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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 662
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Das Wallfahrtskreuz bei Bieberehren

Von G. N. Marschall

            Wo klar der Tauber Welle durch reiche Auen schäumt,
Hebt steil sich eine Höhe, die Krone waldumsäumt.
Dort ragt in heil'ger Ruhe ein hölzern Kreuz empor,
Zur Seite schatt'ge Bäume, Betstühle rings davor.

Wohl eine heil'ge Stätte am Kreuz auf diesen Höhn;
Man fühlt des Höchsten Odem lebendiger hier wehn;
Wie uns zu Häupten sonnig und rein der Himmel blaut,
Die hehre Sabbatstille stört kein verworrner Laut.

Darum viel Beter wallen von nahe und von fern
Zum waldeinsamen Kreuze am hohen Tag des Herrn.
Doch wißt ihr, fromme Pilger, wie dieses Kreuz entstund?
Wohl steht es nicht geschrieben; doch tut es Sage kund.

Ein Landmann hat vorzeiten auf nah gelegnem Feld
Mit jungen, mut'gen Rossen die Frühlingssaat bestellt;
Schon hat er halb vollendet das Tagwerk, hart und schwer,
Da wollen seine Pferde am Pflug nicht weiter mehr.

Weil sie des Rufs nicht achten, versucht er Schlag und Drohn,
Doch weh – im Sturmlauf jagen wutschnaubend sie davon.
Der Bauer kann vom Zügel nicht mehr befrein die Hand,
Es schleifen ihn die Rosse mit fort durchs Ackerland.

Am nahen Waldeshange gähnt drohend eine Schlucht.
Entsetzen – dorthin nehmen die Rosse ihre Flucht.
Jetzt, jetzt sind sie am Rande, schon dräut die Kluft herauf;
Sie können nicht mehr hemmen den ungestümen Lauf.

In Todesnot der Bauer: »O Gott, erbarm dich mein!«
Da rasen schon die Rosse ins offne Grab hinein.
Und allen, die es sehen, entfährt ein Schreckensschrei!
Zur Unglücksstätte eilen sie totenbleich herbei.

Doch welch ein mächtig Wunder! Tief an der Felsenwand
Kniet unversehrt der Bauer, erhoben hoch die Hand.
»Du mächt'ger Hort der Deinen, du hast erhört mein Flehn,
Zum Dank will ich dir gründen ein Kreuz auf diesen Höhn.«

Und treu hat er gehalten sein feierliches Wort,
Ein Kreuz hat er errichtet am Tannensaume dort.
Wie mancher, der in Nöten, in innigem Gebet
Sich hier zum Himmel wandte, hat Hilfe sich erfleht.

Und wer, der wunden Herzens geflohn an diesen Ort
Hätt' nicht der Seele Frieden genommen mit sich fort?
Darum viel Beter wallen von nahe und von fern
Zum waldeinsamen Kreuze am hohen Tag des Herrn.

 


 

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