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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 781
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Die Abendmahlskannen

Ehe das Schloß Wildenstein an die Grafen von Rieneck kam, gehörte es den Münzenbergern. Vielleicht haben diese Herren ihren Namen davon bekommen, daß sie, wie man sagt, eine eigene Münze hatten auf dem Berg oberhalb Eschau, den man heutzutage die »Münzplatte« heißt; denn sie waren sehr reich. Wenn sie aber einer gefragt hätte, wie sie zu dem vielen Gold und Silber gekommen wären, das da oben gemünzt wurde, würde die Antwort nicht schön gelautet haben. Mancher Kaufmann wußte davon zu sagen, den sein Weg durch den Spessart oder den Main herunterführte, manches Dorf und manches Städtlein, das ihren Zorn einmal unversehens gereizt hatte, und die armen Untertanen auch, mit denen sie kein Einsehen und kein Erbarmen hatten. Es ist vielleicht auch mancher unter diesen Herrn gewesen, der gerade nicht so schlimm war; der letzte aber, der auf dem Schloß hauste, ehe es an die Rienecker kam, war noch einmal ein echter Münzenberger: trotzig, waghalsig, raubsüchtig und geizig. Weil aber nun das Geschlecht sein Maß erfüllt hatte, hob nun auch das Gericht über ihm an, und wie das erfüllt wurde, weiß man heutzutage noch zu erzählen.

In seinen jungen Jahren nämlich hatte dieser letzte Schloßherr von Wildenstein einmal ein Dorf angezündet und ausgeplündert, und hernach wollte er das geraubte Gut teilen lassen. Wie nun seine Knechte vor ihm auf einen Haufen legen mußten, was ein jeder gefunden hatte, brachten sie auch die Abendmahlskannen herbei, die sie aus der Kirche geraubt hatten. Diese wollte er für sich behalten, denn sie waren von purem Gold und gar sauber gearbeitet.

Da trat der Pfarrer herzu und riet ihm ab: er möchte sich daran nicht vergreifen, denn es könnte ihm nimmermehr Glück bringen – weder ihm noch seinen Kindern. Er ließ sich aber nicht einreden, sondern frevelte noch dazu, indem er sagte: Er wolle es erst abwarten. Wenn ihm die Kannen Unglück ins Haus brächten, dann könne er sie ihm wieder schicken; wenn aber nicht, so sollten sie bei ihm auch gut aufgehoben sein, und er wolle denken, sie seien ihm beschert und bestimmt gewesen.

Als er heimkam aus dem Krieg, wollte er nicht mehr im Gerede sein, sondern er verbarg die Kannen im Keller unter einem Steinhaufen; und wenn er zuweilen herunterging, um sie sich anzusehen, durfte niemand mit als sein großer schwarzer Fanghund, der niemals von seiner Seite kam, so daß niemand erfahren hat, wo sie denn eigentlich lägen.

Da geschah es nun, daß der Schloßherr durch Unrecht, Raub, Gewalt und Bedrückung von Jahr zu Jahr reicher wurde, und wie seine drei Söhne heranwuchsen, von denen die zwei ältesten wie der Vater waren – der jüngste aber war der Mutter nachgeraten und hatte ein gutes Gemüt –, konnte er jedem von ihnen ein Schloß bauen.

Dem ältesten baute er eines an den Künigenberg im Wildenseer Grund und füllte ihm das ganze Schloß mit Gold und Silber, denn er hatte ihn am liebsten; auch ließ er ihm einen großen Hirsch von lauterem Gold machen und stellte ihn über das Schloßtor, den sah man glänzen und blinken schon von weither. Dem zweiten baute er eines in den Heßgrund neben das Dorf Heckbach, und dem dritten baute er eines auf die Wiese oberhalb Unteraulenbach. Es sah nicht aus, wie wenn ein Unglück kommen wollte über den Schloßherrn und seine Kinder, und er war so sicher und wohlgemut wie nur einer.

Als er nun aber einmal des Abends in seiner Stube sitzt und durchs Fenster schaut, fliegt ein Rabe heran und schlägt mit dem Schnabel ans Fenster; der schwarze Hund steht auf und fängt kläglich an zu heulen, und wie er ihm wehren will, tut's einen großen Schlag, daß das ganze Schloß zittert und der Schloßherr sich am Stuhl halten muß. Am nächsten Tag kommt die Nachricht, daß das Schloß am Künigenberg am vergangenen Abend um die und die Stunde mit allen Leuten untergegangen sei; nur der Schlot gucke noch heraus und aus dem komme der Schloßbrunnen geflossen wie aus einer Röhre.

Eine Weile ging's dem Münzenberger hart nach, denn er dachte an die Abendmahlskannen und an den Pfarrer; er war still und in sich gekehrt und war nicht mehr so hart und grausam gegen die Leute. Nach etlichen Monaten aber starb seine Frau, die ihn von manchem Bösen zurückgehalten hatte, und er nahm eine Haushälterin, Else geheißen, die ebenso hartherzig und geizig war wie er selber. Bald war sein Gewissen wieder still geworden, und er trieb's wieder wie zuvor.

Jetzt kam ein großer Krieg ins Land. Der Feind kam und hauste mit Sengen und Brennen so übel, daß es zum Erbarmen war. Just um die Zeit, als der Feind heranzog, hatte der Schloßherr auf Wildenstein einen bösen Traum. Es kam ihm nämlich vor, als ob das Schloß, das er im Heßgrund gebaut hatte, auch nicht stehen bleiben wolle, sondern sich senke; und wie es schon stockwerkstief eingesunken sei, erscheine sein Sohn am Fenster und riefe: »Da seid Ihr daran schuld, Vater, weil Ihr das Haus auf Sand gebaut und weil Ihr kein Kreuz darauf gesteckt habt und weil die Kannen noch unter dem Steinhaufen liegen.«

Als er erwacht, schickt er gleich einen Boten nach Heckbach, er solle sehen, was sein Sohn mache; und wie er dem Boten nachschaut, steigt hinter dem Berg, wo Heckbach liegt, ein großer Rauch auf. Da wird's ihm noch bänger. Endlich aber kommt der Bote zurück und meldet, der Feind habe das Dorf abgebrannt und sei weitergezogen; das Schloß stehe aber noch, und sein Sohn sei wohl und lasse ihn grüßen. Da war ihm wieder leichter, und er meinte, das werde ihm im Traum vorgegangen sein.

Als er aber am Abend in seinem Zimmer sitzt, heult der Hund wieder gerade wie damals, und wie er zum Fenster hinaussieht, kommt der Rabe wieder geflogen – langsam wie ein Vogelgeier, aber geradeaus wie ein Pfeil – und schlägt mit dem Schnabel ans Fenster, und es kracht wieder, wie wenn die Erde auseinanderfahren wollte. Da war das Schloß im Heßgrund auch untergegangen; und als er sich am folgenden Tag den Ort besieht, war keine Spur mehr davon zu sehen, nur ein großer leerer Platz, wo es gestanden war, und dabei die Mauern von dem verbrannten Dorf, gerade wie man's heutzutage noch zwischen Heidekraut und Gebüsch sehen kann.

Diesmal war's dem Schloßherrn doch zu arg geworden: er konnte sich des Pfarrers Worte nicht mehr aus dem Sinn bringen und vertraute die Sache von den Abendmahlskannen der Else an – wo er sie aber versteckt hatte, das sagte er ihr nicht. Diese aber wollte ihm nach dem Munde reden und sagte: »Hin ist hin! Eure Söhne kommen doch nicht wieder; der dritte aber ist ein Betbruder, dem wird's nicht schaden, wenn Ihr auch die Kannen behaltet.«

Das gefiel dem Münzenberger wohl, denn der Geiz hatte sein Herz in einen Stein verwandelt, und er tat wieder wie zuvor, doch sprach er schier mit niemand mehr ein Wort als mit der Else und mit seinem Hunde; er lachte auch nicht mehr, sondern war stumm und finster.

Wiederum ist der Schloßherr eines Abends in seinem Zimmer. Sein schwarzer Hund war krank geworden und eben im Verenden begriffen; der Schloßherr hielt ihm ein Schüsselchen mit Milch unter die Schnauze, daß er fressen sollte, aber der Hund rührte sich nicht. Mit einem Mal aber steht er auf und stößt wieder sein erbärmliches Geheul aus, dann fällt er um und streckt alle viere von sich. Der Schloßherr fährt zusammen und läuft ans Fenster – richtig! Da kam der Rabe wieder geflogen, geradeaus wie ein Pfeil, diesmal aber nicht langsam, sondern schnell, daß die Luft pfiff, und schlug mit seinem Schnabel ans Fenster, daß die Scheibe klirrte. Da tat der Münzenberger einen Schrei, daß es einem durch Mark und Bein ging, und rief: »Zwei sind hin, jetzt kommt's an den dritten; lauft und holt mir den Pfarrer, denn ich muß beichten!«

Die Else lief in einer Hast nach Eschau und holte ihn. Als der ankam, war's dunkel geworden, und als ihn die Else ins Herrenzimmer führte, waren die Lichter angesteckt, und der Münzenberger lag in einem Sessel und schrie in einem fort: »Zwei sind hin, jetzt kommt's an den dritten!« Der Pfarrer ermahnte ihn, daß er sich das Herz erleichtern solle, und der Schloßherr nickte mit dem Kopf und sagte: »Die Kannen liegen im...«

Weiter kam er nicht. Seine Kinnbacken fingen an zu arbeiten, als wenn er noch etwas sagen wollte; er konnte es aber nicht mehr herausbringen. Der kalte Schweiß trat ihm auf die Stirn, dann schnappte er noch einmal nach Luft und – aus war es mit ihm. Wie er nun daliegt mit offenem, aufgesperrtem Mund, wie wenn er immer noch etwas zu sagen hätte – hui, da klirrt das Fenster, die Scheiben fahren auf den Boden und der Rabe schießt herein, fliegt schreiend durchs Zimmer und schlägt mit seinen Flügeln die Lichter aus, daß es stockfinster wird.

An dem Abend ist die Else närrisch geworden. Da der jüngste Sohn nicht herauf ins Schloß ziehen wollte, blieb sie allein drin wohnen. Bei Tag ging sie niemals heraus, in den mondhellen Nächten aber kam sie herunter ins Dorf an den Brunnen und wusch ihre Wäsche. Sie grüßte nicht und dankte nicht, wenn ihr jemand begegnete, wenn man aber fragte: »Wie geht's, Else?« blieb sie stehen, sah einen mit starren Augen an und murmelte: »Es wirft, es wirft, es wirft im Keller mit Steinen – man kann kaum bleiben vor dem Werfen.«

Nun war noch der jüngste Sohn des Schloßherrn übrig; der war ein rechtschaffener, leutseliger Mann und hatte sich verheiratet; Kinder aber hatte er nicht. Sonst ging's ihm gut, und alle Menschen gönnten's ihm, und er lebte noch lange mit seinem Weib, nachdem sein Vater gestorben war. Da zog der Krieg wieder heran, und alle Leute, die einzeln wohnten, flüchteten; so wollten denn auch die beiden Herrenleute, weil sie das Wildensteiner Schloß nicht bewohnen wollten, hinabziehen nach Eschau.

Ihre Habe hatten sie zusammengepackt, die Pferde waren angeschirrt und standen im Hof – vom Tal aber zog ein Gewitter auf. Als sie nun über die Schloßbrücke fuhren, brach das Wetter los, es donnerte und blitzte, und die Pferde wurden scheu und sprangen mit dem Wagen in den See; darin sind die Herrenleute ertrunken. Den Grund, der ihnen gehörte, heißt man heute noch den Herrengrund, und die Wiese, wo ihr Schloß stand, die Herrenwiese, und den Brunnen, der dort quillt, den Herrenbrunnen. Das Schloß aber verfiel ganz und gar, und aus den Steinen ist das erste Haus in Unteraulenbach gebaut links am Weg, wenn man von Eschau her ins Dorf kommt.

Hiermit war das Geschlecht der Münzenberger ausgestorben, und das Wildensteiner Schloß und das Amt kamen nun an die Grafen von Rieneck, die ein edles Geschlecht waren und viele Jahre regierten. Der Künigenbrunnen im Wildenseer Grund, dort, wo das Schloß mit dem vielen Gold und Silber versunken ist, fließt heute noch und spült vom Gold hie und da etwas aus.

Vor nicht langer Zeit sind fremde Leute von weither gekommen und haben Sand aus dem Brunnen geholt, und nach einem Jahre holten sie wieder, und niemand wußte, wo sie her waren und was sie damit wollten. Wie sie aber zum dritten Mal gekommen waren und den Sand geholt hatten, sagten sie: »Jetzt kommen wir nicht mehr, wir haben nun Gold genug; wenn die Leute wüßten, was in dem Sand wäre, könnten sie alle reich werden.«

Man vermutet, es seien Bergleute gewesen.

 


 

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