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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 771
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Die Zwerge im Jossagrund

Die fleißigen Zwerge waren auf der Wanderschaft. Sie hatten den Menschen redliche Dienste geleistet, hatten für sie geschafft wie Leibeigene, hatten gegraben, gesät, geerntet, aufgebaut und niedergerissen, wie man es gewünscht hatte; aber sie hatten nichts davon gehabt als die traurige Überzeugung, daß das uralte Sprichwort »Undank ist der Welt Lohn« leider nur zu wahr sei. Darum waren sie auf der Wanderschaft; sie wollten den Undank, den sie überall geerntet hatten, nicht länger ertragen, sondern lieber in ein fernes, unbewohntes Land ziehen und allen Umgang mit den Menschen aufgeben, so schmerzlich sie ihn auch vermissen würden; denn die Zwerge haben die Menschen sehr lieb und wohnten unter ihnen, solange es nur immer ging.

Auf ihrer Wanderschaft waren die Zwerge in den Spessart und endlich in den Jossagrund gekommen. Damals war der Spessart nicht so bevölkert wie jetzt, und tagelang waren die Zwerge gezogen, ohne auf eine menschliche Wohnung zu stoßen; die geringen Mundvorräte, die sie mitgenommen hatten, waren bald aufgezehrt, der tausendjährige dichte Eichenwald ließ in seinem Schatten weder genießbare Wurzeln noch Früchte wachsen, und die Zwerge litten den bittersten Mangel. Sie schleppten sich weiter, solange sie die matten Beine tragen konnten; als es nicht mehr ging, lagerten sie sich in das hohe Heidekraut und sahen ergeben ihrem Tod entgegen.

Da kam ein Bauersmann des Weges. Er hatte sich ein Bund Holz im Wald geholt und kehrte eben heim. Er mußte durch die Heide, sein Fuß strauchelte über einen der kleinen Leute, den er beinahe zertreten hätte; denn obwohl sie längst ihre Nebelkappen abgeworfen hatten und deshalb sichtbar waren, verbarg sie doch das Heidekraut seinen Augen. Erschrocken prallte er zurück; dann aber erfüllte tiefes Mitleid seine Seele, als er den erbärmlichen Zustand der Zwerge sah; er brauchte nicht zu fragen, was ihnen fehle: der helle Hunger schaute aus ihnen. Er forderte sie auf, ihre letzte Kraft zusammenzunehmen und ihm zu folgen; er sei zwar ein armer Mann, mehr mit Kindern als mit Glücksgütern gesegnet, aber ein Stückchen Brot werde sich doch noch für sie finden – und in seinem Keller sei mehr Platz, als ihm lieb sei.

Die Zwerge wurden durch die Hoffnung ihrer Rettung neu belebt und folgten dem Mann zu seiner Hütte, die zum Glück nicht sehr entfernt war. Dort quartierten sie sich ein in den leeren Keller; sie erhielten von dem Bauersmann, was seine Armut vermochte, und in einigen Tagen hatten sie sich wieder erholt.

Als die Zwerge aus dem Keller hervorkamen und sahen, wie sich der Mann abmühte, um auf einem Stückchen steinigen Landes ein paar Getreidehalme zu erzielen; wie er sich plagte, im Wald oder vom sumpfigen Grund eine Handvoll Gras für die mageren Kühe, deren Milch seinen zahlreichen Kindern die karge Nahrung gab, zusammenzubringen, hatten sie alle Unbilden vergessen, die ihnen die Menschen angetan hatten. Sie hatten mit einem einfachen »Vergelt's Gott!« – und das war mehr, als ihnen je die Menschen gegeben hatten – scheiden wollen, aber nun sprachen sie zu dem Mann: »Du hast uns beherbergt und gespeist mit dem, was du dir und deinen Kindern entziehen mußtest; das werden wir dir vergelten. Wir sind nicht so schwach, wie du uns ansiehst; in uns lebt nur ein Wille, und darum sind wir zusammen stark wie Riesen. Wir werden dich in deiner Landwirtschaft unterstützen, und du wirst mit uns zufrieden sein; aber bleib du auch freundlich gegen uns, wie du es bisher warst!«

Der Bauersmann hatte zwar kein großes Vertrauen auf die Riesenkraft der kleinen Bürschchen, aber er dachte: Wenn's auch nicht viel nützt, kann's doch nicht schaden; und er ließ sie nach ihrem Gutdünken schalten und walten.

Am Tag blieben die Zwerge in ihrem Keller; aber sobald es Nacht geworden war, wurde es dort lebendig wie in einem Ameisenhaufen; und wenn der Bauersmann morgens aus seiner Hütte trat, fand er bald einen berghohen Haufen des besten Grases vor seiner Tür liegen, bald eine Arke Holz; bald sah er einen großen Sumpf mit Abzugsgräben versehen und zu den schönsten Wiesen angelegt, bald ein großes Stück Wald gerodet und von den Baumwurzeln und dem Steingeröll gereinigt, daß er es nur einzusäen brauchte, um einer guten Ernte gewiß zu sein. Bei seinen nunmehr ausgedehnten Besitzungen fand er leicht die Mittel, sich einen größeren Viehstand anzuschaffen; die Zwerge bauten ihm die Stallungen, und das Vieh gedieh bei dem ausgesuchten Futter wunderbar. Und als die Zeit der Ernte kam, fiel sie so reichlich aus, daß sie zehn so kleine Scheuern, wie der Bauer eine besaß, gefüllt hätte. Auch da halfen die Zwerge; sie bauten ihm eine schöne große Scheuer, wie er noch keine im Traum gesehen hatte. Jetzt war dem Mann auch die Wohnung zu klein; er mußte nur den Wunsch äußern, und die Zwerge bauten ihm zwei Häuser, die Palästen glichen.

Der Mann war nun der reichste Bauer im Spessart. Er nahm eine Menge Knechte und Mägde, obgleich er sie der Zwerge wegen nicht gebraucht hätte, und lebte wie ein Fürst. Die Zwerge aber wohnten nach wie vor im Keller der Hütte und begnügten sich mit der früheren einfachen Kost.

So vergingen einige Jahre. Als die Zwerge nichts mehr für den Mann zu tun hatten, kamen sie zu ihm und baten, er möge ihnen gestatten, daß sie auf seinem Eigentum ein Haus für sich selbst erbauten; der Keller, in dem sie wohnten, sie doch gar zu dumpf und unfreundlich. Mit dem Reichtum aber war der Mann hart geworden wie die Felsen des Spessarts. Er fuhr die Zwerge zornig an, was sie mit dem Haus tun wollten; das nehme ihm zuviel Platz weg. Hätten sie bisher im Keller gewohnt, so könnten sie auch ferner da wohnen. Ein neues Haus für sie sei reine Verschwendung; so kleines Volk brauche gar kein großes Haus; und wenn ihnen ihre jetzige Wohnung nicht recht sei, so könnten sie sich weiter packen; er habe sie ohnehin lange genug gefüttert.

Die Zwerge waren erst überrascht von einer Antwort, die sie nicht im entferntesten erwartet hatten, aber bald weckte der neuerliche Undank ihren alten Groll gegen die Menschen. Sie verließen den Keller und zogen in eine benachbarte Mühle. Von dort aus kamen sie nächtlicherweile und holten das Getreide aus der Scheuer des Bauern, denn die liebe Gottesgabe wollten sie nicht verderben. Sie mahlten es auf der Mühle und verschenkten das Mehl an arme Leute. Dann zündeten sie die Scheuer und die Wohnhäuser und die Stallungen des Bauern an, und die Flammen verzehrten sein Hab und Gut; die Felder, die sie selbst gerodet hatten, bewarfen sie mit Steinen, daß der Bauersmann drei Menschenalter gebraucht hätte, um sie wieder wegzuschaffen; die Abzugsgräben der Wiesen verstopften sie, daß der alte Sumpf wieder entstand – der Bauer wurde der arme Mann, der er vormals gewesen war und der nichts besaß als seine alte Hütte, sein Stückchen Feld und ein paar magere Kühe und der sein kümmerliches Brot aß und Wasser trank bis an sein Ende. Die Zwerge aber wanderten weiter; wo sie hingekommen sind, ist nicht bekannt geworden.

 


 

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