dazu zu blasen – so schön, daß den Leuten, die ihn hörten, das Herz davon bewegt wurde.

Es geschahen aber in dieser Zeit in der Gegend viele erschreckliche Untaten, und wie man's auch anstellte – man konnte den Tätern nicht auf die Spur kommen. Die Kirchen wurden ausgeraubt und die Leute auf der Straße angefallen und totgeschlagen, und besonders das Dammesfeld kam so ins Geschrei, daß sich niemand mehr des Abends durchs Tal getraute. Denn nicht nur einzelne, sondern auch zwei und drei, die sich verspätet hatten, wurde am Morgen tot im Wald gefunden, und man meinte nicht anders, als es müßte eine große Bande im Wald ihr Wesen haben.

Wer hätte gedacht, daß der Schäfer und sein Weib so gottlose Heuchler seien und daß sie allein alle Raub- und Mordtaten verübten? Es war aber doch so, und sie brachten's fertig durch die Schwarze Kunst, und sie stellten es so an: Wenn ihnen ein Kind geboren wurde, brachten sie's um, schnitten ihm den kleinen Finger ab und dörrten ihn im Backofen. Wenn sie dann einen Einbruch oder einen Mord begehen wollten, brannten sie den Finger an wie eine Kerze, und solange der Finger brannte, waren sie unsichtbar. So gewahrten denn die Leute, wenn sie nachts unter Schippach durch den Tannenwald gingen, nichts als ein Licht neben dem Weg; wenn sie aber hinzukamen und an nichts Böses dachten, schlug sie der Schäfer mit dem Holzbeil tot, ehe sie noch wußten, wo die Schläge herkamen.

Ehe nun der Schäfer sich verheiratet hatte und ein Mörder geworden war, gingen einmal im Frühjahr am zweiten Ostertag drei Burschen aus Elsenfeld in die Fremde: der eine war ein Schneider, der andere ein Schmied, der dritte, mit Namen Kasper, war der einzige Sohn aus der Mühle und war ein Müller. Daheim waren sie still und traurig fortgegangen; wie's aber das junge Blut zu machen pflegt in Rück kehrten sie ein im Wirtshaus, um noch eins miteinander zu trinken, weil sie immer so gute Kameraden gewesen waren. Da wurden sie wieder munter, führten allerlei Reden, und zuletzt machten sie miteinander aus, sie wollten sieben Jahre in der Fremde bleiben, aber wenn sie am Leben blieben, am zweiten Ostertag wieder hier zusammenkommen und wie ihren Auszug, so auch ihren Einzug wieder in Elsenfeld halten – alle drei miteinander. Drauf zogen sie durchs Dorf und sangen das Handwerksburschenlied:

»Ich will mein Glück probieren,
Marschieren!«

Dann gingen sie den Bach hinauf, am Kloster vorbei, und bei der Aubrücke trennten sie sich – zwei gingen rechts, und der dritte ging links. In der Fremde hatten sie alle drei viel Glück, lernten ihr Handwerk ohne Tadel und ersparten sich auch noch ein jeder ein schönes Stück Geld, und als die sieben Jahre zu Ende gingen, dachten sie aufs Heimgehen, und am zweiten Ostertag kamen sie wieder in der Krone zu Rück zusammen, wie sie's verabredet hatten. Der Müller war zuerst auf dem Platz, dann kam der Schmied und hernach der Schneider.

Wie nun einer nach dem andern gesund zur Tür hereintrat, hatten sie eine große Freude, erzählten und ließen eine Kanne nach der anderen bringen, auf baldige Meisterschaft anzustoßen, bis es endlich anfing zu dunkeln – da brachen sie miteinander auf und wollten heimwärts. Draußen aber blies seit etlichen Tagen der Tauwind, und die Elsava war ausgetreten und hatte das ganze Tal unter Wasser gesetzt, und es brauste, wie wenn der Rhein das Tal entlangginge.

Wie sie unter die Kreuzmühle kommen, dorthin, wo der große Nußbaum steht und der Bildstock, hören sie den Schäfer blasen: »Nun sich der Tag geendet hat«, und sie sagen: »Das ist der Hirtenjörg; jetzt werden wir bald daheim sein.«

Mit einem Mal aber hört das Blasen auf, und es wird ein Licht aufgesteckt, und sie sehen das Licht, aber keinen, der es trägt, sondern das Licht fackelt vor ihnen kerzengerade in der Luft herum – der Hirtenjörg hatte sie kommen hören und hielt sich hinter dem Baum und lauerte auf sie, der ausgetretene Bach aber ging bis gerade unter den Nußbaum. Wie sie nun stutzten und nicht wußten, sollten sie voran oder zurück, schreit er ihnen zu: »Legt die Felleisen ab, hernach will ich jedem von euch seinen Treff geben!« und zugleich schlug er den Schneider, der voranging, vor den Kopf, daß er taumelte.

Da wußten die drei nicht, wie ihnen geschah, und sie fingen an zu bitten, er solle die Felleisen nehmen, nur das Leben solle er ihnen lassen.

Endlich sagte der Hirtenjörg: »Meinetwegen, ob ich's schon nicht gern tue, aber die Felleisen legt ihr hierher und all eure Kleider darauf' und wenn ihr euch ausgezogen habt, steigt ihr auf den Nußbaum und muckst euch nicht – sonst ist's euer letztes.«

Sie taten so und stiegen auf den Nußbaum, und der Schäfer wollte, wie sie oben waren, mit den Felleisen und Kleidern davongehen; er ließ aber dabei den Finger, den er angesteckt hatte, von ungefähr fallen: der ging aus, und in demselben Augenblick war der Schäfer sichtbar, und weil der Mond gerade hinter einer Wolke hervorkam, kannten ihn die drei und schrien: »Hirtenjörg, Hirtenjörg!«

Da warf er die Felleisen und die Kleider wieder hin, nahm seine Doppelflinte von der Schulter, trat unter den Baum und sagte: »Habt ihr mich erkannt, ihr drei – nun, so betet jetzt euer letztes Vaterunser!«

Wie sie das hörten, fingen sie aufs neue an, um ihr Leben zu bitten; sie versprachen auch, ihn nie zu verraten, und er sollte an den großen Jammer denken, den er anrichten würde, wenn er sie umbrächte. Der Hirtenjörg aber lachte und meinte, wem's denn so arg zuleide geschehen würde, wenn er sie jetzt alle umbrächte?

Da sagte der Schneider: »Mein Meister hat mich immer gar zu gern gehabt, denn es hat ihm keiner so die Arbeit zu Dank gemacht wie ich. Ich hab' ihm geschrieben, daß ich komm' und wieder zu ihm will, und heute wartet er auf mich und wird sich gar keinen Rat wissen, wenn ich nicht eintreffe.«

»'s ist nicht wahr«, sagte der Schäfer; »heute morgen erst hat er sich einen neuen Gesellen eingestellt.« Und er schoß ihn vom Baum. Der Schneider aber war nicht gleich tot, sondern fiel hell aufschreiend herab ins Wasser und plätscherte und gurgelte drin herum und schlug mit Händen und Füßen, daß der Schäfer laut auflachte – dann wurde er das Tal hinabgeschwemmt.

Der Schmied sagte: »Das Evchen und ich kennen uns seit zehn Jahren, und jetzt wollen wir Hochzeit halten. Sieh, in meinem Felleisen steckt das Kränzchen – das soll sie tragen an ihrem Hochzeitstag. Heute wartet sie auf mich und hat keine frohe Stunde mehr, wenn ich nicht heimkomme.«

»'s ist nicht wahr«, lachte der Schäfer; »das Evchen denkt nicht mehr an dich – es ist schon seit sechs Jahren meine Frau! Schau hinüber, dort steht sie bei den Schafen!« Und damit drückte er los. So fällt der Schmied maustot vom Baum und schwimmt auch das Tal hinunter.

Der Kasper sagte: »Hirtenjörg, Hirtenjörg! Wir stehen in einem Taufbuch und haben als Kinder miteinander gespielt und sind mitsammen zum heiligen Abendmahl gegangen. Wenn du mir auch tust, wie den zwei anderen, will ich dich verklagen vor Gottes Gericht, und du sollst keine ruhige Stunde mehr haben in deinem Leben. Seit sieben Jahren hat meine Mutter jeden Morgen und Abend gebetet, daß ich noch einmal heimkomme und ihr die Augen zudrücke; heute ist sie fünfundsiebzig Jahre alt geworden und wartet auf mich.«

»'s ist nicht wahr«, sagte der Schäfer; »deine Mutter ist alt und täppelig geworden die letzten Jahre her, und sie weiß gar nicht mehr, daß sie noch einen Sohn hat, und liegt jetzt schon lang in ihrem Bett.« Damit schoß er ihn vom Baum.

Er hatte ihn aber nicht recht getroffen, und der Kasper, wie er fortgeflößt wurde, schrie immer noch: »Hirtenjörg, Hirtenjörg!«

Dieser aber meinte, er könne sich noch einmal an Land herausarbeiten, und schlich am Wasser hinunter, um ihm den Garaus zu machen. So kommt er auch an die Mühle, und weil er noch Licht drin sieht, schaut er durchs Fenster – da sitzt wirklich des Kaspers Mutter, die alte Müllersfrau, noch in ihrem Sessel und betet, und der Tisch war mit weißem Linnen gedeckt, und es standen zwei Teller darauf und eine Flasche Wein mit zwei Gläsern.

Da schries noch einmal weit unten vom Wasser her: »Hirtenjörg, Hirtenjörg!«, daß die alte Frau den Kopf aufhob und horchte; den Schäfer aber schüttelte es am ganzen Leibe – denn gerade jetzt mußte der Kasper in den Main getrieben seinUnterhalb der Elsenfelder Mühle mündet die Elsava in den Main..

Wie aber dieser gesagt hat, so geschah's. Der Schäfer hatte von nun an keine ruhige Stunde mehr. Wo er gehen und stehen mochte, hörte er das Wasser brausen und zwischendrein rufen: »Hirtenjörg, Hirtenjörg!« Bald riefen's die drei Handwerksburschen miteinander, bald der Kasper allein, wie er gerade untergehen wollte, und bald die alte Frau; und weil er's nicht mehr länger aushalten konnte, ging er hin vor Gericht und gab sich an und seine Frau, und er bekannte alles, was er getan hatte. Dort wurde ihnen das Urteil gesprochen, daß sie auf dem Dammesfeld lebendig von vier Pferden zerrissen werden sollten.

Sein Weib starb reumütig. Der Schäfer aber sollte keine Gnade bei Gott mehr finden, sondern nachdem er bekannt hatte, wurde er wieder so hart und verstockt wie vorher. Als er schon auf dem Richtplatz stand, fing er an zu lachen, und als sie ihn fragten, warum, sagte er: Drüben sehe er den Nußbaum stehen, von dem er die drei Handwerksburschen herabgeschossen habe, und da falle ihm grade ein, wie der Schneider im Wasser so geplätschert und gegurgelt habe; das sei so lustig anzusehen gewesen, daß er jetzt noch darüber lachen müsse.

Als die Hinrichtung vollzogen war, wurden ihre Körper verbrannt, und die Asche wurde in den Main gestreut.

 


 

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